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Full text of "Diagnostisch-therapeutisches Lexikon für praktische Ärzte...."

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Diagnostisch- 
Therapeutisches Lexikon 



fiir praktische Ärzte. 



UDter UEtwirkitiiK von 

Dr.SJUncrfPulkDw-BdrUDi. Or. AJU«und«r(B«rltB), PriT.-Da.Dr, Blkarl*M'(BrHlu), Dr. L. Borchardl 
(BhUb), Sr. A. Brandwelner (WI*b), PriT-D«. Dr. L. Braan (WlaB), Prot Di. L. CMper (BsriiB). Dr. J. 
Coha (Bu-IIb), Dr. Taby Cohn |B*rlin>. Pn>r. Dr. S. Ekrmann (Wi«), Prof. Dr. J.EnSlIich (Wlao), PriT.- 
Dh. Dr. S. Erben (Wim), Gah. ll*l.-IUt Prot. Dr. A-Enlanburf (Bn-Kn), Prof. Dr, E. Fttifar <Wi<a), Di. 
CPIataa (BhUii), Dt. O.Prankl (WIh). Dr H.rrede<B«riiii), Dr. V. Frommer (W^ini. Dr. aoiBeke- 
■Mn (BhUb), Pnr. Dr. Grober <I*ift), Dr, rr.OroBnuuiil (Barlln), Dr. M,Hen (l[<ru), PrlT-Doi. Dr. 
K. Hoctotacer (WUa), lir. P. Holet (Bailln), PriT-TV». Dr T. K*tz (Wim). Prof. m. E. H. KImIi (P»c). 
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aH.-BMl>r.W«eeldto(Bar]lD), Prir.-Doa. Dr. J. Zappert (Win), Prof. Di. M.V.ZeIBI (Wlaal. ()>b. Had.- 
Kb4 PraT. Di. Ziehen (B«11b), Pnr. Dr. O. Znckerkuidl (Wlaa), Dr. W. Zwelf (Wiaoi 



Prof. Dr. K. Bruhns in Berlin, I'riv.-Doi Dr. A. Bum in Wien, 
Prof. Dr. S. Gottschalk in Berlin, Prof. Dr. W. Rausch in Berlin, 
Prof.Dr F.KIemperer in Berlin. i'riv.-Doz Dr. A. Straßer in Wien. 



DRITTER BAND. N-Z. 



MIT 2)0 ABBILDUNGEN. 



URBAN & SCHWARZEN BERG 

KERLIN WIEN 

raiKnilOHSTRABBt: ie«li L, HAZIMILIAMSTKABBB 

1»M. 



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ALLE RECHTE VORBEHALTEN. 



BOSTON MEDICAL LIBRARY 

IN THE 

FRANCIS A. COUNTWAY 

LBRARYOFMEDtCINE 



' tl^öogle 



N. 



Mabelbmoh a. Hernien and Nabol- 
krankheiten. 

WabelkrankhcitWl. Die Nabel- 
schnur, beziebangBureiB« der an der Fmcht 
noch haftende Teil derselben, der Nabel- 
strang, enth&lt EorZeit der Geburt dieBeite 
der beiden Nabelarterien nnd der Nabelvene, 
femer EUete dee Doktns omphalo-enterikns nnd 
des r&ckgebildaten Allantois-Qanges. Der intra- 
abdominelle Anteil stellt den Urachna dar, 
welcher sich in späterer Zeit zum Ligamentnin 
ambilikale medium amwandeli Nach etfolgter 
Abnabelong der geborenen Fracht b^nnt der 
AbeterbeprozeB des an dem Kinde haftenden 
NabelschnnrrMteB. Unter Hitwirknng einer de- 
markierenden Entzflndtmg am häutigen Nabel- 
ringe des Kindes kommt es zur vollständigen 
Loslöenng des Nabelstranges vom kindlichen 
Körper. Hieranf entsteht selbstverständlich an 
der vormaligen InsertionesteUe der Nabelschnur 
eine Wunde, die Nabelwande, deren ßnind 
von den obliterierten NabelgefllBen gebildet 
wird. SchliaBlich fiberhäutet die wunde Stelle 
anter ZnrOcklaasnng der sogenaimten Nabel- 
narbe. Da es sich bei dem gekennzeichneten 
Voi^nge öinerseits am einen Nekrosiemngs- 
nnd andrerseits nm einen Wundheil nngsprozeB 
handelt, so werden bei der Nabelheilung alle 
jene physiolt^ischen und anch pathologischen 
Erscheinungen vorkommen, welche sich nor- 
maler oder pathologischer Weise an analoge 
anderweitige Nekrosiernngs- und Wundprozesse 
am menschlichen Organismus kntkpfen. Insbe- 
sondere werden alle bekannten Wundinfek- 
tionskrankheiten auch an der Nabelwnnde 
des Kindes sich einstellen kSnnen , sobald 
Gdegenheit iiir Infektion gegeben ist. Und 
diese liegt an der tündlicben Nabelwnnde in 
erhöhtem Malte vor, weil die Wunde einerseits 
die Enden der vormaligen fStalen Hauptblut- 
gefäße in sich birgt nnd andrerseits eine der 
Nekrose anheimfallende leblose Qewebsmaase 
gerade unmittelbar von diesen Oeftfienden 
abzufallen bestimmt ist 

DilgnoRlHh.thtnpaBHHh« Lnlkoo. m. 



Von besonderer Wichtigkeit ist es daher in 
jedem g^ebenen Momente, während des Ver- 
laufes des Strangabfalles nnd der Nabelheilnng 
die DifferentialdiagnosB zwischen nor- 
malem und gestörtem Absterbe- respek- 
tive NabelheilangspTOzesae stellen zu 
können, weshalb die Symptomatologie undDia- 
gnostik der normalen Verhältnisse hier ebenso 
wie die der pathologischen geschildert werden 
muB. Die Unterscheidungsmerkmale zwischen 
normalen nnd pathologischen Nabel Verhältnis- 
sen werden sich dann von selbst ergeben, 

Nabeladmtirab&U and NabelheUnng. 

Normalerweise besteht das Absterben des 
Nabelstrangrestes in einer von der Spitze 
desselben nach dem häutigen Teile zn fort- 
schreitenden gernchlosen Vertrocknnng das 
Stranges, der sogenannten Mnmifikation, 
welche gewöhnlich am 4. Tage nach der 
Qebnrt vollendet ist, woranf nach weiteren 
24 Stunden in der Regel das Abfallen des 
Stranges erfolgt Der normal mumifizierte 
Strangreat hat eine brftunlichschwarze Farbe, 
fDblt sich hart nnd trocken an, zeigt keinen 
Fänlniegernch und ist scharf vom hantigen 
Nabel des Kindes 'dnrch einen lebhaft roten 
Demarkationsring abgesetzt 

Die Mnmifikation der Nabelschnur 
beruht keineswegs, wie früher fälschlich ange- 
nommen wurde, anf einer vitalen EigentDm- 
Uchkeit des Strangrestes, vielmehr auf einer 
durch Menschenhand kOnstlich ersengten Modi- 
fikation des Nekrosiernngsprozesses, bedingt 
durch die bei allen zivilisierten Völkern in 
gleicher Weise geQbte trockene Verband methode 
des Nabel seh noirestea. 

WQrde nicht allgemein der Schnurrest in 
trockene Verbandstoffe «ngewickelt nnd dnrch 
Fixation an die Bancbwand des warm einge- 
höllten Kindes einer hohen Temperatur anage- 
setzt werden, dann würde anstatt der trockenen 
Nekrose oder Mnmifikation feuchte Nekrose, 
d. h. Gangrän des Schnurrestes eintreten. Wo i 
dies der Fall ist, was sich vor allem durch ItbleaQ IC 



NABELKBANEHEITEK. 



Oemch d«a Stnuigrestea ankündigt, ist daher 
streng genommso nicht die Diagnose auf eine 
anatomische Anomalie des Nabelabfalles zd 
stellen, sondern nur die Diagnose, daG ein 
Fehler in der Handhabung des Nabel lerbandea 
geschehen ist. Dieser Fehler kann allerdings 
folgenschwer für das Leben des nengebarenen 
Kindes werden. 

Abnorm dicke and salzreiche Nabelschnüre 
bedürfen in der Regel am 24 bis 48 Stan- 
den Iftnger zur völligen Mnmifikation, als 
solche von mittlerem Snlzgehalt Eine Iftn- 
gere Daner der Eintrocknung ist, solange 
am Nabelschnorreate keine Fftnlniserscheinnn- 
gen wahrnehmbar sind, von keiner pathologi- 
schen Bedeutnng nnd stets nar von der Höbe 
des dam Strangreate eigenen Wassergehaltes, 
welcher znr Terdunstong gelangen moB, ab- 
hängig. Bei normaler Nabelpfl^e sind anoh 
die dicksten Schnarreste am 7. Tage anbedingt 
vollatSndig mnmiflziert. Die demarkierende 
Entzündung maß bald nach Ab&ll des Strang- 
restea aufhören, die Nabelwnnde seibat darf 
nnr ein« schwach seiemierende Oranalationa' 
flftche darstellen. Path<^ne Mikrooi^auismen 
(Staph]rlokokken and Streptokokken) finden sich 
bei momifizierten Nabelschntttan nnr in der 
N&he des DemarkationBringes. Hingegen sind 
gangr&nesEierende Schnnireate aUttberall mas- 
senhaft durchsetzt yon den Terschiedenartigtit«n 
Flnlnismikroben (CBOLMOooBonr). 

Der vollständige Abfall der Nabelschnar 
vollzieht sich am hKoflgsten zwischen der 96. 
and 106. Stande des Eztranteiinlebens, somit 
am 5. Tage. Verzögerung des Abfalles findet 
sich bei ongenOgender Energie der demarkie- 
lenden Entzündnng nnd bttngt oft mit mangel- 
hafter Entwicklang, respektive unvollendeter 
Beife der Fracht zusammen. Bei frühgeborenen 
and sehr schw&cblichen Kindern kann sich 
derselbe bis zum 8. Tage und darüber hinaus- 
ziehen. 

Aas dem AasainandergeAetzten eigibt sidi 
somit die diagnostische Regel, daß der 
richtige Humifikations- nnd Abfallprozefi des 
Strangreates abh&ngt: 1. von dam Salz- respek- 
tive Wassergehalt desselben, 2. von dem Urade 
der Trocken- nnd Warmhaltnng, also der Warme 
und Trockenheit des Nabelschnurverbandea, 
3. von dem Erftfteznstande des Neugeborenen, 
respektive von der Energie der demarkieranden 
Entzündung. 

Nach Abfall des Stranges bleibt eine Oranu- 
lationefUkche zurück, w&hrend der iotraabdo- 
nrinelle Teil der NabelgeftlBe durch endotheliale 
Wncherangsvorgttnge der Intima (nicht durch 
Thromboae!) obliteriert nnd sich am Qmnda 
der Nabelwande als sogenannter Nabelstumpf 
retrahiert, so daß nach vollzogenem Schnar- 
abfall das Niveau der Nabelgranniation bereite 
tiefer liegt, als das der umgebenden Hantfalten, 



welche den hantigen Teil der vormaligen Nabel- 
schnar gebildet haben. 

Die Cberhaatnng der Nabelwunde ist unter 
normalen Verhältnissen zirka 14 Tage nach der 
Geburt vollendet nnd vollzieht sich regnlSrer- 
weise unter denselben Umstanden nnd Gesetzen, 
welche auch sonst bei Heilung normal granu- 
liei«nder Wunden la beobachten sind. Abwei- 
chungen von diesem Verlaufe sind, wenn man 
von angeborenen Bildangsanomalien and traa- 
matischen Oewaltdn Wirkungen, welche nur 
selten in Frage kommen, absiebt — onseren 
modernen Anschannngen zofolge — ausschlieS- 
lieh auf stattgehabte Infektion der Nabel- 
wnnde zurückzuführen, welche daselbst ent- 
zündliche Vorgänge anregt. 

Infektion der Nabelwunde kann noch wahrend 
des' Haftens dee NabeUcbnurrestee erfolgen, 
wenn sich an derselben abnorme Fftnlnisvor- 
gänge geltend niachen, kommt aber hftuflger 
nach AbstoBung desselben dareh Verunreinigung 
der Nabelwunde mit von der Anfleuwelt her 
bezogenen Infektionsstotfen lustande. 

Prophylaxe der Nabelinfektionen. 
Das wichtigate Prophrtaktiknm der Nabel- 
krankheiten ist eine sorgflUtige Pfl^e dee Nabels 
und Stnugrestee. Vollkommene Asepsis, Trocken- 
behandlung nnd Schutz vor mechanischen Ver- 
letzungen sind die wichtigsten Momente. 

Die Abnabelung soll nahe der kindlichen 
Banchhaut stattfinden, so nahe, als es ohne 
Qefahr des Abgleitens der Ligatur mfiglioh 
ist, also sirka 1 Vi —Sem vom EindsikOrper, 
nm das der Mumifikation geweihte Stück des 
NabelstrangM mSglichst klein sn gestalten. 
Dabei mtissen sterile Schere und sterile B&nd- 
chen in Verwendung kommen. Hierauf wird der 
Strangrest in sterile, zweckn^ig mit Dermatol 
imprägnierte Oaze eingehüllt and mittelst einer 
Mallbinde an die Banchhaut bandagiert. So- 
lange der Stnng haftet, ist jede Flüssigkeit 
und jede Salbe verp6nt, da durch die Appli- 
kation solcher Agenzien die Vertrocknnng des 
Strangrestes verlangsamt wird. AntiseptiBChe 
Streupulver (Airol, Dermatol, Xeroform) köiwen 
angewendet werden, sind aber entbehriich. Die 
Binden müssen nach jadeomaliger Bescbmutiang 
gewechselt werden. Man trachte aber nach 
HQglichkeit die direkte Hülle des Strangrestes 
bis zum Abfall desselben zu belassen, es sei 
denn, daB dieselbe von auBen her verunreinigt 
würde. Ist dies geschehen, so empfiehlt es sich, 
die direkte ümbüllnng des Strängreetse mit 
einer 2°/gigen Perhydrollösung zn befeuchten, 
ohne Zermng des Stranges sorgftltig zu ent- 
fernen nnd dann den letzteren mit einer noaen 
Schichte sterilen Verbandstofies zn nmhOUen. 
Die verschiedenen Sorten fertig konstruierter 
Nabelverb&Dde sind entbehrlich. 

Da bei ta^chem Baden des Nengebonnen 
die Eintrocknung des Nabelstranges venögert. 



NABELEAANKHEITEN. 



die DmhAlliiiig dw Strangnatw dnrohn&fit, 
d&her tftglich ein nfloerUcber Verbuid Qb«r den- 
Mlben notwendig wird, so empfiehlt ea sieb, so- 
Unge der StruigTMt haftet, die Neageboranen 
OberiwDpt nicht la baden — vom ersten Bade 
abgeeehen — und erst nach Abhll des Nabel- 
■tniigeB daa tagliche Bad aofKnnehmen. 

StOronden der Nabelblldm^ dnroh 
angeborene Anomalien. 

Nun lind die ErkennongtEeichen jener Äno- 
maliea der Nabelheilang zu besprechen, 
-welche anf angeborenen Bildangsfehlern 
bemfaen. Diese mOMen vor allem richtig dia- 
gnoetiiiert werden, um sie gegeutlber erworbenen 
N. difienniieren m können. Eb ist du am so 
wichtiger, weil die meisten angeborenen Ano- 
malien , ebenso wie die erworbenen , eine 
Störung, retpektive Vertögemng der Nabel- 
beilnng nach sich rieben nnd ee aus epftter 
ED besprechenden Orttnden für die Prognose 
nicht gleiobgDltig ist, ob eine angeborene 
Anomalie oder eine erworbene N. vorii^. 

Oeringfdgige Unterschiede in der Art and 
Weise der Uberiikatang des Nabels werden 
durch die anatomischen Besiehnngen swisohen 
Banchhant dca Kindes nnd der Ämnionecheide 
der Nabelschnur, beeter ausgedrückt durch die 
InsertionsTerhUtnisse der Amnionhülle der 
Nabelschnur an der fQtalen Bauchdeeke, ver- 
ursacht. Normalerweise gdit die Banchhaut 
des Sind» zirka '/■ ""* *^'^ ^^ ^ FOtaleude 
der Nabelschnur hinauf und endet dort scharf 
mit einem lingf&rmigen Wulst. Ist dieaea Ver- 
bKltniB ontriert, d. b. nicht die Banchbant 
höher, etwa ä— 8cm hoch an die Schnur 
hinauf, so wird beim Nabelabfall erst in dieser 
Höhe die entzOndliche Demarkation stattfinden, 
and nach Abfall der Schnur wird ein massiger, 
handschuhfingerförmiger Hantwolst lortick- 
bleiben, in dessen Tiefe der Nabektumpf liegt, 
sogenannter Hautnabel. Die Vemarbung des 
Nabeb wird durch diese Form tegelm&fiig nm 
einige Tage hinauageeogen. Auch ksjui bei der 
▼ersteckten Lage des Nabelstnmpfea in der 
Tiefe des ttbeA&ngenden röhrenförmigen Hant-' 
■taekes leicht Betention and Zersetzung des 
Nabelwnndsekretes entstehen und dadurch 
das Znstandekommen einer Exnlieration des 
Nabels begünstigt werden. Anders bei der 
•ntgegengesatEten Bildnngsanomidie, dem soge- 
nannten Amnionnabel. Diese Anomalie ist 
dorch ünen Defekt der Banchhaut in 
der Umgebung des Nabelttrangea charakteri- 
siert, indem sich die Amnionscheide der Schnnr 
vor ihrer Insertion an dan Fötus Acherfitrmig 
aosbreitet und sich kreisförmig in der Banch- 
bant desselben inseriert. Nach Abfall des 
Stranges bleibt dann dementsprechend eine aus- 
gedehntere Oranulationsflttche zurttck, welche 
I&ngere Zeit zur ÜberUntung benötigt, als 



dies bei normaler Inaertionsfbrm der Nabel- 
schnnr der Fall ist 

Nabelfisteln sind durch den Nabelstrang- 
ab&ll eröfbete Residum des Duktus om- 
phalo- enter ikas (offenes HacxicLSches Diver- 
tikel) oder des Drachns, wenn dieselben in 
die Nabelschnur des Kindes unverOdet hinauf- 
gereicht hatten. Sie geben sich dadurch zo 
erkennen, daB noch Abfall des Schnurrestes, 
trotz scheinbar normaler Retraktion des Nal>el- 
stompfea, dennoch Flüssigkeit ans dem Nabel 
aussickert, sogenannte Urachnafistel, wobei 
das aussickernde Fluidnm eigentlich Harn ist, 
oder dadurch, dad Im anverheiltem Nabel die 
Symptome einer Kotfistel auftreten (Nabel- 
darmfistel). In beiden F&llan wird die Um- 
gebung des Nabels eskoriiart und ekzematös 
nnd erfordert die Heilung lange, sachgemftfle 
Behandlung. 

Bei Nabaldarmfisteln können in seltenen 
F&llen wohl audi Magen- oder Darmwand oder 
intUBSnazipierte Darmschlingen durch das 
oSeneHscKSLBche Divertikel hindurch eintreten, 
was schwere Folgen, ja selbst den Tod unter 
InkarzerationBarscheinungen nach aich ziehen 
kann. Zu trennen von den hier kurx erwUmten 
angeborenen Nabelfisteln sind solche erwor- 
bene Fisteln in der Nabelgegend, welche durch 
gangr&nösen Zer&ll des Nabels und dadurch 
bewerkstelligte Eröfhang angelöteter Darm- 
schlingen in schweren FlÜlen von Nabelgangr&n 
loatande kommen (s. spftter). Eine Verwechslung 
dieser beiden Arten von Nabelfisteln bt wohl 
aosgeschlossen. 

Als weitere angeborene Nabelanomalie ist 
hier noch anznscblieSen der angeborene 
Nabelbrncb, Hernia umbilikalia kon- 
genita, eigentlich Hernia fnnilcnli nmbi- 
likalia, oder der Nabelschnnrbrnch. Der 
Nabelachnurbruch beruht stets auf angeboren 
gehemmtem Verschluß der Bauchdecken. Es 
fehlt nftmlich in allen bezüglichen F&llen der 
eigentliche Nabel; er iat dnrch eine aus 
Baucheingeweiden bestehende Brnchgeschwulst 
ersetzt, welche die darch den mangelhaften 
VerschlnB der embryonalen Bauchplatten offen 
gelassene Spalte snafOllt Diese angeborene, 
nach Abfoll der Schnur manifest werdende 
halbkogriige Geschwulst ist entweder von 
nekrotischer Amnionhaut bedeckt, welche dann 
einen dünnwandigen, durchscheinenden Bruch- 
sack darstellt, in welchem sieb Teile der 
Baucheingeweide, wie eine oder mehrere Darm- 
schlingen, Teile der Leber, des Magens, seltener 
Hilz, Pankreas befinden, oder der Inhalt der 
Baochhöhle kommuniziert direkt mit der AuSen- 
welt. Je nach dem Inhalte der BmchhQlle 
wechselt die Qröfie and die palpatorische Be- 
schaffenheit des Bmchea. 

Zar dioffnoslistJuin Differenzierung zwischm . 
dieser angeborenen Brachform und dvoD [Q 



NABELKRANKHEITEN. 



erworbenen Nnbelbrach der Kinder 
Hernia nmbilikalis akqaisita oder Na- 
belringbrnch diene nachfolgende kurze 
Beschreibimg des letzteren : Die gewöhnliche 
Vertiefung des Nabela ist hier dorch eine 
Hervorwölbong ersetzt, welche kugelig, ei- 
oder walstförmig und von Taaben- bis Oans- 
eigröBe ieL Im Mittelpunkte des unteren 
Segmentes der Wölbnng erscheint die etwas 
eingezogene, verdickte, oft weißlich glänzende 
Nabelnaibe, die ehemalige Insertion sstelle der 
NabelgefUlreBtti. Den Inhalt bildet &Bt immer 
eine SarmschliDge , selten ein Netzpartikel. 
Xieichter FiDgerdrnck erzengt meist ein gnr- 
rendea OerBusch, durch Zartlckschlflpfen des 
Darmes in die Bauchhöhle hervorgerufen, 
worauf eich der Nabslring deutlich mit der 
Fingerspitze nmtasten ÜLBt. Znr Entatehnng 
der erworbenen Nabelbrüche gibt vor allem 
heftiges Schreien der Kinder, in zweiter Linie 
Fressen bei Obstipation nnd erschwerte Ham- 
entleemng infolge von Fhimosis congenita 
VeranlasBong. 

Die Behandlang der Nsbeldarmfi- 
steln ist eine rein chimrgiBclie nnd besteht 
in Laparatomie, Abtragruig des vorgeatQlpten 
Divertikels nnd Naht Hit Dnickverbandan ist 
nar wenig zn erzielen. Sie kfinnen höchsteDB 
bei geechloBsenen Divertikeln angewendet wer- 
den. Die Operation soll möglichst bald nach 
der Gebort vorgenommen werden. 

Die Behandlung der Urachnefisteln 
hat sich zon&chBt mit der Behebung etwaiger 
HindemiBse der Hamentleernng in der Urethra 
zu befassen. Gleichzeitig moB der TerschloB 
der Fisteln dorch Vornahme von Atzungen 
nnd Pflasterkompression, eventuell auch durch 
Anfriscbnug der Fistelrftnder nnd Naht, ver- 
sucht werden. Erweisen sich diese Methoden 
als erfolglos, dann mtUsen in siAterer Lebens- 
zeit eingreifendere Operationen vorgenommen 
werden. 

Die Behandlung des Nabelschunr- 
brnches bat, wenn möglich, am Tage nach 
der Gehurt einzusetzen und besteht in Lapa- 
ratomie, Cmschneidnng des Bruchsackea, Re- 
position der ausgetretenen Eingeweide nnd 
Naht der Bauchdecke Aber den reponierten 
D&nnen (LncDroBa). 

C. BaEUB hat fttr kleinere, ohne EröEFbung 
der Bauchhöhle reponihle NabelschnorbrQche 
bei genügend vorhandener Bauchhant die perku- 
tane Ligatur mit Erfolg angewendet. Nach Repo- 
sition deB Bmchinhaltes wird um den Bruchsack 
eine Klemme angelegt, unterhalb deren N&hte 
angelegt nnd geknotet werden, worauf die Klem- 
me entfernt wird. Die Erfolge der operativen 
Therapie des Nabelschnurbrucbes Bind bei der 
gegenwärtig hoch entwickelten Asepsis anfier- 
ordentlich befriedigende. In früherer Zeit wer 



die Prognose der Nabelsehnnrbrüche eine un- 
gänatige. 

Behandlung dea Nabelbruches. Die 
meisten Nabelbr&cbe heilen von selbst, wenn 
nach nicht in den ersten Lebenswocben, so 
doch zwischen dem sechsten und neunten Le- 
bensmonata. Doch kann man nie mit Bestimmt- 
heit auf die Spontanheilung rechnen. Es ist 
daher immer notwendig, die Spontanheihing 
durch Anlegni^ entsprechender Kompressions- 
verMnde zu nnterstOtzen. Am besten geschieht 
dies durch Verbände mit reizlosen Pflastern 
(Leukoplast oder ZinkparspUat der Firma 
Beiersdorf in Hamburg, oder KoUempIsetnun 
zinci oxjdati oder Helfenbergeches perforiertss 
Heftpiaster). Der behandelnde Arzt dr&ngt mit 
dem Zeigefinger der linken Hand den Brach 
zurück nnd stülpt mit Daumen und Mittel- 
finger der anderen Hand über den reponierten 
Bmch von beiden Seiten die Bauchhaut, so 
daÜ zwei sich enge berOfarando Hant&lten über 
den vormaligen Nabelbruch in liegen kommen. 
t'ber diese nun wird ein dreiqnerSngerbreiter 
Pflasterstreifen geklebt, welcher um den gan- 
zen Bauch hemm reichen muß. Eb ist fehlerhaft, 
nur kurze, die VorderflOche des Banches nm- 
greifende Pflasterstreifen zn verwenden, da 
diese leicht abrutschen nnd das Wiederhervor- 
treten dea Bmches unter dem Pflaster ermög- 
lichen. Die Streifen m&asen bo lange a^n, dafi 
sie um Bauch und Rücken herumgelegt werden 
können nnd aich am Rtkcken überkreuzen. Es 
genügt in der Regel ein breiter zirkolKr an- 
gelegter Streifen. Bei gröieren Hernien können 
auch mehrere dachziegel förmig flbereinander- 
gelegte verwendet werden. Der Pflasterverband 
halt auch im Bade nnd braucht nur allwö- 
chentlich einmal gewechselt zu werden. Bei 
Alteren Kindern kommt operative Behandlung 
in Betracht (a. „Hernien"). 

Neuerer Zelt hat Escnsaicn die subkat&ne 
ParaEBnprotbese zur Heilung der kindlichen 
Nabelhernien in Anwendung gezogen nnd gute 
Erfolge erzielt Znr Verwendung gelangt ein 
bei 39* schmelzbares ParalBn, das in «uem 
anf Ö0° eingestellten Wasserbade flüssig erhalten 
und mittelst einer zirka 8 cm* &sseuden Me- 
tallspiitze eingespritzt wird. 

E^ecBEatcH beschreibt sein Verfahren folgen- 
dermaßen: 

Nach BO^ftltiger Desinfektion der Hftnde 
und des OperationBfeldes fafit der Operateur 
den Nabelbruch mit den Fingern der linken 
Hand und reponiert durch seitliche Kompres- 
sion den Inhalt desselben in die Bauchhöhle. 
Die rechte Hand faBt die mit einem Oaze- 
lllppchen umwickelte, gefüllte Spritze und 
sticht die Nadel in der oberen Peripherie des 
Bmchsackea meist in der Medianlinie so dundi 
die Haut, daß die nach oben gerichtete Spitxe 
in dem leeren Brachaacke beweglich ist 



NÄBBLKRÄNKHEITEN. 



lU 



Ein Assigtent schiebt aUdum den Stempel bia 
rar vorher bestimmten Marke vor und gleich- 
seitig damit is£t die linke Hand mit der 
Kompression nach, so daß der Brach sich 
noch einmal in ganzer OrCfie präsentiert. Hier- 
anf wird durch 1— SMinaten eine Eiakompresie 
aaf den Brach aufgelegt nnd dann erst, wenn 
die Entammg eingetreten, die Nadel entfernt. 
Der Stichkanal wird sorg&ltigst mittelst Kollo- 
dium Terschloeaen. Ober den Brach werden 
alsdann zw^ Oazel&ppchen als Kompressen 
aufgelegt lud dnrch Zinkpflaster befestigt; 
darflber ein fest angesogener ziiknlftcet Heft- 
pflasterrerbsnd straff angezi^en and durch 
unige Bindentouren versicheFt Der Verband 
bleibt durch 8 Tage liegen. Erst nach Ab- 
nahme desselben gewinnt man ein Urteil ttber 
die 'Wirkong der Injektion. Die Hernie ist 
rerachwunden und tritt auch beim stärksten 
Pressen des Kindes nicht wieder hervor. An 
ihrer Stelle ftthlt man eine flache, unverschieb- 
licb anter derHant fixierte Felotte, welche die 
Brachpforte völlig überdeckt mid sie seitlich 
ttberra^t 

Die Nabelwnndlnfektloneii. 

Klinisch lassen Mch die Wandln ffektions- 
krankheiten des Nabels in zwei groSe Orappen 
einteilen: 1. in lein lokale, anf die Nahelwnnde 
als solche beschränkte, oberfl&chliche Erkran- 
knngsproEease nnd 3. in tiefer greifende, mit 
AUgemeinerscheinungen einhergehende, durch 
Aufnahme von Infektionekeiroea in die Safte- 
masse bedingte schwere Krankheitsformen. 
Erstgenannte Affektionen ftnftern sich vornehm- 
lich durch Verzögerung der Nabelheilung tmd 
anomale Sekietionsvorgflnge an der Nabel- 
wunde, ohne Störung des Allgemeinbefindens, 
bei letztbeieichneten treten zu abnormen Lo- 
kalsymptomen noch pj&misch-aeptische Allge- 
mein erscheinongen hinza, welche dann im 
Vordei^raode des Kranfcheitsbildes stehen. In 
die letztgensnnte Kategorie gehSren der groSen 
Mehrzahl nach die ehemals als Faerperalin- 
fektion der Neugeborenen beschriebenen Krank- 
heitsfUle, deren Drsprung irrigerveise auf 
intrauterine Infektion durch Vermittlnng dea 
Plazentarkreislanfes znrQckgefhhrt wurde. 

Nur selten entstehen py&misch-septische 
Erkranknngen der Sftnglinge durch Infektion 
vom Nabel ans bei vollständig normal ans- 
aebender Nabel wunde oder bei anscheinend schon 
verheiltem Nabel. BloB die Arteriitis nmbilikalis. 
wenn sie nach der zweiten Lebenswoche anf- 
tritt, verläuft in seltenen Fällen ganz ohne 
oberflächliche Krank heits Vorgänge an der 
Nahelwnnde. 

Diagtioae der lokal beechrättJden Sabdinfek- 
Honen. Verz&gerte Heiinng der Nabel- 
wunde mit vermehrter eiteriger Sekretion 
(Omphalitis katarrhalis oder Nabetblennor- 



rhöe) nnd schleimhautähnl icher Beschaffenheit 
der Nabelwunde ist der geringfügigste klinische 
Ausdruck eine« stattgehabten Infehtionsvor- 
ganges. Das wichtigste nnd frAhseitigste Merk- 
mal der Nabelinfektion liegt in einem Ansteigen 
der reaktiven Entzündung und Schwel long 
des Nabels nach AbstoQung des Schnurrestea 
{RiTNoi). ächreitet die Entzündung gar weiter 
in die Umgebung dea Nabels fort, zerftUt die 
angrenzende Haut nnter staritet Ejterabson- 
derung nnd nimmt der Nabelgrund selbst einen 
ulzerösen Charakter an, dann entsteht das 
sogenannte Nabelgeschwflr — Ulkus nm- 
b i li z i. Finden sich bei NabelgeschwQren 
Symptome allgemeiner Infektion (sehr selten), 
dann hat gleichzeitig Aufnahme des Infektions- 
stoffes durch die perivaskulären Lympbbahnen 
der NabelgefäBe stattgefunden nnd man findet 
nebatbei Anzeichen einer wahren Omphalitis^ 
Omphalangoitis oder periumbilikalen Phleg- 

Das Nabelgeschwar selbst stellt sich vor 
InangrifFnahme einer sacbgemäBen Behandlung 
als flächenhafte, linsen- bis talergroBe, mit 
gelbgrßnem nekrotischen Belage und lebhaft 
"teten Bändern versehene Ulzeration dar, 
he selten wahrhaft kreisförmig um den 
Nabel herum ausgedehnt ist, vielmehr gewöhn- 
lich ganz unregelmSSig mit den verachieden- 
artigsten Begrenznngsformen vom Nabel aus 
fortschreitet, so daB der Nabel selbst zumeist 
exzentrisch in der Qesobw&rsflftche gelagert 
ist. Mitunter sieht man, dafi die Nabelnarbe 
trotz bestehendem Dlkns nach einer Bichtnng 
hin vollstfindig bberhäntet ist, wäbrendnach allen 
Übrigen Regionen die Ulzeration fortschreitet. 
Häufig findet man in der Umgebung des Ge- 
schwflrea zerstreute follikuläre Abszesse. Das 
Nabelgeschwtti kann eich im unmittelbaren 
AnschlnB an den Strangabfall, jedoch auch 
erst in späterer Zeit, auch noch 2— 3 Wochen 
lach der Geburt, aus einer einfachen Nabel- 
hlennorrhöe heraus entwickeln. Das Ulkna nm- 
bilizi ist an nnd für sich eine gefahrlose Er- 
krankung, welche, rechtzeitig behandelt, aus- 
nahmBloB ebenso wie i^end ein anderes Ulkus 
Heilung gelangt Nur bei längerer Ver- 
nachtessigung kann es dnrch Übergang iu 
Gangrän oder dnrch HerbeifOhrnng einer 
NabelgefäQentzandung schwere Schädi- 
gung des Säuglings bewirken. 

Leicht bildet sich bei verzögerter Wnndbei- 
Inng des Nabels auf dem Grunde der eiternden 
Fläche eioe wirkliche Wundgranulation, soge- 
nannter Nabelschwamm, auch Fungos 
bilizi, Nabelgranulom oderSarkom- 
ilos genannt. Man findet alsdann bei Be- 
sichtigung des Nabele gewöhnlich eine dunkel- 
rote, erbaengroGe, zwischen den Nabelfalten her- 
rorragende Geschwulst, welche bei Berührung 
leicht blutet oder — was seltener der Fall ist tiiI(^ 



11 



NABELKRANEHEltEN. 



12 



es zeigt sich von anBen bei BeeichtignDg des 
Nabels kein Zeichen einer OranoUtionsbiMang, 
sondern man gewahrt nnr atJLrkeres Nftssen, 
and erst bei Znrbcketreichen der Nabelfalten 
vird die gekennzeichnete Wnchenmg siebtbar. 
Die Affektion iat zwar eine darcbans barmlose, 
zieht eich jedoch bei Dntarhwaang therapen- 
ti scher MaBnabmen unter kontinaierlicher 
OrOBenzmiahine Wochen and Monatelang dahin. 

Die von verschiedenen Unteranchem anfge- 
stellte Lehnneinnng , daS bei bestehendem 
Nabelgranulom der Nabe! überfianpt nicht 
tlberhiaten kann, ist eine irrige. KChtkbh und 
Rdhok fanden am Nabel Erwachsener gestielt 
aufsitzende, Oberh&utete Fortsfttz«, welche auf 
verschrumpfte, vormalige Nabelscbwhmme aH' 
rOckznftlhren waren, und Filatoit sab hasel- 
noBgroBe Qranalome nach Monaten schlieBlich 
doch spontan verBchrumpfen und öberhinten, 

Za unterscheiden von dem eben geschilderten 
Nabelgranulom sind seltener vorkommende 
anderweitige Oesch wulstformen am Nabel des 
^uglinge. Es sind dies kleine Darmdtasen- 
adenome oder Enterotetatome(KoLAczEK), 
welche histologisch ans tnbnlöeen DrOsen und 
oiganischen Muskelfasern zasammengesetzt sind 
und von STtaitmecK vah HEincitLUH als dnrch 
den Nabelring abgeschntlrte MKcxKi.sche Darm- 
divertikel erki&rt wurden, weil nach Abtra- 
gung derselben das Entstehen von Kotfisteln 
schon beobachtet wurde. Zur Differential- 
diagnose beider ZosUnde diene die Weisung, 
daB die einfache Nabelgrannlation weich ist 
und leicht blutet, während die Adenome hfirter, 
praller und von geringerer Vutnerabilit&t sind. 
Auch zeigen dieselben keine Wachstnmst^ndeni, 
während die einfache Wundgrannlation bei 
l&ngerem Bestände an Masse zunimmt. In 
einzehnen F&llen ist die Differentialdiagnose 
ohne Zuhilfenahme des Mikroskops nicht zn 
stellen. 

Behandlung infizierter Nabelwan- 
den. Ist die Bötung in der Umgebung der 
Anheftnngsstelle des Strangreetes besonders 
intensiv, dann zögere man nicht mit der An- 
wendung antisepti scher TrockenverlAnde. Man 
bestreut den Nabel, gleichgültig ob der Strang- 
rest haftet oder schon abgefallen ist, mit einer 
dicken Schiebte eines ans Saliz^lsSare und 
Talk (1:5) bestehenden Pulvere, appliziert 
darauf eine mehrfache Schichte von hydro- 
philer Oaze nnd verbindet das Ganze mit einer 
Kalikot- odei Mullbinde. Das Kind wird tBglich 
gebadet and nach dem Bade stets von neuem 
in der beschriebenen Weise behandelt nnd 
verbunden. Ahnlich günstig wirkt anch die 
Einpulvernng mit reinem Dermatol, Xi 
form oder Airol. Die Einpnlvernng geschieht 
am besten mittelst eines Folverblssers , wobei 
die Nabelfatte gut auseinander zn halten ist, 
um dem Pulver in alle Nischen des Nabels 



Eintritt zu geirtUiren. Nacbdracklioh muB vor 
der Anwendung von Karbolelun und Jodoform 
gewarnt werden, vrail diese Mittel, al^seben 
TOH intenuver lokaler Baaküon, auch allgemeine 
YergiftangBerscbeinangeii bei Neugeborenen, 
selbst hei minimalsten Dosen hervorrufen 
können, 

Behandlung des Ulkus umbilizi. Bei 
geschwOrigem Zerfall oder nekrotischem Belag 
der Nabelwnnde iat eine h&nfige antiseptiBche 
BeiniguDg erforderlich. Sie geschieht am beeten 
mit 2°/,iger Perh^drollösong, welche tropfen- 
weise in den dnrch Aaseinanderhalten der 
Haatrttnder geOffiieten Nabel eingeträufelt wird. 
Hierauf wird das NabelgescbwOr mit steriler 
Oaze ausgetupft nnd das EintrSnfelu und das 
Austnpfen solange wiederholt, bis die Wunde 
vollatftndig rein ist Znm Wandverbande selbst 
empfehle ich anfangs verdttnnte essigsaure 
Tonerde, nnd erst wenn das Ulkus ordentlich 
granuliert, den vorher beschriebenen Salizyl- 
oder Dermatolpnlververband. Die Anwendung 
von Atzmitteln ist am bästbn ganz zu unter- 
lassen. Bei progredientem GeschwQrszerfall ist 
die Anwendung des Qalvauo- oder Thermo- 
kanlars zn versuchen. 

Di« Behandlung des Nabelschwammee 
ist eine sehr einfache. Man tietupft die Wu- 
cherung tSglich einmal mit Höllenstein in 
Satistanz oder mit einem in 10%>ge Lapl*- 
lösnng getauchten Watteb&uachchen. Zweck- 
mftBig ist ee Dberdie« noch, einen Salbenverband 
mit l%iger Lapissalbe zweim^ tAglich zn 
applizieren. Ist die Wucherung verschwunden, 
dann kehrt man wieder znm einfachen Nabel- 
verbande zorttok. Weder das Abbinden, noch 
das Abtragen mit der Schere ist beim Sar- 
komphalns zweckentsprechend, zumal vrieder- 
holt als Inhalt der Nabelgranulome Arterien- 
stOmpfe gefunden wurden, deren Dnrchachnei- 
dung nicht ganz gefahrlos ist. 

Diagwxt dtr schwereren SlÖrwigm dtr Nabel- 
heilwtg. Olflcklicherw^se* werden die schwe- 
ren Formen septischer Nabelerkran- 
kungen NeugelKirener in unseren modern 
geleiteten GebBr- und Findeltaausem unter dem 
Einflüsse der streng gettbten Asepsis und Anti- 
septik in der Oeburtshilfe and Kinderpflege 
immer seltener. Mit der Abnahme der Pnerper^- 
prozease der Wöchnerinnen Hand in Hand, 
geht auch die Abnahme der septischen Infektion 
der Neugeborenen, denn es ist nicht zu leug nen 
daB die meisten schweren Nabelinfektionen 
der Kinder anf Einwirkung infizierender Stoffe 
seitens puerperal erkrankter Wöchnerinnen 
znrtlckznföhren sind. Daher stammt anch der 
früher für derartige Erkrankungen der Kinder 
allgemein verwendete Name „puerperale 
Infektion der Neugeborenen". DemgemKB 
siebt man die nun zn schildernden schweren 
septischen N. nnr noch sehr selten, nnd zwar 



NABELKRANKHBITBN. 



14 



fost immer nuT in den Familien der Armen, 
wo dfirftige und onhygienische VerhUtniase zu 
HauH sind. 

OmphalitiBundPeriomphalitisphleg- 
monoea ist ale tTbergsngaform zwischen den 
lokalen and tiefer dringenden Nabelinfektioiia- 
krankheiten in betrachten. Die Erkrankung 
Terdnnkt immer einer Spbtinfektion dei Nabel», 
einer aekimdftren Venmreinignng der Iwileaden 
Nabelwond« nach Tollzogener Oblitara- 
tion der Nabelgef&Be ihren Urapmiig, 
dann ne eototeht selten rot Abteof der zweiten 
Lebentwocbe. Dntar heftigem Fieber entwickelt 
neb Bfitnng nnd VorwAlbnng der Nabelgegend. 

Die Bötnng erstreckt sich lirknl&r am den 
gewAbnlich noch nftMenden Nabelstnmpf in 
einer Aasdehnang, welche zwüchen dar OrGBe 
eine« Markstftckes and der einer Huidft&cha 
Tuiieien kann, nnd endet nicht mit einer 
scharfen, terrassenförmigen Qrenze gegen die 
gesunde Hant, wie bei echtem Brjeipel, sonderu 
TeTschwimmt illmililicbin dergeenndenBancb- 
hant Es ist das Bild daesen, was man in der 
Chirurgie ein Pseudoerysipel nennt Im 
Bereiche der entzflndetan B^on iet die Bancb- 
bant prall gespannt, glftnzend, die Falten des 
Nabels sind vollkommen verstrichen, die 
Bancbdecke selbst Ist mehr minder stark in- 
filtriert, die NabetgenSe jedoch sind in nn- 
komplizierten F&tlen nicht in den Entxflndnnge- 
prozefi mit einbezt^n. 

Die SKnglinge leiden heftige Schmerzen; jede 
Bewegung, jede tiefe Inspiration, ja die Nah- 
mngsaufnAhme, das Sangen, instinktiv Ängstlich 
meidend, liegen sie mit an das Abdomen eng 
und krampfhaft angeschlossenen Beinen nnbc 
wegbeb da. Die Erkrankung verl&aft hILufig 
in günstiger Weise, nnd zwar dann, wenn die 
EntzDndong sich auf die oberflftchlichen Schich- 
ten der Banchdecken beschränkt nnd die Infil- 
tration sich nicht mehr als talergroB nm den 
Nabel hemm feetgesetxt hat. Hierbei werden 
zweierlei Verlaufsweisen beobachtet: 1. Heilung 
unter allmählicher Bflckbildang der EnIzÜn- 
dungseracheinongen, was bei leichten Ompha- 
litideu ohne Eiterbildung die Regel ist, 
mie dieser Art verlaufen innerhalb 6— STagen 
günstig, i. Heilung nach l&ngerdauemdem Fie- 
ber and schwerem Daniederliegen der Kinder 
unter Abszediernug nach spontaner oder 
künstlich herbeigeffihrter Eiterentleernng 
etwa 3— 3 Wochen vom Beginne der ersten 
Entzündongserscheinungen . 

Dringt die Entzündung nach der Tiefe hi 
fort, so fflhrt dieeelbe durch seknod&re Ent- 
zündung der NabelgefLfie, durch Peritonitis 
oder durch Nabelgangr&n unter pyftmiscb-sep- 
tischen ErscbeinuDgen zum Tode. Unter allen 
Verhältnissen ist die Nabelphlegmone als 
eine schwere Erkrankung der Säug- 
linge hinsustellen. 



Oangraona nmUUzl - Nabelbnnd. 

Nabelgangrftn geht am häufigsten ans schweren 
Formen der Omphalitis oder ans Nabelgeacbwfi- 
hervor und ist nur ganz ausnahmsweise 
rein lokaler Prozeß, vielmehr gewöhnlich 
von schweren allgemeinen Erscheinungen 
der septischen Infektion begleiteter, welcher 
in den allermeisten Fallen zum Exitns führt. 
Die Erkrankung beginnt in der Regel erat nach 
Abstoflung des Schnurrestes, ausnahmsweise 
auch schon früher, sogar schon am 3. Lebens- 
tage. Zunächst tritt bei bestehender Nabel- 
entzündong an einer Stelle der Nabelfalte oder 
anf der HChe des Nabels eine Blase mit trübem 
Inhalte anf, welche platzt, worauf die Basis 
nnd nächste Omgebnng derselben zo bräun- 
lichem oder brauflgelbem, raiSfarbenem Brei 
zerfallen. Von da aus schreitet der feuchte 
Brand oft rapid weiter, so daß in wenigen 
den eine talei^roBe Partie um den Nabel 
herum sphazelösen Charakter gewinnt nnd in 
1—2 Tagen die halbe Baochwand ergriffen s^n 
kann. Ton der Intensität der Ausbreitung nach 
der Oberfläche nnd Tiefe bangt der weitere 
Verlauf ab. 

In sehr seltenen Fällen beschränkt sich der 
Brand unter Entwicklung einer entzündlichen 
DemarkationsiAte nach Ergriffenaein einer 
taleigroBen Partie, wonach unter AbstoBung 
der zerfallenen Gewebsteile durch Qranolation 
Heilung erfolgen kann. Meistens aber greift 
der ProzeB, ohne durch reaktive Entzündung 
abgegrenzt zu werden, in die Tiefe durch die 
ganze Dicke der Bancbdecke hindurch bis zum 
Peritoneum und führt dort zu Peritonitis und 
Anlötong von Darmschlingen oder Netz au 
die hintere Fläche der Bauchwand, Die Bauch- 
decken sind dann hei begleitender Peritonitis 
gespannt, es bestehen öd«n der Unter banch- 
gegend, heftiges Fieber, Erbrechen, Singultna, 
kurz Eracheinnngen der Peritonitis, welchen 
das Kind entweder binnen wenigen Stunden 
erliegt, oder es tritt Perforation des Bancbfelles 
ein mit Vorlagemng nnd Adhäsion einer Dann- 
schlinge an den dnrch die Oangi4n vernTHachten 
Defekt, oder es stellt sich gangränöser Zerfall 
der Wand des vorgelagerten Dannstückes mit 
Entleerung von Fäkalmassen und Entstehung 
eines widernatürlichen Afters ein, oder es 
kommt zu Ferforativperitonitis. Alle bespro- 
chenen Modalitäten führen zum Tode des 
Kindes. 

Omphalat^oitla — NabelgeftißeutzUn- 
düng. 
Entzündung der NabelgefUBe kommt häufig 
noch bei anhaftendem Schnarreste zustande, 
wenn derselbe dem feuchten Brande anheim- 
fallt, oder sie entsteht nach Abfall desselben 
durch nachträgliche Infektion der Wunde mit 
Infektionsstoffen, welche von andern aal 



% 



15 



NABELKRANKHEITEN. 



kranken Kindern oder von septischen 'Wöch- 
nerinnen oder von zersetztem LochJalaekret 

herrühren. Die Entzfindang der Nabelgeftfie 
ist BtetB dnrch eine primäre Erkrankang des 
perivBsknlären Bindegewebes eingeleitet. Man 
hat eine Ärteriitia nnd eine Phlebitis ninbili- 
katis za nnterscheiden, wobei za erwähnen ist, 
daB die Ärterienerkranknng zirka dreimal so 
häufig ist als die der Vene. Beide Formen der 
OeßlQerknuikiing sind höchst gefthrliche Pro- 
zesse. Sie können entweder dnrch Vordringen 
der Infektion iBnga der Oeftfischeiden anf dem 
Wege der Lymphbabnen oder durch direkte 
Infektion der Oemfithromben entstehen. Im 
ersteren hftofigeren Falle handelt es sich vor- 
wiegend Dm periTaakalBxe Entzündung, im 
letztei«n am eine primBre Infektion des GefEiQ' 

a) Diagnose der Arieriitia. Mit Sicherheit 
ist diese Diagnose kanm je zu stellen. Erat 
der Sektion sbefond ergibt das klare Bild der 
arteriellen OefUBerkrankaDg, welche in Dilata- 
tion der Arterien, Schwellang der Wftnde nnd 
ödematSser Dnrchtranknng nnd eitriger Infil- 
tration des perivaskniHren Gewebes in ver- 
schiedener Ansdehnong besteht Die Erkrankung 
führt in der Regel doich raschen Eintritt von 
allgemeiner Sepsis rasch zun Esitns letalis, 
ohne dafi lokale Erscheinungen an der Wnnde 
das Auftreten der Arteriitis vorher angezeigt 
hatten. Die Allgemeininfektion wird besonders 
durch den Nachweis des Streptokokkus pyogenes 
oder Staphjlokokkos anrens im Blute und in 
eventuellen Metastasen evident Sonst kommen 
als Erreger noch in Betracht: Bakt koli, Baz. 
pyozyaneus und Diplokokkus pneumoniae. Der 
h&nügste Sitz der Metastasen sind Lungen und 
Oelenke, Die Affektjon ist stets von schweren 
Allgemein Symptomen begleitet. Als solche sind 
anzuführen; Hohes Fieber, Nahmngsverwei- 
gemng, daher rasche Abmagemng, unstillbare 
Blntongen aus der Nahelwnnde , schwere 
KollapserecheiDungen. Selbstverständlich ist die 
Diagnose leichter zu stellen bei bestehenden 
entzitndlichen Vertndenugen an der Nabel- 
wunde, als wenn, was bilufig der Fall ist, der 
Nabel bereits verheilt erscheint Manchmal 
gelingt es hei Drnck anf die Dnterhanchgegend 
des Kindes von der Symphyse gegen den ml' 
verheilten Nabel zu, ans dem Nabelstumpfe 
einige Tröpfchen Eiter auszupressen. Dieses 
Moment, welches aber nur sehr selten in 
Wirklichkeit zu beobachten ist, beweist mit 
absoluter Sicherheit die Arteriitis nmhilikaliB. 
Desgleichen, wenn es möglich ist, im Nabel- 
grande eine kleine Fistelöffnnng zu entdecken, 
in welche man leicht mit einer Knopfsonde 
tief eindringen kann. 

b) Für die Diagno»e der PMtbiti» gilt be- 
züglich der sicheren Ststaiernng der Venen- 
erkranknng ähnliches wie bei der Arteriitis. 



Der Ausgang der Phlebitis ist fast immer letaL 
Auch hier erscheint das die Vene umgebende 
Bindegewebe stark eitrig infiltriert. Als wich- 
tiges Symptom wird neben Fieber und hoch- 
gradiger Schmerzhaft! gkeit der Nabel- und 
Dnterbauchgegend Ikterus angegeben. Die 
Respiration ist bei Phlebitis durch kurz abge- 
brochenen, oberilftchlichen Bhythmus nnd starke 
Steigerung der Frequenz eigenartig verSndert. 
Schmerzhaftigkeit hohen Orades bei Druck 
auf die Qegend der Nabelvene und g^n den 
Schwertfortsatz zu erleichtert manchmal die 
Erkenntnis des Zustandes; sonst ist das Sym- 
ptomenbild ganz fthnlich dem bei Omphalitis 
phlegmonosa zu beobachtenden und vorher 
geschilderten. Die Häufigkeit einer Kompli- 
kation mit Elrysipel wird von den meisten 
Beobachtern hervorgehoben. Die Symptome 
eines vom Nabel ausgehenden Erysipels 
unterscheiden sich nicht von denen eines 
anderswo lokalisierten. 

Behandlung der schweren Nabelin- 
fektionen. Bei vorhandener Entzündung 
der Nabelgegend (Nabelphlegmone) ist zu- 
nächst Reinigung der Nabelwunde vorzunehmen. 
Diese geschieht am besten mit verdtlnnter 
essigsaurer Tonerde (3— 5'/o) oder mit '/,'/oiger 
Subtimatlöaung, worauf ein antiseptischer 
Pnlververband mit Salizyl^ure, Dermatol oder 
Airol anzuwenden ist. Besteht in der Umge- 
bung des Nabels ausgebreitete Bötung, dann 
sind 30*/,ige Alkoholdunstnmschläge über das 
ganze Abdomen zu applizieren, nachdem der 
Nabelverband mittelst einer Schichte wasser- 
dichten Stoffes bedeckt wnide. Bei bestehendem 
Fieber sind diese Umschläge häufig zu wechseln. 
Abszesse in der Dmgebong des Nabels rnftssep 
eröffnet werden. Wenn irgend möglich, ist 
Ernährung mit Frauenmilch darchzafähien. 

Bei Qangrän des Nabels ist die antiaep- 
tische Behandlung mit voller Enei^e durch- 
zuführen. Zunächst mnB auf AbstÖBung des 
gangränösen Schorfes Bedacht genommen wer- 
den. Zu diesem Behufe sind starke Ijösungen 
von essigsaurer Tonerde anzuwenden. Eine sehr 
dicke Schichte hydrophiler Gaze wird in SOVoig* 
Lösnng dieses Mittels eingetaucht, auf die 
gangränöse Fläche auflegt, mit wasserdichtem 
Stoffe bedeckt nnd mit einer Binde fest an 
den Leib fixiert. Nach AbstoDung des brandigen 
Stofiee wird zunächst ein Pulverrerband, 
später ein zur Überhäutung führender Verband 
mit L^)iEsalbe zu empfehlen sein. Bei sehr 
heftiger Schmerahaftigkeit des Leibes können 
vorsichtige Opiamdosen (1 Tropfen Opiumtink- 
tnr pro Tag) angewendet werden. Bei septischer 
Allgemeininfektion sind hjrdropathisdie Ein- 
packongen, innerlich Kampfemiixtar oder Mo- 
Bchuatropfen zu verordnen. Auch Einreibung 
mit Credäsalbe und das MAKMoaüKsche Anti- 
streptokokkensemm sind empfotden worden. 

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17 



NÄBELKRANKHEnEN. - NABEXSCHNUBVORFALL. 



IS 



Die Therapie der Erkrankungen der Nabel- 
genBe deckt sich mit der der Ompbiditis. 
Fieber soll durch keine innerei) Mittel, sondern 
nar durch Hfärotherapie bekilmpft irerden. 

ATiTiftTig : Habelblutong der Net^ebore- 
nen (Omphalorrha^ neonatomm). 

Nach Abfall dea Nabelscbnnrrestes können 
Blatongen aus dem nnverheilten Nabel statt- 
finden. Bei der Diagnose deraelben handelt es 
sich hanpta&chlich am die Eonstatierang dea 
Umatandes, ob die BIntang direkt ans den 
UefkBen des Nabelstnmpfes herstammt 
oder ob die Nabelwunde als solche paren- 
chymatdB blutet Bei genauer Besichtigung 
des Nabeb erkennt man im ersteren Falle ein 
Herrorsickem dea Blntes aas dem Qrande der 
Falte oder ein Herrorspritzen deaaelben im 
Strahle. Diese Art von Blutong, welche in der 
Kegel durch Verletznng des nunden Nabels 
entsteht and f&r deren richtige Bearteilong 
die AofBndong des Oe&BInmens, ans dem sie 
erfolgt, maßgebend ist, tritt meist am 6. bis 
10. Tage aaf, nnd zwar hBnfiger bei asphyk- 
tisch geborenen nnd lebensschwachen Kindern, 
als bei kräftigen nnd ansgetragenen. Sie ist 
leicht stillbar and bedentnngsloB, wenn nicht 
OefllBerkrankangen vorliegen, welche aaf aJIge- 
meins Ursachen, wie Laes kongenita oder Sepsis, 
Eorflckzof (Ihren sind. 

Allgemeinerkrankangea, wie Laes and Sepsis, 
b^tlnstigen jedoch aach daa Entstehen der 
zweiten, schwereren Form der Blntongen aus 
der ganten Nabelwande, sogenannte idio- 
pathische Nabelbin tangen. Sie sind dnrch 
das kontinuierliche Aussickern reichlicherer 
Mengen Blutes ansgezeichnet, ohne daG es 
dabei möglich w&re, blutende GefaSlmnina zu 
differenzieren. Zar Diagnose dieser fanesten 
Blatongsform ist die frühzeitige Erkenntnis, 
daB eine AUgemeinafTektion , wie Syphilis 
kongenita, vorliegt, vor allem erforderlich. 
Hftofig findet sich daher gleichzeitig schwerer 
IkteroB oder man sieht luetische Effloreazenzen 
an derHaat, besonders häaflg hämorrhagi- 
sche Exantheme. (S. auch , Hämorrhagische 
Diathese der Neugeborenen ".) Hocbswobr. 

NabeUohuUTVOr&U. unter dem Na- 
belschnurrorfall versteht man jenen Zustand 
w&hreud der Geburt, in welchem die Schlinge 
der Nabelschnur zwischen den vorliegenden 
Teil der Frucht nnd die Uterus wand nach 
Sprung der Fracbtblase gerftt. Ist die Nabel- 
schnar neben dem vorliegenden Kindesteil bei 
erhaltener Blase fühlbar, so spricht man von 
dem Vorli^en der Nabelschnur. — Normal 
liegt die Nabelschnur im oberen Teile der 
UtemshÖhle, zwischen den Extremitftten der 
Fracht an deren Bauchseite, nnd der untere 
Oeb&rmnttefabschnitt liegt dem vorliegenden 



Teile der Fracht so fest an, dafi nii^nds ein 
fireier Haum bleibt, durch welchen die Schlingen 
herabznmtschen imstande ^ren. Entstehen 
aber LQcken zwischen dem vorausgehenden 
Kindesteile nnd der Dteraswand, so ist damit 
die Bedingung für dos Herabgleiten der Na- 
belschnur geschaffen. Am häufigsten kommt 
deshalb der Nabelschnurvorfall bei der Quer- 
lage vor, seltener bei Steiß- und am seltensten 
bei Kopflagen, da hier der harte vorangehende 
Teil den nnteren tiebärmutterabschnitt am 
vollkommensten abachlieBt 

Die wichtigsten ätiologischen Momente sind: 
enges Becken, Frühgeburt, Hjdramnion, ab- 
norme Kleinheit und Beweglichkeit des Kopfes, 
ZwillingsschwangeiBchaft. B^Onstigt wird der 
Vorfiül durch die abnorme LBnge der Nabel- 
schnur, wie auch den tiefen Sitz der Plazenta. 

Die Diagnose bietet keine Schwierigkeit. 
Man fühlt neben oder vor dem vorliegenden 
Kindesteite die Nabelschnnrschlingen im Hatter- 
munde oder in der Scheide, oder man sieht 
sie aus der Vulva herauabBngen. Beim lebenden 
Kinde pulsiert die Nabelschnur normal, ein« 
schwache und verlangsamte Pulsation zeigt, 
daB die Fraclit durch die Eompreasion der 
Schlingen bereits osphyktisch wurde nnd sich 
in Lebensgefahr biÄndet. Das vollkommene 
Fehlen der Pulsation auBerfaalb der Wehe 
spricht mit gr6Bter Wahrscheinlichkeit für den 
Tod des Kindes. Man hüte sich jedoch, ans 
dem alleinigen Fehlen der Pulsation der Schnur 
die Diagnose auf den Tod der Frucht za stellen; 
die genaue Auskultation der kindlichen Herz- 
töne gibt in diesem Falle die richtige Aof- 
klftrang. 

Die Fzognoae ist in besag auf das kind- 
liche Leben stets ernst, denn durch die Kom- 
pression der Umbilikalgefö^c durch den voran- 
gebenden Kindesteil ist die Fracht der Er- 
stick nngsgefahr ausgesetzt. Die größte Gefahr 
besteht bei Schädel- und Oesichtslage, günstiger 
ist die Prognose bei SteiB- nnd Fufilage. Bei 
Querlage ist die Nabelschnor zunftchst keiner 
Kompression angesetzt, nur beim Tiefertreten 
der Schalter kann das Leben der Frucht 
ernstlich gef&hrdet werden. 

Die Tbezapie des Nabelschnurvorf alles ist 
verschiedenartig, je nach der Lage der Frucht, 
ihrer Beweglichkeit, nach der Erweiterung des 
Muttermundes und den öröBenverbBltniseen 
des Beckens. 

Ist die vorgefallene NabelEcbnur pulslos nnd 
das Kind bereits abgestorben, so entbindet man 
auf die übliche Weise, ohne Rücksicht auf 
die vorgefallenen Schlingen. 

Bei stehender Blase wfthrend der Eröflbungs- 
periode muB die KreiBende auf die der vor- 
liegenden Nabelschnur entgegengesetzte Seite 
gelagert werden ; sie darf nicht mitpressen, 
and es muß gesorgt werden, daB die F 



' f'^'gte 



19 



NABELSCHNURVORFÄLL. — NAEVU8. 



20 



blas« mCglichet lange erhalten bleibe. Ist der 
Mnttarmond genügend erweitert , eo wird bei 
Kopflagen die Fracht aof den Fall gewendet, 
oder ea wird , wenn der Kopf ins Becken ge- 
treten nnd leicht fafibar ist, die Zange ange- 
lt Die Schlinge der vorgefallenen Scbnnr 
darf nicht von dem LOffel mitgefafit werden. 
Bei ungenügender Erweitening dea Zervikal- 
kanalea venoche man eine kombinierte Wen- 
dung aaf den FuB. Bei FnBlagen wird die 
Exti^tioD beschleiuigt, bei SteiSlagen wini 
der Fnil sofort nach dem Blasensprang herab- 
geholt Sind die Bedingungen zu einer soforti- 
gen Elltraktion nicht erfflllt, io wird man bei 
Fofi- and SteiBlagen eich abwartend verhalten, 
bis der Mnttensiuid sich genOgend erweitert, 
da die Kompression seitens der kleinen Teile 
gewöhnlich keine ernste Gefahr fQr das Leben 
des Kindes darstellt Bei Querlagen nird die' 
Wendung auf den FoQ ausgeführt, nnd es be- 
steht BODBt keine Indikation lom Eingriff wegen 
des Vorfallea der Nabelschnnr. 

Steht der Kopf bei angenttgender Erweits- 
rang des Zervikalkanales fest im Becken nnd 
sind weder Wendnng noch Zange aosftthrbar, 
so wird die Reposition der TOrge&llenen Nabel- 
schnnrscblingen angestrebt. Man fDbrt die Re- 
position in der Knieellen bi^nlage oder Seiten- 
iage aas, indem man die Krei&ende auf die 
Seite des Vorfalls lagert. Bei genftgend erwei- 
tertem Hattermtmd dringt die ganze Hand 
in die Scheide, der Kopf wird mit dem Daumen 
nach Möglichkeit abgedrängt, die Schlinge 
vorsichtig mit zwei Fingern gefaßt und durch 
den Mnttermnnd Ober den Kopf möglichst 
hoch emporgehoben. Nach vollbrachter Repo- 
sition wird die KreiBende auf die entgegenge- 
setzte Seite gelagert and der Kopf durch den 
Druck von auBen ins Becken geleitet. 

Bei ungenügend erweitertem Mattermand 
wird die Schlinge instmmentell reponiert. Man 
bedient sieb dabei einer der zahlreich angege- 
benen Nabelscbnarrepositoria (BmDM, Mtann, 
SrnoLLEB, Bobibton). Mittelst des elastischen 
Stftbchens trachtet man, die gefaBte Schlinge 
in die Utemshöhle neben dem Kopf zarftck- 
znführen. Um das Wiederherabratachen der 
Schnur zo verhindern, bleibt das Stäbchen 
bis nach der Qebort dee Kopfes im Oebnrts- 
kanal liegen. Oft miBlingt atier die Reposition 
trotz mühevoller Anstrengang nnd die Schlinge 
ftUt immer wieder vor, bis die Frucht abstirbt. 

NftOhtbUndheit s. Hemeralopie. 

Naohwehen. Man versteht anter N. 
Kontraktionen der Oeb&rmatter, weldie nach 
erfolgter AusstoBang der Frucht und der Nach- 
geburt diskontinuierlich, und zwar in verschie- 
den langen Intervallen, die bis zu mehreren 
Standen betragen können, auftreten nnd von 



verschiedener Intansiat sind. Letitere kann 
bis zu höchst schmerzhaften, für die ohnedies 
erschöpfte Wöchnerin anBerst qo&lenden Sen- 
sationen ansteigen. Nicht ku verwechseln sind 
die Nachwehen mit den Nachgeburtswehen, 
Zusammenzieh ongen der Qeb&rmntter, welche 
die Aufgabe haben, die gelöste Nachgeburt zu 
eliminieren. Sie sind oft Ton sehr geringer 
Inteneit&t, fehlen wohl auch g&nilich und 
m&jsen dann durch den CsEDtechen Handgriff 
(siehe diesen Artikel) sabstitaiert werden. 

Die Nacbweben sind mit dem Beginne der 
puerperalen Involution der Oebbrmutter iden- 
tisch and können durch interne oder subkutane 
Darreichung von Matterkomprftparaten ange- 
regt nnd verst&rkt werden. Pbaski.. 

Naokttnimiikelkrijiipfe. Dem in 

den Artikeln „Akxesseritiskrampr' und ,Hals- 
muskelkrampfe" Gesagten ist nur noch wenig 
hinzuEofÜgen. Die Mm. rekti kapitis (m^or and 
minor), die den Kopf nach vom neigen, nnd 
der M. obtiqnas kapitis superior sind sehr 
selten isoliert, dagegen desto häufiger kom- 
biniert mit anderen Maskeln am Krämpfe be- 
teUigt 

Die tiefen Naokenmoakeln, U. komplexus et 
biventer, M. tracbelomastoidens und die Splenii, 
die den Kopf nach rttckw&rts ziehen, sind 
hauptsächlich diejenigen , deren tonischer 
Krampf bei den verschiedenen Formen der 
Meningitis als Nackensteifigkeit bezeich- 
net wird. Es ist Ober die Genese dieses Kramp- 
fes nichts Näheres bekannt (s. a. „Opisthoto- 
nns"). Bei Kindern treten zur Znt der ersten 
Zähnung gel^ntlich eigentümliche Nick- oder 
SchBttelbew^ungen anf, die ebenfalls anf 
Krämpfen der Nacken- and Halsmoskolatiir 
(aber klonischen) beruhen. Sie werden Nick- 
krämpfe oder Salaamkrämpfe (Spat- 
mae outans, Spasmas rotatorins) ge- 
nannt und sind von wechselnder Schnelligkeit 
in der Vor- und RQckwärtabewegDng des 
Kopfes. Oft ist Nratagmas mit ihnen verbun- 
den. — Aach bei HTdrokephalus, Hirntumo- 
ren, sowie bei kongenitaler Lnes kommen ähn- 
liche Zustände vor. — Im allgemeinen aber 
sind sie harmlos and prognostisch günstig. Im 
Schlafe pflegen sie nn Kassieren. Tobt Cohd. 

HMnU. Unter Naevi verstehen wir mit 
Unsa , hereditär veranlagte oder embrjonal an- 
gelegte, zo verschiedenen Zeiten des Iiebens sicht- 
bar werdende and ftoBerst langsam sich ent- 
wickelnde, durch Farbe oder Form der Ober- 
fläche auffallende, umschriebene kleinere oder 
gröBere MiBbildnngen der Haut". Wir rechnen 
die N. za den gnlartigen OeschwDlsten, In den 
meisten Fällen gelangen sie gleich nach der 
Geburt zur Entwicklang, wachsen mit dem 
Körper and erreichen gegen die Pubertät ein 



StMliDiD des StfllstandeB, in dem sie dann viel- 
foch das ganse Leben des lodiTidnumB hindnrch 
Terharren. Eine Eintoilnng der Naeri la geben 
ist anSerordentlich schwierig, da vielfach Cber- 
gangsformen zwischen den Mnnelnen Typen 
existieren. Jadassobii grappiert aie in folgender 
Weise: 1. Oewebsnaevi, 11. Organnaevi, 
ni, systematisierte Naevi. Diese Aof- 
stellang ist sicherlich praktisch von grofiem 
Wert; logisch gans konsegnent ist sie insofern 
nicht , aü sie für die beiden enten Dntenb- 
teilongen deren elementare ZoBammensetzung, 
für die letste dagegen ihr klinisches Verhalten 
zani MaBst&be nimrot. 

1. Zn den Oewebsnaevi gehören vor allem die 
Pigmen tnaevi. Manche rechnen zn ihnen 
auch die Epheliden, die jedoch wegen ihrer 
beaonderen Bedentnng and ans historischen 
Grflnden meist fHr sich abgehandelt eq werden 
pfl^en (s. den Artikel ^Sommersprossen'); 
femer gehören hierher die sogenannten Naevi 
spili, d.h.glatte, die Hant nicht ttberragende, 
braone Flecken von uiregelm&Blger Form and 
Begrenzung, welche, worauf besonders Jisimohm 
anfmerksam gemalt hat, sich manchmal ah 
kleine glatte Pigmentationen in graBerer Zahl 
und in zoster^inlicher, eminent einseitiger Ver- 
teilnng am Körper Eerstrent vorfinden, „mnltiple 
FleckenmBler'. Eine zweite praktisch weit wich- 
tigere Gmppe stellen die sogenannten weichen 
Naevi dar. Sie sind anSerordentlich hKnfig ond 
fast jeder Mensch ist der Tr&ger eines oder 
mehrerer dieser meist kleinen Qebilde. Dmna 
nnteracheidet bei ihnen vier Unterformen ; die 
beetartig flachen, die knopfförmig eriiabenen, 
die beerenartig serklOfteten nnd die schlaffen 
moUnskoiden. Er glaubt, daB diese vier Formen 
allmKhlich eine ansderanderenentstftnden, und 
■war die erateten beiden dnrch progreasiveB 
Wachstum der den N. insammen setzenden 
Oewebsbestandteile, die beiden letzten durch 
regressive Verftndemngen derselben. Allerdings 
darf wohl, selbst wenn Dkhab Annahme zu- 
trifft, als feststehend betrachtet wenlen, dafi 
nicht jeder N. die angegebenen Stadi 
dorchl&nft, daß vielmehr ein greAer Teil v 
ihnen danemd oder zeitweise in völligem Ent- 
wicklnngsstillstand verharrt. Klinisch erschei- 
nen die weichenNaevi infolgedeesenje nach dem 
Stadium, in dem wir sie zn Oesicht bekommen, 
mehr als flache Eikreezenzen oder als weiche 
pigmentierte, glatte knopffßrmige Gebilde von 
etwa Linsengröfie (Ijcntigines), oder als feine, 
etwas gröber gelappte, himbeerförmige Gebilde, 
oder schliefilich als weiche eindr&ckbaie, zu- 
weilen gestielte, zuweilen rosinenartig gerunzelte 
AnswOchse. Es mag noch bemerkt werden, dafi 
die Pigmentiernng nicht immer sehr stark 
gesprochen ist; man findet zuweilen Naevi, 
obwohl ihrem Bau nach unzweifelhaft hierher 
g^örig (siehe nuten), doch klinisch nnd histo- 



logisch nur einen sehr geringen Pigmentgehalt 
aufweisen. Hikroekopisch bestehen die weichen 
Naevi neben ih rem PigmentgehaltauB Strengen 
nnd Nestern von protoplatmareichen, 
pithelbhnlichen, in der Kutis und im 
PapillaAOrper liegenden Zellen. Art nnd Her- 
kunft dieser Naevnszellen sind noch nicht ganz 
ucbergeetellt, obwohl über diese ganze Frage 
im Laufe der Jahre eine auBergewöhnlich groBe 
Literatur entstanden ist. ümma glaubt, daB sie 
epithelialer Abkunft seien und daB die er- 
wähnten Zellstrftnge gewissermaSen durch Wu- 
cherung nnd sekund&n AbschnOmng — Ab- 
tropfen — von Epithelkomplexen der Epi- 
dermis EUstande kommen ; andere Autoren 
wiedemin rechnen die Naerosiallen zu den 
Bindegewebsabkömmlingen und wollen die 
kleinen QeschwtUste als Lymphangioendothe- 
liome (RKCKunanAusm) oder als BlntgefHB- 
endotheliome (DiMi£vn.i.R) aufgefiiBt wissen. 
RiBHL wiederum sieht in den NaevoszelleD 
Abkömmlinge der embryonalen Bindegewebs- 
zellen, welche die Fähigkeit, sich in fixe Binde- 
gewebatellen nmznwandeln , reep. elastische 
nnd Bindt^websfibriUen zu produzieren, ver- 
loren haben und auch wahrend des spateren 
Lebens in einem dem embryonalen Stadium 
der Binde^webszellen ähnlichen Zustande ver- 
harren. SoLOAii hat in weichen Naevis mark- 
haltige Nerven innerhalb der Zellstr&nge ge- 
funden und folgert hieraus, dafi die Mehrzahl 
der PigmentmUer die ersten dem Auge wahr- 
nahmbaren Merkmale eines flbromatösen Pro- 
zesses des Bindegewebes der Hautnerven daiv 
stellen. Einen vermittelnden Standpunkt nimmt, 
wie zum SchloB noch hervorgehoben sei, Kao- 
HAiaa ein, welcher die Naevnszellen als metapla- 
sierte, den Charakter von Bindegewebszellen an- 
nehmende Epithelzellen definiert wissen will. 
Die praktische Bedentnng der weichen Naeri, 
insbeeondere der pigmentierten, liegt einmal 
darin, daB sie, im Gesicht oder an anderen 
unbekleidet getragnen Stellen lokalisiert, in 
kosmetischer Hinsicht störend wirken können. 
Femer besteht die Möglichkeit des Überganges 
der waiehen N. in maligne Tumoren, die, je 
nachdem wir die epitheliale oder die Bindege- 
webstheorie beztiglich der Pathogenese der wei- 
chen Naevi bevorzugen, als Pigmentkarzinome 
reep. alveol&re Sarkome anzusprechen sind. 
Sie zeichnen sich durch ihre Bösartigkeit und 
ihre Neigung zn Metastasen aus. 

Als Anhang mögen hier noch die sc^nannten 
HaarnaevierwUhnt werden. Es sind das meist 
weiche Naevi, bei denen die Behaarong beson- 
ders stark ausgesprochen ist. Ihre extremsten 
Grade sind als sogenannte tierfellfthnliche 
oder Schwimmhoaennaevi in der Literatur 
beschrieben nnd ihre Trftger werden viel&ch 
auf Jahrmärkten etc. als sc^enannte ,Ha&r- 
m.n.ch.n- steigt. GoOglc 



Praktisch weit weniger wichtig, weil erheb- 
lich seltener sind .^dje aogenannten harten 
N&evi; sie stellen nAch Unhi flache, linsen- 
bis taler- and flachhandgrpSe Haler dar,'deren 
Farbe von der der Haat bis zam Orangelb 
und Schwatzbrann dunkler Homsabstanz 
schwankt. Besonders die größeren, deren Hom- 
Bchicht za Btalaktitenfönnigen Prinneii zer 
klDftet erscheint, heben sich dnnkel von ihcer 
Umgebung ab, wiewohl sie nar selten echtes 
Pigment führen; die kleineren sind heller nnd. 
zeigen eine raohe, feinkörnige Oberflftche. Histo- 
logiBch nnterBcheidet man zwei Arten 
harten Naevi, die keratoiden, hä denen 
hauptsächlich die Homscbicht, die akan- 
thoiden, bei denen hanplsttchlich 4f^ ^^^ 
Malpighi gewuchert ist. Von einigen >;AntQren 
werden anch noch die sogenannten VerroMe 
seborrhoizae in den Naovi, und zwarocst 
«n den im ^teien Altar auftretenden ,N>««Ti 
tardifs" vgerechn^t. Es sind 4aa breite, flach 
aufsitzende, hart sich anfUhlenda, braune bis 
graabraone Tomoren mit nni^elniaBig höck- 
riger Oberfläche. Ihr baaptafichUchsterSiti ist 
Bücken nnd Brust, die manchmal wie bes&t 
mit ihnen erscheinen; seltener finden sie sich 
an H&nden nnd Anuep. Ihre Triiger sind meipt 
Lente, die das fünfzigste Leben^ahrfiberechritten 
haben. Beschwerden machen die kleinen Qe- 
bilde nicht, Übergang in Karzinome vfird kaom 
jemals beobachtet. 

II. Die zweite Ornppe der NaeTi, dieOrgan- 
naevi, serfftllt ebenfalls in mehrere Unter- 
gruppen: 

1. QefaBnaevt (N. flammei, N. vaskolan»), 
die allerdings von den gewöhnlichen im sp&teren 
Leben erworbenen OefSügeschwUlaten (siehe 
den Artikel „Angicme") roeiet sehr schwer zn 
nntermheiden sind. Die Qefaflnaen können sehr 
verschiedene Formen nnd OrOSe annehmen, 
mit besonderer Vorliebe scheinen sie sich im 
Oesichtmid am Halse zn lokalisieren undkönnen 
hier inweilen eine ganze OeBichtahSlfte oder 
wenigstens gröflare Partien des Gesiebtes über- 
ziehen. Ihre Farbe schwankt Tom Hellrot bis 
znm DnnkelbJanrot, je nachdem die den N. 
zasammen setzenden GefB&e mehr dem arte- 
riellen oder venösen Typiu angehören. Ebenso 
resnltieren auch differente klinische Formen 
jenachdem mehr oberflächlichen (glatte, weiche, 
geschmeidige, nichtverdtckteHantJ oder tieferen 
Sita (geschwnlstartige höckrige resp. beeren- 
artig gelappte Oberfläche J der gewncherten 
BlntgefdÜe. Letztgenannte Art von Tumoren 
findet sich mit Vorliebe an Zange und Lippen. 
Sehr charakteristisch sind die von Besnikb be- 
schriebenen, sternförmigen Naevi, welche in 
ihrer Mitte einen intensiv roten, leicht elevierten 
Punkt aufweisen, von welchem nach allen Seiten 
nnd verschieden weit teleangiektatische QefBSe 
ausstrahlen (Naevi aranei). Ober die spezielle 



VUS. 24 

Ätiologie der Qe&Bnaevi bestehen nur Ver- 
mutungen, am meisten Wahrscheinlichkeit hat 
noch VmcHows Annahme von den Beziehungen 
der QefUnaevi zu den embryonalen Spalten 
(fissnrale Angiome). 

2. Zu den Organnaevi rechnet man nach 
JuiesoHH anch die Drflsennaevi, unter denen 
man die von den Schweißdrüsen und die von 
den Talgdrüsen ausgehenden unterscheidet. 
Beide kommen entweder isoliert oder mit an- 
derenNaevis kombiniert, anch in systematisierter 
Anordnung vor. Die Talgdrüsennaevi, auch 
Naevi sebazei genannt, sind wohl identisch 
mitdemals Adenoma sebazeam (siehedieaen 
Artikel) beechriebenen KrankheitsbUd. SchweiB- 
drttsennaevi sind als subkutane Tumoren nnd 
als systematisierteNaevibescbrieben wor- 
den. Außerdem kommen nach Jadissohn als 
Naevi sebazei weifigelbe bis braunrote, nn- 
regelm&fiig höckrige, oft streifenförmige Elrhe- 
buagen gel^entlich mit deutlich erweiterten 
Follikelmtkndnngen oder.Talgrententionszystea 
vor (wie es scheint besonders oft an der Stirn). 

HI. Die systematisierten Naevi (Naevi lineares, 
Naevi unius lateris, Nervennaevi, Naevi zonifor- 
mes)habengeradein neuester Zeit das ganz beson- 
dere Interesse der Dermatologen für sich in 
Anspruch genommen. Ihr Charakteristikum be- 
steht einmal in ihrer meist warzig-höckrigen, 
dunkelbraunen bis echwäizlich vererbten Ober- 
flSche und dann i& ihrer eigentümlichen Anord- 
nung, welche zu den oben erwähnten Namen 
AnlaS gegeben hat. Am Rumpf finden sie sich 
viel&«h in halbseitiger, streng mit der Mittel- 
linie abschneidender Anordnung nnd Etrich- 
förmigem, scheinbar den Interkoalalneiven 
folgenden Verlauf; auch eine dem Zoster 
gleichende Gruppierung ist beechrieben worden. 
Ebenso verlaufen anch an den Extremitäten 
diese Naevi oft in ganz bestimmten langgestreck- 
ten Linien. BlnEHSPsuHO nahm seinerzeit an, 
daB ihre Auebieitnng dem Verlaufe eines oder 
mehrerer Spinalnerven entsprftche, heute ist 
diese Auffassung wohl ziemlich allgemein ver- 
lassen. Man bringt vielmehr die Entstehung 
der uns beschäftigenden Naevi mit ganz be- 
stimmten Liniensystemen in Beziehung, welche 
in der Entwicklungsgeschichte der menschlichen 
Haut eine wesentliche Rolle spielen und in 
denen sich ähnlich wie nach Vismown Theorie 
bei den fissuralen Angiomen Entwicklungs- 
komplikationen leicht abspielen können. Ale 
derartige Linien werden von den Autoren vor 
allem die Vuiorschen Grenzlinien der Haut- 
nervenverftstelnngsgebiete und die Konvergenz- 
und Divergenzlinien der embryonalen Haar- 
ströme angesprochen. Auch auf die Uberein- 
stimmnng in der Verteilung mancher systema- 
tisierler Naevi am Bnmpfe mitdenmetameralen, 
einzelnen Rückenmarkssegmenten ent- 
sprechenden Oebieten, ist von einzelnen Seiten 



NAEVUS. — NÄGELKEÄNKHEITEN. 



hingewiesen nnd damit der obigen Anffassnng 
der entwicklnnf^mechanischen Entofehnng der 
Naevi eine gewiaee Stütze rerlielieD worden. 
Aoatomiech gehören die BjBtematiaierten Naeri 
wohl meist zu den sogenanntes harten Naevi. 
Die Behandlung der Naevi ist insofern 
sehr wenig dankbar, ab wohl Bberhanpt nnr 
die kleineren Oebilde dieser Art therapentiachen 
Eingriffen zng&nglich sind. Da es sich in den 
meisten FUlen nm QeechwUlste handeln wird, 
die dem Patienten nnr aus kosmetischen Grün- 
den unangenehm sind, so dflrfte als geeignetste 
Methode, insbesondere t&r das Gesicht fast 
immer die Elektrolyse (ober deren Technik 
siehe den Artikel „Epilation") in Frage kom- 
men. Fttr die OeftCnaeTi wird, insbesondere 
bei ausgedehnteren Formen, mit der Elektroljrse 
erfolgreich nnr die Frasansche Behandlnngs- 
methode konkorrieren kOnnen, doch möge man 
nicht vergessen, daB, wenn grOGere Hantbedrke, 
z. B. eine ganze GesichtshIÜfte erkrankt ist, sieb 
die Behandlong dnrch Jahre hiniieben kann. 
Fär ganz kleine Angiome kommt eventnell snch 
noch die galvanokanstisehe Verödung der kleinen 
GefHBschlingen sowie die Badinm behandlong 
in Betracht, letztere andi noch fbr kleine 
Pigmentmäler. Man Tenneide dagegen Jtznngen 
nnd flberhanpt jedes überflüssige Herommani- 
pnlieren andenPigmentnaevi, da im AnschlnG 
tui solche mechanischen Eingriffe Übei^ang 
in maligne Tnmoren beobachtet worden ist 
Oberhaupt dürfte es angebracht sein, Naevi, 
welche ihre TiVger nicht belftstigen und deren 
Ent&mnng nicht aoedrficklieh gewünscht wird, 
ans dem angeführten Gmnde möglichst in 
Knbe m lassen. ki.KXurua. 

Nagel, eingawaohMIWr s. Ein- 
gewachsener Nagel. 

Nag;elkTuikheiteii. Der Nagel 

selbst, eine der BlntgeRtBe entbehrende, epi- 
theliale Platte, ist nnr wenigen idiopathi- 
schen krankhaften Vorgängen unterworfen, 
die anf seine Dicke nnd L&nge, Olfttte oder 
Unebenheit der Oberflftche, Form nnd Farbe 
EinfloB ausüben. Gewohnheitsgem&fi werden 
aber ancb die pathologischen Vei&nderongen, 
die eich im Nagelbett, im Nagelfalze mid 
in der Nagelmatrix abspielen nnd seknn- 
dkr zn Anomalien der Nagelsabstanz 
führen, mit zn den Nagel krankheiten gezählt 
nnd sollen im folgenden BerQcksichtigong 
finden. Will man nnn diese Prozesse in über- 
sichtlicher Weise znr Daratelinng bringen, so 
wird man finden, daB sie sich in drei Gruppen 
scheiden lassen, deren Charakteristika sowohl 
itiologische als ancb klinische Diflerenzen auf- 
weisen. Die Krankheiten der NSgel sind ent- 
weder Krankheiten der sie nmgebenden Haat, 
welche sich , per kontignnm fortschreitend, 



auch anf die Nagelgebilde erstrecken; femer 
solche, welche nebst an anderen, entfernten 
Hantstellen aach an den NBgeln und deren 
Adnexen vorkommen; oder endlich patiiolo- 
gische Ver&nderongen , die nor die Nagelsab- 
stanz samt ihrem Lager betreffen. In der 
ersten Qrappe finden wir zahlreiche ent- 
zündliche Prozesse, die an der Haat der 
Fingerspitze vorhanden sind, von da anf die 
Nagelmatrix übergreifen nnd dann anch die 
Konfignration der N&gel verflndem. Hier sind 
vornehmlich die Ekzeme and ähnliche ober- 
fl&chlicbe Dermatitiden traumatischen oder 
kalorischen Charakters zn erwähnen; in die 
zweiteOmppew&rediePsoriasie nngnium, 
die verschiedenen Formen der doreh Skrofn- 
lose und Syphilis bedingten Onjchosen nnd 
endlich die mykotischen Nagelerkran- 
kungen zn zählen, während der dritten 
Gruppe die eigenüichen idiopathischen 
Onychosen angehören. 

In all diesen Fällen mnB maii bsrücksichti- 
gen, ob die VeiÄndemng vom proximalen oder 
vom distalen Anteil ausgebt — mit anderen 
Worten, ob die Nagelmatrix znerst erkrankt, 
oder ob von der Fingerspitze ans gegen die 
Matrix tu sich krankhafte Ve Ander ongen 
einstellen. 

Im ersten Falle, wenn also vom Hanse ans 
die Erkrankung an der Nagelmatrix sich 
manifestiert, wird der Nagel, sobald er nnter 
dem Nagelfalz hervortritt nnd dadnrch sicht- 
bar wird, abnorm erscheinen; die Abnormität 
kann geringeren oder höheren Orades sein, 
wird rieh aber immer dadnrch charakterisieren, 
daB der ganze Nagel nnd somit snch seine 
Oberfläche ein Aossehen erhält, das ihn sofort 
als pathologisch produziert erscheinen 
IftBt Er führt dann entweder Längs- oder 
Qnerriffe, wird gewellt. Spaltet sich manchmal 
in Lamellen, weist Lücken anf etz. 

Anders ist es, wenn die Erkrankung von 
der Fingerspitze, also von dem distalen 
Ende des Nagele aasgeht. In diesem Falle 
wird der Nagel in physiologischer Weise pro- 
duziert, erscheint daher aach vor der Lunnla 
ganz normal and nnterliegt erst Verftndemn- 
gen, sobald er an die kranke Stelle gelangt. 

Betrachten wir die in der ersten Grnppe 
sabsamierten Fälle, so finden wir zahlreiche 
Ekzeme, welche vom Handrücken aas, anf 
die Finger fortschreitend, endlich die Nagel- 
matrix, das ist jenen Teil, der, noch von 
Weichteilen bedeckt, nicht frei zutage liegt, er- 
greifen. Der Nagelfalz schwillt an, wird starker 
gerötet und mit EfBoreszenzen versehen. Hält 
der entzündliche ProzeS länger an, so dringt 
er tief genug, nm die Bildongs- nnd Emäh- 
rungastätte des Nagels in beeinflussen. Das 
Ekzem kann aber ancb an der Fingerspitze 
beginnen and somit gleich das Nagelbe^ |.-> 



27 



NAOELKRANKHEITEN. 



beeinflussen, Dieee Eracheinnng siebt msD oft 
bd Handweikem, welche mit die Haat reizeil- 
den SnbstaDEen zu tun baben; bei Färbern, 
besonders wbdii viel Anilinfarben zor Verwen- 
dang kommen; bei Hutmachern, welche eine 
mit äablimat versetzte Flüssigkeit beim Walken 
des Filises bentttzen; bei TfpenwBschem in 
Bochdrockereien; bei Uaann), die viel mit 
taydranliBchem Kalk xa. ttm baben etz. Nebst 
dieeen Alkalien tmd Sinren ist aach die Hitze 
als krankmachendes Ageoa zu erw&hneD, daher 
sieb ftbnliche Fingerekzeme mit Nageterkran- 
kang bei Schlouem, Schmieden, Bäckern, 
Köchinnen u. dgl. Toifinden. 

Die Nftgel sind dabei , wenn nicht darcb 
die angewandten Farbstoffo gefftrbt, Bchmutzig- 
gcao, an ihrer Oberflttche hänfig arrodiert, nn- 
eben, mit st&rker hervortrotenden LängBrifCen, 
hSnfig auch mit kleinen Vertiefungen ver- 
Helien, im aJIgemeinen aber verdickt; ihre Be- 
Tübnuig ist hftnfig schmerzhaft, nie überhaupt 
bei entzündeten Oeweben. 

Die konsekntiven EmUimngsstömngen 
machen uch oft in Hyperplasie geltend, nel- 
t«ner in Atrophie. Dia NBgel werden daher, 
wie erwftbnt, dicker, ansnahmsweise dünner 
und zarter. In noch höheren Oiaden der Ent- 
zAndong der Uatrix, wenn sich zwischen ihr 
nnd der Nagelsabetanz eine ExBadatschichte 
bildet, wird der Nagel f^gestoCen and ein 
nener tritt an seine Stella Dieeer ist anfangs 
onfSrmig, vielfach gewnistet, nnd erst wenn 
der entzündliche Prosefl sein Ende erreicht 
bat, stellt sich die Norm wieder her. 

Nebst den Ekzemen mfen ancb andere 
Dermatitiden der Fingerspitzen ähnliche N»- 
gelverftndernngen hervor, so i. B. die als 
PeroioneB bekannten, meist nni oberfläch- 
lichen, seltener tiefgreifenden Kongelatiohen, 
die einen eminent tilgen Verianf anfweisen 
and jahrelang mit antritt der ranhen JahnB- 
zeit zn erscheinen pfiegen. Die lange Daaer 
-des E'rozeasee begünstigt dabei natflrlich 
höhere Intenutät der Veränderungen am 
gel, der häufig vorübergehendem, durch Ge- 
■chwtlrebildang am NagelfiUze aber anch dan- 
«mdem Verlost unterliegen kann. 

Von den Konstitnentien der zweiten 
O ruppe ist vor allem der Psoriaiit der 
Nägel Erwfthnnng zu tun. Sie tritt stets neben 
Psoriasis der Haat auf nnd wird auch 
letzterer leichter diagnostiziert, als an den Nä- 
geln. Die Effloreszenz bildet sich gewöhnlich 
in der Matrix des Ne^Ib, sonobl als Fort- 
satzung vom Nagelfalz her, als anch als selb- 
ständiges Einzelgebilde. Mit dem Nagel wBobat 
ai« dann nach vorne und gelangt endlich bis 
zur Spitze. Sie kann aber ancb hier zur 
Wicklung kommen, wie ja überhaupt an jeder 
Stelle der allgemeinen Decke. So lange die 
Oberfläche des Nagels dabei noch intakt ge- 



blieben ist, erscheint die Effloreszenz durch 
die Nagelmasse hindurch als ungefähr linsen- 
grofies Oebilde von grangelbec, hellsr Farbe 
nnd krümligem Aoseehen; bis zur Fingerepitze 
gelangt oder von dort aaegegangen, verändert 
sie den Nagel selbst betitchtlich. Er wird 
brüchig, stark verdickt, an seinem freien Ende 
anagefranst and erscheint hier stets scbmntzig, 
weil alle Pigmente, mit denen er in Berührung 
kommt, haften bleiben, sich zwischen die ein- 
zelnen Lamellen der aufgelockerten Nagelsub- 
stanz eindrängen nnd dann nur sehr schwer 
entfembar sind. 

Die Abnlicbkeit mit einer On;cbom;koais 
ist dabei stets sehr groB und können Zweifel 
manchmal nor durch genaue Betrachtang 
der übrigen Haut oder durch mikroskopieche 
Dntersucbong gelöst werden. Im allgemeinen 
kommt die Psoriasis an den Nägeln selten vor. 

Viel häufiger ist die Syphilü Ursache einer 
On;chie, nnd dies in zweierlei Form. Der 
Nagel selbst ist bei beiden Formen wohl ei- 
gentlicb nicht wee«itlicb verändert, vielmehr 
ist es das Nagelbett sowie die unmittelbare 
Umgebung, welche der Sitz der Verändemngen 
sind. Die eine, leichtere Form der syphiliti- 
schen Onjchie ist eine trockene, die andere, 
schwerere, eine geacbwürige. Im ersten Falle, 
bei der Onychia eikka, bandelt ee sich um 
eine maknlöse Effloreszenz von LinsengröBe, 
die im Nagelbette aufgetreten ist nnd durch 
den Nagel als braunroter Fleck durchscheint. 
Sie entspricht in ihrem Aosaehen den makulo- 
papulösen EfBoreszenzen, die an der Vola 
manoB so häufig vorkommen tmd deren An- 
fangsstadinm der konstitutionellen Syphilis 
angehört. Der Nagel selbst erleidet dabei 
kanm irgend welohe V*ttndening; der tote 
Fleck wächst mit ihm nach vorne und pflegt 
im Verlaufe von ungefähr einem Honat zu 
schwinden. 

Von grö&erer Bedeutung ist die Onychia 
ulzerosa syphilitika. Sowohl vom Nagel- 
falze aus auf die Matrix abergehend, als von 
beiden Suten her kann das Nagelbett ge- 
schirUrig erkranken. Anfänglich findet rieb 
ein derbes Infiltrat vor, das über den Nagel 
stark hervorragt, bald zerfällt und dann iat 
der Nagel inmitten eines Oeschwtkrs situiert, 
daa scharfe Bänder hat, ziemlich viel Eiter se- 
zemiert und bei der geringsten Berührung 
heftige Schmerzen bereitet 

Je Unger der FrozeB besteht, ohne daB 
eine geeignete antisyphilitiscbe Behandlung 
eingeleitet wird, desto intenriver wird er; 
die Fingerbeere schwillt trommetschlägelförmig 
an, ist tief blanrot gefärbt, das Qeschwür 
wird gröfier und gröBer und die Schmerzen 
nehmen in so hohem Orade zu, daB die Pa- 
tienten zu jedwedem Oebrauche ihrer Hand 
uni&big werden und die Nachtruhe geatört 



NAOELKBANEHEITEN, 



wird. HeiBt siad mehrare Finger gleichzeitig 
erkr&nkt and fist stets sind ftacb an anderen 
Körpentellen ähnliche geschwttrige oder auch 
■kudere Zeichen TOn konstitntioneller Syphilis 
vorhanden. Die Phase der Syphilis, in der 
die getchwftrige Onf chia syphilitüu anftritt, 
ist sehr verschieden. Wir sahen Fftlle, bei 
denen mit den allerersten Manifestationen der 
AUgemeinsymptome des I^eidens Onychie aof- 
getieten war, w&hrend wir sie auch oft genug 
Engleich mit den sogenannten terti&ren Sym- 
ptomen antrafen. Unter geeigneten günstigen 
BAdingoagen heilt der Prozefl rasch nnd voll- 
kommen ans, ohne daA an der NagelaabstaDi 
nachtr&glicb Verftndemngen xa erkennen 
wftren. Anderenfalls aber, bei VemachlSsaigong 
und AufierachtlaBBnng des nnftchlicben Mo- 
mentes, greift die QeschwUrsbildang ho tief, 
daB die Matrix darin vollständig nntergebt 
und danemder Verlnst des Nageta resultieren 

Die durch patbogene Hyphomifzetan beding- 
ten krankhaften Verftnderangan der Nägel fafit 
man als Onydtomykoeen cnsammen. Sie sind 
im allgemeittsn seitens Erscheinangeu und bie- 
ton fhr die makroskopische DiBerentialdiagnOBe 
wenig Anhaltspunkte, so dafi inr genauen Ün- 
terscheidnng dar einzelnen Formen die mikro- 
^opische Cntersnehung notwendig wird, wenn 
sieht durch gleichLeitiges Vorkommen an an- 
deren Hantatellen die klinischen Merkmale 
geboten werden. Eine Ausnahme davon macht 
der Favus des Nagels, welcher meist runde, 
dem Alter entsprechend verschieden groSe 
Skntula aufweist Sonst erscheint der Nagel 
brflchig, granlich verOrbt, an seiner Spitse 
wie ausgefranst nnd durch eine dickere Lage 
VI» subungualer Epidermis, in der die Pilze 
wuchern, in die Höbe gehoben. Der Prozefi 
verl&uft fast stets trocken ; Eitenmg ist ftuBerst 
selten. Die Daner des Leidens ist stets eine 
sehr lange, selbst bei eingeleiteter entsprechen- 
der Therapie, der die Affektion bartnftckig 
widersteht. 

Differentialdiagnostiscb Ist die Ähnlichkeit 
mit Psoriasis des Nagels, mit chronischem, 
trockenem Ekzem des Nagelbettes, mit der 
Onychia sikka syphilitika und mit der apttter 
noch zn erwähnenden Hyperkeratosis subun- 
gualis hervorzuheben. Betreffs der Lokalität 
selbst wird hier meist der Befund der mikro- 
•kt^isehen Gnteranehnng allein aufsteigende 
Zweifel zu lösen vermögen, da die entstande- 
nen klinischen Bilder so viel äbnlichkeit auf- 
weisen, daB Verwechslungen kaum zu vermei- 
den sind. Bei Becflcksichtigung der AfCektion 
der allgemeinen Decke überhaupt wird es 
aber oft ein Leichtes sein, den Prozeß an den 
Ntgeln richtig za deuten, da einerseits sowohl 
b« den Mykosen als audreraeits bei den 
nicht mykotischen Afiektionen, wie Psoriasis 



nnd Syphilis, noch anderweitige, in der 
gleichen Weise erkrankte Uaulstellen ange- 
troffen werden. Betreffs der dnrch Ekzem ent- 
standenen Onychie genflgt es sogar, die nächste 
Umgebung der Nägel in den Bereich der 
Untersuchung und Beracksicbtigung zu ziehen. 

Die eigentlichen Onychosen lassen sich 
als hypertrophische, atrophische und 
Paronychoaen einteilen. 

Bei der Hypenmychia sehen wir ein tlber- 
mäfiiges Anwachsen von NagelsubstanK ein- 
treten. Indem von der Nagelmatrix eine grö- 
ßere Menge von Homsabstanz sich entwickelt, 
wird der Nagel einerseits rascher wachaen, 
andrerseits aber auch an Dicke zunehmen; 
in manchen FäUen geschieht ea, daS er da- 
durch auch an Breite gewinnt Bei dieser Hy- 
perplasie behält der Nagel nicht seine normale 
Farbe und seinen wacheartigen Olanz bei, 
sondern, indem er dicker wird, wird er gelb, 
an der Oberfläche matt, nnd es zeigen sich 
nicht nur longitudinale, sondern auch quere 
RifEs. Die longitndinalen deuten in diesen ' 
Fällen darauf hin, daB nicht an allen Stellen 
dar Matrix die Homsnbstanz in gleicher Menge 
proliferiert wurde , sondern daS an einielneu 
Längareihen der Zapfen sich mehr Hommaase 
entwickelte, während an den dazwischen lie- 
genden diese Hyperplasie in geringerem Maße 
statthatte. Die queren Riffe, welche sogar bis 
zu einer Aufblfitterung des Nagels in der- 
selben Richtung fahren können, entstehen da- 
durch, daB die einzelnen, auf den vier oder 
f&nf qufiren, stufenförmig ttbereinandergela- 
gertan Paplllenreihen der Matrix produzierten 
Homlamellen miteinander nicht in innige Ver- 
bindnng treten, daB sie sich teilweise von- 
einander lösen and so aufgeworfene Ränder 
besitzen können. 

Dnrch Anseinanderweichen der hypertrophi- 
schen Nagelsubstanz an der Spitze drängt 
sich das vorder« Ende in den Nagelwall hinein 
and bietet au einet Erscheinung Anlafl, welche 
in anderen Fällen durch Kompression der 
das Nagelende umgebenden Weichteile her- 
voi^rufen wird und unter dem Namen des 
eingewachsenen Nagels (Inkarnatio unguis) 
bekannt ist. In leichten Fällen findet man 
den seitlichen Nagelrand von normaler Haut 
bedeckt, so daS nur ein Teil der vorderen 
freien Kante sichtbar ist, während die beiden 
Ecken durch die Weichteile verbargen werden. 
In voigerUckten Fällen ist die den Nagel be- 
deckende Haut entzündet, epidermislos und 
jener Stelle aus, wo der Nagel wie ein 
fremder Körper in die Weichteile hineinragt, 
sieht man oft blutig gemengten Eiter hervor- 
treten. Bei der bekannten hochgradigen Emp- 
findlichkeit der Finger- nnd Zehenepitien 
ist dieses Leiden, das am häufigsten die groBe 
Zehe beftUt, außerordentlich schmerzhaft QW^I^ 



31 



NAOELKRANKHEJTEN. 



dies nm so mehr, als die Last des Körpers 
nnd nnBere Beschnhnng Druck aaf die kranken 
Teile ansQben. 

Die dorCb Atrophie bedingten Nagelkrank- 
beiten führen eqf Verkünunemng nnd za 
endlichem Verlast des Nagels. 

Abgesehen von jenen Fällen, bei denen die 
Nftgel durch einwirkende fttzende Substanzen, 
besonders Alkalien , einer kontinuierlichen 
Mazeration und VeTflQssignng der Homaab- 
stanz nntetiiegen, finden wir das zweifellose 
Vorkommen von wirklicher Verringerong der 
Entwicklung der Nagelsnbstiknz von Seite der 
Matris. Bei diesem Viffgange erscheinen die 
Nagel wesentlich verdünnt, die Oberfläche 
ist nicht erhaben, sondern macht eher einer 
kleinen Vertiefung Platz; sie ist auch nicht 
glatt, sondern rauh, nnd häufig mit queren 
Anfstillpnngen der nicht ganz kohärenten 
Lamellen versehen. Die Farbe ist eine schmut- 
ziggrane. 

Gewöhnlich beobachtet mtm diese Verände- 
rungen über den ganzen Nagel gleichm&Big 
verbreitet; in manchen Fällen finden sie sich 
nur an einer Hälfte des Nagels vor, it^hrend 
die andere normal geblieben ist, in einer 
dritten Omppe aber sind sie gleichzeitig mit 
einer H^fperonjchie der angrenzenden Teile 
vergesellschaftet. 

Einer eigentOmlichen Form von atrophischen 
Wachstums Veränderungen , einer sozusagen 
zirkumskripten multiplen Atrophie, mflssen 
wir noch Erwähnung tun, über deren Ent- 
wicklnngaweise wir uns noch keineswegs 
Rechenschaft zu geben vermögen. Man sieht 
nämlich manchmal die Oberflä!cbe dea Nagels 
mit kleinen schwarzen Pünktchen in der Zahl 
von 10—80 besetzt, welche eich bei genauerer 
Betrachtung als kleine, isolierte Grübchen mit 
scharfem Rande erkennen lassen. Meist sind 
alle Fingernägel gleichzeitig mit diesen QrOb- 
chen bedeckt nnd hält diese Erscheinung 
durch lange Zeit, viele Monat«, ununterbrochen 
an. Im Übrigen behält der Nage] seine normale 
Farbe, den wachsartigen Glanz, ist mit einem 
Worte unverändert. 

In mehreren Fällen glanben wir mit Recht 
die Syphilis als die Ursache dieser Difformität 
ansehen zu können, weil sie gleichzeitig mit 
anderen syphilitischen Erscheinungen an der 
Haut auftrat und auf antisyphilitische Behand- 
lung schwand. Dagegen beobachteten wir an- 
dere Fälle, bei denen wir einen s;rphilitischen 
Eintlufi vollkommen ansschlieQen konnten und 
daher das Iieiden als ein idiopathisches auf- 
fassen muBten. 

Unter den Paronjchosen hätten wir die 
Onychogrypkoiia und die Syperkfratoata ew&- 
ungualig zu erwähnen, zwei Prozesse, welche 
häufig gleichzeitig miteinander vorkommen. 
Während bei der einfachen Hypertrophie 



dea Nagels nur von der Nagelmatris ans sich 
eine übermäßige Produktion von Homgewebe 
einstellt, finden wir, daB bei der On jchogrypho- 
ais auch noch Wucherung der Epidermis des 
Nagelbettes Platz greift und an den dadurch 
hervorgerufenen Entstellungen kontribniert. 

Wie bereits oben erwähnt, erstreckt sich ein 
Teil der die Fingerspitze bedeckenden Hom- 
schichte der Oberhaut, jener Schichte, welche 
Unna die mittlere nnd snperbasale nennt, 
auch noch nnter den Nagel, während der 
oberflächlichste Teil des Stratum komenm 
sich an der Berührungsatelle mit dem Nagel 
umstülpt nnd mit ihm wieder nach vorne 
zieht. Der nnter den Nagel sich erstreckende 
Teil der Epidermis inseriert sich an dem vor- 
deren Bande der Lunnla und bedingt, wie 
wir glauben, die Verschiedenheit des Kolorit« 
an den beiden Teilen des Nagels. 

Bei der Onychogryphosis nun sieht man 
ganz deutlich, daß diese nnter den Nagel 
sich erstreckende Epidermis, die nur ein 
dünnes, zartes Häutchen darstellen sollte , an 
Menge wesentlich zunimmt; in Fällen leich- 
teren Oradea sieht man sie als üne messer- 
rückendicke, gelbliche oder graue, ziemlich feat 
adbärente, blätterige Masse an dem vorderen 
Ende des NageU. Dieser Zustand, welcher ent- 
weder idiopathisch, ohne una bekannte veran- 
lassende Ursachen auftritt, oder audi die Folge 
allgemeiner Ichthyosis, Psoriasis, Liehen ruuer 
sein kann, sowie dttrch unter den Nägeln ent- 
wickelte Hühneraugen entsteht, kann lange Zeit 
in niederen Graden verharren und endlich auf 
dieser Stufe heilen. Nimmt er aber an Inten- 
sität zu und entwickelt sich gleichzeitig eine 
Hyperonychose, so kann man beobachten, daB 
der verdickte Nagel zuerst nach oben empor- 
gehoben wird und eine Richtung einschlägt, 
welche senkrecht auf der normalen Wachs- 
tumsrichtung steht. Der Nagel wird dabei 
nicht nur emporgehoben, sondern auch teil- 
weise in dem gleichmäfiigen Vorschieben seiner 
Lamellen gehemmt; die tieferen Lamellen, 
welche direkt an die eiculzerierte, subunguale 
Epidermis anstofien, erleiden einen Druck, in- 
folgedessen sich quere Rifielungen mit Anf- 
btätteruugen einstellen. Bei fortschreitendem 
Wachstume hebt sich der Nagel über die 
epitheliale Barre hinweg, verläBt aber gleich- 
zeitig seine eingeschlagene Richtnng nach 
oben, irtchet nicht nur nach vorwärts, sondern 
krttmmt sich auch wesentlich nach nnten und 
kann, wenn er früher nicht abgeschnitten 
wurde, neuerdings aber dann in die untere 
Fläche der Zehe hineinwachsen. Die Ursache 
dieser Krümmung liegt in der andanemden 
Hemmung im Verwachsen der tieferen Lamel- 
len des Nagels, Über welche die oberfläch- 
lichen, denen kein oder nur ein geringes 
Hindernis im Wege steht, vorgeschoben werden. 



NAGEL KHANKHEITEN. 



Dementspracheud findet man aach das Ende 
des Nagels an seiner oberen FlAche weiter 
TOistetlen als «n seiner nnteren. 

Die Farbe dieser hornartig entwickelten 
Nftgel iet immer eine ecttmntzig-gr&agrtln- 
liehe, ihre H&rte eine hoch entwickelte, ihre 
L&nge bis za 2 oder 3 2k>U messend, der Stand- 
ort gewöhnlich die groBe Zehe. Die Zeit, welche 
zur Entwicklung einer hochgradigen Onychi 
gryphoais in Anspruch genommen wird, ist 
stets eine sehr lange. Es vergehen Jahre, bis 
das geschilderte homartige Clebilde zustande 
gekommen ist. 

Die Drsachen, welche die Onychc^yphosie 
herrormfen, sind noch nicht zur Qenllge ge- 
kannt Der Dmstand, daS es gewöhnlich sehr 
Ternachl&saigts , schmutzige, herabgekommene 
Individnen sind, welche daa gröSte Kontingent 
der mit dieser ASektion behafteten Leute 
stellen, laßt annehmen, daB einerseits mangel- 
hafte Pflege und Reinlichkeit, andrerseits aber 
aach schlechtes, durch Nisse hart gewordenes 
Schnbzeng, welches darch Druck Reiznngs- 
EDsUnde an der Matrix herrormft, za diesen 
Erseheinangen fahren. 

Endlich kommt noch eine eigentOmliche Er- 
krankung vor, welche nicht die Nagelplatte als 
solche, sondern bloB die unter ihr hinziehende 
Epidermis betrifFt, und der von RasaA Jon. 
seinerzeit der^Biiae SyperkeraloiU gubimgualit 
gegeben wurde. Man sieht dabei, dai einzelne 
oder s&mtlicha Fingernägel ergriffen sind, und 
ganz ähnlich wie diese, sind es auch oft die 
Nftgal an den Zehen. Dabei tiRt vor allem 
anderen auf, daS zwischen dem Nagel nnd dem 
onterliegenden Bindegewebe eine grane oder 
grOnlich-schw&nliche Masse eingeschoben ist, 
deren Dicke zwischen 1 nnd önun variiert. 
Diese Einlage l&fit sich mit einem spitzigen 
Inatnunente mit geringerer EraftAnstrengang 
als wne bUtteriga Masse unter dem Nagel 
hervorholen. Ganz deutlich siebt man, daS 
sie den Nagel hebt, daß dieser dartkber hin- 
weg geschoben werden muB nnd jenseits der- 
selben an dem (reien Fingerrande weiter nach 
oben wächst, Toraosgesetzt , daB er onge- 
sctmitten geblieben ist. Der bloBe Anblick der 
hervorgeholten, blätterförmig zerfallenden Oe- 
webspartjen lehrt, dafi man es mit einer Ver- 
dickung der Epidermis, mit einer Wncherong 
ibrea verhornten Stratums zn ton hat Diese 
Wachemng erstreckt sich von der Spitze ans 
Terschieden weit nnter den Nagel; bei den- 
jenigen Fingern, an denen das Leiden jüngeren 
Datums ist, reicht sie nnr einige Millimeter 
weit unter den Nagel hin; mit der Zeit dringt 
sie bis an die Lnnula vor. Der Daner der 
Krankheit entsprechend, haben sich auch 
VeAnderungen am Nagel selbst eingestellt; 
während an jenen Nägdn, bei denen das Übel 
erst jüngeren Datums ist, die Oberfläche des 



graugrflnen Unterlage eine dnnklare geworden 
ist, findet man an anderen, an denen die Krank- 
heit zuerst aufgetreten war, bereits eine lamell5s- 
rissige Oberfläche. Am stärksten zeigt sich 
dieses Abblättern an der Grenze der Lnnnla. 
also dort, wo der Nagel an dieses gewncherte 
epidermidale Stratum gelangte nnd von dem- 
selben aus seiner normalen Wachstnmsrichtnng 
verdrängt wurde. 

Betreffs der Differentialdiagnose dieser Form 
von Onyohose, von Psoriasis und Onychomy- 
kosen gilt das bereits oben Erwähnte. 

Therapie. Wahrend das Lenkoma un- 
gnale sowie die bei Ichthyosis, Psoriasis etz. 
und nach Skarlatina und Verletzungen, zumal 
Quetschungen, auftretende Atrophie der 
Nägel eine Behandlung weder beanspradien 
noch therapeutisch beeinfluflt werden können, 
ist gegen die Entzündung der N^elsnbalanz 
und des sie umgebenden Gewebes (Onychia 
nnd Paronychia) antiphlogistisch zu ver- 
fahren. Nach Verletzungen werden sich Um- 
schlage mit Aq. Qoulardi, essigsaurer Tonerde 
nnd antiseptischen Lösungen empfehlen. Ab- 
gelöste Nagelteile sind nnr dann zu ent- 
fernen, wenn sie nicht mehr zn erhalten sind 
oder die Umgebung reizen. Zwischen Nagel- 
blatt und Matrix eingedrungene Fremd- 
körper (s.d.) sind möglichst frühzeitig zn 
extrahieren. Fungöse Wucherungen im Ver- 
laufe der Entzündungeo des Nagelblattes emp- 
fiehlt ScHwiMHifR durch Aufstreuen von Ahi- 
Knpmm snlfurikum mit Pulv. gummös. 
(1 : 10) zu entfernen nnd Ätzmittel zu meiden. 
Gleichzeitig sind Lokalbäder mit Znsatz 
Schwefelleber, Sublimat (0'5 : 1000) 
den. Die im Verlaufe konstitutioneller Erkran' 
knngen, zumal Syphilis und Skrofulöse, auf- 
tretenden N. erheischen neben lokaler Behajid- 
Inng (Auflegen von Elmplastrum hydrargyri, 
Jodein pinselungen, Sublimatbäder, Schutz der 
erkrankten Partien durch Verbände) Therapi 
des Grandleidens. (S. a. „Eingewachsener 
Nagel".) 

Die Behandlung der Nagelhypertrophie 
besteht in KOrznngder vorstehenden Nagelenden 
mit starker Schere, Erweichung desNagelsdnrch 
Kleien- und Sodabäder, Bedeckung desselben 
lit erweichenden Pflastern (Ung. emoUiens, 
apermat. cet.). PüaKHAuuB hat in jüngster Zeit 
Abschabang des verdickten Nagels mit 
n QlasBcberbeu empfohlen, nachdem der 
NBgelmiteiner40°'oigenKalikaaBtikam-LÖBung 
befeuchtet worden. Bei Auftreten von Ent- 
lündungserscheinungen ist die bei Onychie 
(s. o.) angedeutete Therapie anzuwenden. Bei 
Hypertrophien der Nagelsubstanz, welche im 
Gefolge chronischer Hautkrankheiten (Ekzem, 
etz.) auftreten, hat Schwiumeb von 



NAGELKRANKHEITEN. - NAHT, 



36 



KaatschakfingeTÜngen, welclie dnrch IS Stna- 
den getragen werden, dem Glied« jedoch nicht 
zn fest anliegen dürfen, treffliche Erfolge ge- 
sehen. — Parasitäre N. (Onyohomykoais), 
dntch die Erreger des Favus und Heipe« 
tonBorans erzeugt , heilen hei aor^fftltiger 
Nagelpflege und Beinlichkeit wohl spontan. 
Von Antiparasitizis empfiehlt Sc-hwikuer Sab- 
limat in Form von Blldem und Einpin Belangen. 

FlNGGH-BltAIJDWEraEa. 

N&ht. Die Vereinigong von Oewebs- 
trennungen durch die bintige N. (die soge- 
nannte „onblatige N," durch Klebemittel, 
Binden etz. wird bei „Verb&nde" abgehandelt) 
wird vorgenommen, um die Verklebnng zweier 
Wundfiftchen dnrch Aneinanderhalten der- 
selben zu erreichen. Werden frische, zur 
Heilang prima intentione geeignete Wnnd- 
flächen vem&ht, so spricht man von einer 
Prim&rnaht im Gegensätze zur Seknndär- 
naht, welche bestimmt ist, granulierende, 
bzw. angefriachte Flüchen zu vereinigen. Innere 
oder versenkt« Wondnähte nennen wir solche, 
welche in der Tiefe der Wunde angelegt werden, 
änSere oder oberflächliche N. diejenigen, welche 
die Oberfläche der Wunde vereinigen, — Neben 
vollständiger Beherrschung der Technik und 
tadellosem Materiale setzt die Wundnaht 
strenge Antisepsis, resp. Asepsis voraoB, soU 
ihr Zweck nicht vereitelt werden. 

I. Wundnaht im engeren Sinne. 

Dieselbe (Fig. 1) steUt die Vereinigung der 
Wnnde mittelst eines dnrch die Wundlippen 



geführten Fadens dar und ist die gebrSiich- 
lichste aller Nahtmethoden. Das zu ihrer Aus- 
fdhrung benötigt« Instramentarium be- 
steht aus Nadeln, F&den, eventuell den znr 
bequemeren Handhabung der ersteren be- 
stimmten Nadelhaltem. Die zu chirnrgiBchen 
Zwecken benutzten gebogenen oder geraden 
Nadeln besitzen eine etwa ein Dritteil der 



Gesamtlänge einnehmende dönne, lanzeniör- 
mige, zweischneidige Spitze und ein gerinntea, 
bei kleinen Nadeln in der lAngsachse, bei 
groBen Nadehi quer stehendes Ohr. Fig, 2 
stellt krumme, halbkrumme nnd gerade Nadeln 
dar. Gröfie und Krümmung der anzuwendenden 
Nadeln variieren nach Ausdehnung der Wunde 
und Beschaffenheit des Teils. Falls ^n- und Aus- 




// 



stichöfäiung nahe aneinander treffen sollen, 
sind möglichst stark gekrümmt« Nadeln an- 
gezeigt. OberflSch liebe, breit angelegte N. be- 
dingen halbgekrümmte oder gerade Nadeln. 

Als Nahmaterial ist Seide oder Zwirn am 
meisten zu empfehlen, weil dies Material sich 
jederzeit durch Wasserdampf oder Auskochen 
sterilisieren l&Qt. Für versenkte NOhte ist 
Katgut nicht zu entbehren, obwohl die Frag« 
der Herstellung eines absolut sicher keim- 
freien Katgut noch nicht gelöst ist trotz der 
zahllosen bi.:rfür angegebenen Methoden. Zu 
empfehlen sind: das Kumolkatgut (Kb6»m), 
das Silberkatgut (CaEot), das Jodkatgat(Cun- 
Divs) und da« in siedendem Alkohol sterili- 
sierte Katgut (ScBliTEB, Kabewski). 

Für Knochenn&hte ist Silber- oder Ala- 
miniumbronzedraht erforderlich. Die Bohr- 
löcher werden mit Handbohrem oder Motor- 
bohrem hei^eatellt. 

Brauchbare Nadelhalter existieren in den 
verschiedensten Modellen. Am meisten in Ge- 
brauch sind zurzeit neben dem einfachen 
Nadelhalter von Lakoknbkcb die Modelle von 

IliOKDOKN, STII.r.K Uud DoYKJi. 

Die Ausführung der Knopfnaht bedingt 
folgende Kegeln: Nachdem die Nadel mit dem 
Faden versehen worden, welcher, falls er ein- 
fach genommen wird, auf einer Seit« der 
Nadel länger beiaasen wurde als auf der an- 
deren, falls et aber doppelt genommen werden 
soll, von der Nadel halbiert wird, ergreift 
man die Nadel derart, daB der Daumen auf 



37 

der konJuiTen, Zeige- und Mittelfinger anf der 
koRTexen Flftche rohen oder — falls 
Nadelhalter benfttzt nnd mit der rechten 
Hand geführt wird ~ daB die Spitze nach 
links , ihre Konkavit&t nach vom sieht, setzt 
die Spitze der Nadel Beokrecbt aof die Ein- 
Bttchatelle des eventaell mit einer in dei 
linlcen Hand rahenden Pinzette gespannten 
Wondrandee nnd treibt sie von anfien nach 
innen dnrch den einen nnd von innen 
auBeo durch den anderen Wnndtand. Bei ober- 
fifichlichen Wunden kann man die Nadel 
einem Tempo dnrch beide, roit den Fingern 
gegeneinander gedrückte Wnndrftrder führen. 
Bei sehr tiefen Wunden Kdelt man jedes der 
beiden Fadenenden in eine Nadel and sticht 




ron innen nach auBen, die eine Nadel durch 
den rechten, die andere durch den linken 
Wnndrand. Nach vollzogenem Ansstiche der 
Nadel wird der Faden nachgezogen nnd von 
der Nadel gelöst oder am Nadelende dnrch- 
Bchnitten, unter Ann&herung der Wundrtnder 
geknotet nnd die FUen nicht zu nah an den 
Knoten abgeschnitten. Die Enotnng erfolgt 
mit AoBscbluB des , Weiberknoten s' (Fig. 3 a) 
dortüi den .Schiffer-" oder durch den „chimr- 
gischen' Snoten (Fig. 3 b nnd c). Der zweite 
Knoten darf erst geknüpftwerden, nachdem man 
eich Ton der richtigen Lage der äntnr nnd 
der Wnndiftnder übwzeugt hat Metalln&hte 
werden, wenn sie sehr fein sind, wie Seiden- 
n&hte geknotet oder mit der Hand zusammen- 
gedreht; sUrkere mftssen mit der Komzange 
oder eigenen Schlingenschnürem eingedreht 



HT. S8 

werden. Die Fftden dOrfen nicht auf der 
Wnnde selbst geknüpft werden, sondern be- 
finden sich obertialb des Ein- oder Ansstiches 
der Nadel, am besten auf der Seile der gtö- 
Seren Spannong oder abwechselnd auf bei- 
den Seiten der Nahtlinie. Man kann mit der 
£nftpfang des Fadens warten, bis alle Satnt«D 
dnrch die Wundrftnder gezogen sind nnd so- 
dann eine nach der anderen knoten. Bei N. 
an Wnnden , deren prima intentio nicht mit 
Wahrscheinlichkeit zu erwarten ist, IsBt man 
die durchzogenen Fftden hegen , tamponiert 
die Wunde mit Jodoformgaze nnd knotet erst, 
nachdem der aseptische Verlauf der Wnnd- 
beilung gesichert ist , nach 3—4 Tagen (ae- 
kundftre N., s. o.). Umstülpnng der Wuud- 
r&nder nach innen wird durch leichten Druck 
mit den geschlossenen Branchen der Pinzette, 
sicherer dnrch tiefe Führnng der Nadel behnfs 
Vordr&ngong der Unterlage verhütet, grofie 
Spannung der N. dotch Einschaltung weit 
aosgreifender, mit halbgekrömmter Nadel aas- 
geführter „EntapannnngBnahte" (Fig. 4), wel- 
che mit den HeftnUiten abwechseln. Die Zahl 
der letzteren richtet sich nach der OröBe der 



■f+4- 



Wnnde nnd Spannung der Wnndrftnder; ihr 
gegenseitiger Abstand soll 1—2 cm nicht Über- 
steigen nnd die WnndrUnder anch in den 
Zwischenrftnmen der N. eng aneinander liegen; 
je gröfier die Spannung der Wnndr&nder, 
desto gröfier die Zahl der N. Welche Teile 
der Wnnde zuerst vereinigt werden sollen, 
ist bei gleich langen WundAndern belanglos. 
Sind dieselben nicht kongment, so empfiehlt 
es sich, die erste Satnr in der Mitte beider 
Rftnder anznl^en nnd gegen die beiden Elnden 
fortzuschreiten. Hierbei wird der längere Wund- 
rand in Falten gelegt, nm auf die Ansdehnnng 
des kürzeren reduziert zu werden. Bei Wnnd- 
rftndern verschiedener Dicke ist die Nireaa- 
differenz dadurch aoszngleicbeD , daß der 
dickere Wandrand so nahe an seinem Blande 
durchstochen wird, als die Höhe des dünneren 
Wandrandes betrfigt nnd omgekehrt Bei 
winkeligen Wnnden soll die erst» N. im Wnnd- 
Winkel, bei halbkreisförmigen Wnnden in der 
Mitte des Halbkreises angel^ werden. Nicht 
selten — znmal bei bereite ii^zierten Wanden 
and dort, wo man befürchten mnB, daß Blat- 
verhaltni^ hinter der N. erfolgt — ist die N. 
mit der Drainage(B. d.)zn Yerbinden, indem 
man zwischen die N. eine oder mehrereol^ 



Drainröhren in die Nfthtlinie einlegt, dieselben 
eientnell durch die Drainröhte mitfaeBende 
Knopfn&hte befestigt, oder indem m&n den unte- 
ren Wandwinkel offen lILBt ond in denselben 
ein Dninrohr oder einen sterilen GazeBtreifen 
einleg:t. Soll der guize Qnmd der oberflächlich 
Tem&hten Wände drainiert werden, so k 
man ein gelochtes Drainrohr hinter die 
legen, welche an den beiden offen gelasse 
Wondenden mbndet (KOnio). Eine andere Naht- 



Fif-i. 




metbode «teilt die fortlaufende N. dar, 
welche mit einer Nadel nnd einem Faden ohne 
DnterbrachoDg ausgeführt wird. Die N. nmgibt 
die Wunde entweder spiralig (Kftrschner- 
naht, Fig. Ö) oder der Faden verläuft nur 
unterhalb der Wunde, ohne deren Oberfl&che 
zu Qberbritcken (Matratzennaht, Fig. 6). — 
BehnfB Entfernung des Fadene(E. o.)wird 
derselbe dicht über der StichÖffiiung auf jener 



Seite der Nahtlinie mit feiner Schere (dickere 
MetallAden mit der Knei&ange) durchschnitten, 
auf welcher der Knoten nicht liegt, letzterer 
mit der Pinzette erfaCt nnd in der Richtung 
der Sntnr ausgezogen. Die Durchschneidung 
des Fadens muß knapp an der Hautober- 
fl&che erfolgen, damit der Stichkanal durch 
das Durchziehen des frei gelegenen, beachmuts- 
ten Fadens nicht infiziert werde. — Von den 
flblen Zufallen der N. ist zunftchst die 



IT. 40 

durch strenge Antisepsis zu vermeidende 
Eiterung der Stichkanile hervorzuheben, in- 
folge welcher hBBliche Narben reanltierea oder 
die Vereinigong verhindert wird. Die N. 
mttasen entfernt nnd dorcb Anfstreuen von 
Xeroform pul Ter oder durch fenohte Verbände 
für Vemarbnng der Stichkaaftle gesorgt wer- 
den. Klafft die Wunde nach Entfernung der 
N., zeigt aber Heiltendenz , so kann man se- 
kundäre N. aidegen; im anderen Falle mnfi 
die Hoftnnng auf prima intentio angegeben 
werden. Durchschneiden der N. und Nekrose 
der Wnndr&nder werden durch Vermeidung 
jeder Spannung und Anlegung von Entspan- 
iten verhQtet; beide Ereignisse be- 
dingen Entfernung der N. — S. a. ,Damm- 

Der Vollständigkeit halber seien ^och die 
selten mehr zur Anwendung kommenden Me- 
thoden der mnschlnngenen oder Stiftnaht, der 
Zapfen-, Platten- und Perlnaht an dieser 
Stelle erw&hnt. Sie haben fast nur historisches 
Interesse. 

Bez&glich der Darmnaht s. den Artikel 
pDarmoperationen". 

n. SetmoniUlbt. Die primäre Vereinigung 
quer dorcb scbnittener Sehnen, dnrch welche 
die Fnnktionsflhigkeit dee Muskels erhalten 
wird, ist selbst in frischen Fällen mit großen, 
durch die Retraktion des zentralen Sehnen- 
endes bedingten Schwierigkeiten verknüpft, 
sucht das retrafiierte Ende durch zentri- 
fugales Streidien des MaskelbancheB (Volk- 
zentrifogale elastische Entwicklung 
(Bosb), durch Einführung scharfer Häkchen 

die Sehnenscheide (Nicolidomi) zu nähern, 
ist jedoch häufig erst nach Spaltung der 
Weichteile imstande , die retrahierte Sehne 
erreichen, Ist bereits längere Zeit seit der 
Verletzung verstrichen oder handelt es sich 
Sekundäroperation nvch Etabliemng 
der Narbe , so mofi die Sehne sorgfältig frei- 
präpariert werden. Erweist sich das zentrale 
Sehnenende zu kurz, um mit dem peripheren 
vernäht werden zu können, so muS eine aus- 
gedehnte FreipAparierung vorgenommen wer^ 
liehe jedoch die Ernährung der Sehne 
nicht bedrohen darf. Liegt die Verletzong teil- 
im Bereiche des Muskelbanches, kann 
das periphere Ende in den auffrischten Bauch 
des Nachbarmnskels eingepflanzt werden (I>Cb- 
Die Anaführnng der Tenorhaphie er- 
folgt, indem die beiden Sehnenenden durch 
oder mehrere mit seitlich abgeplatteten, 
gekrttmmten Nadeln (Haobdorm) angelegte 
Seidenknopf nähte vereinigt werden, Hvictbii 

ipfiehlt, nicht die schlecht ernährten Schnitt- 
flächen direkt aufeinander zu nähen, sondern 
die geAB- nnd zellenreiche, bindegewebige 
Holle der Sehnen, das Peritendinenm, zn ver- 
einigen (Fig. 7). WiTZRL legt, am das Dnrch- 



41 



NAHT. - SARKOSE. 



42 



schneiden der EHden ta verhBten, Ion 
der Schnittfl&che entferot, iHalteechlingen' 
ron Katgat qner durch die SehnenatOmpEs, 
welche, wahrend der Vereinigung dorch Enopf- 
n&hte erfolgt, in gekränzter Richtnng ange- 
zogen and hier&nf geknotet werden. 

HL NerreDIiaht. Vor Anlegung der N. 
mnB eine sorgfältige Ol&ttang der Schnitt- 
flftchen mit scharfer Schere vorgenommen 
werden, am alle zerqDetocbten Nerrenanden 

Fig. J. 



za entfernen, wobei NeirenBabstanz mögliclut 
zn schonen ist Unverletzt gebliebene Nerven- 
fasern därfen nicht durchschnitten werden. 
Bei Bekund&rer Nervennaht sind die datcb- 
icbnittenen Nervenenden in der Narbe anfzQ- 
snchen, zu IQsen nnd die vernarbten Stfimpfe 
in resezieren. — Als Nihmateriale wird teinea 
Eatgnt oder feinste Seide, von Nadeln werden 
feine, mehr oder weniger gekrflmmte Nadeln, 
fftr die direkte N. (a. u.) mit Vorteil die von 
WoLBia« angegebene, seitlich abgeflachte Ner- 
vennadel (Fig. 8) verwendet Die N. werden 

Fig. ». Kg. 10. 



entweder durch das paranenrottache Binde- 
gewebe gelegt — indirekte N. (Fig. 9) — 
oder durchdringen den Nervenstamm selbst 
— direktes. (Fig. 10). Erstere vermeidet 
jede emeate Qnetschang nnd Trennung von 
Kervenfaaem, steht jedoch an Effekt der leti- 
teren nach, welche die Schnittflftchen der ein- 
zebien Nervenfibrillen besser miteinander ver- 
bindet Eine Kombination beider Methoden 
wnrde von TiLLMAmig empfohlen, welcher die 
direkte N. nicht dnrcb die ganze Dicke der 
KervenstOmpfe, sondern nnr seitlich dnrch 



die Nervenscheide nnd oberflächliche Merven- 
anbatanz legt und za beiden Seiten eine ent- 
spannende paranenrotiBche N. folgen MBt 

NarkOM. (Uhatationsnarkose.) 
Chloroform. Der Oang einer richtig gelei- 
teten Chloroformnarkoae ist bei gesandan 
Menschen folgender; Zuerst sieht man als 
lokale Wirkung Reiznng der Schlaimhant des 
ÄngM, des Mondes und der Nase, die event 
Hnsten erzengen kann; die deshalb empfohlene 
Kokainiaiemng der Nasenschleimhant ist beim 
Henachen ganz nnnOtz, Sodann wird meist 
ein Stadium der ^Erregnng' beobachtet, in 
dem die Patienten unrohig sind, gerötetes 
Gesicht haben, nnd in dem der Pnls bescblea- 
nigt ist ' Bei Potatoren steigert sich die Dn- 
mhe zn förmlichen TobenchtsanßlUen. Dorcb 
weitere Zufuhr von Chloroform wird dieses 
Stadium gewöhnlich schnell äberwunden, die 
N. wird dann tiefer, die Zahl der Atem- 
züge nnd Poisschlftge nimmt ah, das Gesicht 
wird blafi, nnd bald ftngt auch die Schmerz- 
empfindoug an zu schwinden, die Papille wird 
eng; s[Ater erlöschen aach die Reflexe (an 
dem Eomealreflex za prüfen) nnd der Tooos 
der Maskalatar hört anf; dieser Zustand tiefster 
N. mnB fOr jede größer« Oparation erreicht 
werden ; man kann ihn, wenn nnr soviel 
Chloroform ala unbedingt notwendig zugeführt 
wird, l&ngere Zeit unterhalten, ohne dafi direkte 
Lebensgefahr entsteht. Fttr die Art, in der 
Chloroform gegeben werden soll, ist folgendes 
za beachten: Ffir die Oefthclicbkeit desChloro- 
ist weniger die wgjirend einer N. ver- 
brauchte absolute Menge ansschlaggebend, als 
vielmehr der Qehalt dar Atmnngslnft an Cbloro- 
formd&mpfen: wird der fbr die Narkose not- 
wendige Gehalt auch nur um ein geringes 
flberschritten, so I&nitman sofort Gefahr, eine 
schwere Intoxikation zn bekommen. Es wird 
deshalb Jetzt fast allgemein die sogenannte 
Tropfmethode angewendet : das Chloroform wird 
tropfenweise auf die Maske aufgegossen, 
zuerst zirka 16—20 Tropfen in der Minute, 
ipBAer noch weniger. — Ist zuviel Cbloroform 
gegeben worden, so sieht man die Haut blaB- 
zjanotisch werden, die Papille wird plötzlich 
weit, der Pnls wird klein und meist sehr 
freqnent, die Atmung wird seltener und hört 
ganz anf; jetzt ist der Kranke meist durcli 
kOnatliche Atmung in frischer Laft (Fenster 
öffiien!) nnd starke Hantreize (Schlagen mit 
kalten TOchem) noch zn retten : nach 
einiger Zeit atmet er wieder spontan und der 
Puls bessert sich. Ist aber die Vergiftung be- 
reits soweit fortgeschritten, dafl das Herz still- 
steht (Synkope), so ist fast stets Rettung nicht 
mehr möglich. Ala Dttimum refnginm wird 
hier noch HerzmBSsage(vonaaBen, eventuell 
nach ErfiShung des Abdomens durch das Q Iq 



43 



NARKOSE. — NÄBKOSELÄHMÖNG. 



44 



Zwerchfell oder Bogar nach Eröffnimg des 
Thorax direkt) anzuwenden sein; aof Onind 
TOn Tierexperimenien ist neaerdingB die Injek- 
tion von Saprarenin in den Herzninskel selbst 
empfohlen worden; die verzweifelte Situation 
würde sicheriich anch ein solches Vorgehen 
entachnldhar machen. Eine Ersticknng ist 
manchmal w&hrend sehr tiefer Narkosen da- 
durch zustande gekommen, daB die Zunge 
nach hinten sank und den Kehlkopfeingang 
verlegte; ebenso auch durch Hinabgleiten künst- 
licher Oehisse. — In seltenen F&Uen ist eine 
tödliche Hensrnkope fest unmittelbar nach 
dem Beginne der Chloroformiemng eingetreten : 
bei einigen von diesen FU14n waren patholo- 
^sche Herzver&nderuugen , die einen solchen 
äblen Zufall erklären können , vorhanden , 
anderen nicht; in diesen ist wahrscheinlich 
zuviel Chloroform auf einmal auf die Uaske 
gegossen worden , und der so erzeugte 
hohe Gebalt der Atmnngsinft rief eine Herz- 
lUimung hervor. — Als Nachwirkung der 
Cbloroformnarkose tritt sehr hftnüg Erbrechen 
auf, das auch vielfach beim Einleiten der Be- 
tSubung stdrend sich bemerkbar macht; hier 
liegt auch die Gefahr der Aspiration des 
Erbrochenen vor. Von Nachkrankheiten wird 
in einem groQen Teil der Iftnger dauernden 
Chloroformnarkoaen Albnmen im Drin beob- 
achtet; doch ist die Nierenschädignng fast 
stets nur eine vorübergehende; im Tierexperi- 
ment sind allerdings auch schwere Degenera- 
tionen von Leber and Niere festgestellt worden. 
Die relativ häufigen lobularen Pneumonien sind 
wohl ab Aspirationspnenmonien anfznfasaen. 
Als Kontraindikationen gegen die An- 
wendung des Chloroform gelten vor allem 
schwerere Herzaffektionen nnd vorgerücktes 
Alter; ebenso ist Chloroform, wie wohl ilber- 
hanpt jede Art von Inhalationsnarkose bei 
Diabetikern zu vermeiden. 

Äther. Der Eintritt der Narkose erfolgt 
bei Atheranwendung etwas spftter als beim 
Chloroform, auch ist die Ezzitation wohl 
im allgemeinen gröQer, sonst ist der Ver- 
lanf der N. im ganzen derselbe wie beim 
Chloroform. Um daa bei Äther ziemlich lange 
Äofregungsatadium abzukürzen , wnrde viel- 
fach Äther mit Hilfe von Masken gegeben, 
die dem Gesichte fest anlagen; dadurch wurde 
ein höherer Gehalt an Ätherdampf in der 
Atmnngsinft erzielt, als es sonst bei der hohen 
Flüchtigkeit des Äthers möglich ist. Nun hat 
zwar dieser höhere Äthergehalt nicht soviel 
zn bedeuten wie beim Chloroform; die Grenzen 
der wirksamen und der gei%brlichen Konzen- 
tration sind beim Äther erheblich weiter von 
einander entfernt ah bei diesem. Han kann 
deshalb tatsächlich Äther ohne wirkliche Ge- 
taia in relativ gröBeren Mengen anf die Maske 
giefien. Aber nötig ist dies, wie die Erfahmng 



gezeigt hat, nicht; man kommt auch beim 
Äther mit der Tropfmethode ans. Der Hanpt- 
voizng des Äthers vor Chloroform liegt darin, 
d&S der erstere in bereits zor N, ausreichender 
Menge die Zirknlation (Herz nnd vasomotori- 
sches Zentmm) nicht stark schwftcht. Dagegen 
verursacht Äther eine reichliche Sekretion der 
Schleimh&nte in den Luftwegen , so daB es 
wahrend der N. zu stertorösem Atmen kommen 
kann nnd nachher relativ häufig zu postope- 
rativen LnngenaCtektionen. Von einigen Chir- 
urgen wird eine Kombination von Chloroform 
und Äther bevorzugt; sie geben za Beginn 
Chloroform nnd dann , wenn N. eingetreten 
ist, Äther. 

Brom!lther(Aetherbromatns,Äthylbroroid). 
Mit diesem Präparat ist eine tiefe N., wie 
sie für gröBere Operationen notwendig ist, 
nicht zu erzielen; Reflexe und Muskeltonas 
bleiben erhalten. Dagegen eignet es sich für 
kleinere Eingriffe; besonders bevorzugt wird 
es bei Zabnextraktionen. Es ist relativ nnge- 
Rhrlich, aber doch mufl auch hier Vorsicht 
angewendet werden, da es doch schon mehr- 
fach den Tod verursacht hat. Die leichte N. 
tritt schnell ein und vergeht anch nieder 
schnell; dieNachwirkungen sind nicht erheblich. 

Chloräthyl. Ist nenerdings mehrfach als 
Inhalationaanästhetikam empfohlen worden ; 
da aber trotz nivht sehr zahlreicher Anwendung 
schon mehrere TodeafUle durch das Mittel 
verursacht worden sind, ist sein Gebranch 
ZD widerraten. 

StickosTdul (Nitrogenium oirdulatnm), 
ein farbloses Gas, eizengt eine Naricose nur, 
wenn es unverdünnt eingeatmet wird nnd ist 
daher so nor für kurzdauernde Operationen 
anwendbar, da ja sonst Erstickung eintreten 
würde. Mischt man 4 Volnmteile des Stick- 
oxyduls mit 1 Volumen Sauerstoff (wofür be- 
sondere Apparate existieren) , so ist mit dem 
Qemisch zwar keine N., aber doch eine eben- 
follsfür kleinere Operationen anareichende Anal- 
gesie zn erzielen. Mischt man es mit Lnft 
(Lachgas) und läßt es in einer pneumatischen 
Kammer unter Druck einatmen, so kann man 
tiefe N. erhalten. — Das Stickoxjdnl ist das 
unge&hrlichsta aller Inhalationsnarkotika. 

BiBKBFELD. 

NarkOielähmOng. Unter N. versteht 
mem die Lilhmnngen, welche bei Gelegenheit 
' Allgemeinnarkose nnd nntcr dem Ein- 
flüsse eines Narkotikums unter bestimmten 
Verhältnissen eintreten. Man mtiB zentrale and 
periphere Lähmungen unterscheiden. Die zen- 
tralen Lahmnngen sind wesentlich seltener, »ie 
kommen insbesondere bei arteriosklerotischen, 
anämischen und kachektischen Indiridnen vor, 
und zwar kommt es unter der toxischen Ein- 
wirkung des Narkotikums (bisher gibt es 
über Chloroform und Äther Beobachtungen) 



45 



NARKOSELÄHMUNO. — NASEN BEIN FRAKTUR, 



46 



nnd der Kongestion za Blntoiigen ine Oehim, 
anch Thrombosen nnd emboliscbe Proeease 
eind möglieb mit aekandftren Erweicbanj^ 
herden. Die Symptomatologie dieser F&lle ent- 
spricht denen der Hemiplegien ans anderen 
Un&chen. Die Diagnose hat festzastellen , ob 
es sich um zentrale oder periphere lAhmnng 
bändelt. Es sollen zanächst die periphereo 
LfthmoDgen besprochen werden. Es wnrde 
Eoerst von Bbadh nnd später von BCdinoici 
daraof hingewiesen, daß sich bei Personen. 
die längere Zeit in Chloroformoarkoae gelegen 
hatten, StCrmigen an den oberen Extremitäten 
tandea, diese denteten aaf eine Schädigung 
des Fleinü brachialis oder einzelner Nerven 
des Armes hin^ diese konnten entweder in 
PaAsthesien der Hand nnd Finger nnd geringer 
OefühlsstAmng bestehen, oder es stellte sich 
noch Bewegongachwäche ein, ea kommen aber 
aach Fälle mit ausgebreiteter LKhmnng nnd 
degeneratirer Atrophie vor. In schweren F&llen 
konnte der ganee QUedabschnitt gelähmt sein 
(obere und untere Plezoalähmang). Fast immer 
lieS sich nachtreiseD, daß bei der Narkose anch 
eise mechanische SchSdigang der peripheren 
Nerven stattgefunden hatte, wenn Lfthmangs- 
erscheiniingen anflraten. Während es sonst einer 
lange dauernden und starken mechanischen Ein- 
wirkung bedarf, nm Lähmnngserscheinnngen 
hervorzubringen, scheint es bei Anwendung der 
Narkose auch bei leichterer Läsion schon zn aol- 
chen Störongen ankommen. Wieweit die toiischt 
Wirkung dabei zn beschuldigen ist, ist nicht 
ganz klar, es moB auch daran gedacht werden, 
daB die Erachlaffnag de rden Nerven nmgebcoden 
Muskolatar in der Narkose den Nerven mehr 
der mechanischen Schädigung anssetzt. Diese 
besteht im Druck gegen Knochenkanten : i. B. 
Iwim Emporschlagen der Anne in der Narkose 
wird der Plexus brachialis zwischen Klaviknla 
und erster Rippe gequetscht, oder: beim Ilcrab- 
bftngen der Arme können die Nervenatamme 
an der lunenaeite gegen die Kante des Opera- 
tionstisches gedrQckt werden. Seltener handelt 
es eich mn Störungen an der unteren Extre- 
mität; hei starker Flexion der Beine in Btein- 
achnitUage kam es in Schädigung des Nervns 
obtoratorins; Druck des Tibialis nnd Peronena 
ist ebenfalls beobachtet worden. Leichtere Fälle 
werden oft übersehen, nur wenn die Parästhe- 
eien und l^hmungserscheinungen die durch 
die Operation und die Narkose gesetzten Zu- 
stände äberdanam, kommt es zu den ausge- 
sprochenen Erscheinungen der peripheren N. 
Die Symptome, welche die Diagnose sichern, 
sind an den Stellen, wo von der Pleinslähmn ng, 
RadialisIShmnng etc. die Rede ist, nachzulesen. 
Die zentralen Lähmungen gehen meist ohn e 
olqektive Geftlhlsatörung einher, oder wo sie 
vorhanden, zeigt sie wohl nie die Verteilung auf 
einzelne Nerven gebiete, auch der Lähmungs- 



typua der peripheren N. ist ein anderer als 
der der zentralen. Bei letzteren ist gewöhnlich 
die obere und nntere Extremität, auch Gehirn- 
nerven mitl^etroffen, die Reflexe sind geateigert. 
Bei den peripheren bestehen Schmerzen, Par- 
ästhe^ien, meist ist nur ein Teil einer Extre- 
mität betroffen. 

Therapie. Besonders bei mageren Personen 
ist Vorsicht geboten. Druck aof die Nerven- 
atamme möglicbat zn vermeiden; besondere 
Vorsicht ist bei Anlegung von Konstriktioos- 
blnden geboten. Eingetretene Lähmungen sind 
nach den an anderen i^tellen entwickelten 
Qmnda;itzen zu behandeln (fUr die zentralen 
siehe unter , Hemiplegie' , für die peripheren 
unter dem betreffenden Kapitel der Lähmung 
des jeweiligen Nerven). Die Prognose der periphe- 
ren N. ist im aUgemeinen gftnatig, Flatau. 

Naienbein&aktlir. Bruch eines oder 
beider Nasenbeine erfolgt ausscbliefilich info^ 
Einwirkung äuUerer Gewalt, Fall, Stoß, Schlag 
auf die Nase und gewöhnlich bricht zugleich 
auch das Septnm narium , in seltenen Fällen 
anch einer oder mehrere benachbarte Knochen 
des Gesichtes mit. Der Brnch erfolgt an den 
Nasenbeinen in der Regel nahe dem unteren 
dünneren Rande, oder aber in der Mitte, — 
die Bruchenden verbleiben entweder neben- 
einander in ihrer normalen Lage, oder sie 
werden gegeneinander verschoben , wodurch 
eine Deformierung der äußeren Nase entsteht. 
Zuweilen ist der Bmch ein Splitterbmch. — Da 
bei der N. die Bchleimhant gewöhnlich eingerissen 
wird, kommt es zn stärkeren Blutungen, manch- 
mal entsteht auch ein Hautemphysem, welches 
sich an der Naae und den Augenlidern lokali- 
eiert, oder auch weiterschreitet, Ja sich aelbst 
über den ganzen Körper anabreiten kann. — 
1—2 Tage nach erfolgter Fraktur kommt ea 
anch zuSnffnaionen und ödematöser Schwellung 
der äußeren Haut und ebenao zur Schwellung 
der Schleimhaut, wodurch die Masenatmung 
behindert wird. 

Die N. heilen in der Regel ohne Komplika- 
tionen ans, sie hinterlassen aber, wenn eine 
Verschiebung der Bmchenden stattgefunden 
hatte und keine Reposition erfolgte, dauernde 
Deformitäten. Hie und da kommt es zur Ent- 
zündung des Periostes und Perichondrinms 
mit Bildung von Abszessen und Ausstoßung 
von Knochen — nnd Knorpelsequestem. 

Die Diagnose ist bei frischen Verletzungen 
ohne Schwierigkeit durch den Nachweis von 
Knochen — Krepitation oder Verschiebung — 
] machen; bei älteren Fällen, wo die Haut- 
:hwellnng beträchtlich ist, wird man zur Fest- 
stellung einer N. die Röntgendurchleuchtung 
heranziehen müssen. 

Die Therapie beschränkt sich, wenn keine i ^ 
Verschiebung vorhanden ist, auf Antiphlog09e;^IC 



47 



NASENBEISFRÄKTDR. — NASENPOLYPEK. 



48 



bei VerEchiebung der Bracheiideii mnB man 
trachten, mittelst in die Nue eingeführter 
Sonden oder mittelst Guetunpons die ver- 
Bchobencn Fragmente m reponieren und in 
dieser Lage feBtznh alten. — Das etwa vor- 
handene Emphysem schwindet nach einigen 
Tagen ohne jedes Hinzutnn. — Bei ÄbsseB- 
bildung B. Abszeß der Nasenscheide- 

Nannblnten s. Epietazis. 

NaMndniohe iat ein Instnunent, 
welches sowohl znr Beinigong des Naaeninneni 
Ton Sekreten, als anch Enr Einfübrang von 
medikamentösen Stoffen in die Nase zaerst von 
Wkbeb angewendet wurde. Es wirkt nach dem 
Principe des Hebers und besteht ans einem 
Omnmischlanche, an dessen einem Ende sich 
eine Olive zum Einführen in die Mase, an dem 
anderen Ende eine offene Metallglocke befindet, 
welche in das höher gestellte, mit der entr 
sprechenden Flüssigkeit gefttUte Oeftfi ge- 
taucht wird. Die Flüssigkeit wird nnn, nach- 
dem dieOlivein ein Nasenloch eingeführt wurde, 
bei zngehBltenem anderen Nasenloche ongesaagt 
nnd flieBt dann dnrch die Heberwirknng selb- 
atAnd^ fort, bis das Oe&ä leer geworden. ~ 
Sp&ter wnrde statt dieser Vorrichtung zn glei- 
chem Zwecke der Irrigator verwendet — Bei 
Anwendung der N. eind VoruchtBmaQregeln er- 
forderlich, damit nicht Flüssigkeit in die Taben 
nnd das Mittelotir eindringe nnd hierdurch eine 
U ittel oh rentzOndnng hervorrufe, Essoll: l.der 
Drnckder Flüssigkeit kein allzngrofier 
sein, 2. Bollbei ungleicher Weite beider 
Nasenhöhlen die N. durch die engere 
Nasenseite gemacht werden, damit die 
Flüssigkeit darch die geranmigere 
Nasenhälfte mit Leichtigkeit abflieBen 
könne; 3. sollen während derProzednr 
Scbtingbewe gangen vermieden werden, 
was man wohl am besten dadurch er- 
zielen kann, daBd er Patient wftbrenddeg 
EinflieBens der Flüssigkeit den Mund 
weit geöffnet nnd die Zunge heran sge- 
atreckt hftlt.Uit bedeutend geringerar Gefahr 
für das Gehörorgan werden gegenwärtig zum 
Zwecke der Reinigung nnd medikamentösen Be- 
handlang der Nasenschlei mhant EingieSnngen 
mit einem Nasenschiffchen oder ZerstAnbungen 
mit dem KicHARosoMscben Sprayapparate vorge- 



Nasenkataxrh s. ,£orTza\ 

NaHimiMMg*e ist eine zweifache, Rei- 

hnngB- und Vibrationsmassage. Erstere 
bezweckt die Anfsaugung entzündlicher In- 
filtrate, bei Atrophie der Schleimhaut die An- 
regung ihrer Lebensenei^ie, nnd wird in der 



Weise ansgeffthrt, daS man die Schleimhaut 
mit einer am vorderen Ende mit Watte um- 
wickelten Sonde in der Richtung von vomo 
nach hinten streicht ZnrErhMinngdeeMassage- 
effektes wird die Watte noch, dem konkreten 
Falle entsprechend, mit Arg. nitr.- Lösung, Jod- 
glyzerin oder Mentholvaseline getrftnkt. — Die 
Vibrationsmassage wirkt bei atrophischen Zu- 
stlnden der Schleimhaut noch st&rker anregend 
als die ReibnngamBBsage nnd wird auch wie 
jene mit einer mit Watte armierten Sonde, 
jedoch in der Weise ausgeführt, dafl, w&hrend 
das Sondenende auf einem Ponkte der Schleim- 
haut ruht, der Ober- nnd Vorderarm in eine 
tetanische Kontraktion versetzt wird nnd nnn 
aus dem Handgelenke raache Vibrationen ge- 
macht werden. Die Watte wird vorher in eine 
mit 10% Kokainlösnng oder in eine mit Bor, 
Europhen oder einem &holichen Arzneikörper 
bereitete Salbe getaucht und dauert jede ein- 
zelne Vibration 1—2 Minuten tAglich. Statt 
manuell können diese Vibrationen auch mit Ter- 
schieden konstruierten, mechanischen oder elek- 
trischen Vibrationsapparaten voi^nommen 
werden, R^ru. 

NftsenpOlypCn. Wiewohl mit diesem 
Sammelnamen gewöhnlich alle in der Nase 
vorkommenden gut- nnd bösartigen Neu- 
bildungen belegt werden , versteht man doch 
anter N. im engeren Sinne des Wortes nur 
jene Geschwülste, welche zomeist von der 
mittleren Muschel und von den Siebtwinzellen 
im mittleren Nasengange entspringen, gestielt, 
beweglich und durchscheinend sind, welche 
deshalb anch seit jeher den Namen , Schleim- 
polypen' führea Sie sind nach der jetzt 
allgemein gangbaren Anschauung keine Neu- 
bildungen, sondern Hypertrophien der Schleim- 
haut, in deren Bindegewebsmaachen sich seröse 
FltUaigkeit befindet, weshalb sie anch mit 
Recht .ödematöse Schlei mh au thy per- 
trophien' heiSen. 

Die N. entstehen immer durch lokale Reize, 
wie Schleimhaut- oder Knochenentzün- 
zündnngen, oder bei Eiterungen der 
Nebenhöhlen der Nase, wobei der Eiter, 
der die Nasenschleim hant beepült, das erregen- 
de Moment abgibt. Es können aber derlei 
Bildungen auch in den Nebenhöhlen selbst 
entstehen, durch die natürlichen tVflnnngen 
in die Nasenhöhle hineinwachsen and dann 
in dieser znr Beobachtung kommen. Diese 
letzteren sind somit nicht eigentlich Nasen-, 
sondern Nebenhöhlen pol ypen. 

Die Störungen, welche die N. verursachen, 
bestehen haupt^dilich in Verstopfung der 
Nase und in Erscheinungen des chronischen 
Katarrhes; doch können in weiterer Folge, 
insbesondere wenn singoläre, frei bewegliche 
Polypen vorliegen, durch die kontinuierliche 



49 



NASENPOLYPEN. - NASENRACHENBAUM. 



ÖO 



Irritktioa der senaiblen NaaeimerTeD bei leicht 
erregbaren Individnen such sog. Fem- oder 
e Aalbma, Laryngo- 
i eti. auftreten. — Der Grad der 
Veratopf img hängt von der OrdBe tmd der Zahl 
der N. ab, — nicht selten beobachtet man 
aber, dafi bei trockenem Wetter die Naaeo- 
atmnng freier, bei feachtem dagegen weniger 
frei ist, ferner dafi beim Sitze eines groSen 
Polypen in der Choane das Inapirinm leicht, 
das EzBpirioni entweder sehr schwer oder 
&l>erbanpt nicht vor eich gehen kann, indem 
der Polyp bei letzterem an die Choane ange- 
preßt wird nnd dieselbe wie ein Ventil gegen 
die Nase abechlieBt. 

Die Prognoee ist im allgemeinen günstig, 
nnr in bezng anf das Endreenltat manchmal 
iweifelhaft. Bei Eiterungen der Nebenhöhlen 
recidirieren die N. in der R^el insotange, 
bis es gelingt, die Eitemng za beseitigen; — 
allein es gibt anch Fttlle ohne EÜtemng, wo 
die Polypen ohne nachweisbare Ursache immer 
wieder rezidivieren. Wenn aber die Kranken 
Eich immer wieder zu Kontrolle einfinden 
nnd etwa neu entstandene N. iiomer wieder 
fflitfemen lassen, geUngt es znmeist anch in 
solchen Fällen, eine vollständige Heilang zn 
erzielen. Die in den Nebenhöhlen entstandenen 
K. sind von der Nase ans Aberhanpt nicht 
endgültig zn beseitigen, — diese müssen von 
der betreffenden Nebenhöhle ans angegriffen 
werden. 

Therapie. Die Entfernung der N. geschieht 
entweder mit der Zange, oder mit der kal- 
ten oder galvanokanstischen Schlinge, 
Die erstere Operation hat wohl den Yorteil 
für sich, daB sie leicht nnd rasch dnrchge- 
fohrt werden kann, ihr Nachteil besteht aber 
darin, dafi es selten gelingt, die Polypen mit 
der Zange ganz zn entfernen; es werden nel- 
mehr in der Regel nnr Stücke derselben ab- 
gerissen, nnd die Folge davon sind starke 
Blntnngen nnd rasches Nachwachsen der ste- 
hen gebliebenen Polypenreste. Überdies werden 
beim Gebrauch der Zange nicht selten BrOche 
nnd ZertrQmmemngen der Muschel herbeige- 
flkhrt Viel schonender and verläBlicher ist 
das Abschnüren der N. mittelst der kalten 
Drahtschlinge (s. „Ekrasement") oder hei der- 
ben, fibrösen Polypen das Abbrennen mittelst 
galvanokanstischer Schlinge js. ,Galvanokatt- 
stik"). Das Anlegen der Schlinge am den N. 
kann in manchen Fallen, namenUich bei gro- 
Ben Choanalpolypen recht erhebliche Schwie- 
rigkeiten darbieten, — in solchen Fallen 
kommt man dann oft mit dem bimanaellen 
Verfahren zom Ziele, d. h. man geht mit dem 
Zeigefinger der linken Hand hinter dem wei- 
chen Oanmen in das Kavom ein nnd sucht, 
wahrend die rechte Hand den Schlingensehntt- 
rer dirigiert, mit dem Finger den Draht über 



den Polypen zu bringen. Hat man mit kalter 
Schlinge operiert, dann empfiehlt es sich, zur 
VerhQtnng von Bezidiven den Boden der Po- 
lypen entweder mit dem Oalvanokaater oder 
mit konzentrierter ChromsSore energisch zu 
atzen. Etwa zurückbleibende chronische Ka- 
tarrhe müssen nach den bei , Nasenkatarrh* 
angegebenen Prinzipien bebandelt werden. 
finrH. 

Nuenraohenranm, Erkrankungen 
des (s. auch , Adenoide Vegetationen'). 

Die Erkrankungen des N., die von so groBer 
Wichtigkeit fllr den Gesamtorganismus nnd 
besonders für die Ohren sind, sind der ärzt- 
lichen Kunst erst nähergerückt, seitdem man 
dorch CzBBitiE gelernt hat, vermittelst der 
Rhinoekopia posterior das Kavnm pharyngo- 
nasale direkt zu besichtigen. Die Technik 
dieser Dntersnchnngsmethode ist folgende: 
Nachdem man den Patienten instruiert nnd 
eingeübt bat, bei offenem Munde durch die 
Nase, d. h. so zu atmen, als wolle er an einer 
Blume riechen, drückt man vorsichtig die 
Znnge mit einem Spatel sanft nach onten 
nnd führt nnn einen angewärmten kleinen 
Kehlkopfspiegel mit nach vom und oben ge- 
richteter Spiegelfläche hinter das Ganmensegel. 
Dabei darf weder dieses noch die Bachenwand 
oder der Znngengrund berührt werden, da 
sonst sofort Wflrgrefleze die Untersnchnng 
stören. Anch ist Patient immer vrieder zu er- 
mahnen, mhig dnrch die Nase zn atmen, 
damit das Qanmensegel schlaff bleibt. Hit 
einiger Geschicklichkeit wird es so in der 
Hehrzahl der Fälle möglich sein, die hintere 
Vomerkante, die Choanen, die TnbenwOlste 
und -ostien, das Rachendach zn besichtigen, 
so daB man nnr aosnahmsweise nötig hat, 
nach vorheriger Kokainieiemng das Ganmen- 
segel mit einem Haken abzuziehen und so za 
spiegeln. 

Bei Kindern nnd sehr nervösen Patienten 
mnS man auf die Postrhinoakopie verzichten. 
Hier wendet man die Digitilunteranchung an 
(s. unter , Adenoide"), die zweckmäßig anch 
zar Ergänzung der Spiegelnntersnchnng dient. 

Bei weiter (eventuell adrenaliaierter) Nase 
kann man sich den Nasen rächen ranm, wenig- 
stens den gegenüber den Choanen gelegenen 
Teil, anch durch die Rhinoekopia anterior für 
das Ange zugänglich machen. 

Last man phonieren (z. B. „I^nd" sagen), so 
hebt sich das Gaumensegel, man erkennt die 
Tabenwülste, sieht den unteren Rand adenoider 
Vegetationen, knrz kann eventuell sich und 
dem Patienten die Ejnführnng des Spiegels 
oder Fingers in den Mnnd ersparen. 

Schließlich sei noch erwähnt, dafi anch die 
bloße Inspektion der Nasen- bzw. Rachen- 
schleimhant Analogieschlüsse anf den Znstond . 
der Schleimhaut des Kavnm pharyngonasalsQl^ 



öl 



NASENRACHENRAUM. 



znl&Bt and daS starke Adenoide oft Bchon 
in ihrem untersten Abschnitt hinter dem 
Gaumensegel sichtbar werden , ebenso wie 
ausgedehnte Ulzerationen oder große Tumoren. 

Der akute Katarrh des Nasenrachen- 
raoms liann primär and aeliiuidftr auf' 
traten; in letzterem Fall ist er nor Teil- 
erscbeinnng eines Schnnpfens, ala primlLre 
Erkrankung kann er Fieber, Kopfschmerzen, 
allgemeine Mattigkeit, ein OefUhl von Völle 
und Wnndsein im Kavnm pharyngonaeale 
hervorrnfen, die Schleimhaat ist dabei gerötet 
nnd geschwollen, anfangs trocken, spftter stark 
sezemierend. Durch Zaschwellen des Ostiom 
pharriigeum tnbae kann Oh renaaasen nnd 
Schwerhörigkeit, eventaell Eksudatbilduig im 
Kavom t^mpani, also ein akuter Mittelohr- 
k&tarrh entstehen. 

Durch Aoabreiten des Katarrhs nach vom 
kommt es oft zu einer Rhinitis akota, darch 
FortBchreifen nach nnten la einer Pharjngo- 
laryngitis aknta. 

Therapie. Gegen das Fieber nnd die 
Proetration gebe man Salipyrin oder Aspirin 
und unterstütze die dadnrcb bedingte leichte 
Diaphorese durch Verordnung heiBen Flieder- 
tees oder heißer Milch mit Selterswasser. Die 
Äusbrütnng auf den Eta«hen hindere man 
durch tiurgelongen mit essigsaurer Tonerde- 
lösung, der Rhinitis aknta benge man durch 
Insnfflation oder Einziehenlassen von Bors&nre' 
palver vor. Eine direkte Behandlung des 
Nasenrachenraoms mittelst Borsfturesprays ist 
meist überflüBsig. 

Der ohroniBOhe Katarrh des Nasen- 
rachenraums ist fast st«tB mit derselben Er- 
krankong des Rachens und der Nase kom- 
biniert and hat auch vrie die chronische 
Rhinitis and Pharyngitis eine hypertrophische 
und eine atrophische Form. Oft ist gleich- 
zeitig auch eine Bronchitis vorhanden. Die 
Schleimhaut des Kavnm retronasale zeigt sich 
bei der Fostrhinoskopie des hypertrophisch! 
Katarrhs gerötet nnd verdickt, mit z&hei 
glasigem Schleim bedeckt, die TnbenwiUste 
sind nicht selten verschwollen nnd durch 
Schleimhaatf alten verlegt. Bei der atrophischen 
Form ist die Schleimhaut blaC, vcrdi 
trocken, mit festanhaftenden Sekretkmsten 
belegt, die von gelblicher oder gelblichgrüi 
Farbe, bei Blutbeimengung aber bräanlich 
sind. Der Nasenrachenraum ist wegen der 
Atrophie der Mukosa weit, die Spiegelunter- 
aachung also gewöhnlich leicht. 

Die subjektiven Beschwerden sind bei dem 
atrophischen und hypertrophischen Katarrh 
sehr ähnlich. Die Patienten klagen gewöhnlich 
über starken Hasten- nnd WUrgreiz, der friUi- 
morgens nach dem Aufwachen am stärksten 
ist. Sie geben bei beiden Formen einer Über- 
m&Qigen Verschleimnng schuld, nur ist hei 



der Atrophie das GefOhl der Trockenheit und 
der WUrgreiz noch größer. Oft ist man er- 
staunt, wie wenig Beschwerden ein stark ent- 
wickelter Katarrh macht und andrerseita, 
lieh geringer objektiver Befand häufig an- 
geblich unerträglichen Beschwerden gegenttber- 
steht (iMSonders bei nervösen Frauen), 

Die Therapie ist bei beiden Formen des 
Katarrhs sehr verschieden und deckt sich 
natürlich mit der Behandlang der Nase (s. 
diese). Besonders empfehlenswert bei der hyper- 
trophischen Form sind Pinselangen der Schleim- 
haat mit ä— 10°/o Höllensteinlösong, und zwar 
jeden zweiten Tag, Anwendung von Sprays 
und Borsttareinsuftlationen sowie häufiges 
Gorgeln mit Emser Wasser. Die Diät hat alle 
Schleimhautreize za vermeiden. 

der atrophischen Form haben sich Pin- 
selungen mit LuooLScher Lösung am besten be- 
währt, die ebenfalls jeden zweiten Tag wieder- 
holt vrerden. Außerdem moQ Patient häofig mit 
itark verdttnnter Solatio Lugogurgeln. 

Die entzündlichen Affektionen des N. 

sind meist Begleiterscheinungen der akuten 
Infektionskrankheiten, die sogar oft von einer 
Infektion des N. ihren Ausgang nehmen, da 
1 Schlei mbaatbnchten die durch die 
Nase eingeatmeten Bakterien eine günstige 
Brutstätte finden. 

Tomoren des Naaenracbenrauma (s. auch 
Adenoide Vegetationen"). Ihr Hauptsymptom 
ist die (zunächst einseitige) Nasenstenose. Sie 
nicht immer Ihren Ausgang vom N. 
selbst, liegt aber ihr größter Abschnitt in ihm, 
so ist man berechtigt, sie zn den Neabildangen 
zn zählen. Sind sie mehr oder weniger 
gestielt, sospricht man von Nasen rachenpolypen, 
E^ sei hier übrigens darauf aufmerksam ge- 
macht, dali die Tabenwülste manchmal so 
stark vorspringen, daQ sie bei der Digital- 
untersuchung schon mehrfach von Ungeübten 
fttr Tumoren gehalten wurden. 

Am häufigsten sind, abgesehen von den 
Choannlpolypen , das sind Nasenpolypen, die 
vom Choanalrand ausgehen and oft zum 
größten Teil im Kavuni retronasale liegen, die 
Fibrome des N., die aicli meist bei jüngeren In- 
dividuen finden und in dreierlei Art vorkommen: 
I. als langsam wachsende, also relativ gatarti ge- 
reine Fibrome; 2. als Angiofibrome und 3. als 
Fibrosarkome , bei denen selbst ein großer 
chirurgischer Eingriff mit tempoifirer Resektion 
des Oberldefers nicht immer vor Rezidiven 
schützt. 

Viel seltener sind die reinen Sarkome 
(l^pindel- und Rnnd Zellensarkome) des N. Sie 
sind nicht gestielt, sondern breit aufsitzend, 
von verschiedener Konsistenz nnd im Gegen- 
satz zur glatten Oberfläche der Fibrome meist 
höckrig oder gelappt. Eine Probeexzision wird 
I die Diagnose sichern. t ^OOolc 



NASENRACHENRAUM. - NASENSCHEIDEWANDAUSWCCHSE. 



54 



Noch seltener sind Kaninomo de« N., aie 
nehmen gewöhnlich ihren Ausgang von be- 
nAcbbarten Regionen. 

Ulseratloiifln deeNosenrachenranma sind 
gewöhnlich syphiliti sehen oder tuberknlöaen 
Ursprungs. Die syphilitischen Dlzera können 
an allen Wanden des Nttsopharynx sitzen, 
eine LieblingsetcUe ist die hintere Wand des 
Qaninensegels. Als FolgezoBt&nde worden bis- 
weilen Narben, Narbenveniehnngen und Ver- 
wachsongen (des VelumJ vorgefunden. 

Die taberknlöse Dlzeration sitzt mit Vorliebe 
in der Gegend der Bachentonaille, seltener am 
Tnbenwnlat. Sie kommt gewöhnlich in den 
Torgescbrittenen Stadien der LnngentnberkoloBe 
Tor, beeonders bei Personen, die zugleich an 
Daim-oderLarjaxtaberkolose leiden. Therapie: 
itsongeu mit 30— 60% Aiidnm laktiknm oder 
Ezkochlealion des Dlkns nach vorheriger star- 
ker Kokainisierang. Gbobsmank. 

NasamoheldcwandanswIlohM 

oder Leisten, Domen, Kristae, Spinae sind 
nmachriebene Verdickimgen des Septnms und 
berteben je nach ihnm Sitze ans Knochen 
oder Knorpel oder ans beiden nnd es kommt 
anch vor, daB ein knorpeliger Kern von Kno- 
chen ttberzogen erscheint Das Septnm ist an 
der betreffenden Stelle verdickt, nnr ist zn 
berücksichtigen, daB anch ein normales Sep- 
tnm nicht Qberall gleich dick ist und insbe- 
sondere hinten oben sowie unten, entlang der 
Bads septi narinm stets dicker ist als an 
anderen Stellen. Die Auswftchse haben ver- 
schiedene CJröBe nnd sind einmal klein nnd 
knrz, Dornen, äpinae, ein anderes Mal 
lang, groB und weit vorspringend. Leisten, 
Kriatae. Sie haben ein verschiedenes Ans- 
aehen nnd einen verschiedenen Sitz; einmal 
sitzen sie hoch oben nnd sind da in der Re- 
gel knrz nnd plnmp, ein anderes Mal wieder 
haben sie ihren Sitz vorne nnten oder sie 
ovtrecken sich in groBer Ansdehnung nach 
hinten und erreichen, vorne an der Spina 
naaalis anterior beginnend nnd nach hinten 
oben, der vorderen Kante des Vomer entlang 
anfsteigend, die vordere KeilbeintlKche ; H a k e n- 
fortsatz, Krista lateralis. Namentlich 
letztere Leisten erreichen oft eine bedeutende 
QiöBe, znweilen eine Höhe von 1 cm nnd 
darüber und sind h&nfig scharf, spitzig, dom- 
f&rmig vorspringend oder anch von höchst 
nnr^lmlfliger Form. 

Erreichen die Deviationen nnd AnswUchse 
eine gewisse OröBa nnd bertthren sie die gegen- 
überliegende UnBere Nasenwand, d. h. nament- 
lich die Mnscheln, so ergeben sich mannig- 
fache Vertndemngen als Folgen des Druckes. 
Bb kommt in jenen Stellen, an denen daa 
Septum die SinBere Wand berührt, allmählich 
zn Eindrücken; die Hnschel ist gezwangen. 



nm den Fortsatz, namentlich wenn es sich 
eine Krista lateralis handelt, geradezu 
heramzawachsen ; so entsteht an derselben 
Eindruck, eine Furche und die Schleim- 
haut derselben wird atrophisch oder die Mu- 
schel wird ganz abgeplattet ond an die ftu- 
Bere Wand angedrückt, sie wird papierblatt- 
dtlnn, biegsam nnd ganz hantig; es sind alle 
Zeichen der Atrophie vorhanden, der mittlere 
Naaengang wird aufgehoben, der Hiatus semi- 
ris verlegt, die Lefzen desselben beginnen 
itrophieren nnd an der tkuBeren Nasen- 
wand bildet sich zur Aufnahme des Mnschel- 
3 eine tiefe, mit glänzender, atrophischer 
Schleimhaut anegekleidete Vertiefung. Nicht 
selten kommt es dann an den sich berühren- 
den Stellen zn Erosionen und Ulzerationen 
in weiterer Folge sa brttckenförmigen 
Synechien. Hinter der stenoBierten Stelle sieht 
mitunter bei der Rhinoskopia posterior 
die Schleimbaut stark gerötet nnd die Ge- 
ftae blatüberföllt. 

Die N. kombinieren sich sehr oft mitDeviatio- 
rn nnd man siebt dann auf einer Seite eine 
Konveiimt, einen mehr oder weniger nnregel- 
m&Bigen, spitzig oder acharfkantig zulaufenden 
oder mehr abgerondeten Vorsprang ond auf 
der anderen eine verhftltnism&Big geringe Kon- 
kavität, die ihrerseits wieder an ibier Dm- 
randang knöcherne oder knorpeUge Auswttchse' 
aufweisen kann. 

Die groBen Hakenfortsatze sind in der Re- 
gel mit einer leichten Verbiegnng der Naaen- 
Bchetdewand, einer korrespondierenden Kon- 
kavität auf der andern Seite kombiniert. Über 
die Dicke des AuHWnchses kann man dnrch 
das Septometer von Seu.kh oder den Taster- 
zirkel von Sanohaiin AafschlnB bekommen, 
doch kommen kleine Dicken unterschiede we- 
der klinisch noch therapeutisch in Betracht 
Ober die Tiefen ausdehnung einet N. kann 
man sich mit einer graduierten Sonde in- 
formieren. 

EUne vollkommen normale Nasenscheidewand, 
d. h. eine solche, die sieb ganz in der Mittel- 
Unie des Körpers befindet und weder eine De- 
viation, noch einen Anstvnchs aufweist, gehört 
zn den selteneren Befunden nnd in der groBen 
Mehrzahl der Fälle sieht man am Septnm ir- 
gend eine abnorme Bildung. 

Die N. verdanken ihre Entstehung teils 
Traumen, teils physiologischen Wachatunia- 
vorgängen. Erstere führen entweder zn einer 
Luxation oder zu einer Fraktur, 

Die dnrch Lnxation bedingte Leisten- 
bildnng entsteht in der Weise, daB der hin- 
tere Rand der Kart, quadrangnlaris vom 
Vomer abgleitet und einen wulstigen Vor- 
sprang bildet. Diese Dislokation ist zumeist 
mit traamatischer Fraktur des Septams kom- 
biniert. 



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&6 



HASENSCHETOEWÄNDAUSWCCHSE. 



In der Begel kommt es jedoch lediglich zu 
einer Fraktur des knorpeligen und kn&cher- 
nan Septama , und zwar inmeirt ohne Ver- 
letznng der Scbleimhsnt and ohne Blntnng, 
ao daß oft eine positive Anamneee schwer 
oder gar nicht zn erlangen ist, auch wenn 
die Absicht nicht beertOnde , wie dies so oft 
der Fall ist, dieee Verletznngen zn verschwei- 
gen. Die oeteoplagtiBche Kraft dea Septnma ist 
aebr groB nnd es kommt rasch zn einer Ans- 
heilang und Verwacbanng in der neoen Po- 

Von den Brüchen sind die des knöcher- 
nen Septnms die selteneren, a. zw. handelt ee 
eich dabei stets um Brüche der Lamina perpendi- 
knlaris des Siebbeins-, daB dieselbe bei Stofi 
oder Fall auf die Hase selten fraktariert wird, 
liegt daran, daß die Lamina perpendiknlaris 
mit den Nasenbeinen oft nur in geringer Ans- 
dehnnng oder gar keinen Eontakt hat and 
dann aach daran, daB sie sich durch rer- 
hftltnismftOig bedeatende Dicke auszeichnet. 
Gewöhnlich ist bei einer Fraktur dieser Kno- 
chenplatte anch die Kart, qaadrangnlaris ge- 
brochen. Brbche des Yomer gehören m den 
größten Seltenheiten. 

Zameist kommt es bei Fraktaren des 
Septam bloB zn Knorpelbrttchen. In der 
R^el entsteht dabei ein oberes ond un- 
teres Bmchstttck (Langsfraktur); manche ge- 
buL allerdinga an, daß diese Brüche immer 
mehr oder weniger senkrecht verlanfen. Die 
Kart qnadrangularis kann an jeder Stelle 
fraktariert werden, relativ selten jedoch nahe 
dem Nasenboden ; zumeist haben diese trau- 
matischen Leisten ihren Sitz hoch oben, sie 
sind kurz und plump und springen nur we- 
nig in die Nasenhöhle vor, im Gegensatz zur 
zweiten Art, der physiologischen Leistenbil- 
dnngen ; doch kann es gelegentlich dnrch Wu- 
chern des Kallas and Weiterwachsen der 
Dicke nach anch in dieser Weise, d. h. durch 
Tranmen veranlaBt, zu gröfieren AuswOchaen 

Viel häufiger als durch Trauma entstehen 
die N. durch sog. physiologische Wachs- 
tums vorginge. Das Septum wachst der Dicke 
nach nnd wird durch Apposition von Knochen 
oder Knorpel stellenweise dicker. Diese N. haben 
ihren Sitz zumeist vorne unten, so daB sie 
sich in der Regel dnrch diese Lokalisation 
von den träum atiscben AuswOchaen nnter- 
scheiden, die sich zumeiat in den oberen Par- 
tien vorfinden. 

Zu diesen sog. physiologischen Leiatenbil- 
dnngen gehört auch die oben beschriebene 
Krista lateralis, welche dem Vomer angehört 
nnd aus den knorpeligen Residuen der knö- 
chernen Scheidewand entsteht Eline zweite 
kleinere derartige Leistenbildnng befindet sich 
zwischen Kart. qnadmngulaHs und Lamina 



perpendikularis und schlieBUch kann es aidi 
dnrch Wncberong der HrscBnschen Knorpel- 
chen (Überreste des JACOBSONSchen Oiganee) 
zur Entwicklung von kleinen leisten- oder 
spomartigen VorsprDngen kommen. 

Was die subjektiven Erschein nngen 
betrifft, ao verursachen kleine Answttchse oft 
gar keine Beschwerden nnd auch bedeutendere 
AbnormitAten des Septnm werden nicht selten 
znMIg entdeckt Zum Teil hbigen die Be- 
schwerden auch vom Sitz des Answnchses ab. 
N., die weiter hinten sitzen, vemnachen, auch 
wenn sie eine betrachtliche GröBe erreichen, 
weniger Beschwerden als gleich groBe Avs- 
wBchse, die weit vorne sitzen, weil sie da 
eher eine wesentliche Verengerung oder gänz- 
liche Verstopfung der betreffenden Nasenhfllfte 
znr Folge haben kOnnen. Die Erscheinungen 
werden intensiver sein, wenn sieb znflllige 
Komplikationen, z. B. akute Rhinitiden, hinzn- 
geeeUen, namentlich wenn die andere Nas«i- 
hftlfte nicht normal ist nnd z. B. dnrch eine 
hypertrophische Rhinitis oder Nasenpoly- 
pen ebenfalla verengt ist 

Von den Folgeerscheinungen der verlegten 
Nase sind es in der Segel vorerst die Störun- 
gen der Respiration, welche sich bemerk- 
bar machen. Die Kranken sind gezwungen 
durch den Mund zu atmen und es können 
sich alle Folgen der Mnndatmnng einstellen. 
Schon der auBere Anblick dieser Kranken 
mit aaf, die Physiognomie des Gesichtes wird 
dnrch das Offenhalten des Mundes verändert 
und der Geaichtsansdruck wird leer und geist- 
los. Es stellen sich femer alle weiteren Fol- 
gen der gestörten Nasenatmnng ein. Die Ein- 
atmungstaft wird nicht befeuchtet; aie dringt 
direkt durch den Mund in den Rachen und 
Kehlkopf ein, die genannten Organe trocknen 
ans, sie sind der wechselnden Temperator der 
jeweilig eingeatmeten Luft direkt ausgeeetzt 
und die Mikroorganismen and andere in der 
Luft suspendierte Fartikelchen, die sonst z. T. 
an den Vibrissae bangen bleiben, z. T. auf der 
Nasenschleimhaut durch das achleimige Sekret 
derselben zurückgehalten und unschädlich ge- 
macht werden, gelangen in die tieferen Luft- 
wege und können relativ leicht zu Katarrhen 
und anderweitigen Krankheiten Veranlassnng 
geben. Ferner kann es dadurch, daB die Luft 
nicht frei zuströmen kann, zu Atemnot, asthma- 
ahnlichen Beschwerden, Schwere auf der Brust 
und Alpdruck kommen; der Schlaf wird un- 
mhig, indem die Betreffenden den Mnnd im- 
mer wieder öffnen müssen, sie schreien auf 
(Pavor noktnmus), es stellt sich vorübe^e- 
hende Kohienafluruvergiftnng nnd, wie bei der 
unwillkürlichen Harnentleerung eratickender 
Tiere durch KohlensAuTeöberladong, znweilen 
anch Ennresis noktuma ein. Beim Essen müs- 
sen die Betreffenden wBhrend des Kanons 



57 NASENSCHEIDEWÄNDAÜSWCCHSE. - NASENSCHEIDEWANDPERFO RATION, 58 



immer nieder inneholtaD, um At«m zd holen, 
de nehmen sieh nnbewnßt nicht die Eom 
Kaaen nötige Zeit, die Atmung wird im all- 
gemeinen oberfl&chÜchar. Der Brustkorb wird 
nicht geDQgend snsgeddint; er wird someist 
flach und scbrotd. 

Femer wird das Einführen von Instramen- 
ten in die Nase nnd eelbat die ein&che Be- 
sichtigung erechwert oder unmöglich gemacht. 

Weitere Stärangen bestehen in Ver&nderon- 
geo der Stimme, sie bekommt einen nasalen 
Beiklang — Ehinolalia klansa. Dos Oernchs- 
nnd OeschmacksTerm^D wird beeinträchtigt 
nnd nicht selten kommt ea za Stftrongen in 
den benachbarten Oi^anen, m Ohren- and An- 
genaSektionen, Trftnentrftofeln, KonjonktiTitis, 
Asthenopie etc., sowie BchlieSlich, wenn auch 
selten, anf reflektorischem Wege xa verachie- 
denen nervösen Erscheinangen (a. „Reflexe"). 

Behandlung. Oeringfagige N. and solche, 
die keine Störangen Terarsachen, insbesondere 
die NaBenatmnng nicht stAren, können ohne 
Behandtang bleiben. OröBere AnHwDchse, die 
Beschwerden machen, kann man operativ oder 
mittelst ElektroiTU beseitigen. 

Nach vorausgeschickter Kokain-Adrenalisie- 
rong geht man die knorpeligen N. mit der 
Schere, dem Messer oder Gbivanokaater an, grö- 
ßere nnd inshesondere knöcherne AnswUchse 
entfernt man mit der BoewoBTHschen S&ge 
oder mit dem Meifiel. Bei Anwendnng der 
Sftge markiert mau vorher die Stelle dorcb 
einen Schnitt in die Schleimhant, nm mit 
den zahnen der SSge keine EliBwanden zu 
erzengen. Beim Meißel ist dies tlberfltteaig, 
man setzt ihn direkt an nnd trennt den. Aas- 
wache mit dem Dmck der Hand oder mit 
einigen HammerschlOgen ab oder setzt ibn 
Btelle fOr Stelle an, bis alles entfernt ist. — 
Bei der Anwendnng der Sftge mnS man dar- 
auf achten , dafl sie dem Septom parallel ge- 
ßtart nnd bei knöchernen AnawUchsen nicht 
ca stark angedrückt werde , damit sie sich 
nidit festhake. 

FQr dieee Zwecke wurden ferner elektro- 
matorieche Nasenbohrer nnd Nasentrepan- 
bohrer angegeben and ebenso kann man Aas- 
wachee der Nasensi^eidewand mit Trephinen 
entfernen, die dnrcb einen elektrischen Motor 
getrieben werden; es werden damit mehrere 
Qbereinanderliegende Löcher in der L&nge dee 
Answachses gebohrt nnd die stehenbleibenden 
Leistchen mit dem MeiBel weggenommen. 

Aach die Elektrolyse worde Ita Aaewücbse 
sehr warm empfohlen, aber bei einigermaßen 
größeren Verdickungen ist eine sehr große 
AüTtthl von Sitzungen notwendig, so daß sich 
die meisten Kranken eher einer blutigen Ope- 
ration onterziehen. 

Bei Kombinationen von Auswüchsen nnd 
Verbiegnngen entfernt man vorerst die Aus- 



wQchse, damit das Septom an dieser Stelle 
bei der Korrektion nicht zu dick werde, and 
geht dann die Deviationen an (s. pag. G0|. 

R^TBI. 

NftMiuoheidewandperfonttion. 

Ancb perforierendes Geschwür der Nasen - 
Scheidewand, das runde Geschwtlr der Nasen- 
scheidewand, Ulkus septi nariom, Ulkus septum 
nariom perfonns genannt. 

Im vorderen, unteren Teil der Nasenscheide- 
wand kommen mitunter Erosionen und tieferge- 
hende Sabstanzverloste vor, die mit eingetrock- 
netem, oft blntigem Sekret bedeckt sind und 
gelegentlich zn einer Perforation an dieser 
Stelle fahren. Die öftinng, welche entsteht, 
ist linsen- bis hellergroß nnd darüber, reicht 
in seltenen Fftllen vom Septom fibrosnm bis zum 
knöchernen Septum, greift aber auf letzteres 
niemals Qber; sie ist kreisförmig oder oval, 
hat stets eine gleicbm&ßlge Kontarieiang and 
besitzt dünne R&nder. 

Die Ätiologie weist anf traumatischen 
Ursprong hin, indem das eingetrocknete Sekret 
gewaltsam mit dem Fingernagel entfernt wird. 
Hierdnrch kommt es za Lftsion des Epithels 
und das Sekret haftet dann nm so fester an 
der rauhen Stelle. Dies yenirsacht verstärkte 
Sensationen and durch stetige Wiedertioinng 
der Insalte vertieft eich der Sahstanzverlast ; 
die Gefäße, die oft deutlich zn sehen sind, 
werden znm Teil mechanisch anfgerissen , es 
kommt zn bSnflgen Blatnngen and dorch 
molekularen Zerfall des mnkös-perichoDdralen 
Überzugs und des Knorpels entsteht die Per- 
foration. Ob in manchen Fällen eine speziÜBche 
Einwirknng von verschiedenen Chemikalien 
eine Rolle spielt, ist nicht sicher festgestellt. 

Die subjektiven Erscheinangen be- 
stehen in häofigemNasenblaten, Krusten!) lI düng 
und namentlich in Verstopfang der Nase, die 
periodisch intensiv wiederkehrt, in dem 
Maße, als sich die Borken wieder bilden. 

Die Dlagaoae ist zumeist leicht. Der Sitz, 
vorne nnten im Septnm kartilaginosnm , die 
gleichmäßige Eontnrierung , die Form der 
Perforation, die zngeschärften Ränder sind 
ausreichende Merkmale. Syphilitische Perfora- 
tionen haben zumeist eine unregelmäßige Form, 
sitzen in der Regel im knöchernen Septnm 
nnd solange der Prozeß nicht abgelaufen ist, 
sprechen anch schon die infiltrierten verdickten 
Ränder gegen die N, Tnberknlöse Perforationen 
sitzen allerdings häufig vorne nnten am Septnm, 
doch haben sie granulierende mit blaßgrauen 
Knötchen besetzte Ränder. 

Die Bebandlaag besteht der Hauptsache 
nach in Reinigung, in der Anwendung von 
Salben zur Aufweichong der Borken und in 
vorsichtiger Ätzung am besten mit Azid. 
trieb lorazetikum. ^^THogIc 



59 NASENSCHEIDEWANDPOLYPEN. - NA SEKSCHEmEWANDVEB BIEGUNGEN. 60 



NaseiulolwidewaiidpolyiMn (hin- 
ten de Polypen der NaBenecheidewand), Po- 
lypen, d.h. ödematöee Fibrome der Nasen- 
Bcheidewand, gehören zu den gröBten Selten- 
heiten und anch polypöse Hypertrophien kommen 
am Septtun selten vor. Sie treten dann zumeist 
am knöchernen Teil desselhen auf, besteheD 
histologisch BDfi denselben EUeraenten wie die 
polypösen Hypertrophien der Muscheln nnd 
tragen znr Stenosierung der Nase mit ihren 
Folgeerscheinungen, erschwerter Nasenatmnng, 
veränderter Spracbe etz. wesentlich bei. Sie 
präsentieren sich oft als lappige, aoa blatt- 
förmig an ein andergelagerten Wnchernngen be- 
stehende Geschwülste von roter oder grauroter 
Farbe. 

Znweilen tretenjedochtnmorartigeBildungen 
vorne im knorpeligen Teil des Septam auf, 
die eigentlichen blutenden Polypen der Nasen- 
scheidewand. Es sind erbsen- bis bohnengroBe 
mehr oder weniger gestielte, znweilen breit 
aufsitzende GeschwQlste, die einmal eine glatte, 
ein anderesmal eine himbeerartige, warzige 
oder lappige Oberfläche haben. Sie sind von 
oft dnnkelroter Farbe nnd einmal von 
weicher, ein andersmal hingegen von mehr 
derber Konsistenz. Histologisch haben sie im 
Wesen denselben Ban, wie die polypösen Hyper- 
trophien in der Nase überhaupt, nnd es Über- 
wiegen auch da einmal die bindegewebigen 
Elemente, ein auderesmal d&g^en die Blnt- 
rSame, so daS man auch von teleangiektatiscben 
and angiomatösen Tumoren sprechen kann. 

Die blutenden N. kommen beim weiblichen 
Geschlechte öfter vor als beim männlichen, 
treten nicht selten während der Gravidität anf 
nnd haben ihren Sitz häufiger links (in '/^ 
der Fnlle) als rechts; Sie verdanken, so wird 
angenommen, ihre Entstehung dem Bohren 
mit dem Fingernagel, haben bisweilen ein sehr 
rasches, geradezu explosives Wachstum nnd 
nach ihrer Entfernung rezidivieren sie mitunter 
schon nach 2—3 Wochen. 

Oft, aber nicht immer gehen den N, Bln- 
tnugen vorans, später treten jedoch H&mor- 
rhagien sehr oft nnd auch bei geringen An- 
lässen, schon bei leichter Berührung geradezu 
regelmäßig während des Schneozens auf. Sie 
verstopfen sehr bald die Nase, selbst wenn sie 
noch keine bedeutende Größe erreicht haben, 
da sie weit vorne sitzen nnd sehr bald die 
vordere Nasenötfanng ansftUlen, 

Die Behandlung der N. ist eine operative. 
Man kann sie mit der Schere abtragen, 
gelegentlich — wenn die blutenden N. sehr weich 
sind — kann man sie auch mit dem scharfen 
Löffel entfernen und ätzt dann die Ansatzstello 
derselben. Am besten eignet sich jedoch bieiza 
die galvanokanstische Schlinge nnd zuweilen 
kommen dabei kaum einige Tropfen Blut zum 
Vorschein. Etrai. 



NMienioheidewandTerbiegim- 

g^QIIi Man versteht unter N. Abweichungen 
des Septum narium in seinem knorpeligen 
oder knöchernen Teile oder in beiden zugleich 
nach einer Seite hin , d. h. eine Verwölbung 
auf einer nnd eine enteprechende Vertiefung 
auf der anderen Seite. Sie gehören zu den 
häufigsten Befunden, und manche Autoren 
geben an, daä die Masenscheidewand (bei den 
von ihnen untersachten Nasenkranken) in 
kaum l'/o der Falle gerade stehe. 

Den N, liegt nicht immer dasselbe ätiologi- 
sche Moment zugrunde und fOr einen groBen 
Teil derselben sind die Ursachen nicht mit 
Sicherheit bekannt. Ein Teil der Septnmdevis- 
tionen ist anf Traumen, StoB, Schlag und 
Fall auf das Gesicht zarilckznf Ohren, weui 
auch positive anamnestis che Daten nicht immer 
mit Sicherheit zu erhalten sind, namentlich 
da hierbei die Verletzung der Nasenschleim- 
haat und die Nasenblntnng ganz unerheblich 
sein kann. Findet eine Fraktor des Nasenbeines 
statt, so wird die Gewalte in Wirkung auf daa 
knorpelige Septum fibertragen und es kommt 
entweder zu einer Luxation in der Artikulation 
der Kartilago quadrangularis mit dem Vomer 
oder zn einer Deviation. 

Viel h&nfiger kommen die sogenannten phy- 
siologischen Deviationen vor; sie entstehen 
durch ungleiche Wachstumsvor^jige im Septnjo 
oder in den umgebenden Gesicbteknochen ; 
dies findet zumeist nach dem 7. Lebensjahre, 
während der zweiten Dentition statt, wobei 
das Kiefergetüst eine Steigerung des Wachstums 
erfährt. Als Beweis hierfür wird ein Weiter- 
an^escbnittensein der Apertura pyrifbrmis auf 
der verengten Seite, ungleich hoher Stand der 
Angenhöhlen nnd eine abnorme Höhe und 
Schmalheit des Oaomengewölbes angeführt; 
doch geht nicht jedes hochstehende Oaumeo- 
gewölbe zugleich mit einer Deviation einher, 
und es ist schwer zu bestimen, was Ursache 
und was Folge ist. Denn es liegen Versuche 
vor, welche zeigen, daB umgekehrt Verstopfung 
einer Nasenhöhle asymmetrische Entwicklung 
der Gesichtsbälften zur Folge haben kann. 
Wächst das Septnm starker, und zwar der 
Fläche nach, so maB es sich — da es den Rah- 
men nicht sprengen kann — nach der Seite 
hin ausbiegen, nnd dies geschieht namentlich 
dort leicht, wo das Septum am höchsten ist, 
zugleich auch dort, wo es von Hans aas am 
nachgiebigsten ist, nämlich im knorpeligen 
Anteil; nnd wir linden tatsächlich die meisten 
Deviationen vor der Septommitte. Doch wurden 
N. auch schon bei Neugeborenen gefunden. 
Ein Teil der physiologischen Deviationen tritt 
auch im Gefolge der sogenannten Krista late- 
ralis anf, indem durch das Wacbstom derselben 
auf der anderen Seite eine Rinne , eine 
Faltung des Septums entsteht (Ztc 



61 



NASENSCHEIDEWANDVERBIEGDNQEN. 



62 



8chlieBlic)i entsteht ein Teil der N. aoch 
kompenBatorisch durch einseitige Vei^röBe- 
mng der benachbarten Teile, durch Bl&hung 
der SiebbeinmuBcbelu. 

Bei gerioggradigen Verbiegnngen sind ent- 
weder gar keine oder cur nnbedentende sab- 
jektive Erecheiniuigen vorhanden; such bei 
bedeutenden N., namentlich wenn sie nicht 
ganz Tonie ihren Sitz haben aind dieselben 
Euweilen gering, da die Loft noch über- und 
nnterbalb derselben durchstreichen kann, und 
nnr sehr hochgradige Verbiegnngen verursachen 
bedentende Beschwerden, besonderB wenn Bi< 
aknte oder chronische Rhinitiden hinzngesellei 
Die Beschwerden bestehen hanpt^ciilich i 



r Stöm 






>Blei 



tspin 



namentlich wenn auch die andere Nasenb&lfte 
durch pathologische Veränderungen (Rhinitia 
hjpertrophika,Polrpen)veicngtiBt; dieKranken 
atmen dnrch den Mnnd, Kehlkopf und Bachen 
trocknen ans, der Schlaf wird nnmhig nnd 
infolgedessen kann anch das Allgemeinbe- 
finden wesentlich gestört werden; die Inspira- 
tionsloft wird nicht vorgewärmt, befeuchtet 
nnd gereinigt. 

Die Entfernung des Sekretes auf der 
verengten Seite ist erschwert oder ganz un- 
möglich, dieses selbst nimmt einen visziden 
Charakter an, znweilen ist es auch blutig ge- 
ftrbt nnd kann nur infolge seiner 
Schwere vor oder hinter der Deviation heraus- 
gelangen. Anch aaf der anderen Seite kann 
die Heransbefürdemng des Schleims erschwert 
sein, wenn die Nasenhöhle sehr gerftumig ist, 
wenn sich groSe Borken bilden nnd die 
in einem £u breiten Strome durchtritt 

Die Sprach e wird nasal (Rhinolalia klansa 
anterior) nnd das OeruchevermÖgen wegen 
Verengerung der Biechspalte verringert oder 
ganz aufgehoben. Femer können Instrumente, 
Ohrkatheter, Sonden, Polypenschnttrer etc., 
nicht eingeführt werden nnd auch die einfache 
Besichtigang kann erschwert sein, nnd schließlich 
können N. auch zu verschiedenen Ohren- und 
Äogenaffektionen eowie zu einer Reihe von 
reflektorisch ansgelösten nervösen Erschei- 
nungen, insbMondere zu Kopfschmerzen, 
Veranlassung geben. 

Bei Besichtigung des Kranken kaun man 
oft deutlich ausgeprägt die Folgen der ansge- 
schaJteten Masenatmong konstatieren: Offen- 
balten des Mundes; Unterkiefer nnd Unter- 
lippe sind herabgesunken; der Oesicbtsans- 
druck leer , geistlos , die Masolabialfalten 
verstrichen nnd dann können hSufig die 
obenerwähnten Asymmetrien des Qesichts- 
skelettes konstatiert werden. Zuweilen steht 
auch die äoBere Nase schief, und wird die 
rhinoekopische Untersuchung vorgenommen, 
BO sieht man vertikal oder horizont^ verlau- 
fende, einmal mehr vorne, nicht selten onmit" 



telbar hinter der Spina naaaUs anterior, ein 
anderesmal weiter hinten in der Gegend der 
Septummitte gelegene, zumeist jedoch die Kar- 
tilago quadraugularis betreffende, entweder 
scharf abgeknickte, winkelige, oder mit ab- 
gerundeten Konturen versehene blasige Devia- 
tionen. Mitunter springt das verbogene Septnm 
rinnen- oder trichterförmig vor, nicht selten 
kommen N. mit sehr nnregelm&Bigen Konturen 
vor und zuweilen buchtet sich die Nasenscheide- 
wand an zwei Aber- oder hintereinandergele- 
genen Stellen S-förmig in der Weise aus, dafi 
auf jeder Seite eine Konvexität nnd anscblie- 
Bend eine Konkavität zu sehen ist; doppelte 
Skoliose. Der hintere Septomrand steht fast 
ohne Ausnahme median. Die Schleimhaut 
ist an der vorgewölbten Stelle, namentlich bei 
den vorne sitzenden Deviationen, straff gespannt, 
gefäSarm, verdünnt, atrophisch und blaSgelb, 
während sie bei den tiefer sitzenden Verbie- 
gungen lebhaft gerötet, mit Blut überfüllt 
oderkatarrhalisch verändert erscheint. Zuweilen 
findet eine unmittelbare Berührung des Septums 
mit der äußeren Nasenwand statt, nnd nichtim- 
mer gelingt es auch bei Anwendung von Kokain 
mit einer Sonde, die man versnchsweise mit 
verschiedenen Krümmungen versieht, durch- 
zukommen. Auf der Höbe der Vorwölbnng 
entstehen oft Erosionen, die zu Blutungen 
Veranlassung geben können , nnd zuweilen 
kommt es auch zu Verwachsung mit den 
gegeuttberliegenden Stellen. Die äuBere Wand, 
die Muscheln weisen Eindrücke seitens der Vor- 
wölbung des Septnms anf und die Schleim- 
haut der Muschel ist mitunter an der Druck- 
stelle atrophisch. 

In der anderen Nasenhälfte sieht man eine 
der Konvexität entsprechende Konkavität, dooh 
ist sie in jenen Fällen, in denen die Vorwöl- 
bung auf der stenosierten Seite überdies auch 
leistenartige Verdickungen trägt, um die Dicke 
der letzteren geringer; femer sieht man da 
den hinteren Abschnitt des verbogenen Septnms, 
nnd liegt eine S-förmige Deviation vor, so 
kann man neben der Konkavität auch die 
Konvexität dieser Seite sehen; da die rück- 
wärtige Krümmung gewöhnlich kleiner ist, 
so ist jene Nasenbälfte zumeist mehr verengt, 
welche die vordere Konvexität birgt. Die 
Schleimhaut ist oft katarrhalisch erkrankt, 
gerötet, geschwellt und nicht selten mit ein- 
getrockneten Borken bedeckt. 

Die Diagnose der N. ist leicht, da der 
VorwÖlbnng auf einer Seite eine Ausbuchtung 
auf der anderen Seite entspricht. Eine Ver- 
wechslung mit den einfachen, namentlich in 
den oberen Partien vorkommenden Aus- 
wüchsen und insbesondere auch mit der 
zwischen Vomer und Kart quadrangnlaris be- 
findlichen, von vorne unten nach hinten oben 
verlaufenden, scharf kontarierten physiologi- 



gle 



NASENSCHEIDEWÄHDVEEBIEGUNGEN. 



sehen Leinte, Kriata lateralis, ist leicht Ei 
vermeiden, imil auch eine Kombination einei 
ÄnswachseB mit einer Deviation wird an dei 
bedentanden Dickenzanahme an dieser Stelle 
namentlich ojiter Znhilfenahme eines Instm- 
mentea, mit dem man die Dicke der Nasen- 
Bcbeidewand messen kann (Septometer), leicht 
erkannt werden. Von grolkr Wichtigkeit ist 
anch die BeatimmiiDg der Tiefs, in der sich 
die Deviation befindet, wozu man sich am besten 
der Sonde bedient Eine Verwechslang mit 
NenbiLdnngen, Infiltraten, Abszessen, Häma- 
tomen usw. kann auch ohne Berflcksicbtigong 
von Nebennmstandan leicht vermieden werden, 
wenn man von der Sonde Oebranch macht, 
mit der man die resistente Prominenz abtasten 
und kondnnierlich bis an die Peripherie, bis 
zum Cbergang derselben in das nonnal gele- 
gene Septam verfolgen kann; in derselben 
Weise kann man auch das Toberkolom septi, 
ein Drhsenkonglomerat, das sich am Eingange 
in die Riechapalte befindet, leicht als solches 
erkennen , namentlich - — wenn man die b&nfig 
drüsige Beschaffenheit seinerOberflftche berflck- 
sichtigt. 

Beb&ndlang. Ist die Deviation gering- 
gradig, stört sie die Nasenatmnng nicht and 
sind weder direkte noch reöektoriach aoBgelöste 
nervöse Erscheinungen vorhanden, so ist jed- 
weder Eingriff DberflOssig; nnr wenn Bespi- 
rationsslörnngen, Stannngserscheinongen oder 
ReflexneiiTosen vorhanden sind oder eine Oe- 
hörsaffektion darch das Naaenleiden bedingt 
wird and ohne vorherige Behandlung der 
Verbildnng nicht betumdelt werden kann, mnS 
interveniert werden. 

Was speziell die Störnng der Nasenatmang 
betrifft, so moB vor allem, nm nicht spater 
entt&nscbt zn weiden , mit Sicherheit kon- 
statiert werden, ob tatsächlich die vorhandene 
N. Ursache derselben ist nnd ob nicht etvra die 
SoBere Nasenwand, eine Moschelhyperttophie 
und das Schwellgewebe daran schnld ist, das 
im Momente der Untersachnng wie gewöhnlich 
kontrahiert ist; dies wird oft übersehen and 
fälschlich die vorhandene N. znm Angriff^objekt 
erwählt. Oft gibt schon die Anamnese hierüber 
AafschlitQ. Wenn die Nasenstenose bei einemEr- 
wachsenen einige Wochen oder Monate besteht, 
so kann eine N., die ja seit Jahren and Jahr- 
zehnten schon besteht, nicht Ursache derselben 
sein. Aoch spricht das nnr zeitweilige Aof- 
treteu der Nasenverstopfong ebenfalls dagegen, 
dafi sie dnrch die M. bedingt wird. Bei Be- 
rücksichtig nng dieser UmBtände zeigt es sich 
dann, daB die N. in dar Tat nur selten einen 
operativen Eingriff erheischen. 

Atznngen mit Az. trichlorazetikam, Oolvuno- 
kaaterisation an der höchsten Prominenz der 
Deviation ftlhrt nnr in den seltensten F&llen 
zn einem halbwegs zafriedenstellendeD Re- 



soltata. Dabei mnfl vorsichtig vorgegangen 
werden, nm nicht bei gleichzeitiger Än&tzong 
der gegenflberbefind liehen Stelle eine Synechie 
zn bekommen. 

Bei schiefer Nase wurde empfählen, tAglich 
60 — lOOmal einen Diock aaf dieselbe nach 
der der VerkrOmmnng entgegengesetzten Seite 
ansüben za lassen, doch ist von dieser Methode 
nichts zn erwarten. Ebensowenig wird man 
aoch nor die geringste andanemde Bessernng 
dnrch Einlegen von Laminoriastiften , PreB- 
schwamm, Onmmirdhren usw. erzielen , denn 
abgesehen davon, daB das Verfahren ftuBeret 
langwierig und lastig iat, wird man anch bei 
groBer Aasdaoer ans dem Oronde keinen Erfolg 
zu varaeichnen haben, weil das Septam infolge 
seiner Elastizität in seine frtUiere fehlerhafte 
Stellang zarückkehrt, wenn der Druck auf- 
hört 

Zumeist handelt es sich da nm chirurgische 
Eingriffe und es wurde eine Reihe von Methoden 
angegeben, um die Deviationen zu korrigieren. 

Viel gebraucht wird die von Abams ange- 
gebene Zange, am die verbogene Scheidewand 
durch Druck auf beide ZangengriSe in die 
Medianebene zn bringen; ist dies gelungen, 
so wird ein aus 2 Mel&llpl&tten bestehender 
Kompressor durch beide Naaenöfhangen ein- 
gelegt nnd geschlossen 3 Tage liegen gelassen. 
Die Nachbehandlung besteht im Einlegen von 
passenden El&nbeinplatten ISngere Zeit hin- 
durch. JcKAsz hat, um den ganzen Eingriff 
in einem Tempo ausführen zu können, eine 
Kombination von Zange und Kompressor kon- 
struiert; das [nstmment besteht ans 2H&lften, 
welche noch vorheriger Kokaiuiaiemng der 
Nase separat, wie die Teile einer Gebartszonge 
eingeführt werden; der Kompressor wird nach 
der Korrektion geschlossen liegen gelassen und 
die Zange abgenommen. Nach 3 Tagen wird der 
Kompressor entfemt,und damit die Scheidewand 
nicht etwa in die frühere fehleriiafte Stellang 
zarbckkebre, fOr einige Stunden oder einen 
ganzen Tag Elfenbeinplatten eingelegt. Die 
Methode ist schmerzhaft, wird von manchem 
Kranken anch nach begonnener Behandlung 
oft sehr energisch abgelehnt und dann kommt 
es zuweilen auch zn Oangrftn der Schleimhaat 
und einer Perforation, was allerdings keinen 
kosmetischen Nachteil bedingt, da die Nase 
hierbei nicht einsinkt. 

Dann gibt es mit sternförmigen scharfen 
Leisten versehene Zangen, mit denen man die 
vorgewölbte Stelle fraitnriert ; femer zangen- 
förmige, schneidende Instrumente , mit denen 
man die Deviation von hinten nach vom dnrch- 
trennt, nm dann die Korrektion vorzunehmen. 
Manche inzidieren den deviierten Knorpel in 
der Richtung von hinten oben nach vorne 
unten, oder in der Richtung von oben nach 
■antan mit einem Spitzbietouri auf der gröSten 



6Ö 



NASENSCHEIDEWANDVEBBIEOUNÖEN. — NASENSTENOSE. 



66 



Konvexitftt and befestigen ihn mit ainer iaDgc 
tjtahlnadel, wie eine Blnme im Knopfloch. 

Andere Bchlftgen mit einer nach Art der 
Schaffnerz&ngen koniitmiertea LocheiaeDsange 
ein gröBereB oder mehrere kleinere Stücke ans 
dem Septom heran». 

Wieder andere Antoren schonen die Schleim- 
haut: sie spalten sie vorerst — manche anf|[al- 
TaDokanstiachem Wege —, schieben sie znrück 
nnd schneiden dann ans der Konvexitfit des 
Knorpels ein entsprechend geformteB nnd groBes 
Stück heraas ; manche vereinigen überdies 
BQch noch die Wimdr&nder der Schleimhant 
dnrch Naht. 

Mehrfach wnrde aach die Elektrolyse 
empfohlen, n. zw, entweder in bipolarer An- 
wendung der Ellektroden oder in der Weise, 
dafi man die ne^tive Elektrode in die 
entfemeDde Stelle einsticht, w&brend man die 
platten fSrmige Elektrode an eine beliebige 
Körperstelleanlegt; die weichgewordenen Stellen 
r«Borbjeren sieb nnd die Korrektion ist dann 
leicht vorzanebmen : nnn brancht man aber 
oft eine sehr groBe Anzahl Sitzungen, nm zam 
Ziele zu gelangen, namentlich wenn die Deria- 
tion einif^rmafien hochgradig ist, and gerade 
oniBolche handelt es sichja in der groBen.Mehr- 
zahl der Falle ; der Kranke verliert die Oednld ; 
überdies ist die Elektrolyse anch bei Kokain- 
anwendang xnweilen sehr schmerzhaft, wenn 
Bie wirksam sein soll, aach wenn man sich 
sehr langsam einschleicht, bis Knistern nnd 
Schaambildnng wahraanehmen ist. 

Der Fehler der meisten operativen Metlioden 
besteht darin, dafi man bei hochgradigen I>e- 
Tiationen, wenn sie nicht ganz vorne ihren 
Sitz haben, wo man dnrch Abziehen de.i Nasen- 
fldgels den zur Operation notwendigen Spiel- 
taoiD gewinnen kann, die betreffenden Instm- 
mente nicht Aber die höchste Wölbnng 
bringen kann; soll jedoch die Korrektion 
gelingen ond das Septnm in der korrigierten 
nencn Position verbleiben, so mnfi man anch 
den hinteren Teil der Deviation angehen: Man 
mnB die größte Wölbung passieren nnd 
die Deviation nach allen Seiten hin, insbeson- 
dere aach nach hinten ihrer Stötae beranben 
nnd die Dnrchtrennung anch hier aaefdhren. 
Kommt man dag^^n mit den Instrumenten 
noch aber die grAfite Wölbung hinüber, dann 
ist die Deviation eben nicht sehr hochgradig 
und ein derartiger grCfierer Eingriff in der 
Regel aberfl&Bsig. 

Bei Deviationen, die vorne im Bereich 
des Nasenflflgels ihren Sitz haben, geht 
man nach vorheriger Einpinseinng mit Kokain 
und Adrenalin am besten mit einem feinen 
Knopfmesser Über die höchste Wölbung ein, 
macht dorcb die ganze Dicke des Septums 
einen Krenzschnitt, in der Richtung von hinten 
nnten nach vorne oben nnd vorne hinten oben 



nach vorne unten, drückt dann die Knnrpel- 
lappen von der verengten Seite herein and 
legt wenige Tage hindurch mit Sublimat- oder 
Dermatolgaze umwickelte Hartgummi röhrchen 

Hat die Deviation weiter rück wtlrts ihren 
Sitz nnd ist sie betrSchtlirh, d, h. kommt man 
mit den Instrumenten nicht über die höchste 
Wölbung, so ist es am zweckmftBigsten , die 
Operation zum größten Teil, nnfer gtloBtigen 
Umständen voUstindigauf der konkaven Seite 
miteinem entsprechend abgebogenen lanzettför- 
migen Ueseer aoszuführen. Auf der Seile der 
Konvexität wird eine Schutzplatte a.u Nen- 
silber eingelegt and auf der konkaven Seite 
ein senkrechter Schnitt durch die gröBte Bucht 
der KonkavitSt gefuhrt. Ein zweiter Schnitt 
reicht von hinten oben nach vorne unten bis 
zum senkrechten Schnitt nnd wenn es der 
Baom gestattet . nach vorne bis an die Peri- 
pherie der Deviation. Kann man den vorderen 
Teil von dieser Seite nicht angehen nnd den 
letzten Schnitt auf der konkaven Seite nicht 
führen, so macht man ihn mit einem schmalen 
Spitzbistouri auf der konvexen Seite. Ist mit 
dem Messer nnr Schleimhaut, nicht aber auch 
der Knorpel bzw. Knochen durchtrennt worden, 
so nimmt man den Meißel zu Hilfe. Die Schleim- 
haut brancht nicht Eurückpr&pariert zu werden. 
Dann werden die so entstandenen and beweg- 
lichen Quadranten mit einerstarken Stahlplatte 
gegen <lie Mittellinie gedrückt, wobei sie mit 
ihren R&ndem mehr oder weniger übereinander 
geschoben werden, hftofig auch an ihrer Peri- 
pherie fraktnriert, wodnrch sie ihre federnde 
Kraft verlieren, und durch ein mit Sablimat- 
gaze omwickeltes Hartgninmirobr so lange in 
der nenen Position erhalten, bis Verheilnng 
nnd Fixierung in derselben erfolgt ist. 

Rkthi. 

MaieiUtenOle. Unter N. versteht man 
eine Verengerung des Naaenkanels, wodnrch 
das Durchstreichen der Atmungslnft erschwert 
oder gänzlich aufgehoben wird. Die physio- 
logische Funktion der Nasen Schleimhaut hat 
die Aufgabe, die Inspirationsluft zu erwftrmen, 
anzufeuchten and von korpusknllLren Beimen- 
gungen zu befreien; ch ergibt sich somit daraus 
die Konsequenz, daB bei Störungen dieser 
Fnnktion die Präparation der Atmungslnft 
von Seite der Nase mangelhaft ausmit oder 
gänzlich unterbleibt, da die Atmung durch 
den Mand erfolgt, nnd es müssen daraus 
Störnngen resultieren, welche nicht bloB die 
oberen Luftwege, sondern anch die Bronchien 
nnd die Lnngen, ja in weiterer Folge auch den 
Gesamtorgan Ismus tangieren. 

IHe Ursachen einer N. können sehr ver- 
schiedene sein — sie sind angeboren oder 
orben — . letztere sind in akuter Weise 
oder langsam entstanden, sie wirken P"''|oL:> 
3 O 



67 



NAtJENSTENttSE. 



manent oder nar zeitweilig nnd sind 
gering-, mittel- oder hochgradig. Die 
nichtigsten Bind; 

1. Atresia narium, ein meist angeborener, 
mehr oder weniger vollkommener Verechlnflder 
ftoBeren Naaeuöffhnngen ; es kann jedoch ein 
Bolcher aach erworben werden nnd ist 
dann durch narbige Verwachsong nach ge- 
schwflrigen Prozessen, zumeist dnrch Lues, 
entstanden. 

2. ScJaretlmig da- Schleimhaut bei akater 
nnd chronischer Rhinitis. 

3. Sehleimhatit-Hypfrirophie bei chronischer 
Rhinitis. 

4. Verbiegungen de» Seplwrt« und leisten- 
artige Ansnüchse an demselben (Spinae 
nnd Kristae septi). Die Verbiegnngen sind an- 
geboren oder darch Bmcb der Masenscbeide- 
wand entstanden. 

5. Veneachtttngen, SyTteehien, zwischen den 
medialen nnd lateralen SchleimhantflKchen. 

6. I^ypen und Ne«bildrmgen anderer Art 
in der Nasenhöhle. 

7. FrtmdMrper und Natensteint IHhino- 
lithen). 

8. Veradduß der Choanen darch eine mem- 
branöse oder eine knöcherne mit Schleimhant 
überkleidete Wand. Dieser Zustand ist ange- 
boren, es kann aber ein Ähnlicher Verscblofi 
durch Narbenbildong , z. B. nach l<aes oder 
beim Sklerom ^ demnach erworben — zu- 
stande kommen. 

9. Die adtHoidvn Vegetationen. 

10. Verviack»vng des weichen GoMmene mit 
der hinteren Radienwand , eine Folge ge- 
echwSriger Prozesse, znmeist nach Diphtherie 
nnd Lues. 

Infolge der durch die aufgezählten Ursachen 
herrorgerafenen mangelhaften oder gänzlich 
aufgehobenen Nasenatmong werden nun je 
nach dem Grade und der Dauer der Nasen- 
verengerong verschiedene Störungen Tsranlafit, 
welche sich bald nur in der Nase selbst ftthl- 
bar machen, bald aber auch andere benach- 
barte nnd seibat entiemtere Oi^ne betreffen. 
Man kann sie der Reibenfolge ihrer Entstehung 
nach folgendermaßen gruppieren ; 

1. Die Schleimhaut des Sacheng, de« Kehl- 
kopfes, der Luftröhre und der Bronchien wird 
durch den austrocknenden Einfjnfi, welchen 
die darüber streichende nicht präparierte, fOr 
diese Schleimhaut ungeeignete Laft aasübt, 
gereizt, es stellt sich ein Oeffihl von 
Trockenheit nnd Kratzen im Rachen nnd 
Kehlkopfe ein , im «eiteren Verfolge gesellt 
eich Hustenreiz und Heiserkeit hinzu, as 
entwickelt sich hSnfig wiederkehrender 
oder chronischer Katarrh des ganzen 
Respi rationsapparates. 

2. Dnrch diese zur Atmung ungenögende 
Luft wird in den Lungen ein ungenügender 



OiUKechsel bedingt, und dieser gibt sich nach 
einiger Zeit dnrcb ErnahrongsstOrnngen 
und mangelhafte Blatbildnng und 
Körperentwicklung kund. 

3. Die Ernährung leidet auch weiter dadnrch, 
daB die mit N. Behafteten, da sie dnrch den 
Mund atmen müssen, die Speisen nicht ge- 
nügend kaven, sondern sie rasch verschlucken. 
S&nglinge lassen infolge von Nasen Verstopfung 
beim Saugen die Brust sehr httnfig aus, ihre 
EJn&hmng leidet daher in so erheblicher 
Weise, daB ans diesem Oronde für sie 
selbst die bei einem einfachen Katarrhe auf- 
tretende Nasen Verstopfung schon eine Lebens- 
gefahr bedingen kann. 

4. Eine weitere Sch&dignng der EmBhrung 
ergibt sich ferner dnrch dtu Vertchliuken des 
bei N. im Nasenrachenraom nnd im Bachen 
reichlich angesammelten Schleimes; es 
entwickeln eich dadurch Djspepsien und 
Magenkatarrhe. 

b. Die Sprache bekommt einen nftseln- 
den, verstopften Charakter (Rhinolalia 



klai 



ia>. 



6. Es treten Slärvngen des Oerncfaes nnd 
Gehörs anf. Endlich 

7. beobachtet man die Herabeeimng der 
geistigen FunktioTien (Aprosexie) und bei in 
sehr früher Jugend entstandener N. auch eine 
Vorbildung des Gesichtes and des 
Brustkorbes. 

Die Diagnose wird unter genauer Rück- 
sichtnahme auf die Anamnese nnd die Klagen 
des Patienten dnrch die Untersuchung der 
Nase nnd des Nasenrachenraumes gestellt 
werden. Insbesondere mafi anf die Angabe, 
daS die Verstopfung keine stindige, aondem 
nnr tempoAre ist, gebührende Rücksicht ge- 
nommen werden, da in solchen F&Uen vor- 
übergehende Schwellangen als Ursache der 
N. anznecholdigen sind, während bei der 
Untersuchung des Naseninnem vielleicht in 
dem Augenblicke nichts Abnormes vorgefun- 
den vrird. 

Die Behandlnng hat die Anfgabe, das 
Hindernis fitr die unbehinderte Nasenatmong 
so rasch als möglich zu beseitigen, sie wird 
demnach nach der veranlassenden Ursache vei^ 
schieden sein nnd sich nach dieser richten 
müssen. — Die Schwelinngen der Nasen- 
Bchleimbant beim akuten nnd chronischen 
Nssenkatarili werden nach den bei ,Koriza' 
abgehandelten Prinzipen , die bei nervösen 
Personen antretenden stärkeren Füllangen 
des Schwellgewebes in der Weise behandelt, 
dafi dnrch allgemeine nnd örtliche MaBnahmen 
die gesteigerte Erregbarkeit der peripheren 
und zentralen Nervenanteile herabgemindert 
wird. In dieser Beziehung sind als örtliche 
Mittel das Menthol mit geringen Mengen Kokain 
(Menthol 0-30. Kokaini mnr. 0-15 auf 1500 



69 



NASENSTENOSE. - NÄSENSYPHHJS. 



70 



Vaselin ale Salbe oder mit Ol. Vasolini ztun 
EintrftDfeln) zu empfehlen. Aach die endonasale 
FaradiBation ruid die SchleimhantmaasEige er- 
weisen sich in solchen Fallen nützlich. — 
Bei Rhinitis Lypertropbikamofi diehjper- 
trophierte Schleimhant mit Chromsünre oder 
dem Galvanokaater oder mit der galvano- 
kaustischen Schlinge beseitigt werden. — Sind 
Polypen die Ursache, müssen diese möglichst 
vollständig entfernt werden. — Enorpel- 
ond Knochensaawüchae oder derartige 
Spangen nnd Brücken mtkssen mit dem 
MeiBel oder der Stichsltge operiert werden. 
Deflationen des Septnms suche man durch 
entsprechende Apparate mit oder ohne redree- 
sierande Operation in situ za erhalten. Bei sehr 
starken Deviationen hat sich in der letzten 
Zeit ein Operationsverfabren , welches man 
.snbrnnköse Feneterresektion" nennt 
und hei welchem von der Nasenöffiiung ans 
submoköB der verbogene Knorpel und Knochen 
entfernt, die inrückgebliebenen Schleimhaut- 
blatler jedoch in die Mittellinie gebracht nnd 
daselbst mittelst Tampon einige Zeit hindurch 
festgehalten werden, ausgezeichnet gut bewährt 
Dieses Verfahren beseitigt die Deviation 
besser als jedes andere bisher in Qebraach 
gewesene nnd stellt die freie Nasenatmang 
vollständig wieder her. — Synechien werden 
getrennt nnd deren Wiederverwachsnng durch 
Einlegen von Jodoförmgaze oder von mit Jodo- 
formgaze nm wickelten Hartgnmmir6hrchen 
verbindert. — Die Verwachsung der 



,Atr. 



rCho> 



Hypertrophische Bachentonsillen und 
adenoide Vegetationen werden entweder 
durch Bingmesser, kalte oder galvanokanstische 
Schlinge von der Nase ans, oder mit schneiden' 
den Zangen, Kfiretten, Dmhtschlingen etz. vom 
Mnnde aus entfernt. Roth. 

Nsseniyphllii. Die N. ist in der 

Regel der Änadmck einer konstitutionellen 

Erkrankung, indem sie entweder hereditär 
auftritt oder in einem späteren Alter erworben 
wird. In üeltenen Füllen ist aber die Nase 
auch Sitz eines Frimäraffektes. 

Das harte Oeschwftr der Nase kann infolge 
von Übertragung auf die Naaensch leimhaut 
oder den Nasenflügel durch den Fingernagel 
oder durch Instrumente entstehen. Neugebo- 
rene können auch beim Durchtritt durch die 
Oenitalieu der kranken Mntter oder späterhin 
dorcb Khagadeu an den Brustwarzen einer 
kranken Amme infiziert werden. 

Das primäre Geechwür gehört in den Sel- 
tenheiten, die Beknndären ErBcheinungen sind 
ebenfalls selten, dagegen kommen die tertiären 
Formen Terhaltnismafiig oft vor. Die sekun- 
dären Erschein ungen treten in der Regel wenige 
Monate, die tertiären Formen zuweilen enrt 



nach Jahrzehnten, am häufigsten jedoch 
zwischen dem 1. und 3. Jahr« nach erfolgter 
Infektion auf nnd bei der hereditären Syphilis 
stellen sich die Erscheinungen in der Regel 
in den ersten Leben swoch en , zuweilen jedoch 
auch mehrere Jahre nach der Geburt ein. Ob 
katarrhalische Entzündungen der Nasen- 
schleimhant das Auftreten der tertiären Formen 
begünstigen , ist nicht näher bekannt. Nacli 
Neuuakn bandelt es sich bei den tertiären 
Formen überhaupt nur nm eine neuerliche 
Proliferation der von früher aufgestapelten 
syphilitisrhen Produkte. 

Die »ubjtkliven Ertchetnunffen sind nament- 
lich lici den katarrhalisrlien Formen nnd oft 
auch bei den Kondylomen von geringer Inten- 
sität, so daß die Nasenerkranknng, auch wenn 
Temperatursteigerong vorhanden ist, häufig 
übersehen nnd verkannt wird, da sie ja aacb 
beim einfachen Schnupfen auftritt; bei den 
gummösen Formen hingegen können die Be- 
schwerden sehr beträchtlich werden. Dieselben 
bestehen in Verstopfung der Nase, zum 
Teil auch bedingt durch Sekretanhäufnng, in 
erschwertem Schneuzen, Mundatmung, nasaler 
Aussprache , nnd bei geschwUrigem Zer&U in 
Drnckempflndhchkeit and Schmerz in der 
Nase; die Kranken haben üblen Gerncb ans 
der Naee, sie eelbat bemerken ihn jedoch zu- 
weilen nicht. Ist es zu Perforation des Oanmens 
gekommen, so wird die Sprache zuweilen 
ganz unverständlich, Rhinol^a aperta, and ee 
stellen sich beim Essen nnd Trinken be- 
deutende Störungen ein, indem hierbei ein 
Teil der Speisen nnd Getränke in die Nase 
gelangt Nicht selten atellen sich auch nervöse 
Erscheinungen, diffuser Kopfschmerz, neur- 
algische Schmerzen im Trigeminusgebiete, 
namentlich in den Zähnen, in der Stirn- und 
Wangengegend und zuweilen auch sehr schwere 
Erscheinungen von Seite des Nerveneystema ein. 

Die Sekretion ist vermehrt, das Sekret 
dünnflüssig oder schleimig-eitrig, bei einge- 
tretenem Zerfall ist es blutig gefärbt nnd mit 
abgestoBenen Oewebsfetzen oder Knochenstück- 
chen untermengt und oft ist die Haat des 
Nasencinganges erodiert und mit Borken be- 
deckt. Nach abgelaufenem ProzeB kommt eu 
zuweilen zur EJitwicklung der Ozaena syphi- 
litika, indem das Sekret auf der atrophischen 
Schleimhaut zu feethaftenden und äufierat 
tkbel riechenden Borken eintrocknet, ohne daB 
jedoch nekrotische Knochenstücke oder Ge- 
schwüre für den Fötor verantwortlich gemacht 
werden könnten. 

Die rkinoskopisdie Unifrtvcktmg ergibt bei 
der Initialsklerose, die ihren Sitz in den 
vorderen Abschnitten der Nase, am Nasenein- 
gange und am Septum hat, das Vorhandensein 
einer scharf umachriebenen Schwellung von 
bedeutender Härte, noch deren Zerfall ein 



71 



NASENSrPlULIS. 



72 



tiefes, kraterföimigeE GeechwUr mit harten 
RSndem entsteht . wobei sich gleichzeitig 
Schwellimg der Lymphdrüsen am Kieferwinkel 
einstellt. 

Der syphilitische Katarrh macht sich 
hanptsftcblich in den vorderen Partien der 
Nase bemerkbar, doch hat er keine charak- 
teristischen Kenn£eicben ; er geht mit bedea- 
tender RStunj:, Schwellung, hftafig mit Epi- 
thelabschilferong and namentlich bei Neage- 
boranen mit vermehrter Sekretion and reich- 
licher Borkenbiidnng einher, so daß die tie- 
feren Gebilde oft nur schwer besichtigt werden 
können. 

Die Papeln, Plaques mnqneDses, treten, 
wie an anderen Schleimbftnten , als nmschrie- 
bene weiSliche, flache Erhabenheiten mit 
rotem entzündlichen Hof auf, die zumeist 
in den vorderen Abschnitten der Nase, am 
Septnm und den unteren Muscheln ihren 
Sitz haben, laweilen aber aach in der Nfthe 
der Choaoen beobachtet werden. Oelegentlich 
at6tt eich das Epithel nscli einiger Zeit ab, 
es entat^hen Erosionen und laweilen anch 
gelblich-eitrig belegte Oeschwttrclien , die in 
seltenen Fällen anch tiefer greifen and in 
bedeatenderen Zerstörongen ffthreo. An den 
vorderen Naaenöffiinngen , namentlich den 
Nasenflftgeln nud am AnBeren Winkel , sind 
sie oft mit bintigen Knieten bedeckt, nnd 
durch die Bewegangen der Nasenspitze, ins- 
besondere beim Beinigen der Nase, kommt es 
ztt nenen Einrissen, so dafi oft Rhagaden ron 
betrftchtlicher Tiefe entstehen. 

Die gummösen Prozesse gehen entweder 
von der Schldmhant oder vom Periost and 
Perichondriam des knöchernen nnd knorpe- 
ligen NaeengerQstes aas and stellen mehr 
oder weniger omschriebene. zumeist stark ge- 
rötete Schnellungen dar, welche die Nase je 
nach ihrem Sitze teilweise oder vollständig 
obtnrierBii. Sind die Mnscheln hefallen, so 
springen sie weit nach innen vor und l)ieten 
das Bild einer hypertrophischen Rhinitis dar, 
doch ist die Schwellung derb nnd weniger 
retraktil (auf Kokain); tritt Resorption ein, so 
schrumpfen sie in hohem Grade oder sie zer- 
fallen nnd geben zar Entstehung von syphili- 
tischen Geachwttren Venin läse nn g ; diese 
haben ihren Sitz zumeist am Septum, nament- 
lich an der Grenze zwischen dem knöchernen 
und knorpeligen Teile, sowie an den Muscheln. 
Sie sind oft maldenfönnig, haben steile, stark 
infiltrierte, ge^ulstete, scharf ansgesclinittene 
nnd lebhaft injizierte Rfinder nnd einen 
speckig belegten Grund, der nicht selten mit 
stark vorspringenden Granulationen bedeckt 
ist. Oft haben die Geschwttre eine durch 
Ilrack der gescliwellteo Muschel bedingte sa- 
gittale Verla ufarichtnng. Bei tieferen Zerstö- 
rnngen und Zerfall der Weichleile kommt es 



zu BloBlegung von Knochen , Ostitis nnd 
Nekrose. Man stöBt mit der Sonde auf rauhen 
Knochen und bloBliegenden Knorpel nnd ge- 
langt mit derselben durch das perforierte 
Septnm auf die andere Seite der Naa«, Zu* 
weilen ragen groBe dankelgraue nnd schwarz« 
Knochenstttcke weit hervor, und hie and da 
kommt es auch zn heftigen BIntnngen. BetriCFt 
der ProzeE kompakte Knochen (Nasenhoden), 
so geht die AbstoBung sehr langsam vor sich. 
Infolge von bedeutenden Zeratörangeu sinkt 
der Nasenrücken ein , die knorpeligen und 
knöchernen Teile der HaBeren Nase gehen voU- 
stAndig verloren, die Nasenspitze sinkt herab: 
Papageien nase. Die Nasenflügel werden 
zerstört: Habichtsnase, darch Perforation 
des harten Gaumens kommt es zu Kommuni- 
kation mit der Mundhöhle nnd mitunter kommt 
es zn Durchbrach in die Schädel höhle. 

Ist der Prorefl abgelaufen , so entstehen 
nach Ansheilnug der GeschwOre mehr oder 
weniger ausgebreitete Narben und narbige 
Terwachsaugen, und nicht selten wird die 
äoBere Nase durch Schrumpfung des zwischen 
dieser und den Nasenbeinen vorhandenen Bin- 
degewebes hereingezogen: Sattelnase. Lorg- 
nettennase, wenn die weiche Nase unter die 
Nasenbeine geschoben erscheint. Durch Ab- 
stoBung der Nasenbeine entsteht eine große 
Öffnung, durch welche die weitere Behandlung 
dos Naseninnem vorgenommen werden kann. 
Mitunter entwickelt sich die oben erwähnte 
Ozaena syphilitika, eine atrophische Rhinitis, 
mit Absonderung eines dicken, höchst übel- 
riechenden Sekretes. 

Vfaa den Verlanf betrifft, so können die 
syphilitischen Erscheinungen durch entspre- 
chende therapeutische Eingriffe in der Kegel 
rückgängig gemacht werden ; Rezidiven 
kommen oft vor. Zuweilen werden die Kranken 
kachektisch, und nach langer Krankheit kann 
der letale Ausgang dnrch Amyloiddegeneration 
der Nieren, der Leber etz., ferner durch inter- 
kurrierende Krankheiten, Erysipel und Me- 
ningitis, oder dnrch Blutungen herbeigeführt 
werden. 

In den meisten Fällen ist die Diagnose 
der N. bei Berücksichtigung der beschriebe- 
nen Symptome, namentlich wenn überdies 
Hantexantheme , makulo-papnlöse Hautajphi- 
lide, Drüsen Bch well nng, Narben an den (Geni- 
talien und spezifische VerSoderungsn im 
Rachen and Kehlkopf vorhanden sind, leicht, 
und ebenso wird man bei Säuglingen die 
Natur der Krankheit erkennen, wenn man 
den ganzen Körper untersucht, die fahle and 
welke Haut und das marastische AuNsehen 
dieser Kinder berücksichtigt und Psoriasis oder 
Pemphigus plantaris oder palmaris vorfindet. 
Doch sind die Erscheinangen nicht immer in 
charakteristischer Weise ausgesprochen : im 



NAHENSYPHIUS. 



74 



flbrigea k&nD sich bei einem syphüitischen 
oder EjphilitiBch genesenen Individaam in der 
Käse anch ein anderer, nicht apeiifiacher Pro- 
zeä etablieren. 

In diSerentialdiagnoatiacber Btzifihtaig 
in £n erw&hnen, daß eich der B^fphilitischt 
Katarrh von dem einfachen zmneiBt dadurch 
nnterscheidet, daB er halbseitig auftritt; 
der genntnen Ozaena unterscheidet 
die syphilitische Stinknase anch schon durch 
ihre rasche Entwicklung, Femer irird eich 
das Gamma vom Rhinosklerom durch die 
Farbe, die weniger scharfen Orenzen, die viel 
geringere Hftrte and den rasch eintretenden 
Zerfall unterscheiden lassen; der ÄbszeB des 
Septnm» stellt eine flnktaierende, anf beiden 
Seiten des Septome symmetrische Geschwnlst 
dar, imd ebenso kann eine Venrecbslang mit 
Exostosen nnd Deviationen bei Benatznng dt 
Sonde leicht vermieden werden. ' 

Ein syphilitisches Geschwttr wird sich von 
einem tnberknlösen in der Regel gut on- 
teracheiden lassen, da sich das erstere durch 
Bein Annsehen, den speckig belegten Grund, 
die scharf ansgesehnittenen, onregelmftBig aos- 
gezackten and lebhaft injisierten Bänder zu- 
meist in genflgender Weise cbarekterisiert. In 
zirei feihaften Fftllen wird die Unteranchnng 
der Lange nnd des Kehlkopfes, sowie der 
histologische Befund herangezogen werden 
mÜBHen ; doch ist zu berücksichtigen, daB sich 
beide Krankheiten anch kombinieren können 
nnd ein tSyphiliek ranker auch eine Naeentnber- 
koloee haben kann. 

Beim Lnpus ist, abgesehen von den rhi- 
noekopisch siebtbaren, oft charakteristinchen 
Erscheinungen fast immer Lopns der SnBeren 
Haut vorhanden, nnd ist eine Oraiiolations- 
nncherong vorhanden , so ist sie bei Syphilis 
in der R^el geringer als bei Tuberkulose und 
Lupus. Durch die Abwesenheit von knotigen 
ÄoEwfichBen nnd eines unregelmäßig höckerigen 
Randes wird sich das syphilitische Geschwür 
zumeist auch vom karzinomatöaen Geschwür 
unterscheiden lassen. 

Ist eine reichliche, blutig-eiterige, fötide Se- 
kretion vorhanden, somuB anch an einen Fremd- 
körper gedacht werden. Ist es unmt^ch, ans 
den vorhandenen Erscheinungen zn einer siche- 
ren Diagnose zn gelangen, nnd sind anderweitige 
Zeichen einer syphilitischen Erkrankung des 
Körpers nachweisbar, so verhilft der positive 
Erfolg einer antisyphilitischen Behandlung zur 
richtigen Diagnose. 

Ist eine Keptnm Perforation vorhanden, so wird 
sie sich tieim syphilitischen ProzeB durch 
starke Infiltration der FerforationsrtLnder aas- 
zeichnen . wahrend das Ulkus nasi perforans 
verdünnte R&nder hat und stets auf das Septnm 
kartilaginosnm beschränkt bleibt. Ein syphi- 
litisches Geschwür am Nasenein gange wird 



sich vom Ekzem, abgesehen vom Verlaufe, anch 
schon dnrch seine größere Tiefe unterscheiden 
lassen und schlieBlich mnfi noch bemerkt wer- 
den, daB hIoBUegende Knochen zuweilen einige 
A hnlicbkeit mit eingetrockneten Borken haben, 
daS sie aber mittelst Sonde oder Finxette leicht 
voneinander differenziert werden können. 

Was die Behandlung betrifft, so moB 
vorerst Vorsorge getroffen werden, damit keine 
weiteren t^bertragungen stattfinden, weil ja 
durch das Sekret der erkrankten Nase 
für eine Infektion reichlich Gelegenheit vor- 
handen ist. Die Hauptsache ist die Ällgemein- 
bebandlong nnd gewöhnUch reicht diese auch 
bin, am Heilung berbeizofäbren ; man kann 
jedoch den HeilungsprozeB durch örtliche Be- 
handlung beschleunigen und wird unter Um- 
ständen, namentlich wenn tiefere Zeretörungen 
nnd nekrotische Knochenstücke vorhanden 
sind, enei^sch auch lokal eingreifen müssen. 

Bei den sekundären Formen gebrauchen 
wir Quecksilber zu Innnktionen, Sublimat in 
einfachen Bädern, oder subkutan (elektrische 
Kataphorese)niid bemessen die QröBe derGaben 
je nach der Dringlichkeit des Falles. Dabei 
werden die üblichen Kantelen heobaditet, in- 
dem man, um eine merkurieUe Stomatitis zu 
verhüten , den Mond einige Male im tage, 
namentlich nach jeder Mahlzeit mit einer Chlor- 
kalilösung ausspülen läBt. Bei den SfAtförmen 
wendet man Jodpräparate, Jodkalium, Jod- 
natriam, Jodipin etz. an, erzielt dabei überdies 
dünnflüssigere Sekretion und verringert 
ielleicht auch die Neigung zur Entstehung 
iner trockenen Rhinitis, Bei schweren Formen 
jedoch, wenn Gefahr drohtund Verunstaltungen 
zu befürchten sind, wird die Inunktionskur 
mit der Jodbeh and long kombiniert. 

Die Örtliche Behandlung besteht in der An- 
wendung von Queck Silberpflaster, wenn der 
Prozeß seinen Sitz am Naseneingange hat nnd 
die Applikation leicht mögUch ist. Wird dickes, 
eitriges Sekret reichlich produziert, so werden zur 
Entfernung desselben und zar Desodorisierung 
ein- bis mehrere Male im Tage Aasspttlungen 
der Nase mit l-3°;„ Borsäure . 1—2*/, Kali 
hypermang.-, Chlorkali-, Karbolsäure-, Kreo- 
lin-, Thymol- oderO'l'/o Sublimatlösungen vor- 
genommen und festhaftende Borken mit der 
Pinzette entfernt. Papeln pinselt man mit Jod- 
jodkali um lösongen, insnßlieTt auch Borsäure« 
Jodol und Jodoform mitKoEfea toata aa. 6und 
Ol. nienth, pip. gtts. 2, ätzt sie mit Argent. 
nitr. in Substanz. Große Wucherungen kann 
man, namentlich wenn sie dieNaeestenosjeren, 
auch mit dem scharfen Löffel auskratzen, wendet 
jedoch anch, schon um eine größere Blutung 
zu vermeiden nnd das Operationsfeld nicht 
zu überschwemmen, lieber den Oalvanokauter 
und bei stark vorspringenden Wucherungen 
die galvanokanstiache Schlinge an. 



75 



NÄKENSYPHILIS. — NASENTUBEBKULOSE. 



7B 



Nekrotische Knodienstäcke, die locker sind, 
entienit man mit der Zange, weil sie die 
Üeiliing sehr verzögern und die spontane Ab- 
HtoBong oft lange snf sich warten IftSt. Sitzt 
d«r Knochen noch fest, oder ragt onr ein 
kleines Knochenstück ans den Weich teilen 
herror. so wartet man auch schon aas 
dem Grande noch mit der Extraktion, weil 
iiei wenig ansgebreiteten Prozessen mitunter 
Überhäntungen vorkommen, Jedenfalls ist ein 
gewaltsames Herausreißen und Heraoalöaen 
mit dem scharfen Löffel za verwerfen. Singe- 
JOnkenen nnd veranstalteten Nasen gibt man 
eine bessere Form durch ParaffininjektioneD. 
äröBereDefektedecktmandarchrhinoplastische 
Opei«tionen, 

Bei Perforationen des Qaamens läBt man Ob - 
tnratoren tragen oder man versucht durch 
operative Eingrifc, Anfriachen der Perfora - 
tionsrftnder, AbprSparieren, Verschieben und 
Vereinigen von seitlichen mukös-periostalen 
Lappen am Qanmen nachzuhelfen, R^ni. 

NaientaberkulOBe. TnberkRlötteVer- 

ftndemngen in der Nase gehören zu den sel- 
teneren Erkrankungen nnd gesellen sich za- 
meist sekundär zu einer toberknlösen Er- 
krankung anderer Organe (Lnnge, Kelilkopf) 
hinzn, doch kann die N. auch primär auf- 
treten. 

Im Beginne sind entweder gar keine oder 
nur unbedentende subjektive Erscheinungen 
vorhanden; nach kurzer Zeit jedoch stellt sich 
Absonderung eines eitrigen oder blutig-eitrigen, 
oft übelriechenden Sekretes, h&ufigauch Nasen- 
bluten and eine mehr oder minder vollständige 
Nasenstenose ein, die teils durch Ansammlang 
von Borken, t«ila durch die Entwicklang der 
tuberkulösen Ver&ndemngen t>edingt wird. Die 
Sprache wird nasal, die Kranken atmen 
mit offenem .Munde, der Schlaf wird «;estört, 
die Reinigung der Nase geht scliwierig vor 
sich, diis Allgemeinbefinden leidet jedoch im 
Beginne oft nur wenig. 

Bei der rhinoskopischen Untersnchnng sieht 
man als das häufigst« Bild im Septum, seltener 
andenMnschelngraarotehöckerigelnfiltrate; 
nicht selten beobachtet man aberauchtamorar- 
tige, oft gestiolteQebilde, zumeist ans Tuberkel - 
anhäufungen, Rund zelleninlilt raten bestehende 
Tuberkulome. Zuweilen zeigten sich in der 
geschwellten nnd geröteten Schleimhaut grap- 
penweise eingestreute. hirsekorngroBe , graue 
oder graugellie miliare Knötchen (Tuberkel). 
In der Regel iat daa Septum kartilaginosam, 
seltener das Septum osseum der Sitz der tober- 
knlösen Erkrankung nnd oft werden anch die 
Muscheln befallen. 

Die miliaren Tuberkel zerfallen schon nach 
kurzem Bestände; ea entstehen kleine flache 
Oeschwttre und durch ZuKammenflieBen mehre- 



rer bilden sich oft groSe Substanzverluste. 
Durch Zerfall der tuberkulösen Infiltrate und 
Oeschwftlste entstehen tiefe, mit aufgeworfenen 
Rftnden versehene, unregelmäßig zerklüftete, 
blasse, reaktionslose Geschwüre, die mit k&sig- 
eitrigem oder blutigem Belage bedeckt sind. 
Der GeschwOrsrand weist häufig Qeschwalst- 
teile au^ die aber allmählich eben&lls zerfallen, 
oder es zeigen sich miliare Knötchen, die durch 
ihren Zerfall wieder zur VergröBernng des 
Geschwörs beitragen. 

Die Ver&ndernngen treten anfangs nur auf 
einer Seite auf; später, wenn der Prozeß auf 
das Perichondrinm übergegangen ist nnd Per- 
foration stattgefunden hat, erscheint stets auch 
die andere Seite erkrankt Zuweilen geht der 
Prozeß aach auf die Nasenflügel Über und 
diese können vollstftndig zerstört werden ; zu 
den Seltenheiten gehört jedoch bei der N. die 
Exfoliation größerer Knochenstftcke, Was den 
weiteren Vorlauf betrifft, so kommt es oft. 
auch wenn aaf operativem Wege scheinbar 
alles Krankhafte entfernt wurde, zu Bezidiv 
nnd durch den Prozeß in der Mose wird die 
tuberkulöse Erkrankung der anderen Organe 
ebenfalls ungünstig beeinflußt and der letale 
Aasgang beschleunigt. 

Die Diagnose der N. ist in jenen Fällen, 
in denen die bescOiriebenen Char^teru der 
Geschwülste und Geschwüre oder die miliaren 
Tnberkel gut zu sehen sind, leicht, namentlich 
wenn Tuberknlose anderer Organe vorhanden 
ist und die mikroskopische U riters uchang 
Rieeenzellen und das Vorhandensein von Taber- 
kelbazillen ergibt, Non ist aber zu berück- 
sichtigen, daß sich die erkrankten Stellen zu- 
weilen einer genauen Besichtigung entziehen 
nnd dafi Taberkniose anderer Organe ent- 
weder noch nicht vorhanden ist oder noch 
nicht nachgewiesen werden kann ; ferner lossen 
sich Tnberkelbazillen anch bei unzweifelhaft 
vorhandener Lokaltnberkulose oft weder im 
GeschwüTBgrunde, noch im erkrankten Gewebe 
selbst nachweisen, welches übrigens in der 
Tiefe von Bazillen oft mehr durchsetzt ist, 
als in den oberflächlichen Schichten. Erwähnt 
soll noch werden, daß in der Schleimhaut zu- 
weilen einfache Ljmphzellenanhäufujigon vor- 
kommen, welche ebenfalls weiBgraue, hirsekom- 
groBe Knötchen darstellen, die jedoch mit 
Tuberkulose nichts zn tnn haben (Wkiohsbl- 

Die Unterscheid ans von Lupus ist nicht immer 
leicht, doch lassen sich bei letzterem oft alle 
Stadien: Knötchen, Geschwüre, Narben and 
in diesen wieder Knötchen konstatieren; femer 
handelt es sich beim Lapus in der Regel um 
jugendliche Individuen, außerdem Ist fa.st immer 
zugleich Lupas der äuBeren Haut vorhanden ; 
allerdings handelt es sich um ätiologiKch wenig- 
stens identische Prozesse. Syplüli tische Ge- 



77 



NASENTUBERKULOSE. - NA SO LABIALFALTE. 



78 



Bchwöre haben im Gegensätze zn den taber- 
kalSsen lebhaft injizierte ond scharf aosge- 
schaittene Ränder und einen speckig belegten 
Omnd, nnd anfierdem weisen sie selten he- 
deatende Orannlationswachernngen auf. Vom 
kardnomatösen Oeschwtkr unterscbeidet sich 
das tnber^nlÖBe durch die Abwesenheit von 
anTegelmOGig böckrigen Knoten im Bande , 
äberdies ist das Wachgtnm beim Karzinom 
ein sehr nucbes. 

Therapie. Die örtliche Bebandlnng mufl 
mit der allgemeinen, auf Krtlftignng des Or- 
ganismoB hinzielenden Behandlang Hand in 
Hand gehen. Ortlich wird man bestrebt sein, 
die Infiltrate nnd Qeachntkiste zn entfernen , 
die Oeschwnre za reinigen, zn desinfizieren 
nnd der Vernarboi^ entgeganznfilhren ; liegen 
jedoch die Kräfte des Kranken sehr darnieder 
nnd werden sie bei vorgeschrittener Phthise 
der Langen, des Kehlkopfes, Darmea asw . 
darcb Fieber rasch konsamiert, ao wird man 
von einer enei^ischen Behandlang der Nase 
absehen and sich anf die Erweichnifg der 
Borken mittelst Salben nnd Ansspritziinge n 
mit desinfizierenden nnd desodorisierende n 
Mitteln beschränken. 

Uie Entfernung der Infiltrate ond Geschwülste 
wird nach vorheriger Kokainisierang mit der 
Kürette ond Schere, dem ga Ivanoka ostiachen 
Brenner oder der Schlinge vorgenommen, wo- 
bei man darauf achten mnB, daS nicht nur alles 
uchtbare Krankhafte, sondern wenn möglich 
aachnoch etwas vonder gesunden oder ansehet - 
nendgeenndenUmgebangentfernt werde. Inden 
meisten Fällen gelingt es, alles Krankhafte 
durch die natürlichen Zug&nge znrNase heraas- 
zuholen, nnd man wird nur selten, etwa bei sehr 
ao^ebreiteten Veränderungen , zur Spaltung 
des Nasenrückens schreiten müssen. Nach vor- 
genommener ßeinignng des Oeschwürsgrandes 
nnd Elntfernting des Krankhaften wird die 
Nacbbebandlang eingeleitet ond in mehreren 
Sitznngen eine 50— 80°/(ige Milchaftnrelüsang 
eingerieben, bis gnte Qranulationsbildnng nnd 
Übemarbung erfolgt, Rwmi, 

Nasentnmoren. AnBer den am hftn- 
figsten vorkommenden Nasenpoljpen finden sich 
in der Nase noch andere, teils gut-, teils bös- 
artige Geschwülste vor. Zn den ersteren sind 
zu zahlen: die Papillome, Adenome. A n- 
giome, Chondrome und Osteome, — zn 
den letzteren die Sarkome und Karzinome. 
IMeichsam in der Mitte zwischen den gut- and 
bösartigen OeschwUlsten stehen die so<;enannten 
fibrösen Nasenrachenpolypen , derbe, 
fibröse Geschwülste, die an sich wohl gutartig, 
dorch ihr eizeesivea Wachstom nnd ihre 
Tendenz zn rezidivieren als ge^ihrlich be- 
zeichnet werden müssen, femer noch die 
Tnberknlome. 



Alle diese GeschwtUste rufen eine mehr 
weniger beträchtliche Verstopfang der Nase 
mit ihren bei den „Nasenpolypen" erw&hnten 
Konsekutivetscbeinungen , wie auch eine Vcr- 
mehrnng der Sekretion hervor. Bei manchen 
derselben , so bei den Angiomen , den Sar- 
komen nnd den Karzinomen kommt es nicht 
selten zu sehr profusen Blutungen ans der 

Die Prognose richtet sich hier nach der 

Art der Geschwulst, sie ist günstig bei den 
gutartigen, nngflnstig bei den bösartigen N., 
doch hat man auch bei diesen letzteren durch 
gründliche Ejitiernung in einem sehr frttheD 
Stadium Heilung zn erzielen vermocht. Die 
fibrösen Nasen racbenpoljpen lassen infolge 
ihrer Bezidivierbarkeit gleichfalls keine absolut 
günstige Prognose zn. 

Die Diagnose des Vorhandenseins eines N. 
kann dorcb die Bbinoskopia ant. und post, 
ohne Schwierigkeit gemacht werden. Schwie- 
riger wird es, die Natur des vorgefnndenen 
N. ZD bestimmen, und da muß einen die Be- 
trachttmg nnd Würdigung der Form. Farbe 
und Konsistenz leiten. In manchen Fällen kann 
die sichere Elrkenntmg der Natur und des 
Charakters der Geschwulst erst durch die mikro- 
skopische Untersuchung erfolgen. 

Therapeutisch kommt da lediglich die 
operative Entfernung in Betracht und hat 
dieselbe bei den gutartigen, mehramschriebenen 
N. endonasal mittelst Schlinge, bei den bös- 
artigen Tnmoren jedoch nach vorheriger 
Spaltung der Nase nnd möglichst gründlich 
zu erfolgen, um Rezidiven zu verhüten. Bei 
den vorgeschrittenen, inoperablen malignen N. 
ist nur eine symptomatische, insbesondere aaf 
Stillung der BIntung gerichtete Behandlung 
angezeigt. In welcher Beziehung Einlagen von 
mit Adrenalin getrftnkten Wattebausch eben, 
Tamponade mit Dermatolgaze, mitunter auch 
Ätzungen mit Arg. nitr. oder mit Azid. chrom. 
kon zu ntr. empfohlen werden können. Ru-iu. 

Naiolalnalf alte , Verstrichensein 
der N. Die N. zieht von dem Ansatz des 
Nasenflügels bogenförmig nach un(i.'ri und 
auBen, um in der Gegend oberhalb des Mund- 
winkels sich zn verlieren. In Krankheitszu- 
ständen kommt es zu einem Verschwinden dieser 
physiologischen falte. Und zwar bei ödematöser 
Schwellung der Wangengegeud, Verziehnng 
des Mundes, durch Narbenzug, schließlich 
dnrch periphere oder zentrale l^hmung des 
Fazialis. Es verstreicht dann die N. der ge- 
lähmten Seite. Stellt sich indessen auf der 
gelähmten Seite eine Kontraktar ein, so kann 
die Differenz znungansten der nicht gelähmten 
Seite bestehen. Im Beginn nnd späteren Ver- 
hiaf der progressiven Paralyse kommt Ver- 
stricbensein der N. einer Seite vor. r~"oOölp 



NAHOLABIALFALTE. — NEPHRITIS. 



TAerap/e. Sie richtet sich nach dem Grand- 
leiden Dod ist an den entsprechenden Orten 
nachEQsehen. Flatau. 

Nebaiihodeiientxttndiiiig s. Epi- 

didymitis. 

Mebenmierqnerkrankungan sind 

der Diagnnse nicht Engän<;li<;h, da aonobl die 
normale Funktion der Nebenniere, wie snch 
die pathologischen Slörangen bei Erkrank angen 
derselben so gut wie anbekannt sind nnd das 
Organ infolge seiner Kleinheit nnd seiner 
tiefen Lage d^n phyBiktü lachen Nachweis sich 
meist entzieht. 

Klinisch steht nar fest, daS hei ,Uorbns 
Addisonii" (s, ^AiiDtsOHBche Krankheit") die 
Nebennieren ziemlich hSoiig erkrankt gefunden 
werden, n, zw. ließ sich am hSnügsten Tnber- 
knloee. iiftchEtdem Karzinom, Hypertrophie nnd 
Atrophie, Amyloid und HBmoirhagie in den 
Nebennieren dabei nauh weinen. Manchmal sind 
bei der Bronzekrankheit aber anch die Neben- 
nieren }^Qz intakt, so daß die Bronzeßirbung 
der Haut keinen RückschluB aaf den Zustand 
der Nebennieren erlaubt, am ro weniger, da 
»ach umgekehrt gelegentlirh Krankheiten der 
Nebennieren Torkommen , ohne zu Amnsns- 
scher Krankheit zu führen, so z. B.syphililioche 
Induration und Knoten bildung. Httniorrhagien, 
Abazeseie (bei Typhus), Verfettnng (akute bei 
Scharlach), Amyloid, zirrhntiac he äch rümpf nng, 
VergroBernng darch diffuse oder herd weise 
Einlagerang von lymphatistOiem (jewebe (hei 
der PsendoleokAmiel, Miliartnherknloae. Para- 

Volles Fehlen der Nebennieren kommt 
nur bei hochgradigen MiBgehorten. zumalAnen- 
zepbaicn, vor. 

Ein fühlbarer Tnmor kann darch Kar- 
zinom. Blutung, Ekihinokokkus zastande kom- 
men und zwischen Nal>el nnd Rippenbogen, zu- 
mal links, nachweisbar werden. Besteht Morbus 
Addisonii. so gewinnt die Annahme. daQ dieser 
Tumor der Nebenniere angehöre, zwar einige 
Wahrscheinlichkeit, aber nie auch nur elniger- 
mafien Sicherheit. 

Bei Verfettung, T«nkB.mie, Myelitis, dann 
anch Thrombosen, bei kongenitaler .Syphiha usw. 
kommen zuweilen in die Nebennieren oder 
in das perirenale Gewel« oder auch in den 
Baachfellsack hinein tödliche Blutungen 
vor, die in den beiden ersten Fällen zu großen 
Tumoren führen können. 

Die chirargischc F.ntfemang beider Neben- 
nieren ist nicht statthaft. Hie int technisch sehr 
schwierig auszuführen und aaUerdem besitzen 
die Nebennieren Beziehungen zum intertnedlareD 
Stoffwechsel und z» verschiedenen Regnlationa- 
vorgüngun, z. B, znm Blutdmck, die sie durch 
Bekrete auf dem Blntwegc beherrschen, so daQ 



Ihr Fehlen ebenso wie ihre gJLnzliche Zer- 
stdroDg durch krankhafte Prozesse das Leben 
des Organismus beeintrAchtigt Qhukrr. 

Nephritia (Nierenentzündung). Die 
folgende Darstellung beschifinkt sich anf die 
diffus-entzündlichen Prozesse, welche in 
der Regel beide Nieren in analoger Weise befallen 
und das klinische Symptomenbild der Bbtoht* 
sehen Krankheit (Hydrops and Album in orie) 
ergebeu. Die lokalisierten EntzOndnngen der 
Nieren werden an anderer Stelle behandelt 
(vgl. ,NierenabszeB", , Pyelonephritis ", , Nie- 
rensteine' etz.). 

L Akute N. Die Diagnose der akuten N. 
geht aas von der pathognostischen Beschaffen- 
heit des Urins. Derselbe ist in den meiBt«n 
Fallen mehroderwenigerstark bluthaltig. Qe- 
wöbnlich ist der Blutgehalt auf den ersten 
BUckleicht zuerkennen; die braunrote, grOnlich 
schillernde Farlie, dazu die starke wolkige 
Trübung des sparsamen Urins genttgen oft 
für die Festfltellung; in aweifelhaften FsUen 
wird das Kochen des Urins mit Natronlauge 
(ilBu.KRsche Probe) oder die mikroskopische 
I'ntersuchung des blntkörperchenreichen Sedi- 
ments Klarheit verschaffen. Zur Diagnose der 
akuten N. gehört welter der hohe EiweiBge- 
halt des Urins. Man filtriert den bluthaltigen 
Urin mehrere Male, bis zur annähernden Farb- 
loaigkeit, nnd macht nunmehr die Kochprobe 
mit Essigsinieznsatz. Etwas Eiweifiniederschlag 
gibt dann jeder blnthaltige Urin, denn wo 
Blut ist, geht eiweifibaltiges Blutplasma ins 
Filtrat über. Bei akuter N. aber ist der Ei- 
welGgehalt ganz bedeutend st&rker, als der ab- 
ültrlerten Blutmenge entstammen könnte; nicht 
selten erstarrt der filtrierte Urin der akuten N. 
ganz und gar beim Kuchen, oder die halbe 
Höhe wird vom Niederschlag eingenommen. 
Erst beim Abklingen der Entzündung wird, 
sehr oft nicht parallel dem Blutgehult, der Ei- 
weißgehalt geringer, bis zun» Verschwinden. 
Während der ElweiUgebalt als patbognoatjacb 
zn bezeichnen ist, kano Blut im l'rin bei 
akuter N. unter Umständen ganz fehlen; die 
Diagnose wird dann auü der Betrachtung 
des Sediments gestellt, welches Blotkörper- 
chen nnd Zylinder aufweist. Die Blutkör- 
perchen sind meist ansgetaagt. oft ganzlich farb- 
los; oft auch werden Stechapfel förmige Degene- 
rationsformen geaclien. Die Zylinder sind teils 
hyalin, d.h. durchsichtig, blaß und von sehr 
zarten Konturen, teils granuliert, mit Nieren- 
epithelien nnd roten Blutkörperchen besetzt: 
zum Teil sind auch die roten Blutkörperchen 
selbst zu Zylinderfonnen anelnandergebacken. 
Hin und wieder, namentlich gegen Ende der 
Krankheit, siehtman auch vereinzelte Epithel ien 
im Zustand der Verfettung. Dieser Befund ver- 
langt stets große Beachtung; denn wenn er 



81 nep: 

■ich öftara wiederholt und die Fettkömchen- 
kugeln reichlicher werden, so ist damit der 
Cbergang der aknten Entittndnngsfons in d' 
chroDische bewieten. Indeesen kommen eii 
seine fettig metamorphoeiert« Epithelien ii 
Sediment &iich bei dem Aasgang in Heilang 
vor. Ana dem Verhalten des Uiina sind anch 
wraentliche p r o g n o B t i ac h e Anbaltspankte bei 
der akuten N. in gemonen. Soboge der Urin 
spblich, reich an EiweiB, BInt nnd Sediment 
ist. solange ist der Fatient in hoher Gefahr. 
Das Reichlicherwerden dee Urina, da« Abnehmen 
der pathologischen Bestandteile beweist, daß 
die Nieren vieder leiatnngstUiger werden und 
also die (iefahr im Schwinden begriffen ist 

AaSer den pathognostiachen Zeichen, die der 
Urin zeigt, bietet die akute N. in der Mehr- 
zahl der t'slle liöclist prftgnante Erscheinungen 
dar. welche die Diagnose schnell stellen lassen, 
vor allen Dingen ein starkea ödem der ^- 
aamten Hantdecke. Wfthrend bekanntlich die 
&t&nnngeödeme der Herz- and Langen kranken 
sowie die kachektischen Ödeme der Karzino- 
matösen a.a. an den Ueinen beginnen, allmählich 
»nfstei^n aad erat nach llLngerem Bestehen 
aach die nberen Extremitäten nnd das Oesicht 
befaJlen, ist es ganz besonders charakteristisch 
fnrdieNierenwa88enncht,daBBieim Gesicht, an 
den Aagenlidem nnd Lippen nnd an denHänden 
]-nerst buroerkt wird. Wesentlich fitrdie Diagnose 
ist neben den positiven Zeichen auch die Ab- 
wesenheit einiger Symptome, besondera der 
Dyspnoe und dea Fiebers. Die ruhige Atmung 
anteraclieidet denödematAsenNephritiker meist 
sofort von dem Herzkranken. Bemerkenswert 
ist anch der fast immer fieberlose Ver- 
lang Das Fieber fehlt so regelmlLßig, daB et- 
waiges Auftreten von Teraperatnrsteigerangen 
bei akatar K. entweder auf die vorangegangene 
Infektionakrankheit oder aaf eine etwaige 
Komplikation en beziehen iat 

Einbeiogen in die Diagnose wird wohl in 
jeilem Fall von aknter N. die Ätiologie. In 
der Mehnahl der FftUe handelt es sich nm 
sekaiwlare Erkrankungen, hervorgernfen dnrch 
die Ansacheidang infektiöser Giftstoffe. So 
findet sich aknte N. nacli allen Infektionskrank- 
beiten. am hUnfigsten bekanntlich nach Schar- 
lach, doch anch nach Gelen krheamatisrnns, 
Erysipel, Diphtherie, Fnenmonie, Typhaa, 
Variola. Oft verl&aft die vorangegangene In- 
fektionskrankheit nnter sehr leichten Er- 
■cheinangen, ja die Diagnose kann zweifelhaft 
geblieben sein: so trfigt bei unklaren Exan- 
themen eine nachtr&glicba N. zar 8ichernng der 
ächarlachdiagnoae wesentlich bei. Bemerkens- 
wert i(it, daB akute N. anch nach äaßerst ge- 
nngffigigen tind nnterschatiten Infektionen 
eintritt, so nach ein^her Angina nnd nach 
Varizellen. An die infektiöse N. schlieBen 
«ich diejenigen Formen an, welche nach der 



Einwirknng organisclier oder anorganischer 
Gifte entstehen. Hierher gehört die akute N. 
durch Snblimatintoiikation, nach Verschlucken 
von OxalsKure, Schwefelsäure etc., hierher auch 
die medikamentösen Reizungen durch Aloe, 
Kanthariden etz. Als toxische N. dQrfte anch 
der akate Nachschub gichtischer nnd satur- 
niner Nieren entzündang zu betrachten sein. 
Wenn die meisten FUle von aknter N. sich in 
diese grofie Rubrik einreihen lassen, ao bleibt 
doch anch eine nicht geringe Anzahl, bei denen 
eine vorausgegangene Krankheit oder Vergiftung 
nicht nachweisbar ist. Vielfach wird in solchen 
Fallen Erk&ltnng als Ursache angesprochen ; 
fhr manche FftUe ist man geneigt, primAre 
Infektion durch bestimmte Bakterien anzu- 
Bchnldigan. 

Der Verlauf der aknten N. wird wesentlich 
bestimmt durch die sogenannten urämischen 
Symptome, welche der verminderten oder auf- 
gehobenen Exkretion derhamftJ)igen Aaswurfs- 
stoffe ihre Entstehang verdanken. Je geringer 
die Urinmenge, desto eher treten die Zeichen 
derl/rämieein; sie bestehen in Kopfschmerzen, 
Erbrechen . Benommenheit bis zum völligen 
Koma, allgemeinen klonischen und tonischen 
Krftmpfen. Kopfschmerzen and Erbrechen be- 
gleiten gewöhnlich den Beginn der Urilmie, 
Koma und Konvulsionen meist des tödliche Ende. 
Doch ist bekannt, daß selbst diese schwersten 
urämischen Symptome gut überwunden werden 
können. Im allgemeinen hangt die Prognose 
von der Urinmenge ab; tagelang dauernde 
Anurie fuhrt meist zn letal verlaufender Ur&mie. 

Das klinische Bild der akuten N. ist so 
ausgesprochen, daB eine d iff er ential dia- 
gnostische Betrachtnng meist tlberflhaaig ist. 
Eis könnte höchstens bei gleichzeitig bestehendem 
Herzleiden die Verwecbslong mit !>taunngs- 
niere oder mit hämorrhagischem Infarkt in 
Krage kommen. In den meisten Fällen wird 
der Nachweis eines vorgeschrittenen Herzleidens 
uns veranlassen, starke Albuminurie, Hämaturie 
und Zylinder auf die Stauung zu beziehen ; 
tritt bei Herzkrankheiten anter plötzlichen 
Schmerzen in der Nierengegend und meist 
unter Temperatureteigerung Hämaturie ein, 
so ist die Ursache gewöhnlich hHmorrhagischer 
Niereninfarkt. Doch kann unter Umständen die 
Entscheidung, ob hämorrhagische N. oder 
bloBe Stauung vorliegt, nm so schwieriger 
sein , als lang bestehende venöse ttberfUllung 
zu parenchymatösen und interstitiellen ent- 
zündlichen Veränderungen führt, welche wie 
primär entztlndhclie Vorgänge in Orannlar- 
.trophie übergehen können. 

n. GhroniBche N. In den typischen Fällen 
rgibt sich die Diagnose der chronischen N. 
.US dem Anblick der Patienten: der ganze 
Körper ist wassersüchtig geschwollen, Geaicht 
and Arme nicht aaagenommen. Ohne SchmerzenQ|^ 



zu venpQren, beeonders ohne dyspnoigch oder 
zjanotiBch zn seio, ist der Patient oft nur 
durch die ^WasseTaiicht'^ belästigt nnd be- 
ODrohigt. In vorgeschritteoen Gnden der 
Krankheit kommt es zn Hydrothoras, Hjdro- 
perikard, starkem Aszites: dann erreicht auch 
der Hydropa bo hohe Grade, daß der Patient 
völlig nnbevieglich und hilfloB wird. Die 
Schwellung des Skrotama und des Penis, be- 
ziehungsweise der ftuBeren weiblichen Qeui- 
talien ist besonders quHlend. Oft wird die 
Spannung Eto graU, daS Einrisse entstehen und 
das Wa39t;r hervorsickert. In vielen Fällen ge- 
nügt für den Diagnostiker dies allgemeine 
Odem, beim Fehlen anderer Erscheinungen, 
um mit Wahncheinlichkeit anf chronische 
N. zu BchlieBen. Oft freilich ist das ödem 
geringfügig, oft auch Ton schwankender 
IntensitlLt. In solchen Fällen geschieht die 
Sicherstellnng der Diagnose sowie die Schei- 
dung in die einzelnen Formen der chronischen 
N. ans der Betrachtung des Urins, der Ana- 
mnese and dem Verlauf Meist bleibt die Menge 
des Urins unter der Norm, 600— lOOOcm' in 
Üi Stunden; doch ist gerade hierin keine Kegel 
zu erblicken. Die Diureee ist oft in demselben 
Falle durchaus schwankend, so daä nament- 
lich anter dem EinflnS der Behandlung aucji 
größere Urinmengen vorkommen. Fast regel- 
mäßig istein starker E^i wei Bgehalt. welcher 
5— 12°/oi) betr> auch hier findet man 
groAe Schwankungen. Doch ist die Diagnose der 
chronischen N. kaum sicher zn stellen, wenn 
EiwoiB fehlt oder »ehr gering vorhanden ist. 
Nur in denjenigen Fällen, die der Schrumpf- 
niere (s. n.) nahestehen nnd meist direkt als 
int«r8titielle N. zu diagnostizieren sind, ist der 
EiweiBgehalt sehr geringfügig, während gleich- 
zeitig die Urinmenge äußerst reichlich ist. In 
solchen Fällen pflegt das Odem sehr gering 

Neben dem EiweiBgehalt trftgt die Unter- 
suchung des vorhandenen Sedimentes am 
meisten zur Diagnose bei. In typischen Fällen 
iet das Sediment reichlich nnd besteht aus 
vielen hyalinen nnd grannlierten Zylindern nnd 
aas Nicrenepithelien, die zum Teil wenig ver- 
ändert, zum Teil in fettiger Metamorphose 
begriffen sind. Diese verfette tenNierenepithelien, 
nach der feinkörnigen Beschaffenheit des Fettes 
als Fottkürnchankngeln bezeichnet, sind 
der nicht anzuzweifelnde Beweis dafür, daß 
das Nierenparenchym schwere Veränderungen 
erlitten hat; meist ist man ohne weiteres be- 
rechtigt, nach der Konstatierung von Fett- 
körchenkugeln im Sediment chronische paren- 
chymatöse N. zu diagnostizieren. Zn bemerken 
ist indes, daB zur Befestigung dieser Diagnose 
reichliches Vorhandensein verfetteter Epithelien 
gehört. Einzelne Fettkörnchen kugeln finden 
sich sowohl bei akuter N., aach wo diese in 



Heilang übergeht, als auch bei starken Stau- 
ungen, die anter Umständen einen guten Aus- 
gang nehmen können. 

Einige Bedeutung haben neben den Fett- 
kömchankugeln die Wach szyl Inder, die freilich 
viel seltener sind. Diese werden kaum jemals 
bei rein akuten EntzOndungen oder bei venöser 
Stauung gefunden, so dsB ihr Vorkommen 
die Diagnose der chronischen M. sicherstellt. 

In manchen FäUen von chronischer N. ist 
das Sediment ftoBerst ajArlich und nur dorch 
Anwendung der Zentrifuge für die mikro- 
skopische Prüfung za erhalten ; man sieht dann 
eventoelleinige hyaline oder granulierte Zylinder, 
einzelne Nierenepithelien , wohl auch ein and 
das andere Epithel in Verfettung begriffen. 
In manchen Fällen ist absolat kein Sediment 
zu erhalten. Die Diagnose wird dann allein ans 
dem Hydrops — das in diesen Fällen oft von 
geringer IntensitSt und leicht vergehend ist — 
and der nicht sehr starken Albuminurie ge- 
stellt. Das Fehleu, bczteiiungs weise die SlAr- 
lichkeit des Sedimentes gestattet in solchen 
Fällen, parenchymatöse EntiOndnng mit Wahr- 
scheinlichkeit auszuschließen und chronische 
interstitielle N. za dia<raosti zieren. Dia 
praktische Bedeutung dieser Diagnose liegt 
darin, daß die Fälle von chronischem Hydrops 
und Albuminurie ohne Sediment meist in (iror- 
nularatrophie übergehen. Von vielen werden 
diese Fälle bereits der Nie renschrumpf ang aU 
deren Anfönge zugerechnet. Auch der Verlauf 
gestattet häutig, eine diagnostische Si'.heidung 
zwischen chronisch parenchymatöser und in- 
terstitieller N. zu machen. Während bei der 
ersteren wesentliche Besserungen nicht allzu- 
häufig sind, meist starker Hydrops, der monate- 
lange Bettruhe erfordert, die Regel ist. treten 
bei interstitieller N. lange ödemfreie Zwischen- 
zeiten ein, in denen der Patient arbeiten kann 
and kaum als Kranker zu l>etl'a4^hten ist. Nach 
einigen Monaten treten dann neue ^ideme ein 
und Patient ist aat Wochen arbeitsunftiiig. 
Je öfter solche Rezidive eintreten, desto eher 
ist dann die seknndäre Herzhypertropbie 
zu erwarten, welche meist die Diagnose der 
Granalaratrophie gestattet. 

Besondere Würdigung verdient in allen 
Fällen von Hydrops und Albuminurie das 
Verhalten des Angenhintergrnndes. Ver- 
hältnismäßig häufig stellt sich Retinitis albu- 
minurika(a. „Netzhantentzändang") ein. Nicht 
ganz hielten stehen Klagen aber Nachlassen 
der Sehkraft im Vordergrnnd der Boschwerden. 
Oft ist die Diagnose der chronischen N., häu- 
figer wohl noch die der Schrnmpfniere zuerst 
vom Augenarzt gestellt worden. 

Aus der Grnppe des chronischen Hydrops 
mit Albuminurie hebt sich gut diagnostizierbar 
eine besondereForm diffuser Nierenverändernng 
heraus, die „amyloiäe Degeneration". In 



ihnm klinischen VerUnf hat sie die gröSte 
ilinlicfakeit mit der chronisch-pArenchftnatösen 
N. Hier wie dort ollgemeinea Btarkes Anasar ka, 
«ehr viel EiweiB in gp&rlichem Urin. Sediment 
kann fehlen, kann aber aach, namentlich in 
Öeiblt TOD Pettkömchenkageln , vorhanden 
Bein. Der Arzt wird gnt tnn, jedesmal bei deoi 
S^mptomenbild chronischer N. die Frage zu 
erwüigen, ob es sich vielleicht um Amyloid der 
Niere bandle. Diese Frage ist bejahend zn be- 
antworten, wenn auch in anderen Unterleibs- 
Organen Zeichen an);loider Degeneration sich 
finden. Kaum jemals sind die Nieren in ganz 
iariierter Weise amyloid entartet; genShnlirh 
findet sich dieselbe Ver&ndemng in einem an- 
deren Organe, der Hilz, der Leb«r oder dem 
Darme. Hilz and Leber schwellen in diesem 
Falle sehr stark an, gewöhnlich ohne schmerz- 
haft EU sein. Vom amjloiden üarme am« stellen 
sich profose nnstillhare Diarrhöen ein. Ferner 
ist 2a berücksichtigen, daß amyloide Entartung 
nicht die Organe Oeannder, sondern stets hocli- 
giadig Oeschwächter beßüli. Sie stellt sich 
im Terlanf schwerer Allgomeinerkrankanj^cn 
ein, insbesondere bei vorgeschrittener Phthise, 
bei langdaoemden Enocheneiternn);en. offenen 
Fistpln, z.B. von Empyem, alten Unterschenkel- 
geschwOren, tertiftrer Laes. Ohne daß eine 
dieser Primarerkrankangen vorhanden ist, IHSt 
äch ancb Nierenamjloid nicht sicher dia^mo' 
stilleren. 

Sobrampfniere, Inausgesproebe nen FUleii 
ist die Diagnose der Schrnmpfniere kaam zd 
verfehlen. Der Urin ist reichlich, 2—i Liter in 
a Standen, von hellgelber, leicht ^rUnlich 
•ehimmemder Farbe; das spezifische Gewicht 
ist niedrig, 1002 bis 1010. Der Eiweifige- 
halt ist gering nnd wenig oder gar kein 
Sediment vorhanden. Nar vereinzelt findet 
man hjaline oderjgrsnolierte Zylinder, wenig 
Nierenepitiielien, ah nnd zn auch einige Wachs- 
ETÜnder, sehr selten Fettkörnchen kugeln. Zu 
diesem charakteristischen Verhalten des Urins 
gesellen sich die anansblei blichen Folgezastsnde 
am Herzen: starke, meist konzentrische Hy- 
pertrophie des linken Ventrikels; der Spitzen- 
gtoG ist verbreitert and hebend , der zweite 
Aortenton ist stark akzentniert, oft von metal- 
lischem Timbre. Dilatation des linken Ventri- 
kels, welche die Herzdämpfnng nach links 
lerbreitart, ist fttr die Diagnose nicht not- 
wendig. Sie stellt sich meist in vorguriickten 
Stadien ein. wenn mehrfache Attacken von Kom- 
peasationssiörnng dagewesen sind. Die Puls- 
tpannong ist eine aa Gerordentliche , kaum in 
•öderen KrankheitszostHnden so hochgradige; 
die Blatdmckmessnng ergibt so hohe Werte, 
wie sie kaom in einer anderen Krankheit er- 
reicht werden. Die Radialarterie ist nicht 
notwendig sklerosiert, so daB die Arterie 
Dnter Dmst&nden in der Herzdiastole weit 



BITIS. 86 

nnd schlaff sein kann. Doch findet »ich be- 
kanntlich Schrtimpfniere besonders hflafig hei 
allgemeiner Arteriosklerose, und in solchen 
Fällen paart sich die Rigidität der Arterien- 
wandang mit der schweren UnterdrOckbar- 
keit der Pnlswelle — für diese Falte paBt die 
landlftnfige Charakterisierong des Pnlses bei 
Schrtunpfiiiere als „drahthart". 

Unter reichlicher Dinrese nnd kompensieren- 
der Herzarbeit ffihlt sich der Patient lange 
Zeit beschwerdefrei ; Ödeme können gänzlich 
fehlen. Sie pflegen sich einzustellen, wenn die 
Herzkraft nacbläfit oder aber der atrophische 
ProzeS in den Nieren hohe ürade erreicht 
Gleichzeitig mit den Ödemen stellen sich meist 
die übrigen Zeichen der Herzstaunng ein, 
Dyspnoe nnd Zyanose, öfters aach Anfälle von 
Herzbeklemmungen, Falpitationen . kardiales 
Astbma. Je mehr eventuell die Kompensntions- 
störung fortschreitet, desto mehr verliert sich 
die cliarakteristische BeachafTenheit des Patsea 
und der Dinrese. Die Urinmenge IftUt nach, 
die Farbe wird bräunlich rot, spezifisches üe- 
wicht, EiweiBgehalt und Sediment nehmen za, 
während mit dem Wachsen der Her/.schwftche 
die Pnlsspannung nachläBt In solchen Attacken 
der Kompensation Sijtörnng mnB die Diagnose 
meist der wünschenswerten Präzision entbeh- 
ren. Man kann Herzerweiterang, Herzschwäche 
und Beteiligung der Nieren sicher diagnosti- 
zieren, aber man ist meist aoBerstaude, zu 
sagen, ob es sich um primäre N.. beziehungs- 
weise Granula ratrophie mit sekund&rer Herz- 
hypertrophie, oder am ein primäres Heraleiden 
(im Sinne der idiopatliiech-myokardi tischen Er- 
krankungen) mit nachfolgenden Stauungazu- 
stftnden in der Niere handelt. Obwohl die Er- 
wägung der Einzelfaktoren nnd die Anamnese 
manchmal zu einer gewissen Sicherheit in der 
AnffiiKsung führen, ist doch die endgültige Ent- 
scheidung um so schwieriger, als einerseits eine 
Reihe von Zuständen, die zu tiranularatrophie 
fahren (Arteriosklerose, Gicht etz.), auch ohne 
Nieren beteiligung ilerzbypertrophie verursa- 
chen können, andrerseits sich auf dem Boden 
von Stauungszustanden wirkliche N. und 
selbst Üranuiaratrophie entwickeln kann. Oft 
erhält man' völlige Klarheit Über das dia- 
gnostische Problem durch den Verlauf, indem 
mit der Besserung der Kompensationsstörung 
der charakteristische EinilnQ der Schrumpf- 
niere auf Urinmenge und Pols verhalten mehr 
und mehr in den Vordergniud treten. Für die 
Diagnose verwertbar und manchmal uuxschlag- 
gebend sind die urämischen Symptome, 
die in Einzelfällen äoBerst frEklizeitig. oft erst 
gegen Ende des meist sehr chronischen Ver- 
laufes eintreten. Als Frühsymptum beachtens- 
wert sind hartnäckige Kopfschmerze] i. die nach 
alter Regel auch l)ei anscheinend Uesnnden 
die ärztliche Aufmerksamkeit auf die Nieren 



87 [ 

l«nk«n sollen. So ist schon manche latent« 
ächrnnipfniere erkannt worden. Ähnliclie Be- 
deotang hat profuses Nasenblaten, das natür- 
lich aach ganz anderen Znsamitienhängen seine 
Entstehnng verdankeD kann, immerhin in be- 
ac htenswerter Hlinfiglieit gerade bei Grannlai- 
atruphie vorkommt. HäatigeB £rbt«chen kann 
ebenfalls ans sebr verschiedenartigen Ortlnden 
auftreten', unter den diagnostischen Kombina- 
tionen aber, die sich an profnEses Erbrechen 
anknäpfen, sollte Schmmpfniere niemals fehlen, 
SchlieSliRh ist bekannt, daß Konvulsionen and 
Koma oft genng auf NierenBchmmpfimg be- 
rnhen. Wird man ed einem BewoCtJosen 
rafen, bei dem nicht ohne weiteres die Ursache 
des Zostandss klar ist (t^nizidiam , Ebrii-'tas, 
Epilepxie, Apoplexie etz.), so tnt man i 
besten, sofort zu katbeterisieren und den l)i 
anf EiweiQ ruid Zncker za antersachen, i 
aus dem eventuellen Resnltat dieser Proben 
anf Koma diabetikom oder nraemiknm zn 
BChlieüen. Zu den aramiscben tSymptomen 
z&hlt endlich das manchmal plötzliche Eintreten 
vollkommener Blindheit, die Übrigens in den 
meinten Füllen wieder verschwindet, 

Bedingungs weisen Wert für die Diagnose 
haben die anamnestischen Verhältniaae. In den 
meisten Fällen entwickelt sich Oranularatrophie 
in dc bleich ender, latenter Weise bei Arterio- 
sklerotikem, Uichtkranken und bei solchen, 
die dem vet^iftenden Einfluß von Bleiverbin- 
dangen ausgesetzt waren; das häufige Vor- 
kommen gerade bei Arteriosklerose macbt er- 
klftrlich. daß Diabetiker und Fettleibige nicht 
ganz selten Nieren Schrumpfung bekommen. 
Weit seltener ist es, daß Schmmpfnierc sich 
ans vorausgegangener akuter N. oder ans 
cbronisch-parenchymatöaer N. entwickelt. 

In seltenen Fallen entwickelt sich Schrnmpf- 
nienaoBderyterenaffektionderScbwan- 
gerea. Bekaimtlich ist Albuminurie und Hy- 
dropn in den letzten Monaten der Qraviditgt, na- 
mentlich bei Primiparis, verhältnismäßig hKufig, 
Diese Albuminurie kann ohne Folgen verschwin- 
den; in vielen Fällen führt sie znr Eklampsie 
(s. d.), welche das Leben der Kreißenden sehr 
•^efiüinlet. Bei denjenigen, welche die eklamp- 
tiachen Anßille gut überstehen, pflegt sich da- 
nach die Albuminnrie schnell zu verlieren. 
Es sind jedoch Falle bekannt, wo die Albu- 
minurie nicllt verschwand, sondern in sehr 
protrahiertem Verlauf schließlich zn Scbrnmpf- 
nicre führte. — In benug auf die Diagnose 
der Schwan gerBchaft8h7<lropaie sei nocb be- 
merkt, daß tideme, spärliche Diurese, Albu- 
minurie und ein Sediment von Zylindern und 
Epitlielien die allgemeine Diagnose der Schwan- 
ge nwhaftsniere gestatten, welche das Anftreten 
von Eklampsie erwarten läßt. Die anatomischen 
Veränderungen der betreffenden Nieren sind 
l>ekanntlich sehr wechselnd; alle Formen von 



einfacher Anämie bis zur Fettuiere sind be- 
obachtet, anch ganz geBonda Nieren sind bei 
Eklamptischen gefanden worden. Von den 
meisten wird die Eklampsie gleichwohl «b 
Ürflmie au^efeßt, indem die rerftnderten 
Druck Verhältnisse im Abdomen zur Erklärung 
so verschiedenartiger anatomischer Verände- 
rungen herbeigezogen werden. Für die Dia- 
gnose ist es wichtig, daß unter Umständen bei 
Schwangeren wirkliche chronische N. vorhan- 
den sein kann , deren Feetstellung wesentlich 
ans dem Urinsediment und der Herznnter- 
snchoiig gelingt mi<l deren Prognose auch 
dnrch einen eventnell glücklichen Oebnrtsver- 
lauf nicht verbessert wird. 

Therapie: 1. deraktäen N. Prophylaktische 
Maßnahmen kommen in fieberhaften Kiank- 
heilen, besonders bei Scharlach , in Betracht. 
Sie bestehen in Bettruhe und -wärm«, blander 
Diät und reichlicher Flt)3sigkeitszufahr(B.ant«r: 
„Nieren schon uag''), eventuell auch Oebraadi 
von ürotropin (3mal täglich '1,-1 g). — Eine 
spezilische Behandlung der NejAritis iat — 
von der Nephritis sjphilitika abgesehen — 
nicht möglich; alle dahingehenden firOheren 
Versuche sind aufgegeben, alle Mittel gegen die 
Albuminurie, wie Plumbum azetikom a. a. 
Adstnngentien, als natzlos verlassen worden. 
Die medikamentöse Behandlang int überhaupt 
bei vorhandener Nierenkrankheit möglichst 
ein znsch ranken. Soweit die Medikamente dnrch 
die Nieren ausgescliieden werden und diesel- 
ben beeinflussen, wirken sie reizend anf die- 
se Iben und können leicht den vorhandenen 
Entztlndongszustand steigern. Daher sind, zum 
wenigsten bei frischer Nierenentzündung, alle 
medikamentösen Diuretika möglichst zu mei- 
den , die scharfen Diuretika unbedingt ver- 

Bei leichter Nephritis mit geringer Albumin- 
-ie ohne Ödeme and urämische Eracheinnn- 
n iat es nur nOtig, den Patienten im Bett 
I halten und vorsichtig zu ernähren, die er- 
än Tage mit aasschließlich fläsaiger Nahmng 
Milch (bis 1 /), eventaeil mit Tee verdünnt, 
Milch- und Schleimsuppen, Limonaden, ver- 
dünnter Tee. Mineralwässer — , bald neben d«r 
Milch mit KarlnlTelbrei , Beis, Qrieß. leichten 
üemüsen in Püreeform, gekochtem Obst. Znr 
Schonung der Nieren werden alle Gewürze 
id Räucherwaren vermieden, der Salzgenofi 
einzuschränken, besonders aber der Alkohol 
verbieten. Auch Fleisch und Fleisch präparat« 
sind l)ei aknter N. zu verbieten, da sie in jedem 
Falle nierenreizendc Stoffe entlialten; zieht 
sich die Krankheit in die Länge , so werden 
kleine Mengen weißen Fleisches gegeben, doch 
ist der Eiweißbedarf itberwiegend durch Pflan- 
zeneiweiß, durch Milch imd Ei (nicht roh und 
auch gekocht nur in mäßiger Menge, I — 2 Eier) 
decken. Der Kranke bleibe im Bett, bis das 



EiweiS geschwunden tat. reichlichere Be- 
w^DDg ist nach dann noch zu meiden nnd 
Qodi l&ngere Zeit mUseen alle Nierenreize : 
Alkohol, 0«wttrae, viel Salz, grö&are Fleiach- 
«sben ans der Di&t fortbleiben. 

In Echwerei«a Fftllen, bei BjArlicher Uani- 
menge mit raichlichei«m E^weiBgehalt und Öde- 
men , BDcht man den im Blute angeh&nften 
SctduJlichkeiten nnd besondera der Waaserre- 
tention einen Aosweg za verschaffen durch 
Ableitung anf den Dann — am besten durch 
saliniscbeAbfahnnittel (Karlsbader Salz.Bitter- 
waaser) — and besondere durch Anregung 
der Hanttätigkeit. Znr Hervorbringung von 
Schweifi eind in erster Linie bei akuter N. 
Schwitzb&der angebracht: Wasserbäder von 
37--38*C nnd 16— 20 Blinnten Dauer (Schutz 
des Kopfes darch kalte Kompresaenl), danach 
QnhaUen in wollene Decken und reichliches 
Bedecken mit Faderbetten; der Patient bleibt 
1 — 1'/, Stunden in dieser ümhQllung; die 
Prosednr wird, wenn nötig, 2— Smal täglich 
wiederholt, wobei das warme Bad anf 40— i^'C 
gesteigert, der Schwitzeffekt ntwh durch Trin- 
ken von heiBem Lindenblüten- oder Fliedertee 
nnmittelbar nach dem Bade, sowie dnrch 
kräftiges Frottieren des eingehCtllten Körpers 
gesteigert werden kann. — Wenn die Bftder- 
behandlnng aoa UnBeren OrQnden nicht durch- 
fUhrbar oder wenn Gefahr im Verzuge ist, wie 
. bei Dr&mie, empfiehlt aich der Qebranch von 
Pilokarpin (subkutan 0006— 0-01), welchea 
nach 5—10 Minuten eine profuse Speichel- and 
SchweiSaekretion anregt, wegen seiner häufigen 
Nebenwirtiangen (Übelkeit und Erbrechen, Herz - 
kollaps!) aber nicht unbedenklich ist. — Von 
•cUrferen Dinretizia mnB, wie oben bereits 
dargelegt. Abstand genommen werden; erlaubt 
sind neben reichlicher Waaserznfuhr — even- 
tuell per Klysma — nnr die harmlosen Mittelt 
Saturatio zitrika, Polio Riveri, Liqu. Kali aze- 

2. TTierapie der chrontgchen N. In Zeiten der 
bazerbation (geringe Diärese, Ödeme, arämi- 
aehe Symptome) muß der Patient zu Bette liegen, 
aeine Emfthrung iat dieselbe wie bei akuter N. 
In den Remissionsstadien genDgt es, stärkere 
Anstrengnng, l&ngere Bew^ang etz. zu onter- 
■Rgen: der Patient stehe apftt anf, gehe frQh 
za Bette und liege anch tagsüber öfter aus- 
gestreckt In der Kleidang soll auf gleich- 
nOBiges Warmbalten der Hant gesehen werden ; 
besondera empfiehlt sich wollene Unterkleidung. 
Große Anfmerkaamkeit ist der Hanptpflege zu 
widmen; znm mindesten aind ä— 3 warme Voll- 
bader in der Woche erforderlich. In der Diät 
steht obenan die Hilch. Han kann dieselbe in 
Mengen von l—SIproTt^ nehmen laasen, doch 
aind die gröBeren Mengen nnrvorQbergehend.bei 
Verachbchterungen, zu geben. Im allgemeinen 
empfiehlt ea sich mehr, nur 1— l'/,i Milch 



RITIS. 90 

und daneben reichlich leichte Oemilse und 
Früchte, Meblapeisen nnd Fette (Butter) zn ver- 
abreichen. Der EiweiBbedarf wird auBer durch 
die Milch durch 1—2 Eier t&glich sowie durch 
geringe Mengen Fleiach gedeckt, Daa Fleiach 
enthält in jedem Falle nieren reizende Stoffe, 
darum soll die Menge von '/i Pfund Fleiach per 
Tag im allgemeinen nicht flberechritten werden. 
Die ganzliche Entziehung des Fleiachea aber ist 
nicht nötig. Bei zu weitgehender Beschränkung 
der Kust, bei längerer ansscblieBlicher Emah' 
rang mit Milch leidet leicht der Appetit nnd 
dadurch der Kräftezaatand des Patienten. 
WeiBes Fleisch (Oefiügel, Kalbfleisch) wird all- 
gemein fClr weniger schädlich gehalten, als 
Rind-, Hammel-, Schweinefleisch und Wild. 
Ganz zn meiden sind die an Nukleoproteiden 
reichen DrOaenaubstanzen (lieber, Niere. Thy- 
mos). Flache, die an Extraktivstoffen arm sind, 
dürfen im allgemeinen dem wetBen Fleisch 
gleichgesetzt, also an dessen Stelle in mäBIger 
Menge genossen werden. Bouillon ist zn ver- 
bieten, Mehl- und besonders Obstsnppen sind 
erlanbt. Als tägliches Qetr&nk empfiehlt sich 
klares Wasser oder Mineralwasser (besonders 
Wildnnger, Vichy, Fachinger), femer Zitro- 
nenlimonade, Fruchtsäfte n. ähnl. Die Menge 
des Oetränkes hängt von der OröBe der Diu- 
rese ab, mit sinkender Hammenge ist anch die 
Flüssigkeitflzafuhr zu beschränken, doch soll 
sie im allgemeinen auf 1'/,— 22 sich hatten. 
Alkohol wird am besten ganz gemieden. 
Streng zu untersagen sind Qewftrze, stark ge- 
salzene oder geräucherte Speisen. 

Bei weaentlicher Vermlndernng der Diare.se 
ist der Gebrauch medikamentöaer Diuretika 
nicht za vermeiden. Man gebraucht Liqu. 
Kali Bzetizi (dreimal täglich 1 Teelöffel in 
1 Tasse Lindenblütentee), Infase von Bakk. 
Joniperi, Adonis vernalis, Konvallaria m^alis, 
" "i. Szillae (10:2«)) aUein oder kombiniert 
(z. B. Inf. Bakk. Juniperi 15 : 170, Liqn. Kali 
azetizi, Oxyme] Szillae aa. lö. MUS. 2stUndlich 

Elßlöffel), femer Diuretin (06— l'O pro dosi, 
3— 4mat pro die), Agurin (8 : 200, 2stQndlich 
1 EBlöffel), Theozin (3— 3mal täglich 0'2&). Bei 
dem chronischen Verlauf des Leidens werden 
meist nacheinander alle diese Mittel angewen- 
det, jedes erschöpft bald seine Wirkung; es 
ist latsam, zwischendurch immer wieder auf 
die einfachen d iure tischen Tees und Haus- 
mittel (Bohnenschalen-, Birkenblätter-, Sellerie-, 
Peterailientee n. a.) znrUckziig reifen. 

Neben den Diaretizis spielen bei vorhan- 
denen Ödemen eine gioBe Rolle die Schwitz- 
lednren. In Betracht kommen auBer 
den oben beschriebenen heiBen Wasserbftdern 
mit nachfolgender F.iiipackung das Schwitzen 
Bett mittelst Schwitzkasten (FAuarschea 
Schwitzbad u. a.), femer Sandbäder, HeiBluft- 
bäder, unter letzteren namentlich die elektri- iqI^ 



t)l 



NEPHRITIS?. — NERVOSITÄT. 



sehen (ilQhlichtbüder (s. in (ien betreffenden 
Kapiteln |. 

Reichen Diuretika and Schwitzprozodnren 
nicht aas, eine Abnahme hochgradiger Ödeme zu 
erzielen, so ist sar mechaniechenBehand- 
lnn(; derselben zu schreiten: Hoch lagerang der 
Beine, Massage, Einwicklnng in elastische Bin- 
den, dann Sj^arifikation (Anlegen von 5 bis 
1(1 Schnitten von 1— äcm Unge, Bedecken mit 
aufsaugen dem Mollwatleverband) oder besser 
Punktion mit TroikartB{SoiiTaKt8chen KapiUar- 
troikartH od. a.); mit den letztgenannten Me- 
thoden werden leicht in 24Stiinden eiele Liter 
Fl itfisigkeit abgeleitet, indessen l&fit die Schwie- 
rigkeit der Asepsis bei der Keigimg der ödema- 
tSsen Hant za Erysipel, Eitening etz. sie als 
nicht unbedenklich erscheinen. 

Fer die Behandlnng der Schrnmpf- 
niere gilt besügÜch der LebensfQhnuig nnd 
Diftt das oben Gesagte. Nar ist noch stärker 
za betonen, daß man den Patienten nicht dnrch 
(Ibertrei bangen in der Beschr&nkmig belästi- 
gen and schwächen, sondern ihn bei Kräften 
and Stimmong erbalten soU. Er soll im großen 
nnd ganzen leben wie ein Herzkranker im 
Stadiom der Kompensation. 

Bei der N. der Schwangeren sind neben 
milden Schwitzprozednren leichte Dioretika 
erlaubt, von anstrengenden Methoden nnd dif- 
ferenten Medikamenten miiB Abstand genommen 
werden. Von der Einleitang des Aborts oder 
der kunstlichen Frühgeburt ist im allgemeinen 
abznseben, da erfahrungsgemftB die Qe&hr der 
Eklampsie nm so geringer ist, je n&her dem 
natürlichen Zeitpunkt die Entbindong erfolgt. 
Treten während der Gebart Krämpfe auf, so 
ist die Entbindong möglichst zu beschleunigen ; 
gegen die Krämpfe ist symptomatisch die Chloro- 
formnarkose anzuwenden, K. 

Nephrolithlaiis s. Nierensteine. 

Nervenentsfindtmg* s. Nenritis. 
Nerrentanliheit s. Aknatiknsnnd 

akustische Zentren. 

Nervananteriiiohimg s. Eiektro- 
Nerröie Sohwerhörigkeit s. La- 

byrintherkrankungen. 

Nervöses Ohrenaaiuen s. Oeh&rs- 

enipfindungen, subjektive. 

Nervosität. Man ist noch nicht m 
einer vollkommen einwandfreien Definition 
des Begriffes Nervosität gekommen, man will 
meistens darin nur einen Ausdruck für die 
unter dem Namen Neurasthenie, Hypochondrie, 
Hysterie nnd deren Mischformen bekannten Neu- 
rosen sehen, doch gibt es auch eine Anffassung, 
welche in der Nervosität eine von diesen Neu- 
rosen mehr oder weniger scharf abgrenzbare 



Beeinträchtigung des Nervensystems sieht, die 
sich als besondere Reizbarkeit des Nerven- 
systems dartat; sie kann sowohl erworben wie 
angeboren sein, kann vorübergehend und 
dauernd bestehen und pflegt meistens die 
Arbeitsfähigkeit nicht in allzu erheblichem 
Grade zu beeinflussen. Ihre charakteristischen 
Eigenschaften sind: erhöhte Empfindlichkeit 
allen Heizen gegenüber. Diese erhöhte Reiz- 
barkeit tut sich auch in dem Verhalten der 
an Nervosität Leidenden kund, indem sie auf 
allen Gebieten der Reaktion lebhaftere Er- 
scheinungen zeigen als gesunde Personen. 
Welches die Ursache der Nervosität auch sein 
mag, ob sie angeboren ist oder erst erworben 
wird — jedenfalls zeigt sich, dafi sie je nach 
dem Lebensalter in verschiedener Art sich 
äußern kann. Im Kindssalter änßert sie sich gern 
durch lebhafte t'ieljererscheinungenaof ganz ge- 
ringe Ursachen hin, unruhigen Schlaf, über- 
trieben lebhaftes Verhalten, Neigung zu Abwechs- 
lung nnd häutige Reaktion mit Kopfschmerz 
auf selbst nur geringfügige Anstrengung. 

Personen, bei welchen sich krankhafte Ent- 
wicklung der Triebe, Zwangshandlungen und 
Zwangsideen ausbilden, wird man nicht mehr 
zu den Nervösen in dem oben geschilderten Sinne 
zählen dürfen. Zeigensich neben der übergioBen 
Reizbarkeit auch Zeichen einer Schwäche nnd 
Ejvchöpfbarkeit, so sind zweckmäBiger solche 
Fälle der Neuraathenie zuzuztLhlen. 

Die Diagnose der Nervosität wird sich nur 
selten auf einmalige Untersuchung hin stellen 
lassen, meistens wird man einer längeren Be- 
obachtung bedürfen , nm nach den ol>en an- 
geführten Kriterien den Zustand von anderen 
Erkrankungen abgrenzen zu können. Da kommt 
besonders in Betracht, dafi eine übermäSige 
Reizbarkeit das Frühaymptom einer Paralyse 
sein kann, daS auch manche Psychosen, anch 
solche im jugendlichen Alter, sich in dieser 
Weise einleiten können. Nur wenn die Beob- 
achtung ergibt, daß eine Progression der B»- 
scliwerden nicht stattfindet nnd daß nach Weg- 
Schaffung der krankmachenden Ursache Besse- 
rung oder Restitution eintritt, wird man von 
einer allgemeinen Nervosität sprechen können. 

Für die Behandlung ist zweierlei ins 
Auge zu fassen, einmal: für die belasteten und 
bereite im KJndeealter Spuren der NervoaiUt 
zeigenden Individuen ist eine besonders vor- 
sichtige, ruhige und gleichmäßige Erziehang am 
Platze unterl' emhaltung aller schädlich wirken- 
den Beize ; frühzeitige Beschäftigang mit Mosik, 
frUhzeitigerl'heaterbesnch gehören zu letzteren. 
Eine milde systematische Abhärtung mit 
Wasserprozednren wird häufig von Nutzen 
sein, Oroßstadtkinder mit Zeichen der Ner- 
vosität laßt man liesser auf dem Lande oder 
in kleineren Städten erziehen , wo sie viel im 
Freien sein können. Mit der geistigen Bean- 



NERVOSITÄT. - NETZHAÜTBLUTUNO. 



94 



■prochanfc soll man nicht za fr&h anfangen, 
BoU aie auf wenige Stunden des Togee be- 
uhrSokeD aai dafQr viel Bewegung im Freien, 
Tom Übungen oud WideTstandsgymiiBstik 
treiben laBEen. Ftkr Fereonen, welche er«t in 
späterer Zeit nervös geworden sind in dem 
oben entwickelten Sinne, genügt bttnfig eine 
Be&dnng biib dem achftdlicben Hilien, ein Atu- 
spannen ans anfreibender Tfttigkeit, nm die 
Geenndheit wieder herznstellen. Wo daa nicht 
genOgt, fäge man Waeserbehandinng, krftfti- 
gende Diftt hinza, sorge für ansreichenden 
t>cUaf; Beschäftigung im Freien mit Garten- 
arbeit wird faftnfig als nützlich empfanden. 
Zorn Teil deckt sich die itehandlong mit der 
dar Hysterie und Nenrastlienie und wird da- 
telbit ansfübrlicher besprochen werden. 



NeuelsUOht s. Urtikaria 



Fu 



Netsbantablösniis (Amotio, H.Ab- 

latio retinae). Die Trennung der Retina von 
der onter ihr liegenden Chorioidea kann be- 
nirkt werden durch eine seröse Flüssigkeit, 
durch Blut, dnrcb Exsndatechwarten, durch 
einen Zystizerkos, durch Neugebilde, femer 
dorch bindegewebige StrSnge im Glaskörper, 
resp. durch Schmmpfang deeselben. Die N. ist 
entweder partiell oder total nnd wird hervor- 
gerufen durch Traumen, entztlndliche Äffek- 
tionen. Myopie, sowie durch die bereite er- 
w&hnten Tnmoren. 

Subjektiv: nach Prodromen, die in Kmmm- 
sehen (Metamorphopsie) , Funken- mid Stern- 
sehen oder Sehen fenriger Kugeln, ferner 
anchGrfinsehen bestehen, Ansfallserscheiunngen 
nnd Sehstörungen, die sich ganz plötzlich ein- 
stalleii. Die E^mken geben an, es h&tte sich 
eine dunkle Wolke vor den Q^enstloden aus- 
gebreitet, ihr Gesichtsfeld ist eingeschränkt. Die 
tÜnschrAnkong ist derAbbebnng proportioniert 
Ist der ganze untere Teil der Net^ant abge- 
hoben, so fehlt die obere HBlfte des Gesichtsfel- 
des, der Kranke sieht dann z. B. von einem vor 
ihm stehenden Menschen den Kopf nicht. Das 
direkte Sehen mnfi nicht leiden, wenn die 
Netshant peripher nnd in geringem Umfange 
sich von der Chorioidea getrennt hat; ist der 
amorierte Teil groB oder ist sogar die Makula 
mit inbegriffen, so ist das zenb^e Sehen zu- 
meist in hohem Grade gestört oder anch ganz 
erloschen. 

Dlagnoatiziert wird die Netzhantabhe- 
hong durch die Untersuchung mit dem 
Augenspiegel, wobei wir bei gewissen Blick- 
richtungen den roten normalen Reflex, bei 
anderen einen graulichen, bl&ulich- oder grftn- 
granen, bei Bewegungen des Auges wei^aeln- 
den vorfinden. Bückt man nSher ans Auge 
heran', so sieht man auf der bläulich oder 
erau reflektierenden FlUche GefilAe, die durch 



den Veite ilnngsmod US als Netzhantgefl^ im- 
ponieren und die, wenn unter der Retina se- 
röse Flüssigkeit sieh befindet, bei den Exkur- 
sionen des Auges auf der weiBlichen PlAcbe 
nnd mit ihr zitternde Bewegungen ansführen. 
Die GeßiBe erscheinen dann dankelrot, fast 
schwarz, kleiner als normal und haben die 
Reflexstreifen verloren. Sie werden deutlich, 
wenn wir uns auf sie einstellen , was zumeist 
mit starken KonvexgIftHem geschieht. Es be- 
steht natürlich eine Nii-eaaverachiedenheit 
zwischen abgehobener und noch anliegender 
Retina, Verfolgt man die GeföBe. so erscheinen 
dieselben oft an einzelnen Steilen scharf, nm 
an anderen, die dunkler aussehen, zu ver- 
schwinden nnd dann gleich wieder sichtbar 
ZQ werden, so dall man den Eindruck erhUt, 
daß hier Falten vorhanden sein müssen, in 
deren Tiefen die GeÖ^ hinabsteigen , um 
dann wieder anfzntauchen. 

Ist die Netzbaut in größerem Umbnge ab- 
gehoben und ragt dieselbe weit in den Glas- 
körper hinein, so erkennen wir sie oft bereits 
bei erweiterter Papille, bei Anwendung von 
fokaler Beleuchtung oder selbst mit anbe- 
wafinetem Auge. Ist die Abhebung dagegen 
eine flache, so ist die Diagnose schwieriger. 

Ist die Retina noch durchsichtig, so wird 
durch dieselbe das Gef&Bsyatem der Chorioide», 
ein etwa darunter liegender Tumor oder Zjsti- 
zerkus gesehen. 

Stellt sich Trübnng der Medien ein , insbe- 
sondere des Glaskörpers und dann der Linse, 
so wird die Diagnose erschwert nnd ist mit 
dem Spiegel nicht za stellen. Hier müssen 
wir dann das Gesichtsfeld prüfen und den 
intraoknlSren Druck messen. Ist das Gesichts- 
feld eingeschränkt nnd der Druck herabge- 
setzt, dann besteht N.; Ist dagegen die Ten- 
sion erhöht, dann kann wohl auch Ablatio 
existieren, sie ist aber durch einen Tamor 
bedingt 

Therapie. Bei N., welche durch Tumoren 
bewirkt werden, ehebaldigste Enukleation des 
Bnlbns, bei Fremdkörpern und Zystizerkos 
deren operative Entfernung. Bei bischen N. 
traumatischer oder entzündlicher Natnr Dmck- 
verband , Instillation von Eserin nnd Pilokar- 
pin und Bettruhe in Rückenlage durch einige 
Wochen bei reizloser Diftt und Stohlregnlie- 
rung, daneben Behandlung des Grnndleidena, 
Innnktions- und Schwitzkaren. Manchmal und 
snbkonjunktivale Kochsalzinjektionen erfolg- 
reich. Auch operativ (Punktion oder Skleral- 
cxzision nach MCllkh) werden N. angegangen. 
KCniostehj -Teich. 

Netxhautblatang. Die Netzhantha- 
morrhagien zeigen eine hell kirschrote bis 
dunkelbraunrote Farbe und sind durch die 
gesSttigte Färbung immer gnt vom normalen 
Angenhinlergnmde zu differenzieren. Je heller 1 -, 



95 



NETZHAUTBLUTUNIi. — NETZHACTENTZCNDÜNQ. 



9U 



die Farbe der HSmorrhagie, desto frischer die 
Blotnng, je dunkler desto ILlter. Aber oft be- 
halten die Hftmorrhfigien sehr lauge ihre helle 
Farbe. Sie sind verschieden geformt, je nach 
ihrer Lage nnd nach der Menge des ergossenen 
Blates. In der Nervenfaserschichte werden 
radiär znr Papille gestellt sein nnd daher 
Strich- oder Spindelform zeigen; sind sie 
in den äoBeren Schichten , dann zeigen 
mehr eine mndliclK, nnregelmftSig fleckige 
Gestalt mit mehr oder weniger scharfer Be- 
grenzung. Was die tiröfie betrifft, so kön 
sie von Punkt- nnd Strichform bis zu 
völliger Ansfüllnng desAugenhintergmiides 
rüran. DieBlntnng kannsichdurchdieLimitans 
interna Bahn brechen und sieb schalenutig 
am den Glaskörper ausbreiten oder auch bei 
Dnrchbruch dnrcb die BnBere Begrenzungs- 
schichte eine Netzhautahhebang bewirken. 

Der Ursprung der Blutungen ist nicht immer 
ganz leicht zu üiiden, bei aufmerksamer Durch- 
forschung des Aogenhintergrandes (a. , Ophthal- 
moskopie") wird jedoch die Qnelle nicht ver- 
borgen bleiben. Sind Blnt&ustritte am Papillen- 
r»ide vorhanden nnd verbreiten sie sich von 
dort ans weiter in die Retina, so röhren sie 
wahrscheinlich von der Seh nerven sc beide her. 
Ist irgendwo ein Hindernis fUr den AbfluB des 
Blutes, so sieht man entweder eine pl5tzliche 
Unterbrechung des GefUes mitten in der 
Blntong. oder das QefäG ist jenseits desselben, 
also Papillen warts, sehr verdünnt, was nobi 
auf einen Thrombus hindeutet. 

Die Blutungen resorbieren sich vollständig 
oder es bleiben an deren Stelle kleine weiB- 
liche oder gelbliche Flecke zarück. In manchen 
Fällen wird anch das Pigmentepithel attackiert 
and man findet dann mit dem Spiegel einen 
onregelm&ßig begrenzten, blassen Fleck, der 
dnnkel eingerandet ist. 

Wenn die Blutungen peripher gelegen sind 
und nur eine kleine Area einnehmen, so werden 
sie vom Patienten kaum empfunden, sie ver- 
ursachen fast keine Störungen, nur hier und 
da wird Über Flimmern geklagt, .'^ind die 
BloterglUse gröQer und sitzen sie zentraler, 
dann treten deutliche Skotome auf, am stürend- 
sten nattlrlich, wenn die HSmorrhagie in der Ma- 
knlasitzt; bisweilen sehendieKrankendenroten 
Schein der Blutung, wenn sie auf eine weiBe 
Flache blicken. 

VeranlaBt werden Blutungen in der Retina 
darch Traumen, durch Zirkalationsstörnngen 
(Herzfehler, Thrombose, Embolie etz.), durch 
plötzliche Entspannung des Bulbus wie bei 
Glankomoperatinn ; sie treten femer bei Neu- 
geborenen direkt nach der Gebnrt anf nnd 
scbliefilich bei einer großen Anzahl von internen 
Erkrankangen, die eine Verändernng der Ge- 
ÜAe oder deren Inhalt bewirken, also bei Morb. 
Brightii, bei Skorbut, Morb, makni. Werlhofii, I 



bei Lenkftmie, perniziöser Anämie etz.. bei 
Lebererkrankongen, bei I>iat>etea nsw. Selbst- 
redend können bei allen entzündlichen Er- 
krankungen des Sehnerven nnd der Netzhaut 
Hämorrhagien vorkommen. Es gibt jedoch aach 
F&Ue, wo wir ftkr dieselben keinerlei Veran- 
lasBong finden und wo das Anftreten von 
BIntnngen nm so Atselhafter erscheint, als 
es jnngeLeote betrifft, die sich vollkommen 
gesund fahlen. Bei Personen weiblichen Ge- 
schlechtes können sie manchesmal als vika- 
riierende angesehen werden. 

Die Therapie ist in erster Linie gegen 
das Gnmdleiden gerichtet. Daneben subkon- 
junktivale Kochsalzinjektionen, Schwitzkuren, 
intern Jodkali. Laxantia. KöniUKTKni-TKK'H. 



bolia 



M«tshaatemtioll« (Ei 

iae Zentralis retinae) «. Arti 
bolie. 



NetshautantsOndiing (Retinitis). 

Die subjektiven Stömngen bei EntzUndong; 
der Netzhaut sind sehr verschieden. Oft ist 
die Bebschärfe normal; kaum daB die Kranken 
über einen Nebel vor den Augen klagen. Meist 
das Sehvermögen herabgesetzt, in \-ielen 
Fallen in sehr hohem Orade, nnd zwar gleich- 
mäßig oder es bestehen Skotome mannigfacher 
Art, die insbesondere dann störend sind, wenn 
zentral gelegen sind. Auch der Lichtsinn 
kann herabgemindert sein, so daB bei abneh- 
mender Bebchtang die Sehschärfe nnverh&lt- 
nism&Sig abnimmt. Der Farbensinn ist ge- 
wöhnlich nicht gestört; wo dies der Fall, sind 
die Optikosfasern mitaßiziert Die ophthalmo- 
skopisch sichtbaren Erscheinungen der N. 
sind Trilbnng des Gewebes, Ejsndation, Ha- 
morrhagien der Netzhaut, Verbreiterung and 
Schlängelung der Ketinalvenen , Deckung der- 
selben sowie der Arterien durch das getritbte 
Gewebe, weifle Streifen (Ausdruck der Trtibung 
und Verdickung der GefUwand) an den Ge- 
fäßen, zuweilen vollständige Obliteration. 

Nach der Ätiologie unterscheiden wir fol- 
gende Erkranknugsformen : 

1 . Relinilit nlbiiminwika give neiiliriHka. 
Sie gibt verschiedene Bilder. Die Papille so- 
die Retina zumeist getrübt , leicht ge- 
schwellt, radillre Netzhautatreifnng, die Venen 
geschlangelt, an einzelnen Stellen, durch das 
trübe Betinalgewebe gedeckt, spärliche kleine 
streifenförmige Hämorrhagien in der NUie 
größerer Gefäße oder anch in der Mahulage- 
gend. in einem anderen Bilde sehen wir wieder 

ißere oder kleinere, gelblichweiße Flecken, 

'. auf die Retina ausgespritzt, in der Nähe 
der Papille . oder wir sehen zahlreiche kleine, 
weiße, mattglftnzende Flecke in Stemform an- 
geordnet in der Gegend de» gelben Fleckes. 
Die Flecke können zu Strahlen angeordnet 



NETZHAUTENTZr NDUNÜ. 



sein wie in Fig. 11. Der Grnnd und die Zwi- 
scbenrftame sind dunkelbraun getUrht. Die 
weiBen Plaquee können konfiaieren nnd es ist 
dann eine breite, weifilich glänzende Area um 
die Papille hemm; dazwischen können zahl- 
reiche Htrich- oder flecken förmige Blutungen 
vorhanden sein. Oft sieht man nur mehr nach 
Abklingen der Erkrankung punktförmige, 
mattweiBe Flecke in der Umgebung der 
Makula. Auch an den Gefäßen können die 
Vei^ndernngen »ehr bedentend sein; sie können 
von weiOen Streifen eingefaßt oder lum Teil 
direkt in solche umgewandelt erscheinen oder 
anch ganz ohliteriert sein. Hat sich die Hetl- 
nitie znrückgebildet, wie dies ja nach Gravi- 
diULts- und Scharlachnephritis nicht selten 
TOTkommt, so sind Spuren derselben oft nicht 
mehr auffindbar, manchmal sind nur noch bei 
genauer Aufmerksamkeit einzelne, nun schon 



stM-kverwischte Punkte desStemes zusehen ;die 
Papille kann dabei bbB erscheinen, anch können 
Pigmentanomalien in der Makniagegend vor- 
handen sein. In anderen Fällen tritt dagegen 
Atrophie des Sehnerven mit sehr stark ver- 
dännten OeftBen ein. Es muB noch hinznge- 
fOgt werden, daß die Retinitis albuminnrika 
fast ausnahmslos doppelseitig rorkommt nnd 
daB beide Augen nahezu gleichzeitig oder doch 
in nicht allzu langen Zwischenräumen befallen 
werden. Wir finden sie am relativ htLufigsten 
bei der Schrnmpfniere, seltener in den Fällen 
von akutem Morbus Brightii und noch weniger 
häufig bei der Amyloidniere. 

2. RetinUis diabelika. Die N. bei ÜiabeteE« 
ohne Beteiligung der Niere ist sehr selten. 
Die äTUiplome sind im allgemeinen nicht pa- 
thognomonisch. Eh finden sich Netzhsnthla- 
tungen mit jenen Veränderungen in der He- 
tina, die durch dieselben bedingt werden, nnd 
llämorrhagien in dem Glaskörper. Die Papille 
kann leicht geschwellt sein oder anch nur 



Btark gerötet mit verachwomnienen Kändem, 
ferner findet mau die Venen verbreitert, Ar- 
terien enger, zahlreiche Blutongen in Strich- 
öder Fleckenform: auch weißliche Plaques sind 

Die Papille bleibt im Gegensätze zur al- 
buminnri sehen Form normal, anch ist keine 
Netzhauttrttbnng vorhanden; ebenso fehlt die 
eigentümliche Sternfignr. Zeitweilig ist das 
Bild der Netzh autark rankung bei GlfkoHurie 
mit dem der album in arischen N. identisch. 

3. HfiinitiM lenkaemil^. Die N,, die so be- 
nannt wird, hat selten etwas gerade fUr Leu- 
kämie Charakteristisches, findet sich violmelir 
bei einer groSen Anzahl von Fällen ron so- 
genannten Blnterkraiikungen, Chlorose, Anämie, 
wie letztere, sei ea infolge von Karzinom oder 
Anchylostoma duodenale oder aus anderen 
UrBachen, auftreten, bei Leukämie, Psendolen- 
kämie etz. Der ganze Augenhintergmnd hat 
einen orangegelben Farbenton, die Papille er- 
scheint blBsser, in ihrer Transparenz vertnin- 
dert, die Grenzen sind verschwommen, die 
Venen sehr breit und wie die Arterien viel 
heller gefUrbt, oft schleierartig gedeckt, die 
Retina ist heeonders peripapillär graublfinlich 
getrübt, daneben findet man mehr oder weniger 
zahlreiche Hämorrhagien von auffallend blasser 
Farbe. 

4. Bei der Retiniti» gyphililika finden wir 
die bereite besprochenen Symptome der N., 
insbesondere Blutnngen, die auf einer syphi* 
litischen UefUSerkrankang berahen. Als cha* 
lakterietisch gilt eine diffuse staabartige 
Trübung des Glaskörpers, so dafi tkber den 
ganzen At^nhintergrnnd ein Schleier gelagert 
erscheint, und das Vorhandensein chorioditi- 
scher Plaques, Als eine besondere Form der 
syphilitischen N. mufi 

5. Die tentraie rezidivirrende Relimtis an- 
gesehen werden. Sie ist kenntlich durch eine 
zarte Trübnng in der Gegend des gelben 
Fleckes oder durch kleine, unregelmftfiig 
gruppierte , graugelhe Punkte daselbst. Am 
Perimeter Ufit sich dementsprechend ein zen- 
trales Skotom nachweisen. 

Ea werden noch andere, selten auftretende 
Formen von N. Itiesch rieben, als 

6. Betiniti» proliferans. Bindegewebige, btftu- 
lichweifi aussehende Massen bilden sich ans 
der Retina in den Glaskörper hinein, sie folgen 
gewöhnlich den groBen GeABen, verästeln sich 
und vereinigen sich wieder. Die GeföBe, die 
man sieht, sind zumeist neugebildet, dabei 
sind Netzhanthlutnngen , nicht selten auch 
Ablatio retinae vorhanden, oft sind auch helle, 
glitzernde Stellen, Cholestearinkristalle, zu 
sehen. Die Retinitis proliferans geht aus Blu- 
tungen hervor. 

7. Relinitis ptttiktata lübetzen». Ea finden sich 
in der Hetina eine groBe Zahl von mattweiBen 



NETZHAUTENTZCNDUNG. 



100 



Flecken vor, die wie mit dem Locheisen ans- 
gesch lagen eracheinen. An der Papille na 
leichtes Verechworomensein der Orenzen. 

8. Relinilig lirzinala (Fichh). anch Hui 
chinsonii. In der Makula ist eine grauliche 
Trübung mit nicht scharfen Qreneen, 
einiger Entfernung findet man zahlreiche 
kleine, weiße, scharf begrenzte Flecke, die an 
einzelnen Stellen konfloieren können, bo 
Grenzlinien entatehen, die an den Arbor vitae 
des Kleinhirns erinnern. Die Flecke sind 
unter den GetaBen und zeigen keine Pigment. 
einfaseang. Diese Form der Retinitis ist zn- 
meist einseitig, kommt vorwiegend bei Bitsren 
Frauen vor und bedingt selbstredend anch 
ein sentrales Skotom. 

9. Retinitw piginftntota zeigt nicht die klir 
sehen Erscheinungen derN., sondern jene ein 
Sklerose respektive Zirrhose der Netzhaut mit 

Flg. IS. 



Pigmentein Wanderung mit folgendem ophthsl- 
moskopisclieu Bilde : Papille dekoloriert ins 
Gelb lieh graue, Rötlich gelbe, Gelbgrün liehe mit 
Wachaglanz, wenig oder gar nicht transparent, 
fast wie mit einem Schleier gedeckt, Grenzen 
nicht ganz scharf, zeitweilig auch ganz ver- 
schwommen, Ketinalgefafle in hohem Grade ver- 
ditnut, in weit vorgeschrittenen Fallen kaum zu 
sehen, oft findet man nur oben imd unten in 
der Papille entsprechend den gröBeren Qe&B- 
stämmen je zwei rote dUnne Linien, die kaom 
auf die Retina weiter verfolgt werden können, 
femer eigentümliche, knochenkörperfthn liehe, 
mit ihren Fortsätzen ineinandergreifende Pig- 
mentflecke (Fig. 12). Diese sind anfangs nur 
in der Peripherie, spater rücken sie der Pa- 
pille näher, bedecken znm Teile die GeiUBe 
oder sclioideii sie ein und lassen oft einen 
getafelten Fundns dnrchscheinen. Die Cho- 
rjoidealgeßlQe erscheinen dann g:elbli<.'h geftrht, 
auch von weißen Streifen eingefaßt (Kklero- 



siemng der Chorioidealgefilfle). In manchen 
Fällen sind die PigmentJlecke so dicht gehäuft, 
daß sie den ganzen Fundus bedecken nnd ea 
den Eindruck macht, als ob sie in den Glas- 
körper hineinragten. Gewöhnbch sind anch 
Komplikationen, e. B. Polarstar, NjstagmtiB, 
vorhanden, die eine ruhige, scharfe Beobach- 
tung nicht gut zulassen. Die FunktionsstÖnm- 
gen des Anges bei dieser Erkrankung sind 
Hemeralopie und konzentrische Gesichtsfeld- 
oinengung. Das erste Symptom, das oft auf 
diese Erkrankung aufmerksam macht, ist, daS 
die Patienten sich in der Dämmernng nicht 
zurechtfinden , daS sie an Gegenständen nnd 
Personen anstofien, daB sie abends auf der 
StraBe sich mit gegen den Himmel gerichtetem 
Blick orientieren müssen, indem sie sich nach 
den zwischen den Dächern der Uanser aicht- 
baren Bimmelsstreifen richten. Bei Tage pflegt 
dunn das Sehen noch fast ausnahmslos gut 
zu sein. Das Gesichtsfeld kann minimal werden 
nnd die zentrale Sehschärfe dabei erhalten 
bleiben. Die Kranken können sich dann auch 
hei Tage nicht führen; es ist, als ob sie durch 
eine schmale Röhre sehen würden. SchlieBlich 
sinkt auch das zentrale Sehen, doch kommt 
es sehr selten zu beiderseitiger totaler Elrbtin- 
dong. Es können anch Taubheit, Taubstnnun- 
heit, Idiotie, Polydaktylie tmd infantile Kinder- 
lähmung die Retinitis pigmentosa begleiten. 

Therapie. Retinitis apoplektika, hae- 
morrhagika. Die lokalen Maßnahmen sind: 
volle Ruhe, Abhaltung von Licht und beaondeFS 
Vermeidung des Gebrauchs der Augen (Nähen, 
Sticken, Lesen etz.). Trockene Schröp&öpfe 
oder bei plethorischen Individuen Blatentzie- 
hungen mittelst Blutegel oder Henrteloup 
wären angezeigt. Atropin soll nur in Ans- 
nahmsfillen verwendet werden. Bei jugend- 
lichen Individuen muß ein kräftigendes Ver- 
fahren eingeschlagen werden, auf gute Ver- 
dauung und Assimilation gesehen und sollen 
Blutbildner und Nerventonika gereicht werden, 
wie Eisen, Strychnin, Arsen. Sind T3nregel- 
mäßigkeiten in der Menstruation vorhanden, eo 
müssen diese in Behandlung gezogen werden. 
Bei älteren Personen, wo Herz, Gef&Ge nnd 
besonders die Nieren in der Ätiologie der Neti- 
hautblutongen eine große Holle spielen, sind 
aucli die Indikationen für die Behandlting 
andere. Hier muB dafür gesorgt werden, daß 
jede Tätigkeit unterbrochen, insbesondere 
geistige Anstrengungen, Sorgen etz. gemieden 
werden und daß Schlaf und Darmfunktion un- 
gestört t«ien. Bei manchen Personen wird ea 
gut sein, sie in eine andere, ruhigere und 
heitere Umgebimg zu bringen. Leichte Abführ- 
mittel, Diuretika und mäßiger Gebrauch der 
Brom Präparate werden am Platze sein. Ist 
ein kleiner und harter Pnls vorhanden, so 
mögen kleine Dosen von Nitroglyzerin verab- 



101 



NETZHAUTENTZONDUNO. — NETZHAU TOLIOM. 



102 



reicht werden. Ist Gicht oder 
die Teranlassende Ursache, so werden Salisyl, 
Littüon etz. in ihre Rechte treten. Aach tod 
Jodkali wird Oebranch gemacht Es mafi 
überhsapt aof den AllgeineinzaBtand Rftck- 
aicht genommeD and weitere stets im Aoge 
behalten werden, daB Ketinalblutontcen zeit- 
weilig Vorzeichen von Gebimblutangen sind. 
Retinitisalbaminnrika. Die allgemeinen 
Verordnnngen für Retinitis gelten selbstTer- 
ständlich aacb hier; die Angen dfkrfen nicht 
angestrengt, nicht gereizt werden. D^egen 
wAren Blatentziehungeo nicht am Platze, da 
die Körperkrftfte geschont werden mÜBsen. 
Das Tragen eines Schatzglasea ist angezeigt, 
aber nnr znm Schatz gegen grelles Licht; 
Dnnkelkar resp. der stete Aufenthalt in ver- 
dnukelUo oder gar verfinsterten Zimmern ist 
nicht rationell. Im Qbrigen antersteht der 
Kranke der Behandlnng des Internisten, denn 
die Behandlnng der Nieron krankheit ist anch 
gleichzeitig die der Retinitis, und es werden 
daher alle bjgienischen MaBnahmen, Anord- 
nongen in bezng aof Kleidung , Nahrang, 
körperliche Bewegung, Wahl tou Bftdem oder 
klimatischen Kurorten, Medikation so getroffc 
als ob nnr das Nierenleiden allein and keine 
Retinitis vorhanden w&re. Die beste Prognose 
geben die Retinitiden bei Schwangerschaft 
nach Scharlach. Bei äi^wangerschaft kann 
es üch auch darum handeln, daU die Früh- 
geburt eingeleitet wird , nm das Sehen 
reit«n. Ist die Nephritis Folge einer Inter- 
nüttena oder inveterierten Syphilis, so kann 
durch Obinin oder Merknr die Retinitis be- 
kämpft werden; sind chronische Ei terungspro- 
zesse vorhanden, so kann der kausalen Indika- 
tion durch Ermöglichnng des Abflnsses auf 
operativem Wege Genüge geechehi 

Retinitisdiabetika. Die Therapie ist auch 
hier die des Grundleidens ; man mnB sich 
dämm bDten, irgend eine den Körper schwä- 
chende Behandlung einzuleiten , speeiell Blnt- 
entziehongen sind za vermeiden. Antidiabe- 
tiacbe Di&t, Karlsbader Wasser und zeitweilig 
AntJpTrin etz. 

Retinitis syphilitika. Die Behandlnng ist 
eine konstitutionelle and besteht in der Einver- 
leibung von Uerkarprftpoiaten nnd Jodkah. 
Selbstredend moB der Allgemein zostand be- 
rncksicbtigt werden. Je nach der Heftigkeit 
des Prozesses werden vrir die Wahl des Merkur- 
prftparates and dessen Dosierung vornehmen. 
Am beliebtesten sind noch immer die Inank- 
tionen, und zwar müssen sie zeitweilig sehr 
energisch vorgenommen vrerden, his Salivation 
mntritt. Ein sehr beförderndes Mittel hei den 
Einreibungen sind warme Bftder, weil sie die 
Haat aofnahmsf&higer machen. (Desgleichen 
können anch Schwitaknren die Behandlung 
in wirksamer Weise nnteratßtzen.) Bei heredi- 



tärer Syphilis laBt man auch Lebertran 
len. Es treten nicht selten Rezidive anf, 
die Behandlnng soll daher nicht frühzeitig 
unterbrochen werden. Aach bei der RetinitiB ay- 
pbjlitika werden subkoiijunktivale Injektionen 
mit QoecksilberpTftparaten oder Kochsalz ange- 
raten. Nach DiBiRH jetat Hydrargyrum lyaoa- 
tom mit einer Beigabe von Kokain und Akoin. 
iner Faiviz-Spritze der Quecksilberlösang 
werden 1—2 Teilstriche folgender Lösnng ge- 



Hp. Aioini 003 

Mur. Kokain 0/ 

Aq. destill. 5-0 

Die Retinitis pigmentosa galt bis nun 
and gilt eigentlich noch als unheilbar. Die 
Therapie besteht in Strychnininjektionen, Dar- • 
reichung von Jodkali, der Applikation des 
konstanten Stromes und Einspritzungen von 
Pilokarpin. KßKiasrmiN-TEiua. 

NetshantgUom. Das N. ist eine Er- 
krankung des Kindesalters, deren Beginn sn- 
meist Übersehen wird, da ja Qher die Seh' 
Störung nicht geklagt wird. Die Eltern wer- 
den auf die Erkrankung darch den hellen 
Schein ao&nerksam gemacht, der aoH der Tiefe 
der Pupille kommt. Dieser helle Schein wird 
durch die weiBe Oberfläche der Geschwulst 
mid durch ihre Lagerung vor der hinteren 
Brennebene bewirkt. Solche Augen leuchten 
dann spontan und werden als amauroti- 
sche Katzenaugen bezeichnet Im Beginn 
der Erkrankung tritt das Angenlenchten nor 
nach einer Richtung, s[Ater nach allen Rich- 
tungen anf. Die Geschwulst besteht aas mehre- 
ren buckeiförmigen Hervorragnngen von gelb- 
lichweiBer Farbe, wuchst stetig, füllt den Qlas- 
körperranm aus, di&ngt an die Linse, diese 
trQbt sicli nnd verhindert den Einblick ins 
Auge (Abschlaß des ersten Stadiums). 

Differential diagnostisch kommen in diesem 
Stadium die einfache Netzbantabhehnng, Olaa- 
körperexsudate infolge einfacher oder metast»- 
tisch entzündlicher Veränderungen der Oelllß- 
haat und subretinaler Zystizerkua in Frage. 
Von Netzhautabhebnng unterscheiden wir das 
Gliom durch den Gefall verlauf; bei Gliom sind 
es neagebildete, ganz nnregehnäSig verlaufende 
Geföße, während bei Ablatio die GefUfie den 
eigentümlichen dichotomischen Verteilnng»- 
modns der Netzhautgeftfle zeigen. Femer ist 
bei alterer Ablatio die Tension herabgesetzt, 
bei Gliom erhöht. Ferner findet man bei Gliom 
kleine weiBe Körperchen, losgetrennte Gliom- 
bröckel im Glaskörper herumschwimmen. Von 
einem Eisudate resp. Psendogliom unterscheiden 
wir es durch die mehr ausgesprochene gelb- 
liche Färbung des ersteren, durch das Fehlen 
der Bröckel und femer dadurch, daß bei den 
entzündlichen Prozessen, welche das Pseudo-vjl^ 



103 



NETZHAÜTGLl OM. - NEURALGIE. 



104 



gliom bilden, anoh VerftndemngBn an der Irii 
des einen wie auch manchmal des anderen 
Auges zu finden sind. Yom Zyatizerkns snh- 
retinaJia anterscheiden wir das Oliom dadurch, 
d&B bei eraterem die Netzhant zirknmsknpt 
abgehoben ist, daS an der blasen förmigen Ab- 
hebung ein heller Fleck, die Oegend 
Kopfes, gesehen werden kann und daB schlieS- 
lich an der Blase wellenartig ablanfende Be- 
wegnngen zn beobachten sind. Diese Unter- 
scheidungsmerkmale gelten so lange, als die 
Medien durchsichtig sind; ist der Glaskörper 
stark getrabt, kann man sich nur eine Wahr- 
sclicinlichkeitsdiagnose gestatten, and man be- 
geht, wie die Literatnr zeigt and die Benen- 
nung ,Pseadogliom' beweist, oft Fehler. 

Im zweiten Stadium treten Schmerzen 
nnd entzttndliche Erscheinungen auf; wir 
ben den Status des chronisch-entzOnd liehen 
Glaukoms vor uns, flache Vorderkammer, Trfi- 
bong des Kammerwasaers , weite, starre Pu- 
pille, oft Srnechien, ausgedehnte GefUGe, leicht 
gescliwellte Lider, und bei stetiger Zunahme 
des Druckes kann sich eine staphiflomatöse 
Ansbachtnng der Komeoaklsrolgrenze, ja auch 
eine Megalokomea ausbilden. Dieses Stadium 
ist demnach durch die Drucke rscheinnngen 
gekennzeichnet. Der helle Schein aus dem Auge 
verringert sich, je stärker die Tr&bnngen anB- 
geeprochen sind. 

Im dritten Stadium finden wir den 
Durchbruch; die Geschwulst raasse wuchst zu- 
meist durch die Hornhant hindurch , drftngt 
die Lider auseinander, sitzt dem Bulbus pilz- 
artig auf and kann sogar die Größe eines 
Kindskopfes erreichen. Die Geschwulst kann 
jedoch auch entlang dem Sehnerven ihr 
Wachstum nehmen, anf das ChiaE^ma übergehen 
und von dort anf den Sehnerven des zweiten 
Aoges überwuchern. Sie kann aber nnch die 
ganze Orbita ausfüllen , die knöciiemen Wan- 
dungen durchbohren nnd in die beDacbharten 
Höhlen hinein wachem. 

Therapie. E^ebaldigste vollkommene Aas- 
räamang der Orbita, eventuell auch Entfer- 
nung des Periostes der letzteren. 

KO.S 1 OSTKTN-T EI(.'H . 

Nstxhauthyper&itheila. Die Au- 
gen sind hochgradig empfindlich, anch gegen 
gewöhnliches Tageslicht, inabesondere aber 
gegen intensives kilnstiichea Licht, sie ermü- 
den bald beim Lesen and Arbeiten, es stellen 
aich schmerzhafte Empfindungen in der Tiefe 
der Augenhöhle, im Bindehantsack ein , es 
kommt auch vorübergehend zur Heiabsetzang 
der Sehschärfe, zu Nebelaehen etz. Es treten 
fem er ErmDdangserscheinnngen von selten 
der Akkommodation nnd der Maskuli intemi 
ein, ohne daB dieselben durcli Korrektion mit 
Konven- oder PrismengiHsem beholien werden. 



Die N. ist h&nfig eines der Symptome der Hy- 
sterie and Neurasthenie. 

Therapie. Behandlung des nervösen Grnnd- 
leidens, Korrektion eines etwaigen Befraktions- 
fehlera, Schonung der Augen, Dankelbrille. 

KöKIOBTEnf-TBlCH, 

Natahaattrttbling^. Die Betina ist 
eine vollstAndig durchsichtige Membran, jede 
Trübung derselben muG demnach auf eine 
Erkrankung derselben hinweisen. Ausgenom- 
men hiervon ist uar die nächste Umgebung 
des Sehnerven, wo wegen der dichteren Ubei> 
einanderlagemng der Sehnervenfasern die 
Diaphanität der Netzhaut leidet und die 
Seneezenz, wo die Gewebe, in der Destruktion 
b^riffen, ihre Frische und ihren Glanz ver- 
loren haben. Wirkliche Trübung der Netzhant 
finden wir htä allen Entzündsformen des Seh- 
nerven nnd der Netzhaut, sowie oft der Cho- 
rioidea, bei der Netzhantembolie, bei der Abla- 
tio, bei der Pigmentdegeueration, bei Trübun- 
gen der dorchsichtigen Medien; doch ist sie 
hier zumeist nur eine scheinbare nnd man 
muB nach dem Aussehen nnd dem Verlaufe 
der Oe&Be zu beurteilen wissen, ob die N. 
nur durch die fehlerhafte Transparenz der 
brechenden Medien vorgetäuscht wird oder ob 
eine solche de fakto besteht. Letzteres wird 
der Fall sein, wenn die Venen Verbreiterun- 
gen ihres Kalihers und auffallende Schlänge- 
lung zeigen. 

Die Therapie ist gegen die Grundkrank- 
heit gerichtet KOsiostein-Tkich, 

Nannlgl«. unter N. venrteht man 
SchmeraanfHUe in der Bahn eines bestimmten 

en. Die Schmerzen sind nicht immer von 
gleicher Beschaffenheit, sondern sind entweder 

ganz freien Intervallen unterbrochen oder 
auf zeitweise Verringerong der Schmerzinten- 
sitat folgen wieder Exazerhationen. Als Ursache 
der N. werden im allgemeinen Infektionen 
angegeben; anch erschöpfende Krankheiten 
können ihnen zugrunde liegen, and nach meiner 
Erfahrung ist die Schlagaderrerh&rtnng (Ar- 
teriosklerose) eine häufige Ursache. Ferner 
werden die Gicht und die Zuckerkrankheit als 
Grundlage der N. gefunden. Für eine Reihe 

neuralgischen Ailektionen konnte Eulen- 
BLKo die Gonorrhöe als verursachendes Agens 
feststellen. Einzelneneuralgische Erkrankungen 
ind wohl als Reizerscheinungen von in der 
Nähe auftretenden Knochenerkrankungen, Eite- 
rungen etz. anzusehen. So können N. aaftr«ten 
Geleit von Nebenhöhlenerkraokungen bzw. 
Eiterungen der Nase nnd von AfTektionen der 
Paukenhöhle. Ob die N. aU Folge der Syphilis 
vorkommt, ist nach Oppkbhkois Erfahrungen 
noch zweifelhaft, als mittelbare Folge durch 
syphilitische GeAB- und Rnocheneikranknng 
ist sie sicher beobachtet Von allgemeinen 



105 



NEUBALOIE. - SEUHASTHENIA SEXOALIS. 



106 



EiowirknngeD Bind die ErkaltongBnrsachen £d 
neniien, von loknleo Einwirknngeo Verletzongan, 
Quetschungen der Nerven darch in der Nahi 
liegende üeächnOlste; schließlich wird sich ii 
rielen JTlilen eine üraache überhanpt nicht 
feststellen Is&tien, und man ist dum genötigt, 
auf ein« allgemeiue rheumatische Diathese 
r&ckzng reifen. Die ScbmetEen, die von 
achiedeaem Charakter sein können, als reißend, 
bohrend geschildert werden, ein anderes Mal 
wieder wie von heifiem Wasser herrührend, 
treten nicht nur in AttAUen anf, sondern si« 
können zn bestimmten Tageszeiten sich wieder 
einfinden, eine gewisse Zeit andauern nnd dann 
fOr den Rest des Tages wieder verschwinden. 
Von Begleiterscheinungen der Schmerzen ist 
das Auftreten der Druckpunkte zu nennen. 
Es sind beatimmt« Stellen im Verlaufe eines 
Nerven, die auf Dmck ganz besonders emp- 
findlich sind; am leichtesten lft£t sich die 
Drnckemplindlichkeit da feststellen, wo 
Nerv einem Knochen nahe aufliegt and bei 
dem Prufungsversnch gegen diesen angedrückt 
werden kann. Die Störungen des Oefühls sind 
meistens subjektiver Natur, wirklicher Ausfall 
gehört nicht zu dem Bilde der N., ebensowenig 
wirklii'he Lähmungen and auch degenerativ- 
atrophische Zustände derMuaknlatnr. Man sieht 
häofig trophische Störungen der Haut 
Verlanfedes vonderN.ergrifiFenenNerven, Unter 
diesen ist die bekannteste das Auftreten des Her- 
pesauEschlages, aber auch omschriebene Tempe- 
laturerhöbnngen der Haut, Blani^rbang wird 
festgestellt, aud falls infolge der Schmerzen 
das betreffende Glied weniger aktiv ist, kann 
HS zn Schwund der Mnskulalar kommen, der 
aber niemals degenerativer Natnr ist. Wesent- 
liche Störungen des Allgemeinbefindens pflegen 
zn fehlen, doch kann es bei längerer Daner des 
Leidens zu Schwftcheznstanden , Beeintrtch- 
tignng der Herzt&tigkeit und zu betrllchtl icher 
Abmagening kommen, ganz besonders gilt das 
für die Trigeminosneuralgie, die durch heftige, 
beim Kauen auftretende Schmerzen die Nah- 
rangsaufnahme wesentlich zn beeinträchtigen 
termag. im allgemeinen nehmen wir an, dafi 
bei den N. eine anatomische Veränderung im 
Kenen nicht zu finden ist, in anderen Fällen 
läßt sich feststellen, daß in der Nachbarschaft 
des Nerven Prozesse bestehen, welche anf den 
Nerven übergreifen nnd zn einer Verdickung 
der Nervenscheide führen. 

Anutomiseh ist aber die N. von der Nenritis 
scharf zu trennen, wenigstens gilt das fttr die 
■osgegprochene Form. (Übergänge mögen wohl 
vorkommen. 

Die Dlagnoee ist bezüglich des Sym- 
ptoms der N. im allgemeinen nicht schwer 
zustellen: Hat man die typische Beschreib ong 
des Schmerzes nnd kann man ihn nach der 
KenntnlE vom V^eriaufe des Nerven genan 



lokalisieren, kann man femer die Druckpunkte 
feststellen, so ist die Diagnose gesichert nnd 

man wird, da meistens nur ein Nerv und auch 
nur ein Nerv einer Seite betroffen ist, die 
verschiedenen Formen ansei nanderhalten. Die 
spezielle Besprechung der einzelnen Formen 
erfolgt anter den betreffenden Kapiteln. Uan 
darf nur nicht versäumen, anf das Grundleiden 
zu fahnden, nm festzustellen, ob die N. eine 
primäre, echte ist oder ob sie das Symptom 
eines anderweitigen Leidens darstellt. So hat 
man auf Diabetes, anf Gicht zu fahnden, man 
hat auch daran zu denken, daß Tabes sich unter 
dem Gewände einer N. einleiten kann; hier i>t 
als differential-diagnostisches Zeichen 
festzostellen , daß die Schmerzen der, wenn 
man so sagen darf, tabischen N, sich durch 
ihren typisch lanzinierenden Charakter oft schon 
verraten. Treten die Schmerzen nicht genau 
in der Bahn des Nerven auf und kann man 
feststellen, daß sie bei psychischer Ablenkung 
weniger stark empfunden werden, aber bei auf 
die Schmerzstelle gelenkter An&nerksamkdt 
wieder heftiger anftreten, so ist der Verdacht, 
daß es sich am eine hysterische Pseudonenr- 
algie handdt, gerechtfertigt, jedoch kommen 
auch bei Hysterischen echte N. vor. 

Behandlung. Wennauchbeideneinzelnen 
Formen der N. die Therapie besprochen wird, 
so sollen hier noch einige allgemeine Gesichts- 
punkte Erwähnung finden. Wo die N. anf dem 
Boden einer Allgemeinerkrankung entstanden 
ist, hat diese zuerst Anspruch, behandelt 
zn werden. So ist bei Fettleibigen, bei Gicht, 
bei Diabetes die entsprechende Diät anzuord- 
nen, andrerseits bei kachektischen Personen 
für eine allgemeine Kräftigung zu sorgen; 
Alkohol ist bei allen N. zu untersagen. Ich habe 
sicher feststellen können, daß auch geringe 
Gaben von Alkohol neuralgische Anf&Ue wieder 
hervorrufen, wenn sie durch geeignete Behand- 
lung und alkoholfreie Diät beseitigt waren. In 
manchen Fällen ist eine chirurgische Behand- 
lung angezeigt, andere wieder werden günstig 
beeinflnßt durch BSderknren, unter denen sich 
besonders die sdiwefelhaltigen Thermen einer 
besonderen Beliebtheit er&euen; aber auch die 
Wildbäder sind häufig von Erfolg begleitet. In 
frischen Fällen kann man versuchen, durch 
kräftige Si'bweißprozednren eine kupierende 
Wirkung zu erzielen. Von ableitenden Reiz- 
verfahren, wie Anwendung von Kanthanden, ist 
nicht viel Erfolg zn erwarten. Massage und 
Elektrizität sind häufig von Erfolg begleitet, 
ihre spezielle Anwendung wird bei den einzelnen 
Kapiteln besprochen werden. Ebenso verlegen 
die Besprechnng der medikamentösen 
Mittel in die einzelnen Kapitel der N. 

NeoraBthsnia lexnalii ». Neur- 

'^''^"'^- „ ...Google 



107 



NEURASTHENIE. 



108 



Nenraathenie (a3»Evo{; Kraftlosigkeit 
der Nerven oder Narvenach wiche). Die Nenr- 
BSthenie ist wohl die verbreitete Krankheit, 
und zwar beachr&nkt sie sieh nicht, wie man 
geglaubt hat, auf die Bewohner der äroBstadt 
and die höheren Stände, eondem wird BberaU 
nnd in allen Bevölkernngsschichten nnd Bernfs- 
art«n gefnndsn , wenn aoch die Bewohner 
groSer Städte wohl ein gröSeres Kontingent 
ta der Schar der Nenrattbeniker Bt<;llen 
mögen. Die aafierordentliche Zanahine derN. 
l&Bt eich aaf die immer mehr Eanehmende 
tlniBBt, auf die immer mehr gesteigerten An- 
sprücbe an das Nervensystem zarückf Ohren. 
Die Symptome, bo vielgestaltig aie sich anch 
bei der Betrachton^ der FftUe darbieten, sind 
BchlieBlich alle anf erliöhte Reizbarkeit nnd 
vermindert« Leislnngq^higkeit des Nerven- 
systems zarückzu führen. Die erhöhte Reiz- 
barkeit besteht nicht nitr in einem schnelleren 
und heftigeren Reagieren anf den Reiz, sondern 
auch in einer längeren Daner der Reizreaktion ; 
daraoH ergibt sich, daß, da eine Erholnngs- 
pause nicht eintritt, anch andauernd Reizzn- 
at&nde des Nervensystems bestehen müssen, 
so dafi also die Qrnndlogen der N. in 
der erhöhten und andauernden Reizbarkeit 
des Nervensystems and der schnelleren Er- 
schöpfbarkeil zn suchen sind. Wir können an- 
Qflhmen, dafi eine Reihe von Nenrasthenikem 
entweder mit der Diaposition znr Erlangang 
einer Nearostbenie geboren werden oder schon 
von frühester Kindheit an Zeichen der reizbaren 
Schwäche darbieten. Bei anderen, die weder ner- 
vöse Disposition noch nervöse Belastung dar- 
bieten, wird die Neoraatbenie dnrch einmalige 
oder dauernd einwirkende Schädigungen desNer- 
»ensystema erworben, häufiger allerdings durch 
andauernd einwirkende Schädigungen, unter 
denen körperliche und geistige Anstrengung, 
Exzesse in venere, MiGbrancli von Alkohol nnd 
Tabak, schmerzhafte I^eiden. mangelhafte Er- 
nährung und mechanische Schädlichkeiten zu 

Unter den mechanischen Schädlichkeiten sind 
es besonders die K-orperverletznngen , welche 
zn dem Bilde der Neurasthenie führen; von 
ihnen wird noch bei den traamatiscbcn Neu- 
rosen anaführlicher gesprochen werden. Neben 
den genannten Ursachen sind es ganz besonders 
die mit angstvoller Erwartung ein hergell enden 
psychischen Zustände, welche zur Neurasthenie 
führen können. Bei aypliiliti-tcher Erkrankung 
entateht Nenrasthenie nicht selten, m< ' 
Erachtens weniger auf Grund der Oiftwirkung 
als infolge der mit der Infektion verbundenen 
Oem Utserschütlerung. 

Die Einwirkung der Masturbation kann in 
zweierlei Richtung stattfinden : einmal durch 
die Schwftchnng des Körpers dnrch den fort- 
dauerden sexaellen Reiz und den Säfteverluet, 



andrerseits — und das ist gerade bei der nicht 
onmäBig aoBgeübten Masturbation ein sehr be- 
achtenswerter Gesichtspunkt — wird die Neur- 
asthenie hervorgerufen durch die psychische 
Erschütterung, durch Selbstvorwürfe, durch 
das OefOht der Willensschwäche und Wider- 
atandslosigkeit, welche mit der Hastnrhation 
einhergeht. 

Was das Alter anbetrifft, in welchem die 
Neurasthenie auftreten kann, so darf man wohl 
L, dafi kein Lebensalter bis zum frObeeten 
bemnter von der Neurasthenie vorschont bleibt. 
Zwar wird man bei Behr frühem Auftreten 
neurasthenischer Erscheinungen daran denken 
en, daß es eich nm ein angeborenen übel 
handelt, indessen sind anch FSlle bekannt, in 
welchen schon in frilhem Kindesaltcr bei bis 
dahin gesunden Kindern Nenraathenie erworben 
wurde dnrch irgend eine der oben genannten 
Schädlichkeiten. 

Wenn oben gesagt war, daB alle Störungen, 

mannigfaltig nnd wechselvoll das iSym- 

ptombild anch sein mag, anf die eine Form 

der Störung znrftckgeführt werden können, daß 

ich immer am erhöhte Reizbarkeit und 

schnelle Erschöpfbarkeit handelt, im wird 

das ganz besonden als zutreffend erkannt bei 

den Störungen im psychischen Gebiet. Es wird 

zwar nicht angehen , die psychischen nnd die 

körperlichen Erscheinnngen ganz streng zd 

trennen, weil ja auch ein Teil der körperlichen 

Störungen auf psychische Veränderungen zn- 

rbckgeftUirt werden muB; indessen lassen sich 

auch einzelne Erscheinungen abtrennen nnd 

gesondert besprechen. 

Die große Mehrzahl der Nenrastheniker klagt 
Ober eine Abnahme der Intelligenz, ttl)ereine Ab- 
nahme derFähigkeit, an&nfassen nnd Aber eine 
Schwäche des Gedächtnisses: ganz besonders 
fällt ihnen auf, daB sie Namen von Personen 
nicht behalten können. daB sie gerade, wenn 
sie irgend einen Namen oder einen Begriff am 
nötigsten brauchen, ihn niclit liervormfen 
können. Das führt zusehrpeinlichen Empfindun- 
gen und zu sehr ängstlichen hypochondriaclien 
Befürchtungen. Die Störungen des Gedächtnisses 
sind auf eine gewisse Zerstreutheit znrQckza- 
fOhren; am deutlichsten läBt sich die achein- 
bare Abnahme der Auf^sungskraft nnd die 
UnfUiigkeit, gelesene Dinge im Gedächtnis zu 
belialten, dadurch erklären. daO die Nenr- 
astheniker, andauernd mit ihrem Krankheits- 
gefühl beschäftigt, sich nicht anf das, was 
sie lesen oder anffassen wollen, konzentrieren. 
So lesen sie über ganze Sätze nnd Reihen hin, 
um am Ende nicht zu wiesen, was sie gelesen 
haben, weil sich ihnen immer die Krankheita- 
ideennndKrankheitsbefürchtungen aufdrängen. 
Ja sogar bei dem Versuch, sich zn überzeugen, 
ob sie das. was sie lesen, auch vei'stehen nnd 
behalten können, wird die Anfuierksamkeit 



109 



NEURASTHENIE, 



110 



m«hr aof deo psychischen Vorgang abgelenkt, 
auf die Selbstbeobachtung, tind gerade dadurch 
kommt es, daB sie das vorliegende Gebiet nicht 
aaffassen. Durch die leichte Erschöpfbarkeit 
bdcommt die ganze geistige Tätigkeit der Near- 
aatheniker etwas Sprunghaftes; es ist ihnen 
nicht m^licli, lange bei einem Gegenstand 
za bleiben, fortwährend wollen sie etwas Neues 
anfangen and die Neigung zu neoen, sie mehr 
intereesierenden Dingen führt dazu, daB von 
dem, was vorgenommen wird, ein großer Teil 
aniollendet liegen bleibt. Dan gibt wiederum 
den Neorasthenischen das Qeftthl, als sei es 
mit ihrer geistigen I^eietungsfilhigkeit zn Ende 
nnd begfinstigt diefinstersten hypochondrischen 
Vorstell angen von schweren Gehirn- und 
RAckenmark aleiden. Dabei ist, wenn man ge- 
nau zusieht, von einer wirklichen Intelligenz- 
abnahme niemals die Rede, Auf einer ge- 
wissen ächw&che und Erschöpfbarkeit beraht 
anch die UnlUbigkeit der meisten Neorasthe- 
nischen , sich zu einer andauernden Tätigkeit 
zn zwingen and ihre Aufmerksamkeit den 
vorliegenden Dingen zuzuwenden. Die erhöhte 
Reizbarkeit spielt hierbei auch insofern eine 
Holle, als ftuflere Reize, die sonst bei geistiger 
Arbeit in gesunden Tagen nicht störend emp- 
funden wurden, nunmelir in sehr hohem Grade 
ab l&stig empfunden werden nnd deswegen 
auch ablenkend auf den Kranken wirken. Mehr 
noch ftu&ert sich die Willensschwäche auf dem 
Gebiet des UefOhls und in der Unmöglichkeit, 
sich g^en die einwirkenden Reize rahig zu 
verbalten and die heftige Reaktion zu unter- 
drücken. Die I«nknng der inneren Aufmerksam- 
keit wird dem Nenrastheniker immer mehr und 
mehr unmöglich, so daB Kontras tvoratüUun gen in 
iwangsartiger Weise aoftreten und nicht ab- 
geacbhttelt werden können. Es sind nicht nar 
ätimmangsanomalien, die sich scheinbar ohne 
jeden Grand aufdrängen und mitten im vollsten 
Wobls^n den Neurasthenischen überfallen. 
sondern es sind anch bestimmte Ideen, die ihn 
nicht loslassen, die ihn in zwangartigec Weise 
anch zn Handlangen bewegen wollen. Man 
sieht solche Z wangs verstell angen oft mit einer 
außerordentlichen Plötzlichkeit auftreten, und 
zwar sind es nicht nur solche, andere Personen 
verletzen zn mtlssen, die sich etwa beim An- 
blick eines Messers aufdrängen, oder sich oder 
andere aus dem Fenster stürzen zn müssen, 
die sich oft mit außerordentlicher Gewalt in 
den Vorstellungsgang hineindrängen, sondern 
auch solche, die eine hemmende Wirkung ent- 
falten, indem bei jeder Verrichtung sich Fragen 
verschiedener Art aufdrängen, die bis in das 
kleinste Detail der auszuführenden Handlung 
hineingeben, oft von dieser nach und nach 
zn ganz abgelegenen Vorstellungsk reisen gehen 
nnd somit die Ausführung der geplanten Hand- 
lung verzögern. 



Hieran schlieCt sich die Besprei'hang eines 
Symptoms, das mehr auf den eigenen Körper 
gerichtet ist.; das sind die AnfjstvorstellaDgen, 
sich zu beschädigen, umzufallen. Wenn man 
diesen näher nacligeht, so können sie zurück- 
geführt werden auf hypochondrische Vorstel- 
lungen von schwerer Erkmnkang der inneren 
Organe und des Gehirns. Solche Personen 
meinen, daß sie infolge ihres Leidens jederzeit 
in Gefahr schweben, einen Hcrzs<lilag, einen 
Qehirnschhig zu erleiden oder plötzlich von 
einem Schwindel be&Uen za werden. Diese 
Befürchtungen sind es, welche hantig die 
Grundlage der als Piatzfurcht, Agoraphobie 
und als Mauerfuroht, Klaustrophobie bekann- 
ten Krankheitserscheinungen bilden. Weiterhin 
sind es die Befürchtnngen von Unglücksfällen. 
die plötzlich eintreten können — etwa, daß 
während des Aufenthaltes im Theater plötz- 
lich eine Feuersbrnnst entstellen oder daß, 
während sie vom Hause abwesend sind, irgend 
etwas zu Hanse passieren könne. Die einzelnen 
Formen der Phobit^n aafzufüliren würde viel 
zu weit fuhren. Man kennt Furcht vor Ge- 
wittern , Fnrcht vor dem Eisenbahnfähren, 
Angst aus dem Fenster zu schauen ii, dgl, m. 

Die von Neurastheni sehen meistens geklag- 
ten Uneiclierheiten beim Gehen und von 
SchwindelgefUht beruhen nicht selten auch 
auf ängstlichen und hypochondrischen Vor- 
stellungen. Diese fuhren dazu, daß solche Per- 
sonen, in der Ani:st, es könne ein Schwindel- 
anfall eintreten, sicii so auf diese Vorstellung 
konzentrieren, daß sie von lebhaften) Schwin- 
delgefUhl ergriflen werden. Uoch kommt der 
Schwindel bei Neurast I ionischen nicht ledig- 
lich als p3ychisches, subjektives Moment vor, 
sondern es sind auch richtige Schwindelan- 
l%lle mit sichtbarer Unsicherheit zur Beoliach- 
tung gelangt nnd es ließ sich in solchen FäU 
len feststellen, daß die Erkrankung eines Or- 
gans mit diesen Schwindelersdieinungen in 
Verbindung gebraclit werden konnte. Man 
kennt einen Magensch winde! und einen Ohr- 
Echwindel. tlieser letztere kann so heftig wer- 
den, dnß er vollkommen das Üild des Mk-vikk» 
schen Symptombildes darbieten kann. Die Be- 
eintrSchtigun;,' der Sicherheit des Ganges 
nimmt aber bei den Neurastheni kern niemals 
sehr hohe Grade an. 

Eine schwere und häufige Störung ist bei 
den Nen rast beni kern die BoeintrMchtifjung des 
Schlafes: sie kann darin liestelien, daß ein- 
mal eine absolute Schlaflot^igkeit vorhanden 
ist, die nur von Zeit za Zeit durch eine bes- 
sere Nacht unterbrochen wird, oder es kön- 
nen Störungen des Einschlafens bestellen , zu 
geringe Schlafdauer oder mangelhafte Sclilaf- 
tiefe; diese Störungen können sich untereinan- 
der kombinieren. Häufig läßt sich die Störung . 
des Schlafs zurückführen nnf die hypothon-)Q|^ 



111 



NEURASTHENIE. 



112 



driBche V'orstellati;^ des Nichteclilafsnkünnens, 
In dieBem Falle stellt sicli , obgleich Müdig- 
keit vorhanden iet, kein Schlaf ein; statt 
deaeen stellt sich beim AngenschloB Unr.nhe, 
erhöhte Reizbarkeit, ein nnan genehmes Gefühl 
in allen Teilen des Körpers, seltsame Gedan- 
ken, ideenfiüchtige Voretellnnsen, HitzegefUhl, 
Beklemmong und vor allem sehr häutig das 
Gefühl des Zusammen iichreckens nnd Zasam- 
menfabrens ein. Namentlich stellt sich dieses 
Gefühl verbunden mit heftigem Herzklopfen 
ein, wenn eben das EinBchlafen beginnen will. 
Dann ßihrt der Kranke meist miter der Traum- 
vorstellmig, er stUize ans der Höhe herab, 
heftig insaramen and erwacht mit dem Ge- 
fühl der Angst und des Herzklopfen^i. In vie- 
len Kellen findet sich diese Schlaflosigkeit als 
ein so hervom^endes Symptom, daä alle an- 
deren Zeichen als unneseiitlich dagegen liurUck- 

Kopfsciunerien werden von den Nenrasthe- 
nischen vielfach angegeben, geht man aber 
n&her anf diese Klagen ein, so erfährt man, 
daü es weniger Schmerzen, als irgendwelche 
abnorme Gefülile im Kopf sind, welche die 
Stönui)^ bilden. Druckgefühl, als lüge eine 
schwere Platte aof dem Scheitel , Empünd- 
lichkeit der Kopfliaut, Gefühl von Zosammen- 
preseen, wüstes Gefülil, wie wenn ein Ransch- 
xostand bestanden hlittc, uind solche Klagen, 
die man hänlig hört. Erscheinungen von 
Kriebohi, Ameise nlaufi-n auf der Kopfhaut 
\'erbindeii sich meistens mit einem an einer 
Stelle ganz nnischrieben empfundenen Kopf- 
»chnicrz, zugleich mit Druckempfindliihkeit 
dieser Stelle. Sitz von Schmerzen können al- 
lerdings auch alle anderen Partien des Kör- 
pers sein und nicht selten hört man dieae 
Schmerzen in der gleichen Weis« wie die des 
Tabikers hesiJi rieben, nur sind sie gewöhnlich 
von geringerer Heftigkeit. Rückenschmerzen 
von der l-'umi des Liuiil>ago sind hänlig bei 
Neiirastheni)i<^lien; aber auuli der knöcherne 
Teil, die Wirl>clsHuleiigege]id, ist Sitz Kchi 
liafter und unangenehmer Gefühle nnd geben 
dem Neurastheiiijclien Veranlassung zn hypo- 
fhondrischen Vorstellungen, als sei er rücken- 
marksleidend. 

Die Schmerzen der Neiinustheniker sind ein 
häutiges Symptom und fehlen kaoiDi Jeden- 
falls werden sie dem nntersuch enden Arzte 
unter alten möglichen Bezeichnungen daige- 
boten. Wenn auch über Gefühlsvertanhimg 
luid über Farftstheaien mannigfikcher Art ge- 
klagt wird , so ist eine Anästhesie oder Anal- 
gesie bei reiner N. niemals zu finden. Die 
motorische Kraft ist hSntig herabgesetzt; doch 
läßt sich zeigen , daQ es nicht die Einzel- 
leistung ist, denn diese kann sich bei gentl- 
gendeu] Zareden bis zu voller Kraft steigern, 
vielmehr ist es die wiederholte KraftJeistnng. 



die sehr schnell zu Unlust- und ErmüdangS' 
gefühl führt und bei welcher dann die Aus- 
führung immer mehr und mehr nachläBt. 
Auch beim Gehen ermüdet der Neuraeth^ 
sehe sehr leicht und mit der Ermüdung 
stellen sich scli merzhafte Empfindungen in 
den Beinen ein, zugleich Beachlennigung der 
Respiration und Beschleunigung der Herztätig- 
keit. Auf diese ungenügenden Innervationen 
ist auch das httnfig bei körperlichen Anstren- 
gungen an/tretende Zittern zurückzufahren . 
So sieht man, daB bei der Aufforderung, 
klüftig die Hand zu drücken, die ansfübiende 
Hand und der Ann des Nenrasthen lachen in 
grobes Wackeln und Zittern geftt, das 
Zunahme der Anstrengung sich noch 
r und mehr steigert. Roskkiucth beschrieb 
als Zeichen der nngentlgenden Innervation 
das Lidzitlem bei angestrengtem Augenschluä. 
Eine besondere Elmptindlicbkeit der Sinnes- 
organe macht sich dadurch bemerkbar , daß 
Neorasthenische gegen laute Geräusche, schrille 
Töne »uÜerst heftig reagieren . ja sogar mit 
Erblassen und Zittern auf dieae antworten. 
Auch Emptindlichkeit gegen grelles Licht nnd 
Auftreten von Farbenerscheinungen, bei starken 
Lichtreizen, ist ant die übermflßige Reizbarkeit 
zurückzuführen. Auch jene unangenehme Sen- 
sation, welche man als übermä&ige Ausdeh- 
nung des Gesichtsfeldes kennt, gehört in die- 
Oebiet , ebenso die Angabe vieler Neur- 
astheniker, daß beim angestrengten Anschaaen 
eines Gegenstandes die Bilder vor den Augen 
verschwimmen. Fast immer sind die Reflexe 
stark gesteigert und von Nachzucknngen be- 
gleitet. Ein FnGklonus findet sieb, unterschei- 
det sich aber von dem echten Fußklon us 
dnrch seine schnelle Erschöpfbarkeil. Erhöhte 
mechanische Erregbarkeit der Nerven and 
Muskeln ist eine häutige Erscheinung. Beim 
Beklopfen der Mnskeln stellen sich umschrie- 
bene Mnskelbiluche ein, die eine Zeitlang wei- 
ter bestehen. Manche Kranke zeigen eine große 
Empfindlichkeit gegen Temperaturen, be- 
sonders wird Hitze von ihnen unangenehm 
empfunden , sie reagieren darauf mit star- 
ker (Sesichtsrötnng und Neigung zum Herz- 
klopfen. 

Die Benrteiluiig der vasomotorischen Stö- 
rungen ist nicht immer einfach: zwar ist häu- 
fig trotz subjektiver starker Beschwerde weder 
im Herzklappenapparat , noch überhaupt in 
der Herztätigkeit irgend etwas Abnormes wahr- 
zunehmen , aber in vielen Fällen finden sich 
auch Veränderungen, bei denen die Entschei- 
dung, oh es sich um nervöse Störungen oder um 
liefer liegende, um organische Erkrankungen 
des Klappen- oder Mnskelapparates handelt, 
nicht leicht fällt. Eine Reizbarkeit und Er- 
schöpfliarkeit des Herzens zeigt sich darin, 
daß nach geringen Anstrengungen die Hers- 



113 



NEUKAHTHENIE. 



114 



iktion sehr beschleunigt nod d«r Pnb klein 
wird. Bekannt sind such die bei NearsBthe- 
nikem auftretenden AoMle von Ilerzjagen, 
die otine Draacbe scheinbitr bei vollem Wohl- 
sein aaftreten , dann aber auch an leichteste 
psychische Erregungen sicli anscIilieSen. Diese 
Änf&lle können von verschieden langer Daner 
Bein; l>ei manchen hören sie nach kurzer 
Kohelage von selbst auf, andere sind genötigt, 
mit irgend welchen Mitteln dagegen vorzu- 
gehen. Seltener bandelt es sich am Verlang- 
samnng der HerstHligkeil; dagegen kommt 
ein hSaüt:e$ Aussetzen des Pulses nicht selten 
znr Beobachtung. Es wird von den Kranken 
so empfunden , dafi nach einer lieibe von 
Bchll^en plötzlich einmal ein AuBsetzen er- 
folgt and dann mit einem kräftigen Herz- 
schlag die Herzaktion wieder weiter gellt. 
Neben dieser Form kommt aber auch eine 
wirkliche Aiiijthmie vor; die subjektiven Be- 
schwerden können oft recht quUende sein, sie 
bestellen in Angstgefühl, Gefithl, als ob dsn 
Herz aufhöre zu schlagen, Laftmangel, 
Schmerz- nnd Kallegefühl in der Herzfie^-end, 
verbunden mit absterbendem Gefühl in den 
Extremitäten, starker Neigung znm Erröten 
nnd Erblassen: namentlich Neigung znm Er- 
röten . schon bei der mit Angst verbundenen 
Vorstellung, erröten zu miissen, findet «ich 
bei JDgendlichen Neurasthenikem. Eine Br- 
höhang der vasomotorischen Erregbarkeit der 
UaatgeßlBe zeigt sich in der Neigung zu 
tjnaddelbildung mit nnd ohne Juckreiz ; andere 
Male besteht nur der Jnckreiz, nnd zwar sehr 
h&nlig anf die üenitalgegend und Analgegend 
beschränkt. 

AU nervöses Symptom kommt auch der 
Spe)ch<;lfluG bei Nenrasthenikern zur Beobach- 
tung, manchmal ist er von großer Heftigkeit, 
h&uÄg )&Bt sich nachweisen. daB er von psy- 
chischeu Zustanden abh&ngig ist, anch abnorme 
Trockenheit des Mundes kommt vor. Die 
Urinsekretion zeigt sich als ganz besonders 
von dem psychischen Zustande abiiängig; 
ebenso ist das Harnlassen hftufig gestört, ledig- 
lich auf (irnod psychischer Einwirkung. 
Furcht- und Angsterscheinungen bringen häu- 
fig das ^>yniptom des Harnstottems zu Wege, 
andere Haie kommt es zu h&ufigem l'rindrang 
mit schmerzhaften Erscheinungen in der 
Blase. 

Einer besonderen Betrachtung bedarf das 
Verbalten der sexuellen Sphftre , und zwar 
einmal , soweit es die Ausgangsstelle filr den 
Eintritt Dearasthenischer t>ymptome bietet, 
durch Exzesse auf diesem Gebiete, andrerseits, 
indem die hauptsächlichen Erac'heinungen der 
Nenraslhenie sich auf dem Gebiete des eeinellen 
Lebens abspielen, nnd zwar in einer Weise, 
die ee möglich macht, eine besondere Form 
der Neunuthenie als Nearaatbenla sexa- 



alis abzutrennen. Oben war schon anf die 
Wichtigkeit der Masturbation für die Ent- 
stehung nenrastbenischer und speziell auf die 
EJitstehong soxuell-neurastheni scher Erschei- 
nungen hingewiesen. Bei belasteten Individuen 
kann sich Neigung zur SJastnrbation scbon in 
sehr frQhem Alter entwickeln, oft schon sehr 
lange vor der Pnbertät. Wird nun durch den 
häufigen Heiz eine erhöhte Reizbarkeit des 
Sexnalorgans hervorgebracht, so pflegt diese 
durch schon ganz geringe Gelege nheitsoreache, 
häufig auch zur Nachtzeit, ohne nachweisbare 
Ursachen zu häutigen Pollutionen Aulafi in 
geben. Da diese gewöhnlich mit irritatiTen 
Erscheinungen in der Wirbelsäule einhergehen, 
so gibt das Veranlassung zu Befürchtungen, 
ea liege ein schweres Klicken marksleiden vor. 
In solchen Fällen steht dann das Sexualleben 
im Mittelpunkt der Gefahle nnd Betrachtun- 
gen , ea kommt zu Veränderungen mit Ver- 
stimmung. Zerfahrenheit, scheuem und un- 
lustigem Wesen. An die lange Zeit erhöhte 
Reizbarkeit schließt sich dann ein immerstärker 
auftretender Nachlaß der sexuellen Funktion; 
einmal kommt es za frühzeitiger Ejakulation. 
dann fehlen Erektionen vollkommen, und zwar 
gerade dann, wenn sie notwendig und erwünscht 
sind; andere Male entwickelt sich diese Un- 
ftlhigkeit lediglich durch die Furcht bezüglich 
Mangels des sexuellen Vermögens.') 

Zum Schluß muH noch auf die Störungen 
von Seite der Magens eingegangen werden; 
diese können außerordentlich Instig nnd hart- 
näckig sein. Ohne daß immer Veränderungen 
nachweisbar sind, kommt es zu Verminderung 
des Appetite, namentlich in der Weise. daS 
zwar anfangs Neigung ^nr Nahrongsauf nähme 
besteht, diese aber schon nach wenigen Bissen 
vollkommen schwindet, Gefühl von Fülle nnd 
Aufgetriebensein stellt sich bald ein. Neben 
den Störungen der Verdauung, die sich in mit 
Obstipation abwechselnden Diarrhöen zeigen 
können, bestehen anch Schmerzen vager Natur, 
krankhafte Erscheinungen in den tlnterleths- 
organen. Der allgemeine Ernährungszustand 
leidet bei der nervösen Dyspepsie sehr häufig 
durch diese, aber die N. braucht an sich 
den Ernährungszustand nicht weHcntlich zu be- 
einträchtigen. 

Von trophi sehen Störungen wären noch 

Ubermäüige SchweiSsekretlonen nnd vorzeitiges 

Ergrauen der Haare zu nennen. Man hat sich 

bemüht, verschiedene Formen der N. abzu- 

mzen , je nachdem fs mehr die zerebralen 

sr die spinalen Erscheinungen sind, welche 

den Vordergrund treten, und hat von einer 

Zerebmsthenie und Myelasthenie gesprochen. 



') Bemerkenswert ist nocli das Auftreten 
in stunden-, selbst tagelang dauerndem Prik- 
.ma. toi N. Google 



115 



NBURA.STHENIE. 



iie 



Von HydteronenrtiBtlienie spricht man . nenn 
hyateriache und nonraathenische Zeichen vor- 
handen Bind. Änch nach der Ursache hat man 
nochdietranmatiBcbeN.abgegrenzt, von welcher 
DDter dem Kapitel der traamatiachen Nea- 
rOBen die Rede sein wird. 

Diagnose. Die Diagnose wird nach den 
bisher entwickelten Symptomen meist ohne 
Schwierigkeit gestellt werden können. Von 
besonderer Wichtigkeit wird es sein, bei derDia- 
gnose N, mit Sicherheit jede andere Krankheit 
BOBiDBchiiefien, Dabei ist daran za denken, daß 
anter den Symptomen der N. sich eine ganze 
Reihe von Erkrankungen verbergen kann; man 
denke im allgemeinen dabei an die Paralyae 
and an die Tabes, doch darf man niclit außer 
acht lassen, daß aoch z. B, der Diabetes und 
bösartige Tumoren, aber aach Heraleiden und 
beginnende Phthise sich anter dem Bilde neur- 
asthenischer Symptome einleiten können. Bei 
der Diagnose können zwei Gesichtsponkte in 
Betracht kommen r einmal die Abgrenzung 
dea Leidens von anderen Erkrankungen, ferne r 
— nnd dos gilt besonders für die traumatische 
N, die FeatBtelluog, daß wirklich ein Uiden 
vorliegt. 

Was den ersteren Gesichtsiiunkt anbetrifft, 
so nmß daran gedacht werden, daS die Unter- 
scheidung von der Tabes und der Paralyse 
im Anfange von außerordentlich großer prak- 
tischer Wichtigkeit ist. Ist es bezüglich der 
Tabes mehr die Bedeutung der einzuschlagen- 
den Therapie, welche die genaue DifFerenzial- 
diagnose erfordert, so handelt es sieb in he- 
zug auf die Paralyse ganz besondera um 
praktisch wirtschaftlich wichtige Verhältnisse. 
Man wird, wenn man bei einem im allgemeinen 
gesonnen und leistungafUhigen Patienten sehr 
Hchnellea Nachlassen der geistigen Leistunga- 
fthigkeit, Gedächtnisschwache, Charakterver- 
&nderung auftreten sieht, and namentlich wenn 
die letztere sich in einer fibermftfiigen Reiz- 
barkeit und Deprevmtion fiuGert, mit gröBter 
Aufmerksamkeit nach den somatischen Früh- 
symptomen Sachen müssen. Man wird einen 
solchen Patienten alle paar Wochen wieder unter - 
suchen müssen, and findet man eine Papillen- 
differenz und Ejhöhung der KniephSnomene 
neben diesen psychischen Frühsymptomen, so 
steigert sich der Verdacht einer bealehenden 
Paralyse bis zur Sicherheit, Diese wird eine 
absolute, so wiesichdie Sprachstörung, Ungleich- 
heit der Fazialisinnervation und verdächtige An- 
tüle von Schwindel und apoplekti forme Insulte 
einstellen. Findet man Lues in der Anamnese, 
so gewinnt die Wahrscbeinlichkeit einer be- 
stehenden Paralyse noch mehr Raum, Die 
Feststellung einer beginnenden Tabes macht 
meist weniger Schwierigkeiten als die der 
Paralyse, weil man sich hier^chon auf sicherere 
Symptome stützen kann. Besonders aufmerk- 



sam machen müssen in dieser Beziehung Be- 
schwerden des Patienten über Nachlaß der 
Potenz und femer eine Erscheinung, die von 
dem Kranken zwar nicht als Beschwerde emp- 
funden wird, die wir aber als Beginn einer 
Erkrankung der Blase kennen — nämlich die 
Angabe solcher Kranken, daß sie, nach Zeichen 
von Blase nsch wache gefragt, im Gegenteil 
versichern, ihre Blase wBre besonders krftftig, 
da sie nur selten, vielleicht einmal am Tage, 
Urin zu lassen brauchen. Dem kundigen ünter- 
siicher ist dieses Zeichen als mangelnder Harn- 
drang und ernstes Zeichen einer nervö.ien Er- 
krankung wohl bekannt. Allerdings geben 
Nearastheniker manchmal eine Anamnese, nach 
derman Tabes sicher annehmen möchte, wahrend 
der objektive Befund gar nichts ergibt ; es er- 
klärt sich da.'i durch die hypochondrische Aus- 
deutang aller Beschwerden durch den Kranken, 
da werden rhe am atische Beschwerden wie lanzi- 
nierende geschildert, eine ncurasthenische 
Form der Urinstottems wird zum erschwerten 
Harnlassen usw. 

Niclit geringe Schwierigkeiten macht die 
Abgrenzung der funktionellen neurasthenischen 
Herzbeschwerden von solchen, die auf mns- 
kulllre Erkrankung des Herzens oder auf 
Arteriosklerose zurückzuführen sind. Nicht 
immer braucht, wenn die fühlbare Schlagader 
sich hart anfühlt, auch eine Sklerose der Hera- 
arterien zu bestehen, sondern es können 
trotz dieser äußeren Zeichen der Arten (»aklerose 
die inneren Organe vollkommen frei sein; aber 
auch umgekehrt können die peripheren Arterien 
sich nicht als wesentlich erkrankt erweisen 
und doch Erkrankung der Herzarterien und 
natürlich anch eine solche der Oehimarterien 
vorliegen. Im allgemeinen wird man von einer 
funktionellen Prüfung der Herztätigkeit ein aus- 
reichendes Resultat erhalten können. Aischarak- 
teristisch für die rein neuraatlieniachen Be- 
schwerden möchte ich es ansehen, daß über sehr 
lebhafte Schmerzen, Neigung zu Herzklopfen, 
Beängstigung während des rnhigen I>iegens und 
Sitzeiis geklagt wird , diese Beschwerden da- 
gegen gerade bei körperlichen Anstrengungen 
bei demselben Individuum ganz luid gar fehlen 
können. Allerdings ündet man — und nament- 
lich gilt das für die traamatischen Neurosen — , 
daß es auch bei geringer körperlicher An- 
strengnng za Vermehrung der Herzt&tigkeit 
kommt, aber läßt man die körperliche Bewe- 
gung weiter fortsetzen , so kehrt trotz der 
weiteren Anstrengung doch die Herztätigkeit 
zu einer nahezu normalen zurück. 

Sehr wesentlich, wenigstens für nearasthe- 
nische Beschwerden, ist auch die Abhängigkeit 
der Herabescb werden vom psychischen Zustände. 
Schließlich gibt die genaue pliysi kaiische Untere 
sncbung. auch mit Zuhilfenahme der Köntgen- 
strahlen , genügenden Aufschluß, ob es Eich 



117 



NEURASTHENIE. 



IIK 



nm nerröse Beschwerden handelt oder um 
solche aaf Grnnd organischer Erkrankang 
des Herzens nnd der Qefäfie. 

Bei Nenrastbenikem mit Neigung za kb- 
nutgerong und n&chtlichem Schweiß aoll man 
nicht vergessen, dem Zustande der Langen 
grüSte Aofmerksamkelt zn schenken, und man 
wild dies am so mehr tnn, wenn aach der 
Habitus den Verdacht einer Phthisis rege macht. 

Nenrastheniker, die viel über Jackreiz kla- 
gen, wird man nicht vergessen, auf Zucker- 
EHiaBcheidang za antersuchen , and man wird 
dabei anch dem Umstände Beachtong schenken, 
dafi aach eine alimentäre Gykosarie vorkommt. 

Wfthrend nun die oben aufgezahlte n Be- 
schwerden der Nenrasthenischen , wie Kopf- 
schmerz, Kopfdrack. Schwindel, Verftnderang 
der Qemfitsstimmong, SchwtchezDstllnde , in 
dieser Kombination die gewöhnlichsten Erachei- 
nnngsformen der N. bilden, gibt es aach ditfase 
Vertnderang der Oehimsabstaaz. welche in 
Reicher Weise Erscheinangen macht. Dahin 
gehört die auf Bleivergiftung zurilckzuftthrende 
Enzephalopathia satnrnina, die Arteriosklerose 
und die diffusen syphilitischen Oefäßerkran- 
knngen des GehirnB, 

Bei der erstgenannten dieser drei Erkran- 
kungen läQt sich im allgemeinen die Ursache, 
n&mlich die Bleiintuxitation, feststellen: nicht 
selten sind Verdaaungsstürnngen auf gleicher 
Grundlage vorhergegangen. Meistens sind auch 
die Erseheinnn^en von seilen des Gehirns 
wesentlich heftiger als bei der N.. namentlich 
deutlich treten die Schwindelerscheinungen 
in den Vordergrand und die Schv^ciie der 
Eitremit&ten nimmt einen mehr l&hmungs- 
artigen Charakter an. 

Gleiches gilt för die chronische Alkoholver- 
giftung und die Nikotinvergiftung. Für Alkohol- 
neurasthenie spricht das Auftreten von mor- 
gendlichem Schleimwtti^n, von Wadenkrämp- 
fen, Empfind! iclikeit der FuQsohle and Druck- 
empfindlich keit der Wadenmnskulatur. Bei 
TabakmiS brauch treten namentlich die Emchei- 
nungen von Seiten des Heriens und Verdau- 
nngsstörungen in den Vordei^rund; etwaige 
Sehetönmgen, namentliith Skotome für Farben, 
machen die toxische Grandlage sicher. 

Wahrend es fär die Therapie von groBer 
Wichtigkeit ist, zu wissen, ob die genannten 
Beschwerden der N. nar dieser zugehören oder 
als syphilitische Symptome zu deuten sind, 
ist es nicht immer möglich, die Entsclieidang 
sicher zu Rllen. Finden sich bei einem 
Kopfschmerz, Schwindel. Vei^Qlichkeit 
anderweitigen Symptomen der N leidenden 
hidividnom, das Lues gehabt hat , noch etwa 
eine Entrundung der Pupillen, Schwellang der 
Halsnackendrhae, ranschartige Zust&nde, V) 
mebrang der Kopfschmerzen des Nachts, so 
spricht mehr Wahrscheinlichkeit dafür, daC 



auch die anderen Himsymptome der Lues ihr 
Dasein verdanken. Indessen ist in der Mehrzahl 
der Fälle mit der Aufregan« und Angst, die 
eine überstandene Lues mit sich bringt, mit 
den nerv^ machenden Befttrclitangen fUr die 
Zukunft, den angreifenden Knren zu rechnen, 
und man kann wolil sagen , daB die weitaus 
gröfite Mehrzahl der Nenrastheniker . welche 
Lues überstanden haben, eben nur die zere- 
bralen Symptome der N. darbietet. Eine Ah- 
grenznng gegen die anderen Nenromn, die 
Hysterie und Hypochondrie, ist nicht immer 
möglich, einmal, weil mehrere dieser Neurosen 
zusammentreten können, nnd femer, weil anch 
sogenannte reine Fälle etwa von Hysterie doch 
das eins oder andere Symptom einer anderen 
Neurose darhieten können. So kann man aus- 
gesprochene Nenrastheniker linden, die Globus 
zeigen, wieder andere Nenrastheniker zeigen 
vorwiegend hypochondrische Symptome. Das 
eine scheint beachtenswert zu sein, daß die 
Symptome der N. meistens eine langsame 
Entstehung und ein langsames V^erschwinden 
zeigen, daß die N. im ganzen wenig Ahweclw- 
Inng in den Symptomen darbietet; allerdings 
sind diese Unterschiede durchaus keine sicheren 
und grundlegenden. Bei neurastheniechem Sym- 
ptomen komplex, der sich nach schwächenden 
Krankheiten ausbildet, wird man nicht immer 
sagen können, ob nicht etwa die verminderte 
Blutfhlle oder die man>;elhafte Ernährung der 
Gehimsubstanz anzuschuldigen ist. Nament- 
lich wird man daran denken müssen, daß die 
neurastheni sehen Symptome auf ungenügende 
Ernährung oder aach auf Antointoxikation 
zurhckgefahrtwerdenkönnen, wenn langwierige 
Magendarmkrankheiten vorgelegen habe n. Über 
die Erscheinungen der nervösen Dyspepsie nnd 
deren Abgrenzung von den eigentlichen orga- 
nischen Magenkrankheiten soll hier nur das 
Notwendigste gesagt werden. Einmal spricht 
dabei mit die Abhängigkeit der Magen bp- 
scbwerden von psychischen Znstttnden , das 
Gefühl vonAppetitlosigkeit, Fülle Aufgetrieben- 
sein bei allgemeiner psychischer Depression 
ist ein Zeichen der nenrasthenischen Hagen- 
beschwerden. Die genaue Untersuchung event 
mit Anshebernng des Mageninhaltes wird 
aocli hier die Entscheidong treffen lassen Der 
zweite Teil der Differentialdiagnose betrifft die 
Feststellung, daB wirklich eine ner\ose Erkran- 
kung vorliegt, Dieser wird bei den trauniatinclien 
Neurosen seine Erledigung finden 

Therapie. Die Behandlung der N erfordert 
viel Überlegung, Geduld und eine Belierrschnng 
des gesamten therapeutischen Rüstzeuges; man 
darf nicht meinen, daß man der N. mit Uezept- 
vorschriften und hier nnd da einer Di)lt oder 
hydrotlietapeutischen Vorschriften Herr wird. 
Bezüglich der Verhütung des Leidens kann 
zum großen Teil auf das bei der Hy8t«Tifo|^ 



NEURASTHENIE. 



OeBagte verwiesen werden, und zwar wird auch 
hier betont , daß die Verhinderong der Ehe 
DeamstheniBdier Personen praktisch fast nie 
darrJ] führbar ist and dalier die VerhQtanga- 
vorschriften dem ivachaenden und werdenden 
Individnnm zugate kommen werden. Dahin 
gehört schon ein verstÄndigea Verlialten der 
Mutter wiLhrend der x&nzen Dauer der Gravidität 
— ein rahigea Verhalten, Meidong von Allcohol 
sollten als selhEtveratändliche Vorschrift gelten. 
Dem Kinde in den ersten Lebenstagen, Wochen 
und Mi>nat«n ist vor allen Dingen Rnhe zu 
gönnen . lärmende und aufregende Umgebung 
halte man ihm fern, namentlich wenn schon 
eine erbliche Belastong vorliegt oder wenn 
sicli schon Zeichen einer überm&fiigen Erreg- 
barkeit darbieten, d.h. wenn Kinder schon 
im alle rfrO besten Alter sich als iinmhig, 
ecli reckhaft erweisen und nicht genügend 
schlafen. Bei solchen Kindern, die entweder 
schon Zeichen von N. darbieten oder die infolge 
ihrer erblichen Belastnnghinreichend verdächtig 
sind, spHtei an N. zu erkranken, miiQ die 
körperliche und geistige Erziehung alles fem 
halten , was die Entstehung des Leidens oder 
Anabildang de-'selben begilnetigen könnte. Ein 
sehr fuliierhaftes Verhalten ist es, wenn mäSig 
loegabten Kindern das Ergreifen eines Berufes 
zngeniatet wird, bei dem sie nur mit Aufbie- 
tung aller Kräfte scliließlich zum Ziel gelangen 
and znr Erhaltung der erreichten Stellung 
übermäßige Anstrengung machen müssen; 
namentlich Berufe, die häufige Prüfungen, 
Eitamina verlangen, sind fttr solche Personen 
durch ans angeeignet. 

Ein sehr wesentlichen Moment ist die Be- 
wachnng oder ('berw ach ungderersten Regungen 
des Sexualtriebes. Sowie sich dieser übcnntlBig 
zn regen beginnt und zu übermüQiger Betäti- 
gung, namentlich zu Masturbation, neigt, ist 
die Elinwirkung des Arztes und Eniehera ge- 
boten. Bei der Behandlang kommt mehr die 
allgemeine Beeinflussung des Leidens in Be- 
tracht als die Behandlung der Einzelsjmptome. 
Sehr hänfig genügt eine allgemeine Behandlung, 
um auch hervorstehende Einzelnsymptome, wie 
etwa Schlaflosigkeit a. dgl. zum Verschwinden 
zu bringen. Vielfach laßt sich die geforderte 
Allgemeinhehandlung im Hanse nicht durch- 
fahren und es bedarf dazu der Verpflanzung 
in ländliche Umgebung oder Versetzung in 
passende Sanatorien. Wo es sich am die Folgen 
schwächender Erkrankung, Abmagerung, Anft- 
mie handelt, kommt eine krtlftigende Diät, 
eventuell unter Zuhiifcnahnie einer Mastkur, in 
Betracht. Das Nötige über die Anaführung von 
Masikureii ist schon bei der Hysterie gesagt 
worden. 

Wenn auch in schweren Fällen von N. 
ein Heransfiihren aus dem Berufe und Befrei- 
ung von jeder BerufatStigkeit erfolgen muß, 



so darf es doch nicht im allgemeinen heißen, 
daß man einen NenraBtheniker nur behandeln 
könne, wenn er auf Tätigkeit im Beruf veraichtat, 
ja sogar möchte ich für die hypochondrische 
Form der N. das Gegenteil für richtiger halten : 
man soll solche Personen im B«rafe lassen und 
nur dafür sorgen, daß die stärksten Aufre- 
gungen und ttbermttßige Anstrengungen ver- 
mieden werden, namentlich daß ihnen wahrend 
der Ausübung des Berufes genügend Zeit zur 
N all rangsanf nähme und zum Schlafen gelassen 

Die Diät der Ncnrasthenischen wird im all- 
gemeinen, auch wenn keine besondere körperliche 
Scliwächung vorliegt, so einzurichten sein, daB 
eine reichliche Aufnahme leiclit verdaulicher 
Nahrung erfolgt, daß diese aber möglichst in 
Rahe genossen wird. Jedes hastige SchlingeD 
ohne genügendes Kauen ist von t.^bel. Zu beiße 
Speisen und Geti%nke sind ebenso zu vermeiden 
wie bliermltSig kalte. Kaffee, Tee, Alkohol, Tabak 
sind bei jugendlichen Neurasthenikem vollstän- 
dig auszuschalten, ebenso sind sie bei Meur- 
astlienikern mit vorwiegenden Herzbeschwerden 
za meiden, während man ihren mäßigen Ge- 
brauch bei Erwachsenen, die keine besonderen 
Störungen von selten' des Herzcnt* und des 
Magens zeigen, gestatten darf SelbstverstSnd- 
licli muß man seinen Patienten genau kennen, 
muG wissen, daß er das gestattete Maß nicht 
überschreitet; hat man diese Sicherheit nicht, 
so verbiete man auch diesem die genannten 
Dinge vollständig. Im übrigen wird die Diät 
Veränderungen erfahren müssen, je nachdem 
das eine oder andere Symptom in den Vorder- 
grund tritt; beispielsweise muß man hier und 
da bei Neigung zur Fülle, zum Aufstoßen von 
der Darreichung gewisser Speisen absehen. 

Eine sehr wesentliche Rolle in der Allgemein- 
behandlnng spielt die Anwendung des Wassers. 
Sehr häufig sind laue Halbbäder von Nutzen; 
von sehr kalten Wasserprozedaren ist meistens 
abzusehen. Bei körperlich kräftigen Neurasthe- 
nikem, die eine gewisse Willensschwäche zeigen, 
sind kalte Anwendungen von Wasser nützlicher. 
Bei weniger rüstigen Neurasthenikem fange 
man die Wasseran Wendungen lieher mit etwas 
höheren Temperataren an und gehe erst nach 
lind nach zu niedrigen Temperataren über. 
Viel Gutes sieht man bei Anwendung tempe- 
rierter Duschen, die man auf die wärmestan- 
cnden Anwendungen folgen läßt, etwa nach 
u heißen Wasser- oder Luftbade. Eine 
temperierte Regend OEche oder ein kühleres 
Halbbad mit riieqcießnng, Packimgen können 
in verschiedenster Art angewendet werden — 
wir werden ihrer noch bei den Behandlungen 
einzelner Symptome KU gedenken haben. 

Als allgemein kräftigendes Agens gilt mit Recht 
die Anwendung spirituöser Lösungen, und zwar 
Menth ülspiritas oder Kombinationen von Men- 



121 



NEUKASTHENIE. 



läS 



thol mit Spiritas meliBUW; auch B&der mit 
ZnsitBen von Fichtnadelneitiukt . äolb&der, 
IfenthollAder sind nla tonische Mittel wohl 
IQ verwenden. Die Anwendung kÜmatiecher 
Knren ist nicbt immer einfach. Kann man 
mit den klimatischeD Kuren zugleich die An- 
wendung TOn B&dern verbinden, so wird man 
neben allgemeinen Wirkungen anch noch solche 
für bestimmte lokale Beschwerden erreichen 
können. Bei hypochondriachen Nearastlienikern 
ist ee von besonderer Wichtigkeit, sie nicht 
in Badeorte zn schicken, wo sie viel mit 
Schwerkranken znsam meDkommen ; bo ist 
Naobeim, Oeynhausen, Karlsbad fUr hypochon- 
drische Neorastheniker zn meiden. Ob See- oder 
OebirgsklimaTon diesen besaervertragen wird, ist 
oft nicht ohne weiteres bh sagen. Aach krfiftige 
Neonatheniker ftkblen sich oft an derSeeküate 
nicht ^t, sie leiden an Kopfdmck, B<^alen 
schlecht ond sind besonders bei starmischem und 
andauernd windigem Wetter in schlechter Ver- 
fiuanng; manchmal allerdings Aberwinden sie 
diese Bchlecbten Zeiten nnd, irthrend aie sieb 
vielleicht in den ersten Wochen des Aufentlialts 
nicht gut befunden haben, geht es ihnen all- 
mkhlich besser und sie haben noch einen gnten 
Erfolg EU verzeichnen. Sehr hoch gelegene 
Orte sind im allgemeinen für Nenrastheniker 
nicht geeignet; das gilt namentlich fhr erregte, 
an Blutandrang leidende Patienten , diese 
fBhlen eii^ in mittlerer Höhe ohne starke 
Windbewegang in guter Luft mit reicher wal- 
diger Umgebung am beeten. 

Die Elektrotherapie tmd die Massage, femer 
die Apparatbehandlung haben neben ihrer 
Allgemeinwirkung auch eine solche anf einzelne 
Beschwerden. Am wenigsten ist im allgemeinen 
von der medikamentösen Behandlung zu er- 
warten, jedoch kommt man, namentlich wenn 
et nicht gelingt, den Patienten zu einer Allge- 
meinkur zu bringen, ohne Anwendung von 
Brom häufig nicht aas. Das Brom wirkt 
■ehlieSlich die Erregbarkeit herabsetzend nnd 
nihrt auch h&nfig den gestArten Schlaf herbei ; 
Mlbst bei längerer Anwendung ist f&r gewöbn- 
hch kein Schaden zn erwarten. Die Behandlung 
der Schlaflosigkeit als eines der hervorstehend- 
rien Symptome kann im Vordergründe der 
ganzen Neurostheniebehandltmg stehen. Sie 
erfordert vor allen Dingen die Überwachnng 
das ganzen psychischen Verhaltens; es ist fest- 
zDstellen. ana welchem Grunde der Schlaf fehlt, 
ob der Schlaf zu wenig tief oder ob Angst- 
tnstSnde, Magenbeschwerden, Herzbeschwerden 
das Eintreten des Schlafes verhindern. Handelt 
es sich lediglich am allgemeine Unruhe, so 
kommt man durch Bromgaben, durch Ordnung 
der Di&t, Anwendung von Wasaerprozednren 
von beruhigendem Charakter bald zum Ziel. 
Ueistens nötzt es nichts, eine forcierte Ermh- 
dnng herbeizuführen; nnr bei solchen lienten, 



die eine sitzende l.ebensweise haben nnd viel 
geistig arbeiten, empfiehlt es sich, eine Stunde 
vor dem Schlafengehen alle geistige Arbeit zn 
vermeiden tmd dafür eine nicht anstrengende 
Gymnastik mit Freiübungen oder Widerstands- 
bewegungen ausfuhren zn lassen. Manchmal 
nOtzt Massage, Vibrationsmasaage des Kopfes, 
Galvanisation, nm den Schlaf herbeiznfiUiren; 
leichte Einpackungen, namentlich Wadenpak- 
knngen sind von gutem Erfolg. 

Die psychische Beeinflussung leistet bei der 
Behandlung der Schlaflosigkeit recht viel, nenn 
sie sich gegen die Angstzastftnde, gegen ver- 
meintliche Herzbeschwerden nnd die infolge 
der Angstzust&nde eintretende Störung der 
Atmnng wendet; in hartnäckigen Fällen wird 
man mit einer am Tage oder abends im Bett 
anszn fahrenden Hypnose noch viel erreichen 
kOnnen. 

Von Medikamenten, die man bei der Behand- 
lung hartnackiger Formen der Schlaflosigkeit 
nicht immer entbehren kann, sind zn nennen 
anBer Brom in bekannten Dosen noch: 

Trionat, schlaf machende Dosis i'2g: Verona!, 
schlaf mach ende Dosis Uö — lyibg; Dormiol, 
schlafmachende Dosis (Vö — 1*0^. Neuerdings 
haben auch Proponal, schlafmachende Dosis 
03— O'ö^, und Isopral, Kchlafm ach ende Dosis 
0^^6g, sich als wirksam erwiesen. Der Gehranch 
des Morphiums ist zn widerraten, anch im all- 
gemeinen das chemische Schlafmittel nur als 
ein vorilbergehender Notbehelf anzusehen. 

Die Behandlung der sexuellen N. hat 
einmal die QbermäQige Reizbarkeit zu be- 
kämpfen; das kann durch die allgemeinen 
Knren geschehen, die schon beschrieben sind, 
dann aber ist das meiste durch psychische 
Behandlung zu erwarten; vor allen Dingen muB 
dem Patienten klar gemacht werden, dafi Elnt- 
haltsamkeit in sexueller Beziehung nicht eine 
Gefahr bildet, wie man häufig von Laien aus- 
sprechen hört, sondern daß sie znr Wiederge- 
sundung geradezu eine Bedingung ist, und 
zwar moB jede Gedanken beschäftignng mit 
sexuellen Dingen vermieden werden. Den sich 
anfdrängenden sexuellen Gedanken entgeht der 
Patient am besten durch hartes Arbeiten, Ver- 
meidung von Ueizmitteln, eventuell durch Ant- 
nahme irgend eines körperlich ihn in Anspruch 
nehmenden Sports. Die Reizbarkeit wird auch 
durch Medikamente gut beeinflnBt. nnter denen 
Brom tmd Kamphora monobromata(0'2pro doai) 
zu nennen sind. Namentlich sollen Personen 
mit Neigung zu Pollutionen zu schwere Be- 
deckung nnd zu warme Schlafzimmer meiden. 
Jede örtliche Behandlung ist bei diesen Keiz- 
znstanden zu vermeiden. 

Die Behandlung der neurasthenischen Im- 

tcnz wird im wesentlichen eine psychische 

in, daneben wirkt Faradisierung der Ober- 
schenkel, der Leistengegend, der Samenstrangs- 



gle 



123 



NEURASTHENIE. — NEUREKTOUIE. 



gebend aach sehr ntttzlich. Von Hedikament«!) 
werden nenerdings Yohimhin und Hairazitin 
empfohlen; von einem sicheren Nntzen dieser 
Medikamente kann man kaom sprecheD. Hat 
sich die Impotenz bei Verheirateten entwickelt, 
no ixt anch diesen zanäcbet Enthaltsamkeit ao' 
zuraten, bis ein Erfolg der Behandlung ange- 
nommen werden kann. Ich selbst sah am meisten 
Nutzen von einer Kombination der psycbiscb- 
hypnot lachen Bebandinng mit elektrischen An- 
nen dangen. 

Günstig za beeintlnssen sind die nervösen 
Herzerscheinangen, einmal durchdie besproche- 
nen All gerne in knren, dann — und das ist die 
Hauptsache — durch Bernhigung des Patienten 
üljer den llerzznstand. Ich empfehle liesondena 
bei Anf&llen von Herzjagen und »on üerz- 
arhytbmie mit dyspnoiHclien Znat&nden leichte 
Vibration des Herzens vom Rücken her nnter 
Anwendung von tiefer Atmung. SolchePatienten, 
die unterwegs, besonders infolge ihrer Angst 
vor Eintreten von Herzbeschwerden, ihr Herz- 
klopfen bekommen, tun gnt, Medikamente bei 
sich zu führen, nnd zwar wirkt sehr gut in 
solchen Fällen eine Kombination von Brom 
und Strophanlus oder Baldriantinktur, oder 
nach UoBUMjAi-Ei Chloralhydrat; auch das Tragen 
einer Herzflasche ist in solchen FlLllen zd 
empfehlen. Ebenso wie Herzbeschwerden durch 
die genannten Atemübungen gut heeinfluBt 
werden, werden es auch die asthmatischen An- 
(ttllei auch diese gehen gewöhnlich mit Angat- 
empfindangen einher. Man tut got, in diesen 
Fiillen hypnotische oder psychische Behand- 
lungen im Wachzustände anszu führen. In 
manchen Füllen »ird das Asthma 



gntbeeinflnSt dnrch Anwendung der faradi sehen 
BUrste in der Nackengegend. 

Die Behandlung der nervösen Dyspepsie kann 
sehr gnt geschehen dnrch Galvanisation der 
Bauchorgane mit breiten Plattenelektroden. In 
manchen Fällen, namentlich in solchen, die 
mit Obstipation einhergehen, wirkt auch die 
Faradisation sehr gnt. t'brigens gibt es anch 
genügend Falte, die dnrch psychische Behandlung 
oder dnrch hypnotische Beeinflussnng voll- 
kommen auahei len. Bei hartnäck iger Ve rstopfung 
leistet die Massage anUerordentUches, und zw 
ist auch hier die Vibration von gntem I 
folg. Sehr viel nützt auch bei der Obstipati 
eine passend vorgeschriebene Gymnastik der 
ünterleibsorgane, namentlich Gewöhnung, den 
Darm zu bestimmten Z«iton za entleeren. Jeden- 
falls muG in Fallen von chronischer Obstipation 
dafür gesorgt werden, daß der Patient sich so- 
bald wie mögiich der medikamentösen Ab- 
führmittel entwöhnt, und man wird durch ge- 
eignete DiBt (COHNSTAHH schlugt eine absolut 
fleischfreie Dillt vor), Massage, Elektrizität 
und ('bnngen stets einen Erfolg erzielen können, 
FuLiAiv 



NenrektOmi«. (Nervmrtfidaion.J Die 
Resektion eines Stückes aus der Kontinoit&t 
des Nerven hat die bloGe Durcbschneidnng 

desselben (Nenrotomie) verdrftngt, dadiessm 
Eingriffe die Regeneration des Nerven aua- 
ihmslos und in kurzer Zeit folgt. Doch aoeh 
bei Altsschneidung eines Nervenstückes kann 
dann mit einiger Walirscheinlichkeit auf 
längeren Erfolg gerechnet werden, wenn die 
Ansdelinung des resezierten Stückes einige 
Zentimeter betragt. — Die Wirkung der N. 
ist vornehmlich eine mechanische, indem der 
Eingriff die Nervenleitnng sowohl in zentri- 
petaler aU auch in zentrifugaler Richttuig 
unterbricht. Die von Bkll hervorgehobene 
dynamische Wirkung der Nerven trennnng anf 
Nervenzentren ist unberechenbar nnd 
unsicher. — Die Indüailiim zur N. ist dort 
;eben, no eine länger oder kürzer ^Jirende 
Unterbrechung der Leitung in einer operativ 
zugänglichen Nervenbahn erforderlich ist, an 
in Nerven hei Neuralgien, und zwar 
bei solchen peripheren Ursprungs und ge- 
Formen von Reflex neuiulgien, ziunal 
kleinerer Nervenstämme und Verzweigungen, 
femer hei dnrch Traumen , Fremdkörper, 
Narben etz. bedingten ReizzustSnden, Nenri- 
tiden, an motorischenNerven bei auf mn- 
scliriebene Innervationsgebiete beschränkten, 
klonischen und tonischen Muskelkrftmpfen 
(SoNNKNBuso). Gegebenen falls kann die N. mit 
der Nervendehnnog kombiniert werden. Prak- 
tisch kommt fast nur die TrigeminusneDralgie 
für die N. in Betracht. — Die Technik der 
N. besteht in BloBlegnng der Nerven in ge- 
nügender Ausdehnung, Isolierung des Stammes 
(eventuell Dehnung in zentraler nnd peripherer 
Richtung), Dnrchtrennung des Nervens in bei- 
den Richtungen, Entfemang des resezierten 
Stückes und antiseptischer Versorgung dar 
Wunde, Nach Thtkescr soll man den peri- 
pheren Teil des Nerven mit gnt fassenden 
Zangen herausdrehen, wobei die feinen Ver- 
zweigungen entfernt werden (Neurexairese). 
Von den einzelnen Nerven sind es znmal die 
Aste des TrigeminuE, welche, besonders an 
jenen Stellen, wo dieselben Knochenk&nBla 
passieren oder über Knochenkanten hinweg- 
setzen, zu Neuralgien und somit zur N. Ver- 
anlassung geben. Der Chimrg ist daher be- 
strebt, mit der Resektion des Nerven die Be- 
seitigung der nur zu oft die Neuralgie ver- 
anlassenden Verengerung des Kanallumens m 
verbinden. — Von den verechiedeneB MeAodtn 
der N. ist stets diejenige zu bevorzngen, 
welche den betroffenen Nerv möglichst zen- 
tral (seinem Ursprünge am nächsten) durch- 
trenn L — Von den Zweigen des ersten 
Quintusaates kommt praktisch nur der N. 
snpraorbitalis in Betracht. Der Schnitt 
verläuft dicht neben der Inzisura supraorbitali* 



lä5 



KEUREKTOMIE. 



1E6 



vom Ansätze des Angenlides durch Haut and 
M. orbiknlariH palpebraroin einige Zentimeter 
weit eenkrecht nach aufwärts, worauf die 
Schnittwunde auf die Iniisur selbst ver- 
Behoben wird (b'ig. 13), Naclidem man die 
Insertion der MembmnB tarsea aup. vom Margo 
BapiBorbitalis in der Wunde quer abgelöst 
hat, wird das fettreiche Bindegewebe vom 
Augenhöhlen dache nach unten gedrängt, der 
Nerv bis zum Orbitalgrande verfolgt, daselbst 
möglichst weit rückwärts dorclischnitten, vor- 
gezogen und aus dem Verb reitungs bezirke d«r 
Stimgegend eizidiert (Löhkek). — Der N. 
infraorbital ia des zweiten Qnintnaastea 
irird (nach Waukeb) nach Frei leg img des 
anteren Orhitalrandes dnrcli einen unterhalb 



ood hebt ihn ans dem Kanal hervor. Ist der 
Nerv mittelst des Häkchens nach hinten his 
znr Fltkgelgaumengrappe isoliert, so wird er 
vor seinem Eintritte in die Fissura orbitalis 
inf, mit der Cooi'EKBphen Schere durchtrennt, 
aus dem Foramen infraorbitale vorgezogen 
und eiatirpiert. — Von den Zweigen des 
3. TrigeminnsasteB kommen hier zumal die 
Nu. mandibularis und llnguaiia in Frage. Der 
N. mandibularis wird (nach S^^^^BIlBUKoJ 
bei herabhängendem Kopfe durch einen 3 bis 
4 cm langen Schnitt aufgesucht, welcher 
1'/, cn oberhalb des Kieferwinkela am anf- 
steigenden Kieferaato beginnt nnd, bis ao den 
Knochen rand eindringend, aber den Kiefer- 
rand bis znr A. maxillaris ext, an 



Flg. 1. 



dee Usrgo infraorbitalis und parallel mit 
dieaem verUnfendeo Bogenschnitt (Fig. ]3an) 
and Znittckschiebtuig der Weicbteile im oberen 
Atwehnitte der Fossa kanina mittelst des Ele- 
'■toriams bloBgelegt und mit Hilfe eines feinen 
(iervenbäkcbens (Fig. 14) nach allen Seiten 
hin isoliert. Sodann löst man die Insertion 
der Membrana tarsea inf. dicht vom unteren 
Orbitalrande, hierauf den ganzen Inhalt der 
Orbit» vom Boden derselben bis znr Fissura 
orbitalis inf. stumpf ab, hebelt den Orbita- 
inhalt mit dem Elevatorium nadi, trügt die 
obere Waod des Kanalis infraorbitalis in ihrem 
hinteren Abschnitte mit einem feinen MeiBet 
ab, entfernt die Enocbenplättclien mit der 
Pinzette, umgeht den Nerven mit dem Häk- 
riten (zum Schntze der Arterie von dieser her) 



reicht. Nachdem die Innenseite des Kiefer- 
knochens im Bereiche dieses Sclinittes in der 
Richtung nach oben bis zur Lingula stumpf 
freigelegt worden, wobei der Ansatz des M. 
pterygoideus int. eventuell mit dem Knopf- 
messer abgelöst wurde, führt man einen staxk 
gekrümmten und geknöptten Haken unter 
Leitung des Fingers znr Lingula, sodann 
nach oben und innen entlang dem aufsteigen- 
den Kieferaste nnd zieht nnter Kontrolle des 
in die Mnndhöhle eingeführten Fingers den 
angehakten Nen'en bis zum ünterkieferwinkel 
vor, tisiert ihn mittelst einer Sperrpinzett« 
nnd durcbtrennt ihn znnächst peripher, so- 
dann zentral, — N. lingnalis. Die Znnge 
wird mittelst einer Zange oder einer durch- . 
gezogenen Fadenechlinge kräftig nach der )Q |^ 



127 



NEUEEKTOMIE, - NEURITIS. 



128 



eatgegoDgesetzten Seit« und nach 
zogen , der Mundwinkel mit einem Haken 
nach aiiBen gedrängt, an der BaBJB der Zongi 
ein dem Seitenrande derselben parallel ver- 
laufender Schnitt darch die Sc hleimbant dicht 
nnterhalb ihrer Vbergangaetelle von der Zange 
zDm Boden der Mundhöhle geftthrt and der 
Nerv freigelegt. Derselbe wi " 
Hftkchen vorgezogen and reseziert. Die Be- 
Sektionen am Foramen rotundnm resp. ovali 
sowie die Esstirpation des Ganglion Oassei 
sind in den chirnrgischen Handbftchem eir 
ansehen. 



Nsnritis. Zar N. rechnet man gewöhn- 
lich alle Erkrankongen der Nerven , mögen 
entzftndliche VerflndemDgen da sein oder nicht. 
Dies ist insofeme berechtigt, als sich eine 
strenge Trennung zwischen Entzündung tmd 
einfacher Entartung nicht darchfhhren l&Bt 
Je nach der Art nnd der Menge des Giftes 
tStet es die Nervenfasern bald raech, so daS 
die Menge der Zerfallsprodukte Entztlndnag 
hervorruft, bald langsam, so daß die Zerfalls- 
produkte binweggeföhrt werden können, ohne 
einen wahrnehmbaren Heiz auszuQben. Bald 
wirkt das Qift nof anf die NerTenfaeem seihst 
zerstörend, bald schädigt es auch oder vor- 
wi^end das Zwi seh enge webe. Man kann ancb 
die Perineuritis nicht von der N, scheiden, 
ebensowenig wie die Nervenentzfindnng von 
der Nervenentartnng. Nur die sekund&re De- 
generation rechnet man nicht zur N. 

Da die Natnr nicht nach nnaeren I^ehr- 
bQchem arbeitet, scheidet sie aach nicht streng 
die Erkrankung des Gehirnes, des RUcken- 
markes von der der peripherischen oder AnBen- 
nerven. Nicht selten, wahrscheinlich noch 
htafiger, als man es jetzt weiB, erkranken bei 
derselben Krankheit zentrale nnd peripheri' 
sehe Fasern priuiär. A priori tit denominatio. 
Man rechnet die Tabes nicht znr N. , weil 
diese bei ihr nicht die Hauptsache ist, und 
umgekehrt zälilt man die Bleilähmung mit 
Recht ZOT N., mag auch einmal das Rücken- 
mark miterkrankt sein. Decken sieh die Ge- 
biete der zentralen nnd peripherischen Er- 
krankung, so wird natürlich die erstere von 
der letzteren verdeckt. 

And) eine primäre Erkrankung der Mnsketn 
kann neben der der Nerven vorhanden sein. 
Wahrscheinlich sind vielfach N. und Myositis 
wesentlich gleich. 

Das Bild der N. ist begreiflicherweise je 
nach Ursache und Ort sehr verschieden. Streng- 
genommen gehören zur N. die Ischias und 
viele andere sogenannte Neuralgien, der Her- 
pes zoster, femer die sogenannte rheumatische 
FazialisWhmnng, die sogenannte rheumatische 
AngenmaskcUühmung nnd analoge Lähmungen 
anderer Nerven. Es ist üblich, diese Dinge 



als besondere Krankheiten zu beschreiben, und 
es muB hier anf die einschlägigen Artikel 
verwiesen werden. Sekundare Entzündung ein- 
zelner Nerven kann durch Verwundungen 
oder durch I?bergreifen der EntzQndnng von 
benachbarten Organen aus entstehen. Handelt 
es sich um eine direkte Verletzung des Nerven, 
so haben wir entweder eine mechanische 
Zerstörung mit sekundärer Degeneration vor 
uns und dann spricht man nicht von N-, oder 
aber ee dringen mit der Verletzung E^tzUn- 
dungserreger in den Nerven ein, die dann eine 
wirkliche N. bewirken können. Ebenso können 
die Ent/ündungserreger von einer dem Nerven 
benachbarten Wunde ans in den Nerven ein- 
treten. Unter diesen Umstanden kann es zu 
der sogenannten Nenritis migrans oder 
Neuritis aszendens kommen, von der frü- 
her viel die Rede war, die aber in Wirklich- 
keit recht selten ist. Verlftnft der Prozeß mehr 
oder weniger aknt, so werden heftige Nerven- 
schmerzen eintreten; der betroffene Nerv wird, 
wenn er dem Finger erreichbar ist, höchst 
empfindlich sein , man wird ihn zuweilen als 
knotigen Strang fühlen; auch das von ihm 
versorgte Gebiet vrird gegen Druck sehr emp- 
tindlich, besonders bewirkt schon geringer 
Druck auf die Muskeln lebhaften Schmerz, 
spater folgen Parftsthesien, AnSsthesie, Paresei 
Lähmung , Muskelschwund mit Entartungs- 
reaktion, zuweilen Verftndernngen der Haut 
(Odem, Blasenausschlag n. dgl.). Sind Schmer- 
zen und Verdicknng des Nerven vorhanden, 
ohne daS es zn den Zeichen einer Unterbre- 
chung der Leitung kommt, so spricht man 
wohl von Perineuritis. 

Zn erkennen ist die Krankheit leicht. Am 
h&ufigsten wird sie mit hysterischen Störun- 
gen verwechselt, d. h. ee wird oft eine Nenritis 
aszendeuB diagnostiziert, wo nur hysterische 
Erscheinungen, Schmerzen, LüJimnng, Anästhe- 
sie vorhanden sind. Die Unterscheidung wird 
nicht schwer sein, wenn man daran denkt, 
daB die N. sich an die anatomisch aufzeig- 
baren Wege hält , die Hysterie nicht, daB bei 
dieser degenerative Atrophie, Verdickung der 
Nerven usw. nicht vorkommen , wenn man 
auf anderweitige hysterische Stigmata achtat. 

Übergreifen der Entzündung von anderen 
Organen anf die Nerven wird unter sehr ver- 
schiedenen Umständen beobachtet, Z. B. greift 
die Meningitis an der Ba-^is des Gehirnes auf 
die Himnerven über; Wirbelen tzündnngen kön- 
nen N. im Wirbelloch verursachen; bei der 
sogenannten Pachymeningitis zervikalis ent- 
stehen die Hauptsymptome durch Einwirkung 
der entzündlichen Schwarten anf die Wurzeln; 
eitrige Pleuritis kann N. der Interkostalnerven 
bewirken; vereiternde Lymphdrüsen können 
benachbarte Nenen entzünden; bei Gelenk- 
erkrankungen kann es zn N. in der Nachbar- 



180 



srhaft kommen Dsf. Das Bild wird im all- 
^enteinen dem der InfektiÖGen N. bei Verletzan- 
gen gleichen. Allgemeine Anguben lassen sich 
nicht machen. 

Der Begriff der mnltiplen N. um&Bt eben- 
falls verschiedene Znetilndc. Die meisten toni- 
schen Nervenerkrankungen im engeren Sinne 
steUen eine multiple N, dar; Alkoholronritis, 
Bleinenritin. Arsen ikne tiriti s , Kohlenoxydne«- 
ritie UBw. An viele infektiöse Krankheiten 
können sich mnltiple Neoritiden anschlieBen: 
Diphtherien enritis, Typhusneuritis, Pneamonie- 
nenritiB, Scharlachnenritls, InflnenKanearitis, 
TaberkolosenearitiB nsf. Bei einigen chro- 
nischen Krankheiten unerkannter Natnr 
kommt N. vor, z. B. beim Diabetes. Endlich 
kennen wir eine infektiöae Erkrankung, deren 
Wesen eine fieberhafte multiple N. ist, die 
mnltiple N. schlechtweg oder die Polyneuritis 
aknta, eine Krankheit, die offenbar verwandt 
ist mit der als Kakke oder Beriberi bekann- 
ten endemischen N. 

Da es ganz nnmöglich ist , alle einzelnen 
Formen hier zn besprechen, sollen nnr die 
wichtigsten kurz geschildert werden. Wir l>e- 
ginnen mit der selbständigen Polynea- 
ritiB. Diese tritt in der Regel wie eine all- 
gemeine akute Infektionskrankheit anf , mit 
mehr oder weniger hohem Fieber, Kopfschmer- 
zen. Abgeschlagenbeit, Benommenheit, Delirien, 
hie nnd da auch Milzschwellnng, Albuminurie. 
Von vorneherein pflegen heftige Schmerzen 
ZD bestehen, aber diese sind im An&nge ziem- 
lich unbestimmt nnd den Otiederschmerzen 
bei anderen Infektionskrankheiten ithnlich. 
Es kann daher die Krankheit in den ersten 
Tagen wohl verkannt werden. Da zuweilen 
auch Gelenkschwellungen sich zeigen , könnte 
man an Polyarthritie denken. Bald aber Useen 
die allgemeinen Erscheinungen nach and tre- 
ten die örtlichen Symptome mehr hervor, (ie- 
wöhnlich zeigt sich zuerst Parese eines oder 
beider Beine. Nach den Beinen werden die 
Anne nnd ein Teil der Hampfmuskeln ergriffen. 
Die Himnerven bleiben in der fiegel frei, 
doch hat man auch ein- oder doppelseitige 
Oeeichtalahmnng, Angenmnakellfthmnngen be- 
obacht«L Blaaenstörnngen treten nur ausnahms- 
weiee aof ; am ehesten kommt vorübergehende 
Harnverhaltung vor. Die gelähmten Muskeln 
sind gewöhnlich schlaff, sie nehmen rasch an 
Umfang ab, es kommt zn mehr oder weniger 
anegeprftgter Atrophie mit Herabsetznng der 
elektrischen Erregbarkeit oder Entartnngare- 
aktion. Die LAbmnng ist keine gleichmäßige, 
sondern die Muskeln sind in verschiedenem 
Tirade betroffen, meist die Strecker viel mehr 
als die Benger, zaweilen bleiben einige Mas- 
kdn im Oebiete der L&hmong verschont. Die 
Stönmgen der Empfindlichkeit bestehen hanpt- 
dchlich in Schmerzen nnd Parästhesien. Die 



Schmerzen können im Anfange sehr heftig 
sein, sie scheinen manchmal dem I-aufe der 
Nerven zn folgen, mit der Zeit alier lassen 
sie nach . hören nicht selten sogar ziemlich 
rasch anf. Prickeln, Brennen, Gefühl des Ein- 
geschlafen sein s zeigen sich besonders in den 
Endgliedern und können lange andauern. 
Eines der wichtigsten Symptome ist die Druck- 
empfindlichkeit: die Nerven, die Mnskeln. zu- 
weiten anch die Hant vertragen keinen Druck 
nnd die Kranken schreien oft auf, weim man 
z. B. die Wadenmnskeln krftftig anfaSt. Eigent- 
liche Anästhesie kommt selten vor, meist ent- 
steht nnr Hypfisthesie, auch kann die Emp- 
findlichkeit gar nicht vermindert sein. Die 
Reflexe sind herabgesetzt oder erloschen, Nnr 
ausnahmsweise hat man Steigerung der Sehnen- 
reflexe gefunden. Fast immer findet man Ver- 
ändemngen der Hant: allgemeine oder nm- 
achriebene Hyperhidrosis, Odem, besonders 
an Hand- und FnBrIicken, zuweilen Erytheme, 
Herpeshlilschen, Unebenheiten der Nägel, Ver- 
änderungen der Haare. In gewissem Ürade ist 
der Pols charakteristisch; trotz des Fieber- 
ahfalles bleibt oft Tachykardie , nicht selten 
wird der Puls klein nnd unregelmäfiig. Anch 
seelische Veränderungen kommen vor: die 
Kranken erscheinen znwellen auffallend ver- 
geÜlich. Wenn nicht die Lähmung sich auf 
die Mehrzahl der Atemmnakeln ausbreitet und 
damit Erstickung bewirkt, wenn nicht Herz- 
lähmnng eintritt, so ist der Verlauf ein gün- 
stiger, und dies ist diagnostisch wichtig. Im 
Oegensatze zu spinalen Erkranknngen endet 
die Polyneuritis in der Regel mit vollaUindlger 
Heilung. Nor ansnahmsweise bleiben einzelne 
Muskeln dauernd gelähmt. Rückfälle sind nicht 
allzu selten. — Die Polyneuritis aknta ist 
leicht zu erkennende Kriinkheit, Ist sie 
einmal ausgebildet, so können Verwechslungen 
für den , der die Krankheit überhaupt kennt, 
kaum vorkommen. Freilich wird oft iUlschlich 
bei ihr Spinallähmung diagnostiziert, aber es 
gibt keine Rückenmark sk rankheit, die ihr 
gliche. Die bei Erwachsenen seltene, früher 
viel genannte Poliomyelitis verlauft ohne Stö- 
rungen der Sensibilität; hei ihr tritt die Lah- 
mung, wenn es sich um Poliomyelitis aknta 
handelt, plötzlich ein und geht dann langsam 
zurück, während die direkt betroffenen Mns- 
keln rasch gänzlich zugrnnde gehen : die 
chronische Form entwickelt sich von vorne- 
herein schleicliend and schreitet stetig fort, 
schadigt ansschlieQlich die Mnakniatnr. Nur 
den Füllen , wo es sicli um das Bild der 
aknten anfsteigenden Lähmung handelt, kann 
zwischen Polyneuritis und Myelitis 
schwanken , denn anch jene kann ohne Sensi- 
hilitStsstömng auftreten. Immerhin wird die 
Beteiligung von Blase und Darm l>ei spinaler 
Erkrankung kaum fehlen und wird der Vor- 



JS] NEUE 

lanf, sofern nicht ein rascher Tod «intiitt, 
Anfkl&mng bringen. Oeiada die &knte aaf- 
Eteigende Lahmong durch N. scheint eine 
rasche nnd vollatftndige Qenesnng soznlssseB. 
Ann aheaten wird die akute Polyneuritis mit 
der akaten Polymyositis verwechselt werden 
können. Dss tStadiam der Allgemeinerediei- 
niingen. die Schmerzen, die Lähmung käimen 
bei beiden Krankheiten sehr ähnlich sein, 
doch fehlen bei der Polymjositis Dmckemp- 
findlichkeit der Nerven , Parttstbesien nnd 
Hfp&sthesie, treten Erythem und Mosket- 
Bchwellang in den Vordergrand. Bekanntlich 
gleicht das Bild der Polymyositis dem der 
Trichinose. Freilich gibt es möglicherweise 
Über|;angBformen : PolymyosilJB mit Beteiligung 
der Nerven. 

Häufiger als die selbständige akute Polyneu- 
ritis aind die sekundären Formen der mol- 
tiplen N. Unter den nach Infektionskrank- 
heiten vorkommenden Formen ist wohl die 
häniigste die Diphtherieneuritis. Sie ist 
ziemlich charakteristisch: Oanmenl&hmnng, 
Anfhebang der Akkommodation, Schwäche der 
Beine mit Fehlen der Sehnenrefleie , das ist 
das Schema. In den leichtesten Fällen besteht 
nnr Ganmenl&bmnng mit oder ohne StÖrang 
der Akkommodation. In den schwereren treten 
Ataitie, L&limung der Glieder und Mnskel- 
schwand hinzu. Ziemlich ähnlich soll der 
Diplitherienenritis die seltene PnemnonieueU' 
ritis sein. 

Zo der Tuberkulose tritt die multiple 
N. bald mehr aknt, bald mehr chronisch hinzn. 
Manchmal bandelt es sich nnr nm mehr ver- 
einzelte neuritische Symptome, zuweilen be- 
steht das Bild einer schweren Polyneuritis. 

Nicht gerade bäofig, aber charakteristisch 
ist die N, pnerperalis. Im Wochenbett« oder 
nach ihm entwickelt sich unter Schmerzen 
I.Shmnng im Gebiete der Nn. medianus und 
nlnaris, seltener im Gebiete des Feronaeus. 

Unter den im engeren Sinne toxischen 
Nenritiden ist die wichtigste die Alkohol- 
neuritis. Sie ist auch in diagnostischer Hin- 
sicht besonders wichtig, da ihre Ursache be- 
greiflicherweise oft verhehlt wird nnd der 
Arzt diese ans dem Bilde der als selbständige 
Krankheit auftretenden N. erkennen soll. Die 
Krankheit beginnt fast immer mit reißenden 
Schmerzen in den Beinen. Dann kommen 
Schwäche und Unsicherheit der Beine, Schmer- 
zen nnd Schwäche der Arme. Mehr noch als 
bei ander«n Neoritlsformen ist der Alkohol- 
nenritis eigen, daß die Strecker mehr als die 
Beuger leiden. Hängender FuQ (Foot-drop) and 
hängende Hand, das ist das Kennzeichen. Kann 
der Kranke noch gehen, so zeigt er wegen der 
Peronaeuslähmnng den Hahnentritt (Steppage). 
Die gelähmten Moskeln schwinden, man findet 
nn ihnen Entartungsreaktion. Augenmnskel- 



ITJS. 132 

lähmungeo pflegen nicht alkn selten za sein. 
Nie fehlen neben den Erscheinangen der lAh- 
mnng die Störungen der Sensibilität, ja dieae 
treten znweilen in den Vordergrund. AuBer 
den Schmerzen ist gewöhnlich eine groBe 
Dmckempfindlichkeit vorhanden; Berährungeo 
sind wie Brennen , nnd jeder Drnck anf die 
kranken Muskeln ist ILu Berat peinlich. Die 
Hypästhesie pflegt an den Unterschenkeln nnd 
Füßen am stärksten zu sein und kann zur 
vollständigen Anästhesie werden. Häufiger nnd 
stärker als bei anderen Formen der Polyneu- 
ritis ist hier die seelische Störung. Abgeeehen 
von den verschiedenen Formen des Alkohol- 
Irreseins, die gelegentlich mit der N. EUsam- 
mentreSen können, beol>acbtet man eine eigen- 
tümliche GedächtnisachwBcbe. Die Kranken 
sind über Ort nnd Zeit nicht im klaren, 
wissen nicht, was sie vor einer Stunde getan 
haben, erzählen fabelhafte Ereignisse, die gar 
nicht eingetreten sind, halten Längstvei^angenee 
fUr neu, verkennen die Personen as£ Diese 
Amnesie fuhrt natürlich zn einem gewissen 
Grade von Verwirrtheit. Manchmal geht ihr 
wohl anch eine Zeit verworrener Erregtheit 
mit Sinnestanschongen voraus. Wenn die be- 
schriebene Gehimstörung znweilen aoch bei 
der idiopathischen Polyneuritis, vielleicht auch 
bei anderen Formen vorkommt, so ist sie doch 
der Alkohol nenritis besonders eigen. 

Die Bleinenritis ist charakterisiert durch 
das bekannte Bild der L&bmnng der Hand- 
nnd Fingerstrecker mit Atrophie und Bntar- 
tungsreaktion, ohne hbrilläre Zuckungen, ohne 
jede Ben sibilitätsstö rang. Den Beginn machen 
gewöhnlich die Strecker des vierten und des 
dritten Fingers, dann folgen die der anderen 
Finger, dann die der Hand. Der Snpinator 
longus bleibt frei. Bei schwereren lAbmungcn 
werden anch die kleinen Handmuskeln, der 
Deltoidens nnd andere Moskeln ergriffen. 
Selten sind die Beinmuskelik beteiligt, am 
ehesten die Peronaensmoskeln. Werden durch 
die Bernfstätigkeit besondere Muskeln in un- 
gewöhnlicher Weise angestrengt, so können 
diese zuerst erkranken und dadurch kann der 
Typus g^ndert werden. So erkranken bei 
Feilenhanem oft zuerst die kleinen Danmen- 
muskeln der linken, den MeiBel haltenden Hand. 

Diagnostisch wichtig ist, dafi zn den ge- 
werblichen Vergiftungen nicht selten Hysterie 
hinzutritt. Man kann also neben den nenriti- 
schen Symptomen hysterische finden und mnB 
sich hüten , beide gleichzustellen. So kann 
neben BleÜähmnng Hemianästhesie oder Zit- 
tern bestehen. Das Zittern der (juecksilber- 
arbeiter soll immer hysterischer Art sein. Bei 
Schwefelkohlenstoffarbeitem kommen hysteri- 
sche und neuritische Sj-mptome vor usf. 

Während die Bleineuritis gewöhnlich durch 
Arbeit mit Blei oder durch sonstige tagliche 



133 



NEURITIS. - NEDBITK OPTIKA. 



134 



BerOhmng mit Blei ganz langsam entsteht, 
entwickelt sich die ArseniknenritiB gewöhn- 
lich rucher, da sie hftnfiger dorch einmalige 
Vergiftnng zustaiide kommt In diesem FaUe 
treten nach einigen Wochen, wenn die Magen- 
darmerBcheinnngen vorüber sind, seht heftige 
reiSende Schmerzen in den Gliedern ein. 
Dann kommt ee zn lAhmnng ond AnSatbesie, 
die Ewar den gtöGercn Teil der Olieder ein- 
nehmen können, innftchat aber und vonrie- 
gend eich an den Elnclgtiedem, an Hand and 
Kofi zeigen- Die gelähmten Hiukeln Bchninden, 
man findet an ihnen Herabaetzang der elak- 
triachen Erregbarkeit oder Eutartangsreaktion. 
Die ärfantenen halten iHngei an als l>ei an- 
deren NeoTitiaformen , die Geneanng tritt 
sehr langsam ein, ist manchmal nicht voU- 
Bt&ndtg. 

Im allgemeinen beruht die Diagnose 
der N. aaf dem Znaammenbeetehen periphe- 
NEcher I^mong mit Störnngen der Empfind- 
lichkeit, besonders Schmerzen nnd Dmckemp- 
findlichkeit. Fehlen die SeosibiliUltsstönmgen 
irie bei der BleinenritiB, so könnte man m- 
nftchst anch an eine Vorderhomerkiankong 
denken , doch wird diese aoszaschlieSen sein, 
wenn vollat&ndige Heilung eintritt. Cherdies 
hat man . wenn das Bild chajakteriatiBch ist, 
sich aaf den in ähnlichen Fallen gelieferten 
anatomischen Befand in beziehen. 

Erw&hnt mag noch die Dnterscheidong 
zwischen N. und S^ringomyelie sein. Diese ist 
zwar io der Regel so charakteristisch, dafi 
sie von dem, der sie itberhanpt kennt, kanm 
verkannt wird. Langsam , ganz langeam ein- 
tretende individaelle Atrophie, fast immer zu- 
erst an den Armen, mit der ei genta mlichen 
Anästhesie, d. h, Thennoanftstheaie and Anal- 
gems cdine stärkere Beteiligung der Tastemp- 
Gndlichkeit. Schmenen und D rackern pSnd- 
lichkeit fehlen gewöhn lieh. Die An&atheaie 
deckt sich nicht mit der Atroplüe nnd ent- 
spricht nie NervEobezirben. Dbza tritt Steige- 
rung der Sehnenrefieie an den Beinen, auch 
spastische L&hinnng. Zn betonen ist, daB die 
Thermoanalgeeie nicht pathognostiscb für Sy- 
ringmnyelie ist , sie kommt als solche anch 
b«i N., bei Hysterie, bei anderen RUckenmarks- 
erkrankongen vor. 

Man darf sich mit der Diagnose der N. nicht 
begnfigen. Zwar iat diese wertvoll, da sie eine 
gttnstige Prognose müglich macht, aber eine 
wirksame Therapie (d. h. Beseitigung der 
Schädlichkeit) wird in vielen Fällen erat 
m^lich, wenn die Art der N,, d.h. die Ur- 
sache, erkannt ist Diese spezielle Diagnose 
gründet sich einmal aaf die Anamnese, zam 
anderen aber aaf den Befand selbst. 

Die BebaadluBg der N. bat tich nach 
der Ursache za richten. Am wichtigsten ist 
denn Beseitignng (Entziehnng des Alkohols 



nsw.). Im Übrigen ist nicht viel zo ton, d. h. 
man wendet Einreibungen, Bader, Masaags, 
Elektrisieren asw. an, aber der Verlauf wird 
dadurch nicht verändert. Unentbehrlich sind 
oft schmerzstillende Mittel. HOatus. 

Nttnrltil OptlOft ist im Gegensätze zur 
N. retrobnlbaris (s. d.) die ophthalmoakopisch 
nachweiabare Entztkndnng des intraokalären 

Stückes (PapiUitia). Iat die N. o. reapektiva 
Papiüilis hochgradig entwickelt, d.h. ist die 
Papilla optiha sebr stark geschwellt, so sprechen 
wir von Stauongspapille , ist keine oder nur 
geringe Schwellung vorbanden, von N. o. 



Bei der Stauungapapille (Fig. 15) linden wir 
immer eine starke Schwellung der Papille; sie 
liegt Ober der Netzhaut und ragt pilzartig in 
den Glaskörper, die Grenzen sind verwaschen, 
die Papille sclieint verbreitert, die GeRlfle 
zeigen am ßande Knickungen, die Venen Dind 
stark geschlängelt und steigen von der Retina 
aas aaf die Papille, die Arterien sind verdünnt, 
oft kaain sichtbar. Die Farbe dea Sehnerven- 
kopfes kann rot sein, so daB zwischen Retina 
and Selinerv keine Differenz ist, oft graarötlicb 
getrübt, ja violett. Die Venen sind sehr stark 
gefüllt, dunkel, blaurot geßlrbt, die Arterien, q I ,:> 
5» O 



NEUKITIS OPTIKA. 



136 



oft kaam sichtbar. Die Oe^e eracheineD nicht 
Überall gleich deutlich, weil sie im Gewebe 
aof- and niedartauchen und daher oft an jenen 
Htellen, wo ihre Windungen tief eingebettet und 
vom getrübten Gewebe gedeckt sind, anter- 
i)rocben eracheineo. Sind die GeftBwande ver- 
dickt, BO erkennen wir das an den sie be- 
gleitenden neifien Streifen. Das nichtigste 
Moment ist die Niveaudifferenz. Wir erkennen 
sie am Verlaufe dei QefuGe, indem (Pig. W\ 
wie bereits bemerkt, die Venen in starken 
Windungen von der Papille gegen die Betina 
hinabsteigen. Mit dem Ophthalmoskope dia- 
giio:<tizieren wir die Prominenz darch die 
paniUaktiBche Vci^cbiebang und darch die 
Refraktion sdifferenz. Machen wir bei der Unter- 
snchnng im umgekehrten Bilde leichte and 
rasche Bewegungen mit der Konveslinse, so 
verschieben sich die Qef^etücke auf der Papille 
nad Retina gegeneinander; dasselbe Phlinomen 
ist auch im aufrechten Bilde deutlich zu sehen, 
wenn wir die Spiegel Stellung ändern und von 
Kwei verschiedenen Richtungen ins Auge sehen ; 
wir werden das eine Mal die Ge&Bstilcke in 
einer bestimmten Distanz voneinander sehen, 
das andere Mal werden sie sich decken. Fahren 
wir die Bewegungen rasch ans, so werden sich 
eben dieUefUSstticke gegeneinander verschieben. 
Die geschwellte Papille ist in geringerer Ent- 
fernung von der Kornea als der übrige Fundus, 
es wird daber eine Refraktionsdifierenz zwischen 
Papille und Retina vorhanden sein, die 5 bis 
l> Dioptrien and Bach mehr betrafen kann. 
Ist der Fundus z. B. emmetropiscli, so müssen 
wir dann für die Papille KonveiglKser in 
unseren Spiegel einstellen. Wir berechnen die 
Höhe der Bchwallnng nach der Anzahl der 
Dioptrien, und zwar entsprechen je drei Diop- 
trien ongefUbr 1 nun. In der Papille sowie in 
deren Dmgebang können Blutungen vorhanden 
sein sowie auch weiBe, glänzende Flecke, die 
einer geweblichen Veränderung der Nerven- 
fasern entsprechen. 

Fehlen die Zeichen der hochgradigen Blut- 
und Lymphatauung . i. e. die Prominenz, die 
starke Erweiterung der Venen und Verdünnung 
der Arterien, und bleibt nur das Verwaschen- 
liein der Grenzen, die Trübung des Gewebes, 
die Verfärbung der Papille und leichte Ver- 
breiterang des Kalibers der Venen, sowie 
Schlingelang, so sprechen wir von N. o. im 
engeren Sinne. Oft können wir die Diagnose 
nur bei schwacher Belichtung des Ange^, also 
liei der Untersuchang im aufrechten Bilde 
machen. 

Bei Stanungspapille können die subjektiven 
Ej^cheinangen sehr gering sein, ja, es kann 
vollkommen normalem Sehvi;nnögen gefunden 
werden und dieses kann sich durch mehrere Mo- 
nate erhalten, oder die Kranken klagen ülwr 
Licht- und Farbenersi-heinungen , über einen 



Nebel vor den Augen, der ebenfalls die Ariwits- 
Ahigkeit nicht beeintrSchtigen moB; der Nebel 
kann dichter werden nnd schlieBlich das Ange 
ganz verhüllen, oder endlich es tritt gleich 
von vornherein hochgradige Amblyopie auf. die 
in totale Amaorose (kbergeht. Auch vorüber- 
gehende Erblindungen, die sich des öfteren 
wiederholen nnd von Konvulsionen begleitet 
sein können, treten manchmal auf (epileptische 
Amaurose). Bei der einfachen, nicht durch 
Tumor bewirkten Neuritis, ist das Sehvermögen 
zomeist der IntensiULt des ProzessesenUprechend 
herabgesetzt, 

Therapie. Ist die Entzündung des Seh- 
nervenkopfes Folge eines Tumore im Kranium, 
SU wird man sich wohl nur ans dem Grunde 
auf eine Behandlung einlassen, am dem Kranken 
Trost za bringen. Von einer kansalen Be- 
handlang kann nur dann die Rede sein, wenn 
es sich am einen Tamor syphilitischer Natur 
bandelt. In diesem Falle ist eine enei^ische 
an ti spezifische Kur angezeigt, doch darf man 
nicht zn vertrauensselig sein, indem zeitweilig 
gar kein Resultat erreicht wird, in anderen 
FUlen nach Besserungen , ja nach Heiinngen 
Rezidiven auftreten. Aber ancb wenn derTamor 
nicht syphilitiscber Natur ist, können dareh 
diese Behandlung oft temportre Besserangeu 
des Sehvermögens eintreten. Die sonst Üblichen 
Mittel sind örtliche Bluten tziehnngen . Subli- 
mat, Jodkali etz. Wenn man den Tumor genau 
lokalisieren and präzisieren kann und wenn 
derselbe zugänglich ist, wird man wohl aach 
daran denken, ihn mittelst Operation zu ent- 
fernen. Dasselbe gilt auch für den QehimabszeB, 
der schon öfters nnd mit Erfolg operativ an- 
g^angen wurde, för Ek^hinokokkus etz. Doch 
bat oft die Eröffnung der Sch&deldecke allein, 
ohne daB ein Tumor gefunden wurde, oder 
wenn auch nnr ein Teil desselben entfernt 
wnrde, die Staun gspapille zum Rückgang ge- 
bracht und das Sehvermögen wieder hergestellt 
DieSehnervenerkrankangbeiMenin^tis kommt 
erst nach abgelaufener Himhautent zun dang, 
wenn die N. bereits in Atrophie übergegan^n, 
zur Behandlung und wird hie und da dnrch 
Stryclinin and den konstanten Strom günstig 
beeinfInBt. Bei N. infolge von Orbitalaffektionen, 
wie Tamoren, Periostitis, Karies. Exostose, 
Tenonitis etz,, wird man den Versuch machen, 
den Tumor operativ zn entfernen, die Eioetose 
abzuneiBeln, dem Eiter AbfluB zn rerschafTen 
usf.; bei Eiterung im Sinus frontalis oder 
im Antrnm Highmori wird man sich zu den 
Höhlen Zugang verscliaffen und für stetigen 
AbfluB des Eitere sorgen. Als allgemeines 
Prinzip der Behandlung bei allen Erkrankungen 
des Sehner\'en giltstets. das lugmnde liegende 
Leiden anzugehen. Augendiät einhatten zu 
lassen, lokal Blatentziehungen vorzunehmen 
und seh weistreibende sowie resorbierende 



NEURITIS OPTIltA. - NECBOFIBKOM. 



Nttt«l, Merkur, Jodkali, za Terordnen. Bei an- 
d«r«n Formen wird mitn RoborantU, Eisen etz. 
geben mriBBen. KöNiosmM-TiicH. 

NenrltU retrobnllHurüi. Treten 

plötzUch h[>cb|;radige Sehatömngen an einem 
Auge aaf, Störungen, die sich bis znr Aman- 
roee steigern können, ohne positiven Angen- 
spiegelbefnnd an Retina oder Papille oder doch 
mit nur sehr minimiden Veränderungen der- 
selben, so diagnostizieren wir eine N. r. Hier- 
bei ist die Papille weit nnd starr. In wenigen 
IStunden oder Tagen kann Töllige Erblindung 
eintreten oder es bleibt noch ein Lichtschein 
Tortianden oder endlich die Kranken können 
peripher noch Oesichtseind rücke erhalten ohne 
Farben zu erkennen, während sie zentral ab- 
Eolnt nichts sehen. Im weiteren Verlaufe kann 
die Fjitzändnng auch den Selinervenkopf er' 
reichen, nnd wir finden dann mit dem Spiegel 
die aoBgesprochenen Eracheinongen der Nen- 
ritie optika. Nicht selten sind auch andere 
Begleiterschein ongen vorhanden; so Kopf- 
schmerz, der einen nngemein heftigen Orad 
erreichen kann, Erbrechen, femer Schmerz 
bei Exkursionen des Aoges, manchmal nur 
in beetimmlen Kichtnngen oder wenn man 
den Bnlbos in die Orbita hineindrfickt, Difle- 
rentialdiagnoetisch wftre die hyitteriache nnd 
die nrftDiischc Amaarose zn e mahnen. Bei 
der hysterischen Amaurose überzengen wir 
ans durch den PrismenverBiich, daß das Ange 
nnr imaginiert blind ist, and bei der urftmischen 
Kenritjs sind immer beide Augen ergriffen. 

Die chronixche N. r. ist eine relativ hftoftge 
Erkrankung der Sehnerven. Die Kranken 
klagen anfangs über einen leichten Isebel vor 
den Augen, sie können ihre Arbeiten verrich- 
ten, sind aber im Lesen and Schreiben gestört. 
Das Sehvermögen nimmt langsam immer mehr 
nnd mehr ab , so dafi anch gröbere Arbeiten 
schwer fallen. Pathognomonisch ist das Ge- 
sirhtitfeld. Bei normalen AnSengrenzen ffir 
VeiS and die tlbrigen Farben bat die zentrale 
f^ehschHrfe gelitten oder es ist bereits ein 
xentrales Skotom vorhanden, das znmeist die 
Form eines hegenden Ovals hat. Anfangs ist 
es ein relatives Skotom; die Farben erscheinen 
in deina«l1>en dunkler, rotbrftunlich nnd grün- 
graa. »pSlBr wird es absolut nnd es erscheint 
■lies in !<eineni Bereiche gran oder schwarz- 
Die Skotome sind gewöhnhch negativ, d. h. 
die Kranken sind sich derselben nicht hewuAt, 
späterhin werden sie positiv, die Kranken ge- 
ben einen zentralen Nebel im Uesichtsfeld an. 
Ei>e EigentQmlicfakeit, die bei vielen Patienten 
Toriianden ist, besteht darin, daB sie angeblich 
in der BBromerang besser sehen als hei 
grellem Lichte. 

Der Spiegelhefund hei dieser Erkrankangs- 
form int zumeist n^ativ, selten sind leicht 



entzündliche neoritische Symptome vorhanden, 
docb zum Schlüsse findet man partielle Ah- 
blassnng (Atrophie) der Sehnerven. Die chro- 
nische N. r. ist jene Form der Sehnervener- 
krankang, unter welcher die IntOiikationB< 
unblyopien nnd die Nyktalopio auftreten. 

Therapie. N. r. aknta. Ist dieselbe durch 
Erkaltung, DurchnSssong etz. hervorgerofen, 
so werden nebst Augendiftt, Einpackaugen in 
warme Tücher, Salizyl, respektive salizylsaaree 
Natron, in größeren Dosen Aspirin oder andere 
seh weis treiben de Mittel mit Erfolg angewendet 
werden. Daneben sind anch Innnktionen, Jod- 
kali, Pilokarpin nnd Emmenagoga in Oebranch. 
Ist bei vollblutigen Personen starke Kongestion 
zum Sehnerven vorhanden, dann sind energi- 
sche Blutentziehnngen (Heurteloap), trockene 
Schröpfköpfe in den Kacken, reizende Fafibftder 
nnd starke Abfilhrmittel am Platze. Das Jod- 
kali soll in ziemlich großen Dosen, 2 — bg pro 
die , gegeben werden. Am wirksamsten zeigt 
sich die Einhaltong der Finsterkar. Der Patient 
mnB 8 — 14 Tage in einem Baume verbringen, 
der so Verdankelt iat, daß auch nach Adaptation 
der Augen größere üegcnstSnde nicht erkannt 
werden. Günstig onterstülzt diese Kur noch 
stündliche Einreibung von Ung. ziner. in 
Schlafe nnd Stime. Tritt die N. nacti fieber- 
haften Erkrankungen, wie Typhus, Scharlach, 
Masern etz. aof, ao maß das Hauptgewicht 
auf eine roboriereude Di&t gelegt werden. Ist 
bereits Abblnsanng der Papillen vorhanden, 
so werden Strychnininjektionen nnd der kon- 
stante Strom versucht. — N. r. cbronika. 
Bei dieser Entztindangsform des Sehnerven ist, 
da sie zumeist durch eine Intoxikation (Tabak, 
Alkohol, Chinin, Blei, Schwefelkohlenstoff etz.) 
hervot^rafen ist. erste kausale Erfordernis 
Abstinenz, die aber, da man es zumeist mit 
Oewobnheitstrinkem oder -Rauchern, die anch 
zugleich energielos sind, zu tun hat, ungemein 
schwer durchznf Uhren ist. Wenn möglich, 
sollen solche Individuen in Anstatten ange- 
nommen werden, damit sie unter Bewachung 
sind. Es ist entschiedene AngendiHt einzuhalten 
and auf gute Emährang zn sehen. Ausgespro- 
chene Dunkelkur iat von Nntzen. Femer wird 
Karlsbader Was)>er, Jodkali, 2 Itis Öif pro die, 
und Pilokarpin empfohlen. Diese Falle zeichnen. 
sich durch lange Dauer aus nnd lassen den 
Arzt, insbesondere wenn Blässe der Papille 
vorhanden ist, an der Aussicht auf Heilang, 
Beasernng, ja daran, dafi nur Stjitus qno er- 
halten werde, oft zweifeln. In solchen Fällen, 
wo eben die Spiegel iinlersurhung das Bild 
der auegesprochenen Dckoloration, ja der 
Atrophie zeigt, feiert dann manchmal der 
konstante Strom Triumphe, 

Köniostkin-Tkich. 
NeUIOfibrom s. Fibromata mol- 

'"«ka. .Google 



NEUBOM, - NIEBENABSZESS. 



140 



NttnrOnt. {Nentnifeschimi^t.) Von den 
N. der peripheren Nerven sind ee die „Tren- 
nmigBnenrome' (r,.»'Hvi)iBiEB) sowie die anter 
dem Bilde der N, antretenden, den Fibromen 
zugehörigen sogenannten Toherknla dolorosa, 
deren Eiatirpation dnrcli die von ihnen bds- 
gehenden Schmerzen nnd Zackungen indiziert 
wird, leider gelingt es, zamal bei den nach 
Amputation zustande gekommenen N-, nicht 
immer, durch die Exzision das Leiden mdikal 
zn heilen, da bei hierzu disponierten Indi- 
viduen die N. auf der Schnittfläche des Nerven 
wiederkehren. In solchen Fflilen ist die sym- 
ptomatiache Anwendung von Narkotizis das 
altimam refnginm. — Ebenso verhalten sich 
die sogenannten wahren oder Stamm -N., 
welche tiefgreifende Operationen mit un- 
sicherem Erfolge nötig machen. Schsitkleb. 

NanroretLnltii , Papiiioretinitis, 

Nenritis deszendens. Bei dieser Form der 
Erkrankung ist die Schwellung des Sehnerven- 



(NMh 



, STBLLWiO.) 



kopfes nicht sehr bedeutend. Dagegen hat die 
Entzilndang die benachbarten Partien der 
Papille in größerem Umfange ergriffen. Ea 
sind weiBliche Plaques (Fig. IH) vorhanden, 
nicht nur allein am den Sehnerven, sondern 
aach in der Makulagcgend , so daß oft die 
Differentialdiagnose gegenüber Retinitla al- 
bnminnrika schwierig wird. Deiigteichen kön- 
nen zahlreiche H^morrhagien vorhanden sein. 
Die Funktionsstörungen sind die gleichen wie 
bei der Papillitis. ja oft viel intensiver; Ein- 
achrftnknngen des Gesii'htsfeldcs, sowie der 
Fart>engrenzen sind nicht selten und oft sind 
wir dnrch die Untersuchung dieser allein im- 
stande, za beurteilen, ob der Prozeß schon 
TollstAndig abgelanfen ist. Der Sehnerv er- 
scheint im ophthalmoskopischen Bilde bereitK 



vollstSndig normal and die Funktion sprOfnng 
zeigt noch charakteristische StÖrnagen. 

Die TbeTBpie ist gegen das Qrundleiden 
gerichtet; im Qbrigen siehe Behandlung der 
Nenritis optika. KONiasTKtM-TKirH. 

N0nrM6IL Sie omfassen das Gebiet der 
funktionellen Nervenerkrankungen, deren Sym- 
ptome bei der Hysterie, Nervositllt, Neurasthenie 
geschildert sind ; dazu treten dann die ^peiiellen 
and lokalisierten N., wie die vasomotorisch- 
trophiachen N., Angionearosen ohne trophische 
Störungen , die Beschiftigongsneurosen , die 
Sekretionsnearosen nnd die mit Uyperkincsen 
einhergehenden N, Soweit sie Symptome der 
allgemeinen N. nnd, ist ihre Besprechung unter 
diesen erfolgt ; von den Beechäftigungsneurosen 
ist unter diesem Kapitel alles besprochen. 

Therapie ist unt«r den genannten Kapiteln 
nacbzusehen. Flatjlu. 

NenrOMD, tranmatilOhes. Trau- 
matische Nearoaen. 

Niokkrunpf (Spasmus nutati», auch 
Salaamkrampf genannt) ist ein banpta&chlich 
im Oebiete des Akzessorins sich abspielender 
Krampf zustand, der bei seiner reinsten Form 
den Stemokleidomafitoidens beider Seiten be- 
trifft, wodorch der Kopf fortwährend zur Brust 
herabgezogen wird. In der Begel jedoch betei- 
ligen sich auch noch andere Muskelgruppen 
an dem Krampf, der dann ein kompliziertes 
Aussehen erlangt und nicht nur da» reine 
Nicken darstellt, Kamentlich werden die llota- 
toren des Kopfes mit befallen, so daß fort- 
währende Drehbewegungen mit dem Halse 
ausgeführt werden, dann können sich die 
Kukullares beteiligen und die Schultern in die 
Höhe ziehen, und schlieBlich ist der N. oft von 
einem Krampf der Augenmuskeln (Nystagmus) 
begleitet. In seltenen FHllen besteht noch in- 
folge eines Krampfes der Kumpfmuskulatur 
ein fortwährendes Wiegen des ganzen Körpers. 

Der N. findet sich am häufigsten bei Kindern, 
von der ersten Dentition ab bis zur Pubertät. 
Zweifellos spielt bei semer Entstehung die 
Dentition eine Rolle indem mitunter nach 
erfolgtem Zahndurchbruch die krampfhaften 
Erscheinungen verschwinden. In anderen Fällen 
ist jedoch eine Ätiologie nicht nachgevriexen ; 
veranlassend zn wirken scheinen psychische Er- 
regungen, liesonders Schreck. Wl^Dsl'HElD. 

Niere , bewegliche s. w a n d e r- 

Nierenabfiell. Eitererreger können auf 
traomatischem Wege (von anUen her), per 
kontiguitatem (Beckeneiterungen, Senkungs- 
abszesse, Harn Infiltration), von den Hamwegen 
ans (aszendierend) und durch das Blut (meta- 
statisch) zu den Nieren gelangen. Die erste 



141 



NIEEENABSZESS. - NI ER ENDIAO NOSTIK, FUNKTIONELLE, 



143 



InfektioDsfonn ist Obenitu «eltun, die beiden 
letzten Formen ergreifen zameiet beide Nieren. 
Die gewöhnliche Drsftche der metastatischen 
Eiternngen bilden die als Py&mie and Septiko- 
pyftmie beseicbneten Erkrankangen, Der N. ist 
nar selten solitAr, meist mnltipel nnd dann 
sehr klein, der Diagnoae schwer zugänglich. 
(S.aneh , Funktionelle Nierendiagnostik'".) Viele 
Niereneiterangen verlaufen völlig symptomlos. 
Traumatische Formen zeigen anBer Schmerzen 
in der Nierengagend H6matnrie , bisweilen 
AiiDrie, Frost mit Hitze abwechselnd einige 
Tage nach der Verletznag. Bei den ans der 
Nachbarschaft fortgeleiteten Eiternngen mar- 
kiert sich das Übergreifen aaf die Niere ge- 
wöhnlich nndentlich oder gar nicht, allenfalls 
kann die Diagnose dnrch Schmerzhaftigkeit, 
Schwellnng in der Nierengegend, Andentong 
Ton ödem, Eiweifigehalt des Harnes ermöglicht 
werden. Nor in sehr seltenen Fallen werden 
mikroekopisch erkennbare Partikel chen von 
Nierengewebe die Diagnose sicherstellen. Be- 
steht Nierensdiwellnog, dann sind Tntnoren 
der Niere, Leber, Milz, des Kolon, Ovarium 
diSerentialdiagnostisch in Erwägung za ziehen. 
Hierbei kommen event. Untersachnng in Narkose 
(bimannell. vom Rektum ans), Aofblähong von 
Hagen and Dann, Probe pnnktion , wenn eine 
Fistelvorhandenist.die Injektion einer gefärbten 
FIQitsigkeit, schiieSlich die zjstoskopische Unter- 
sachnng in Betraclit. 

Therapie. Nach Tranmen antieeptisches 
Verfahren bei perforierenden Verletzungen, 
sonst Bnhe, Kftlteapplikation , event. Blntent- 
ziehongen in der betroffenen Gegend. Ist Eite- 
rung eingetreten, ho ist chirnrgiarhe Therapie 
angezeigt, event. die Entfernung der Niere. 
Notwendig ist, doB man sich vorher anf jede 
mögliche Weise von der Beschaffenheit der 
anderen Niere aorgftltigst überzeuge, da die 
Exstirpation natfirlich nnr zulässig eracbeint^ 
wenn die znrAck bleibende Niere funktionell 
intakt ist. 

SchlieBlich weiden nach Maßgabe derErschei- 
uungen symptomatische Aufgaben, Linderang 
ton Schmerzen, Bekämpfnog des Fiebers, Re- 
gelung der Verdauung usw. «» erfüllen sein 

Nlerenblataiig s. Hämaturie. 
Hlerenentsttadnng* s. Nephritis. 
NiarendiagnMtik, ftmktionelle . 

Die funktionelle Nierendiagnostik hat 
die Aufgabe, das MaB der Arbeitsleistung 
der Nieren zu bestimmen. In allen Fftllen, in 
denen ee sich nm eine Operation an den 
Nieren handelt, besonders dann, wenn eine 
Nephrektomie in Frage kommt, ist die genaue 
Kenntnis des Koatandes beider Nieren ans- 
schlaggebend. Ehe zar Operation geschritten 



werden kann, muB man sich vergewissern, ob 
nach dem Eingriffe, also besonders nach 
Herausnahme der einen Niere, das zurück- 
bleibende Organ genügend funktionsfähig ist, 
nm den Ausfall der anderen Niere zu ersetzen. 
Da die Endprodukt« des EiweiBzerf altes fast 
ausechlieBlich durch den Harn entleert werden , 
hat man verencht, durch Untersuchung de« 
Harnes, besonders dnrch die Berechnung der 
24stttndigen Harnstoffmenge sowie der in 
24 Stnnden ausgeschiedenen Chloride die 
Frage von der Fnnktionsfähigkeit der Nieren 
zu entscheiden. Ein Herabsinken der Harn- 
stofbnenge unter die Hftifte des Normalen, 
auf 16 — 16g, wird als Zeichen der Nierenin- 
suffizienz angesehen. Eine annähernd ge- 
naue Feststellung dieser Aasscheidun);sver- 
hältnisse erfordert eine sich bber mehrere 
Tage erstreckende Untersuch ong unter Be- 
rbcksichtignng des in der Nahrung einge- 
fiUirten und des durch den Darm entleerten 
N. Da wir aus der Lntersucliung v, Noohdidjs 
n. a. wissen, daB eine N-Rentention im Körper 
anf EiweiBapposition beruhen kann nnd daS 
bei chronisch -nephritischen Prozessen Perioden 
mit normaler und Perioden mit schlei-liter N- 
AusBcheidung abwechseln, so ist ein sicherer 
t^chlnB ans diesen Ontersnchungsmethoden 
nicht zu ziehen. Die meisten Autoren legen 
deshalb wenig Wert darauf. 

Ebenso hat die Bestimmung des n ro- 
toxiaclien Koeffizienten noch BwH^an, 
d.h. der Versuch, aus dem Orade der Giftigkeit 
dea Harnes einen SchluB auf die Nierenfimk- 
tion zu ziehen, sich nicht bewährt. 

Ein neues Verfahren führte A. v. Kouanvi 
ein, indem er mittelst der Bestimmung 
der Gefrierpunkt serniedrignng, der 
Kryoskopie, die molekulare Konzen- 
tration des Urins und desBtutes fest- 
stellte. Die theoretischen Orondlagen der 
Kryoskopie sind folgende : In den Nieren 
findet zwischen Blut nnd Harn durch die sie 
trennenden Wände, die Kapillarwandnngen, die 
BowuANsche Kapsel und die Nierenepithelien 
ein fortwährender Austausch statt, indem sich 
die Konzentrationsunterschiede der beiden 
Flüssigkeiten nach dem Gesetze der Osmose 
auszugleichen trachten. Die Anziehnngskraft 
der Flüssigkeit nennt man den osmotischen 
Druck, der nieder der molekularen Konzen- 
tration der Flüssigkeit proportional ist. Man 
mifit die molekulare Konzentration durch die 
Bestimmung der Gefrierpunk tsemiedrignng. 
Je konzentrierter eine Lösung ist, um sn tiefer 
liegt ihr üefrierpimkt unter dem des destil- 
lierten Wassere. Oleich konzentrierte Lösungen 
haben den gleichen Gefrierpunkt. Eis i<<t nun 
die Aa%abe der Nieren, den osmotischen Druck 
des Blutes herabzusetzen, es ist deshalb in 
der Norm die Oefrierpunktsemiedrigung des 



g\e 



U3 



NIERENDIAQNOSTIK, FUNKTIONELLE. 



144 



Harna (i) nnd damit auch die molekoläi« 
Konzentration gröSer ala die des Blales. Bei 
Nicrenerkranknngen nimmt die Fähigkeit dar 
Nieren, die osmotische Spannang der sie 
paesierenden Flilssigkeiten aaezngleichen, ab, 
der tiefrierpnnkt des Harna nHhert sich also 
dem des Blutes. 

Bei normaler Nierenfanktion ist der Ge- 
frierpunkt des Blutes (fi) nahezu konstant 
zwischen 0-55— n-57. Der Gefrierpunkt des 
Harns (4) schwankt zwischen —0-9 und — 2*3. 

Bei erkrankten Nieren findet eine Kon- 
zentratinnserhöhnng des Blates statt, der Qe- 
trierponkt sinkt bis auf — Oi>7 nnd darunter, 
wfthreud die Konzentration des Harns pro- 
portional geringer wird. 

Nach KtMmm. ist bei einem Blutgefrierpunkte 
von — 0'60 eine Entfernung der einen Niere 
nicht mehr gestattet. 

Die Bestimmung des Gefrierpunktes geschieht 
mit deni BEiiKHANKschen Apparate. Er besteht 
aas einem Glasget^Q, in dem durch eine Kulte- 
mtschnng eine Temperatur von — 4" CeUius 
erhalten wird. In die^e Mischung taucht ein 
Glaszylinder, in dem durch eine Luftschicht 
isoliert ein dritter, die za untersuchende 
Flüssigkeit enthaltender Zylinder hUngt. Ein 
Bührer und ein Beck mann sehen Gefrierthenno- 
meter tauchen in die zu untersuchende Flüssig- 
keit. Nachdem man den Gefrierpunkt des 
destillierten Wassers bestimmt hat, wird der 
der; BIntes resp. des Harnes festgestellt; die 
OÜferenz beider ergibt die gesuchte üefrier- 
pnnktsemicdrigung o resp. X. Das zu unter- 
suchende Blut wird aus einer Armvene ont- 



Man hat femer vereuclit, die Nierenfanktion 
dadurcli zu bestimmen , dali man fremde 
Substanzen in den Körper einfllhrte und 
ihre AusacheidnngöverhiiitiiiBSe im Urin 
studierte. 

Unter deii vielen zu diesem Zwecke ver- 
wendeten Substanzen haben das Methylen- 
blau, das Indigokarmin und das Phlorid- 
zin ein gewisse Bedeutung erlangt. 

Ai'H.Min injizierte 0'()5 Methylenblau intra- 
musknlllr. Der Urin erhftlt durch seine Aua- 
scheidnng eine grünliche Frtrbung. Für die 
Beurteilung der Nierenfunktion nimmt er auf 
den Beginn der Ausscheidung, auf die Dauer 
dei' AnBxcheidung und auf ihre Größe Rück- 
sicht. Es hat sich nun allerdings herausgestellt, 
daß die Durchlässigkeit für das Methylenblau 
bei der interstitiellen nnd bei der parenchyma- 
tösen Nephritis eine verschiedene ist, für die 
Prüfung der sekretorischen Tätigkeit derNieren 
hat sich die Methode nicht bewährt. Einen 
ähnlichen Modus liat Völckkhh mit den In- 
jektionen von 10 cm' einer 4% sterilisierten 
Indigokarminlösung eingeschlagen. Führt 
man 30 Minuten danach das Zystoskop ein, 



so sieht man den blau gefärbten Urin strahl aus 
den beiden Ureteren sich entleeren. Trotz der 
günstigen Berichte von Volckeiis ist as doch 
zweifelhaft, ob man aus der Intensit&t dar 
Blauftrbung sowie aus dem zeitlichen Ab- 
laufe der Anssclieidung aaf den Grad der 
Fnnktionstüchtigkeit der Niere einen sicheren 
SchluB ziehen kann. 

Das Phloridzin, das vonv.MKatNa wieder 
in die WiBsenschaft eingefdhrt wurde, erzeugt 
eine Zucke rausscbeidnng dnrcb den Drin. Ea 
bleibt dabei die Znckermenge dea BIntes nor- 
mal, die Znckerbildung findet in den Nieren 
selbst* statt, ist also an eine Nierenfunktion 
geknüpft. G, Ki.ehpkbeb hat zuerst eine Vei^ 
ringernng oder völliges Ausbleiben der Phlorid- 
zinglykosarie bei Nierenerkrankungen festge- 
stellt, AcHAHi) und Dklamark haben es dann 
später bestätigt. 

CASfKK und KicHTKB haben die Phloridzin- 
probe in Verbindung mit dem Ureterenkathe- 
terismuB in die funktionelle N. eingefilhrt. 
Sie halten die Oröfle der Zuckerausscheidung 
für direkt proportional der Menge des vor- 
handenen fonktioria fähigen Nierenparenchyms. 
Injiziert man 0-UOb— 001 Phloridzin subkutan, 
so erfolgt 15—20 Minuten nach der Injektion 
eine vorübergehende, etwa 3 Stunden anhal- 
tende Gtykosurie, die za Anfang besonders 
stark ist, gegen das Ende der Phloridzin Wirkung 
schwach wird. 

Während die bisher beschriebenen Methoden 
nns einen gewissen SchluB auf die Fnnktions- 
f ähigkeit der Nieren im allgemeinen gestatten, 
kommt es für die Nierenchimrgie daranf an, 
die Leistung einer jeden einzelnen Niere fest- 
zustellen. Zur Entscheidung dieser Fra^ mnB, 
wie besonders Camphh betont hat, der üreteren- 
katheterismaa herangezogen »erden. Casi-kk 
und llri->[TKii fanden nun, dafi bei gesunden Nie- 
ren die durch dieUreterkatbeteraosgeschiedene 
Harn menge zwar nicht immer auf beiden Seiten 
gleich ist, daB aber der Gehalt an Stickstoff, 
Chloriden, die niolekulare Konzentration nnd 
nach Fhloridzininjektion die beiderseits aas- 
geschiedene Saccharnm menge annähernd gleich 
ist. Ist eine Niere in ihrer Fimktjon gestört, 
so bleiben die Zahlen des ausgeschiedenen N 
sowie! und die Saccharnmmenge der kranken 
Seite stets gegen die gesunde zurück. Die 
Technik der Untersuchung gestaltet sich nun 
folgendermaßen: Nachdeni in beide Ureteren 
ein Katheter eingelegt, ist, werden die zuerst 
gesondert aufgefangenen Harnportionen znr 
chemisclien Analyse, znr mikroskopischen tud 
bakteriologischen Sedimentuntersuchung be- 
nutzt. Die nächsten Portionen werden zur 
üefrierpunktsbestimmung des Harnes A ver- 
wandt. Nunmehr wird, während der Harn in 
sterile Eprouvetten abtropft, mittelst Venae- 
punktion oder Venaesektion aus der Vraia nie- 



145 



NIEHENDIAGNOWTIK, FUNKTIONELLE. — NIERENKOLIK. 



146 



diana Blut zur Kryoskoplc entnommen. Dar- 
kof werden 5^10 tng der PhlaridzinlÖBang 
sabkntan injiziert and es werden von 10 zu 
10 MinnteD die einzelnen Hamportionen sof 
Zacker antersncht, wobei der Zeitpunkt dee 
Eintretens der ZnckeransijcheidDng bei jeder 
Niere notiert wird. 

I1J.VES and KöVE8[ haben noch den Ver- 
dQnnnngverBnch zar Ei^nzang herange- 
lOgen. 8ie lassen karz vor Aostfibrong des 
Dreterenkatheterismns die Patienten gröfiere 
Mengen eines kohlen säurehaltigen Wnesers 
trinken und fangen dann durch ziika '/> Stande 
den Harn von rechts and link? gesondert auf. 
Bei kranken Nieren zeigte sich eine Verzögerung 
des Eintretens der Verdännnng, resp. je nach 
der Schädigung des Nierenparenchyms ein Zu- 
ttlckbleiben oder völliges Ausbleiben dertSekret- 
lennehrunj;. 

Wenig Verwendung hat die von Kosprs 
und Sa-HAtKR sowie von LouwEKUABirT in Ver- 
bindung mit dem Ureterenkatheterismus für 
die funktionelle N. empfohlene BeEitiiumnng 
der «lektrischen Leitfähigkeit des 
Crins gefrmden. Sie beruht darauf, daB der 
Leitungswiderstand t«i einem Oemiscbe ver- 
schieden leitender Salze einen SchluB auf die 
molekniare Konzentration der Lösnng gestattet. 
Ober den Wert der einzelnen Methoden der 
funktionellen N. gehen dieAnsichten der Autoren 
weitanseinander. Wahrend KOxh kl, Canfkr u.a. 
warm für sie eintreten, verbalten sich Israel, 
Bovsix'i u. H. ilmen gegenüber mehr oder 
weniger ablehnend. Der besonders von KL'hhrl 
empfohlenen Blntkryoskopie legen Ko^'siho, 
IsKAEL, Cahi-kh keine groQe Bedeiitang bei. Die 
Phloridzinprobe hat sich in der Hand der ver- 
schiedensten Autoren (Ibhaki-iLtihtesstkin n. a.) 
als nicht znverl&ssig erwiesen, da Fehlen der 
Znckeranserheidang auch t>ei gesunden Nieren 
beobachtet worden ist Femer ist za berück- 
sichtigen. daB darch EinfQhren des Ureterka- 
theters ^kretionsanomalien der Niere bedingt 



(K, 



Narh den bisherigen widersprechenden Er- 
fahrungen wird man mitOtBKi: and Ehiihaiii>t 
die FmgL' al^ noch nicht spruchreif bezeichnen 
müBsen. wenn auch ^der einmal betretene Weg 
jedenMIs der richtige ist". H. Wossidui. 

Nlsnng'WOhwttlBte. in Betracht 
kommen Hydro- und Pyonephroae, Zystenniere, 

Nieren labe rkn lose, Karzinom, Sarkom, Hyper- 
nephromanddiegutartigeren Tumoren, Fibrom, 
Üateom. Chondrom, Lipom, Angiom, Lymphom, 
SypMlonj, Adenom. (In bezog auf ^Uydrone- 
phn>ee' und ,Pyonephroeo'' s. das betreffende 



Die Zystenniere, polyzystische Nierenentar- 
tnng, geht in der Kegel mit namhafter Ver- 
gröfiemng der Niere einher; sie ist meisten» 
beiderwitig und mit zystiscben Veränderungen 
anderer Organe, Leber, Milz, Pankreas, vei^ 
banden. Weder die Schmerzen noch auch das 
Verhalten des Urins bieten irgendwelche dia- 
gnostischen Anhaltspunkte dar, hingegen wurde 
manchmal BronzefSrbnng der Haut beobachtet 
(Leber, Pankreaskopf). Gegenüber entzflnd- 
lichen Verftndemngen der Niere tunn n. a. 
die Blutdmckbestiininnng differentialdiagno- 
stisch entscheiden, da die letztgenannten Nieren - 
affektJonen wohl zumeist mit äteigerang des 
arteriellen Drnckes einhergehen. Periodisch aof- 
tretende HUmatarie neben Mangel vonZylindem 
im Harne kann auch zagnnsten der Diagnose 
Zystenniere entscheiden. Echinokokkus ist 
selten beiderseitig, nach Probepunktion durch 
Nachweis der charakteristischen Haken kennt- 
lich, auch Karzinome sind nur selten bilateral; 
das gleiche gilt von den Obrigtn Tomorbil- 
dnngen der Niere. Bbaun. 

NlerenkarslnOIll. Die Anfänge des Lei- 
denEsindnurwenigcharakteristisch;die sinteren 
Symptome : Schmerzen . Hämaturie, Tumor, 
Kachexie sind n. L'. geeignet, die Di^nose 
sicher zu stellen, N. und Nierenserkom sind 
bei Kindern relativ hftuflger als andere palpahte 
Nierentumoren. Die differentialdiagnostischen 
Momente gegenüber anderen Tumoren sind 
im Kapitel „Hydronephrose" angeführt worden. 
Der Schmerz wird verschieden beschrieben; 
seine Qualität imd Ixikalisation richten sich 
nach dem Orade der Veränderung der Niere 
und nacii dem llbergreifen des Prozesses anf 
die Nachbarorgane. Die Hämaturie, in bezog 
auf ihr Auftreten seiiT wechselnd , kann von 
kolikartigen Schmerzen begleitet sein. Ist die 
Geschwulst in das Nierenbecken hineingewu- 
chert oder der Ureter von aafien her kom- 
primiert, so kann eine durch längere Zeit 
bestehende BIntung verschwinden. Der blatfreie 
Harn zeigt gewöhnlich normale Beschaffenheit; 
bisweilen ist die HamstoffaiiaBclieidung ver- 
mehrt. Wächst die Ocschwnlst zu Itedeutender 
Kmension heran, dann machen sicli Verdrän- 
gungserscbeinungen bemerkbar. Manchmal sind 
schon frühzeitig in ingtiine harte Drüsen zn 
tasten ; durch Druck des Tamors auf die Venae 
spermatizae entsteht eine Varikokele, durch 
Kompression der Portalvenc und der nnteren 
Hohlvene Aszites und ödem der unteren Ex- 
tremitäten resp. des Skrotums. Fieber ist selten. 
Bka[:n. 

Nierenkolik. Die N. kann durch stär- 
kere Vers<:liiehangen der Niere, Adhäsionen, 
kongestive SchweUungen, Sticidrehungen bei 
Wanderniere und auf rein nerviisem Wege- 



gle 



147 



NIERENKOLIK. 



148 



(Nenralgis renie) znstande kommen. Die häu- 
figste Draache der N. ist die Einklemmnng 
Ton Nierenetsinen im Ureter. Man anterscbeidet 
Nierensand, NiereogrieG tuid Nierensteine, die 
Torwiegend aasDraton, seltener ans Phospliaten. 
Ox&latän, aus kohlansaarem Kalk. Iiöchst selten 
ans Zjstiniind Xanthin bestehen. Sie kommen 
am hRnfigaten im Alter von 30—40 Jahren vor, 
das männliche Geschlecht überwiegt, bei Uraten 
nnd Zystinsteinen spielt anch Heredität eine 
Rolle. — Die durch Sierenataine bewirkten 
Störungen sind lediglich mechanischer Natnr 
mid beruhen teils auf der Vorstopfnng eines 
Teiles des harnleitenden Apparates, teils anf 
Läsionen nnd Irritationen der Schleimhant 
durch die Konkremente. In den Nierenpapillen 
können die kleinsten Konkremente, Sand, natur- 
gemäS größere Beschwerden verursachen als 
z. B. grökre Steine im weiteren Nierenbecken 
nnd im Ureter. Die Symptome sind Schmer- 
zen verschiedenen Grades, die sich bei plöta- 
licbem Eintreten der Verstopfung bis zur 
heftigsten N. steigern können, bei längerer 
Dauer der Verstopfung die Zeichen von Ham- 
stanang, Hydro-PyonephroBe, als Zeicben der 
Schleim hautläsion Hämaturie nnd Pyelitis, Der 
eigentlichen N. können Inenden- nnd Krcuz- 
Bchmerzen, mitunter in die Heine (Vorderfl^he) 
ausstrahlend, vorangehen. Ala Gelegenheit so r- 
Sachen kommen ErsrhUtte rangen, alkoholische 
Elxzessc, Erkältnng in Betracht. Der Schmerz 
selbst i$t schneidend, bohrend, pressend, er 
strahlt in die Blase, die Urethra, das Perinenm, 
die Beine, sogar nach aufwärts In die Brast, 
die Schultern auEi. Reflektorisch entstehen 
Harndrang, Erbrechen, Frostgefühl, unwillkür- 
licher Stuhlabgang, Anurie. Sind beide Lreteren 
veratopft, so versiegt die Hamsekretion dauernd, 
ein Zustand, der nach wenigen Tagen zum 
Tode durch Urämie führt und ntirhöchstselten 
aucli noch länger ohne letale Folgen ertragen 
wird. Der Kolikanfall dauert meistens mehrere 
Stunden, selten einen bis znei Tage, um sich 
frÜheroderspAter zu wiederholen; die Zwischen- 
zeit ist sclimerzfrei oder von leichteren Schmerz- 
anfällen, die zumal durch Körperbewegung 
und Erschütterungen ausgelöst werden, nntei 
brochen. In der Mehrzahl der Fälle besteht 
Hämaturie. Die Diagnose ist aicber nnd leicht 
za stellen, wenn Konkremente mit dem Harne 
abgehen , deren Herkunft aus der Niere ai 
ihrer Beschaffenheit and durch das Vorangeh« 
einer N. zu erschUeSen ist. Fast immer bestehen, 
zmnal bei längerem Besteben der Affektion, 
Ersclieinungen von Pyelitis. Die N. tritt zumeist 
plötzlich bei sonst ungetrübter Gesundheit auf. 
Bisweilen läJt sich die Diagnose durch Röntgen- 
dorchlenchtang sicherstellen. DilTerentialdiag- 
nostisch kommen Darmkolik , Appendizitis, 
Ovarialgie, Gallenkolik in Betracht Sorgfältig! 
Untersuchung, Abwägung aller objektiven nne 



subjektiven Symptome, ätiologische Faktoren 
und der Verlauf werden imstande sein, den 
Weg zur richtigen Diagnose zu lehren ond 
einhalten zu lassen. 

Therapie und Prophylaxe richten aich 
zniütehst nach der Art der Steinbildnng. Be- 
stehen die Konkremente ausHamsSare. dann ist 
eine streng diätetische Beb an d I ong einzuschlagen, 
reichliche Fleischkost, GcnuB geistiger Qetrtüike, 
staric nnklein haltige Speisen, Thymus, Hil^ 
Leber, Hirn, Nieren, Kaviar, Fleisch ex trakt, 
ferner starker Kaffee und Tee. Spargel, scharf 
gewQrzte, geräucherte, gepökelte Speisen zu 
verbieten. Zu empfehlen sind vegetarische 
Kost, reichlicher Genuß von Wasser, fteifligo 
Körperbewegung. In leichteren Fällen wird 
man eine gemischte Kost und Femhaltung 
aller nieren reizen den Speisen (OewOne) ver- 
schreiben, das Fleisch, um es von Extraktiv- 
stoffen zn befreien , womöglich gekocht ge- 
nießen lassen. Sehr zu empfehlen ist reichlicher 
MilchgenuB, eventuell Milchdiät, ebenso Eier, 
milde Kftsesorten, Gelatine. Viel Zocker und 
Amylazea gelten als schädlich. Butter ist in 
mäSigen Mengen zulässig, Obst in rohem und 
gekochtem Zustande zu empfehlen. Warme 
Bäder, namentlich MineralliAder. nntersttttzen 
die diätetische Behandlung in wirksamer Weise. 
Die LösnngHfllhigkeit der Harnsäure acheint 
dnrch Darreichung von kohlensauren und 
pflanzensauren Alkalien, alkalischen Erden und 
Lithiumsalzen erhöht zu «erden. Eine Messer- 
spitze kohlensauren Kalks mehrmals täglich, 
in Selters Wasser, ist ein unter Umständen recht 
wirksames Mittel. Aach das Urizedin von Stbo- 
scHKiN, eine Komposition aus Natrium und Li- 
thium zitrikum, Natrium sulfuriktun und Koch- 
salz , bat aich in Gaben von mehrmals täglich 1 g 
oft schon ganz gnt bewährt. Bei Katarrh der 
Uamwege, Pyelitis, sind Kalkwaswr und Mag- 
nesia borozitrika altbewährte und immer wie- 
der empfohlene Medikamente, z.B.; 

Kp. Magnes. borozitr 5O0 

Sacch. alb lOQO 



Ol.t 



. 10 



Bei längerem Gebrauch sind die alkalischen 
und alkalisch-erdigen Mineralwässer in Betracht 
zu ziehen, vor allem die Wässer von Wildungen, 
Rudolfsquelte (Marienbad), Contrexi^ville, femer 
die alkalischen Säuerlinge, Bilin, Fachingen, 
Neuenahr, Obersalzbrunn. Kadein. Salvator- 
qoelle, bei gleichzeitigen Gicht-Adipositas-Iieber- 
eracheinungen Karlsbad, Kissingen, Ema, Wie«- 
baden. Auch die künstlichen Minerali^sser 
(Sthuvks Lithion Wasser) sind manchmal nOtzlich 
und vorteilhaft. Alkalien, alkalische Erden und 
alkalische Wässer dürfen nnr gereicht werden, 
solange der Harn saare Reaktion zeigt; bd 



149 



NIERENKOLIK. — KIERENOPEBÄT IONEN, 



IM 



Eintritt nentraler oder alkalischer Reaktion 
mnfi diese Behandlnng abgebrochen werden, 
weil aich Ronst tun bereits vorhandene Steine, 
dieselben vei^röBemd, Phosphate abscheiden. 
Reagierte der Harn schon von vorneherein 
alkalisch (infolge von Zeraetzong), dann kom- 
men die einfachen ^nerUnge, ApoUinaria, 
Elster, Franzensbad etz. in Betracht, wenn 
nicht besondere Indikationen vorliegen. — In 
neuerer Zeit worden MitteL angegeben, um aach 
anabhängig von der Reaktion und Konzentra- 
tion des Harnes die LCsangsßlhigkeit desselben 
för Hamstnre zn erhöhen. Sokhe Mittel sind 
I. B. das Piperazin, von dem man tSglich 1 g in 
Selterswasser reicht, Lysidin \'ög p. die in Sel- 
taiBWasaer, Lyzetol 10—20:200, davon ästitnd- 
lieh 1 EBlöfiel, Urotropin, mehrmals taglich 1 g, 
Drosin, 6— 10 Tabletten pro die. Dnrch Kom- 
bination dieser Präparate worden Sidonal 
(chiiutaaares Piperazin, 2— ä jf täglich), Chino- 
tiopiii (chinaaanrea Urotropin, die gleiche Do- 
liening), Urol (chinaaanrer HamatotT, 2— ig, 
3mal täglich) erbalten. Von alters her werden 
die Tr. Urtizae nreae. mehrmals täglich ö bis 
10 Tropfen in Wasser, nnd d«f Birke nblatter- 
t«e, Fol. Betolae, verwendet. — BeiOxalatateinen 
ist kalkarme Diät zn empfehlen. Ea entfallen 
also Spinat. Bohnen, rote Rüben, Kohl, Salat, 
Tee. Kakao, lelmhaltige Substanzen, Milz und 
Bries, hingegen sind wegen des geringen Kai k- 
gehaites, bei relativ hohem M^nesiagehalte, 
Fleisch, Fisch. Brot, Apfel zn empfehlen. Zar 
VerdOnnong des Harnes kommen die einfachen 
Säuerlinge (Apollinaris , Kohitach, QieShdbl. 
Krondorf), wegen ihres Magnesiagehaltes die 
Bitterwässer (Hnnyadi, Apenta, Kissinger, Said' 
Schätzer Bitterwasser) in Betracht. Anch die 
Neigung zar Bildung von Phosphaten nnd 
Karbonaten wird teils dnrch Vermehrnn^ der 
Hammenge, teils durch Verabreichnng jener 
^nerlinge hintangehalten, welche kohlen slure - 
reich und nar wenig alkalisch sind : Apolli- 
naris, Krondorf, Rohitsch. Nenndorf. Anch die 
dinretisch wirkenden Qnellen von Karlsbad, 
Vieh; and Wiesbaden kommen hier sowie bei 
Xantbin- and Zystinsteinen in Betracht, — 
Symptomatisch werden bei N. Bettrohe, warme 
DmschUge, Einreibungen mit Chbroformi3l, 
BeUadonnaaalbe, protrahierte warme Bäder, vor 
allem aber Narkotika zn verordnen sein. Eine 
Horphiuminjektion ist im Falle hochgradiger 
Schmerzen das beste nnd ohne Zögern zn ver- 
abreichende Medikament. Bei Erbrechen gebe 
man Morphium, eventaell in Form von Snppo- 
sitorien, statt des Alkaloids selbst Opiam in 
Klysma (15 — :äO Tropfen aaf 20() warmes Was- 
ser). Haferschleim oder Kamillentee, am Schlaf 
herbeizuführen, Chloralhydrat (per rektnm) 
oder andere Hypnotika. Manchmal zeigen sich 
groBe Gaben von Glyzerin oder Olivenöl wirk- 
sam, das entere als Glyzerinlimonade. das 



zweite eQ löffelweise, eventuell in Emnlsion. — 
Geringer Btutabgang bedarf keiner Behandlung, 
bei stärkeren Blutungen wird manchmal KSlte- 
applikation nnd die Verabfolgnng von Styptizis 
>t wendig sein. 

Sind alle beschriebenen Maßnahmen erfolglos, 
bestehen andauernd qaälende Schmerzen, hef- 
tige Blntungen , erreicht die Pyelitis durch 
starke Eiterung einen bedenklichen Omd, 
machen sich Zeichen einer septiho-pyämischen 
Infektion bemerkbar, so ist die Indikation zum 
operativen Eingreifen gegeben. Je nach der Art 
des betreffenden Falles wird dann die Nephro- 
tomie, die Resektion oder die Exstirpation 
der Niere vorzunehmen sein; in jedem Falle 
wird sich zanäclfst die Vornahme einer Probe- 
inzision empfehlen, nach deren Ergebnis sich 
dann das weitere Verfahren za richten bat, 

BlUVK. 

NierenOperfttioueD. Die verschiede- 
nen Erkrankungen der Niere können deren 
Punktion, die Fixation der Wanderniere durch 

die Naiit (Nephrorhapie s. „Wanderniere"), 
ferner die Inzision der Niere (Nepfarotomie) 
oder deren operative Entfernung (Nephrekto- 
mie) indizieren. Zur Herabsetzung des ge- 
steigerten Druckes bei chronischer Nephritis, 
zumal bei bestehenden Schmeraen nnd Blu- 
tungen wird neuerdings der Entspannunga- 
schnitt durch die Nierenkapsel bzw. die De- 
kapsnlation der Niere empfohlen (Etikh<ihi,s|. 
Die Nephrotomie ist bei Kraukheitspro- 
zasaen angezeigt, welche man durch Entleerung 
von in der Niere angesammelten Krankheite- 
|»rodukten günstig zu beeinflussen beziehungs- 
weise zu heilen erwartet (S. „Nierensteine'), 
sowie palliativ — als Ersatz der im gegebenen 
Falle kontraindizierten Nephrektomie — he- 
haU Drainage der Niere bei Eiterungen im 
Nierenbecken oder der Niere sowie bei Anurie 
infolge Obturation des Ureters durch einen 
Stein. Auch bei renaler Hämaturie ohne nach- 
weisbar anatomische Erkrankung der Niere 
hat sich die Nephrotomie als heilsam erwiesen. 
Die Nephrektomie ist in Fällen geiioten, 
bei welchen ans dem Verbleiben der erkran- 
kten Niere eine die Existenz des Gesamtor- 
ganismus bedrohende, anf anderem Wege nicht 
zn beseitigende Ge&hr vorhanden ist, sowie 
bei gioBen, von einer Niere ansgelienden, nur 
durch die Elxstirpation derselben zu lieseitl- 
geuden Beschwerden, kontraindiziert l)ei kon- 
genitalem Mangel einer Niere , kongenitaler 
einseitiger Nierenatrophie, endlich bei voll- 
ständiger oder teilweiser Verschmelzung heider 
Nieren {Solitär-, Kuchen-, Huteisennierc). Von 
den Erkrankungen der Niere, bei welchen die 
Nephrektomie, bezüglich deren Technik wir 
auf die Lehrbücher der operativen Chirurgie 
verweisen müssen, in Frage kommt, sind her- 
vorzuheben: Nieren- und N i eren he ckenü stein. 



NIEEENOPERATIONEN. - NIERENSTEINE. 



w«lch? der konBervativen Behandlong spotteo 
und trotz Entfemang des ihren VerachloG 
nicht znlaasenden Hindemisseg (Fremdkörper, 
Projektile, Steine) nicht zur Heilung gelangen 
sowie bei Unmöglichkeit der vollständige a Ent- 
fernung dieses Hindemissea (hier sind aller- 
dingB mitunter Implantationen des Ureters in 
die Blaae oder das Kolon ausführbar); sob- 
katane N leren Terletzongen mit das Leben be- 
drohenden profusen Blutungen; Nierenwnnden 
mit Verletzung der HilnsgeftBe; Pyonephroae 
bei vitaler Indikation- Hydronephrose bei 
nachgewiesener Steineinklemmung ipa Ureter; 
Nierentuberkulose ; maligne Geschwulst« der 
Niere. Vorbedingung für die Aosfährbarkeit 
der Nephrektomie ist der sichere Nachweis 
einer zweiten, wenn auch nicht absolut ge- 
sunden, so doch hinreichend fnnktionsfthigen 
Niere. Dieser Nachweis ist so gut wie immer 
möglich durch exakte Nieren pal pation, Zfsto- 
skopie, Ureterenkatbeterismus, Harnaeparation, 
Gefrierpnnktsl>eEtimmang des Blutes and Urins 
und durch die Phloridzinprobe (, funktionelle 
Nierendiagnostlk"). Adi-eii. 

Ni«r«nuxk0lll. Die differentleUe Dia- 
gnoEB zwischen N. und Karzinom ist ohne 
praktische Bedeutung. 

ByperuephrOUl. Von den eben genannten 
Tumoren kaum zu unterscheiden. Vielleicht 
kommen zuweilen eine anMIlige Erh&hnng des 
Blutdrucks und Addison-ahn liehe Symptome 
in Betracht. Der Tumor erreicht selten eine 
bedeutende Oröfie; in der weitaus größeren 
Mehrzahl der Fälle war die rechte Niere be-* 
troffen. 

Die gutartigen Tumoren werden sich zumeist 
wohl nur durch Palpation feststellen lassen. 
DiagnOHtisch kommen Erwftgungen allgemeiner 
Natur in Betracht: Fibrome sind solltttr, 
Osteome, Lipome, Angiome multipel, von(auQen) 
sichtbaren Parallelgescliwülsten des Körpers 
begleitet : zur Diagnose Syphilom wird die Ana- 
mnese und das Vorhandensein von Drüsen (Ka- 
bitaldrüse). Leukoderma, charakterisl Ischen 
Narben, Knochen Verdickungen etz. leiten. 

Therapeutisch kommen bei den Nierentnmo- 
ren wohl nur die operativen Mafinahmen in 
Betracht (s. .Nieren Operationen'). Die sympto- 
matisebe Therapie besteht in Bekämpfung der 
Schmerzen (Narkotika, warme Bäder), der 
Blutungpn (Ergotln, .Styptizin, Kühe, Eisnm- 
sctilägel, des Fiebers, der Anämie, Appetit- 
losigkeit etz. — (In bezng auf Syphilome s. 
das Kapitel .Nicrensyphilis''.) Braiih. 

Niereilltei]ie(Nephrolithiasi6, Kal- 
kuli renum). Konkremente, Niederschläge 
von Harnbestandteilcn im Nierenparenchym, 
im Nierenbecken, in den Harnleitern bezeichnet 
man als N. and die diesbezügliche Krankheit 



'ankheit,Nephrolithiaus, 



alsNieren 
Kalkoli rei 

Sieht man von den bei Nongetvorenan vor- 
kommenden Anh&ufnngen von Harnsalzen im 
Niere ngewehe, dem HamsB-ureinfarkte, dem 
im höheren Mannesalter hänfig vorkommenden 
Ealkinfarkte , dem Tripelphosphat- und dem 
sogenannten Pigmenti n&ikte ab, so werden 
N. am häufigsten im Nierenbecken angetroffen, 
jedoch entwickeln sich dieselben auch imNieren- 
pare nchym und mitunter — wenn auch selten 
— in den Harnleitern. In manchen Allen ragt 
der N. vom Nierenbecken tief In die Niereu- 
B abstanz hinein. 

Je nach der Groäe der Konkremente unter- 
scheidet man zwischen Nierensand, NierengrieS, 
HamgrieQ und N. Man versteht unter Nieren- 
sand feine, pulverformige Niederschläge, untar 
Nierengrieß Konkremente von der Größe der 
gewöhnlichen Sandkörner und unter N. grö&ere, 
erbsen-, bohnen- bis taabeneigrofie Konkre- 
mente. 

Ihrer chemischen Zusammensetzung nach 
bestehen die N. entweder aus HarnsSore oder 
Phosphaten oder ans oxaJsaorem Kalk; seltoi 
sind Karbon atateine, Zystin- and Xanthin- 

Dle Konkremente aus Harnsäure oder 
harnsanrem Natron — letztere sind die häu- 
figsten ' — sind hart, von glatter oder wenig 
höckeriger Oberflache, gelb bis rotbraun ge- 
färbt; Steine aus harnsanrem Ammon sind 
von krümeliger Beschaffenheit, schmutzig 
graugelbijch. 

Die Steine aas oxalsanrem Kalk — Ocalat- 
steine — haben eine sehr rauhe, warzige oder 
stachelige Oberitöche, sind dunkelbraun, gran- 
oder schwarziiraun gefärbt, sehr hart; ihre 
Bruchfläche zeigt eine radiäre Anordnung. 

Fhospha tsteine bestehen in der Regel 
aas einer Verbindung von pbosphorsaarem Kalk 
and Tripelphosphat. Sie sind rund oder rund- 
lich, weich oder zerreiblich, weiS, glatt oder 
von sandig muher Oberflltche, auf dem Onrch- 
Bchnltte meist geschichtet. 

Steine , welche bloß aus phosphorsanrer 
Ammon iakmagnesia oder phosphorsanrem Kalk 
allein bestehen, kommen selten vor, hingegen 
sind Steine, welche gleichzeitig aus Harnsäure 
oder hamBaaren ^zen bestehen , häufiger 
anzutreffen. Es wechseln dann die Schichtoi 
des Steines in der Weise, daß die eine Substanz 
den Kern, die andere die Schale bildet. 

Karbonatsteine, selten, von Kreidehärte, 
glatt, weiß. 

Zystinsteine sehr selten, klein, rundlich, 
mattweiß oder bernsteingelb, selten grünlich- 
grau. 

Xanthinstelne außerordentlich selten ; 
glatt, von geschichtetem Bau nnd gelblich- 
brauner bis dunkelbrauner '''*''l'*i,~in Ip 



153 



NlEKENSTEtNE. 



154 



Die Zahl der N. ist sehr verechiedor. Bald 
findet man nur einen oder wenige, bald sehr 
Hele, bald befinden sie sich btoB in eir 
bald in beiden Nieren. Ea wnrden 
Falle (Ges) in dem bedeutend erwmt«rle n 
rechten Nierenbecken aoGer reichlichem Niei 
grieB gegen lOOO N, beobachtet; anch das 
der« Nierenbecken war mit zahlreichen Steinen 
erfftllt. Einer der im rechten Becken befind- 
lichen Steine wog 1060^ und im linken Nieren- 
becken befand sich ein Stein von etwa 100 .9. 

Daa spezifische Oewicht der N. schwankt 
iwiBchen T200-1930. 

Die Diagnoae der Nephrolithiaais-N. atDtzt 
■ich auf folgende Symptome : 

1. Schtnerzen in der Nierengtgatd. Wenn 
aacli nicht alle, so klagen doch sehr viele an 
N. Leidende über Schmerzen in der Nieren- 
gegend, welche gegen die Blase, g^en die 
SchenkelaoBstiahlenanddarchErschÜtteningen 
des Körpers — Lanfen, Fahren, Reiten etz. 
whr verst&rkt werden. 

2. Ftrioditdte Hätmditrit. Dieselbe iat dann 
fllr die Diagnose sn verwerten , wenn neben 
derselben heftige Schmerzen ^ Nierenkolik 
— bestehen. 

3. Abgang vonMäneren oder größertn Mengen 
von »andarügen oder etwa« größeren, etwa 
mtAnkom- oder linsen- bis erbsengroßen Körnern 
mit dem Harne, welche aich sla Sediment 
niederschlagen. 

4. DU Niermsteinkolik (s. a. ^Nieren- 
kolik'). Diese ist das wiclitigäte Symptom 
derN., Sie tritt dann ein, wenn der Stein bei 
seiner Wanderung ans der Niere oder dem 
Nierenbecken im Harnleiter anf ein Hinder- 
oie trifft, oder wenn das Lamen des Harn- 
leiters darch den Stein verstopft wird. 

Ein solcher Kolikanfall tritt znweilen plötzlich 
mitten im besten Wohlsein ganz anerwartet, 
nicht selten mitten im Schlafe, ein, oder er 
ist darcb Erschfttternngen dea Körpers — 
Fahren, Lanfen, Beiten, Springen — hervor- 
gerufen worden. 

DerSchmeraisthierbeiaofierordentlich heftig; 
er hat sunen Sitz in der I^endengagend, strahlt 
bngE der Dreteren g^sn die SchoSfoge ans, 
wbroitet sich aber aach zaweilen gegen den 
Obwscbenkel oder gegen den Racken. Die 
Schmersen sind mit groBem Angstgefühl ver- 
banden, die Kranken sind kollabiert, ihr Oe- 
Bcht bleich, mit kaltem Schweifi bedeckt, der 
Pnk ist klein , HAnde und FuQe sind kühl. 
In manchen [Uten gesellen sich Cblichkeit 
and Erbrechen hinxn. Trotz heftif;em Drange 
■fl die Urinsekretion sparsam, zuweilen kommt 
•• znr Annrie. Letzteres ist nicht nur der Kall, 
wenn b^de Ureteren dnrch Steine verstopft 
nnd oder wenn überhaupt nur eine Niere vor- 
banden ist, sondern andi bei einseitiger Er- 
kranknng; der FnnktionsaasfsU der gesnnden 



Niere ist dann als reflektorische Annrie 
za verstehen; wird die Verstopfung dea Ham- 
eiters nicht behoben, so kann llrtlmie eintreten. 

Wird die Harapasaage frei , so tritt reici- 
liche Hamentleernng ein und die Patienten 
können binnen kürzester Zeit oft sehr gmSe 
Mengen Harn ansscbeidan. Die Kolik hört anf, 
respektive die Schmerzen nehmen ab and 
verschwinden mit Darchtritt des Steine« in 
die Bhue vollkommen, in anderen Fftllen hören 
die Schmerzen nur zeitweise anf, exazerliieren 
aber wieder. 

Der Anfall geht meist in einigen Stunden 
vorüber und danert selten über 24 Stnnden. 
Diese Anftdie wiederholen sich bei den an N. 
Leidenden oft dnrch mehrere Jahre, oft wfthrend 
dea ganzen Lebens. 

Bei der Untersncbnog der Nieren und der 
Ureteren findet man die Nierengegend gegen 
Bertlhmng sehr empfindlich , manchmal ist 
auch aknte Erweiterung der Nierenbecken and 
der Ureteren vorhanden. In seltenen F&llen hat 
man den im Ureter eingeklemmten N. von der 
Scheide oder dem Rektum ans oder mittelst 
Kathetern palpieren können. Nur ein geringer 
Teil der Nierensteine — Oiahit- und Phosphat- 
steine h&nfig, nicht immer; HarrisHurei^teine 
niemals — ist auf der Köntgenplatte 
sichtbar. 

5. Das Vorhandensein von Pyelitis. Diese 
kann eine einfache katarrhalische oder eitrige 
sein. Der Harn enthalt in solchen Fallen Blut, 
E^ter, Epithelzellen des Nierenbeckens. 

Ist eitrige Pyelitis vorhanden, so kann sich 

IE derselben eine eitrige Pyelonephritis ent- 
wickeln, welche sich durch Schmerzen, Fieber, 
Qeechwnlstbildung, mitunter auch durch Per- 
foration nach innen oder nach anBen kundgibt 
Schmerzen in der Nierengegend, perio- 
dische Hämaturie, Kol ikanf&Ue , Ab- 
»n sundartigen oder größeren 
Konkrementen mit dem Harne. Vor- 
nsein von Pyelitis sind dieSym- 
;, auf Grund deren man die Nierenatein- 
krankheit diagnostizieren kann. 

Bebandlimg. Im Niereneteinkolikan- 
fall ist die Aufgabe des Arztes, die Schmerzen 

lindem nnd den Anfall abzukürzen. Dies ge- 
schieht durch dieselben Mittel, welche auch bei 
Gallenstein- and anderen Koliken zur Anwen- 
dung kommen, dorch Morphin, das am besten 
subkutan nnd in nicht zo geringer Dosis (001 
bis 002 u. darüber) gegeben wird, und dnrch 
lokale Applikation von Hitze (Thermophor, 
Kataplasmen n, a.). Sehr zweckmilBig ist es, 
den Patienten in ein protrahiertes, warmes 
etzen. AuBerdem wird reichlich zn 
trinken gegeben, nm durch Steigerang der 
Urinsekretion den Stein eventuell herauszu- 
treiben; was der Patient trinkt, ob Wasaer, 
Tee, Milch oder selbst Bier, ist dabei im Augen- )qIc 



165 



NIERENSTEINE. 



166 



blick von untergeordneter Badentang. Emp- 
fohlen wird der Oebranch TOn Gl<fzerin, das 
eSlöffelw«ise pnr oder in einem Olas Wasser 
in Mengen von etwa 100^ Uglich g^^ben 
werden kann; seine Wirkang ist zneifetbaft, 
eine Erhöhong der Viekosit&t des Urins dnrch 
dasselbe ist nicht nachgewieeen. Bei langdaD- 
emdem AnfoU darf in vorsichtiger Weise eine 
Dieclianjsche Beförderung der AoBtreibunge- 
bestrebnngen dnrch sanftes Massieren von den 
Nieren znr Blase hin entlang dem Ureter 
oder durch Vibrationsmassage der Nierengegend 
versacht werden; dieselbe ist nicht anbedenk- 
lich — sie kann Blntongen hervormfan oder 
heftigere AnftUe aoslöeen — bisweilen aber 
von frappanter Wirkung. 

Ein operativer Eingriff ist indiziert: bei 
Annrie, wenn dieselbe Aber 24 Stnndan dauert, 
und bei Pjelitis , wenn Allgemeininfektion 
droht (Fieber, Seh Qttelf röste). Erschöpfende 
Blutungen nnd sehr lange Daner ÜbergroBer 
Schmerzhaftigkeit, bzw. hKufige Wiederholung 
der AnfUle geben keine unbedingte Indikation 
znr Operation ; die Kätlichkeit bzw. Notwen- 
digkeit derselben muB von Fall zu Fall 
unter Berück sichti gong der individnellen Ver- 
hältnisse entschieden werden. Im allgemeinen 
soll man bei der Behandlung der Nierenetein- 
kolik nicht allzu aktiv sein und in nnkompli- 
zierten FftUen, anch wenn eie schwer sind und 
sich ungewölinlicb in die Länge ziehen, an 
der größeren Wahrscheinlichkeit eines natür- 
lichen glücklichen Aasganges festhalten. 

Nach glöcklichem AbschloB der Kolik tritt 
die zwsite wesentliche Au^be in ihr Recht, 
die Behandlung der Nierensteinkrank' 
heit, die Verhütung neaer Kolikanf&Ue bzw. 
der Bildung neuer Steine. Die Bildung von 
Steinen ist nur möglich bei si^rlicher Urin- 
menge und bei QbergroBem Oehalt des Hamas 
an der steinbildenden Substanz; daS Auskri- 
stalliaieren irgend einer Substanz aus dem 
Urin ist unmöglich bei reichlicher FlOssig- 
keitsznfnhr and gleichmäßiger Mischung der 
verschiedenen Nahrungsmittel. 

Für die Behandlung des Mierensteink ranken 
— wie überhaupt zur Prophylaxe derNe- 
phrolithiasis — gelten deshalb zwei diätetische 
Oebote: reichliches Trinken in gleichmäßigen 
Zeitabständen, von etwa 3stQndlich V« l Flttssig- 
keit , und gnt gemischte Kost , Vermeidung 
einseitiger Fleisch- oder vegetarischer Nahrung 
femer ist ein starkes Witrzen der Speisen und 
reichlicher SalzgenuB zu meiden. Genauere 
Difttvorschriften sind zu geben, wenn die Zn- 
HBjnmensetzang des Nierensteines durch Ana- 
lyse festgestellt ist. Handelt es sich um Ham- 
säniesteine, so ist die Fleischnahrmig einzn- 
schränken, während Oemüse und Früchte zu 
berorzugen sind. Rein vegetarische Rost ist 
keineswegs anzuraten; es könnte leicht ein zu 



geringer S&uregrad des Urins und dadurch 
ein Aaskristallisieren von Fhosphatkristallen 
erreicht werden, die Vermindemng hamsaurer 
Steine also zur Bildung von Phoephateteinen 
führen. V*— Vi Pfund Fleisch in 24 Stnnden 
ist deshalb zu eriauben, nur soll mit dem 
Fleisch gleichzeitig reichliche pflanzliche Kost 
gegeben werden. — Bei Fhoephatsteinen ist um- 
gekehrt die Pflanzenkost möglichst einzuschrän- 
ken nnd vorwiegende Fleiachdittt zn empfdtleu. 
— Anch bei Oialatsteinen ist reichliche Fleiadi- 
kost — etwa 1 Pfand täglich — angebracht 
Von Gemüsen ist Spinat zu verbieten, von Kran- 
potts Rhabarber, femer der GenoB von Tee, 
die sämtlich durch starken Qehalt an Oxal- 
sftnre ausgezeichnet sind. Milch nnd Eier sollen 
nur in geringer Menge genossen werden, da 
ihr reicher Kalkgehalt und ihre Armut an 
Magnesia das Ausfallen der Oxals&nre aus dem 
Urin b^4nstigl. Fette nnd UehlBpeisen sind 
in bezog auf die Vertiütung von Oialsäure- 
eteinen , wie für die NierensteinpFopbylaxe 
überhaupt indilTei«nt: in welchem MaBe sie 
zu erlauben oderznbeschittnken sind, ist von dem 
jeweiligen Ernährungszustand des Patienten 
abhängig zn machen. Anch die Znläsaigkeit 
alkoholischer Getränke ist lediglich aus all- 
gemeinen Ortlnden zu entscheiden, da mit der 
Entstehung von Nierensteinen ein direkter Zu- 
sammenhang derselben nicht bestaht 

Zur medikamentösen Unterstützung der 
diätetischen Verordnungen werden bei ham- 
saurer Diathese nnd bei Oxalatsteinen Alkalien 
gegeben, am besten in Form von natfirlicben 
Mineralwässern (Fachinger, Vichy, Biliner u.a.), 
die danemd genommen werden müssen. Die- 
selben können dnrch künstliche ersetzt werd«i; 
man kann anch einfach zum Trinkwasser kleine 
Mengen Natron bikarbonikum zusetzen, etwa 
eine Heeserspitze auf ein Olas Wasser, oder 
besser noch zn Zitronenwasser (Saft einer Zi- 
trone auf '/, Qlas Wasser mit 1—3 Messer- 
spitzen Natr. bikarbon.). Gibt man das doppelt- 
kohlensaure Natron in gröfieren Dosen als 
Pulver, etwa mehrmals täglich 1 g (eine ge- 
häufte Messerspitze), so soll die Darreichung 
bei Uratsteinen anf nüchternen Magen nnd 
etwa 4 Stnnden nach gröfieren MahlioitMi, 
bei Oxalateteinen dagegen während sowie bald 
nach den Mahlzeiten erfolgen. — Bei oxal- 
SBurer Diathese kann man auGerdem Magne- 
sium Bulfurikom (3— 4mal tftglich '/■ ff in Kap- 
Kfln) gelen. — Bei Phosphatsteinen darf znr 
Antäiienmg des Ijrins eine sehr verdünnte 
Lösung von Fhosphorsänre (1:20, dreimal 
täglich 20 Tropfen in Wasser) empfohlen 
werden; Salzsänre ist zu widerraten. Ebenso 
sind alkalische Mineralwässer zu verbieten, 
dagegen empfiehlt sich der Gebranch reiner 
Säuerlinge (Harzer Sanerbrunnen , Königs- 
qnelle o. s.). Von Kurorten, die nach Über- 



157 



NIERENSTEINE. — NIESKKAMPF. 



158 



sUndener Nierenstein kolik xa empfehlen ^ren, 
kommen in erster Linie Karlsbad, Marienbad, 
Nenenabr a. hlinl. in Betracht; Nftheres a. 
unter , Balneotherapie''. K. 

NieransyphllU. Entsprechend der all- 
gemein liblichen Einteitnng unterscheiden wir 
■nch bei der N. zweck mSGigerweise die 
.aekimdär-sfpbiU tische NephritlB" von der anf 
tertiSren Proseseen bemhenden N. Erster« tritt 
meist zngleicb oder doch onmittelbor nach 
Aaebnich der ersten Ällgemeinerscheinongen 
(Exanthem, Plaques etc.) aaf, and zwar scheint 
ee, als ob stark anagebildete E^ntheme mehr 
zu dieser Komplikation disponiert sind als die 
gewöhnlichen Formen. Ätiologisch haben wir 
die nnx beechSftigende AfTektion wohl den 
anch sonst bei Infektionskrankheiten vorkom- 
menden toxischen Nephritiden an die Seite zn 
setien ; durch Ansiedlang der SpirochSten selbst, 
insbesondere aber dnrch Anascheidang ihrer Ab- 
snnderQDgsprodakte mögen diejenigen Veran- 
demngen der kleinsten OefliBe, vor allem der 
Glomernlnsschlingen znstande kommen, welche 
wir als Drsacbe der za sapponierenden Schädi- 
gung der Nierenepithelien und der abnormen 
DorchlBssigkeit der OenBwftnde für das Blut- 
eiweiß ansehen rnttssen. Die ü^ymptomatolt^e 
der syphilitischen Nephritis anterscheidet sich 
nnr in 2 Punkten von der gewöhnlichen : einmal 
dorcli die ganz abnorm groSen EiweiQmengen, 
welche sic^ im Urin finden können — doch 
nicht brauchen, im Gegenteil scheint in den 
meisten F&llen der Älbomengehalt das übliche 
MaB nicht zu aberschreiten — ; Earruut» be- 
richtet bei einem sehr sorgfiütig beobachteten 
Falle Ton 7— 86'/o Eiweifl, DtscouBT sogar 
von 13'77f- Ein zweit«B Cbarakteriatikam der 
syphilitischen Nephritis ist gegeben dnrch den 
prompten Erfolg der spezifischen Behandlnngmit 
(jnecksilber, die man, am dies hier gleich vorweg 
in nehmen, zwcckmKßigerweise mit kleinen 
Dosen Hg b^innen wird, um erst dann, wenn 
die Toleranz des Organismns dem Heilmittel 
gegenüber erwiesen ist, die vollen Dosen in 
Anwendung zn ziehen. Die N. kann sttlrmisch 
oder mehr schlnchend einsetzen und es können, 
at^esehen von dem Drinbefnnd, alle Zeichen 
einer Nierenentz&ndung fehlen. In praktischer 
Hinsicht scheint daher der 8chlaB gerechtfer- 
tigt, einerseits in allen F&llen rezenter Lnes 
die Hamantersnchnng nicht zu verabsaamen, 
andrerwnts bei unklaren FftUen ron Nieren- 
eutzandimg anch die Lues als ätiologischen 
Faktor mit in Rechnung za ziehen. ~ - Die 
terti&re N. wird sich als solche, falls nicht 
das Bestehen anderer syphilitischer Stigmata 
onseinen entsprechenden Fingerzeig gibt, kaum 
jemals diagnostizieren lassen. Wie bei allen 
Uanifeatationen der Spätloes mUs»en wir anch 
hier diffns interstitielle und goiomöst! Prozesse 



an terscheiden. Erstere ftuBem sich klinisch, 
wenn sie Überhaupt so ausgedehnt sind, dafi 
sie Symptome machen , anter dem Bilde der 
chronischen Nephritis, letztere je nach ihrem 
Sitze und ihrer Oröfle als Nierenbecken- 
oder Kindentamoren. Bei Verdacht auf N. ist 
selbstverständlich eine sehr energiachs kombi- 
nierte Jod-Qnecksilberbehandlnng am Platie. 

ÄLEXANnEK. 

Nlerentaberlmloie. ist die n. eine 

Teilerscheinung allgemeiner Miliartuberknloee, 
so tritt kein f&rsie charakteriatisches Symptom 
auf. — Anch die chronische N. kann faei 
Freibleiben des Nierenbeckens symptomloB 
verlaafen. Die sichere Stellung der Diagnose 
wird durch den Nachweis von Tuberkelbüillen 
im Harne ermöglicht, anch muB man (zysto- 
skopisch) featstellen, daS die Bakterien nicht 
aus der Blase stammen. Allerdinga kann es 
vorkommen and kommt in der Mehrzahl der 
(iLlte vor, dafi Blase und Niere' zugleich er- 
krankt sind; dann werden Schmerzen, Schwel- 
lung in der Nierengegend, eventuell Auffangen 
des za antemnchenden Harnes aus dem Dreter, 
znr Diagnose fUiren. Jede bartn&ckige Zystitis 
mit saurem Harne bei jugendlichen Individuen ■ 
ist verdachtig, N. pflegt mit den bekannten 
klinischen Symptomen der Tnberkalose ein- 
herzagehen, abendlichem Fieber, Nachtschwei- 
fien, Anämie, Abmagemng. In zweifelhaften 
Fällen wirdman eine Tuberkulininjektion appli- 
zieren. Die Reaktion ist positiv, wenn nach 
Injektion kleiner Dosen Fieber and vor allem 
Schmerzen in der Nierengegend auftreten, die 
vorher nicht vorhanden waren. (Im übrigen 
s, , Nierendiagnostik, fanktionelle"). Bkaitk. 

NiWkrftllipf (Stemutatio konvulaiva, 
Ptarmua, Koryza spasmodique) besteht in an- 
fallsweise auftretenden , gehäuften Anfallen 

Der N. kann ans sehr verschiedenen Ur- 
sachen entstehen. In einigen Fällen allerdings 
kann eine Ätiologie nicht nachgewiesen werden, 
besonders bei nervöaen Individuen, Hysteri- 
Bchen naw. In anderen Fällen können Schädlich- 
keiten, welche die Naaenschleimhaut direkt tref- 
fen, wie z. B. dauernder Aufenthalt in Ranch 
und Staub, den N. hervorrufen, während sich 
dcreelbe anderenteils auch reflektorisch durch 
Erkrankung anderer Körperteile entwickeln 
kann, z. B. durrli Erkrankungen der NaM 
selbst (Polyp, Hypertrophie der Muscheln), so 
daß in keinem Falle eine genaue üntersuchong 
der Nase verabsäamt werden darf. SchlieSlich 
mu8 auf die von B. Fsankkl gemachte Be- 
obachtung hingewiesen werden , der einen N. 
dnrch Entfernung der chronisch geschwollenen 
Tonsillen beNelttgte, nachdem er jedesmal durch 
Berührung der TonEiille mit der Sonde einen 
N. auszulösen vermocht hatte. C~"oOolc 



im 



NIESKBAMPF. — NYKTALOPIE. 



tw 



Der N. ist in höherem Orade ein anfieror- 
deutlich qnalTollea Leidea, das darch die be- 
hinderte Nafanuigsanfnahme infolge des fort- 
währenden Niesens scblieBlich zu bedenklichen 
ErBchQpfnngaznstftnden fObren kann. 

Wimkh:hkid. 

Noma, üesichtsbrand, Waseer- 
krebs, ist ein höchst rapid nm sich greifender 
gangränöser ProzeS, welcher inder Regel im An- 
^ichl^:i^e an eine schwere Allgemeinerkrankiing 
die Manduchleimliaat befällt and rasch fort- 
schreitend Weichteile and Knochen in großer 
Ansdehnnng verschorftund zerstört. DieKrank- 
lieitbeftlltEnmeist Kinder, insbesondere schlecht 
genährte, doch sind auch Erwachsene von ihr 
nicht verschont; man beobachtet sie zumeist im 
Oefolge von Masern, Scharlach, Typhös. Pnen- 
monie und Keachhnsten, Sie beginnt in der 
Regel am Zahnfleischrande in Form der ,Sto- 
makaze", doch sehr bald zerffillt das Zabn- 
tleiach za schwarzen, gangränöaen Massen, der 
ProzeU pflanzt sich von da anf die Wangon- 
Echleimhant fort, wo sich ein derbes Infiltrat 
entwickelt, welches sehr bald brandig zerfUUt, 
and so schreitet die Zerstörnng immer weiter 
fort, die ganze Wange, manchmal aucli die 
Haut der Nase and der Aagenlider sowie 
aach das Periost mid die Knochen zerstörend. 
Dem Monde entströmt ein aasbafter Geruch, 
es besteht ein kopiöaer Speicheltlafi, Die Kinder 
fiebern mitunter stark, manchmal auch nicht, 
doch ver&llen sie sehr rasch nnd gehen an 
Kollaps zngTQDde. In selteneren F&llen be- 
grenzt sich die Gangrän, die Kinder erholen 
sich, es bleibt aber ein groBer Sobstanzver- 
lost znrttck, der nicht allein eine Entstellong 
des Gesichtes, sondern auch erhebliche Funk- 
tionsstömngen beim Sprechen, Elssen nnd 
Trinken Terorsacht. — Ätiologisch wird nach 
den neaeHt«n Forschungen ein speziüsches Bak- 
teriDm,vielleicbt dassel be.wclchesdenHospital- 
brand hervorruft, als Ursache angesprochen. 

Therapie. Prophylaktisch sind bei Kindern, 
welche an einer der genannten Allgemeinaffek- 
tionen erkranken, strenge aUgemelne hygienische 
Maßnahmen za ergreifen, insbesondere aber 
soll der Reinigung des Mandes eine besondere 
Soi^falt zugewendet werden nnd dies um so 
melir, wenn sich eine Entzündnng des Zahn- 
fleisches mit znnderartigcm Zerfall desselben 
zeigt. Da sind starke Antiseptika am Platze 
and ist nach dieser Richtung das reine Per- 
hjdrol Merck zur Bepinselang des Zahnfleisches 
sehr zu empfehlen. Zeigt sich eine gangr&nöse 
Schwarzt^rbung. moB die betreffende Stelle 
energisch mit dem Paquelin oder mit dem 
Oalvanokanter bis in das gesande Gewebe 
hinein verbrannt werden, und dann lege man 
auf dieselbe Watteb&nsc beben, welche in Ghlor- 
wasser, KarbnllÖsung oder in 10°/, Perhydrol 



getaucht waren. — Man verabreiche eine 
kräftigende Kost nnd Analeptika, bei erschwerter 
Deglatition per anam. — Hat sich der Zer- 
störungsprozefl begrenzt, gelangen die Patienten 
in die Rekonvaleszenz, kann man daran <tenken. 
die entstandenen Gewebsdefekte durch plastische 
Operationen zu decken; dieiielben nollen aber 
erst nach vollkommener Ausheilung des l.okal- 
prozesses in Angriff genommen werden, da 
man nicht selten noch wahrend der Rekon- 
valeezenz ein Wiedeianfflackemder gangrinöaen 
Zerstörang zn beobachten Gelegenheit hatte. 
Roth. 

HOIIK wnrde eine Krankheit genannt, von 
der in den Tagesblattem im Winter 1889/90 
viel die Rede war. Sie trat fast nur an der 
ÖBterreichisch-italienischen Grenze anf, wahrend 
in Deutschland nurein einziger Fall(inSchlesienl 
beobachtetwurde. Die Krankheit entstand immer 
im AnschlnB an Influenza schwerer Art, von 
der die Patienten sehr mitgenommen waren, und 
zeigte sich vor allen Dingen in Form cinea 
tiefen, andauernden Koma, da.4 einige Male 
auch unter Delirien zum Tode geföhrt haben 
Efoll. Sektiousbe richte liegen nicht vor. 

Es handelt sich bei der N. wahrscheinlich 
entweder am eine Influenza mit besonders 
heftigen, allgemein zerebralen Symptomen, 
weswegen Ebbtkih den Namen ,. Grippenkoma '' 
vorschlägt, oder um eine Komplikation von In- 
fluenza mit Meningitis, Differentialdiagnoslisch 
ist femer zu berücksichtigen, daß" auch liei 
Hysterie solche Fälle von Schlafsucht vor- 
kommen. WfNUSl'HKIIl. 

NonnensaiUeD e. Bmit de diabU. 

Nyktaiopie {^ Kacht, ixa<i( bUnd. 

ü'^ Sehen). Bei der N. ist im G^ensatze zar 
Hemeralopie (s. d.) das Sehvermögen bei 
herabgesetzter Beleuchtung beeser aU bei ge- 
wöhnlichem Tageslicht oder greller ktinstlicher 
Beleacbtong, beziehungsweise aach normal. Sie 
ist Begleiterscheinung genieser Erkrankongen. 
wie Albinismns, Mydriasis, Irideremie. Kata- 
rakta ineipiens etz. Wir finden sie zuweilen 
hei hysterischen und nervösen Personen und 
bei solchen, die lauge des Lichts entbehrt 
haben (Kerkersträflinge). 

Therapie. Prophylaktisch Tragen von 
Schutzgiäsern anf Gletschern, großen Schnee- 
feldem . überhaupt auf stark reflektierenden 
and grell beleuchteten Flächen, resp. bei allen 
Beschäftigungen, bei welchen sehr grelle« in- 
tensives Licht (Bogenlampen, Hochöfen etc.J 
das Auge schädigen kann, Behandlung der 
Neurosen , Vermeiden von plötzlichen I.icht- 
kontrasten. — Die Therapie besteht in 
einer streng nnd methodisch durchgeführt«!! 
Dnnkelknr (oft genttgt schon ein mehrtägiger 



161 



NYKTALOPIE. — NYSTAGMUS. 



Aaieathalt im Don kelz immer) und in der all- 
mählichen Oewöhnang nn Licht, im Tragen 
von rauchgranen GlHBem. in Strichnininjek- 
tionen wid in der Applikation dea galTani- 
ithen Stromes; bei gewissen Formen, welche 
als AnSsthesi« der Ketina anfgefaSt werden 
nnd dnrrh AoBmie etz. bedingt sein können, 
werden Martialta nnd Tonika am Platze sein. 
ht die N, dnrch eine zentrale TrQbnng der 
Linse bedingt, so wird die Beseiti^titig diesea 
optischen Hindemisees angestrebt, resp. eine 
Iridektomie ausgefQhrt werden, 

KöSiaSTEIN-TElCB. 

HyStelfBlIlS (Angen zittern) bezeichnet 
fortwährende, nnwiUkUrlicbe, rasche, pendelnde 
Bewegungen zumeist beider Angen nach rechts 
and links oder oben and unten (N. ossillatorins 
borizontalis sive vertikalis) oder in Raddre- 
hnngen nm die sagittale Achse (K, rotatorins). 
Znmeist sind dabeidiewillkftrlii^hen Bewegungen 
der Angen unbehindert, die sobjektiven Be- 
schwerden gering oder fehlend. Der N. ist 
entweder angeboren nnd dann mit hochgradiger 
Schwachsichtigkeit, Strabismus, Albinismasetz. 
verbanden oder in IrilheEler Kindheit erworben 
darchllomhant- oderLinsenträbnugen | Blennor- 
rhoea neonatoram), hochgradige Kefraktions- 
anomulien, Betinitis pigmentosa etz. In vor- 
gerückterem Alter auftretend, ist. N. gewöhnlich 
der Vorläufer oder ein Symptom von Oehirn- 
nnd Kitckenmarksaffektionen , namentlich der 



multiplen Sklerose, eine Folge von ScbBdel- 
verletzungen etz. Endlich beobachtet man N. 
bei Arbeitern in Kohlenbergwerken infolge der 
eigentümlichen Stellang, welche hei der Ar- 
beit eingenommen wird, der schlechten Be- 
leuchtung nnd der ongfinstigen Lebenshedin- 
gnngen (Anämie), gewöhnlich in Verbindung 
mit Hemeralopie. ^ Auch gewisse Ohren- 
affektionen (MKNiiuiKsche Krankheit) sind mit' 
unter von N. begleitet. 

Therapie. Bei angeborenem N. ist jede 
Behandlung nutzlos. Bei den erworbenen Formen 
ist zonftchst wenn tnnlich die erhot>ene oder 
angenommene Ursache za beseitigen, Ist der 
N. infolge von Sehstörungen entstanden, so 
kann der Zitterkrampf, wenn das Sehver- 
mögen sich gebessert hat, von selbst ver- 
schwinden; wir werden daher alle jene Maft- 
nalimen treffen mOssen, um auf medikaman- 
tösem (Strychnin) oder operativem Wege 
eine Kräftigung der Sehschärfe in erzielen, 
respektive eine veränderte llefraktioii zu 
korrigieren. Beim N. akqnisitus der Kohlen- 
hergwcrkarbeiter ist nur der Wechsel der Be- 
schäftigung von Erfolg. Untersliilzt wird das 
lleilver&hren durch Augenruhe, kräftige Kost 
nnd Itoborantia. Bei N-, der als Lokali sations- 
leichen für G ehi merk ran kungen oder der 
multiplen Sklerose dient, selbstredend dieselbe 
Behandlung wie für das verursachende Leiden. 

KrmiOSTKIK-TKirH. 



lanimiltcIiM Leiiknn 



zsamGoogle 



Oberarm- und Obwruhenkel- 

ItraOh eta. a. Frakturen, Lai&tionen. 

Oberkiefor b. Kiefer. 

Obfllitaa g. Fettaaebt 

Obltknren. Vod den rerschiedenen Obst- 
aorten werden besonders die AVeintraaben 
□Dd die Zitronen in Form von diätetischen 
Kuren verwendet. 

Bei den Traubenkuren wird der Saft 
nnd das Fleisch der Trauben genossen. Der 
Tranbensaft wirkt hauptsächlich darcb seinen 
Gehalt an Zncker (10— 337„) diuretisch und 
leicht abführend. Man verordnet die Traubenkur 
bei leichter Obstipation und gibt zirka 3 kg 
TraDl>en im Tag. Die Diät sei in der Zeit der 
0. eine vorsichtige; alle fetten Speisen, Biet, 
grobes Brot und Salate sind za verbieten. 

Besonderes Ansehen für die Tranbenkuren 
besitzen gewisse Orte wie Bozen, Montreux, 
St. Gosrsliansen etz. 

Die Zitronenkur wird besonders gegen 
Steinleiden((:holelitbiasiE,Nephrolithiasis)Bowie 
gegen Gicht und Fettsacht angewendet. Es 
wurde jedoch durch Versuche festgestellt, daS 
die Zitronensäure weder in den Urin über- 
geht, noch auch den Stoffwechsel im geringsten 
beeinfluBt. 

Die Zitronenknr wird in der Weise ausge- 
ftkhrt, daß man dreimal täglich eine Stande 
nach der Mahlzeit den Saft von einer oder 
mehreren Zitronen frisch ansgepreBt in einem 
Glas Znckervusser nehmen lliQt. Milch und 
fette Speisen sollen wilhrend der Knr vermieden 

ObltiintiOIl. Unter 0. versteht man 
die Betention nnd Anhäufung von Kot- 
mas^en im Dickdarm. Dieser Zustand kann 
anf ganz \ei'whiedonen Ursachen beruhen, 
weshalb gerade bei seiner Behandlung, 
wie wohl selten in der Therapie, der Grund- 
satz Gültigkeit besitzt, daß in erster Linie 
die Indikatio kansalis Berücksichtigung ver- 
dient. Man kann eine akute und eine chro- 



nische 0. onterscheiden. Die erstere, die 
nur TOrfkbergehend zn Beechwerden Veran- 
lassung zn geben pflegt, wird zumeist durch 
eine nngflnstige Verftndemng der bisherigen 
Lebensweise (sitzende Lebensweise , Bettanf- 
entbalt, UntBLtigksit) nnd Gewohnheiten (Dber- 
anstrengang, Heise, gemfltlicbe Aufregungen), 
sowie hauptsächlich der bisherigen Ernäh- 
rung (zn Stic kstotlifei che Kost, ungenflgende 
vegetabilische Kost, ungenügende Absorption 
von Getränken) veranlaßt ; außerdem kann 
sie eine vorübergehende Teilerscheintmg i-er- 
echiedener akuter Krankheiten , wie fieber- 
hafter Exantheme, Typhus, Meningitis, chro- 
nischer Hjdrokephalns n. a. m. sein. Mit der 
Beseitigung des nraäcblichen Momentes oder 
aknten Gmndleidens pflegt auch die akute 
O.von seibat binnen kurzem vorikberzagehen. ~ 
Mehr Bedeutung gewinnt dagegen die chro- 
nische oder habituelle 0., die andauernde 
NeigungzurStahlverstopfnng, Dieverachiedenen 
Momente, die sie zur Folge haben, lassen sich 
zusammenfassen unter die Gesiclitspuakte: 

1. Störungen der Motilität des Darmrohres, 

2. Störungen der Sensibilität deaaelhen, 3. Stö- 
rungen der Sekretion imd 4. angeborene 
oder erworbene mechanische Hindernisse. Die 
meisten Fälle von chronischer Stuhl Ver- 
stopfung werden nnter die erste Kubrik fallen 
nnd auf Störungen der Motilität des Darm- 
traktns znrückznfiUiren sein. Diese Störungen 
können aber wieder ganz entgegengesetzter 
Natur sein nnd entweder in einer paralytischen 
oder spastischen Beschaffenheit der Darm- 
wandung, insbesondere ihrer Muskulatur be- 
stehen. Der erstere Zustand, die Erschlaffung 
oderAtonie des Darmes, wird bedingt durch 
chronische Entzündungsprozusse der Schleim- 
haut und Atrophie der Muskulatur infolge 
chronischen Magendamikatarrhs , chronischer 
AfCiiktion des Peritoneums , ferner dnrch 
venöse Kongestion bei Herz- und Nierenleiden, 
Arteriosklerose, Zirrhose, Hämorrhoiden, über- 
haupt hei allen Leiden, bei denen die Zirku- 
lation Bverhältnis,se im Unlerleibe schlechte 



OBSTIPATION. 



166 



sind, durch kllgemeine KörpenchwIkchB, Btot- 
annat, Bachitis, Entkr&ftaDg infolge 
Onanie eb.; weiter wird Atonie de« Darmee 
beobachtet im Zosammenhange mit einer Ri 
nervöser ZnEt&nde, teili oi^aniscber (B: 
and BQckenm&rkaleiden) , teils fanktionellei 
(Neoraathenie, HjBtaria,* Melancholie, Hypochon- 
drie) Natur, bei alten Lenten, bei Lenten, die mit 
den Gehirn tkbennäBig arbeiten, n, a. m. Dia gp a- 
■tische Form der 0. wird durch Qiftwirkimg 
hervoifiemfen (Bleikolik) oderdoreh mecha- 
nische Beizimg der DanumoBkolatur durch die 
gestant«n Eotmaaaen selbst (Sterkoralkolik, 
Windkolik); sie steht in manchen Fällen mit der 
mokomembranOBen Kolitis im Znsammenhange, 
sie kann auch eine Teileracheinong der sdion 
angeführten Neurosen nnd Fsychonenrosen ana- 
machen. 2. Eine weitere Ursache tax babitneUe 
Terstopfong kann An&stheaie der Schleimhaut 
dos Rektums, d. h. ünempfindlichkeit der Maat- 
darmschleimhaat fär die omschlossenen Eot- 
masaen sein, wodorch die reflektoriache Er- 
regnng des Lsrator ani ausbleibt und dieser 
der Untätigkeit verfällt. 3. Mangelnde Sekre- 
tion des Darmes, iosbesondei« dea Dickdarmea, 
der Leber, des Pankreas, anch gelegentlich 
Folyarie, Erbrechen, QbermILBige Transpiration 
sowie IjiktatioD können eben&La nrsftchliche 
Momente abgeben , insofern die Eotmassen 
nngenOgende FIQssigkeit erbalten und daher 
eingedickt werden, verhärten. 4. DaS schlieB- 
lieh anch mechanische Hindernisse im Darm- 
rohr Verstopfung hervorrufen, liegt auf der 
Hand. In solchen fUlen handelt es sich ent- 
weder am angeborene (entwicklangsgeschicht- 
liche) VerhUtnisae — hierhin dhrfte anch die 
habitaelle Verstopfong bei Sänglingen infolge 
bedeutender Lftnge des unteren Teiles des 
Dickdarms und tiefer I>agerang im Becken 
zu rechnen sein — , oder um erworbene Hin- 
demisse, wie Geschwülste der Darmwandnng, 
narbige Striktnren infolge von Darmgeschwü- 
ren. Ketroflexion das Uterus n. a. m. 

Die Heilmittel, die nna EnrAeAandiim^ der 
habituellen 0. lur Verffignng atehen, lassen sich 
nach deni Orte ihrer Anwendiwg in 3 Gruppen 
teilen: 1. in physikalische Heilmittel, die von 
außen einwirken, 2. in solche, die per os ge- 
nommen, und 3. in aotche, die per rektnm ap- 
pliziert werden, — Zd der ersten Grappe zählen 
Hydrotherapie, Massage nnd Elektri- 
zität. Alle drei Faktoren sind von gleich hoher 
Bedentnn° nnd werden am besten immer 
gleichzeitig znr Anwendung kommen. Die hy- 
dropathischen Prozeduren werden zu berOck- 
sichti^en haben, ob die atoniscbe oder spasti- 
sche Form der 0. vorliegt: Im erateren Falle 
werden erregende , im zweiten beraiiigenile 
Ver&bren am Platze sein. Anregend anf die 
Darmperistaltik wirken kalte UmBchtftge anf 
den Unterleib, kalte Strahlen d oschen . anch 



schottische Wechseid Qschen auf das BpigaBtrinm, 
ktthle Sitzb&der, kalte Dnschen anf daa Peri- 
neum, beruhigend in dem oben angegebenen 
Sinne dagegen warme Kompreaaen in Form 
des NeptongOrtels, Begendnschen von 28 — 31°B 
auf den Unterleib, lauwarme Sitcb&der, Ein- 
packnngan atz. Mit diesen lokalen Prozeduren 
wird man eine allgemeine Kräftigung des Nar- 
venaystems durch Vollbäder, Abraibnngea usw. 
kombinieren. — Qleich&lls vonOgliche Dien- 
ste leistet die Massage nnd Gymnastik, die 
eratere in Form von Streichongen nnd Kneton- 
gen, weniger von Drücken, Klatschen nnd Er- 
schQtteruDgen, die letztere in Form von Frei- 
oder Zimmergymnastik, schwedischer Beil- 
gymnastik n. a. Dia Massage verfolgt den 
Zweck, einmal mechanisch den Darminhalt 
weiter zu befördern, sodann aber auch die 
Sekretion der Verdannngasäfte zu at^gem, die 
Zirkulation im Darme za erhöhen und die 
Periataltik anzuregen, achlieälich anch noch 
die Bauchmusknlatur zu kräftigen. Die Gym- 
nastik soll in fthnlicber Weiaa wirken; daher 
sind hier solche Verfobren zu bevorzugen, 
welche die Bauch- nnd Oberachenkelmuskulatur 
anstrengen, wie Kniebeugen, Sägebewegungen, 
Axtbauen, Rumpfbeugen, -wenden nnd -kreisen 
u. a. m. Zur Oymnaatik sind anch die ver- 
schiedenen sportlichen Leietnngen, wie Mar- 
schieren, Reiten, Radeln, Rudern, Bergsteigen, 
Kegeln etz. zu rechnen, die unter Umständen 
schon allein recht gnte Erfolge anfweiaen. ~ 
Als dritter wichtiger Faktor ist unter den 
physikalischen Heilmethoden die Elektrizität 
zn nennen. Ftlr gewöhnlich genögt die Fara- 
disatioQ der Bauchdecken; die eine Elektrode 
sitzt auf der Lendengegend anf, die andere 
in genügender Oröfie stabil anf dem Unter- 
leibe oder wird in Gestalt einer Masaierrolle 
auf demselben hin und ber bewegt. Die Strom- 
stärke muB so atark gewählt werden, dafl sie 
deutliche Kontraktionen und Erschütterungen 
des Unterleibes hervorrnft. lo ähnlicher Welse 
wendet man den galvanischen Strom (schwache 
Ströme von kurzer Dauer, eventuell auch 
VoLTAScbe Alternativen) an; man kann ibn 
auch niit dem faradiachen Htrome kombinieren. 
Anch die Einführung einer Mastdarmelektrode, 
wobei die andere Elektrode auf den Unterleib 
liegen kommt, liefert bei Anwendung des 
^•alvanischen Stromes ganz vorzugliche Resul- 
Im AnschluQ an die physikalischen 
Heilmethoden möge anch die Suggestion 
Erwähnung finden, die unter Umständen ein 
wertvolles Hilfsmittel abgeben kann. Die Ge- 
wohnheit, zur bestimmten Tagesstunde aufs 
Klosett zu gehen und dort, abgelenkt durch 
Lektüre oder den GentiB einer Zigarre, einige 
Zeit der Abwicklunj: des natürlichen BedUrf- 
s zu widmen, zeigt, wie sehr der Stuhl- 
gang von dem Willen abhängig ist. Sei 



\sle 



167 



OBSTIPATION. 



168 



treffend bemerkt Tkoi'eseal- : Der Wille iet 
ein Faktor, welcher, mit Ansdaiier nnd Ge- 
dald in Tätigkeit gesetzt, über die Yeratop- 
fang za trinmphieren imstaade iet. — Von <len 
Heilmitteln, die per ob in Anwendung kom- 

Eb bedarf keines Hinweises, daB diese bei 
der Behandlung von chronischer (I. in erster 
Linie za regeln ist. Feste Vorschriften lassen 
sich in dieser Hinsieht nicht aufteilen, jeder 
Fall muü fnr sich betrachtet und individaell 
behandelt werden. Bei Personen, die die Anf- 
nahme fester Stoffe meiden, wird man dar- 
auf dringen , daB sie sogenannte derbe Haus- 
mannskost genießen , nnd uoigekehrt bei 
Pefsonen, die ihren Magen and Dann durch 
reicli liehen UenuB von schwer verdaulichen 
t^peisen überladen , wird man die Nahrnng 
vereinfachen. Die Nahrungsmittel, die im be- 
sonderen in Betracht kommen, lassen sich 
nach Boas in drei Gruppen unterscheiden, 

1. in solche, die KUckstande im Darm hinter- 
lassen und dadurch mechanisch- reizend wir- 
ken. Hierzu gehören in erster Linie die Ge- 
müse, wie Karotten, Schoten, Spaigeln, Rü- 
ben, Kohl. Spinat, Salat, Makkaroni. Linsen, 
Erbsen, gröne Bohnen, niehlhaltige Gerichte, 
Hausbrot, Pumpernickel und Orahambrot. 

2. In solche, die eine kräftige Transsudation 
in den Darm lierrorrnfen und so die Verflüssi- 
gung der Kotmassen begünstigen. In diese 
Kategorie sind zu stellen das Obst sowohl im 
rohen als im gekochten (Kompotts) Znstande, 
wie Apfel, Pflaumen, Mirabellen, Aprikosen, 
Tranben, Feigen, Datteln, Apfelsinen etz. 3. In 
solche, die durch ihren starken Gehalt an or- 
ganischen BUureu (Butter-, Iililch-, Essigsäure) 
oder ihre hohe Fähigkeit, solche im Darm zi 
erzeugen, die Peristalik anregen. Hierhin sind zr 
rechnen die öle und Fette in der Nalirnng, fer- 
ner die Buttermilch, der Lebertran a. a. m. D\( 
diätetische Behandlung der 0. verfügt aber 
noch über eine ganze Reihe von anderen Mitteln, 
die imter Umständen ganz vortreffliche Dienste 
leisten können, wie der Üeuuß von frischem 
kaltem oder heißem oder von gezuckertem 
Wasser am Holten nüchtern, der Genuß von 
Honig, Pfefferkuchen, Milchzucker, femer von 
stark gewürzten oder salzigen Speisen, wie 
Hering , Sardellen , Kaviar, der Genuß von 
Weißwein, Apfelwein, schwarzem Kaffee u. a. m. 
Auch einige Züge ans der Zigarre oder 
Pfeife auf nüchternen Magen begünstigen 
bei manchen die Yerdauimg, — Eine ahn- 
liclie Wirkung wie bestimmte Nahrungsmittel 
üben die Medikamente, die Abftkhrmittel 
aus. Man kann sie in passender Weise 
teilen; 1. in einfach mechaniscli wirkende, 
2. in cholagoge, 3. in sekretionsbef ordernde, 
4. die Darmperistaltik (Muskulatur) anregend* 
und 5. in solche, die gleichzeitig Sekretion 



und Peristaltik anregen. Zu der ersten Gruppe, 
lar in der Weise wirken, daß sie die Re- 
flexsensibilität des Darmes anregen, daher un- 
schädlich sind und längere Zeit anstandslos 
genommen werden können, zählt das Rizinus- 
und das Olivenöl. Direkt cholagog wiriien 
Podophyllin lO-OOö— 0-03 in Pillen) und Kalo- 
mel (005— 10 in Pulver). Von den Mitteln, 
nelche die intestinale Sekretion erhöhen, ohne 
indessen auf die peristaltische Bewegung ein- 
zuwirken, seien aufgeführt Glyzerin (10 bis 
iOg), Manna (5—10,9 mahtmals täglich), sowie 
ganze Schar der salinischen Abführmittel 
(magnesiahaltig die Bitterwässer von Fried- 
ichshall, Ofen, Apeiita, Munjadi-Janos, Püllna, 
Seidlitz, Seidschitz. Binnenstorf, natronhaltig 
die Wässer von Marieubad , Karlsbad, Brides 
Frankreich, Rubinat in Spanien, kochaalz- 
haltigdie von Chatel-Guyon in Frankreich). Von 
den Mitteln, welche auf die Darmmnskularis 
igend einwirken, seien erwähnt Nux vomika 
(Extr. 0-01 —002- 0-05 oder Tinkt. O'l -0-5 gi 
und Belladonna (E-itr. 001— 0-05 oder Tinkt. 
015— lOff). In die Kategorie derjenigen Mittel 
endlich, die gleichzeitig die Sekretion und die 
Peristaltik des Dannes befördern, gehören als 
milde Abführmittel Bhabarber (Rad. Rhei 
1-0-2-0), Aloe (Extr. aloes 0-05— OSo als Pur- 
gans, 0*5— l'OalsDrastlkum, Branuts Schwei- 
zerpiUen), Kaskara Sograda (Extr. Kaskarillae 
0-2— 10 mehrmals täglich), Tamarinden (Pulv. 
Tamar.dek. 5-26:1000; auch als Ess. Taniar. 
DalUnann oder Schokolade- Konfitüre Kanoldt), 
Senna (Folia Sennae ^-0—50), als stark wir- 
kende Abführmittel , sog. Drastika, Ja- 
lape (Kesin. Jalap. ()-3— O'ö), Skammoninm ha- 
lepense (0 3— 113), Gummigutti (0-01— 03) nnd 
Oleum Krotonis (OOOH-()06 vier- bis fünfmal 
täglich oder 5—10 (Juttae äußerlich zum Ein- 
reiben). Wenn es möglich ist, vermeide man 
die Anwendung innerer Mittel oder schrinke 
sie wenigstens aufs mindeste Maß ein ; auf 
jeden Fall greife man zu den Draatika nur 
im äußersten Falle. Man ziehe lieber die An- 
wendung der physikalischen Heilmittel und die 
sogleich noch zu iicsprechenden Darmirnga- 
tionen der internen Therapie bei der Behand- 
lang der chronischen 0. vor. Bei der spasti- 
schen 0, sind Abführmittel kontraindiziert ; zur 
Lösung der krampfhaften Kontraktion der 
Darmmuskeln sind vielmehr Morphin. Opium. 
Belladonna u, ähnl. am Platze. — W^as schließ- 
lich die Applikation per roktum anlangt, so 
besteht die einfachste Form der Darmein- 
gieflang (Lavament) darin, daß man mittelst 
Irrigators 1-1'/,^, bei Kindern 'U—ll lau- 
warmen Wassers, dem man zur Erhöhung der 
Wirksamkeit noch etwas Kochsalz, Seife oder 
Rizinusöl zusetzen mag, in den After ein- 
laufen läßt. Man kann dieses Verfahren lange 
Zeit (monate- und selbst jahrelang) anwenden 



OBSTIPATION. - ÖSOPHAGITIS. 



170 



und wird «a znmejst immer prompt wirken 
«ehen. IMt es einmal im Stieb , dann greif« 
man zn st&rkerer Reizong des Darmes durch 
Einspritzung von stark verdflnnt«r ßljzerin- 
lösang oder von 10—30 Tropfen reinen Gly- 
zerinfi, wozn besondere Spritzen (OruTu.iNH) 
konstruiert sind. Die Wirkung der Glyzerin- 
idjektionen ist eine sehr prompte und stellt 
sich fast unmittelbar nach der Applikation 
ein ■. leider ist dieses Verfahren oft von nnan- 
^ nehmen Nehenerscheinnngen, wie D rängen, 
Brennen und häufigem Stnfaldrang, begleitet. 
— An Stelle der Klysmen kann man auch 
i^tublzäpfchen (Suppoaitorien) ans Seife, 
Kakaobutter oder Glyzerin in den After ein- 
fahren nikl hier 10 Minaten liegen lassen. 
Eine besonders wirksame Art der Klysmen 
stellen die ölkljsmen dar. Man lUBt '/,—'/)' 
erwärmten Öles (Sesam-, Lein-, Olivenöl) uns 
dem IrrigaMr langsam in den Mastdarni ein- 
laofen und längere Zeit halten. Bei hartnäcki- 
ger O. empfiehlt es sich, die Olklysmen in ge- 
ringerer Menge (100-200 cm') als Bleibe- 
kl^^tiere über Nacht halten zulassen. Auch 
die spastische 0. wird durch ölklystiere gUnstig 
beeintlnBt. K. 

Oedama glOttldll ist eine äerßse 
Infiltration des snbmnkösen Gewebes des Kehl- 
kopfes imd sollte folgerichtig Laryniödem 
helBen. Das Odem ist eine sekundäre Erschei- 
nnng und tritt hei den mannigfachsten Pro- 
zessen auf: so bei der aknten katarrha- 
1i)<chcn EntzOndong der Kehlkopf- 
srhleirahant, sie mag genuin sein oder die 
Lokalieation eines akuten Exanthems darstellen, 
bei der Phlegmone des Larynic und 
dessen Umgebung, bei Abszessen, bei 
Geschwüren des Laryns und bei der 
Pericbondritis laryngis; ohne entzünd- 
liche Erscheinungen, in chronischer Weise ent- 
steht das ödem bei allen chronischen, mit 
Stauung der Zirkulation einhergehenden Er- 
krankungen, Nieren-, Herz-, Lebererkran- 
knngen und bei Mediastinaltumoren. 

Die Eracbeiaungen sind rerschieden nach 
Sitz nndAnadehnnng des Ödems; Ödeme, die sich 
nnran derEpiglottis oder über den Aryknorpeln 
lokalisieren, er/engen Schlingscbraerzen, solche, 
die die ary-epiglottischen Falten, die Taschen- 
bänder, die unteren F'lächen der Stimmbänder 
befallen, Atemnot, welche sich von einfach 
schweremAtmen bis znr wirklichen Ersticknngs- 
gefahr steigern kann. Auch hier, wie bei allen 
Stenosen des Kehlkopfes, Ijeohachtet man, daß 
die si-hnell entstandenen Ödeme, wenn sie auch 
nicht hochgradig sind , stärkere Atemnot er- 
zeugen als die viel hochgradigeren, aber lang- 
sam entstandenen Ödeme. 

hie Dlagnoae ist nur anf laryngoskopischem 
Wege zn stellen; man sieht an der betreffenden 



Stelle eine blasse, durchBcheinende Anschwel- 
lung, welche, wenn sie an der ary-epiglottischen 
Falte oder auf dem Taachenbande lokalisiert ist, 
in das Kehlkopfinnere hineinragt, und wenn 
dies auf beiden Seiten der Fall ist, in Form 
von 2 großen durchscheinenden Wülsten die 
Kehl köpf lieh tung verengt. 

Bei der Therapie des Ödems muß vor allem 
jede Schädlichkeit, welche ein nur mäßiges 
ödem steigern konnte, Borgn.ltig hintangehalten 
werden. Es ist somit mit grCQter Strenge das 
Sprechen zu verbieten und maß peinlichste Sorg- 
falt atifgleichmäßige Zimmertemperatur, Abhal- 
tung von Bauch, Staub usw. verwendet werden. 
Solange das ödem nur mäßig ist versnche man 
durch Antiphlogose und durch Adstringentien 
eine Abschwellung zu erzielen : Arg. nitr. in 6°/, 
Ixiaun^ mittelst Pinsel oder Schwämmchen 
t&glich einmal auf die ödematöse Schtoimhaat 
aufzost reichen, zwischendurch Inhalationen von 
zerstäubten Tannini ösnn gen abwechselnd mit 
Bromkali, Morphiumlösung (s, , Inhalation"), 
je nach Indikation des Einzelfalles kalte oder . 
feuchtwarmel'berschläge um den Hals, häufiges 
Verschlncken von Eispillen nnd energische 
Ableitung anf den Darm, die äußere Haut 
und die unteren Extremitäten. Steigt trotzdem 
das ödem undmitihm die Dyspnoe, dann mache 
man unter Leitung des Spiegels Skarifikationen 
in die ödematöse Schleimhaut, u. zw. mache 
man mehrere lange Inzisionen, worauf alsbald 
die Geschwulst einzusinken pflegt. Beseitigt 
auch diese Operation die Dyspnoe nicht, dann 
mofl die TracheotAmie vorgenommen werden. 

ÖMpbagltiB. Unter den entzündlichen 
Erkrankungen der Speiseröhre nehmen die 
akuten insofern eine Sonderstellnng ein, als 
sie, meist durch die mehr minder intensive 
Einwirkung einer chemischen Noxe plötzlich 
entfltanden, fost immer eine Teilerscheinong, 
oft die das ganze Bild beherrschende, einer 
schweren Intoxikation, meist mit einem Atz- 
gifte, darstellen. Sie haben eine große Tendenz, 
in die Tiefe zn greifen und zD Ösophagus- 
perforation (kf. d.), Mediastinalphleg- 
mone ctz. zn führen. Die Anamnese sichert, 
falls überhaupt das Sensorinm des Kranken 
frei ist tmd dieser Iwfragt werden kann, zu- 
sammen mit den sehr charakteristischen bren- 
nenden Schmerzen, die Diagnose. Esliandelt sich 
in diesen Fällen meist tun tiefgreifende Pro- 
zesse, weiche durch die ganze Mukosa hindurch 
bis tief in die Mnskolaris hinein ausgedehnt 
sind, andrerseits, entsprechend der Einwirkung 
der meist ttdssigen Noxe, in unregelmäßigen 
Streifen und Zügen anf der Speiseröhren- 
schleimhant anjreordnet sind. Jedes instrnmen- 
telle Eingreifen ist in diesen Fällen kontra- 
indiziort. Gelegentlich kann das Anlegen ■ 
Magenfiafel beliufs Kuliigstellung der Speise- 



iiseJ^le 



171 



ÖSOPRAOniS. — ÖSOPHAGOSKOPIE. 



172 



röhra geboten sein. Oft fOhrt die zagmnde 
UegeDde IntozikatioD zom kritiachen Ansgang. 
Tritt Heilung nh, bo bedeutet diese gewAbn- 
lieh keine Restitatio ad integmm , sondern 
die Entwicklung eines starren Narbengewebes 
in der Speiseröhren wand, welches, an manchen 
Stellen zirkulär umgreifend, zu erheblichen 
Terftndemngen der Lnmen verbal tnisBe(kf. 
„ÖBOpbagnserweiternng" and ,Osopha- 
gnsstriktnr") führt. 

Dieser toxischen 0. anzoacblieBen ist die 
seltene infektiöse, welche gelegentlich als 
kruppöse und diphtherische ö-, eine 
Rachen- undKehlkopfdipbtherie komplizierend, 
zor Beobach tongkommtAnchals deren Rasid uen 
sahen wir schwere narbige, strikturierende 
Prozesse. 

Demgegenüber ist die chronische 0., so- 
fern sie sich nicht gelegentlich ans einer der 
TO^nannten Formen entwickelt, meist ein 
aberaus langsam und schleichend sich ent- 
wickelnder Vorgang, der, in seiner Entstehung 
kaum beachtet^ doch zu ttoBerst quBlenden 
Symptomen Veranlasaang geben kann. Die vage 
Natur dieser Symptome, welche in leise brennen- 
den Schmerzen im Verknfe der Speiseröhre, 
in subjektiver Wahmehmang der normalen 
Peristaltik des ösophagos, in dem Qefühl 
eines verschlackten Kl oB es oder einer aof- und 
niedersteigenden Kugel , in reflektorisch-spa- 
stischen Schlnckhindemissen von unregelmäßi- 
gem Auftreten, in der unteren Kachenenge 
und an der Rardia lokalisiert, bestehen, geben 
derartige Kranke oft dem Stigma der Hysterie 
preis. Erst die modernen Untereuchungsme- 
thoden, vor allem die Osophagoakopie 
(kf. d.), ermögUchen eine Würdigung des lokalen 
Befundes nnd damit die Einleitung einer 
rationellen Therapie (kf. u.). Fast immer 
besteht gleichzeitig auagenprochene Pharyn- 
gitis, hauüg chronisclie Magenkatarrhe 
irritativen oder torpiden Charakters. 

Die Spciseröhrenschleimhaat ist dabei leicht 
gerötet und geschwollen, seltener nimmt sie 
einen mehr narbigen Charakter an und läSt 
dannösophagoskopischdentUchdle Vaskulari- 
sation ihrer Wandung erkennen. 

Eine andere Form der chronischen ö. 
tritt als Komplikatiun aller striktnrierenden 
Prozesse in den oberhalb derselben liegenden, 
meist erweiterten Abschnitten des Speise- 
rohres anf. Hier ist besonders der lange Kon- 
takt mit stagnierenden, sich zersetzenden Öpeise- 
massen der krankmachende Faktor. Rötung 
und Schwellnni;; der Speise röhren schleimbaut 
ist hier weit intensiver, oft bestellt selbst 
Wnistnng nnd seröse, gelegentlich sogar 
purulento Sekretion. 

Die Therapie der akuten 0. kann, wie 
bereits oben erwHhnt, oft nur anf die weitere 
Vermeidung von Schädlichkeiten bedacht sein. 



Dagegen eröifoet sich für die Behandlung der 
chronischen 0. durch die modernen Spiegel- 
metboden ein erfolgreichee Arbeitsgebiet. Oft 
kann durch methodische Anwendung von Ad- 
Btringentien durch die ÖBophagOBspritze, von 
Bongiernngen,inden letzte FW ahnten Formen 
auch von n^hnlfiigen Sp&lnngen und endo- 
dsophagealec elektrischer Behandlung nicht 
nur der Grandprozefi, sondern oft scheinbar 
ganz weit abliegende Symptome, weiche als 
Refleineurosen auftraten, günstig beeinfluSt 
bzw. geeilt werden. GlCckshanh. 

ötOphagOlkopie, die Besichtigung 
der lebenden Speiseröhre zu klinischen Unter- 




r 



Omfbteoakop »ch V. HIKUUCK. 

suchungs- nnd Behandlnngsz wecken, wurde 
zum ersten Male von Ki^hshaul lüGO ansgefibt, 
als ihm der Zufall in Gestalt eines Schwert- 
schlnckers ein geeignetes Objekt in die Klinik 
führt«. Systematisch ansgebant worde die Me- 
thodezn Beginn der 80er Jahrednrchv.Mmti.ira. 
Dieser bediente sich znr Ö. vernickelter, mög- 
lichst dünnwandiger, anf der Innenseite ge- 
schwärzter nnd oben, d. h. am objektiven Ende, 
schrttg abgeschnittener Metalltuben, d. h. zy- 
lindrischer Rohre von 14 mm Durchmesser 
nnd verschiedener Länge. Für den praktischen 
Gebranch verwandte er meist 3 lAngen, 16, 
26 und 46 cm. Vor der Einführung wird der 
Tubus durch einen Mandrin geschlossen: ein 
vom abgeschrägtes Hartgummiätück , welches 
an einem Metallstiele durch den Tubns hin- 
durch geführt nnd in dieser Lage festgeschraubt. 



173 



ÖSOPHAGOSKOPIE. 



174 



dem Instnuneat eiaen glatten AbschlnQ nach 
vom verleibt. 

Nach der EinfOhrang wird die Schraube 
gelSat und der Mandrin entfernt. Sodann wird 
die Lieh tqaelle, bei v.HiKuuczdasCABFusche 
Panelektroakop, Termittelat eines trichter- 
Rnnigen Zwiachenatflcks mit dem oknlaren 
Ende des tnstmmentea verbanden, etwa hin- 
dernder Schleim -oder N abrangt reate ver- 
mittelst der mit Watte armierten Tupfet^ 
tr&g«r entfernt and dann die eigentliche 
Beaichtigung angeacblossen. 

Das V. Mmt'Liczsche iDBtramentarinm 
hat non in der Hand der einzelnen Unter- 
sucher fast in allen seinen Teilen Verftndernn- 
gen er&hren. Das Kaliber des Tabns, bei 
T, iliitucz so stark, wie es den anatomiechen 
and physiologischen VerhMtnissen des tu 
passiei«nden unteren Pharynxabschnittes ir- 
gend zDgemntet werden darf, 14 mm — wnrde 
von RusRnaKiM wenig, von Killiah maximal 
verengert. Dadurch wird die üntersDcbong 
fbr den Kranken schonender, andrerseita das 
tiesichtsfeld kleiner und beengter. Das vor- 
dere Ende liell ItnsKNHEiu gerade abschneiden, 
wodurch daa Gesichtsfeld ebenfalls kleiner, 
dafür aber symmetrischer und damit die ftrien- 
tierung leichter wird. Den (Juerschnitt des 
TubuE wählte unerst Scukeiiikb and nach ihm 
Stabck oval, wodurch er sich namentlich im 
Pharymütonatriktore »teile den anatomischen 
Verhaltnissen besser anpaBt. Den Handrin 
versah Bostauaiu mit einem Weichgummianf- 
eatz, der vermöge seiner Biegsamkeit leicht 
durch einen Scblackakt des zu Untersuchenden 
in dessen Konstriktorenteil hinein praktiziert 
werden kann. An Stelle des Mandrina hber- 
hanpt nahm Stauck in den Tubus eingepaßte 
elastische Bougies. Die Tatsache, daß zwischen 
Mandrin und Objektivende des Tabus oft Un- 
dichtigkeiten bestehen, welche anter Umatjlnden 
SchleimluiutlaEionen darch den eingeführten 
Tabusrand verursachen kännen , veranlaBte 
BosKimtiiM , seinen Tnbns mit einem verdick- 
ten, aufgekrempelten Bande bauen za lassen, 
w&hresd GlOckshanh den hennetischen Ab- 
BcbluQ an dieser Stelle and gleichzeitig den 
exakten , onverachieblichen Sitz des Mandrins 
im Tabus während der Einführung durch einen 
zwischengeprelHen Gummiring er- 
reichte. 

Das V. MiKULiczBcbe Zwischenstück wurde 
von den Autoren teils beibehalten, teils ver- 
worfen. Als Lichtquelle benutzen Kiiutein und 
KiLLiAM die Stimlampe, w^rend nach Ein- 
führoDg der sogenannten „kalten", d. h. sich 
nur sehr mSBig erwärmenden MignonglUhlämp- 
eben EiKBORa und OlOckbhans unabhängig von- 
einander, aber gleichzeitig, die ursprttnglich 
bereits von v. Mikulicz verwendete, aller wieder 
verlassene Anordnung, die Lichtgnelle direkt 



in das Instrument bia hart hinter dessen 
Objektivende einzuführen, mit Erfolg wieder 
anfnahmen. 

Indessen vennocbten alle diese Instramente 
die 0. noch nicht genttgend populär za machen, 
da sie, den speziellen anatomischen and pbfsi- 
ologiscben VerfatJtniasen der oberen Speisewege 
zuwenig Rechnung tragend, in ihrer Anwendung 
fitr den zu Untersuchenden quälend waren und 
dabei kleine, schwer zu beurteilende Bilder 
lieferten. Diesem Umstände sacht ein vom 
Verfasser konstruiertes Instrument abzuhelfen. 

Ca mögen nun vorerst an dieser Stelle zom 
Verständnis einige vorbereitende 



,^ l' 



y +-" 



Bemerkaagen über Anatomie und Phy- 
siologie der oberen Speisewege ihren 
Platz tinden. 

WiLhrend die Muudhöfale and der hinter 
dieser belegene Teil des Hachens im allge- 
meinen weit sind und der EÜnfÜlirung von 
Instrumenten keine Schwierigkeiten entgegen- 
setzen, stellt der sich daran anschlieBeude 
unterste Teil des Hachens , das sogenannte 
striktorengobiet, eine nicht nur ana- 
iscbe, sondern auch physiologische 
Enge dar, und ist als solche in beziig auf 
0. die am schwersten zu überwindende 
Stelle. Hier umschlieOen nämlich die quer- 
gestreiften Muiikuli konstri' 



pbf^le 



175 



(ÖSOPHAGOSKOPIE. 



176 



ryngis, und zw&r unter ihnen besonders der 
Inferior und teilweise der Medins, die sich 
in einem trichterartigen Rohre formierende 
nntersU Phsrynxpartie. Dieser zirkalUre Ver- 
schlnfi eines mit sensiblen Endorganen ftoBerst 
reich ansgestattaten Gebietes darch nillkfir- 
liche, sehr stark reflektorisch err^bare Mnskel- 
maasen bedingt in der Norm die Umwandlung 
des Lamens in einen Querspalt dadurch, dafi 
der mit diesem Teile des Rachens dnrcb straffe 

PKT. 1»- 



h 



Bindegewehszüge verbundene Kehlkopf nacb 
hinten gezogen wird and nun mit Keineni 
massivsten Teile, der „Siegelringplattc" des 
Uingknorpela , der Vorderwand der unteren 
Halswirbel körper anfliegt. Der Eingang zu 
diesem Qaersiialt, nach hinten begrenzt von 
der der Halewirbelsftale anmittelbar aufsitzen- 
den Mnkosa - Musknlari a - Tapete , nach i'om 
durch die hinleren Teile der Ligamenta ar;- 
epiglottika, die Ary-Knorpel und das Liga- 
mentum interaiytaenoidenm , prftaentiert sich 
im larTugoskopiscben Bilde sehr deutlich. 



Beim Scblnckakt wirkt Dan die sich zd 
einer Mnlde fonnierende Zunge sowie die ge- 
samte Zangeubeinmusknlatur als Antagonist 
der PharTDxkonstriktoten und öfbiet die untere 
Pharjnxenge, indem der Kehlkopf nach vom, 
also von der Wirbelsäule abgezogen wird. 

Inwieweit diesen Verhältnissen bei Aus- 
fahrong der ösophagoskopiscben Unter- 
suchung Rechnung getragen werden mnS, 
soll später noch besprochen werden. Hier nur 
noch der kurze Hinweis, dafi mit dem unteren 
Rande des Konstriktfir pbaiyngis inferior, 
also etwa hinter dem obersten Trachealnnge, 
der eigentliche Ösophagus beginnt, ein phy- 
siologisch bis hinab zu der Stelle, an welcher 
er durch das Zwerchfell tritt, offenes Kobi, 
welches normalerweise dem eindringenden In- 
strumente keinerlei Widerstände entgegensetzt. 
Seine Wand besteht außer der von mehr- 
schichtigem Plattenepithel bedeckten Mukosa 
lediglich aus einer nachgiebigen, glatten Mus- 
kularis. Hervorstechend und charakteristisch 
ist die ganz auBcrordentliche Erweiternngs- 
nnd Dehnnngsf&higkeit der Speiseröhre. 
Diese bewirkt nicht nur in allen Krankheits- 
fHllen. welche zur Verengerung eines Abschnit- 
tes der SpeiserQhre geführt haben, mehr minder 
starke Erweiterungen der oberhalb gelegenen 
Abschnitte dieses Hoblorgans, sondern sie er- 
möglicht auch die momentane starke Au.s- 
weitnng desselben, z.B. durch grofic, harte 
Nahmngsbissen etz. Letztere Eigenschaft soll 
bei dem nunmehr zu beBchreil)enden Instru- 
mentarium in den Dienst der Methode ge- 
stellt werden. 

Das 01.0cKSilAH^8ohe Vergröflerungs- 
ösophagoskop ist nach dem Typus der 
Knopfsonde gebant , dabei zeigt es in seinem 
schlanken Langsteite. bei dem nettesten Modell 
auch in seinem zirka 5cm lar.gen Knopfteile, 
ovalen Querschnitt, wodurch es sich der ge- 
schilderten , unteren Rachen enge" nach 
Möglichkeit anzupassen sacht. Seine Achse 
bildet ein die ganae Länge des Instromentei' 
durchziehendes, ä'Smm starkes Fernrohr, dessen 
von einer Scbatzglocke umgebenes Okular 
unmittelbar der Beobachtung dient, w&hrend 
das Objektiv im Knopfteil dicht hinter den 
je eine starke Glühlampe in sieb beherber- 
genden beiden VerschluBkuppeln Am letzteren 
liegt. Neben dem Femrohr durchzieht den 
LBngsteil des Instrumentes eine feine Wa.s^4e^- 
leitüiig, welche in der Mitte dos Knopfteiles 
nach aoCen mündet, dagegen am Objektivteil 
mit einem Schlauchende armiert und durch 
einen Hahn abscblieQbar ist. Das innere Ende 
dieser Wasserleitung mündet unter einer zir- 
knlBren Gnmmimemhran, welche den , Knopf" 
umgibt, von ihm nur den vorerwähnten Kap- 
pelteil nnd auf der anderen Seite den Über- 
gang in den schlanken LSngsteit, den s(^e- 



177 



(iSOPHAGOSKOPlE. 



178 



nannten HaJs, freiUssend, und welche oben 
and nnten dorch umgewickelten Draht oder 
li^ide fest und wasserdicht an ihre Unterlage 
gepreBt erhalten wird. 

Wasserleitung und Ganunimembran atellen 
miteinander eine Einrichtung dar, welclie 
erlanbt, durch Ejnepritzen von Waaser den 
Knopf mit einem ringförmigen Wasaerkiasen 
lu umgeben nnd damit den Jeweils vor dem 







Ende des Instmmentea gelegenen Speiseröhren- 
abschnitt trichterförmig in erweitern. 

Fernerhin findet sich am okularen Ende dex 
Instrumentes eine Schraube, deren — an einer 
■Skala ablesbare nnd meHbare — Dreltung das 
Fernrohr samt einer dieses umgebenden Hitlle 
am mehrere Millimeter in der LSngsachse, 
d. b. in dos Instmment hinein , verschiebt 
Durch Gelenke wird diese Bewegung von der 
Pentrohrfafilse auf die beiden Verachlafiknppeln 
derart Dbertragen, daß diese wie die Schalen 



einer sich öffnenden Muschel auseinander 
weichen. Dadurch wird das Objektivende des 
Femrohrs freigelegt, während andrerseits die 
in den Kappeln angeordneten Glühlampen 
ihre IieuchtflächeD derart entwickeln, daß 
durch sie der vor dem Fernrohr liegende 
Speiseröhrenabschnitt erlenchtet wird. Schliefi- 
lich durchziehen den Lttngsteil des Instrumente« 
noch die isolierten, zn den Lampen fahrenden 
Kabel; oknlarwftrts in 2 Kontakten endigend, 
durch welche sie mit der Lichtquelle verbun- 
den werden können. 

Ist demnach der Ban des Instrnmenteg tat- 
sächlich viel komplizierter als der nach dem 
V. MrKnLK^schen Prinzipe konstruierten Toben, ' 
so bietet es daftir dnrch das ömal linear ver- 
größernde Femrohr ein 25fach vei^röBerte:« 
Gesichtsfeld, während sein zur Zeit der Dnter- 
enchnng die Pharynikonstriktoren ausein- 
ander dr&ngender Qaei^chnitt , wenigstens in 
der Sagittaincbse. erheblich herabgesetzt ist. 
Durch letzteren Umstand wird es, die nötige 
Technik des Untersuchers vorausgesetzt, fCtr 
den Kranken bcdentend schonender. 

Wenige Worte noch über die zur Reinigung 
des Oesichtsfeldeä sowie zur Fremdkörperex- 
traktion dienenden Ililfsinstrumente. Bedienen 
sich dazu die mit Tuben arbeitenden Unter- 
sQcher schlanker, durch das Instrument zu 
ftUirender zangenartiger Instrumente bzw, Tnp- 
ferträger. so tritt bei dem neuen Instrumente 
an Stelle der Tupferreinigung die Durch- 
sptllnng des Gesichtsfeldes mittelst eines dop- 
pellBnfigen Katheters, der an Stelle des heraus- 
nehmbaren Fernrohrs gesetzt werden kann. 
Dagegen erübrigen sich eigene Fremdkörper- 
zangen dadurch, daB die beiden Verschlnfiknp- 
peln, deren eine bei den nettesten Typen des 
„Vergrößernngsösophagoskopes'' zuge- 
scharft ist, direkt zum Erfas^n des Fremd- 
körpers — el>eD80 auch zur Ausffthmng einer 
Probeexzision — - benutzt werden können. 

Was die ÄnaftUirung der ö. anbelangt, so 
hat ihr anter allen Umstanden eine genaue 
Untersuchung des Ge^mtoi^anismns, insbe- 
sondere sorgftitige Perkussion und Aasknltation 
des Thorax, voranzugehen. Denn unter den 
Krankheiten, welche sicli oft znuHchst einzig 
durch ösopliageale Symptome manifestieren, 
dabeiaberdieO. strikte kontra indizieren, 
stehen die Aneurvsmeu der Brustaorta an erster 
Stelle. Um sie anazusch liefen, scliicken wir in 
allen nicht ganz unverdtlchtigcn Fallen der 
(>. gum eine Köntgen durch leuchtung voraus. 

Ebenso empfiehlt es sich, die Kranken vor- 
her zu laryngoakopieren, um ein möglichst 
individuelles Bild der f&r unsere Untersuchung 
so wichtigen unteren ßacbencnge zu ge- 

In Fallen eines allmfihlich sich entwickelnden . 
Schluckhinderniases ist zweckmHSig die Ent- IQ|c 



179 



ÖSOPHAGOSKOPIE. 



[etnang desBelben Ton der Zahnreihe mit einer 
Knopfionde vorher festgestellt worden, wUiread 
bei verschlackten Fremdkörpern and allen 
anderen tranmatischen Erkriuiknngen jedt 
Sondiernng vorher zn vermeiden iet. 

Die üntersnohung ist möglichst bei leerem 
Magen des Patienten, also zweckmBBig in den 
Horgenstnoden vorzunehmen. Ist dies nicht 
dnrchfBhrbar, so kann es ratsam sein, 
Magen einige Standen vorher darch SpQlang 
zn entleeren. 

Eine Narkose ist nar bei ganz ongeb&rdigen 
oder überempfindlichen Kranken nnd bei ganz 
kleinen Kindern am Platze. In allen tkbrigen 
' Filllen ist es viel angenehmer, bei erhaltenem 
BewaBtsein des Kranken zn arbeiten. Dagegen 
empfiehlt sich hier eine sorgfftltige Lokal- 
anäatbeaierang des Konstriktorengebietes 
und der Rachen- nnd hinteren Uatidpartien 
überhaupt, weniger zur Ausschaltung von 
Schmerzen, welche mit der sachgemSBen Uiiter- 
sacbtuig kaum verbanden sind, ala zur Herab- 
setzung der Überaus lästigen nnd störenden 
WUi^ereflexe. Als AnüBthetikam empfehlen 
wir nach lange ausgedehnten vergleicii enden 
Versuchen daaEnkainum laktikum (L/ 
OAHti) in läVois^r wäaeeriger Ijösong, dessen 
empfind angslos machender Effekt dem gleicher 
Kokaindosen entspricht, während wir Intoxi- 
kationen danach nie beobachtet haben. Die 
Applikation des Anästhetiknms geecliieht mit 
einem der in der I^^ryngologie üblichen Bachen' 
tapfertrftgerdnrcb einen mit dem Anüsthetikum 
getränkten Wattebansch. Es werden damit nach- 
einander das Züpfchen, der weiche Gaumen, die 
Tonsillen und Oanmenbögen beider Seiten, der 
Zangengrand, die Epiglottia nnd die hintere Pha- 
rynxwand betupft. Zum SchluB wird der Tupfer 
bei einer Schlnckbewegnng des Kranken in 
das Konstriktorengebiet geschoben, dessen An- 
ästhesiernng darauf durch einige reflektorische 
Schluck- respektive Würgebewegungen des 
Kranken erfolgt. Die eigentliche Speiseröhre 
bedarf ebensowenig wie die Mundhöhle einer 
Anästhes ierung. 

Vor der Untersuchung sind alle Zahnpro- 
thesen, Angengläser nsw, zu entfernen, ebenso 
müssen alle Kleidnngestitcke, welche entweder 
den Hals oder das Abdomen des Kranken been- 
gen, entfernt oder doch wenigstens gelockert 
werden, 

Wfthrend einige Untersacher (Ewald. Kilaus, 
Killian) die Ct. in sitzender Stellung des Pa- 
tienten vornehmen, trevorzngen wir unbedingt 
die horizontale Lagerung Undzwarnäli 
len wir nicht mit v Mikuih? die Seitenla- 
gerang , snndem mit Kiisi-vhmh u a. 
die KUckenlagc des zn Untersuchenden 
mit hängendem, zwischen den Händen eines 
Assistenten fixiertem Kopfe ond erhöhtem 
Unterkörper Denn vergleicliendc Lnterhuchun- 



gen haben nns gelehrt, daB der Kranke in 
dieser Lage am mhigiten ond relativ am 
bequemsten liegt, der Untersacher am wenigsten 

abbtLngig von Zahl nnd Schulung seiner Aaai- 
etenten ist Indessen gilt wohl hier wie bei 
anderen ftrztlichen Technizismen der Ornndsatz, 
dafi es jeder am besten in der Weise macht, 

wie or ee gelernt hat. 

Unmittelbar vor Lagerung des Kranken wird 
dieser durch einige mhige Worte über die Art 
der Untersuchung, daB n&mlich ein starres 
Instrument durch den Mand eingeführt werden 
soll, aufgeklärt. Auf diese Weise ist die Beon- 
mhigung des Kranken die denkbar geringste. 
Dagegen ist ee zweckmäßig, die Vorbereitnng 
dea Instrumentariums etz, nicht vor den Aagen 
des Kranken auszuführen. 

Erst im letzten Augenblick wird der Kopf, 
den der Aesistent vorher in etwas erhöhter 
Lage fixierte, soweit gesenkt, daB nunmehr 
die Achsen der Mundhöhle und der Speiseröhre 
einen Winkel von 180* bilden. Gleichzeitig 
wird der Kranke aufgefordert, den Mnnd weit 
zu öffnen, dagegen die Augen leicht zn scliliefien. 
Der Untersucher, hinter dem von der Seit« her 
fixiert gehaltenen Kopfe stehend, greift mit 
einem Zeigefinger in den Mund des Patienten, 
dessen Zungengrund sanft, aber gleichmäfiig 
nach oben anhebelnd. Mit der andern Hand 
ergreift er das Osophagoskop, führt dieses an 
dem eingeführten Finger entlang tastend, 
zunächst mit gesenktem Objektivende in den 
Mond des zu Uniersuchenden, um es nach 
Einführung der ersten zirka 6 cm sogleich in 
die horizontale Iiage überzuführen. Das Oso- 
phagoskop folgt also auch in seiner Richtung 
dem leitenden Finger des Untereuchers. 

Nunmehr wird, während einer Schluckbe- 
wegung des dazn angeforderten Kranken, das 
Instrument anter leichten, nach rechta und 
links gehenden seitlichen Drehbewegungen 
mehrere Zentimeter vorwärts geführt. Bis zn 
diesem Punkte, d.h. bis zar Überwindung der 
nntereu Rachenenge, ist die Technik die gleiche, 
'} ein Ösophagoskopie eher Tubaa oder das 
ergröGer an gs- Osophagoskop eingeführt 
ird. Bei letzterem genügt aber ein Augenblick, 
m den Knopf durch die untere Racheoenge 
InduTch zuführen, so dafi die nunmehr folgende 
Untersuch nngsdauer für den Kranken viel 
schonender wird. 

Es wird nun, nach Markierung der Tiefe, 
in welcher der patholc^iache ProzeB zo erwarten 
ist, an der Skala dea Instrumentes, dieses bis 
vor die markierte Stelle mit gleichmäfiigem 
Drucke vorgeschoben. Beim Tnbua wird jetzt 
der Mandrin entfernt und die Lichtquelle an- 
gesetzt. Beim VergröBerungsösophagoskop wird 
zimächst aus einer 100 cm' haltigen Spritze 
soviel warmes Wasser in die Leitung gespritzt, 
bis das sich entfaltende Ringkissen die erste 



ÖSOPHAGOSKOPIE. - ÖSOPHAGOTOMIE. 



Iricfate Wfl^ebewegnng des ünterBnchton aos- 
liSaL Die Toleranz ist individaell und je nach 
dem Grade der bereits TOrhaadenen Diktation 
Tenchieden, Bei nicht krankhaft ansgedehnter 
Speiserdhre betragt sie lirka 30em', wahrend 
W bochgnidigen Ektasien oft bis zu 150cm' 
reaktionBlos vertragen werden. Der wechBelnde 
Grad dieser Toleranz gegenüber der Anfblaeong 
dient dem erfahrenen UnterBacher also zur 
willkommenen Orientierang fiber die Lnmen- 
Terfaältnifse. 

Dnrch eine Drehung der Scbtuobe nerden 
nnnmehr die Verschlofikuppeln geöffnet und 
das Objektiv dee Femrohres freigelegt. Diese 
Drahnng, welche bei starker Entwicklang des 
Etingkissens ohne Schwierigkeiten, soweit die 
Skala reicht, vorgenommen werden kann, er- 
folgt anderen Falles nnr langsam nnd auf knrze 
Strecken bis zur Falpation der anstoßenden 
Speiseröhrenwand. Aber selbst bei nnr spalt- 
weiser Öffnung dea Koppel verschlusses lassen 
sich schöne Bilder nnd gute Orientiemng ge- 

Nachdem nnn noch der elektrische Kontrakt 
hei^estellt und damit das Gesichtsfeld erhellt 
ist, beginnt die Untersuch an g des tiefsten zu 
besichtigenden Punktes, während die höher 
^legenen Partien Bieter im Heranaziehen be- 
augenscheinigt werden. Cber die Beinignng des 
manchmal dnrch Eiter, Blot oder Speisereste 
verdeckten Gesichtsfeldes ist bereite vorher 
das Erforderliche gesagt worden. Soll dos In- 
atmment nach Beendignng der Untersuchang 
entfernt werden, so sind zunächst die Kuppeln 
10 schließen, wobei zweckmäßig gleichzeitig 
das ganze Instrument um wenige Zentimeter 
angezogen wird, am Einklemmnngen der Mn- 
kosa zu verhüten. Sodann, nnd nachdem die 
Lampen gelöscht sind, wird gemeinhin das 
Ringkiasen entleert. Eine Ansnahme bilden nur 
die F^lle, in denen ein Fremdkörper zwischen 
den Verschlnflknppeln gefaßt ist und dnrch 
diese extrahiert werden soll. In solchen Fällen 
ist ea ohne weiteres erlanbt nnd ohne jedes 
Risiko ausführbar, das Instrument in rascliem 
Zöge auch mit entfaltetem, ja selbst mit 
eitra stark entfaltetem Uingkissen 
dnrch die untere Rachenenge zu ziehen. So 
gelingt leicht nnd sicher die Entfernung selbst 
großer und scharfkantiger Fremdkörper ohne 
SchleimhautlflBioneu des geflirchteten Eng- 

Soviel aber den technischen Teil einer ünter- 
BDchnngsmethode, deren klinische Bedentang 
mehr nnd mehr zunimmt, nnd deren Keanttate 
in den Artikeln über Speiseröh renk rankheiten 
eine aasfährliche Wärdigung gefunden haben, 

ÜLÜrRSMiKN. 

ÖIOphag*OtOlllie. Der Speiseröhren- 
schnitt kann sowohl von auGen her nach 
Präparation der Weichteile des Halses durch 



Eröffiiiing dee Ösophagus (De. externa) al» 
aneh lon innen mittelst gedeckt eingefQhrter, 
durch Federdmck vorspringender, schneiden- 
der Instrumente (Oe. interna) ausgeführt wer- 
den. Bezüglich Indikation und Technik dieser 
letzteren, mit Bücksicht auf die Dnkontrollier- 
baikeit ihrer Wirkong minder zu empfehlen- 
den Operation auf das Schlagwort „Striktur 
des Oeophagos" verweisend, wollen wir uns 
an dieser Stelle lediglich mit dem äofieren 
Speisenröhrenschnitte beschäftigen, dessen Ads- 
fühinng gegebenenfalls auch dem praktischen 
Arzte obliegt. — Die Indikationen für die 
Eröffnung des HaUteiles des Ösophagus ge- 
ben Fremdkörper, welche anf andere Weise 
nicht extrahiert oder in den Magen hinabge- 
stoßen werden können und deren Lage die 
M^lichkeit bietet, sie durch die Ösophagns- 
wunde zu erreichen (dieses Indikationsgebiet 
ist durch die Ösophagoskopie wesentlich ein- 
geengt); femer impermeable Strikturen der 
Speiseröhre, von welchen die karzinomatösen 
Verengernngen nur dann in Frage kommen, 
wenn man durch die 0. unterhalb der strik- 
turierten Stelle gelangen kann. — Die Tech- 
nik der 0. l>esteht im Hautschnitte, der 
stumpfen PrSparation in die Tiefe und der 
Eröffnung der Speiseröhre, Der Kranke liegt 
mit erhöhtem, nach hinten oben und etwas 
rechts geneigtem Kopfe. Der 6 — 7 em lange. 
Haut, Platysma und Faszie spaltende Haot- 
schnitt beginnt (da der rechte Rand der Speise- 
röhre vnn der Trachea bedeckt ist) zumeist 
in der Höhe des unteren Schildknorpelrande« 
der linken Halseeite nnd verläaft etwas ein- 
wärts vom vorderen Bande des M. stemo- 
kleidomastoideus , dessen Richtung nach ab- 
wärts folgend. Nachdem man das lockere 
Bindegewebe am lateralen Rande der langen 
Kehlkopfmoskulatur stumpf auseinander ge- 
drängt, dringt man zwischen den genannten 
Muskeln nnd den von einem Gehilfen nach 
innen zu ziehenden Gefäßen gegen die Speise- 
röhre vor, welche hinter der Trachea liegt. 
(Die das Operationsterrain etwa durchkrenzende 
A. Ihyreoidea inf. wird doppelt unterbanden 
und hierauf durchschnitten.) Unter Schonung 
des N. laryngenij rekurrens wird der nnnmehr 
freigelegte Ösophagus mit spitzen Haken vor- 
gezogen und in der Längsrichtung gespalten. 
In der Speiseröhre steckende Fremdkörper er- 
leichtem zuweilen die Anflindung der Speise- 
röhre erheblich. Demselben Zwecke dient die 
vor dem Eingriffe vorznnclimende Einführung 
einer mit einem dicken Knopfe (Schwamm) 
versehenen Sclilnndsonde. Nacli Eröffnung der 
Speiseröhre wird — nötigenfalls nach Er- 
weiterung des Einschnitte« — der Fremd- 
körper extrahiert oder die Striktnr dilatiert. 
Erheischt die Indikation das Offenbleiben der 
Speiseröhren wunde nicht, so kann ^'^POphtQol^ 



183 



ÖSOPHAGOTOMIE. — (ÖSOPHAGUSDIVERTIKEL. 



werden, dieselbe dnrch die Doppelnaht za 
vereinigen, indem man Schleimhnat and Mas- 
linlariB getrennt mit feinen Katgntftden ver- 
einigt, die Snfiere Wände aber ganz oder doch 
znm großen Teil offen läBt. Bei dareh die 
Extraktion des Fremdkörpers stark gequetsch- 
ten Wnndrftndem emplieblt es sidi jedoch, 
eine Verwoileonde per os in den ösophagns 
eininfabren and die Wunde mit Jodoform- 
gaze zu tamponieren, dieselbe der Gran nlations- 
heilnng öberlaesend. Soll die Osophagotomie- 
wnnde etwa behufs instramenteller Behsjid- 
lang einer Striktur einige Zeit hindarch offen 
bleibeTi, so ist es angezeigt, durch beide Wund- 
rAnder je eine Fadenschlinge durchzuziehen, 
welche als ZQgel benutzt werden, um die 
Wunde der Speiseröhre stets in daa Niveaa 
der Hautwunde bringen zu können. Hatte die 
Ö. jedoch den Zweck, eine Dauertlstel beliufs 
Ernährung dee Kranken (unterhalb eines das 
Lumen des Csophagne ausfüllenden inope- 
rablen Tumors) anzulegen, bo werden die 
Wundränder des (Ösophagus in die Halswunde 
vorgezogen, die Hautründer eingestQlpt and 
Hant- und Osophagnsrftnder miteinander ver- 
näht (Oaophagoslomiel. 



ölOphagtuatresle. Die Atresieder 
Speiseröhre ist bei Neugeborenen in höchst 
seltenen Füllen beobachtet worden. Die Wahr- 
scheinlich keitsdiagnose kann bei den sonst 
normalen Kindern sofort gestellt werden, iveü 
dieselben nichts hinabzuschlncken imstande 
sind. Es kommt nicht einmal zu einem eigent- 
lichen Erbrechen, da die durstenden und immer 
wieder nsch der Brust suchenden und sau- 
genden Kinder die wenige Milch im Munde 
behalten. Beim Versuch der Sondierung kommt 
man in einen mehr oder minder langen Blind- 
sack; die Sektion ergibt, daß das untere Ende 
des 0.'!ophagus mit dem oberen durch einen 
soliden, nicht hohlen Strang verbanden ist. 
Eine Differentialdiagnoae ist nicht notwendig, 
da dieser angeborene Zustand nicht mit an- 
deren Krankheiten verwochselt werden kann 
and die Sondiemng, sobald das nutzlose Saugen 
und die UnfUiigkeit des Schluckens aufgefallen, 
sofort die Sachlage anfklUrt. Die Kinder gehen 
sehr schnell an Inanition zugrunde. 

Von einer Therapie kann bei einem solchen 
Zustand füglich nicht die Rede sein. 

Glücksmann. 

ösophi^asdivertikeL Mit die^m 

Namen werden ungleichmäßige Erweiterangen 
der Speiseröhre bezeichnet, welche als blind- 
sackartige AnhangshohlrSume mit dieser an 
einer Stelle zusammenhangen. Im strengen 
Sinne nicht hierher zu rechnen sind derartige, 
oft nur wenig ausgesprochene Gebilde, wie sie 
oberhalb einer Ätznnga-, luetischen oder kar- 
zinomatösen Striktnr gefanden werden. 



Die 0. im eigentlichen Sinne schließen rieh 
nicht an eine solche Primftrerkianknng an. 
entstehen vielmehr entweder durch den Zog 

eines an der Speiseröhren wand adhärenten, 
schrumpfenden ürganea von außen als Trak- 
tion sdi vertikel oder infolge eines Druckes 
von innen her bei pathologisch nachgiebiger 
Speiseröhren wand als Polsionsdivertikel. 
Im ganzen sind ea recht seltene Vorkommnisse. 

Die Symptome sind mitunter recht vage 
und nehmen erst , da ea sich ja um ein fort- 
schreitendes Leiden handelt, in vorgeschritte- 
neren Fallen bestininitere Formen an. Sie 
bestehen in erster Linie in der ganz eigen- 
artigen Schinckstärniig. Denn wBhrend fütr ge- 
wöhnlich die geschluckten Speisen geraden 
Wegs in den Mageu passieren, wählt hier ein 
bestimmter Bruchteil derselben, und zwar un- 
abhängig von deren Konsistenz, den falschen 
Weg in den Blindsack. Dort können sich nun 
die Reste mehrerer Tage sammeln , bis es 
durch Reiz seitens der stagnierenden Massen 
zu entzündlicher Ösophagitis im Bereiche des 
Btindsackes kommt. Schließ lieh entleert ko- 
piöses Erbrechen zur großen Überraschung des 
Krauken Speisereste einer längst ver<^esKenen, 
viele Tage vorher genossenen Nahrung, während 
inzwischen keinerlei dyspeptische Symptome 
bestanden. Andere Male verlegt der mtlßig ge- 
füllte Divertikclsack das Speiseröhrenlamen, 
so daß nunmehr erst recht alle Nahrung den 
falschen Weg nimmt und stagniert. Unter 
starkem Dmckgefühl am Hals oder innerhalb 
des Thorax wird jedes weitere Schlucken an- 
niüglich, bis auch hier reichliches Erbrechen 
die Passage wieder frei macht. Liegt das Cl. 
am Anfang der Speiseröhre, also im Bereiche 
des Halses, so kann ea sich im gefüllten Zu- 
stande als runder Tumor schon äußerlich be- 
merkbar machen. Im Verlaufe der stets wieder- 
kehrenden Anfälle lernt es der Kranke, gewisse 
absonderliche Haltungen oder Stellungen des 
Kopfes anzunehmen, bei welchen die ((eschlnck- 
ten Speisen den richtigen Weg nehmen. So 
essen manche derartige Kranke mit seitlich 
geneigtem oder hintenüber gebeugtem Kopfe, 
andere helfen durch Druck des Fingers auf 
eine bestimmte Stelle des Halses nach, andere 
wieder essen und trinken bei gespannter Auf- 
merksamkeit nnd in Ruhe ohne Störung, wäh- 
rend bei Ablenkung der Aufmerksamkeit oder 
bei hastigem Essen haulig Verschlucken oder 
auch Hnstenanfftlle die Mahlzeit unterbrechen. 
Noch andere müssen längere Pausen beim 
Essen machen. Nach EÜnfllhrung einer gewissen 
Menge geht nichts mehr durch and erst nach 
einigen Minuten ist die Passage wieder frei. 

Wenn man in obiger Weise bei Aufnahme 
der Anamnese Aufklärung bekommt, dann 
liegt der Gedanke an die Diagnose eines Diver- 
tikels schon sehr nahe, dann ist es meist auch 



(ISOPHAGUSDIVEBTIKEL. — ÖSOPHÄUUSERWEITEBUNQ- 



«cbon so groS und aoGgezogeD and die Üffnang 
groB genüg, daß der deÜDitiTe Nachweis darch 
die Sonde nicht mehr schwer ist 

Da« Divertikel kann verschieden liegen, vom, 
seid ich etz,, meist im oberen Abschnitt des 
Ösophagus, and zwar zwischen ihm nnd der 
U'irbelsSnle i es kann knrz oder lang sein, 
i;ehr schmalen oder eehr weiten Eingang haben-, 
ist es sehr groB, kann man es nach dem Essen 
»>gar fühlen oder sehen. Fflhrt man nun die 
:^«nde ein, kann man gleich in das Divertikel 
kommen ; dajin gleitet sie ein Stack weiter 
nach unten and dann geht es nicht weiter; 
bei jedem nenen Versuch ist es immer dasselbe. 
Man hat nnn anch das OefOhl, daB die »onde 
nicht den Weg die Speiseröhre entlani; genom- 
men hat; die Sonde liegt seitlich oder nach 
hinten. In anderen Fällen gelingt es wieder 
sxhr schwer, in dag Divertikel za kommen; 
lange, geduldige Vumii'he sind nötig mit ganz 
verschiedenen Sonden verschiedenen Kalibers. 
and nun mnQ der Körper selbst oder der 
Kopf zum Rnmpfe in die verschiedensten 1>Bgen 
gebracht, ja endlich mUssen anter Umstünden 
die YersQche in Narkose fortgesetzt werden. 
Cnd aacb da gelingt es nnter Umständen nicht, 
nnd die anderen Hilfsmittel zor Diagnose anf 
Divertikel rnttsaen so sicher sein, daß, anf sie 
allein baaend. man die entsprechende Therapie, 
n&mlich die operative Aafsnchang und Aoa- 
:4:haltDng dea Divertikels, einleitet. 

Hat man die ^kinde in das Divertikel einge- 
führt, kommt man mit der Sonde nicht weiter 
als bis immer ta einem bestimmten Punkte, 
dann kann man die Sonde liegen lassen und 
den Versuch machen, neben ihr eine zweite 
in den Magen zn flthreo; gelingt dies, dann 
ist die Uiajfnose des Divertikels ja bis 
Evidenz bewiesen. Anamnestisch spielen 1 
men, eventuell Verschlucken von atzenden 
Substanzen oder Fremdkörpern im Eindesalter 
eine Rolle; anch nach Lähmunt; der Osophi 
gnsmnsknlatnr ist Divertikelbildnng beobach- 
tet worden. Ueist ist die Veranlagung 
Uvertikel wohl angeboren, nnd ans der kleinen 
seitlichen Ausstülpung wird später allmBlich 
das Divertikel. Jahre vergehen, bis die Erschei- 
nimgen prägnanter werden. Ist der Verdaclit 
eines Divertikels anfgetancht — es bandelt 
sich dann meist om Patienten im besten 
Lebensalter — , mnfl vor allem eine genaue 
und lange fortgesetzte Beobachtung des Falles 
stattfinden. Es moB die Art des Erbrechens, 
wenn solches besteht, wie dasselbe beschaffen 
ist und was das Erbrochene enthalt, konsta- 
tiert werden. Bald wird soviel feststehen, dafi 
der betreffende Patient nicht magenkrank ist. 
Er kann die schwersten Speisen essen nnd 
erbricht sie nicht, hat den besten Appetit; 
andere, ganz leicht veidanltche bricht er, nnd 
unmittelbar nach dem Erbrechen i&t er onter 



UmatiLnden mit bestem Appetit wieder weiter. 
Tritt im Anfang der Beobachtung Schmerz 

der Magengrube and hUnfiges, scheinbar 
unmotiviertes Erbrechen ohne Störung des 
Appetites and ohne Erscheinnngen von Magen- 
katarrh in den Vordergrund, dann muB auch 
das Augenmerk daraof gerichtet werden, ob 
vielleicht eine jener kleinen, linsengroBen Her- 
in der Tiinea alba Schuld an dem ganzen 
Krankheitsbild ist. 

Für die Diagnose des 0. hat sich in den 
letzten Jabren ganz besonders gotdieBöntgen- 
darcblencbtung. namentlich auch die Be- 
obachtung des Schinckaktes an einem mit 
Wismut imprägnierten Brei hinter dem 
inm-Flatin-ZTanUrschirm, bewehrt. 
A bei dieser Methode leicht möglich, bei 
richtiger Stellung des Patienten den Bissen 
auf seinem tianzen Wege vom Mnnde bis in 
den Magen zn beobachten, sowie seine teilweise 
Retention im Divertikelsack zu konstatieren. 
Ebenso laut t<icb das Ü. leicht mit dem Wis- 
mnthrei anfüllen imd dadurch nach Ausileh- 
nnng, GröBe, Form nnd Lagerung in ftnßerst 
vollkommener Weise bearteilen. Von geringerer 
diagnostischer Bedeatung ist In der Frage der 
0. die Ösophagoskopie. Indessen gelin^-t es 
namentlich nach vorangegangener Orientierong 

ttelst der soeben geschilderten radiographi- 
Bchen Methode mit unserem Vurgrößernngs- 
Ö9ophagoskop(kf. Ösophagoskopie), be- 
sonders bei richtiger Handhabung; der an 
letzterem angebrachten Dilatation» vor- 
htnng, gut, sowohl die Übergangsstelle 
ans der Speiserohre in das Divertikel als 
aoch den Fondus des letzteren zu Gesichte zn 
bringen. 

Tberapeatiacb lassen sicli die ö, wenig 
beeinflussen, mit Ausnahme der am Halse be- 
legenen, deren vollkommene Exstirpation schon 
des öfteren gelungen ist. Neuerdings haben 
kühne Operateure wohl anch gelegentlich intra- 
thorakale 0. chimigigi-h zu behandeln vereucht, 
indessen kann man hier wohl erst vom weiteren 
Ausban der SAUKSBauriischen Methode systema- 
tische Förderung erhoffen. Dagegen kann bei 
sehr starker Beeintrftcbtigung des Emährangs- 
Eostandea das Anlegen einer Magenfistel zu 
Emährongsz wecken wohl indiziert sein. 

ÖSOphaglUarWeitenmg. Die Er- 
weiterung des Ösophagus in toto kommt un- 
gemein selten vor. Bei ihr ist der Eingang in 
die Speiseröhre, der Pharyni, und ebenso 
deren Übergang in den Magen, die Kardia, 
intakt nnd normal, dagegen da» Lumen der 
Speiseröhre gleichmäßig aosgedehnt bis zu 
einem riesigen, armdicken, sackartigen Gebilde. 
Die Wandungen sind verdickt, die Speisen 
werden nnglelchmSBig nach dem Magen beför- 
dert, h&ofig auch erbrochen. '~~ 



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187 



OSOPHAOUSERWEITERDNO. — ÖSOPHAaUSGESCHlÄ'OLSTE. 



18» 



Ihrer UrBache nach scheinen diese Ziuttade 
zwei Kategorien aazngehSren. In einem Teil 
der F&lle bestand wohl Enn&cfast eine FisBor 
oder eine andere, Reflexkr&mpfe dea Kardia- 
scfalieBmlukelB snalösende Erki&nknng des 
untersten ösophagoMbschnittos (Kardiospas- 
mDB, V. HiKuucs). Die oberhalb des krampf- 
haften Verschlusses stagnierenden Nahmngs- 
masaen bewirkten dann allnAhlicb die Erwei- 
tening des Speiserohrea. In ein^n anderen 
Teil dar FÜle bestand wohl Ton vornherein 
«in Scbw&ohe- bzw. LKhmongeznBtand der 
Mnikolaris der Speiseröhre und als deren 
Ausdruck eine echte Ätonie (Rosrnrum). 
Die Speisen werden hei Fehlen der normalen 
Speiscööhrenperistaltik nicht weiter in den 
Magen befördert, sondern bleiben im oberen 
Teil des Speiserohres liegen, werden erst dorch 
die vis a tergo tiefer gepreBt nnd die ganze 
Speisesaale wirkt dann dilatierend anf du 
Speiaerohr. 

Die 0. solchen Ursprunges betreffen entr 
weder die ganze lAnge der Speiseröhre, oder, 
namentlich in den Frühstadien der anf 
Grondlagu des Kardiospasmos entstandenen 
Form, deren unteren Abschnitt. Sie sind ihrer 
Form nach zylindrisch bzw. spindelförmig. In 
einem gewissen Gegensatz zn diesen Formen 
stehen die mehr partiellen and aeym- 
metriachen Typen der ö., wie sie sich ober- 
halb jedes organiachen Hindernisses für die 
Passage der geschlackten Speisen, sei es eine 
jisopbagasatrjktur (kf. d.), ganz gleich 
welchen Ursprunges, sei es ein eitra-ösopha- 
gealer, z. B. mediastinaler Tnmor, findet, nnd 
die streng lokalen, blindsackartij^n Erweite- 
rangen (kf. „Osophagnsdivertikel"). 

Die Diagaoee der 0, gelingt nenerdinji» 
dnrch das Röntgen ver&hren in der im Ab- 
schnitte .Osopbagaadivertikei* ;;cschilderten 
Weise anf das exakteste. Die Differcntialdia- 
gnose [gegenüber dem Speiseröhren krebs wird 
durch _()8ophagosk|opie'- (kf. d.) gesichert, 
ebenso die AnfGndnng gewisser Schleim- 
haaterkrankangen des Speiseröhren, welche 
die Ur^aclie eines Kardiospasmus darstellen 
können. 

Bezitglicli der Therapie sei hier nnr auf 
die erstgenannten Formen der totalen 0. 
eingegangen , wfthrend bezttglich der [rnrti- 
ellen Formen anf deren Urandkrankhcit (kf. 
.Ösophagaastriktar-, „..sophagaskar- 
zinom'') bingeniesen sei. Die eingangs dieses 
Artikels gemachte Unterscheidung zweier For- 
men erweist sich als frnchtbarste Handhabe 
für ein rationelles, therapeutisches Vor^jehen. 
Denn bei der auf Kardiospasmos beruhenden 
Form ist dessen Beseitigung die eigentljclie 
kansale Therapie. Sei es, daS sie sich bereits 
durch Narkotika herbeiführen IlLBt, sei es, 
daß zu den radikaleren Verfahren der Boa- 



gierong oder gar der Debnang (v. Mmuia) 
gegriSen werdea mofi. Demgegenlkber wird 
bei den rein atonischen Formen eine toni- 
sierende Beh&ndlnng dnrch endoöeophageale 
OalTanisation, Eohlens&nrednsche des Ösopha- 
gus nnd ähnliches am Platze sein. In beiden 
Kategorien aber ist die mechanische Befreiang 
der Speiserohre von den darin stagnierenden 
Nahrongsmaesen darch methodische Spfllongen, 
sowie die Behandlung der inneren, chronisch 
entatlndeten Speiseröhren wand (kf. „öaoplia- 
gitis") nie aafler acht zn laaeen. 

QlCck 



ÖMphagntg^lOhwfllste. unter den 
GeschwtÜstea der Speiseröhre spielt klinisch 
dos Karzinom die Hauptrolle. Weitaus am 
h&uügsten Torkommend (s. ,OsophaguBkani- 
uom"), hat es seinen Sitz noch neueren Unter- 
sachungen und Statistiken riel h&ofiger im 
unteren Abschnitt der Speiseröhre als im 
oberen, kommt als Skirrhos, hSnfiger al>er 
als weicher, zur Ulzeratioa neigender Mark- 
schwamm in einzelnen Knoten oder als difFuse 
Infiltration vor; auf der Oberfl&che mehr oder 
weniger ulzeriert, kommt es meist bald zur 
ringförmigen Neubildung and als solche macht 
ee klinisch bald die Erscheinangen der Striktnr. 

Weiterhin kommen Polypen im Ösophagus 
vor, die zu einer betrftchtlichen Lftnge an- 
wachsen können; sie erzengen für den Patien- 
ten das Gefühl des Fremdkörpers, veranlaasen 
Brechen oder dnrch Zug anch Atemnot; beim 
Erbrechen kommen sie anter Umstanden so- 
weit am Eingänge der Speiseröhre zutage. 
daß sie als solche erkannt nnd abgetragen 
werden können. Werden sie dnrch den häufi- 
gen Zug der an ihnen vorbe {gleiten den Speisen 
einmal abgerissen nnd so nach dem Magen 
befördert, so kann durch Blutung oder dnrch 
das plötzliche Yerechwandensein des Fremd- 
körpers die Wabrscheinlicbkeitsdiagnoee ge- 
stellt werden, daB es sieb um einen Polypen 
gehandelt hat. 

In den verschiedenen Schichten der Speise- 
röhre kommen auch gelegentlich Lipome. 
Myome and Fibrome vor, die nicht nnr 
bei Sektionen gefunden werden, sondern kli- 
nisch durch ihre Größe das Lumen verengem 
können: Echinokokkus und Zystizerkus 
können in der Wand der Speiseröhre auch 
verengernd auf das Lumen einwirken; die 
Diagnose kann wohl nur dann gestellt werden, 
wenn sie nach außen oder innen platzen oder 
so groß werden , daß von anBen her eine Er- 
öffnung nötig wird. Auch der Varizen, wenn 
sie auch nicht zu den Geschwülsten gehören. 
sei hier wegen der Differentialdiagnose ge- 
dacht , da sie auch Blutung und leichte Ste- 
nosen erschei nun gen machen. Überhaupt ist 
das wichtigste diagnostische Symptom für eine 



(töOPHÄGUSUESCHWÜLSTE. ~ ÖSOPHAGUSKARZINOM. 



190 



OeacbwalBt in der Speiseröhre immer die 
Striktnr (s. .OeopliftgiiBatriktiir''). 

FDf die Diagnose all dieser Affektionen 
ist die modern Ausgebildete Ösophagosko- 
pie (kf. d.) Ton grCfiter Bedeatnng, nament- 
lich BQcb die mit Hilfe tmseree VergrAB 
rnDgsSsopliagoBkopB ex^ikt uod ge&hr- 
loe »asfithrb&re Probeexzision. Ebenso er- 
«ffiien sich fox die Therapie durch diese 
Methode wenigstens einige ZuknaftBanasichten 
durch die Perspektive &nf endoösoph&geale, 
unter Leitung dea VergröfiemngB&sopbaigOBkopB 
aimafährende OpetationeD. QlCokbiuiih. 

ftacphagnikarrinom. Die Oeachwfli- 

ste der Speiseröhre sind fast s&mtlich bös- 
artiger Natur nnd zeigen mikroskopisch selten 
sarkomatöBen, fast immer karxinomatSseiiBan. 
Das Alter des Patienten ist fttr die Diagnose 
nicht aasscblaggebend, da das Ü. gelegentlich 
bereits bei SOjährigen beobachtet ist, andrer- 
seits selbst bei ganz alten Leuten (70— 75 Jabre) 
nicht selten zai Beobachtung kommt. Bei 
Uinnem ist es etwas hftnfiger als bei Frauen. 

Unter den Symptomen ist weitaas das 
wichtigste die Schluckatörung, zugleich 
in der Art ihres Auftretens das cbarakteristi- 
echest«. Dem noch scheinbar OesuniJen bleibt 
gelegentlich ein Bissen, meist einer harten Speise, 
im Schlünde stecken. Oft wird derselbe unter 
Wulfen und Brechbewegangen nach anSen 
entleert, andere Male im Gegenteil mit Hilfe 
nachgetrunkenen Wassers erweicht und so noch 
nacbtrftglich in den Magen gebracht. Das 
ganze Ereignis wird zunftchst gewöhnlich auf 
änBere Momente, zu groBeUlirte des betreffenden 
Biüsens. sogenanntes Verschlucken usw. aa- 
rückgefUhrt nnd um ao weniger beachtet, als 
der Anfall sich zunftchat nicht wiederholt. 
Erst im Laufe der nächsten Woclien odpr gar 
Monate erneuert sich die Attacke, nm nun in 
immer kürzeren Pausen wiederzukehren. BaM 
empfindet der Kranke die Unmögliclikeit, harte 
Kost zit sich zu nehmen, bei Breien nnd Flüssig- 
keiten ist er jedoch beach werdefrei. Indessen 
geht auch dieses Stadium vorttber; bald müssen 
auch die geschluckten Breie durch nachge- 
trunkene Getränke hinontergespült werden, 
schlieBlicIi versagt auch dieses Hilfsmittel. 
Uelegenthch werden größere Nahrnngsmaseen, 
damnter oft charakteristische lieste einer be- 
reits vor mehreren Tagen genossenen Nahrung, 
eruptiv erbrochen, worauf dann subjektive 
Erleichtemng eintritt. In den extremen Stadien 
ist die Psesage zum Magen selbst für Flüssig- 
keiten vorübergehend oder dauernd gesperrt. 

Nllcbst der Schluckslörnng ist die fort- 
schreitende Kachesie daa bedeutunga- 
lollate Symptom des ü, Znm Teil führt sie 
sich wohl auf die durch die Scblnckstörung be- 
dingte Unterernährung zurtlck. Zum anderen 



nnd gelegentlich Qberwiegenden Teile ist sie 
aber üne echte, toxische Krebskachexie. Dos 
beweisen die immerhin nicht ganz seltenen 
Falle, in denen die Schlnckstörung nur an- 
gedeutet ist oder gar vollkommen fehlt nnd 
die ganze Krankheit unter dem Bilde eines 
fortschreitenden Marasmos verläuft 

Die übrigen Symptome sind seknnd&r oder 
durch Komplikationen bedingt; Schlucketörou- 
gen reflektorischen Charakters, welche nicht 
am Orte der Neubildung, sondern im Gebiete 
der Pharynx konstmktoren oder am Kardia- 
schlieBmuskel lokalisiert sind, unklar dyspep- 
tische Znst&nde, Foetor ex ore, Symptome der 
komplizierenden Ösophagitis (kf d.), dea 
sich anabildenden Ösophagusdivertikels 
(kid.) bzw, der Osophaguserweiternng, 
hartnackige Obstipation, femer seitens der 
Luftwege Erschein angenh^leitender Katarrhe 
(Husten, eitriger Anawnrf, Halascbmerzen, 
Tempera tnrbew^nngec) oder, in schwächeren 
Fallen, bei Darchbmcb dea erweichten Tumors 
in die Trachea oder Bronchien, Perforations- 
aymptome (kf, „Ösophagusperforation '). 

Profusere Blutungen sind beim 0. selten, 
dagegen werden häufig geringe Mengen Blutes, 
mit Nahrangsresten mehr minder innig ver- 
mengt, im Erbrochenen vorgefunden. Gelegent- 
lich beendet eine ganz schwere Blutung, her- 
rührend ans einem arrodierten groüen Oef&B- 
stamme, das traurige Krankheitsbild. Häufiger 
aber tritt der erlösende Tod erst nach langem, 
qnalvoUem Siechtum ein, nach schwerster Inani- 
tion und vollkommener Vernichtung derSchluck- 
fähigkeit. 

Die Diagnose dea Ö, ist leicht in der- 
jenigen Gruppe von Fällen, in denen fort- 
schreitende Kachexie mit Schlackstörungen 
Hand in Hand geht. Hier ermittelt die einge- 
führte Knopfsonde ohne weiteres die Tiefe 
der Striktnr, das ihre Olive nach dem Heraus- 
ziehen bedeckende, mit zähem Schleim Innig 
vermischte Blut erweist deren ulzerativen, 
i, e, malignen Charakter, Andera in den Fällen, 
in welchen die Scbluckstörnng in den liinter- 
gmnd tritt oder gar ganz fehlt nnd nur der 
tortschreitende Marasmus, vielleicht vorbnnden 
mit unklar dyapeptiaclien Eracheinungei), den 
vorsichtigen Kranken schon im Vrübstadium 
aeinea Leidens dem Arzte zuführt. Für solche 
Fälle ist uns die Ösophagoskopie (kfd,), 
vornehmlich unter Anwendung unseres Ver- 

lasaiger Pfadptinder gewesen, besonders seit- 
dem wir ans daran gewöhnt haben, alle un- 
khir dyspepti sehen, mit starker Abmagerung 
einliergehenden ErkrankungsföUe auf ein Kar- 
zinom der Speiseröhre ebenso za be.irgnöhnen, 
wie nachallgemeinerAnscbauung auf ein solches 
des Ma^tdarma. Seitdem wir solche Kranke 
;elmHBig ösophagoskopiereii, ist es uns in i 



101 



(iSÜPHAOÜSKABZINOM. — OSO PHAGUSPEEIFO RATION. 



192 



einer nicht unbeträchtlichen Anzahl von Ein- 
Keimien gelnngen, das (t. in einem t^tadinm 
za diagnostizieren, in welchem es noch nicljt 
zirkulär das Lnuien der Speiseröhre umgreift, 
sondern noch als wandstftndiges Ulkas rodens 
oder breilbasiger Foljrp anf einen gröBeren 
oder geringeren Brachteil der Zirkum- 
ferenz beschränkt ist Natürlich inactit ein 
solches ö. des ersten, noch nicht um- 
greifenden Stadiums noch keine Strik- 
tnrsymptome. Letztere sind vielmehr dnrch- 
ans an das zweite Stadium, nämlich das 
des ringförmigen Karzinoms, welches immer 
erst nach einer gewissen Wachstumsdaner ein- 
tritt, geknüpft. 

Seinen Sitz hat das 0. entwederam eigent- 
lichen Anfang der Speiseröhre unterhalb der 
RachenengB, hinter den obersten Tracheairingen. 
Hier manifestiert ea sich gelegentlich schon 
im laryngoskopischen Bilde, manchmal wohl 
auch durch krebsige Infiltrationen der Hals- 
drüsen, wfthrend andrerseits Sondierung und 
Ösophagoskopie dabei nicht ausführbar sind. 
Oder es gehört der mittleren Speiseröhrenenge 
an nnd li^ somit hinter der Bifnrkation der 
Trachea. Dann stellen sich nicht allzu spftt 
laryngaale Symptome (Rekurrensparese) 
ein. Oder es findet sich KchlieBlicli an der 
Durchtrittsstelle des Speiserohres durch das 
Zwerchfell un<l nfthert sich damit in seinem 
Krankheitsbilde dem des an der Kardia lokali- 
sierten Magenkrebse?. 

Die skirrhösen Formen des 0. verlaufen 
langsamer nnd gleichraäGiger, die medullären 
machen rascher Striktursymptome, zeigen aber 
infolge ihrer häutigen tuilweisen Einschmelznng 
oft Zeiten vorflhet^hender Besserung, wührend 
andrerseits perforatjve Prozesse bei ihnen 
das Ende beschleunigen. 

Die Therapie des 0. ist insofern bisher 
eines der traurigsten therapeutischen Gebiete, 
als eine im endgültigen Sinne erfolgreiche Be- 
handlung desselben zur Zeit noch ein Ding der 
Unmöglichkeit ist. Nur bei den hocli sitzen den 
Formen ist hisherwohl gelegentlich eine Hadikal- 
opetation gelungen (Glui^k). Für die beiden 
tieferen I^katlsationen eröffnet erst nenerdings 
das SAUEHBRucHsche Verfahren eine Znkunfts- 
perapektive, welche uns ermutigt, die dia- 
gnostischen Bestrebungen auf diesem Gebiete 
kräftig weiter auszubilden. 

Was die bisher anwendbaren Methoden an- 
belangt, so ist von größter Wichtigkeit die 
rechtzeitige Anlegung einer Magenfiatel be- 
hnfs Oewuhrleistnng einer gleichmäSigen Er- 
nährung. Leider wird diese wohltätige Pallia- 
tivoperation nur zu hantig von den Patienten 
verweigert. Nächstdem ist die sorgsame diäte- 
tische Fürsorge , namentlich Aussonderung 
aller harten oder sonstwie mechanisch reizenden 
Nahrung am Platze. Medikamentös haben 



sich uns kleine Dosen von Narkotizis in 
regelmSBiger Anwendung (Morphin, mnriatik. 
3mal tagl. 0'002i)) bestens bewährt, da sie 
alle Reflexapasmen (kf. o.) anaechalten. Von 
lokalen MaBnahmen verwerfen wir alle die- 
janigen, welche die karzinomatöae Wtriktor 
durch irgendwelche Instrumente (Bougics, 
Sonden, Danerkauülen) xa dnrchdringentrach- 
ten, als unchirargisch. Ihr Nutzen ist proble- 
matisch, die mit ihrer Einführung , im Dunkeln" 
verbundenen Gefahren nicht gering. Dagegen 
haben ans regelmäHigelnstillationen von Kokain- 
prftparaten(z.B.Solut.Eukain.mnr.006:2-0>in 
2tägigen Intervallen mittelst der ()sophagua- 
spritze gute Dienste geleistet. Ee gelang uns. 
durch diese Kombination gelegentlich Kranke 
mit sicherem ö. 2 Jahre und länger zu er- 
halten, Gewichtszunahmen bis zu 2tl Pfund za 
erzielen nnd die Kranken bis zu dem an 
Schwache erfolgenden Exitus ohne Beschwerden 
per OS zu ernähren. liLfoKSHANX, 

öfophag^iulähmang^ (Dysphagie 

paraJytika) gibt sich haaptsäoblicb durch 
enorme Schlingbeschwerden kund. Die Speisen 
bleiben im Ösophagus stecken, wodorch heftige 
WUrgbewegnngen nnd durch Druck auf den 
Kehlkopf Erstickung San f^lle hervorgerufen wer- 
den. Ganz kleine Bissen sowie Flüssigkeiten 
fallen meist mit lautem Geräasch in den 
Mafien herab (Deglntitio sonora). 

Die 0. lindet sich am hänfigsten in den 
letzten Stadien von zerebralen und Bulbärer- 
krankungen, bedingt durch direkte Affektion 
des Vagus, der Bewegungsnerven des (Ösophagus 
sowie in der Agone. Außerdem kommt sie vor 
bei chronischen Blei- oder Alkoholvergiftongen 
sowie nicht ganz selten als Teilerscbelnung 
einer diphtheritischen Lähm an g. Auch bei 
Hysterie wurde O. beobachtet. SchlieBUch kftun 
das Leiden durch Affektionen dea peripherischen 
Vagus, z. B. durch Kompression desselben durch 
groSe Lymphdrüsen tumoren, entstehen. 

Die Diagnose der li. ist oft nicht ganz 
leicht, insbesondere iat die Unterscheidung 
von Erweiterung des Ösophagus, sowie vom 
Krampf desselben, dem sogenannten Üsopha- 
gismus, schwierig. AnfschloB gibt in manchen 
Fällen diu Sondennntereticbung , welche bei 
0. eine freie Passage des Ösophagus leigt, 
während beim <)saphagismus die Sonde fest- 
gehalten wird. Bei der Ösophagoserweiterung 
geht die Sonde allerdinga anch glatt dnrcli. 

Eine besondere Therapie gibt ea nicht. 

WlNTOf-HKm. 

dfOphagniperforatiOn. Die Perfo- 
ration der Speiseröhre wird am häufigsten 
bei Karzinom derselben eintreten nnd eine 
schnell zum Tode führende Phlegmone am 
Halae oder substemal in das Mediastinum 
hinunter nach sich ziehen. Schüttelfrost, hohes 



ÖSOPHAGUSPERFORATION. 



IM 



Fieber, sehr schnell« r Verfall der Kräfte, 
plötzhch eintretende Schmenhftftigkeit am 
Halse oder bei Drack anf das Stemom Bichern 
die Diagnose. Tritt Perforation nach den 
Luftwegen ein, so führt etriges Verschlacken, 
die Cnmöglichkeit, irgend etwas za acblachen, 
ttnf diese Diagnose. Festes wird dann noch 
eher als Flftssigea den normalen Weg passii 
wenn dies vorher möglich gewesen, da das 
Flfiuige natürlicherweise sofort die auch noch 
90 enge Kommunikation mit der Luftröhre 
findet. ÄDCh hier wird, wenn, nieist schon 
forbereitend, starker Husten, Tracheitis, Bron- 
cbialkatarrh vorhanden waren, nunmehr schnell 
die FremdkörperpneumoDie zom letalen Aas- 
gang führen. Findet Perforation in ein gröBeres 
GtfÜ statt, Bo tritt eine starke Blutung ein, 
die meist znm Glack sofort den Tod herbei- 
fährt. Diese genannten Perforationen können 
ohne ftoBeres Moment, nur durch das Wachsen 
der Geschwalat nach der genannten Richtung 
hin, eintreten. 

Auch bei dem Versuchs weise angestellten 
oder dem sirstematiechen Bougieren bei nar- 
bigen Stenosen kann, namentlich wenn Ge- 
walt angewendet wird, eine Perforation ein- 
treten. Sj^nptome dafiki sind heftige, plötz- 
liche Schmerzen, leiihte Blntapiiren an der 
Sonde, Hasten, Erbrechen und dabei Blut; 
man hat selbst das Geftthl, mit der Sonde 
nicht den normalen V/eg gegangen, sotidem 
an irgend einer Stelle abseits gekommen zu 
sein, nachdem der anfangs groBe Widerstand 
plötzlich nachgelassen. Man merkt dies ja meist 
sofort und zieht die Sonde zurück. War die 
Sonde nicht weit abseits gekommen und hat 
man das Glttck, daB keine infizierenden Stoffe 
in die Wände gekommen sind, so kann bei 
weiterer Schonung die Perforation auch ein- 
mal wieder heilen; meist aber folgt unter 
nUigem Fieber Mediastinitis oder Pleuritis; 
nnd wenn dies bei Stenosen der Speiseröhre 
(chleichend eintritt, so ist der Grund dafür 
auch meist Perforation, die nicht immer in 
stOrmischer Weise ihre Folgen knnd tan muB. 

Fremdkörper, die im Ösophagus stecken 
bleiben, namentlich spitze und kantige, die 
nicht weiter nach dem Magen befordert und 
auch nicht zorückgeholt werden können, 
können die Wand der Speiseröhre perforieren, 
können wandern, ohne lokal da, wo sie die 
Perforation gemacht haben , besondere Er- 
scheinungen zu hinterlassen; oder sie vemr- 
rachen Eiterung, Abszesse oder anch Blntong. 
je nach dem Weg, welchen sie gerade ein- 
schlagen, und dementsprechend ist auch die 
Diagnose zu stellen. 

Aber auch von auSen nach innen können 
Perforationen stattfinden; Tumoren, Abszesse, 
Aneurysmen brechen nach der Speiserohre 
durch, nachdem schon Iftngere oder ktkrzere 



Zeit Drack aaf die Speiseröhre das Schlacken 
erschwert hatte: plötzlich hört dies Gefühl 
auf, es tritt Erbrechen ein, Blut oder Eiter 
wird entleert, nnd zusammen mit anderen 
Anhaltspunkten l&ßt es sich nunmehr leicht 
erkennen, daB eine Perforation — bei Ab- 
szessen als erlösendes, ja leben srettendes Mo- 
ment, bei Aneurysmen fast immer sofort den 
Tod nach sich ziehend oder sich öfters wieder- 
holend — in die Speiseröhre eingetreten ist. 
So können retrosternale oder von der Wirbel- 
säule aasgehende Abszesse, Echinokokken oder 
verkäste nnd vereiterte Drüsen an einer Stelle, 
wo sie dem Messer nicht zagängig sind, in 
die Speiseröhre durchbrechen, und oft wird 
erst danach die Diagnose ans der Untersu- 
chung des Erbrochenen oder der F&zes mit 
Sicherheit gestellt werden können. 

Nach SchuBverletzuDgen ist es beobachtet 
worden, daß nicht nnr ein Abszefi am Halse, 
sondern anch die Kugel nach der Speiserühre 
durchbrach und sich dann bald per anum 
entleerte. 

Bei Scbufi- and Stichverletzungen ist die 
sofortige Beteiligung und Perforation der 
Speiseröhre aus dem Schmerz beim Schlacken 
respektive der Unmöglichkeit dazu za dia- 
gnostizieren, aus Blat im Stuhlgang, Schmerz 
und Schwellung am Halse, anter Umstunden 
Auaflieflen von eingettöBtem Getränke ans dem 
Wundkanal, Brechreiz , fortgesetztem , selten 
durch Eis, meist nur dnrch Morphium za 
stillendem Schlucken. 

Sin^ultns, unstillbar bis zur tiefsten Er- 
mattung, ist überhaupt die quälendste und 
häufigste Begleiterscheinung jeder 0.,. mag 
die Ursache welche immer sein. 

AuBer der Perforation der Speiseröhre sind 
Rupturen des Ösophagus , wenn auch äußerst 
selten, beobachtet worden. Beim Erbrechen, 
bei einem Ritt, hei schwerem Verschlucken etz. 
trat plötzlich heftiger Schmerz und das Ge- 
fühl, daB etwas gerissen sei, ein ; es erfolgte 
Blutung per os, Sugillation am Halse, perma- 
nenter Singultos, Unmöglichkeit za trinken 
zu essen; der Tod trat nach Stunden oder 
Tagen ein und die Sektion ergab Längs- oder 
Querrisse der Speise röhren wand in ihrer ganzen 
Dicke; meist handelte es sich um Trinker und 
dadurch am eine Ätonie der Muskulatur des 
Ösophagus und der Kardia und einer Neigung 
ir Regurgitation des Mageninhaltes (Zenkeb). 

Die Theiapie der 0. hat sich besonders 
nach dem Grundsatze: ntl nocere zu ver- 
halten. Deshalb ist dabei von allen lokalen 
Prozeduren, Sondierungen etz. Abstand zu 
nen. Ebenso ist die Funktion der Speise- 
röhre auszuschalten, sei es durch rektale Er- 
nährung, sei es durch Anlegen einer Magcn- 
fistel. Gerade bei einer solchen hochkonserva- 
tiven Behandlung treten mitunter überraschende 



gle 



195 



ÖSOPHÄGDSPERFORATION. — ÖSOPHÄGDSSTBIKTÜR. 



196 



Heilungen der 0. ein, w&hrend in anderen 
Fallen, z. B. bei Perforation eines großen Oe- 
föSstammes, allerdings ja der Exitus letalis 
jedem therapentiBchen Bemühen zuvorkommt. 

GLflCKSMiNH. 

ötOphag^OMtrikttir. Verengerongen 
des SpeiseröhrenlnmenB sind das Endergebnis 
allerderjenigen Erkrankungen der Speiseröhren- 
wandang, ■welche, über die Dicke der Makosa 
hinans in die Tiefe greifend, eine bindege- 
webige Narbe setzen , sofern nftmlicb dieae 
Narbe an irgend einer Stelle das Lamen 
zirkulär umgreift. Daraus ergibt sich schon, 
daß die ö. das Endergebnis einer großen Reihe 
Terachiedenartiger Krankheitaprozesae sein kann. 
Ihrer Ätiologie nach aber, sowie nach besonders 
charakteristischen Merkmalen, lassen sich meh- 
rere Gruppen der Ü. scharf voneinander trennen. 

Unter den sogenannten gutartigen 0. ver- 
dientinallerersterLiniedienarbigeÄtzstrik- 
tor Beachtung, welche sich im Verlaufe der 
korrosiven Ösophagitis (kfd.), oft erst 
Wochen and Monate nach dem Tntuma, einstellt. 
So wie das meist flUssige Ätzgift — die Intoxi- 
kation kommt ja in praxi meist dadnrch zu- 
stande, daß aus falschen Flaschen getrunken 
wird eti. — beim Schluckakt unregelmäßige 
Flecke und Streiten in die Speiseröhre ein- 
Stzt, so zeichnet sich die Ätzstriktnr durch 
ihre ganz unregelmäßige Anordnung aua. Oft 
ist sie multipel. Je nach der Tiefe der Ver- 
ätzung erreicht aie verschieden hohe Grade. 
In einem Falle beobachteten wir einen toII- 
ständigen narbigen Verschluß des Speiee- 
rohres mehrere Monate nach Alkalivergiftong. 
I'berhanpt sind die 0. nach Einwirkung von 
stärkt Alkalien im allgemeinen schwerer als 
nach entsprechenden SHuren, was sich auf 
die kolliquierende Wirkung der Alkalien 
im Gegensatz zu der koagniierendi 
Wirkung der Sfturen und Schwermetalle 
zurückführt. Aus naheliegenden Gründen sind 
diese Ätzstrikturen bei Kindern besonders 
häufig. 

Eine seltenere Form der gutartigen ö. sind 
die gelegentlich im Gefolge von Infektions- 
krankheiten auftretenden. Kein narbige 
dieser Art sahen wir besonders nach echter, 
auf die Speiseröhre übergreifender Rachen- 
diphtberie bei Kindern. Spezifischen Charak- 
ter zeigen dagegen die bei Erwachsenen ge- 
legentlich auftretenden tertiär syphilitischen 
(gummösen) sowie die noch selteneren tuber- 
kulösen. 

Ebenfalls rein narbig, aber ungleich seltener 
als die Ätzstrikturen sind die 0., welche sich 
an Verletzungen durch geschluckte scharfkantige 
Fremdkörper, z. B. Glassplitter, anschließi 
können. 

Die malignen 0. sind fast ausschließlich 
karzinomatöse. Beim Skirrhus langsam 



eintretend, aber unaufhaltsam fortschreitend, 
zeichnen sie sich beim Markschwamm durch 
den intermittierten Charakter der durch sie be- 
dingten Stömugen aus, so daß in solchen Füllen 
selbst eine sehr hochgradige Schlnckatörung 
später oft für viele Monate scheinbar ausge- 
glichen sein kann. 

Die Diagnose der ö. als solche ist unter 
Berücksichtigung der meist ungemein charak- 
teristischen Anamnese durch einfache Sonden- 
Untersuchung meist leicht zu stellen. Ebenso 
gibt die Anamnese , das Lebensalter des 
Kranken und die Untersnchnng seines Ge- 
samtorganismus oft für die Beurteilung der 
'orliegenden Art der ö. charakteristische An- 
haltspunkte. In anderen Fällen kann jedoch 
die DiflerentialdiagnoBe zwischen gutartigen 
und bösartigen ö., ja die Entscheidung der 
Frage, ob überhaupt Ö. vorliegt, recht erheb- 
liche Scliwierigkeiten bereiten. Denn ein voran- 
gegangen er Sei bstmordversuch mittelst eines Ätz- 
giftes wird oft ängstlich verschwiegen, andrer- 
seits können extraösophageale Tomoren sowie 
Varizen der Speiseröhre, ja gelegentlich auch 
rein funktionell spastische Zustande derselben 
eine ö. vortäuschen. Hier entscheidet gel^ent- 
lich schon die mittelst einer Knopfsonde vor- 
zunehmende Tiefenmessung der ti., da ja 
das Ösophaguskarzinom (kf. d.) charak- 
teristische Lokalisationen zeigt. Oder es findet 
eich an dem beransgezogenen Sondenknopf 
Blut, welches den ulzerativen Charakter, oder 
gar Gewebspartikelchen , welche den histo- 
logischen Charakter der 0. anzeigen. Wir 
mochten aber an dieser Stelle unseren Stand- 
punkt dahin präzisieren, daß die Sonde zu 
diagnostischen Zwecken recht vorsichtig an- 
gewendet werden soll, und daß besonders ein 
frischer Fall nicht durch die Striktur hin- 
durch, sondern nur bis an die Striktur 
hinan sondiert werden soll. Id anderen Fällen 
aber reichen diese primitiven Methoden nicht 
aus. Es tritt dann der moderne instmmeu- 
tuelle Apparat iu seine Anwendung, welcher es 
auch in den kompliziertesten Fällen ermögUcht, 
nicht nur die speziellere Gestaltung, sondern 
auch die Art der ö. exakt zu ermitteln. Zweck- 
mäßig wird zuerst die Radiographie ange- 
wandt, danach dieösophagoskopie (kf.d.), 
die letztere oft in Verbindung mitderProbe- 

Die Therapie findet in der möglichst 
exakten Diagnose ihre wirksamste Vorbe- 
reitung. Bei allen gutartigen Strikturen muß 
vor allen Dingen mit der Einleitung jeder 
lokalen Therapie abgewartet werdeu, bis das 
striktnrierende Genebe seine Spezifizit&t ver- 
loren hat und zu einer stabilen Narbe ge- 
worden ist. Denn alle vorzeitigen Eingrifie be- 
wirken als plastische BäziB erhöht« Bind«^e- 
webswncherung und damit stärkere Narben- 



197 



ÖSOPHAGUSSTRIKTUß. — OHRENFLUSS. 



198 



retraktion. 0«rsde unsere schwerBten F&lle von 
ö. sahen wir bei Kindern, welche vorzeitig nnd 
gegen ihren Willen zum Schlacken gezwongen 
worden. Gans im Uegenteil kann sich, beson- 
dera nach Verätzung, die Anlegongeiner Msgen- 
fistel and damit die vollkommene Rohigstollnng 
der sich formierenden Narbe dnngend emp- 
fehlen. Ist aber einmal die Narbe vollkommen 
konsolidiert, ho darf nnd rnnS methodisch 
sondiert werden, was bei ganz engen oder ge- 
wundenen Striktnren oft nur im ösophagoskop, 
ja geleg;entlich selbst nur retrograd von 
einer Magenfitlel aus zn erzielen ist. In letz- 
teren ganz schweren F&llen hilft manchmal 
schlieBlicb nnr eine , Sondierung ohne 
Ende'. VonFibrolysin bzw. Thiosinaniin haben 
wir Erfolge nicht gesehen. 

Bei bösartigen ö. verwerfen wir im Gegen- 
teil jegliche Sondierung wegen der großen Ge- 
fahr, falsche Wege zu machen. Vielmehr be- 
bandeln wir diese gern mit anästhesierenden 
Instillationen in die Partie oberhalb der 
Striktur und kleinen Mengen Karkot izia 
znr Ansschaltnng der Reflexspasmen. Je exakter 
der etrikturierende Prozeß von vornherein be- 
handelt wird, um so geringer bleibt die stet^ 
oberhalb desselben anzutreffende Erweiterung, 
um so weniger wird der Kranke dnrcb kompli- 
zierend« Ösophagitis (kf. d.) belästigt. Die 
Behandlang der karzinomatöaen 0. (kf. „Öso- 
phaguskarzinom") erfordert die größte Auf- 
merksamkeit and Hingebung des Arztes, ist 
aber oft imstande, das an sich so trübe Krank- 
heitsbild aaf viele Monate hinaus zn erhellen. 
GlCiksuanii. 

OsophagtUVarlzen. Krampfadern der 
Speiseröhre, oft in li&morrhoidalknoten artiger 
Anordnung finden sich namentlich in der un- 
teren Hälfte des Speiserohres oft bei fortge- 
schrittener Leberzirrhose, gelegentlich aber 
aach sicher idiopathisch. Sie können gele- 
gentlich zu profusen Blutungen Veranlassung 
geben, andere Male eine Ösophagusstrik- 
tnr (kf. d.) vortftnschen. Schon diese letztere 
Möglichkeit erweist, wie gefährlich mitunter 
planloses Sondieren sein kann und wie er- 
strebonswert die systematische Anwendung der 
Ösophagoskopie (kf. d.) ist, welche es er- 
laubt , auch in diesem Körperkanale unter 
Leitung des Änges zu arbeiten. 

Die Therapie hat vor allem Bintangen zu 
verhüten, was am besten dorch Ausschaltung 
aller harten oder durch ihre chemische Be- 
schaffenheit kongentir wirkenden Nahrungs- 
mittel geschieht, Ist die Blutung eingetreten, so 
moB absolute Ruhe, eventuell Eisblase und rek- 
tale Infusion von Gelatme angewandt werden. 



G[.t 



Ohrblntnng s 



OhrenflnÜ, Otorrhöe. Abgesehen von 
den seltenen Fällen, wo Liquor zerebrospinalia 
nach Schftdeltranmen ans dem Ohr abfließt, 
handelt es sich bei der Otorrhöe um einen 
eitrigen Ausfloß, der natürlich keine Krank- 
heit für sich, sondern nur ein Symptom ist, und 
zwar gewöhnlich einer Mittelobr- oder einer Ge- 
hörgangaeiterong bezieliungs weise eines Gehör- 
gangaekzems. Ganz aus nahms weise nur stammt 
die Obreitorong nicht aus dem Ohr, sondern 
von einem benachbarten, durch eine Inzisura 
Santorini in den Meatns durchgebrochenen 
Lymphdrüsen- oder ParotisabszeS, wobei Druck 
auf diesen AbszeQ den Obrenfloß steigert. Auch 
ein HimabsKeß kann sich durch den Gehör- 
gang entleeren. Die meisten Eiterungen sind 
unstreitig Folge einer Otitis media suppura- 
tiva aknta oder chronika, wobei reichlicher, 
nicht fötider Eiter für eine akote, weniger 
reiclilicher, fötider Eiter für eine chronische 
Mitteloh reite rang spricht. Ist der Eiter schlei- 
mig, so stammt er sicher aus dem Mitteloht, 
da der Meatns ja keine Mukosa hat. Eine 
sichere Diagnose ist jedoch immer erst bei 
Anwendung des Obre nspiegels zu stellen, denn 
einerseits kann der gewöhnlich spftrliche und 
gerocbloae Furunkaleiler bei Granalations- und 
ÄbszeCbildung auch reichlich werden, andrer- 
seits wird bei Kindern selbst eine akute Eite- 
rung leicht fötid und scliüeßlich ist oft die 
Diagnose: ob stinkender Ekzem- oder Mittel- 
oh reitar nur nach genauer Inspektion des 
Trommelfells zu stellen ; denn ist keine Per- 
foration nachzuweisen, so kann der Eiter auch 
nicht ans dem Uittelohr stammen. 

Sind Granulationen vorhanden, so enthält 
der Eiter oft Blut, besteht Knochenkaries, so 
enthält er oft Knochengrieß; bei Cholesteatom 
hat er reichliche EpithelschoUen und -fetzen 
beigemengt und riecht nach Limburgerkäae. 
Durch Pyozyaneus kann er blau gefirbt 

Die Gefährlichkeit der Obreiterungen ist 
heute allen Ärzten, leider noch nicht genug 
dem Publikum bekannt. Obwohl jedes Jahr 
viele Menschen an den Komplikationen: Me- 
ningitis, Sioosthrombose , Pyämio und Him- 
abszeß zugrunde geben, stößt man noch immer 
auf Mütter, die ein Beseitigen des Ohrenflusses 
fttr schädlich halten. Wahr ist daran nur, daß 
ein trocken gewordenes Ohr oft schlechter hört 
als vorher, wo es noch eiterte, da die Knöchal- 
chen mehr fixiert sind als vorher. Da aber 
an schlechtem Gehör noch niemand gestorben 
ist, an Ohrciterung aber viele, so darf uns 
dieser kleine, eventuell s[Ater durch Behand- 
lung noch zu beseitigende Übelstand auf keinen 
Fall abhalten , eine jede Ohreilerung aufs 
energischste zn bekämpfen. S. , Otitis media 
suppurativa". 



, J'T^'ftogle 



OHRENSCHMERZEN. — OHRMUSCHEL. 



200 



Ohrenschmersen (a. auch: ,otai- 

gie"). Dieselben künnen bedingt sein darcb 
entzündliche Prozesse im oder am Ohr bzw. 
in der Nachbarechaft, durch Tranmen and 
Nearalgien. Bei einer Otitis externa macht 
jede Bedlhrong des Tra^s BOnie Zug an der 
Koncha Schmerz; das Kauen, das Gähnen tat 
weh, da hierbei der hftutige Geliöi^ng ge- 
zerrt wird. Oft werden diese Sclimerzen jedoch 
irrttimlich auf den Meatas bezogen, da häufig 
bei genauer Palpation sich nnt das Kieferge- 
lenk schmerzhaft erweist, bIbo eine Arthritis 
mandibularia statt einer Elxtema vorhanden ist. 

Der Schmerz der Otitis media sitzt mehr in 
der Tiefe , wird durch Zerrungen des Gehör- 
gangs nicht vermehrt, wohl aber durch Hasten, 
Schneuzen und Schluckbewegongen. Nach 
Perforation des Trommelfells, sei es spontan, 
sei es durch Parazentese, läSt der Schmerz 
gewöhnlich nach, um bei Verhaltungeii oder 
Periostitis mastoidea wiederzukehren. Aach 
hier kommt es zu Verwechslungen , n. zw, noch 
hänflger als bei der EJitema. So kommen nicht 
selten Leute mit angeblich heftigen Ohren- 
schmerzen, deren Ohren völlig gesund sind, 
wahrend bei der Untersuchung des Mundes 
eine alte schmerzhafte Zahnwurzel, ein kariöser 
Backzahn , ein im Durchbrechen l>e<;riffener 
neuer Zahn, ein Mandelpfropf, eine Ulzeration 
im Rachen, Nasupharynx oder an der Epiglottta 
gefunden wird. Bei Angina kommt es auch 
ohne sekundäre Otitis media oft zu heftigen, 
nach dem Ohre ausstrahlenden irradiierenden 
Schmerzen , doch sind letztere dann mehr 
stechend, nicht so heftig und klopfend wie 
bei wirklicher Mittelohrentzündung. Auch bei 
Lymphadenitis kolli werden häutig Ohren- 
Bchmerzen geklagt. 

Über die nervösen Ohrenschmerzen 
B. .Otalgie". 

Die Therapie der Ohrenschmerzen ist je 
nach der Ätiologie verscliieden. Eine Ar- 
thritis mandibularia, eine Angina, Karies den- 
tinm etz. erfordern ihre spezielle Behandlung. 
Bei leichten Olitiden wirkt ein PrieÜnitz am 
besten (sehr zweckmäßig in form des ameri- 
kanischen Filzschwammes). Bei einer Externa 
lindert ein Tonerdetampon sehr. Bei einet 
spontan perforierten oder parazentesierten Me- 
dia sind heifie Umschläge, trocken oder feucht, 
sehr zweckmäßig, doch kommen, allerdings 
sehr selten, FUlle vor, wo die Kälte besser 
vertragen wird als die Wärme. 

Qhosbuann. 
OhnnnSOhel, Erkrankungen der. 
1. Bildungs fehler. Sie kommen als Bildungs- 
defekte oder Bildongsexzesae vor. Zu letzteren 
gehören die ttbermäBige VergröQening der 
ganzen Muschel (Makrotie) oder einzelner Ab- 
schnitte derselben, das Vorkommen von mehr 
als 2 Muscheln (Polyotie) und die Anri' 



kularanbänge (s.d.). Zu ersteren dieMikrotie, 
ja fast völliger Mangel der Ohrmuschel, das 
Fehlen des Ohriäppchens und die auf einer 
früheren Entwicklungsstufe stehen gebliebenen 
Muscheln, die dadurch Tierohren ähnlich sehen, 
z.B. das sogenannte Makakusohr, das Katzen - 
ohr and das DAüwissche Spitzohr. Eine weitere 
Hemmungsbildong ist die Pistnla anris koD' 
genita (s. d.) nnd das Kolobom des OhrlBpp- 

Therapie. Bei Makrotje, Katzenohr etz. 

kann man durch Exzision eines oder mehrerer 
keilförmiger Stücke aus dem Knorpel nnd 
Naht ganz gute kosmetische Resultate erzielen. 
Bei Defekt einzelner Teile der Muschel läßt 
sich durch Hautlappen ans der nächsten Um- 
gebung Ersatz schaffen. Defekte der ganzen 
0. verdeckt man durch Frisur oder Prothese 
{künstliche Muscheln aus Papiermache). 

2. Einem. Die 0. ist eine Prädilektions- 
stelle fitr die Seborrhöe , neigt also sehr zo 
seborrhoischem Ekz«m, namentlich beteiligt 
sie sich leicht an seborrhoischem Ekzem des 
Kopfes. Gerade bei letzterem bleiben meist 
Spuren in Gestalt von Rhagaden an der In- 
sertionslinie der Koncha zuriick und geben 
leicht zu Bezidiven Veranlassung. Am häufigsten 
Bl)er wird ein Ekzema konchae durch Ohr- 
eiterungen veranlaßt, wenn der Meattis nicht 
genügend gereinigt wird, so daß der Eiter auf 
Gehörgang und Koncha reizend wirkt. Auch un- 
zweckmäßige lokaltherapentiäche Maßnahmen 
(Eingießnngen , Bähungen etz.) können ein 
Ekzem erzeugen, besonders leicht bei kleinen 
Kindern. 

Die Symptome sind wie an anderen Stellen 
des Körpers aacli, nur ist die Rhagaden bildong 
in der Insertionslinie der Muschel and am 
Übergänge der Haut des Lobulus in die der 
Wange besonders häufig. 

Die Diagnose ist gewöhnlich leicht; nar 
zu Anfang kann ein akutes, ausnahmsweise 
mit Fieber einsetzendes Ekzem mit Erysipel 
verwechselt werden. Die Behandlung ist 
ebenfalls die gewöhnliche. Bei den leicliten 
Formen genügt die Vermeidung jedes Heran- 
kommens von Wasser und ein indifferentes 
Streupulver; bei starken entzündlichen Er- 
scheinungen sind Umschläge oder feuchte 
Verbände mit essigsaurer Tonerde oder H,0, 
empfehlenswert; bei nässenden Ekzemen sind 
Salbenverbände am besten, nnd zwar Zinksalbe 
oder Tnmenol-Ziidipaste; bei starker Sekretion 
ist mehnnals täglich zu verbinden. Geben 
Salben verbände niclit an , so kann man 
Pinaelimgen mit schwacher Höilensteinlösnng 
versuchen. Squamöse Stellen in den Furchen 
der Muscheln and Rhagaden in der Insertions- 
linie heilen unter weißer Fräzipitatsalbe sehr 
schön ab, auch Teerpräparate sind bei dauern- 
der Schuppenbildung mit Erfolg anzuwenden. 



Ist das Ekzem von vornherein trocken and 
schappend, so heilt es meist unter weifier 
Fräzipitatsalbe oder WJuigeir TaDninTasetiDe 
salbe glatt ab. 

3. Erfrierung (Kongelatio). Dieselbe betriCtt 
den exponierten ftoBeren Rand oder die ganze 
Ohrmaschel. Bei der Erfriening ersten Orades 
finden sich an der Haut der Koncha stark 
juckende and brennende blaurote Flecke, die 
mitonter aach sehr BCbmenhaft und mftfiig 
geschwollen sind (Kongelatio erythematosa). 
Bei dem zweiten Grad der Erfrierong (K. bullosa) 
bilden sich anf stark geröteter and geechwoUener 
Unterlage groSe seröse oder h&niorrhagiache 
Blasen, die vereitern können. Der Schmerz 
ist sehr stark. 

Der dritte, sehr seltene Qrad (K. escharotika) 
fahrt za TöUiger Nekrotisierong mit schwarzer 
Färbung, GeschwOrsbildang and Abstofiong 
von Teilen der Koncha mit nachfolgender De' 
fonnatioD derselben. 

Bei chronischer Kllteeinwirkong kommt ee 
stt derber Infiltration, zur Bildung richtiger 
Frostbeulen (Pernionee), d. h. die erfrorenen 
Stellen bilden flache, blaurote Knoten, die im 
Zentrom leicht nlzerieren. 

Bei blutarmen, also prädisponierten Indi- 
viduen, besonders bei anftmischen Mädchen, 
eutEteben bisneilen die stark jnckenden und 
brennenden Frostbeulen bei Temperatoren Über 
dem Nullpunkt und kommen regelmBfiig bei 
Eintritt der k&lteren JahrMzeit wieder. 

Fast stets geben die Erfrierungen viele Jahre 
lang Anlaß za qidlenden Beschwerden, be- 
sonders beim Übergang von Frost- zn Tan- 
wetter; aber auch im Sommer rezidivieren 
Schneilang, Jacken und Knötchen bildnng, 

Therapie. Bei samtlichen Formen von 
Erfrierung wird Verband mit HESRAscher Salbe 
ger&hmt. Bei den leichten Formen genügen 
kalte Kompressen und Umsch^ge mit Aqua 
Ooulardi, bei den stärkeren znerst Abreibnngen 
mit ^hnee, oder Applikation des Eisbeutels, 
oder die LEmoiGchen KUblröhren, dann Wis- 
mnt- oder Borsalbenverb&nde. Bei Erfriernngen 
zweiten Grades ist EröChnng der Blasen vor- 
mnehmen, dann mit 10%iger Höllenstein lüsnng 
zu ätzen nnd letzteres so lange nach AbstoBung 
des Schorfes zu wiederholen, bis sich frische 
Grannlationen entwickeln. Oder man kann 
ikach Eräflnong der Blasen mit Salbe (2°',ige 
Argentam-, Zink-, Borsalbe) verbinden. Bei 
Erfrierungen dritten Grades ist zur Entfemnng 
der nekrotischen Teile ihre Demarkation ab- 

Bci Frostbeulen empfehlen sich melirmals 
täglich prolongierte Waschungen der Obren 
mit möglichst heifiem Wassor, Pinselungen 
mit Jodtinktur (ein- bis zweimal täglich), 
KoUodinm, Ol. terebinthinae, Ichthyol, Tran- 
matizin, Kampfer oder Ichthyolsalben. Für 



exkoriierte Hantstellen Borvaseline, für Rha- 
gaden Atzung mit Höllenstein in Sabstanz. 

Prophylaktisch wirken: Bekämpfong der 
Anämie, häufige Waschungen der Koncha mit 
Alkohol absolutuB, Schutz gegen Kälteein' 
Wirkung (Ohrenklappen). 

4. Sämaiom iUr Koncha s. „Othämatom". 

&. Lufue B. „Tuberkulose". 

6. Neubildungen. Die häufigsten gutartigen 
Neubildungen der 0, sind Atherome, Zysten 
(seröse sowohl wie Dermoldzysten) nnd 
Fibrome, besonders Keloide nach Ohrlöcber- 
stechen; seltener sind Angiome, Chondrome, 
Papillome, Lipome. 

Von den bösartigen GeschwQlaten kommen 
die verschiedenen Arten des Sarkoms (mikro- 
skopische Untersuchung!) nnd das Karzinom 
TOr. Letzteres tritt als Ulkas rodens, meist am 
Heliz, oder als rasch fortschreitendes, sehr 
destruierendes Dlkus karzinomatosnm mit 
wallartigen Bändern auf, das schnell auf 
den Qehörgang, die Parotisgegend etz. Aber- 

Therapie. Möglichst frühzeitige Operation. 

7. F^chondriü». Die KnorpelbaatentzÜn- 
dnng der Ohrmaschel ist relativ selten. Sie 
beginnt meist mit einer anfänglich als 
Furunkel imponierenden , schmerzhaften An- 
Bchwellong im Oehörgang, die allmählich auf 
die Koncha fortschreitet, bis letztere in eine 
an form ige, teigig □ndfiaktnierend anzufühlende 
Masse umgewandelt ist, welche die Furchen 
und Leisten der gesunden Ohrmuschel nicht 
mehr erkennen iäfit. Nur der Lobulus, der 
keinen Knorpel enthält, bleibt von der Schwel- 
lung verschont. Die Geschwulst fühlt sich heiB 
an, die Uant ist blaurot. Meist ist Schmerz nnd 
Fieber vorhanden. Sitzt die Perichondritis 
anfangs auf der Vorderseite der Koncha, so 
kommt es bald zu einem Dnrchbrncb des 
Knorpels und es entsteht ein AbgzeB ancll an 
der Hinterseite. Nur frilbzeitige Inzisionen, 
Ausschneiden derDurchbruchstelle des Knorpels, 
feuchte Verbände mit cssigsanrer Tonerde- 
lösang können einem weiteren Einschmelzen 
des Knorpels Einhalt gebieten; sonst kann das 
ganze Knorpelgerüst zerstört werden, so daB 
schließlich statt der wohlgeformten Koncha 
ein häÜlicher runzliger HautUtppen vorhanden 
ist, der direkt entstellend wirkt. Der Verlauf 
der Perichondritis ist entweder akut, dauert 
dann aber doch noch 3 — 10 Wochen, oder 
chronisch und braucht dann ebensoviele Monate 
zur Heilang. 

Ätiologisch unterscheidet man 1. eine idio- 
pathische Entstehniig, d. h. eine solche, wo der 
Infektionsmodus nicht nachzuweisen ist; 
2. eine sekundäre Entstehung nach Traumen 
oder durch Fortleitung aus der Kachbarschaft 
besonders aus dem äußeren Gehörgang, z. B.~)(jl^ 



OHRMUSCHEL. — OHBPOLYPEN. 



204 



auch nach der B&dikaloperation durch In- 
fektion der Rttnder des FlastiUappens ; 3. eint 
tnberkalöse Form {nach Hauo), die viel lang- 
Bamer verlKnft als die gewölinliche Pericbon- 
dritia und bei welcher der krttmlige Eiter 
Tuberkelbazillen enthSlt. 

DifferenlialdiagnoBtJscb kommt nur eine 
Verwecbslong mit dem Otfaftmatom inBetracbt. 
Letzteres entat«ht jedoch bedentend scbnelleri 
hat eine viel intensivere blanrote Verftrbung 
dar Haut, blutigen Inhalt und verlftnft meiBt 
fieberfrei. 

Die Therapie iBt, wie schon erwfthnt, rein 
chirurgisch. 

8. Tophi Bind maasige, tnmorartige Ablage- 
rungen von hamsauren Salzen am hinteren 
Band des Helii, die bei gichtiscber Diatliese 
hier beaonderB frQh und hftnfiger auftreten 
als an anderen Eörperatellen. Sie erreicben 
die Größe einer kleinen Erbse, sind bald weich, 
von milchigem Inhalt, bald hart und sandig. 
Vor und nährend des Gichtanfails sind sie 
Bohmer/haftj manchmal erscheinen sie kurz 
nach einem Anfall. 

9. Tuberkulose. Die Tuberkulose der Obr- 
mnschel kommt in den verschiedeniten Formen 
zur Beobachtung. 

10. Ab Lupus, und zwar in allen Abarten 
desselben, primftr und sekundär. Dnter den 
primftren Formen ist besonders häufig der 
Lupus hypertrophikus koncbae. Son^t gilt fOr 
den Lupus der Ohrmuschel alles, was für die 
Diagnose des Lupus und seine Behandlung 
flberhanpt gilt und jedem Arzt wohlbe- 
kannt ist. 

11. Die tuberkulöse Ferichondritis s.d. 

la. Die KnotentuberkuIoBe der Ohrmu- 
schel. Sie kommt nurbeim weiblichen Geschlecht, 
als Folge einer Infektion des Stichkanals der 
Ohrlöcher vor, und zwar in Form eines derben, 
elastischen, unter der Haut nicht verschieb- 
lichen , hasel- bis walnuBgroBen Knotens im 
untersten Teil der Ohrmuschel und im Läpp- 
chen. Verwechslungen mit Fibromen sind nur 
makroskopisdi möglich, mikroskopisch zeigen 
die Knoten zahlreichen Tuberkel und unge- 
mein hftnfige Riesenzellen. Die Geschwülste 
werden gewöhnlich , obwohl sie sehr langsam 
wachsen, früher operiert, bevor sie erweichen 
and nlzerieren. Die Prognose ist verhältnis- 
mäBig günstig, nur müssen bei der Operation 
eventtiell schon infizierte Drüsen mitentfemt 
werden. 

Prophylaktisch ist grüßte Asepsis beim 
Stechen von OhrlÖchem zu empfehlen. Das 
Tragen von Ohrgehängen aus dem Beaitz von 
Tuberkulösen ist zu vermeiden, 

ÖBOSailANS, 

OhrpolypOn. au O. bezeichnet man 
gestielte, gutartige Binde websgeechwülste im 
Äußeren Gehörgang, deren Oberfläche mit i 



Epithel bekleidet ist. Ihre Größe wechselt von 
der eines Hanfkoms bis zu Massen von solchem 
Volumen, daß sie den ganzen Meatus ausfüllen, 
ja noch ein Stück zum Poms estemus heraus- 
ragen. Ihre Farbe ist blaßrosa bis dnnkelrot, 
die Oberfläche glatt, granuliert oder zerklüftet. 

Bei der ObrenspiegelontersuchuDg, bei der 
schon öfter ein glatter roter Polyp für ein 
akut entzündetes Trommelfell gehalten wurde, 
hat es nicht selten den Anschein, als wenn ein 
Polyp von der Gebörgangswand oder am 
Trommelfell entspringt, während er in Wirk- 
lichkeit von der Paukenhöhlenschleimhant 
(am häufigsten von der Labyrinth wand), oder 
aus dem Kuppelraum, oder dem Antmm ma- 
stoideum kommt und entweder durch eine 
Trommel fellperforation oder nach Dutchbmch 
des Knochens in den Gehörgang gelangt ist. 
Mitunter entspringen Paukenhöblenpolypen 
vom Ostium tympanikum tubae, aoch dnrch- 
wuchem zuweilen vom Innern des Prozeiisus 
mastoideus ausgehende Polypen kariöse Lücken 
der hinteren Gebörgangswand. Nicht selten 
sind in einem Ohr mehrere Polypen vorhanden, 
die von verschiedenen 1^ teilen (Hittelobr, 
Trommelfell , Oehörgang) ihren Ursprung 
nehmen können. 

Ätiologie. DieO.entstehen meist im Verlaufe 
einer chronischen, viel seltener einer akuten 
Mittel ohreitemng. Sie können aber auch in- 
folge bloßer Reizong der Gehörgangs wand 
durch Fremdkörper, auch schon durch hartae 
Zerumen, Sequester, selbst schon bei Otitis 
externa diffusa znr E^twiclüung kommen. 

Histologisch sind 4 Hanptformen zu unter- 
scheiden : 1. Rnndzellen oder Schlei mpolypen 
(Oranulationsgesch Wülste), mit drüsiger oder 
gelappter, selten glatter Oberfläche. Sie 
kommen am häufigsten vor. Seltener 2. weiche 
Fibrome, die in seltenen Fftllen ödematöse 
Dnrchtrftnkung zeigen. Noch seltener 3. harte 
Fibrome oder Faserpolypen, wie die vorigen 
mit meist glatter Oberfläche, Am seltensten 
die Myiome oder Gallertpolypen, mit stern- 
förmig verzweigten Zellen. 

Die Art des Oberflächenepithels ist durch 
das Epithel des Mutterbodens bedingt. Die 
ans der Paukenhöhle und der Tuba entsprin- 
genden Polypen sind meist mit Ftimmerepithel 
bekleidet, die ans dem Kuppelraum und dem 
Warzen fortsatz kommenden mit Plattenepithel, 
die des Oebörgangs mit richtiger Epidermis, 

Symptome. In der Regel ist der EUter, 

ir zum Teil von der Oberfläche des Polypen 
selbst abgesondert wird, blutig tingiert, auch 
kommen zeitweise stärkere Blutungen vor, 
besonders nach Ausspritzungen des Obres. 

Ist der Polyp so groß, daß er die Perforation 

des Trommelfells verlegt oder gar den Meatus 

obtnriert, so kann er leicht eine Eiterretention 

Mittelohr bewirken, als deren Folge Fieben 



205 



OHRPOLYPEN. — OHRSYPHILIS. 



206 



Kopfachmera, Scliwindel, Erbrechen, Drnck- 
empfindlicbkeit des Warzenfortsatzcs aaftreten 
kann. Aach epilepti forme Anfalle sind auf 
reflektorischem Wege von Ohrpoljrpen amgelöst 

Die Diagaose ist gewöhnlich darch die 
bloBe otoakopische Untersachung zu stellen] 
nnr vor einer Verwechslung mit einem akut 
entzündeten T roaitnelfell , das indessen dem 
Ange nicht so nahe liegt, hat man sich, wie 
schon erwähnt, za hüten. Darch Umkreianiig 
des P. mit der Sonde kann man sich Anf- 
BchloS Über Beinen Ursprung schaffen. E^ostoBen 
mit gerötetem HaDtftberang unterscheiden 
sich durch ihre Knochenharte von dem P., 
bösartig T am oren durch ihre unebene, höckrige 
Oberfläche, die großen Schmerzen nnd die 
Kachexie. 

FrogBoae und Therapie. Obwohl Ohr- 
polfpen jahrelang bestehen können , ohne 
ernstere Erscheinungen zn machen, ja obwohl 
ne Busnabrnsweise (bei langem dünnen Stiel) 
beim blofien Ausspritzen mit au^espült worden 
sind, ist ihre Entfemnng so frdh als möglicli 
angezeigt, da die begleitende Ohreiternng nicht 
aufhört, beror sie beseitigt sind, nnd weil 
eine eventaelle Eliterretention den Tod des 
Patienten durch Meningitis, HirnabszeB oder 
i^innsthrombose herbeiführen kann. 

Zur Entfemnng der Ohrpoljpen bedient man 
sich der Drabtschlinge , nnd zwar des Wildk' 
sehen Schiin gen seh närers oder der Beck- 
itAHxscheD Schlinge. Die Blntnng Bl«ht meist 
schnell auf Tamponade; vorherige Eokaini- 
sierong setzt den Schmerz beim Umlegen der 
Schlinge wenigstens etwas herab. 

Bei sehr festen oder breitbasigen Polypen 
kann man die Onlvanokaustik (Schlinge oder 
Flachbi«nner) anwenden. 

Oft wird das eiternde Ohr nach der Polj^n- 
extmktion mit einem Schlage danernd trocken. 
Eitert ee weiter, so mnB die Basis des Polypen 
geStzt werden, nnd zwar mit Aigentnmlösung 
oder Chromsänre in Substanz bzw. galvano- 
kauBtisch; auch kann man kleine Reste des 
Stiels gut mit dem scharfen Doppelzängchen 
von Hauthakh oder mit der Kürette entfernen. 
Obosesunn. 

Obnohwlndol, oft verbanden mit 
GleicbgewichtastÖmngen , Übelkeit nnd Er- 
brechen, kann an IntensitAt vom einfachen 
Schwindelgeftihl bis zu den heftigsten Sturzbe- 
wegnngen variieren. 

Der O. kann spontan eintreten oder nach 
Manipulationen am Ohr , z. B. nach Ans- 
spritznngen, Luftdnsche, hei BerUhrang des 
Stapes, von Labyrinthfisteln, besonders Bogen- 
gangsfisteln. Ist das Spritzwasser nicht warm 
gentig, wird mit zuviel Kraft gespritzt, kommt 
der Strahl darch die Trommelfellperforation 
direkt aufs Promontorinm, so kann Schwindel 



eintreten, der sich nicht wiederholt, wenn man 
mit warmem Wasser, weniger kififtig. oder 
durch einen seitlich mehrfach gefensterten, an 
der Spitze geRchlossenen Gummiüberzng der 
Spritze spült (LfCAE), Wird der Patient aber 
trotz aller Eautelen wieder schwindlig, so be- 
steht Verdacht auf eine Labyrinthfistel. 

Bei Verletzungen des Labyrinths tritt sofort 
heftiger Schwindel anf, der sich bei jeder Be- 
wegung des Patienten steigert, bei horizontaler 
Rtjielage aber fehlt. Meist ist er mit Ny- 
stagmus und Erbrechen verbimden. 

Hftufig tritt Schwindel Kusammen mit sub- 
jektiven OehÖrsempfin düngen, zuweilen anch 
mit Schwerhörigkeit oder Taubheit auf und 
pflegen letztere Symptome den Schwindel ge- 
wöhnlich zn ttberdanem. 

Der O. entsteht also nach dem Vorausge- 
schickten auf sehr verschiedene Art, und zwar 
1. durch Erkrankung des Zentralnerven- 
systems, 2. durch Affektionen des Hömerven- 
apparates inklusive lAbyrintli nnd 3. durch 
Erkrankung oder künstliche Reizung des 
äußeren und mittleren Ohres, mögen nun da- 
bei die Drnck- oder Zirkulationsverhältnisse 
im Labyrinth verludert oder die Gleichge- 
wicbtsatörangen direkt durch Reflex auf das 
Gehirn veranlaBt sein. 

Am intensivsten ist der 0. in solchen Fällen, 
wo das Labyrinth selbst erkrankt ist, abo bei 
Karies des Labyrinths, beim M^mfiBEschen 
Symptomen komplex und der Meningitis zerebro- 
spinalis. Nur bei KleinhirnahEzessen pflegt der 
Schwindel noch stärker zu sein, doch ist dabei 
das Labyrinth oft miterkrankt. 

Der O. ist, besonders bei Patienten mit 
Mittelohreiterung, obwohl er schon eine ein- 
fache Otitis media begleiten kann, ein alar- 
mierendes Symptom. Man verordne dem be- 
treffenden Patienten stets Bettruhe and ziehe, 
wenn man andere Ursachen des Schwindels 
(Magenverstimmung) ausscblieGen kann, bald 
einen erfalirenen Otiater zu, da sowohl qnoad 
fnnktionem wie quoad vitam schnelle Ver- 
schlimmerungen eintreten können, 

G BOSS» ANN. 

Ohrflyphilll. Dieselbe kan^ sich an 
jedem der 3 Abschnitte des Gehörorgans 
manifestieren, Frimäraffekte ander Koncha sind 
sehr selten, aber doch mehrfach beobachtet, 
und zwar nach Küssen, Bissen und dem Ge- 
brauch infizierter Handtücher, Auch Gummata 
sind an der Ohrmaschel und ebenfalls im Ge- 
hörgang, sehr selten am Trommelfell gefunden 
worden ; bei ulzerösem Zerfall werden aus 
ihnen mndliche oder serpiginöse Geschnüre mit 
speckigem Grand nnd steilen Bändern, die zu 
gröBeren Defekten der Koncha führen können. 

Von Hautausschlägen kommen an der 
Mnschel wie am Meatus makalöse, papuli 
and pustulöse Syphilide vor, die meist miti< 



gle 



207 



OHRSTPHILIS. - OKZIPITÄLNEÜEALGIE. 



HantSTphilia anderer EörperateUen, besonders 
der Stini' nnd Kopfhaut kombiniert Bind. Am 
hftnfigBten sind indesBen im Oehörgang Ulze- 
rationen nnd Kondylome. Von letzteren spricht 
man erst, wenn die mit intakter Epidermis 
bedeckten rötlichen oder braonroten papulösen 
Effloreszenzen infolge Mazeration einen 
Bchmierigen , granen, oft fötiden Belag 
zeigen nnd leicht hinten. Bei alzerÖBem Zer- 
fall der Kondylome kann eine starke , serös- 
eitrige Sekretion eintreten nnd heftiger aoa- 
strahlender Schmerz Torhanden sein. 

Die Birphilitischen Erkrankungen des Mi ttel- 
o b r B entstehen meist dnrcb Übergreifen 
luetischer ÄSektionen des NBBopbarjnx auf die 
Ohrtrompete. Plaqnea mnqaeases oder zer- 
fallende Oommata in der Nahe des Orifiziom 
pharyngenm tnbae bewirken bBofig ein Zn- 
Bchwellen dee letzteren nnd dndnrcb Transendat- 
bildong im Mittelohr, seltener eine akute 
MittelohrentzUndnng bzw. -«itemng. Durch 
syphilitische Infektion mitdem Tuhenkatheter 
sind auch schon mehrfach Primftraffekte an 
oder neben der Tobenrnflndung erzengt worden, 
die mit starker Schwellung der Zervikal- und 
SubmaxUlard rOseu einhei^ngen und eheu- 
faJls katarrhalische oder eitrige Erkrankung 
der Psokenhöhle Terarsachten. 

Die syphilitischen Mtttelohrprozesae sind 
wegen der häufigen Komplikation mit Laby- 
rintherkrankung meist mit starker Schwer- 
hörigkeit verbunden, gehen hftnfig mit Se- 
questerhildung einher and werden leicht 
chronisch. 

Nach STEiMnaCooic kommt es infolge Lnes 
zu chronisclier perioetiti sehet Entzündung der 
Felsenbeine mit konsekntiTer Verdickung des 
Periosts nnd Bildung von Exostosen nnd 
Hjperostoaen im ftuBeren Gehöi^ng. an den 
Ossiknlis, den Paukenwftnden, der knöchernen 
Tnbe, zur Synostose des Stapes etz. 

Gnmmata am Warzenteil sind selten. 

Die syphilitische Erkranknng deB Laby- 
rinths s. unter gLabyrintherkrankungen". 

Die Diagnose wird am ftufieren Ohr aaf 
dem Nachweis gleichzeitiger und nachfolgender 
syphilitischer VerSndeningen an Genitalien, 
Haut nnd Lymphdrftsen, beim mittleren Ohr 
auf der Untersuchung des Mundes, der Nase 
und des Nasenrachenraums beruhen ; beim 
inneren Ohr kann die Diagnose dann ziemlich 
sicher auf Lues gestellt werden, wenn bei einem 
Individuum, das bekannte rmaBen (oder noch 
nachweislich) Syphilis gehabt hat, plötzlidi 
hochgradige Schwerhörigkeit entsteht, die sehr 
schnell in totale Taubheit abergeht, und wenn 
gleichzeitig starke subjektive Gehörsem pfin- 
dnngen, Schwindel, taumelnder Gang and eine 
starke VerkitcTung der Knochenlei tnng für 
tiefe Töne bestehen. 



Die Therapie ist die bei Syphilis allge- 
mein Übliche. Bei Qehörgangsatfektionen ist die 
weiße Prazipitatsalbe von TorzQglicher Wirkung: 
auch Einpudern von Kalomelpnlver ist emp- 
fehlenswert. Hei Labyrinthlues wird oft neben 
der Schmierkur gleichzeitig eine Schwitzkur 
eingeleitet. Von den Jodpr&paraten sind das 
Jedipin (intrarnnsknläre Injektionen) und das 
Sajodin in Tablettenform hervorzuheben, da 
beide den Jodismus iast ganz verhindern. Auch 
der Jodeisenlebertran (jodella) wird gelobt. 
besonders wenn eventuell hereditäre Syphilis 
mit Skrofulöse kompliziert ist. Oeobsuahm. 

Oksipitalnenralgie. Da anfier dem 
N. okzipitalis maior auch andere Zweige 
der vier obersten Zervikalnerven befallen 
werden können , spricht man wohl auch 
von Zervikalneuralgie. Am hftuiigaten ist in- 
dessen die Erkranknng des Okzipitalis maior 
allein, ttbrigens hestdien reichliche Anasto- 
mosen zwischen Anriknlaris magnua, okzi- 
pitalis major nnd minor. Da der Okzipitalis 
major bis in die Scheitelgegend hinaufeieht, 
lokalisiert sich der Schmerz meist von den 
Nacken mnskelans&tzen bis auf die Scheitel- 
höhe hinauf. Bei isolierter Erkrankung des 
Okzipitalis major bestehen Druckpunkte, 
deren konstantester die Anstrittsstelle am 
Nacken ist. Weiterhin kann der ganze Ver- 
lauf druckempfindlich sein. Bei doppelsei- 
tiger Erkranknng kann das Leiden sehr qut- 
lend werden und jede Bewegung des Kopfes 
nahezu unmöglich machen. Gewöhnlich ist 
der Schmelz andanemd; von Begleiterschei- 
nungen werden Haaransfall, Ergrauen des 
Haares, Rötung des Ohres, Ohrensausen ge- 

Dlagnoae. Ein der 0. lihnliclier Zustand 
kann durch entzündliche ZustILnde der Nacken- 

moskelana&tze am Kopf hervorgebracht werden, 
doch ist hier oft eine teigigeSchwellungfahlbar. 
der Schmerz mehr lokalisiert an den Ansatz- 
stellen, ohne sich nach oben auszubreiten. Gegen 
Verwechslung mit Halswirbelaffektionen schützt 
derUmstand, daS bei dieser die Wirbel empfind- 
lich sind und die Bewegungen noch mehr ein- 
gcschrHnkt sind als bei der Neuralgie. Bei 
nenritischer Erkrankung der Wurzeln pflegen 
GefUhlsstörungen aufzutreten. 

Therapie. Die Heilungsauseich ten sind 
besser als bei der Trigeminusnenralgie : Am 
besten nützt ein heißer Umschlag mit nach- 
folgender leichter Streichmassage ; bei letzterer 
kann eine schmerzstillende Salbe, Belladonna 
oder Kokain, bcnutrt werden. Bei Verdacht 
anf Malaria, die sich übrigens am Okzipitalis 
nur selten lokalisiert, ist Chinin angezeigt ; sonst 
helfen die Antipyretika und Antioeacalgika 
in bekannter Dosis. C^'oOgIc 



OKZIPITALNEUEALGIE. — OMENTITIS. 



210 



Änwendong des galToniichen Stroms ist oft 
von gntem Erfolg begleitet lo harbi&ckigen 
mien kann schlieBlicb die Darchschneidong 
der Kervea n6tig werden. FLiwu. 

Ontentitil oder Epiploitis, die Entsfin- 
dnng de« Netzes, ist entweder um eine neben- 
sftchliche Teile racheiniing einer diffosen, akuten 
oder chroniechen Feritonitis oder tritt ^s eine 
setbHt&ndigB Form der zirkumskripten Perito- 
nitis auf. 

Die selbeUndigere Form ist die Folge 1. von 
Äußeren Traomen, welche das Abdomen treffen, 
nnd von Inanlten, die das Netz in Brnch^cken 
oder bei Vorfall in penetrierende Baachwnnden 
erleidet ; 2. kommt sie neben Entaflndongen an- 
derer Organe, nie des Darmes, des Magens, 
der Leber, der innerea Genitalorgane usw., 
durch Fortachreiten dieser Entzündongen aaf 
das Netz zustande, 3. findet sie sich znweilen 
im Ansdilnfi sn chronische Pfortader- 
etannngen, 4. hegleitet sie r^elmikBig die 
Nenbildangspiozesse im Netze, vor 
allem die Tnherknlose and das Karzinom des 

Symptome fehlen meist bei den eingehen 
Trübongen, Verdickungen tmd Anflagerangen 
Bof das Netz. Zuweilen wird zwischen das Netz 
und seine pBendomembranösen Anflagerangen 

reichliche aszitiBche Flüssigkeit entleert und es 
entstehen so Zysten des Netzes. Diese sind 
als floktaierendc Tomoren mimittelbar anter 
den Baachdecken in der Nabelgegend za fahlen, 
sind von den Därmen nicht bedeckt und können 
eine äofietst ansgiebige Verschieblich keit zeigen, 
bis sie durch Adhäsionen an die Bauchwand 
fixiert werden. Ist, wie nicht selten, zugleich 
reichlich freier Aszites vorbanden, so kann der 
Tumor bei der Palpstion eigentümlich schwim- 
mende nnd ballotierende Bewegungen zeigen. 
Echinokokken und Abszesse im Netz 
können einen ganz ahnlichen Befand eichen, 
nnteracheiden sich aber dm^ch das Ergebnis 
der Probepnnktion. 

Sehr hHufig führt die 0. zn partiellen 
Adhäsionen des Netzes mit den verschieden- 
sten Oi^anen. Es bilden sich dann mehr oder 
weniger gespannte Stränge, die sich vom Netze 
ablösen nnd völlig selbständig werden können. 
Sie kommen nicht selten schon in der Fötal- 
periode vor, können da Adhäsionen mit den 
Hoden eingehen und deren Desiensns verhin- 
dern. Im späteren Leben können sie bei stärkeren 
Bewegungen der fixierten Organe Zerrungen 
erleiden nnd lokale oder difi'uee Blutangen 
bedingen, zuweilen machen sie eelbst das auf- 
rechte Gehen unmöglich und zwingen zu einer 
stark nach vorne übergebeugten Haltung. 
Viel geßlhrlicher werden diese Störungen da- 
durch, daB sie zu Kompression, Abknickung, 
Achsendrehang nnd Verknotnngen der 



Därme Anlaß geben können, die sich entweder 
nur in dauernder Obstipation oder auch in 
schweretem, akutem Darmvarschluß äuflem. 
In seltenen Fällen lassen sich solche Stränge 
auch palpatorisch nachweisen. 

Ziemlich häufig kommen diese Adhäsionen 
bei Entzündung der weihlichen Genitalorgane 
vor nnd scheinen die als Koliken geklagten 
Beschwerden im Abdomen zxua groBen Teil zu 
bedingen. 

In anderen Fidlen chronischer Peritonitis 
erfthrt das Netz eine bedeutende Verdickung 
nnd wird zu einer derben scbttrzenartigen 
Platte, noch öfters aber schrumpft es stark 
zusammen nnd wird mehr nnd mehr noch 
aufwärts zurückgeschoben, bis es schlisBlich als 
derber, harter Strang oberhalb des 
Nabels qner durch den Bauch verläuft. Zn 
einem ganz ähnlichea, meist aber noch ausge- 
prägter höckerigen Strang wird das Netz bei 
tnberkulöser Entartung nnd bei Karzinom 
des Netzes. Das meist zugleich vorhandene 
peritoneale Exsudat ist in beiden Fällen dann 
blntig gefärbt. Aasbleiben der Tnberkulin- 
reaktion läßt mit ziemlicher Sicherheit die 
tnherknlose Grundlage dieser Netzschmmpf ung 
ansschlieSen. Um eine Verwechslnng mit Kar- 
zinom der vorderen Magenwand zu vermeiden, 
ist wiederholte Ontersachung bei leerem und 
aufgeblähtem Magen nötig. Bei Verwachsung 
mit der Leber zeigt dieser Netzstrang mitge- 
teilte respiratorische Bewegungen nnd kann 
dann oft nur schwer von einem Karzinom der 
Leber unterschieden werden. 

Die Tuberkulose des Netzes, die meist 
in größeren Knoten und Knollen auftritt, ist 
fast stets sekundärer Natur und unterscheidet 
sich daher von der gewöhnlichen strangförmi- 
gen Schrumpfung des Netzes durch den Nach- 
weis einer Tuberkulose in anderen Organen, 
zumal in den Lungen, dem Darm- und Uro- 
genitalsystem, ferner dnrch das Auftreten von 
Fieber, schnellere Abmagerung, allmäiiliches 
Wachsen der Netzknoten, positiven Attafall der 
Tnberkulinreaktion nnd die blutige Beschaffen- 
heit des Exsudates. Der Nachweis von Taberkel- 
bazillen im Exsndat auf mikroskopischem Wege 
gelingt bet nie, der Nachweis durch Verimp- 
fung auf Versuchstiere eher. 

Auch das Netzkarzinom ist fast stets 
sekundär. Genaue Untersuchung per rektnm 
und per vaginam usw. hat nach dem primären 
Karzinom zu forschen. Die schnell zunehmende 
Kachexie nnd das stetige Wachsen der Netz- 
tumoren, das bei bloßer Netzschrumpf ung völlig 
fehlt, und das Anschwellen der peripheren 
Lymphdrüsen sichert die Diagnose noch weiter- 
hin. Letzteres kommt allerdings auch bei der 
Tuberkulose vor. 

Innerhalb von Bruchsäcken kann das 
Netz ein&ch mit der Bruchpforte oder dei 



■\sie 



211 



OMENTITIS. — ONANIE. 



212 



Brachsack entzOndlich verwachaen, meist ent- 
wickelt sich in dem anagetretenen Netzstück 
bald eine bindegewebige oder lipomatöse Hyper- 
trophie und verdickt es, ao daS die Reposition 
mmiöglich wird ; andere Male entartet es zyatöa, 
wird eitrig, jaachig und brandig, oder es 
wird inkarzeriert and kann zu ähnlich schweren 
ErBcheinnngen fahren wie ein eingeklemmter 
Darmbmch. Znra Unterschiede vom Dann ist 
das Neta in einem Brach meist hart und derb 
and l&Bt zuweilen noch die eingelagerten Fett- 
massen fahlen. 

Die Therapie der 0. kann nur eine chimr- 
gische sein , sofern von einer eigentlichen 
Therapie hier tlbertianpt die ßade sein kann. 
Meist wird sie sich damit begnügen, die Folge- 
zostBnde der 0., namentlich soweit diese sich 
aof den Intestinaltraktns beziehen, aoszQglei- 
chen. Teilweise and gänzliche Besektionea des 
Netzes worden immer noch angem ansge- 
fahrt. GlOcksmuin. 

Onanie (vonOnan, Bibel, I.Bach Moses 38, 
<J) (Mastnrbation). DieO. ist die kanstliche 
Erregang beziehungsweise Befriedigung ge- 
schlechtlicher Wollast durch Manipulationen 
vornehmlich an den Oenitalien (ei nachlie Blich 
der Mammae), nnd zwar mittelst der Hand 
(„Manastapration") oder anderer Körperteile 
(Znnge, Lippen , Keiben der Oberschenkel, 
Wiegebewegungen des Oberkörpers u. dgl.) oder 
mittelst Instramenten ; entweder an den eigenen 
Genitalien (AntomasturbBtion) oder denen einer 
anderen Person (desselben oder des anderen 
Geschlechts; wenn gemeinsam betrieben, ,mu- 
taelle" 0). Ferner kann auch ohne Berührung 
der Oenitalien durch Phantasievorstellungen 
seTuelle Erregung erzeugt werden; , geistige* 
O. Endlich wird auch von kleineren Kindern 
lustbegleitete Erregung durch Saugen oder 
Lutschen an den Fingern, Jjppen, am Arm, 
an Kleidungsstacken, der Bettwäsche, durch 
Bewegungen der Zunge (.Lndeln', „Wonne- 
saugen", „Snctua Yoluptabilis", Likdhkr), durch 
Zapfen am Ohrllppchen, Nasenbohren u. &. 
(von TuiEMicH als Stereotypien au/gefaBt'), 
durch das so verbreitet« Nägelkauen ausgelöst. 
Es bleibe dahingestellt, wie weit die offenbar 
angenehme Empfindung bei diesen Akten der 
sexuellen Erregung gleichzustellen ist 

DieVerbrei tu ngderO.iat eine außerordent- 
lich große und nicht etwa auf die Kulturvölker 
beschränkt, sondern bei allen Völkern zu allen 
Zeiten gekannt nnd selbst im Tierreich be- 
obachtet, z. B. von Züchtern edler Pferde ge- 
fürchtet. Was das Alter anbelangt, wird sie 
vorzugsweise im Kindes- nnd Jünglingsalter 



ausgeübt — sogar bei SBnglingen ist woUoat- 
betonte 0. einwandfrei beobachtet ^, findet 
sich aber auch gar nicht selten später, nament- 
lich bei Frauen nnd nicht nnr unverheirateten 
nnd endlich im Senium als eine Art Demenz- 
erscheinung. 

Ursache der 0. ist der Geschlechtstrieb, 
nnd sein Erwachen drängt gewiß — analog der 
0. im Tierreich — manche Individnea und 
namentlich im reiferen Alter zumal hei man- 
gelnder normaler Befriedigung des Triebes 
ohne weiteres zu 0. Sonst ist, ganz besonders 
in zarterem Alter, die Verführung eine der 
wesentlichen Veranlassungen, und zwar meist 
Verführung durch Kameraden, ganz besonders 
bei engem Zusammenleben der Kinder (Pen- 
sionen, Schulen, Kadettsnanstalten, Alumnaten 
usw. mit gemeinsamen Schlafräumen, gemein- 
samem Baden u.a.m.). Femer Verführung durch 
Lektüre und nicht allein durch laszive, auch 
die Bibel, Klassiker ost, durch bildliche 
Darstellungen (Museen) des nackten Körpers 
oder sexueller Vorgänge, endlich der Anblick 
des Geschlechtsaktes bei Tieren oder Menschen 
(enges Zosammenhansen der Eltern mit den 
Kindern, Schlatbarschenwesen, Prostitution). 

Veranlassung zu Sensationen und dem Trieb 
zu Friktionen geben allzuoft Reizzuetände im 
Genitalgebiet; Ekzem , Intertrigo, Skabies. 
Phimose, Vulritis, die — so häufige — Gonor- 
rhöe der kleinen MBdchen {hier auch die 
therapeutischen Maßnahmen: EinfQhrung von 
Jodoformsttlbchen), Zystitis, Mastdarmpolypen, 
Osyuren; ferner alles, was eine Hyperämie im 
Genitalgebiet hervorzurufen geeignet ist: Ob- 
stipation, langes Sitzen auf Schulh&nken, beson- 
ders aber auf Kissen; beiFJ8enbahnfahrten;end- 
hch Urin verhaltung. Direkterregend kann Sitzen 
mit übereinander geschlagenen Beinen wirken. 
Radfahren, fieitaitz (Kontorseasel usw.), Ma- 
schinennähen; ganz besonders das Klettern an 
Stangen inr Turnunterricht, das geradezu un- 
heilvoll werden kann, indem es manchen Un- 
schuidigen wider Willen znr 0. zu führen ver- 
mag. Desgleichen langes Wachliegen im Bett — 
namentlich in Federkissen — , so anch bei langer 
Rekonvaleszenz; Züchtigungen aaf die Nates. 

Begünstigend wirken reichliche ErnlLlirung, 
namentlich mit reizender Kost: Alkohol, Tee, 
Kaffee, Gewürze; geistige Oborarbeitung sowie 
alles, was zu gesteigerter Erregbarkeit und An- 
spruch sfBhigfceit des Nervensystems, zu Neur- 
asthenie ftlhrt; andrerseits wieder Mangel an 
geistiger Beschäftigung, so daB die Kinder 
ganz von selbst auf den eigenen Körper ge- 
führt werden. 

Einen guten Boden finden alle diese Ur- 
sachen bei Neuropathikem, Frühreifen, Hyper- 
sensiblen und bei erblich degenerativ Belaste- 
sowie seKuell Perversen. Mehr den Wert 
1 Symptoms hat die 0. bei Idiotie, schwerer 



213 

Epilepsie, Dementia praecos nai Umlichen 
Leiden. 

Die Folgen der 0. sind vielfach Überscb&tzt 
MBJige Grade bei ErwachBenen und ältere 
Jünglingen, wo die 0. hnte de mieas aw 
gebbt wird, nnd selbst bei Kindern können 
ganz anBchädllch bleiben. Bei stärkeren Or&den 
lange fortgesetzter und namentlich in zarteBtem 
Alter begonnener 0. stellen sich freilieli fast 
immer erheblichere Störungen ein, namentlich 
wetm sie einen schwächlichen, nenropathischen 
oder degenerativ minderwertigen Organismns 
treffen. Die Hanptbesch werden sind körper- 
liche Schwache, BlSsee, Mfldigkeit, Sreaz- 
schmerzen, Parftsthesien in de» Beinen (Waden), 
Herzklopfen, Beklemmungen; Magenbeschwer- 
den and selbst Darchflllle, Kopfweh, Schwindel, 
leichte geistige Ermtidbarkeit und andere nenr- 
asthenische nnd zerebrasthenische Erschei- 
nimgen, besonders noch subjektive Blendnngs- 
erscbeinangen, Photophobien, Asthenopie n. tt. 
Namentlich bei stärkerer geistiger Anstrengung : 
Zerstreatbeit, ArbeiUnnlnst, Energielosigkeit. 
Dannkommt esinder Folge leichtnnter schweren 
SelbstTorwärfen zu hypochondrischen und me- 
lancholischen Vorstellongen bis zum Selbstmord; 
Echwermfltige, kraftlose Trftnmereien, patholo- 
gischer Hang ZOT Einsamkeit, Scheu vor 
Menschen stellen sich ein. Exzessive Orade 
der O., denen freilich (wenigstens in den Kir 
deijahren) fast nnr Nenropathiker nnd Degi 
nerierte verfallen, können die Erscheinnngen der 
Sexnalnenrasthenie znr Folge balwn : psychische 
Impotenz, SpermatorrhÖe, gehäufte Pnllntionen 
u. a. mit der folgenden psychischen schweren 
Depression; femer Vaginismue oder Steigerung 
des Geschlechtstriebes mit erhöhter Anspruchs- 
nhigkeit bis zur Satyriasts nnd zur Nympho- 
manie — wohl nnr bei schwer neuropathisch 
belasteten oder minderwertigen Individuen; oder 
im Gegenteil Abstumpfung des Geschlechtstrie- 
bes oder Abstumpfung gegen die normale 
Befriedigung, Entwicklung seiuetl-perreraer 
Empfindungen, besonders bei psychisch labilen 
Menschen oder g&r Hermaphroditen, nament- 
lich in der Pubertät. 

Objektive Störungen sind Herzdilatation nnd 
Hypertrophie („Mastarhantenherz") und die 
Anslösmig oder Begünstigung epileptischer In- 

Sehr schwer nnd tiefgreifend können die 
seelischen and moralischen Verändernngen sein, 
die bei Onanisten sich einstellen. 

Die Diagnose der 0. wird am sichersten 
durch Beobachtung des Aktes gestellt, was 
bei kleinen Kindern oft sehr leicht ist; bei 
gröBeren achte man, namentlich wenn schon 
Verdacht geschöpft ist, auf da» Benehmen nach 
dem Zubettgehen, wom^lich kontrolliere man 
den Besuch der Aborte (allerdings ohne das 
Kind etwas merken zu lassen'!); im Kin- 



ME. 314 

derkrankenhaus, in Pensionen, aber auch im 
Elternhaus wird man durch nächtliche Kon- 
troUbesnche, ohne die schlafenden Kinder zu 
wecken, oft znm Ziel kommen. Nicht selten 
fuhrt die Beobachtung während der Arbeit, 
während des Spiels lur Diagnose; wiegende 
Bewegungen kleiner Mädchen , Reitsitz bei 
Knaben nnd Mädchen auf den Lehnen 
oder Kanten der Stuhle usw., wobei kaum 
merkliche Bewegungen gemacht werden, auf 
dem Rade, an Tamgerfiten , Manipulieren der 
Hände in den Hosentaachen (Durchlöcherungen 
der Taschen!); das Benehmen, die Art des 
Verkehrs mit den Spielkameraden, selbst mit 
Tieren usw. Oft kann man aus der Art, wie 
ein Kind ein Bild, einen geschlechtlichen Vor- 
gang beim Tier betrachtet, ans einem Blick, ans 
dem Gesichtsausdruck beim Lesen nnd Hören 
erotischer Dinge usf. mindestens schweren Ver- 
dacht schöpfen. Zu berücksichtigen sind alle 
die nervösen, anSpiiscben nnd seelischen Stö- 
rungen, die oben geschildert, der ganze Habi- 
tus der Onanisten; doch stelle man daraufhin 
niemals allein die Diagnose, sondern fahnde 
nach objektiven Zeichen, das sind in erster Linie 
Samen- beziehungsweise Sekretflecke. In Bett- 
und Nachtwäache beweisen sie allerdings bei 
größeren Knaben und Herangewachsenen nichts, 
da sie von Pollutionen stammen können. 
Flecke in der gesaroten Tageswäsche — selbst 
auf Hosentaschen, Taschentücher, Unterhosen, 
Str&mpfe und Handtücher, femer auf fortge- 
worfenes Papier niuB die Untersuchung sich 
erstrecken — sind überfUhrend, desgleichen 
hei kleinen Knaben, die noch keine Pollutionen 
haben können, Flecke in Bett nnd im Nacht- 
hemd , besonders wenn die mikroskopische 
Untersuchung Spermatozoen — bei jungen 
Knaben zuweilen unfertige — ergibt. Schwieri- 
ger ist Sekretbefund am weiblichen Genitale 
zu deuten, da auch bei kleinen, noch ganz 
unentwickelten Mädchen schleimiger AnsfluS 
bis Leukorrhoe (ohne spezißsche Grundlage!) 
gar zu oft ans den verschiedensten Ursachen 
angetroffen wird. Von dem lokalen Befund an 
den Genitalien, dessen Wert ein recht proble- 
matischer ist, können am ehesten noch nament- 
lich hei Knaben vor der Pubertät und während 
derselhen schlaffes, langes Präputium , oder 
halb zurückgestreiftea Präputium bei welker, 
faltiger oder gereizter Eichel , dünne durch- 
sichtige Haut des Penis, verdickte Vena dorsalis 
penis (der Penis sieht , gebraucht' ans), schlaffes 
Skrotum, abnorm leichte Erigibilitat des Mem- 
brum, Zuckungen des Testes („Hodentanz ") 
eine diagnostische Bedeutung beanspruchen, 
heim weiblichen Geschlecht dUrfen vergrößerte 
Klitoris und Labien (so die , Hottentottenschür- 
ze*), Hyperämie der Vulva, Erosionen derselhen 
wie des Introitns vaginae, auch Einrisse des 
Hjmen in gleicher Weise beurteilt werden 



•,.gle 



215 ONi 

ch&rakteriaÜBch [flr MaBtnrbaDtianen ist ein 
Zucken der Vagina, wie woU auch des ganzen 
Körpers bei ärztlicher Untersachang (Toachie- 
ren bei Elrwachsenen mit bezüglichen Beschwer- 
den , Beeichtignng der Qenitalien bei Kindern 
mit Leokorrhöe a. H.). Fremdkörper, die aas 
der Blase, Urethra oder Vagina entfernt werden 
müssen, sind wohl stets zwecks onanistiadier 
Reiznng eingeftihrt and daher iBeweiaBtUcke*' 

Die Prognome für die Beseitignog der 0. 
ist bei kleinen Kindern, die etwa beim Kratzen 
eines PrSpatialekzems od. dgl die 0. lernten, 
keineswegs besonders nngttnstig , wenn die 
gnuidlegende Ursache beseitigt wird, and auch 
ältere Kinder, die oft genng ganz harmlos nnd 
ohne Gefühl für das Schädliche nnd Unge- 
hörige ihres Tons der 0. fröhnen, sind durch 
Belehrtmg and zweckentsprechende Erziehong 
nicht selten za heilen. Eingefleischte Maatnr- 
banten dagegen, namentlich jenseits der Pu- 
bertAt, sind selten der Leidenschaft zu ent- 
reißen, ehe — dos ist noch daa Uünstigere 
— der normale Koitus die onanistiEche Be- 
friedigung ablöst. F&T Neuropathiker, Lege- 
neriarte, yemalnenrastheniker ist die Prognose 
um so angünstiger, je starker die Libido and 
je mehr die Patienten darcb die 0. bereits an 
Körper nnd Seele geschwächt sind. 

Von ungemeiner Wichtigkeit ist die Pro- 
phylaxe der 0., die in hohem Ma.Be eine 
Frage der Erziehung iat: Beschäftigung dea 
kindlichen Qebtes von klein auf, so d&B kein 
Banm fikr mltOige nnd lüsterne Gedanken bleibt 
(Kindergärten!); Wecknng des ELhr- und Scham- 
gefühls, der Achtung vordem eigenen Körper; 
Entwicklnng des Willens und Charakters, 
Stählung der Energie, Erziehung znr Freude 
am Tun, an mannhafter Betätignng nnd Aus- 
Zeichnung , was ganz besondere durch Sport 
nnd Spiel erreicht werden kann. Dies führt 
zugleich znr Stählung des Körpers, zu körper- 
licher und seelischer Ablenkung von der Uo- 
nitalspbäre. 

Zugleich wird man damit der Forderung 
nach körperlicher Abhärtung und Erfrischung 
sowie Kräftigung Anämischer nnd Nervöser 
gerecht. Turnen, Wanderungen, Baden and 
Schwimmen, kühle Waschungen n.ähnl.dienen 
diesen Zwecken. 

Eine selbst verständliche Forderung ist pein- 
lichste Sauberkeit, die Ekzeme, Intertrigo osw. 
verhütet, ebenso selbstverständlich ist die Be- 
seitigung bestehender Ekzeme , Phimosen, 
Osyaren usw. — Langes Wachliegen im Bett 
und all die oben genannten Schädlichkeiten, 
die Veranlassung zur 0. werden können, sind 
zu vermeiden. 

Auch im Übrigen soll die gesamte Diätetik 
der Erziehung von der Gcnitalsphäre ablenken. 
Die Kleidung soll leicht sein , nicht zu eng, 
um keine Heibangen an den Uenitaüen zu 



NIE. 216 

veranlassen und keine Hyperämie zu erzeugen 
(KorBettB,engeOQrtel,enge Hosen usw.), andrer- 
seits verbietet Uel-bkeh das Biofigehen (Waden- 
freiheit) der Kinder, da die Zugluft gegen 
die Genitalien streiche nnd einen Reiz ausübe. 
Ein guter Gedanke ist der Vorschlag Bocks, 
den Knaben keine seitlichen Hosentaschen an- 
zufertigen , da sie mit den Händen in der 
Tasche gar zn leicht der Lost an Manipu- 
lationen au den Genitalien nachgeben. Auch 
vom ganz gescbloesene Hosen werden vorge- 
schlagen. 

Das Bett sei leicht, kühl, laftig, die Unter- 
lage hart (BoObaarmatratze u.a.), die Decke 
dünn, Federbetten sind zu vermeiden. Ein 
Teil der nächtlichen Erektionen und den damit 
verbondenen Sensationen iat auf die Bett- 
wärme zurückzuführen. Eine alte gute Kegel 
ist, die Kinder die Hände vor dem Einschlafra 
über der Decke halten zu lassen; auch sollen 
die Kinder nicht lange wach liegen, nament- 
lich sofort nach dem Erwachen aufstehen 
und womöglich gleich FreiUbongen machen 
u.dgl. 

Das Zimmer selbst soll kühl and gut ge- 
lüftet sein. Späte — namentlich reichliche — 
Mahlzeiten sind zu vermeiden, desgleichen erre- 
gende Lektüre nnd Unterhaltung kurz vor dem 
Schlafengehen. Die Emährnng Überhaupt sei 
nicht zu reichlich und möglichst reizlos; 
Milch, Mehlspeisen, Gemüse, wenig Fleisch, bei 
Neurasthenikem und ausgesprochenen Onanisten 
überhaupt keine Eier, die sonst in mäüiger 
Menge erlaubt sind ; Bier, Kaffee, GewOiz usw. 
ist im Kindesalter Überhaupt vom Cbel, bei 
Onanisten streng zu meiden; auch mit Schoko- 
lade soll man sparsam sein. 

Der Schule erwächst die Pflicht, neben an- 
gemessener Beschäftigung des Geistes und 
körperlicher Inanspruchnahme alle möglichen 
Schädlichkeiten zu vermeiden: nicht zu langes 
Sitzenlassen der Kinder, Vermeidung von 
:jtuhl- und Harnverhaltung; andrerseits Be- 
aufsichtigung der Kinder und Schutz vor Ver- 
führung. 

Wie weit naturwissenschaftlicher Unterricht 

mit sexueller Aufklärung und künstlerischer 

Unterricht mit der Erziehung zum Schönen 

Nackten der Ü. voTznbengen imstande ist, 

bleibe dahingeBtellt. 

Die Therapie hat bei bestehender 0. die 
Grundsätze dex Prophylaxe in hygienischer, 
diätetischer nnd erzieherischer Hinsicht nach- 
zuholen, wo sie versäumt sind, sie in stär- 
n MaÜe anzuwenden, wo sie nichts 
gefruchtet haben. Im wesentlichen ist auch bei 
derBehandlungder Hauptwert auf die seelische 
Beeinflussung zu legen. 

Zur UnterstÜtznng ist die Hydrotherapie 
heranzuziehen: Kalte abendliche Fußbäder, 
KuKippsches , Wasserlaufen", 2—5 Minuten 



217 



ONANIE. - OOPHORITIS. 



218 



langes Umhergehen in kühlem Waaeer bis 
an die Knöchel oder aaf nassem X^en; 
abendliche lane bis kalte Sitzbftder, Über- 
gieSongen, Brausen wirken allgemein bernhi- 
gend nnd setzen Beizznstftnde und Sensationen 
im Genitalgebiet herab. — Gentlgt die ge- 
wöhnliche Körperbewegung als Sport und 
Tarnen nicht, ao muß der Patient dnrch 
schwerere Arbeit hochgradig ermitdet werden. 
Die I.andeserziehnngElieime, von Hecbnek be- 
sonders empfohlen , erfüllen die Forderong 
körperlicher AnsBrbeitnng nnd geistiger Am- 
föllnng recht gut. Sonst sind anch Reisen zn 
empfelden, je nach den UmatAnden anstrengende 
FnBwandemngen oder mehr solche, die reiche 
and den Geist erffiUende Eindrucke bringen. 
— Bei eingefleischten Onanisten, namentlich 
Neoropstbikem, der«n an sich schwacher Wille 
durch die Ansschweiftmgen nnd Erregungen 
noch gelitten bat, wird man neben körperlich 
nnd seelisch roborierender Dilt oft zu stär- 
keren snggestiren Mitteln bis zur Hypnose 
(t. ScHaENK-NoTzmo) greifen mtkssen. Gegebenen 
Falles, zumal wenn auch die nenrasthen Ischen 
bis pEjchotiscben Folgeznatände (Impo- 
tenz usw.) oder die hysterische, nervöse oder 
psTchoseKUell perverse Grundlage zu behandeln 
ist, müssen die Patienten besonderen Anstalten 
überwiesen werden. 

Yon Medikamenten hat sich neben dem Brom 
allenfalls das Lupnlin gehalten. Einigermaßen 
bewährt ist das Kamphora monobromata zu 
Ol — O'ö mehrmals oder nor des Abends mit 
Zucker in Oblaten oder Pastillen. 

Die instmmentelle Therapie hat nicht viel 
Erfolg aufznweisen. Gnt ist — namentUch hei 
kleinen Kindern (bei Mädchen zumal) und 
solchen, die gegen den Trieb gern ankSmpfen 
möchten, aberdoch nicht die genügende Energie 
besitzen — das nächtliche Aaseinanderbitiden 
der Beine nnd Arme (KteozigangssteUong). 
Anch sollen sich einige Bandagen hewfthrt 
haben , besonders bei ganz jungen Kindern 
nnd Geisteskranken. FCbbrimoeu hat öfters die 
Eühlsonde angewandt. 

Seihst Operationen sind anagefübrt und nicht 
immer ohne Erfolg: FObbbdkiehs schmerzhafte 
PräputialverktLrznng mit schartiger Schere 
ohne Narkose; EUtoridektomie (Bbaun) nnd 
die Entfernnng der kleinen Labien, was natür- 
lich nicht ohne Folgen für den ph<fsischen und- 
psjchischen Organismns sein kann nnd eine 
ultima ratio darstellt; die AnAtznng der Kli- 
toris; die Neurektomia penis, die nicht ganz so 
jheroisch" , auch nnr in verzweifelten Fallen 
in versnchen wBren, während man Barbareien 
wie die Infihnlation und Verstümmelungen wie 
die Eastrstion — der Ovarien — natürlich 
ablehnen muB. 

Da weder die Ehe, nocb der anfiereheliche 
KoituB nnr eioigermaGen sichere Heilnngsans- 



sichten bei schwer geschädigten Mastarhanten 
bieten, der impotente Ehemann vielmehr den 
schwersten seelischen Erschütterongen aus- 
gesetzt Ist, sei man vorsichtig mit solchen 
Vorachlftgen und opfere nicht einem verlorenen 
Organismus einen gesnnden Menschen, der ein 
Recht aaf das Leben bat; auch ist es zu er- 
wägen , ob man einem Degenerierten bei der 
Aufzucht eines wertlosen Geschlechts behilf- 
lich sein soll. O^wAr.» Metkb. 



OophoritlB. Die Ätiologie der akuten 
Eierstockaentzündong ist in der Dbenviegen- 
den Mehrzahl der Falle eine infektiöse Pelvi- 
peritonitis im Verlaute fieberhafter Wochen- 
betten nach Geburt und Fehlgebort. Jede 
infektiöse Pelvi Peritonitis kann entweder zur 
direkten Infektion des Ovariom oder zur In- 
fektion des Eierstockes auf dem Wege der 
Lymphbahnen führen. Eine weitere Ursache 
für die Entatehnng der aknten 0. gibt die 
Gonorrhöe ab , obwohl gleich hier za bemer- 
ken ist, daB nicht sowohl das akute Stadiam, 
als vielmehr das chronische Stadinm der 0. 
bei gonorrhoischer Infektion der Beobachtung 
ingSnglich ist. Weifers kann vom Darm aus, 
offenbar nnter Durchwandern des Bakterium 
koli durch die intakte oder die lädierte Dann- 
wand , zumal bei Bestehen von entzündlichen 
Pseudomembranen nnd AdliSsionen eine In- 
fektion des Ovariam entstehen , deren Folgen 
Odem, entzündliche Schwellung, eventuell 
AbszeUbildung am Ovarium sein können. Auch 
Tranmen (PeRsariendruck) können eine 0, zur 
Folge haben. 

Nicht za verwechseln mit wirklichen Ent- 
zündungen des Eierstockes sind die Ödeme 
des Ovarium, welche bei Zirknlationsstö- 
rnn^'en in den Unterleibsorganen ans ver- 
schiedenen Ursachen sich zeigen können , ins- 
besondere bei Utemsmyomen and Deszensus 
ovariomm (vgl. diesen Artikel). — Andrer- 
seits ist die Hyperämie des Ovariam , welche 
sehr ähnliche Symptome zeitigen kam wie 
eine echte 0. , nicht immer solchen gleichzu- 
stellen. Die Ätiologie der Hyperämie beruht 
auf mangelhafter sesneller Diät, insbesondere 
anf forciertem Koitus, vorzeitig unterbrochener 
Kohabitation und Onanie, femer zeigt sie sich 
bei Herzfehlem, Nierenerkrankungen Vergif- 
tungen (Phosphor). Die chronische Hyperämie 
geht oft, wenn es nicht gelingt, sie zu be- 
seitigen, in eine 0. obliterans mit Untergang 
der if'ollikel Über. 

Bei Vorbandcnsein einer Beckenperiton itis 
aieht man das vergrößerte, entzündete Ovarium 
nicht selten mit Zystchen bedeckt, die nichts 
anderes sind als Retention szysten von verschie- 
dener GrÖfie, hervorg^angen aus OaAA^hen 
FoUikeln. CiOOt^lC 



219 00?H( 

Wann die akute 0. in eine chronische über- 
geht, ist theoretisch nicht genau in prftEisieren. 
Dennoch Bpriclit man aus praktischen Grllnden 
Ton einer chronischen 0. 

Nebst den für die akute 0. namhaft gemach- 
ten ätiologischen Momenten kommt hier ganz 
besonders die gonorrhoische Infektion des 
Weibes (s. Artikel „Gonorrhöe des Weihes*) 
und die chronisch hyperftmisclien Zustande 
des Ovarinm in Betracht, welch letztere in 
eine eclite chronische 0. übergehen können. 
Da meist aucli die Tnben und das Beckenperito- 
neum, nicht selten auch das Beckenzel^nebe 
entzündliche Veränderungen aufweisen, ist das 
reine Bild der chronischen 0. nur selten nach- 
weisbar. Man findet das Ovariom danemd 
angeschwollen , druckerapündlich , meist dis- 
loziert, deszendiert. Durch entztknd liehe Pseudo- 
membranen oder gar durch B&nder kann es 
ZOT Fixation des Eierstuckes an abnormer 
Stelle kommen; es ist dann die Diagnose, ob 
es sich bloB nm ein verlagertes oder anch 
um ein chronisch entzündetes Ovarinm han- 
delt, meist sehr schwierig, oft ganz nnmöglich 
za stellen. Das gleiche gilt für Jene Fälle, die 
man als entzündUche Adneztnmoren (Konglo- 
merattumoren) bezeichnet, insoferne der pal- 
pable, oft kugelige Tumor durchaus nicht 
bloß als das entzündete Ovarium anzusprechen 
ist, sondern ans Eierstock und geschlängelter, 
verbackener Tnbe besteht. 

Die chronische 0. besteht im anatomischen 
Sinne in einer diffusen kleinzelligen Infiltration 
des Strom a, Schlängelung und Verdickung 
der GefAfie. Die FoUikel bleiben lange Zeit 
intakt. Bei langem Bestände der Entzündung, 
insiiesondera hei Übergang ins Stadium der 
atrophischen Schrumpfaiig kommt ea indes 
nicht selten auch zur Degeneration der epi- 
thelialen Follikelelemente. Dabei sammelt sich 
Kuweilen Flüssigkeit innerhalb des Follikels 
an (Hydrops folliknli), ohne dafi sich hieraus 
je eine echte Ovariaizyste bildet. 

Die Symptome der chronischen 0, be- 
stehen in Schmerzen, die insbesondere bei der 
Kohabit^ition lebhaft sind nnd ganz unerträg- 
lich werden können , wenn das Ovarinm de- 
szendiert und an abnormer Stelle fixiert isL 
Der Leib ist aufgetrieben, Stnbltrftgheit tritt 
ein, UnregelmSBigkeiten der Periode, insbeson- 
dere in Form von Menorrhagien und Dysmenoi^ 
rhöe treten hinza , die Konzeption ist er- 
schwert, nervöse Eracheinungen ketten sich an 
die lokalen Beschwerden. Die znmeist gleich- 
zeitig bestehende Entzündung der anderen 
Bockenoi^ane verdeckt freilich nur zu oft die 
Symptome, welche die sichere Diagnose der 0. 
gestatten. 

Es gibt andi einen „chronischen Ovarial- 
abszeG". Der Eiter gelangt allmählich znr Ein- 
dickung, ohne dafi mehr besondere Schmerzen 



IRITIS. 220 

bestand«!, ohne daß wesentliche Fieberschwan- 
kungen beobachtet würden. Doch führt der 
Ovarialabszeß viel hän^r zum Dnrclibmcbe. 
zumal er insbesondere bei puerperalen F&Uen 
zustande kommt; die allgemeinen, schweren. 
septischen Symptome verhüllen freilich nicht 
selten das Beatehen und die Baptur des Eier- 
stockabszesses. 

Die Diagnose der chronischen 0. stützt 
sich anf die Anamnese, die lokalen SchmerzeD, 
die VergröBernng und Druckempfindlichkeit 
des Eierstockes , der im Spätstadiam hart 
leicht höckerig, oft deszendiert und fixiert 
ist. Bezüglich der Difierentialdiagnose gegen- 
über einem malignen Eierstockstumor ist zu 
beachten , daß beim Tomor an&nga selten 
Schmerzen vorhanden sind, sondern erst wenn 
die GröGe der Geschwulst eine bemerkens- 
werte, etwa apfelgroG geworden ist. Bei der 
chronischen Eierstochsentzündnng ist das An- 
wachsen langsam, bei relativ geringer Größe 
(unter PflanmengrSfie) sind oft sehr bedeatende 
Schmerzen vorhanden. Man berücksichtige da- 
neben sach die entzündlichen Erscheinungen 
der übrigen Beckenorgane bei der Diagnosen- 
stellung. 

Die Therapie anlangend wäre folgendes 
zu bemerken. Im akuten Stadiam ist absolute 
Bettruhe zu verordnen, kühle Umschläge oder 
Killilschlauchkompressen sind zu applizieren, 
aach kann man bei Fehlen eines stärkeren 
Fluor den K-ühlapparat nach Wintkhjiitz oder 
Heitziukn in die Scheide einlegen, gegen 
hochgradige Schmerzen Narkotika verabreichen. 
Bei Anwesenheit peritonealer Reizerscheinun- 
gen ist ein Eiebeotel von Wert Die Re- 
gulierung der Darmtätigkeit ist ein weiteres 
(jehot der Behandlung. Bei hoher KonÜnna 
macht man kalte Waschungen, appliziert wohl 
auch kühle Stamm umschlage. Von Bädern ist 
vorerst abzusehen, da durch sie das Gebot 
der Ruhe verletzt wird, da warme Bäder die 
Suppnration befördern und ktthle leicht Tu- 
benkontraktionen provozieren können. Anch 
Scheidensp Ölungen sind im akuten Stadium 
nur bei abundanter Sekretion vorzunehmen, 
sonst zu unterlassen. Man mache sie jeden&ils 
eigenhändig, etwa mit 22 — 24° Flüssigkeit, 
langsam, absatzweise nnd unter sehr niedrigem 
Druck. Die Einlegung niedikamecitöser Tampons 
ist kaum zn entbehren. Man verwendet Glyze- 
rin, Ichth^olglyzeriß, Jodkaliglj'zerin etz. 

Bat das Fieber und der Schmerz bereits 
an Intensität nachgelassen, so kann man 
an Stelle der kalten Umschläge erregende 
Umschläge anf den Bauch applizieren und 
allenfalls 2')— 20° Sitzbäder verordnen; durch 
dieselben wird wohl nicht so leicht ein neuer- 
licher Fieberanstieg provoziert als durch die 
von Buuu empfohlenen feuchten, heißen Kom- 
pressen. Nunmehr können auch lauwarme 



221 OOPHC 

HBGiBsche UEkstdarmein laufe in Verwendang 
kommen , doch maA die Körp«rtemperatar 
genauer Beobachtung unterworfen werden. 
Zei^ sich eine Fieberateigerong, so ist nnver- 
zfigtich ZOT Therapie des akuten Stadiums 
znrückz okeh ren . 

Von hoher Wichtigkeit ist die Therapie im 
chroniacben Stadium. Es liegen bereits von so 
vielen mafigebenden Seiten einwandfreie Be- 
richte aber günstige Eesnltate der konaerva- 
tiven Behandlung eiitztkndkicher Adiiexerkran- 
knngen vor, daß nicht nicht melir daran zu 
zweifeln ist, dafi eine groflc Keihe von FftUen. 
in welchen selbst schwere objektive Verände- 
nmgen vorliegen, auf nichtoperativem Wege 
der Ueiinng znznfuhren sind. Freilich ist nie 
eine restitutio ad integmm im anatomischeD 
Sinne xa erreichen; aber es genügt, wenn Be- 
scbwerdefreiheit und Arbeitsfähigkeit, in einer 
ansehnlichen Zaiil von Fallen sogar die Kon- 
leptionsfahigkeit erzielt wird. Dazu kommt, 
daB die konsurvative Behandlung, wie Feit, 
Kebesky, Fehah und Keitleb, Ahjikn n. a. be- 
tonen , nahezu mit 0°/« Mortalität arbeitet. 
Wenn auch die operative Therapie durch Ver- 
ToUkommnang der Technik mit einerstaunens- 
wert geringen Mortalität einhei^eht, so ist 
doch nicht zu leugnen, daB das pcrikulnm 
vitae bei denjenigen Füllen, die man konser- 
vativ behandeln darf nnd behandelt, geringer 
ist als hei operativer Therapie. Behandeln 
darf, sagte ich. Denn troti des schönen Aus- 
baues der konservativen Therapie bleibt doch 
eine Zahl von FiÜlen übrig, für welche einzig 
nnd allein die Operation angezeigt ist. Dahin 
gehören jene FftUe, bei welchen unter bestän- 
digem hohen Fieber nnd peritonealen Erschei- 
nungen die Kuptar eines Eierstockes droht, 
l)ei Pjovarimn, ferner wo monatelange konser- 
vative Behandlung keine merkliche Besserung 
erzielt hat (PtHiii nnd Keitleb) und daher zu 
befürchten steht, daB die Arbeitsfähigkeit über- 
haupt nie wieder werde hergestellt werden 
können, bei Puellis publizis, welche stets neaer- 
lichen Infektionen ausgesetzt sind, schlieBlich 
bei Stieldrehnng. DaB gleichwohl eine sehr 
groBe Zahl von Fallen der konservativen The- 
rapie erhalten bleibt, steht fest. 

Was die Erfolge anlangt, lo sind vor allem 
die von Psnui nnd Keitleb aus der Klinik 
CoBOBiK berichteten Erfolge bemerkenswert. 
Von 126 konservativ behandelten Fällen können 
74 Frauen einem schweren Berufe nachgeben i 
Trotz schwerer anatomischer Veränderungen 
trst in 20 tmien Schwangerschaft und normale 
üebnrt ein. Ich tibergehe die groBe Zahl von 
Autoren, welche in Vorträgen, Diskussionen 
und Publikationen die konservative Behand- 
lung der Salpingo-0. und des entzündlichen 
Adneitumors in den letzten 10 Jahren befür- 
wortet haben. Immerhin mag es berechtigt 



RITIS. 222 

sein, prozentuelle Angaben Über vollkommene 
Heilung mit einiger Vorsicht aufzunehmen, 
da erfabrungsgemäB Bezidive nach Jahr nnd 
Tag vorkommen, ohne daB eine Heinfektion 
angenommen werden muB. Es sind jedenfalls 
möglichst lange Zeit nach AbschlnB der Be- 
handlung Nachnntersuchnngen vorzunehmen, 
da nur so Falle ans der Statistik auszuscheiden 
sind, deren Beweiskraft keine triftige ist. 

Die physikalische Behandlung der chronisch 
entzündlichen Adnexerkranknngen, somit auch 
der chronischen 0., erstreckt sich fast immer 
auf mehrere Wochen, auch auf mehrere Mo- 
nate. Ich selbst habe einzelne wenige Fälle 
10 — 12 Monate behandelt. E^ ist eben Stäche 
des Arztes, nicht nar selbst die Geduld nicht 
zu verlieren, sondern auch der Kranken die 
Geduld zu bewahren nnd ihren Willen, die 
Behandlnng bis ans Ende durchführen zu lassen, 
zu kräftigen. 

Der Heilplan richtet sich ungefthr nach fol- 
genden Grundsätzen: Solange noch — wenn 
auch geringes — Fieber besteht, sei man vor- 
sichtig mit der Anwendung der Wärme. Am 
ehesten zulässig sind erregende und wanne 
Umschläge, wanne Scheidenspttlongen mit ge- 
ringen Flässigkeitsmengen , wanne Sitzbäder 
von höchstens 10 Minuten Dauer. LäBt das 
Fieber endgültig nach, sind sicher keine ab- 
gesackten Eiterherde vorhanden, so schreite man 
zu prolongierten heißen Scheidenspillungen, 
appliziere warme Seh lanchkom pressen, Thermo- 
phore, mag wohl auch bei hartem, nicht allzn 
sehr vergröBertem , nicht sehr empBndlichem 
Ovarium, zumal hei nicht gonorrhoischen Fällen, 
mit Vorsicht bimanuelle Massage vornehmen. 
Bei hochgradiger Empfindlichkeit der Organe, 
frischeren Adnextumorcn lasse man die Massage 
zunächst ganz beiseite. Warme, prolongierte 
Sitz- und Vollbäder, bei im Fnndus des Douglas 
fixierten Adnexen endokolpische undabdominal- 
integumentäre Belastung, insbesondere aber die 
HeiBlnftbehandlnng führen bald eine Abnahme 
der Schmerzen, bei Vorhandensein ödematöser 
Schwellungen Schwinden derselben, nicht selten 
auch eine Verkleinerung von Adnextnmoreu 
herbei. Tritt nach einer HeiBluftsitzung oder 
Belastungslagerung Fieber auf, so ist durch 
mehrere Tage zu den minder energischen Pro- 
zeduren zurückzukehren. 

Nicht jode Eiterbildung muß uns zu sofoi^ 
tiger Operation bewegen. Wir wissen, daß bei 
Einhaltung vollkommener Ruhe, durch erre- 
gende Umschläge, bei Nachlassen des Fiehera 
durch warme Umschl^e, Moorbäder nnd Heiß- 
tuftl>ehandlung eine Eindickung des Eiters, 
Sterilisation desselben und Oi^anisation infolge 
Bindegewebsdnrchwachsnng erfolgen kann. 
Wird aber die Bildung eines dünnwandigen 
Eitersackes unter hohem Fieber und intensiven 
Schmerzen durch die Palpation festgestellt, 



gle 



2^3 



OOPHORITIS. — OPHTHALMIA SYMPATHDCA. 



aä4 



dann beharre man nicht länger auf konserva- 
tiver Behandlung, Bondem schreite an die Ope- 
ration, Man halte daran fest, dafl die biologische 
Dignitüt, der moment&ne Stand des entzünd- 
lichen Prozesses nnd die darch ihn gesetzten 
VerSndemngBn der Adnexe maßgebend sind 
dafür, ob durch phjaikaliscbe Maßnahmen Re- 
sorption oder Snppnration enengit wird. In 
der Beobachtung der Körpertempetatar, in der 
Palpation haben wir Mittel zur Erkenntnis, zu 
welchem Torgange vorwiegeode Tendenz be- 
steht, in der Blntnnt«rsuchang (LenkozytOHe 
mit Werten über 13—14.000), in dem Vorhan- 
densein peritonealer Erscheinangen, im Palpa- 
tJonsbefunde haben wir die Hinweise auf die 
bereits erfolgte eitrige Einschmelznng. 

Durch Kombination der HeiGInftapplikation 
mit der Belastnng, respektive Massage hei fieber- 
freien Fällen von langem Bestände, wo Eitor- 
ansamminng sicher fehlt und die chronische 
Induration das Bild beherrscht, sind wir im- 
stande, wesentliche Verkleinerung von chronisch 
entzündeten, eventuell zn Tumoren verbackenen 
Adneixen zu erreichen, doch sind derartige 
Knren meist von langer Daner. Man hat indes 
hierbei nicht seiton dieOenngtuung, das Schwin- 
den der Schmerzen, sowohl während der inter- 
menstrnellen Zeit als anch während der Menses, 
sowie dajf Schwinden von Unregelmäßigkeiten 
der Periode au beobachten; dorch Förderang 
der Durchblutung des Eierstockes nnd fort- 
schreitende Resorption der entzündlichen Pro- 
dukte erhöht man die stark herabgesnnkene 
KonzeptionsfUhigkeit. Ha sah ich selbst mehrere 
Franen schwanger werden und entbinden, 
welche an nm Ringlichen Adnextumoren gelitten 

Nicht zu nnterschstzen ist schUeBlich die 
bal neologische Behandlung der Eierstocksent- 
zündung sowie des entzftndlicheu Adnextumors. 
Doch paßt sie nur für das chronische Stadium. 
Wahr ist, daß dieEindickang kleiner Eiterherde 
durch Mineralmoorbäder nicht selten ta erzielen 
ist, nnd daß man Fälle, die immer wieder za 
aknteni Anffiackem geführt hatten, nach einer 
kombinierten Trink- und Badekar in Franzens- 
had, Kohlgrnh, Marienbad, Elster etz. wesent- 
licli gebessert heimkehren sieht. Keinesfalls 
darf man von Moorbädern oder konzentrierten 
Solbadern für alle Fälle Erfolg erwarten. Jeder 
üynäkologe kennt Fftlle, die ungehessert wie- 
derkehrten, aber das sind eben jene Frauen, 
bei denen die konservative Therapie meiKt 
gänzlich erfolglos bleibt, wo die operative 
Therapie am Platze ist. Die Virulenz der Gono- 
kokken ist mitnnter so hochgradig, daß sie 
auch durch monatelange Bebandlnng nicht 
abgeschwächt wird. In diesen Fällen ist an die 
Operation zu schreiten, denn oft sind ihr hier 
Erfolge beschieden, welche anf konservativem 
Wege niclit zu erreichen waren. Doch darf 



nicht verschwiegen werden, daC auch die Ope- 
ration nicht immer Heilung bringt. Abgesehen 
von der primären Mortalität ist zu bedenken, 
daß die Zahl der Stnmpfexsudate keine geringe 
ist, and daß bei Entfernung beider Ovarien 
schwere Aosfallserscheinungen das Befinden der 
Kranken nur zu oft recht ungünstig gestalten. 

Ophthalmia tympathika ist eine 

Reizung oder Entzündung, welche von einem 
an Iritis , Iridokyklitis oder Iridochorioiditis 
leidenden oder dnrch dieee Krankheit zu- 
grunde g^angenen Auge anf ein gesundes 
übergeleitet wird. Die Grunderkrankung wird 
in der Regel durch perforierende Verletzungen 
der Kornea oder Sklera (namentlich in der 
Ziliarkörpergegend) , eventuell dnrch ZorQck- 
bleiben eines introoknlären Fremdkörpers her- 
vorgerufen. Wie die Uberleitnng anf das ge- 
sunde Auge erfolgt, ist gegenwärtig noch nicht 
aufgeklärt. 

Das Anfangsstadiam , die sympathische 
Reizung, beginnt frühesten 4—6 Wochen, 
oft erst jahrelang nach der Verletzung des 
anderen Auges und ist 'charakterisiert dnrch 
folgende subjektive Empfindungen: Lichtseben, 
Flimmer- und Nebelsehen, aathenopisclie Be- 
schwerden, event. Akkommodationsstöningen, 
rasche Ermüdbarkeit desAnges, Tränenträufeln, 
leichte Schmerzhaftigkeit; objektiv findet man 
zarte perikorneale Injektion, schlechte Reaktion 
der etwas verengten Pupille, Hyperämie des Seh- 
nerven und der Netzhaut. 

Diese Prodromalerseheinnngen können jahre- 
lang bestehen oder anch bald fibergehen in 
die sympathi sehe Entzündung, Diese 
verläuft entweder in einer gutartigeren aerosen 
Form nnter dem Bilde der Iridokyklitis serosa 
(s. d.) oder als 0. s. plastika, welche unter sehr 
heftigen Reizerscheinungen, Tränen, Lichtacheo, 
Schmerzen and rapider Abnahme der Sehkraft 
zum Papillarab- and VerschloB, Katarakta etz., 
zu Sekundärglaukom oder Phthisis bnlbi führt 

Oft ist nach Ablauf des Prozesses das zuerst 
erkrankte, verletzte Auge mit seinem geringen 
Keste von Sehkraft allein noch zum Gebrauche 
heranzuziehen. 

Therapie. Von größter Bedentang ist die 
Prophylaxe. Schon in der Zeit der Rahe, sicher 
aber beim Eintritte der Reizerscbeinungen am 
gesunden Auge, sind schmerzhafte phtliisisdie 
Stümpfe oder Augen mit erloschener Sehfthig- 
keit nach aasgebreiteten perforierenden Ver- 
letzungen, besonders in der Ziliarkörpergegend 
oder wenn sie noch Fremdkörper enthalten, 
sofort zu enukleieren. Wenn die sympathische 
Entzündung einmal ausgebrochen ist, nfltzt 
die Entfernung des primär affilierten Auges 
in der Regel nichts, ja sie ist zu unterl&ssen, 
wenn das sympathisierende Auge noch einen 
halbwegs brauchbaren Rest von Sehkraft be- 



OPHTHAIJIIA ÖYMPATHIKA. - ÜPTIKUHATKOFIÜE. 



sitzt. Dia 0. •. Hlbet wird b«kftnipft: lokal 
dnrcb EutriaMiuif tod HjdrätiaiB (Atropin 
l*i\), Applikationen Ton fenchtwuman Koni' 
praMen, Enthkltiug von jader InutpnichniüiiBe 
de« Augen, Schatz vor Licht, femer lind in- 
diziert: reisloae Diftt, lAiBatien, Schwitz- and 
iDDoktionaknian, imtam Jodluliam. 

KAniaanen-TBeH. 

OpMIialwoptogto tait^na. Mit 

O. i. bewiehnen wir die iMUerte Uhmnitg der 
BiRBenmDsluJn dee Aogea, i. e. dea Sphinkter 
papilba nnd des 231iuniiiekelR. Diese Lshmnng 
k*Bn )Aal, d. h. dtircli ein Mjdriatikaiii, wie 
Atropin et«;,, bervo^mfen oder dnrch direktes 
TnoDiB Bof das Auge bewirkt sein; sie kann 
aber aiicb Jnfdg« Ton Intoxikation (Fiflcb-, 
Mnecbelgift) entatanden Bein oder nach Syphilis 
und ENphtberie auftreten. Sie ist beiderseitig oder 
einseitig, in letalarem Falte gewöhnlich durch 
Sn^Hs vereefanIdeL Als Ursache wird zumeiBt 
eine Erknakmig der Kerne oderandi multiple 
}(mintii angMMonnen, Die O. i. kann sich mit 
dar extaaior an ainar totalen entwickeln. 

Sie Therapie ist aiu&chst gegen dasUrond- 
leidsD gerid)t«t. BeiLfthmimg dnrdi einMydria- 
tikom, atit starker Hendung Eintrinfslong 
TOB Pik>karptn odea Eearin, erestnell Konvei- 
briUen; in kangwierigen Fkllen kann aach die 
ApphkatioB dee plranisehM) 8tnMoeB rerancht 
wenUn. KOaMnanr-TaicH. 

OplsflWtoniU (Dicia»tv rflckwlrts) ist 
ein tonischer Krampf der R&ckaif nnd Nacken- 
nnnkeln, durch den die Wirbelatole bogen- 
fSmig mit der Konreiit&t nach vom ge- 
kfSmmt wird. Er ist vorwiegend charaktüi- 
stiach ffkr die Krankheit TetannB, kommt aber 
rorflbei^hend aach bei anderen Krankheiten 
TOT, 80 besonders im hysterischen Anfall (arc 
deeercle), bei StrychmnTergiltnng, getegent- 
liefa im epileptischen An&n, aosnahmaweise 
anch bu Tetanie. Diagnostische Schwiorig- 
kaiten sind kamn vorhanden. Die Tberupie 
hingt mit der des Qrondleidens zusammen. 
Toar CoHS. 

OptlktUatTOpU«, Schwund dar Seh- 
netreniaaem lUt {Ltielogiach drä Formen unter- 
t^haiden: 1. Gtanoine Sebnervanatrc^hie, bei 
dar keinarles Entafindanfp- oder Mderer Krank- 
heittyroiefi in Aoge den Sehaarv«naeliwn>d 
veTscbuUat, and 2. eaknndbe Atrophi». Diese 
zerfUlt in zwei llDterordnnttgaa: a) dia na«- 
ritiacht!. die durch eine Eataflndung das Seh- 
nerven vemraacht ist, wid b) in die retinitiacba 
Atroplue, dia von eioer ErkiaBknug der Hatina 
nod Chorioidea ausgeht, abo eiaan Mzeadtarea- 
dem Pn»eB daratolU. 

1. Die genaine Sehnervenatn^ie ist in 
den trpiacbeB F&Uan chan^toriaiart dorch dia 
ver&ndeite Farbe dea Sehaccvettkopfcs. Die 



Papilla erscheint hell, bliolich oder grUnlich- 
weiB,sehnig-glftnzend,aiMhgranlich-neifi, daher 
anch die Bonennnng: weiBa Atrophie. Der 
äehnervankopf ist scharf kontnriert, das Oe- 
webe transparent, die Lamina kribreea sicht- 
bar, die Papille seicht exkaviert, was dnrch 
die Kefraktkmsdiflerenz im aufrechten Bilde 
sowie dnrch die parallakliBcbe Veiachiebong im 
umgekehrtMi an den leichten Biegimgen der 
OeAfte am Bande der Papille erkennbar ist 
Die öeftße, iuBbaaendere die Arterien, sind in 
den ^taraa Stadien verdtlnnt. Im Anfange 
das Prozeaaes ist dia Verftrbung nur auf der 
temporalen HUfte deutlich ansgeefnodien nnd 
ist die Verkkinerong der Oeftle nur daran sn 
erkennen, dafi die klünen, temporal nnd nasa)- 
w&rte laufenden Aste mit dem Spiegel nicht 
oder kanm mehr geaehen werden. 

Die Atrophie entwickelt sich zeitweilig genuin, 
d. b. primär im Srimervan nnd bleibt auf daa- 
setben l>«Bchi&nkt;znnKiBtietsie)edodi vonEr- 
krankttngen dea 2^tralnerTssiByst«ans, speziall 
der Uedolla spinalis, abhkngig. Wir fiadm sie 
demnach bei allen jenen Erkrankm^n im 
Oahin, die ttnm direkten Druck auf dia Seb- 
nerveB, das Cbiaanta oder dia Traktoa optizi 
aBe&ban, wie Tnmoren. Ansdslutiing dea dritte« 
Ventrikels, Drack dnrch die Kantis, entstod- 
licha Schwarten nach Meningitis, Variioknng 
darSchftddknachenetz. FaraarbetErweiehtuga- 
harden im OaUrne, bei iliainaiiiiii»it«ii SkleraM, 
am hKuflgsta» bei Tabee dormlia, fanar bei 
Seitenatrangsklanna, bei progreasiver Paralyaa 
oaw. Das Bild der weiOen Atro;Me zeigt sich 
aoeh nach der aknten and chreoischen retr»- 
b«lbttrtn NeoritiB, wie sie durch Tabak-, 
Alkohcd-, Blanntoxikation, SjFphÜta n. a. u. 
harvoigernien wird, femer mch Estboba der 
Zentralarterie and KontinuitAtstreannng int 
Sahnarren. 

Die progressive Atrophie bafilU fast immer 
beide AogM mit An— hma jaoaE FUle, die 
etwa dardi Embolie, Laöob dea Sehnarvea 
oder aknte retrobolbtre Neuritis vsrarsacht 
wurden. Das Sebvenaöfan uimait znmeist i^ 
mthlieh ab. Ven Wiehtigkait sind die Ver- 
;aBder«agan im GaaichtafBlda; haar pflegt die 
Herainrückoiig d^r OrUngren» das erste 
Zeichen hi sein, dann folgen Eot und Blau, 
endlich auch WeiB. Im weatenn VerlanJe leidet 
dar FarbeutinB. Anbngs tritt eöne Yeraadernng 
dee Farbentonaa- ein, Gita wiid fftr Weil und 
Gelb, Bwt fOräelb gehalten; sptter griit die 
Faebenamp&idBng gsots verlorrai. 

2. Die ne Britische odor p^illitieche 
Atrofilue. Die Papille iat verArM, grAaU^ 
oder blltaÜcb weiS mit eiaam trttben, schnmtzi- 
gaa Anstich, die Sabatanz das Sehnerven nidit 
dBrcliB)A«B«iid. Lamiaa kribroi* nicht zn sehen, 
.dieOraaiian der Papille öndverwaBehen, in deren 
' Dmgahfing Verflnderongen des Pi^in entepithel s. 



gle 



227 



OFTIKUSATBOPHIE. - OPTIKÜSOESCHWCI-STE. 



22H 



eine Exkavation ist nicht vorhanden, sondern, 
wie leicht zu Terstehen , im Anfange iiocli 
eine Prominenz des Sehne rvenkopfee; die Äi- 
terien sind viel scbniUer als die Venen and 
oft ein uToiea StUuk in die Retina hinein von 
weiften Streifen eingefaBt, ja sie können als 
weifle Stränge ersclieinen; die Venen scheinen 
nocli verbreitert und geBchlftngelt. Ist die 
Atrophie bereits l&ngere Zeit bestehend, so ist 
oft, speziell wenn die entz Und li dien Erachei- 
nnn^n nicht hochgradig waren, eine Differen- 
tial diagnose zwischen genuiner and papilli- 
tisclier Atrophie kaum möglieh. 

3. Die retinitiache Atrophie zeigt eine 
schmatzig wachsartige, gelbliche oder auch ins 
grünliche stechende Papille, sie wird daher 
BQch gelbe Atrophie genannt. Die Sabstani 
des Sehnerven int nicht transparent, I.amina 
kribrosa also nicht in aehen, die Urrenzen sind 
nicht scharf, die GefftBe, Venen wie Arterien. 
hochgradig verdflnnt. Die Fanktionsprafnng 
ei^bt zaerst bedeatende Einengung für Farben, 
hierauf andi fUr WeiB. so daS von dem tiesichta- 
felde nur ein kleiner Fleck znrUckbleibt, in 
dem Handbewegnngen erkannt werden. Charak- 
teristisch ist die bedeutende Herabsetzong 
des Lichtsinnes, und zwar schon in den Anfangs- 
Stadien der Erkrankung. 

Therapie. Dieselbe ist nur wenig erfolg- 
reich. Prophylaktisch bei Kauchem und 
Trinkern, bei denen gich die ersten Symptom« 
der Amblyopia alkoholika et nikotiana zeigen. 
vollstandigeAbBtineni und Schonung der Atigen 
In Lokalen, wo mit Schwefelkohlenstoff, Pyri- 
din etz. gear1>eitet wird, entsprechende hygieni' 
BcheSchntimaßregeln; Vorsicht heim Oebraa- 
che von Medikamenten, wie Chinin, Salizyl etz. 
Bei Atrophie zerebmlen Ursprunges, z. B. bei 
chronischer Meningitis, KongestionezastSnden 
nach dem Gehirn, stark ableitende Mittel, wie 
Laxantia, FoBbädei, Blutentziehnngen , femer 
Sublimat and Jodkaliom. Hat mau Ursache, 
eine Atrophie auf syphilitischen Ursprung zn- 
r&ckzaführen, dann sind wohl Inunktionen ange- 
zeigt, ist SyphiliB jedoch nicht wahrscheinlich 
odergaraoBzaBchlieBen, dann sind Intmktionen 
geradezu kontraindiziert, denn während der- 
selben pflegt sich die Sehschärfe bedeatend zu 
verschlechtern. Ist die Atrophie von einem 
Spinalleiden abh&ngig , dann mflssen alle 
schwächenden Kuren gemieden werden, indem 
die Erfalirong lehrt, daB auf deren Anwendiwg 
ein rascher Verfall deB Sehvermögens folgt. 
Jene Mittel, welche gegenw&rtig am hünfigsten 
angewendet werden, sind das Strychnin, das 
Jodkalinm und die Elektrizität. Vom Str;- 
chnin wenden wir eine l'/t'g^ Lösimg an, be- 
ginnen mit der Injektion von 1 mg and steigen 
bis 3, 4, ja äm^ an. Die Injektionen werden 
in der Schläfengegend oder am Uberarme vor- 
genommen. Femer wird der konstante Strom au- 



gewendet, and zwar wird der eine Pol auf das 
Auge, der andere in den Nackeu gebracht. Die 
Elektrode, welche am Auge angebracht wird. 
moB so beschaffen sein, daB sie sich deni- 
selben vollkommen anschmiegti wir nehmen 
leichtes biegsames Metall, welches wir mit 
Vr'atta auspolstern, oder modellieren aus Ton- 
erde eine Elektrqde. Um keine onangenehmen 
Sensationen bervorzurnfeD , schleichen wir 
mit dem Strome langsam ein and lassen 
ihn bis 2 Milliamperes ansteigen, schleichen 
uns wieder ans und wechseln die Stromricb- 
tang. Es ist daher gleichgültig, ob wir Ka- 
thode oder Anode ans Auge bringen. Man tut 
gut, mit Oah-anometer und Rheostat tu ar- 
beiten. Die Sitzungen dauern 10—30 Minuten, 
Von mancher Seite wird auch Wärme an- 
geraten, und zwar in Form von Dansttddem 
oder warmen Umschlägen. 

KOkiostur-Tkich. 
Op tlknigeSOtawflllt«. sie entwickein 
sich entweder innerhalb der Sehnervenscheideu 
oder von der Papille direkt oder greifen von 
benachbarten Oi^anen, Membranen, ttber oder 
sind als metaata tische aufzu&ssen. Relativ 
liäufig sind Tuberkel des Sehnerven, wir können 
dieselben jedoch nur ans den Begleiterscheinun- 
gen, wenn tuberkulöse Meningitis vorbanden 
ist, oder wenn aach welclie in der Cborioidea 
gefanden wnrden etz., vermuten. — Als wirk- 
liche GeechwSlste werden beschrieben: Sar- 
kome, und zwar Glio-, Fibro-, Myxosarkome. 
Psammome und Ejidotheliome oder Fibrome. 
Fibroroyxome and üliome. Eines der ersten 
Symptome ist der Exophthalmus, der sich 
ganz langsam and ohne daB Schmerzen auf- 
treten wQrden, einstellt. Dabei ist die Be«^- 
lichkeit des Auges zumeist gut erhalten and 
kann der Bulbus sogar in die Orbita zarQck- 
gedAngt werden. Die Funktion des Aoges geht 
frühzeitig verloren ; der Augenspiegel zeigt 
Neuritis optika oder weifle Atrophie derPiqtille. 
DifferentialdJagnostisch wären alle jene Er- 
krank uiigen zu erwähnen, bei denen bedeatende 
ProtruBJo bulbi eintritt, wie Morbns Baaedowij, 
Entzündungen des Zellgewebes, Geschwülste 
in der Orbita etz. Bei Morbus Basedovrii kann 
die Protrnsio durch Druck ganz oder zum 
groBen TeileztunVerschwinden gebracht werden, 
das Sehvermögen ist erhalten, auch können mit 
dem Spiegel keinerlei Zeichen der Erkrankung 
des" Sehnerven gefunden werden. Bei einer 
Tenouitis linden wir fieberhafte, entzflndliche 
Symptome, die ja bei Optikusgeschwülsten ganz 
fetilen; dagegen kann die DifferentialdiagnoGe 
zwischen Optikus- und OrbltalgeschwQlsten 
schwierig werden. Hier muB die Falpation 
nachhelfen and die genaue Beurteilang der 
Lage und Beweglichkeit des Bolbus. Ist dieser 
nicht verlagert und die Beweglichkeit firei, dann 
istüne Geschwnlst des Sehnerven anzonehmen. 



OPT\KUSüESCHWÜLSTE. — OSTEOKLAST. 



29U 



Die Therapie ist operativ und besteht 
Entfemong des Tumors bei Erhsltong des 
Bnlbos (KHaxLEiN) oder in EntfemDog des 
letEferen oder AnarAnmnng der Orbit». 

KONIOBTtUN-TKIl 

OptlknihypW&mte. Die Papille iat 
stark gerötet, ao daB oft kaam ein Unterschied 
in der Farbe zwischen Retina und Papille be' 
steht; dieGrenzen sind oft nidit ganz scharf aas- 
gesprochen, dafür die Ansstrahlnng der Seh- 
Derrenhsem in die Netzhaat sehr deutlich 
sichtbar. Die Oef&Be sind stark gefüllt nnd 
die Venen dentlicb geschllLngelL Die Hyperftmii 
der Papille ist entweder ein Anfangssymptom 
einer EntzOndnng der Betina oder des Nervus 
optikns. tuid dann sind auch die PapilUr- 
urenzen nndeatlich nnd die Venen stark ge- 
schlangelt nicht nnr in der Ebene der Betina, 
sondern auch senkrecht za derselben; 
Eprechen dann von St&nnngshjperftmie oder 
aber wir finden sie bei Qbennäfiiger Anstrengung 
der Akkommodation, bei Erkrank ongen der Kon- 
janktiva nnd der Iris: dann sind dieOrensen der 
Papille scharf nnd man findet keine Schling« 
Inngen der Venen senkrecht anf die Ebene 
der Betina. Jedenfalls mnS man bei der Dia- 
gnose O. Torsichtig sein. Rötung allein genügt 
nicht . man wird immer gnt ton, die andere 
oder eine normale Papille in Vergleich zn ziehen. 

Tberupie. Schonung der Angen, erentoell 
Korrektion einer Befraktionsanomalie, selbst- 
verständlich Behandlong des Onmdlsiclens. 
EOMiasTKiM -Thfith. 

OrbitalUatangen. Biatergossein die 

Aogenhöhle nnd das retrobolb&re Gewebe sind 
entweder tranmatischen Ursprongs (mit and 
ohne Knochenfraktnr) oder erfolgen spontan 
bei HAmophilen oder anderweitigen degenera- 
tiven Vorgängen im GefNBsjrsteme nnd bei 
Pertussis. Charakteristisch ist das plötzliche 
Auftreten des Exophthalmos nnd der Beweg- 
lich keitsstörnn gen (s. ^Orbitaltnmoren " ). Ein 
wichtiges diagnostisches Merkmal sind die 
Blntanterlaufongen, welche man auch bei an- 
bedeatenden 0. in den Lidern findet. Dnrch 
I)mc^ auf den Optikns oder dnrch Eintritt 
von BInt in seine Scheiden kann beträchtliche 
Herabsetzung des Sehvermögens, ja selbst voll- 
kommene Erblindung bewirkt werden. Die 
llotilitatsstömng fahrt oft zu Doppeltsehen, 
zameist werden anch Schmeißen empfanden. 
Der weitere Aasgang ist Bssorption mitBttck- 
gajtg der Symptome bis anf die eventuell be- 
reits eingetretene Atrophla nervi optizi. Selten 
kommt es zur phlegmonösen Entzündung. 

Therapie. Im Beginn Eisbeutel und Druck- 
verband. Bm groAen Extravasaten mit drohen- 
der Druckatrophie des Optikns operative Ab- 
lassang durch Inzision. EOnaeTBiH-TRi(-H. 



OrbltaltamOrail sind Geachwalsle der 
AngenhÖlile, welche entweder primAr von den 
Wänden nnd dem Gewebe der Orbita oder 
vom Angapfel herstammen, ans der Nachbar- 
schaft hineinwnchem oder als Metastasen dahin 
verschleppt werden. Man findet dort: Zysten 
(Atherome und Dermoldzystsn, letztere zumeist 
im inneren oberen Winkel der Orbita). Echino- 
kokken nnd Zystizerken, Lipome, Sarkome. 
Angiome (bl&nlich durchschimmernd und ofl 
mit Erweiterung der Lidhautvenen verbunden), 
Fibrome, Lymphome nnd Osteome (steinhart). 

Von den Symptomen ist £ut allen 0. der 
Exophthalmus gemeinsam. Eine weitere 
Folge der Verdrftngung des Bulbus sind Mo- 
tilitätsstörnngen desselben und damit im 
Zusammenbange das Auftreten von Doppel- 
bildern. Vielfach föhren die 0., namentlich die 
bösartigen, auch znSehat£rnngen, manchmal 
auch zur völligen Erblindung dnrch Übergreifen 
auf den Augapfel oder auf den Optikns oder 
durch Druck anf den letzteren. Die malignen 
Tumoren bewirken femer meistens auch heftige 
Schmerzen. Manchmal gelingt es, den Tnmor 
durch Palpatiou nachzuweisen, eventuell anch 
seiner Natur nach zu differenzieren, indem 
man mit dem kleinen Finger zwischen Augen- 
lid und Bnlhus eingeht. Auidi eine Probe- 
punktion kann Aufschluß Ober die Art des 
Neugebildes geben (Echinokkokus)^ — Im 
allgemeinen spricht ein langsames Anwachsen 
nnd eine geringe Intansit&t der eben geschil- 
derten Stömngen fttr gutartige 0. 

Selbstverständlich ist auch der Angenhinter- 
gmnd zn besichtigen; der diesbezQgliche Be- 
fund sowie die Prüfnng der Sehschärfe and 
des Gesichtsfeldes entscheiden in zweifelhaften 
Fällen Über die Beteiligung des Optikns. 

Die Therapie erfordert rasche operative 
Entfernung der 0., wenn möglieb mit Erhal- 
tung des Augapfels (Vorgang nach KbOhi-eim). 
Bei ansgebreitetMi, bösartigen Neubildungen 
lie totale Ausräumung der Orbita (Exen- 
teratio orbitae) indiziert. KOmoBnnN-TaicH. 



Die kflnstlicbe subkutane 
Zerbrechnng eines Knoehsis wird — falls 
fiberhanpt der Osteotomie vorgezogen 

wird — bei pathologischen Verkrtimmnngen 
vorgenommen, um dieselben mit der Heilung 
der Fraktarstelle gerade zu richten, vorzngs- 
bei rachitischen Verkrümmungen, fehler- 
haft geheilten Frakturen, Schiefstellung der 
Oelenke, zumal Oenn valgnm, und Anky- 
losen bei für den Oebrauch der Extremität 
igeeigneter Stellung derselben („Brisement 
forc^"). >- Bei rachitischen Kurvaturen und 
schlecht geheilten Frakturen, bei letzteren 
zumal vor Konsolidienmg derselben, genSgt 
die Kraft der Hände, um eine Fraktur des 
Knochens zn erzengen. Das winkelig geknickte 



gle 



äsi 



ttöTEOKLASE. - OSTEOMYELITIS. 



232 



Ulied wird mit je eise* Htsd ober- und antor- 
halb der Stdle der bMlMiehtigten Snktiu 
ergriffen, mit der konveien äeite gegeo «in« 
(gepobtarte) Erat« oder du eigene Knie ge- 
stcniBt und dnreh fMten Dmi^ aerbrochea 
HierbM iet ee notwendig, du Qlied n&he der 
BmebsieUe in amfaaaen, damit die Fnktnr 
nicht Ml eiser anderen Stelle erfolge. — Be- 
hjth O. gTöfiwer KoocIibii Erwachsener be- 
ntktzt man Apparate, von welchMi die einen 
nach dem Prindpe des eiKannigen, ander« 
nach dem des sweiarmigen Hebels wirken. 
Za eratei«> gehört der OatooUatt tob BonN, 
der de« Knochen aber eine, quer aber die m 
hrechMKle Stelk hinw^lanfande Leiste bricht, 
MMfie leine UodifilEation ma Loumkx, eq lett- 
teren RmoLn Oetec^hMt, weleber ana zwei, 
den n fare<Aande«i Knoehea Dafasaendea 
Kingen nad eiBam daa Olied balb UBfcreifen- 
den, dwrch iäclica«benwirkniig Tonaschie- 
benden Stempel beirteht, der die Fnktnt er- 
zeugt. — Nach Eintritt des Knochenbrochea 
mal die Eztramit&t in der geeigneten Stet- 
Inng dorcb Schicoan and immobilisiereBde 
VerULnde (a d.) fixiert werden. ~ Die in der 
v<»MitiBq)tiachen Z«t Hhwerwiegendeii Vni^ 
tdk der jede Weichteihmade enpannden 
O. treten derzeit gegenltter ihren NadrieUea 
(Qoetaehaag der Weiehteile, Zerrsng, selbat 
^feireifinng tod Oeleukbfaidem bei 0. in der 
Nfthe Ton Geiewken) inrOtk, welche es erklären, 
dafl in schwierigeren FftUen die aeeptiedi ana- 
geführte bneare n»d keiUSrmige Osteotomie 
der 0. i^aichwerlig erscbeiat Dieaelbe ist je- 
doeh in dw Hand d«e gtitbten Antes imMer- 
hin ein beanhtensTertee tberapeatJadMa Agens, 
KOmal bei raefaitiaclien Veritrümmnnges nad 
wink^g geilten Frakturen der Knochen. 
ScnaiBLU. 
Oat*Oniftl»litt (Knocheaerwei- 
rhwng). Cnter O. lentefat man eine nur bei 
ErwaehwneB, and iwar TOrwiageod beim weib- 
licbtn QeecUecM Torkemmende chronische 
KnoeheneriLrankang, deren Wesen, wie schon 
der Name sagt, in einer rom 2eatmm zur 
Peripberie förtschreftenden Reaorptton and 
tj-weichnng des Knochettgewebee beotoht. Mit 
der Baehitis hat die ErkT^nknng ntchte 
tnn. Ihre nSheren Ursachen räd noch nicht 
bekannt, fcetetehend ist nnr die Itiotogiaehe 
Bedeatnng der Grariditftt, wkhrend welcher 
das l^den meist b^nnt, and zwar meist an 
den Beckenknocben , wn ganz aUmRMioh anf 
das geaarate Skelett ttbersogreifen. Die Er- 
kntnknngbegimitin der Regel mit Sehnt erzen, 
wekbe bei der pnerperalen Form im Becken 
lokalisiert sind, nra fon dort naeh dem Rücken 
and den Beinen aassastrahlen ; aoweilen exa- 
zerbieren die Schmenen bei Nacht and erinnern 
90 an die Dolores osteokopi noktarni der 
Syphilitischen. Im weiteren Verlanf wird das 



Sitam ood Qehen erechwert, der Gang wird 
watschelnd and in weiter vorgeac^rittenen 
Stadien wird dae Oehea gans nninö^ich. Das 
Skelett wieidet dnrch den chronischen Erwei- 
chong^vouft itkr charakteristische Defonni- 
t&ten. Insbesondere wird dasBecken in tfpisclier 
Weise Terllndert: Da« Eiewzbein wird dnrch 
den Drack der Rompflast nach vom ond 
unten, das Bteübein nach oben getrieben, 
wthrand die Darmbmne dütenförmig verbogen 
werden ond die SpnphjTBengegend schnabel- 
f&miig Torqiringt (oateomalazischea Becken). 
Die Wirfaekäole wird nieiat krphotisch, znweilAi 
BDch kfphoekoliotiaeh defKmiwt, die Bippen- 
bögsD nihaiw sieh den Darmbeink&inmen fast 
bis EBTEerUni^. Über die (üebortriiiDdemisae, 
welcbe aoa dem oeteo»ali " iaebeo Becken raanl- 
tieien, TgL dea Artikel ,BeekenaMinialien'. 
B4I. pag. 638, bei welchem aaeh das osteo- 
mahtzisohe Becken abgebildet ist B« der poer- 
peralen For« erfolgt zoweilen ein Stillstand, 
Ja ein Rtlekgaag der Erecheinangen, aber jede 
neue tlraTidit&t birgt in sich die Gefahr des 
Besidivs. 

Die Diagmee kann im Beginn der Er- 
krankni^ bei dem FeU^ der typischen Defor- 
mitsten de* Skdettea Schwierigkeiten bereites. 
Die ziehenden SohnerMit werde* leicht als 
. rb eermatigch" oder ,nMvAs' gedeutet. Im 
wetteren Verlanfe ist die Dit^oee in Anbetracht 
der Skekttrerinderangen nnd dw SMnufen 
des Oangea nicht mehr schwierig. Iwimeiiiin 
sind, Wie manaiohtäd(«enheithat, deo Fall 
genOgtod lange m beobachten, Verwechslungen 
mit RUckenmarksaffektionen, peripheren Ner- 
veDerkrankongen, Isehsas, Uysterie, Oelenk- 
rfaeamatismiiB, Arthritis defeimans, Beckeato- 
moren, moltiplen HTelomen des Skelettes n. dgl. 
mAgüch. 

Die Thertqtie besteht in jahrelang fortge- 
setzter Darreichang von Pho^»bortebeTtiBn 
(O06:!00-0). Daneben wird auch die Oi^ano- 
therapie (OophorintaUettsn) empfohlen. Gegen 
die Schmenen erweist sich am nützlichsten 
eine passende lAgenrng, welche anch dem 
Eintritt der geschilderten Defotmitftten etniger- 
mafien Torbengt. Bei der chronisch rezidirieron- 
den pnerperalen Form hat FaBi.n(s die Kaetn- 
tion empfohlen (Tgl. den Artikel „BeckenanMoa- 
lien", Bd. I, pag. 893). koua. 

OateOmyeUtI». (Knochenmarkent- 
zQndnng, ^Gliedertyphns".) Die akate, 
infektiöse O.BteUt in der Regel eine InBeret 
schwere, dnrch den Staphylokokkns pyogeoes 
anrens Terarsachte, septische Allgemeininfektion 
dar, welche mit Yortiebe jugendliche Indiridaen 
in der Zeit de« lebhafteeton Knoehemischstnms 
(Tom 8.— IK. LebeiMJftkr) befUH, Im Oegensatz 
in den tnberkaMisea Knoc^enentztndang«) 
handelt es sich dabei fast dorchwega am bis 



iSä 



OSTEOMYELITIS. - OSTITIS. 



2H 



dihin kwngeBOBcle , krifti^e Kinder, ir«lche 
ßuu [dcMzücb, mweilen im AHschlofi 
Tmbbu unter hobMU Fieber und SdiDttdfroat 
erkranken. Die Infektion erfolgt aaf hKnuto- 
gcnem Wege. Ak Eintrittspforte dee Qiftw aind 
lochte HanllBaioiMn , Aknepniteln, Fnmnk«], 
I^aritien, Anginen, Schleimhanterosionen ii 
ifnad, Bachen and in der Nmsa aoinsahaa. In 
bemg Bof die Schwere der Eriti^nkong, derai 
Pro^oee stete aU ernet« «nznaehen ist, baatehsr 
stitT «rfaebli^ Gradanterschiede, Migenscliein- 
Ikh bedingt durch die venchiedeMen Virnleni- 
gnde des EntBAndnngBeiTegen. Zuweilen be- 
athrtokt eich der ProteG nur auf «inen dei 
mit beaoBdera: Vorliebe b«f*ll«nea Böhren- 
knodwa, xaweüen worden binnen weniger Tage 
BKhrwe Knochen samt den beoachbulen 
EpiphyMn und G^eokao befallen, inweiko 
endlich beobachtet man gleichaeitig Metaateien 
in einem, in mehreien oder gar in allen ~ 
Ot^ganen. Die FAlle der lets^enannten Art 
pB^BB im Verlanf von wenigen Tagen tAdlich 

Anch die IntenaitSt d«a Entt todongapro le nw a 
•o den einielnen Knocbeoherden unterliegt 
erbeblichen Schwankungen. Neben mnBChrie- 
beoen periostalen Abeuesen sieht man moltiple 
Lokal isationen im Knochenmark, welche zu 
vielfachen Dnrchbr&chen ffkhren and dann 
Mkondlr Periost nnd Weichteile infiltriwen. 
Der beMiene Gliedabschnitt ist daim must 
hochgradig gerötet nnd geachnoUeo , der Knochen 
deatlich verdickt nnd gegoi Jede Bertthning 
laAerat einp6ndUch. Die glUniend aoBsehende 
Haut zeigt erhöht«, lokale Temperatur. Die 
Kinder nüdien einen »chwerkranken, benom- 
menen Eindruck {,T;phn8 des membres''). 

Derartige FiUe, g^chviel ob w sich nm 
solittre oder multiple Herde, mit oder ohne 
Ketaetaaen, bandelt, erheiachen dringend ein 
raeches, kfUinee, operativee Vorgdiea. Üe Eiter- 
herde mtlsaen anter aUen DmeÜndea mögliohat 
frfibzeitig eröffnet werden. Hierzu genUgt bei 
periofltalöi Formen hknSg schon ein Einichnitt 
bü auf den Knochen, ebenao bei bereits erfalg- 
tem Dnrchbroch der MaAhöhleneiterong nacb 
■uAen. Ist dagegen ein Dnnibbraob noch nicht 
erfolgt, so maB die Markhöhle in der gesamtMi 
AosdehDung der EntzQndung aufgemeifielt and 
dar Eiter samt dem erweichten Hark entfernt 
werden. Je früher man operiert, desto liftuGger 
wird BS gelingen, die g^rchtete Knochuine- 
kroee zn vermeiden, lat dieselbe jedoch einge- 
tretMi, ao wartet man EweckmiBig erst die 
völlige Demarkation des „Sequeatera'' ab. ehe 
man zur ^Seqaeetrotomie" schreitet. E^ genügt 
fars erste, dem Eit«r Abflofl zn veracbaffen. 
Inzwischen hat alcb um den toten Knochen 
hemm aas dem erhalten gebliebeneu Periost 
ein nener Knochen gebildet (Totenlade), welcher 
die Kontinnit&t des Röhrenknochens wieder 



herstellte und aaa welchem nun der tote 
Sequester heransgexogen oder haraoegemeiBelt 
werden muB. Erst dann pflegt die Eiterung 
nachmnlaaeen und die Wanden bzw. Fist^ 
pflegwi sich nacb monatelaogem Beatehen all- 
mthlicb la schlieilen. 

Eine anatomische Heilong wird jedoch keines- 
wegs in allen Fällen erzielt. HKnfig bleiben 
vielfach Knochenherde im Knochengewebe 
serstieat li«(!w; selbst kleine Eiterherde and 
Sequester k^nen acbeinbar einheilen. Es tritt 
dann ein mehr oder weniger langes Lateni- 
Btkdiom der Krankheit ein, bis dann nach 
Jahren oder gar Jahrzehnten der Krankbeita- 
prozeA mit oder dbii« koBeren Asiat) mehr oder 
weniger pUttalich von neuem aufflackert. Im 
Gegensatz zu der akuten Form ist die Prognose 
dieser rezidivierenden Form fast stets 
eine günstige, Inzision, Eiterentleerung und 
Entfernung meist kinner Sequester flUiren in 
der Regel die Heilung herbei. 

Schliefilich gibt es noch Formen akuter 0., 
welche tkbertiaupt nicht sor Auabeilung kom- 
men, sondern direkt in ein chronisches 
Stadium Oberg^en. Di« befaUanen Gliedab- 
sdinitte sind dann meist hochgradig verdickt, 
deformiert, vielfoch von eiternden Fistaln 
duRhsetzt, xnweilm bestehen Paeudarthroaen 
und Kontraktnrwi der benachbarten Gelenke. 
Solche FlUe gehen nicht selten unter Amyloid - 
degeneration der inneren Organe achließlich au- 
gmnde. In manchen FUllen jedocli ist durcli 
wiederholte, sehr radikale Aofmeißelung, in 
manchen Flllen auch durch Amputation dee 
betrefTenden Glied abschnittea Heilung erzielt 
worden. An lks. 

OstitU (KnochenentzQndung) ist ein 
Sammelname für alle entsflndlichen Votgftnge 
im Bereiche dee KnochensTstums, welche jedoch 
der Uagel primkr vom . Periost oder dem 
Knochenmark ausgehen nnd erat aekundttr das 
Knochengewebe ergreifen. Je nach der Ätiologie 
sind dieae Prozesse EweckmftSig unter anderen 
Namen ans gelAnfig nnd aacb oiiter diesen 
Namen abgehandelt (s. die Art.: .Karies der 
"nochen", „Knochonsyphilia", ,,09teo- 

yelitis',, Osteomalazie", „Periost itia-, 
„Osteopsatyrosis", „Bacbitis"). 

Daneben existiert noch eine ganae Reihe von 
Systemerkranknngen des Skelettes, deren Wesen 
com Teil noch nicht hinreichend gekl&rt ist 
nnd deren Zugehörigkeit zu den entzQndlichen 
ProEessen noch zweifelhaft erscheint. Hierher 
g^ören die Lymphadenia ossium, die progres- 
Oateoporose, die tomorbildende 0. defor- 
mans, die tozigene Osteoperiostitis ossifikans, 
die MABiwrhe ,.Osteopathie eyatematisfe' and 
die Ostitis deformans (Ostitis fibroaa 
oateoplaetika v. Becki.iiiohai'skks) (Paust). i 
Letztere Form ist charakterisiert durch all- QlQ 



Ü35 



OSTITIS. - OTALGIA NERVOSA. 



mählich aaftretende Verdickung und Defor- 
mation insbesondere des Schadet, der Wirbel- 
sänle, derTibianndderKlavikolae. Die Knochen 
der HDnde nnd Füfie sowie des Oesichtea bleiben 
verschont. Ätiologie völlig unklar. Bei zuneh- 
mender Verdickung and Verkrümm ong der 
Beine wird schließlich das Gehen nnm^lich; 
eine dorsale Kyphose ist meist stark anagepr&gt. 
Der Kopf wird stark vornübergebeugt gehalten, 
die Rippen sind scharfwinklig gekrümmt, die 
Rippenbögen den Darmbeinkämmen genähert. 
Verlauf eminent chronisch. Nach dnrchschnitt- 
lich lö— 2Qi6hriger Daner des meist um das 
50. Lebensjahr beginnenden Prozesses erfolgt 
der Tod in der R^el an Herzschwftche nnd 
BespirationsBtörungen infolge der Deformitäten 
des Thorai. 

Die Therapie ist vollständig machtlos. 

Otalg^ nerVOMl. Bei dem nervösen 
Ohrenschmerz handelt ee sich um Schmerz- 
empfindnngen, die im Gehörorgan lokalisiert 
sind, ohne daB sich für dieselben ein ana- 
tomisches Substrat findet. Diese Ohrenschmenen 
kommen sowohl selbständig vor wie auch als 
Teilerscheinung einer Trigeminus- oderZerviko- 
Okzi pitalneuralgie. 

J. Dig Neuralgie der Ohrmuschel ist selten 
und findet sich gewöhnlich an einer zirkum- 
skripten Stelle. Sie findet sich besonders im 
Anschluß an Herpes zoster anrikDlaris and 
wird an der Vorderfläche der Koncha von dem 
N, anriknlo-temporaiis, also vom dritten Trige- 
minasast an der Hinterfläche vom N. aurikularis 
magnns nnd dem N, oksipitalis m 
Plexus Eervikalis ausgelöst. Han findet bei ihr 
einen Schmerzpnnkt (Point doutourenx) 
Tragus dort , wo der N. aurikulo-temporalie 
den Jochhogen passiert, und einen zweil 
Warzenfortsatz. Ein leichter Dmck auf diese 
Punkte steigert den Schmerz, ein atärkei 
mindert ihn manchmal. Während der Neuralgie 
tritt bisweilen Rötung nnd Schwellung 
der betrelfeaden Koncha auf. 

2. Die Neuralgie des Plexus tympanikns, 
der Paukenhöhle, ist die bei weitem häufigste 
Otalgie und kommt selbständig oder als Teil- 
erscheinnng einer Trigeminusneuralgie 
(meist des Rarnnsül, selten des BiunnslI); 
im ersteren Fall ist neben dem Mittelohr 
auch das ftaSere Ohr ergriffen. Die Schmerz- 
anRille sind von wechselnder Dauer, selten 
länger als einige Stunden und sind bisweilen 
mit subjektiven Qehöraempfindungen , Hyper- 
aesthesia akustika oder umgekehrt mit Schwer- 
hörigkeit, TränenfluB, Zuckungen der Oesichts- 
muskeln, RÖtnng der Ohrmuachel verbunden. 

Ätiologie. Die häufigste Ursache der 
O. nervosa sind kariöse Zähne, doch genügt 
nicht ein fiQchtiger Blick in den Mund des 
Patienten, vielmehr Ist eine genaue Üntei 



sucbung durch einen Zahnarzt erforderlich, 
da anscheinend geauude Zähne nicht selten 
feine Lücken haben, von denen die Schmeraen 
ausgehen. 

Von sonstigen Ursachen sind anzuführen; 
Angina tonsillaris, Peritonsillitis, Retropharyn- 
gealabszesse , ulzerative Prozesse an der hin- 
teren Rachenwand, am Ostiam pbaryngeum 
tnbae, an der Epiglottis, im Larynx, an den 
Tonsillen, ZongenabszeB, Zungen karz in om, 
Oberkiefertnmoren , Lues, Anäaie, Malaria, 
Hysterie, Menstruationsanomalien , Erkran- 
kungen der Sexualorgane, Oraviditftt, Zerebral- 
erkrankungen und laat not least der trockene 
chronische Mittelohrkatarrh, die Otosklerose. 
ose. Fehlt jede EntzUndang$er- 
Bcheinang am Ohr, so kommt man per ex- 
klusionem auf die rlthtige Fährte nnd wird 
durch Unt£rsnchnng der Zähne, des Pharynx, 
Laryni etz., die Ursache ergründen . ancli 
durch Untersuchung der betreffenden Points 
doulouremi feststellen, ob es sich vielleicht 
um die Teilerscheinnng einer Neuralgie dee 
Trigeminus oder Zervikalplexua handelt. 

Die Therapie hat natürlich der kausalen 
Indikation zu genügen. Kranke Zähne sind 
zu behandeln, Ulzerationen zu ätzen. Kon~ 
stitutionsanomalien zu bekämpfen etz. Bei 
typischem intermittierenden Verlauf gibt man 
Chinin, sulfnr. 025— 05 pro dosi 3— 3ma] im 
Laufe von 2—3 Stunden vor dem Anfall , bei 
atypischem Verlauf (T^—Ob pro doai Smal 
tgl. oder Sol. Fowleri. Oh sehr wirksam ist 
die Verbindimg des Chinin mit Jodkaliom 
(ich. :2JK), welch lefzt«rea auch in nicht- 
syphilitischen Fällen günstig wirkt 

UBt sich die Ursache der Otalgie niclit ermit- 
teln, ao behandle man symptomatisch and lokal. 
Man verordne dann Aspirin, Pyr«midon, Pheoa- 
zetin oder Salol und lokale Massage, narkotische 
Salben, Veratrin, Vesikantien, Einpinaelong 
von Jodtinktur, warme Umschläge in der 
Regio mastoidea. 

Besser als olle diese Mitt«! wirkt übrigens 
bisweilen der konstante Strom. Der Knpfer- 
pol wird anf das Ohr, der Zinkpol aiif den 
Nacken gesetzt Auch durch Anwendung von 
Ldcabs federnder Drucksonde aind Erfolge 
erzielt worden. 

3. Die Neuralgie des Warzenfortsatzee ist 
seltener, kommt besonders bei Anämischen 
vor, ferner bei Hysterie nnd bei Diabetes. 
Wenn die obige Therapie versagt, so kommt 
die AufmeiBInng des Prozesaus. maatoideos 
in Betracht, die schon mehrfacli mit Erf<^ 
ausgeführt wurde, doch kann man bei Hy- 
sterischen danach aucli Verachlimmemng iwhen, 
da eie dann manchmal über Schmerzen in 
der Narbe und vermehrten Schmerz im 
Knochen klagen. 



237 



DTHÄMATüU. - OTirrs. 



Othämatam (OhrblutgeschwaUt). 
Das 0. repräsentiert einen BlnterguB zwischen 
den Knorpel der Ohrmuschel und das Perichon- 
drimn, oder, da der Knorpel in solchen FftUen 
gewi^nlich krank nnd brtkchig ist. zwischen 
die einzelnen KnorpellBmellen. ReiCt das 
PerichondriDm ein, so gelangt das Blnt direkt 
nnter die Uaat, wodurch letztere ein bläolich- 
mtes Ansaehen erhält Das 0. ist relativ selten, 
besonders bei Kindern and hänfiger bei 
Ueistee kranken als bei Oeaunden. Ob erstere 
eine besondere Disposition znr O.-Bildung 
haben oder ob sie nnr häufiger traamBtischer 
Einwirkang auf die Ohrmuschel ausgesetzt 
sind (wie die Faoetkbnpfer, Ringer, Schweizer 
Schwinger) als Gesunde, ist noch immer 
.-trittig. Sicher ist, daB es ein tranmatiscbeB 
nnd ein spontanes 0. gibt. Letzteres ist be- 
dingt durch histologiscbe VeAndemngen des 
Knorpels (hyaline Umwandlung , fibrillärer 
Zerbll, stellenweise Verkalkung, Erweichung 
und äpaltbildong, aber aach bei ersteren 
ntag die Oewebsdisposition , besonders bei 
älteren, dekrepiden Individuen mitsprechen. 

Symptome. Meist entsteht plötzlich anf 
der Vorderfläche der Koncha, gewöhnlich in 
dem vorderen and oberen Teil, eine Anschwel- 
long, die rasch wachst und über die Hälfte der 
Ohrmuschel einnehmen kann. Die Geschwulst 
ist halbkugelig, prall, fluktnierend, von glatter 
Oberflache, bisweilen blftnlich gerarbt- ihr 
Inhalt (Probepimktion!) ist flflssiges Blut. 
Subjektive Symptome fehlen meist ganz, nur 
bei der tranmati sehen Form ist bisweilen 
stärkeres SpannnngagefOhl nnd Schmerz vor- 
handen. Altere Geschwülste enthalten oft nnr 
noch blutig tingiertea oder gelbes Seram oder 
aoch Fibrin gerinnsei. AuBerst selten greift die 
(ieschwalst anf die mediale Fläche der Koncha 
oder anf den Oehörgang Ober. 

DIagnoae. Durch die schnelle Entstehung 
ist eine Verwechslang mit Zysten, Perichon' 
dritia nnd Neoplasmen aasgeschlossen, 

PrognoBe. (iewühnlich resorbiert sich der 
BlnterguB wieder, doch bleibt eine Deformität 
(Verkrflppelnng, Verdickung oder Verkrüm- 
nmngl der Ohrmuschel znröck, in seltener 
Fällen vereitert oder verjancht die Geschwulst 
besonders leicht nach Probepnnktionen ! 

Therapie. Während man früher „exapek- 
tativ' behandelte, höcbatena einen Drackver- 
liand anlegte, Kollodium aufpinselt« oder 
durch Massage die Resorption beförderte, 
bevorzugt man jetzt die chirurgische Be- 
handlang des 0. So hat z. B. Skliohank 
anter Lokalanästhesie die bedeckende Haut 
»nrgaitig zu rückpräpariert, nachdem er si 
der Mitte der Konvexität des Ergusses ge- 
spalten, dann die Basis des Ergusses zirkum- 
zidiert and so die ganze vorgewölbte Partie 
exzidiert. Die Hantlappen werden mit steriler 



Gaze auf die kranke Fläche anftamponiett 
und mit Leukoplast fixiert. Nach 6— 10 Tagen 
ist die AfTektion ohne Narbe oder Entsteilnng 
dauernd geheilt. Guobshann, 

^Mitla. 1. U. <>xf«r)«a (Oehürgangsent- 
Qndnng). 0. externa zirkumskripta sive 
tiirunkulOBa. Dieselbe tritt gewöhnlich im 
knoipUgen GehÖrgang anf, wo die Kutis 
noch fast völlig der allgemeinen Hautdecke 
gleicht, selten im knöchernen Meatus. Sie 
verdankt ihre Entstehung dem Eindringen 
von Staphylokokken in die Haarbälge des 
Gehöi^ngs, sei es, dafi diese Kokken mit 
dem Ohrlöffel, der Haarnadel, dem Streich- 
holz, Zahnstocher oder Handtnchzipfet erst 
in den Oehörgang hineingebracht werden oder 
nnr noch des mechanischen Insults der Heatus- 
wand bedürfen, um in die Haarbälge einzu- 
dringen. Han nehme daher aach immer aus- 
gekocht« Ohrtrichter zur Cntersachnng nnd 
vermeide dnrchaus das Drehen derselben, da 
sonst z. B. i>ei einer Mitteloh reitemng das 
eitrige, Bakterien enthaltende Sekret geradezu 
in die Haut des Gehörgangs eingerieben wird. 
Diabetes nnd Fettlei liigkeit mahnen zu be- 
sonderer Vorsicht. 

Symptome, Das llanptsymptom ist der 
Schmerz, der meist von groBer Intensität ist, 
die Nachtruhe raubt und die Patienten «ehr 
herunterbringt. Jedes Offnen des Mandes. tw- 
sonders das Kauen, tat weh, weil der Meatoe 
dabei bewegt wird, and Dmck auf den Tragus 
sowie Zug an der Koncha erhöhen den Schmerz 
noch. Auch Fieber kann vorhanden sein. 

Objektiv sieht man eine oder mehrere 
mit geröteter Haut bedeckte Anschwellungen 
im Gehörgang, gewöhnlich an der Unter- oder 
Hinterwand, die das Lumen des Meatas mehr 
oder weniger verengern und bei völliger Ver- 
legung Schwerhörigkeit und Ohrensausen er- 
zengen können. Die Umgebung des Ohres, die 
Gegend vor dem Tragus oder die VTeichteil- 
bedeckung des Warzenfortsatzes ist oft erheb- 
lich geschwollen, je naciidem der Fnrnnkel an 
der vorderen, unteren oder der hinteren Gehör- 
gangswand silzt. 

Diagnose. Am leichtesten kann ein Gehör- 
gangsfamnkel, der schon aufgebrochen ist und 
aas dessen Zentrum Urannlationen hervor- 
wuchem, mit einem Dorchbmch durch die 
hintere knöcherne VTand bei Mastoiditis ver- 
wechselt werden, besonders dann, wenn der 
famnkniö.se AbszeS die hintere hantige Gehör- 
gangswand durchbricht und sich eine starice 
Schwellung hinter der Ohrmoachel auf dem 
Proz. mastoidens entwickelt, Sondierung mit 
dem Knopfhäkchen maß entscheiden, ob man 
durch ranhen Knochen in den Warzen Fortsatz 
gelangt oder auf dem glatten Periost der Kor- . 
tikalis bleibt. Bei einem Durchbruch des Fo-iQ|C 



ronkeb durch die notore Wand tritt eine 
Sohwelloog in der Foaaa TetromaxillariB kof, 
BO dafi man glanlMii könnte, ein PaiotiMbszaB 
w&re in den Meatna dnrch ein« IniiBoni Sbh- 
torini darchg«brocbeni doch milfite im letzteren 
Fftlle Drnck anf die Parotis den EitenbflnB 
steigern. 

Anlafi zur VerwechBlimg mit noch nicht wf- 
gebrochenen Farankeln können Polypen geben 
nnd EiDflt^weo des Meatoe, doch sind Polyp«i 
gewöhnlich viel röter nnd feacbt, ancta Uanra 
sie «ich im Gegensatz lom Fnninkel mit der 
Sonde nmkreifen, w&rend Oehörgangsexostoaen 
fiel harter and weniger schmerzhaft bei der 
Bertthrong mit der Sonde sind »U Forunkel. 

Verlauf nnd Prognose. Gewöhnlich 
kommt es zur Ab»zediemng dea Fnronkela, 
d. b. am 3. bia 7. Tage bildet üch auf seiner 
Höhe ein gelber Punkt und es entleert sich 
Eiter sowie der nekrotische zentnüe Pfropf in 
den Maatus, wonach gewöhnlich alle Beeohwer- 
den nachlassen; nur selten, z. B. bei Diabete«. 
bleibt ittngeie Zeit eine eitrige Sekretion be- 
stehen oder es kommt gar, nach Dorchbrnch 
des Periosts, inr Erkrankung nnd Seqnestrie- 
rong des darunter liegenden Knochens. Ulofig 
aber entsteht sogleich wieder an einer anderen 
Stelle des Gebörguige ein zweiter Fnmnkel, 
dann ein dritter usw., so dafi bei manchen 
Patienten die immer wieder tezidiTierende 
Erkrankung monatelang danem kann, da sich 
bei den engen Verfalltnissen der infektiöse Eiter 
immer wieder einimpft 

Therapie. Bei m&Bigen Schmerzen nnd im 
Beginn der Erkrankong genügt oft die Ein- 
führung eines mit essigsanrer Tonerdelösnne 
getränkten sterilen Oazeetreifena , der tftg- 
licb zu wechseln nnd immer wieder anzu- 
{sochten ist, om alle Beschwerden zu lindem. 
Will man den AbszeB schnell reifen lassen, 
■o verordnet man außerdem noch warme 
Umschlage auf das Ohr. Ist der Eiter entleert, 
so reinige man ganz behutsam, fette die Ue- 
hörgangswftndemitZink-oderweiBerPifzipitat- 
salbe ein und lege wiederum einen nassen 
Streifen ein, bis kein Eiter mehr abgesondert 
wird. Dann salbe man vorsichtig noch mehrere 
Tage, damit nnr ja die Staphylokokken keine 
angeschQtzte Haut zum Eindringen vorfinden. 

Sind die Schmerzen indessen sehr stark, so 
warte man mit einer Inzision nicht etwa, bis 
sich ein AbszeB zur Eröffonng präsentiert, son- 
dern lindere die schmerzhafte Spannung durch 
eine krtftige Inzision mitten durch die Scliwel- 
iung. Der Schnitt sei nicht zn schüchtern nnd 
wird am besten, da er sehr weh tut, in kurzer 
BromAthflnarkose gemacht; bei tapferen Pa- 
tienten wird man durch SchnelUgkeit die Nar- 
kose enetzen. Schon die Blutentziehnng wirkt 
sehr schmerzlindernd and ein fencliter Verband 
tut dann das Cbrige. 



Zar Prophylaxe warne man die Patieaten 
ir allem Heramstachem in den Ohren, be- 
kJLmpfe KonetitntionianomBlien und laoe noeh 
S Wochen leng nach der Heilung ttglich 1 bis 
2 lauwarme Obibider von halbrtAndiger Dauer 
Vi — l'/o'g«'^ Lösong von Kai. sulfnral. 
(nicht snifnr.l) machen. 

2, Olitie exUma knupoia nnd diphtherita. 
Sie ist selten, tritt meist einseitig anf nnd ist 
dadurch charakterisiert, daS der QehCrgang 
mit einer weiBlicbgelben Membrsnmasse aus- 
gekleidet ist, die ihn nnd das Trommelfell 
Qberzieht und ihn manchmal ganz aaafaUt. 
Bei der kn^iöeen Form (nur ein geringerer 
Intensitätsgnd der diphtherischen) ist die 
Membran ziemlich leicht abzuziehen, die dar- 
unterliegende Haut nnr gerötet ; bei der diphthe- 
rischen ist die Membran nur schwer nnd sttlck- 
weise anter Schmerzen and Blntung zu entfernen, 
die Hant darunter ist nekrotisch, schmierig 
granulös. Der Oehö^ang sowie die benach- 
barten LympbdrOeen sind gMchwollen und 
schmerahafL Die Otitis externa kronposa nnd 
diphtherika stießt eich entweder an eine 
Rachendiphtherie oder an Scharlach und 
Masern an, kommt aber auch primär vor mit 
eventnell nachfolgender Bachendiphtherie. 

Der Verlauf ist gewChnlich ein gOnstiger. 
Die Belage lockern sich, stoBen sich ab nnd 
meist ist in 2 Wochen die Heilung da. 

Therapeutisch hate man sich vor ge- 
waltsamer Ablösnng der Membranen , son- 
dern mache neben der Allgemein behandlang 
eventuell Serumeinspritzung, EingieBnngen 
von KalkwHsser oder Wpölnngen mit 3'/,iger 
BorHaurelöaung. Gegen die Schmerzen wende 
man PHiKSSNiTzsche Umschlage an. 

3. Otitis exUma diffvaa. Bei derselben lian- 
delt es sich um eine Dermatitis, die den ganzen 
Oehöi^ang oder den gröfiten Teil dMMlben 
ergriffen hat und auch das Trammelfell in 
Mitleidenschaß zieht. Sie kann neben der 
Otitis eitema fnrunkulosa bestehen, anch 
nnterscheidet man eine akute und chronisclie 
Form. Die Otitis externa diffusa tritt gewöhn- 
lich als Folge mechanischer, chemischer oder 
thermischer Reizung des Geliörgangs auf, femer 
nicht selten im Anschlaß an Eluem des Meatos 
und Otitis media. 

Symptome. Daa auf KUigete subjektive 
Symptom ist wieder der Schmerz, der zu- 
weilen sehr heftig ist und in die Umgebung 
ausstrahlt. Auch Fieber ist nicht selten. Kopf- 
schmerzen, Schwerhörigkeit, subjektive tie- 
bÖTsempGndnngen treten bei VencJiwelliuig 
oder Verstt^fong des Oehörganges dnrch Eiter ' 
bzw. mazerierte* Epithel ebenfalls anf. Bei der 
chronischen Form der EKtetna diffusa ist der 
Schmerz nur selten, desto häufiger aber «in 
intensiver Jnckreiz. ( ~ ,~./-in ll^ 



OTITIM. - OTITIS MEDIA. 



OhjrttiT finden wir bei der riinteo 0. 
die OeMtguigBWftnde sowie dw TTOmmelfell 
ßerfitet nnd gcBchwoIlen, du Lamen dea Uestas 
ataik i«i«ngt nnd mit KbgestoBenem , mnxt- 
riertemEpithel eowie einer anfang« se rfiBen , sptte i 
flitrigeB, oft anch btntig tingieiten and fStiden 
FltUägkeit erf&llt. Die Sdiwellong der OehOr- 
^SJ^Kffwtnde kann, besonders »ettn die Gntifln- 
dnng auf die Sabkntia biw. das Periost 8ber^ 
(crnft. «o starfc werden, dal der Meatos Tflllig 
verechlosaM) ist and es edbet mit dem kMnstMi 
Trichter and nnt«r den grftlten Schmerzen de« 
Patienten ni<^t gelingt, uch einwi Einblick in 
die Tiefe ram Trommelfell in Bchftften. — Be: 
Atr chronieciten Form sind dieO«^6rg*ngEwbid< 
and das Trommelfell nur wenig geschwoUea, ihr 
H*at&b«nng ab«r ist mazeriert, mit ateti dbel- 
riecbendetn, dickftOwJgem, eitrigem ttekret be- 
deckt nnd tnitnnter stellenweige grantiliefMid. 

Verlauf nnd Prognose. Die ftkate 0. e. d. 
heilt meist naeji AbstoGong der Epidermis in 
wenigen Tagen, kuin aber anch in die chro- 
nische Form ttbergehen. Lebtere ist indeBsen 
anch boilbar, nur bleibt biswalen eine Veren- 
gerang des Heatns znrDd, n. zw. infolge von 
einfacher Verdicknng der Kntis oder auch dnrch 
Entwicklnn^ TOn HTpemstOBe der Uehörgsngx- 
wtnde. Im knorpeligen Teil kommt es in sel- 
teneren FSUen durch narbige Verdichtung des 
Bindegewebe« en ringfSnaigen Strikturen, aber 
anch, wenn Oruinlationen rorhanden waren, m 
bindegewebigen Htringen , ja za völliger Ver- 
wachnnng des OehörgabgB. Bei der phlegmonösen 
Form kann Vereiternng nnd fistnlOser Dnrdi- 
brnch dee oft in groBer Ansdehnong Tom 
Knochen abgehobenen HantQbenngeB eintreten ; 
auch kann der so bloBgelegte Knochen nekro- 
tisch nnd so ein Dorchbrnch des Eiters in den 
Warzenfortsatz, das Kiefergelenk nnd in die 
Parotis ermö^icht werden. 

Diagnose. Die Erksnnin^ der 0. e. d. 
ist nach dem Voranegescluckten nicht schwer, 
nnr bei starker Verangenuig des Ge- 
hJStgang« i«t es nicht immer möglieh, eine 
Hittelohmterang mit Uenknng der hinteren 
oberen Oehörgangswand aoainschlieSen, da man 
das Trommelfell höchstens brnchstackweise zu 
Uesicht bekommt und deshalb eine Perforation 
in demselben leicht abersehen kann. Die Hehör- 
prüfiuig kann bei der Diagnosestellung inso- 
fern mithelfen, aU ein gutes Qehör gegen eine 
Otitis media spricht, doch kann bei der Ü. e. d. 
die Oehörgangsschwellong nnd Verlegung des 
Lmnens durch Epidermismaesen nnd Sekret so 
stark sein. daB das Qehör auch ohne Uitbe- 
teiügnng des Mittelohras stark herabgesetzt ist. 
&i bleibt daher mandimaJ nichts &brig, als 
die Diagnose in suspenso zn lassen nnd den 
Erfolg der Therapie abinwarten. 

Therapie. Bai stariten Schmerzen nnd 
groBer Schwellang der Qehörgangswlnde mache 



man mehrsre panJIde und ticfis Iniisionen in die 
Oehöi^ngawftnde, dar&nf einen hTdropathiedien 
Umschlag. Bei milderen Formen sind Tampons 
mit easigsanrer TonerdriSsung zu empfehlen ; 
anch AlkoholTerbftnde sind Ton Nntaen, Zur 
Beseiügnng derS^ntion entferne man zonKchst 
alle EpidermielBnirilCT mit KnopfltlJidien, 
Pinwtte und AnsqiUnegen (3*/oise Borslkure- 
lAsnng), beseitige etwaige Qnmtilatiooen and 
lasse dann Eintrtlnfelangen toq Borspiritas 
(Azid. bor. 5-0, Alkohol- absolnt BöO) rar- 
nehmsn. In hartnackigen FlUen pinsefe man 
die Torber gereinigten GebötgangswSnde mit 
S'/giier HöllensteinlösoBg. 

4. Otitü tJctenta er infeUumt. Sie entsteht 
durch dirditelnfUtion einer kleinen Haatwunde 
des Oehöiganges, t. B. b« Hemimtoehem im 
Ohr mit der Uaamadd, dem Zahnstocher «tx. 
Es kommt dum za einer aiitnmskripten, mtbi 
oder weniger starken OdematCsen Schwellnng der 
Infektionsstelle, don^ die der Msatos remngt 
wird, die benachbarten Lym^drttsen schwellen 
an, intensive Schmerzen nnd hohes Fieber be- 
atmen. Die Schwellnng breitet sich auf die Nach- 
b>T«chaft ans, so daS z. B. das Auge anschwellen 
kann. Bei der Abechwellnng entleert sich ans 
dem Meatns dUnnes, gelbbrtanlichee , seiAaes 
Sekret, das leicht sehr empfindliche Exkoria- 
tionen macht Der Verlauf ist ein zweifadier. 
Entweder ist die Anschwellung eine rasche nnd 
weitreichende, es kommt dabei nicht zur Infil- 
tration, deshalb erfolgt audi die Ahschwdlung 
sehr rasch, besonders bringt die Anwendnn;; 
des Eisbentels schnelle Beeserang. Bei den 
anderen Füllen fthnelt der Verlauf mehr dem 
einer 0, e. furankulosa; die Ansdiwellang bleibt 
mehr lokal, ist weniger intensiv, und bei der 
Abschwelinng kommt es zor Abszediernng. 
n. zw. an versdiiedenen Steilen. Hier ist nar 
anfangs der Eiabentel indiziert: spBter sind 
warme Umschlftge angenehmer, bei denen sich 
die abszedierten Partien schnell entleeren , so 
daS man Inzisionen nicht nötig hat 

Otitia externa panuritÜca s. oto- 

mykosLs. 

OÜtie interna •■ intlma h. i.aby- 

rintherkrankangen, EntzQndnng 

Otitle media. Die bisherige Einteilung 
der Entztlndung der Hittelohrschleimhant in 
eine katarrhalische und eine eitrige und die, 
wie Pabsow eagt, noch nnglOcklichere Eintei- 
lung der letzteren in eine perforative und nicht 
perforative, an der viele Autoren .wegen der 
Verichiedenartigkeit der klinischen Krankheits- 
erscheinungen' bisher festgehalten haben, wird 
neuerer Zeit mit Becht mehr und mehr 
verhwsen. Es fKIlt daher auch die Eint^lnng i 
der Katarrhe in feuchte und trockene fort. QlC 



24S 



OTITIS MEDIA. 



denn in ätiologischer und patbologisch-ana- 
tomifcher Beziehung gehört der feuchte Uittel- 
ohrkatarrh zur 0. m. sJcnta, wahrend der so- 
genannt« trockene Katairh als besondere Er- 
kiankung anfiafassen iBt ond unter der Be- 
zeichnung Otoflklerose besprochen werden wird. 
Ätiologie derO. m. akata: Die h&nügste 
Ursache (nach BCkkh™ in 367,) ^üden Erkran- 
lliangender oberen Luftw^e. also katarrhalische 
biw.entzbndlicheAffektionen der Nase, des Naso- 
pharpix, deiiBaclienB, der Tonsillen, des Larynz, 
der Luftröhre nnd der Bronchien, sowie olzeratiTe 
PrOEease und operative Eingriffe an allen die- 
sen Teilen. Die Erkrankung setzt sich in die- 
sen Fftllen entweder kontin oierlicb vom Nasen- 
Tachenranm über die Tube auf das Mittelohr 
fort, oder hebt zunächst durch Verschwellung 
der Tnbenmandong die Ventilation und den 
Druckausgleich (bei jedem Schluckakt)zwischen 
Paukenhöhle und Nssopharjnx auf, so dafi in 
dem Cafum tympani eine Luftverdünnung 
stattfindet, als deren Folge wiederum eine 
Kinwftrtsziehnng des Trommelfells und der 
Gehörknöchelchenkette, Hn^rSmieilerPaiiken- 
schleimhant und seröse Tranesudation und oft 
weiterhin die Entzündung des Mittelohrs zu- 
stande kommt. Auch durch starkes läcbnaaben, 
Niesen ond Hasten kann infektiöses Material 
per tabam in die Paukenhöhle getrieben wer- 

Ein sehr großes Kontingent der akuten 
Mittalohrprozesse liefern femer. z. T. wieder 
dnrcli Be&llensein der oberen Luftwege, die 
akuten Infektionskrankheiten, wie Scharlach, 
Masern, Diphtherie, Inilnenza, Kenchhasten. 
Pneumonie, Pocken, T^-phus, Meningitis, femer 
chronische Allgemeinerkrankungen wie Skro- 
fulöse, TiÜKrknloBe, Syphilis und Diabetes. 

Viele Miltelohrentzftndungen entstehen auch 
durch Eindringen von Flüssigkeiten in die Pan- 
kenhöhle, u, zw. vom Nasenrachenraum her, 
durch die Ohrtrompete, z. B. bei Nasenspainn- 
iien (WKRSRScber Nasendusche, wenn dabei 
^^si'blnckt oder bald danach geschnenzt wird), 
oder vom auBeren Gehörgang aas, z. B. beim 
Baden, Ohrausspritzen oder EintrSafeln, wenn 
das Badewasser. die SpritzflÜssigkeit oder Ein- 
trftoflang durch eine alte trockene oder fri- 
Hclie traumatische Perforation des Trommel- 
fells in das Mittelohr gelangt und dessen 
Schleimhant infiziert. 

Als die hftnfigsten Brreger der 0. m. aknta 
haben bakteriologische Untersuchungen den 
Diplokokkus pneumoniae, den Streptokokkus 
pyogenes und den Staphylokokkus pyogenes 
aureus und albus festgestsllt. Jeder dieser drei 
Mikrokokken kann eine leichte akute Otitis 
mit serösem oder schleimigem EiguB. aber 
auch eine schwere Entzilndnng mit eitrigem 
Exsndat verursachen, was wahrscheinlich 
der Menge nod Vimlenz der Mikroben, dem 



Tempo der Einwirkung und davon abhängen 
wird, ob eine ein&che oder Mischinfektion 
stattfindet Auch die Widerstandskraft des be- 
traflenden Organismus wird ansachlaggeboid 
denn bei geechwikchter Konstitation wer- 
den die Bakterien leichteres Spiel haben als 
bei nngesch Wächter. Es kommt also nicht nnr 
eine allgemeine, sondern auch eine lokale Dis- 
position In Betracht! 

Nach LKUTKHr verlaufen die durch den FftAiK- 
KELBchen Pneumokokkus vemiaachtä) Otitiden 
relativ gutartig im Vergleich mit den dorch 
Streptokokken bedingten, doch tritt bei ihnen 
öfter als sonst nach Ablauf der Pankenliöhlen- 
erkrankung ein Bezidiv bzw. ein jetzt erst 
Symptome machender Eiterherd (besonders 
Eltrad Uralabszesse) im Warzenfortsatz anl 
(^schlich mehrfach als prifflftre Mastoiditis 
beschriebeo, denn das PrimUre war die schon 
at^eheilte 0. m.), so daß man gat tut, Patien- 
ten mit nachgewiesener Pueumokokkenotitis 
nicht zu früh aus den Augen zu lassen. 

Dagegen werden die Sinuathromboaen sowie 
die sekundären Otitiden fast ausschließlich 
dnreh Streptokokken verursacht, 

ymptome. Die Symptome der akuten 
n. sind ungemein verschieden, je nachdem 
es sich um eine leichte oder schwere Entzün- 
dung handelt. Schildern wir zunächst einen 
scliweren Fall: Patient bekommt ganz plötslich 
(oft im Schlafj einen äußerst heftigen, klop- 
fenden, reifenden und bohrenden Schmera im 
Ohr, der von Stunde zu Stunde zunimmt, so 
daß er geradezn unerträglich ist, einen Anstif^ 
der Temperatur, Kopfschmerzen, das GefBbI 
von Fülle und Verlegtsein sowie pulsierende 
Geräusche im Ohr, Schließlich nach C— 24 Stun- 
den kommen einige Tropfen Blut ans dem 
0br(dem Kranken ist oft kurz vorher so, als 
platze etwas im Ohr), es folgt serös-hftmor- 
rhagiscbe, später schleimig-eitrige und dann 
rein eitrige Flüssigkeit, es ist zur Spontan- 
perforation gekommen, die gewöhnlich im vor- 
derm nnteren Quadranten sitzt nnd mit deren 
Eintritt alle geschilderten Symptome sofort 
nachlassen. Daa Fieber schwindet meist ganz, 
der Schmerz ist nur noch zeitweise und be- 
sonders nachts stärker, der Kopf ist freier. 

Bleibt nun aber das frahe EÜntr«ten der 
Spontanperforation aus, was nicht nur bei 
dem oft verdickten Trommelfell Erwachsener. 
sondern auch bei Kindern häufig genug vor- 
komnit, so kann es bei letzteren, bei anhal- 
tend hohem Fieber zu meningealen Keii- 
erscheinungen kommen (Erbrechen. Somnolenz, 
Schwindel, ja bei Säuglingen und ganz kleinen 
Kindern zu Nackensteifigkeit, (^isthotonns, 
Zähneknirschen , Konvulsion^i , Hemipl^e, 
Strabismus, reaktionalosen , weiten Pupillen, 
Nystagmus). Den Erwachsenen tut dann bald 
der Warzen fortsatz , tiesonders dessen Spitze 



üb 



OTITIS MEDIA. 



246 



weh and das BewoBtuiD einer schveren Er- 
krank ong treibt sie zam Arzte. 

Objektive SlfmptDme. Die Entzündang der 
Paukenhöhle, deren Schleimhaut ger<St«t, ge- 
BcbwoUen, kleinzellig inflltriert and mit serö sem, 
Echleimigeitrigem , sp&ter rein eitrigem Ezsn- 
dat bedeckt ist, manifeatiert sieb für anser 
Aoge am Trommelfell, dessen mediale Fläche 
ja Ton Paukenschleimhaat Aberzogen iet. Das- 
selbe erscheint ganz za Anfang rötlich, glanz- 
los, darchfeacbtet Hit zanebmender lofilüation 
and HjperftmieTerHchwindetdann der Hammer 
Izoletzt der karze Fortsatz), die beiden bin- 
leren (besonders der hintere obere) Quadran- 
ten wölben sich rar, der Epidermis Qbe rang 
der Membran wird mit der zanehmenden 
ödematöeen Dnrchtrankang in kleinen Inseln 
oder Sehollen von der Unterlage abgehoben 
(schollige TrObang), ja, es können sich direkte 
Blasen am Trommelfell bilden, die anch anf die 
Oebörgangswände übergreifen können ond bei 
Inflaenzaotitis besonders hftafig hämorrltagi- 
Mihen Inhalt haben. Tapft man mit einem 
Wattest&bchen gegen solch ein Trommelfell, so 
wiscbt sich die geqaollene, mazerierte Epider- 
mis mflhelos ab ond das knallrot« Stratum ka- 
tanenm kommt zum Vorschein. Tritt die Spon- 
tanperfora tion ein, so siebt man gewöhnlich 
vorn und nnten einen palsiei'enden Reflex, der 
die Perforation selbst dann verrflt, wenn eine 
stark vorspringende vordere Gehörgangs wand 
sie unseren Blicken entzieht. 

Die Diagnose der akuten Uittelobrentzün- 
dnngistgewöbnlichniclit schwer. Abgesehen von 
den snbjektiven Symptomen, die ja anch darch 
eine schwere Otitis externa bedingt sein könnten 
(der weite, bei Zag ander Koncha nicht schmerz- 
hafte Gehörgang Iftfit ans letztere aosschlieSen ) . 
uigt die Vorwölhnng des Trommelfells, daB in 
der Faokenhöble abnormer Inhalt vorhanden 
i*t. Die Mazeration der Tromroelfellepidermis , 
die eventaell vorhandene schollige Trübung 
oder die knallrote Farbe nach Wegwischen 
des. Epithels, knfz die EntzQndang des 
Trommelfells ist auch ohne Vorhandensein 
einer Trommel fellperfora tion im Vereine mit 
den übrigen Symptomen und der starken 
Herabsetzong des GehürB Beweis genug , daß 
dieae Uyringitis nicht idiopathisch, sondern 
nnr der Ansdmck einer MittelohraSsktion ist. 

Dnge&bten kann es passieren, daS sie die 
rote granulierende Pauken Schleimhaut bei chro- 
nischer Mittelohreit«rang mit groBem Defekt, 
oder einen Polypen für das entzflndete Trommel- 
fell halten, doch werden sie diesen Irrtum bei 
Anwendung der Sonde und guter Beleuchtung 
bald korrigieren, 

Verlauf und Prognose. Wir haben vor- 
hin eine schwere O.m. geschildert. Nun kommen 
aber auch viel mildere, ja geradezu abortive 
Formen vor, bei denen am Trommelfell von 



entzandlichen Erscheinungen fiut nichts zu 
sehen ist, höchstens daB der Hammergriff etwas 
injiziert ist and entztlndliches Exsudat 
dnrch die Membran durchscheint, genau so 
wie beim TnbenverBcblufi (s. d.) das Trans- 
sudat. Die Schmerzen sind dabei sehr gering. 
Kinder weinen wohl nachts ein paarmal auf 
(Obrenzwang) ond klagen, das Ohr tue web, 
schlafen aber bald wieder ein and wiesen am 
nächsten Morgen kaum noch etwas davon. 
Erwachsene geben an, zeitweise ein Stechen im 
Ohr zn f&hlen. Das Gehör ist hei Anwesenheit 
entzftndlichen E^aadats schlecht, der Kopf 
etwas eingenommen. Dies sind die Formen. 
die früher als akute Katarrhe beschrieben 
warden, in Wirklichkeit aber nnr eine mild 
verlaufende 0. m. repräsentieren, die durch 
wenig virulente oder an Zahl geringe Bak- 
terien \-erarsacht ist und jederzeit darch einen 
Nach schab von Infektionserregern exazer- 
bieren, d. h. ans dem milden znm schweren 
Vertauf übergeben kann, so dafi die Prognose 
immer mit Vorsicht zn stellen ist. 

SchlieBIich gibt es noch Formen, wo die 
entzündlichen Erscheinungen am Trommelfell 
schon etwas stkrker sind. Die Membran ist 
etwas durchfeuchtet, rötlich, der Hammer nnr 
noch nndeutlich sichtbar. Die Schmerzen sind 
zeitweise schon heftiger , Fieber aber und 
schlechtes AllgeOtein befinden besteht nicht, docli 
gehen gerade diese I^Ue am ehesten in die 
schwere Form über. 

Therapie. Handelt es sich am eine leichte 
O.m., so verschlieBe man das Ohr mit Watte, 
verordne bydropathische Umschläge, die alle 
2 Standen erneuert werden, nachts aber liegen 
bleiben (sehr zu empfehlen ist dazu der soge- 
nannte amerikanische Filzschwamm, der auf 
seiner Bitckseite gleich mit impermeablem Stoff 
beklebt ist), schicke den Patienten ins Bett, halte 
ihn znm mindesten im Zimmer ond sorge ffir 
leichte Diät and gnten Stuhl sowie fUr Vermei- 
dung jeder Kongestion nach d«n Kopt Gleich- 
zeitiger Schnupfen , Angina etz. ist selbstver- 
ständlich auch zu bekämpfen.. 

Unter dieser Behandlung wird der geringe 
Schmera bald ganz verschwinden, das Exsudat 
in 8—14 Tagen anfgesangt werden, das Gehör 
sich bessern. Bleibt aber etwas Exsudat zu- 
rück, so läBt man den Patienten im Lichtbade 
oder auf andere Weise schwitzen, verschftumt 
das Exsudot eventuell wiederholt durch die 
Luftdnsche und bietet so der Resorption eine 
gröBere Oberfläche, Ist dait Exsudat so schleimig, 
dafi es allen diesen Bemühungen trotzt, so macht 
man die Parazentese, blBst dnrch die Lnft- 
dusche den Schleim zur TrommelfellÖfFnang 
hinaus oder spült, wenn das nicht genflgt 
durch den Katheter vom TnhanostiDm her 
die Paukenhöhle unter den aseptischesten 
Kaatelen mit steriler Kochsalzlösung ans, wo- 



S«7 



OTITIS MEDIA. 



am 



nach gewAhalich achneUe Heilwig eintritt. Das 
GMtör wird tut immer genau so, k~ 
der Briciaakuig war, nur Saaaen bleibt oft 
nooheinigeZeit tnrfick, versehwindet abermeist 
wieder tod selbst oder darch Loftdnadie. Aach 
fOr die mittelBchweiieD FUte, die ohne sUeq 
starke Schmenen mid Fieber ferianftn, genflgt 
dieK Therapie, eq der viele noch Eintranfa- 
loi^ea von «armen Ohrtropfan ftligen, 
5 — lO'/oigeB Karbolglyzeria , die aber nur 
das TrommelfeUbild Terschmieren, iUbo die 6e- 
obachtnng atJireB, anch fttiend wirken können. 
^ie genflgt aber nicht tttr die schweren 
Otitiden, — 

Hier, wo der Dnrclibnich des entzfindlichen 
Sekrets iwar sicher, der Zeitpunkt desselben 
aber ganz nnsicher ist, win ee sQndhaft, die 
armen Patteoten dch bis inm Eintritt der Spon- 
tanperfbration, die iwar echt» nach S Standen, 
aber anch erst nach 10 Tagen erfolgen kann, 
qntlen in lassen. 

Die einiig richtige Thenpie ist hier eine 
anagiebige Parasenteee (b. d.l, gewöhnlich im 
hinteren unteren Qnadranten oder an der 
Stelle der grAlten Vorwölbnng. Der Schmerz 
l&fit danach gewöhnlich sehr schnell 
t'ieber langsamer nach, da« Allgemeinbefinden 
wird viel bener, den EntEflndnngsprodnkten 
ist ein AbflaBweg geschaffen. Ea Iritt znnftcbet 
eine blntigeetdee, denn schleimigeitrige, achlieS- 
lich rsineitrige Sekretion ein, die oft ao stark ist. 
daß alle 5 Minnten die Watte emenert werden 
mnS. Dnrch trockene, heiße Umacblllge (selir 
iweckinftBig sind mit Leinsamenmelil gefüllte 
Sttckchen ans Flanell, die alle ä Minuten [2Sti 
den lang, dann 2 Standen Panae] in emenem sind) 
werden die Schmersen noch mehr gelindert, 
wird die Sekretion noch mehr anger^ und 
eine aktive Hyperämie enengt, aIbo die Anti- 
toxinbiidnng gefördert, wfthrend die Stanonga- 
hj'perSmie, die Bisa anch g^en Otitiden emp- 
fohlen hat, so zweifelhafte Reanltate gibt, diB 
die meisten OhreoBrzte aie wiader *erlaeaen 
haben. Dnrch Bestreichen mit Zinksalbe echtttie 
man, besondere bei Kindern, das Ohr Tor Ek- 
zMn nnd lege inr VerhOtnng einer Seknndftr- 
infektion einen Verband auf das kranke Ohr. 

Sind die Schmerzen gSnzlich weg, so kann 
man von den heiBen zu hydropathitchen Um- 
schlBgen Übergehen , doch ist die UanpteoTge 
immer die, daB der Abflnfi gat ist. Eine sich 
in frtlh verengernde Parasenteaeöffiiang ist in 
erweitem, Orannlationsbildnng ZQ bekSmpfen, 
Schleim hantprolapee dnrch eine eventnell vor- 
tuuidene Spontanperforation mit dem Hur- 
UANsachen scharfen Doppelzlingchen abzatra- 
gen Bei neu auftretenden Schmerzen, Tempe- 
rktnrateigenmgen etx. ist immer Eoerst nach- 
tasehen, ob die AbfinBöffhnng noch weit genng j 
ist AoBspritcen darf man das eiternde Ohr 
erst dann, wenn mindestens 8 echmersfreie ' 



Tage Eo verEeichnen waren. Dann kann man 
sich die Beinignng onbadMiklich dnivh Ans- 
sptllougen mit warmer 3°/giger Bonlarelöning 
erleichtem (a. „Ansspritzong dee Ohres'). 

Unter dieser Behandlnng IHBt die eitrige Se- 
kretion bei regnl&r verlaniendea FlJJan all- 
mttblich nach, nm schlieBlich ganz in vereiegMi, 
Uanchmal kunmen noch DMhrere kleine Nadi- 
Bchfibe, d. b. die Perforation bricht wieder a&f 
nnd seEemiert, dann aber schlieBt sie aich 
definitiv. Das Trommelfell schwillt ab, wird 
wieder J>laB, der Prazessns brevii mallei, der in- 
letzt verschwunden war, erscheint zuerst wieder, 
dann aach der Hammergriff, die sopnaimte 
radiftre Injektion leigt aich am Tranmellell. 
d. h. anf der eonst eehon blaesen Membran 
sieht man noch einielne OefUreiserchen von 
dar Peripherie, besondere von nnten her inm 
Zentrum liehen, und last not leut, dssOebör 
bessert sich. let letzteres in den nichsten 
14 Tagen nicht zur Norm znrtkckgekehrt, oder 
beeteht noch Ohrensaasan, so wendet man die 
Laftdnsche an. Seibat die kleine Narbe, die 
anfinglich sichtbar ist, kann ganz verschwin- 
den, so daB man s[Ater von der früheren Ei- 
terung nichts mehr sehen kann. 

Anders jedoch, wenn die Perforation groB 
gewesen ist, beeondera also bei Scharlach and 
schweren Haeem, wo das Trommalfdl oft ra- 
pide einschmilzt. Im gfinetigaten Falle schlieBt 
sich die Perforation durch eine dOnne Narbe. 
dßnn deswegen, weil ihr die Pars propria des 
Trommelfells, die sich nicht wieder r^enerieri. 
fehlt, oder die Perforation bleibt offen, die 
Schleimhant der Pankenhöhle ist allen loBeren 
Schtdlichkeiten (Staub, Wind, Temperatur- 
en etz.) preisgegeben, trocknet am. 
das Epitliel verhornt, die Mnkosa verdickt sich. 

Knöchelchan verlieren an BewegUcbkeit. 
In beiden Fdlen pflegt das 0«Aör nicht zur 
Norm znrfiekzukehren , besonders aber wmu 
eine Perforation resoltiert, die noch obendrein 

Watte vor den kuBeren Schtdlichkeiten 
geechntxt werden mnB, als« auch der Luftleitung 
a groBee Hindernis bietst. 
Angenommen nnn, der Fall veriaofe nicht 
regnl&r, d. h. es komme lur Mastoiditis 
akuta: Wie schon erwfthnt, tut schon za Be- 
ginn einer jeden schweren Mitteloh rentifindim^ 
der Warzen fortsatz spontan oder auf Druck 
weh, nnd zwar besonders an der Sixtte. Dies 
beruht darauf^ daÜ bei jeder akuten Otitis der 
entzOndliche Prozefi nicht vor dem Antrum 
Halt macht, sondern anch anf den mnkös- 
perioatalen Cbertug dee Antmm msstoideum 

der Warzenzellen übergreift. Kommt eii 

eitrigen Sekretion, so nimmt aach die 
Schleimhaut der HohlAnme des Prozeeaas 
maat^ideua daran teil, sonst wUr« ja and) in 
vielen F&llen die Menge dea Sekret* ganz un- 
erklärlich, denn aus der kleinen Pankenhöhlo 



m 



OTITIS MEDIA. 



alhin k&nn keine Absondtrnng komrawi, die 
w niehüdi ist, dat » iea KniÜMa zwingt, 
aU 2 UiMntma fritebe Watte Ttmnlesea. B«i 
kMnen Kiadeni mit noch oSeotlehendw Fi>- 
lora niBatradea-sqasnioa«, 4i« bis iia Antram 
reicbt, kann du Eiter »ob dem Wanenfortiat)! 
diiAt onter die Eaat tr^Mi and eich aU »nb- 
kutaacr AbsuS vorwdben, dar üulii^idbI Biekt 
ertfBet an wenlen branckt, Modem Minso In- 
halt bei Druck dnrdi den OebSrgang Mitlasrt. 
hl ■amliefa der Abftnd gat, so bcalt diese 
akute Maitoiditis mit der 0. m. uuHomen 
ans, nachdem der Schmerz auf dem PTowean« 
äcbra sehr faftld nach der faraaenteee oder 
dem ^mitaadKrehbmcl] ^^eBehmandan war. 
Tritt aber «ine S^retitanang ein, so wird dar 
Wan^rfortsata aafi neue (spODtu und anf 
DntA) eehmenhaft, die Schledöihaat tinet Zel- 
Im «ohwült stall an -aad rerl^ dadorcli ancfa 
ihreneha dnn Sekret den Airfinft Bach dem 
Astram hin. Der Eiter kocunt so onter Dnwk, 
ieiM6rt die Schleämhsnt, briagt die ZwiBchen- 
wikd«, die Septa iviaelMB den eioielnen ZeUen 
HUB Einadaariien, und ee koBBut eo la «inem 
griÜerea Eherberd in Knocfaea. den ntaa 
seUndt ab Eopjen daa WaraanfortaKbee be- 
niehnet. ein Aiudnick, dm Etaau fkr den 
eitorhattigen, aber oocfa nit iatakten ZeU« 
Tertehsnen Wanenfortsati naerriert habe« 
wUL Der Eiteiterd, atee der AbszeA ib Waiv 
lealortantz, kann licb nnn immer m^r ver- 
gräi««, nach hinten bis an dm Snlkne eig- 
ineideiH wad aach deaeen EiMithmrimfig bia 
aa de« SiiiM» mlbat, aach oban an das Tegmen 
Mrteidcna nad an die Dnra gdaagen, E» 
konnit abo la atoar extraamaöaen nnd extra- 
diaalaa Eitantag oder aach zti einesi peri- 
aiaoaam und extaradnralm Ahne*. OOnatigeT 
iit ea, wann der Biter die Kortikal» (gwröhnlidi 
dntch die Oe&aUoher der Fomm mastoidea) 
dwcbbndt, nntehat einea ssl^efiaataüe«, 
dmn eMiB •nhkartanen Abaaeft «ermraacht, der 
die Konafaa nach nnten and latna drSagt, m 
dal eie, TOB hhiten betzachtot, daoüieh aMehi 
KmA dmttit die Spitae dae WaramlorteatMB 
kaau d«r Bitv, nöd zwar doreb die Zdloia 
tenünntia hind«rehbre<^^ und gelangt dann 
nolu' die »berflkhlidie Hahnuasknlatar. ferner 
dnich dia mediale Wand des Froseesoa in die 
FeaM digastiilu faineia, wgdarch er onter die 
tiliB nad seiÜiehe HaUmwkiilBtnr gelangt 
(M^ ffaMwjHfher Dwchbmeh). Es heetefat in 
bodm tetztanti FUlm eft Tortikollis, der 
Kopf «ird gcwöhntteh nach der kranknt Seite 
geneigt, aadi ffihlt man bd Dorchbrtefa durch 
die Spit« FloktaattMa am Habe, bei der 
B s — . u s chau F«ni j>ä»*h orehL Zu Verwefto- 
] nngen mit einem AbeseB aaf dem WaEamfertaati 
oder waeg bigJMeiidw Jafilttatfea eanwg Hant- 
he^kaag kSaaea veiuterte oder eataftadhjh 
wgTÖfterte Lym^ditt^ daaelbst AhIbH geben. 



Die Dim^oae imt akuten MattoiditiB wird 
oft dadurch erWebtert, daft infolge der be- 
gleitoaden PerioetitiB maatoide» der QdgöTga^ 
eich vm«Bgt, o- xn. loerst ia seinem binteiea- 
obwea Abaehaitt, Die hintere-obere Wand senkt 
uefa, ja knn daa MaatulaKtea bis an einem 
Schlits vec^igem, Terhindcrt dadoreh wieder 
den Eiteiabflafi and steigert so den Fnaet 

im Knochen. Eine Oiili"in,iiigiiii uimfim 

durch eine Externa oder ein Ekiem mnC 
natILritch aoageeehloaeen sein. Fieberstaigeru- 
gen traten, faeeender* ahendi, ebeaMla aaf, 
dxh weist hfifaeree Fieber bei ErwadtBenea 
schon daraaf hin, daS die SJaHswand fftr 
Toxine durchlOasg wird. Das AUgemeinbefiadea 
kadet, Patient sieht UaA nad schletht ans, 
magert ab, leidet an einseitigen Kopfschmeram, 
bzw. das Ohr salbet mad Mine Umgeboag tat 
BfKmtan oder aof Draek weh. Die S^retion, 
die Torftbergehead gaas aafgehtet hat oder 
sehr spkrlich geworden war, da AbflaiUader- 
nine bestanden, kann dann wieder nmahmea, 
ja so profoM werden, dal man sich (dsae weiteres 
sagen mnl, eolcfae Eiterms^en können nn- 
raO^cii aas dar kleinen Pae^nhöUe iummea, 
Sonden mOinea ein^ grMevm Beeeneir fnt- 
ntamaMn, nad dies ist eben der Herd im 
Wanmfortsatz, Diese rrofiue Sekretion griban 
itthmigen Eiter«, die in dar 4. bie 5. Woche 
einsetst and ni^t mit der «tadien laaie- 
hftmonrh^ieeh^ Sekretion in dei eisten Woche 
iM Terwechseln ist, die «war ancb loia Teiie 
dem Wanaufertsatt «otstammt,. aber mit Kae- 
chenkaries nichts zn tna hat, kaaa UB^ene 



FiozeeBaH maatoideae beatehL Patient kann 
sieh *äUig wohl ftlhlen , er U weda* Ka|>f- 
Bchmeraea, aoeh Fiaber, der Oahörgaag ist 
weit, der WaneBfertsata aieht scbmenhaft, 

nnd doch ermöglicht nns das stark«, aiebt 
abnehmende, senden eker ncdl gesteigerte 
eitrige Sekretiea die Diagnose üaer Kaechea- 
einechmelzong. Man soll dana nicht warten, 
bis Ft^er, Kopftchmenen, ErbroEhen, Verha- 
deraagen am Aagenhiatergmad (NeoiitiB o^ 
tika), Fazielisfaialyse etx. anftreten, BOndem 
bald operierea |s. ,Maaloidopeiati<n«B'') and 
man wird eistaaat sein, w^h gra£er Befand \m 
Warzenfortsati iet, denn gewöhnlich komait 
man schon nach den ersten dia Kortikalis 
dardibrechnidea UeiB*ls«Ml(en in eine mit 
Eiter «ad GranvktionBn gsfillhe Höhle, an 
deren Hiaterwand neiat sehen graaolieiender 
Sinns freiliegt, nnd von der breite üranTila- 
ticMastreifea nach oben snm Aatmm aad 
nach nnten tra Spitxe «iahen. Bei Scharlach 
nnd schweren Masern kann es ebenso wie kn 
TrommellBll anck im Knochen des WarBen- 
fertsataei znr »nbaellnn Einschmateang nad 
Nekrose komsawi , so dnB man ia diesen 
Fallen BOwie bei schwerer Influenza manchmal 



gle 



251 



OTITIS MEDIA. 



252 



schon am achten oder zehnten Tag operieren 
mnfi, da der Prozessna Ton Tomherein drack- 
empfindlich ist nnd trotz guten Eiteiabflaues 
auch bleibt, ja von Tag zn Tag empfindlicht 
wird. Gewöhnlich treten aber die Indikationen 
zur Anfmeifilong erat in der dritten Woche 
oder noch Bpftter aof, □. zw. in Oestalt lokaJer 
Zeichen: Gehörgangaverengening, Schmerzhaf- 
tigleit, eventaell anch Infiltration der Weichteile 
des Warzenfortsatzes , Fazialiapanl jae , oder 
in Gestalt voh Aligemeinerscheinungen; Fieber, 
Kopfschmerzen. Schwindel, Erbrechen, Nenritis 
optika ; oder es fehlt alles nnd nar die zn- 
nehmende eitrige Sekretion in der tönften 
Woche zwingt znr AofmeiSlnng. 
Die O. m. neoaatomm zermut in zwei 

1. Die niclit infektiöse Fremdkörpereitemng, 
wenn in das die Paukenhöhle während der 
ersten Lebenatage noch erfiUlende Fmchtwasaei 
Uekoniiun oder Lanngohärchen gelangen ; die- 
selbe schwindet ohne Nachteil, wenn nach der 
Gebnrt Laft in das Mittelohr gelangt. 

2, Die infektiÖBe 0, m. neonatomm, die 
darcbane nicht gatartig ist, sondern fast in 
znsammen mit bronchopnemnon lachen Herden 
and A Sektionen des Qastrointeatinaltraktiu 
vorkommt. Sie ist fiist aosnahmslos, ebenso 
wie die Bronchopneamonie , durch Pnenmo- 
kokken bedingt, so daB es sich wohl nm eine 
gleichzeitige Infektion des Ohres nnd der 
Langen von der Mund- nnd Nasenhöhle aoE 
handelt. Ob die meist dabei vorhandene VlA- 
attophie den Boden fhr die Fnenmokokkenin- 
fektion des Ohres nnd der Lunge durch Schwft- 
chnng der Konstitation ebnet, oder ob der 
ZuMuumenbang umgekehrt ist, iat noch strittig; 
doch sind eicher Dannkatarrhe als Folge von 
Mittelohrritamng (durch Aufnahme der Toxine) 
beobachtet worden. 

Die O.m. laberkalOBa verlänft auch unter 
dem Bilde einer akuten MittelohrentzBndnng, 
nur fallt dem Knterancher sofort auf, wie 
wenig der objektive Befand mit den subjek- 
tiven Beschwerden übereinstimmt W&hrend 
n&miich das Trommelfell hochrot and ge- 
schwollen ist, klagt der betreffende taberknlöse 
Patient kaum Aber den goringaten Schmerz, son- 
dern nur ttber ein OefBJil von Völle im Ohr und 
Schwerhörigkeit Treten dann kleine gelbrCt- 
liche Knötchen im Trommelfell auf, die rasch 
zerfallen, also multiple kleine Perforationen 
einengen, die schnell zn einer groAen verschmel- 
zen können , ao ist die Diagnose ganz sieber, 
beöondera wenn man im gefärbten PHkparat 
dea Obreiters Tnberkelbazillen nachweisen 

Warme Dnechllge, Einpinselnngen mit 30% 
Milchsttarelösung nnd Hebung des Ällgemein- 
znstandes haben in seltenen Fällen eine Heilung 



Besonders leicht tritt bei der 0. m. tuber- 
knloea eine FazialisIShmnng ein durch kariöse 
Zerstörung des Kanalia Fallopiae, vor allem 
bei taberkolösen Kindern. Man mufi dann 
eventuell radikal operieren und findet oft im 
Warzen fortsatz statt Eiter käsige, gelbliche 
Hassen, die eventuell aelbst in den Sinns ein- 
brechen können. Die Infektion dea Mittelohree 
erfolgt gewöhnlich von der Tube her, kann 
aber audi durch die Blatbahn vermittelt werden. 

Im AnschlnB an operative Eingriffe ist öfter 
das Auftreten von Miliartuberkulose beobachtet 
worden. 

Die O. m. ebroBika. Kommt zn einer 
akaten Mittelohreiterung eine Seknndärinfektion 
mit Staphylokokken vom Gehörgang aus oder 
von der Tube her, oder bestehen ungitnetige 
lokale VeThaltniaae (Adenoide, Tonaillenhyper- 
trophie, Diabetea. Nephritis), so wird die akute 
Mittelohreitemng chronisch, d. h. die entiOnd- 
lichen Erscbeinongen am Trommelfell lasaen 
zwar nach , der Hammer wird wieder 
aichtbar, aber die Schleimhant der Pauken- 
höhle bleibt verdickt, hypeittmiach, granu- 
lierend und sondert mehr oder weniger reich- 
lich Eiter ab, der durch die Perforation 
abflieBt. Allerdings ist es nicht immer die 
Schleimhaut der Paukenhöhle, die den Eiter 
produziert. In seltenen Fällen nämlich tritt die 
O. m. aknta ganz zirknmakript aaf und be- 
schränkt sich auf den Kuppelraum oder den 
sogenannten PsossAKSchen Raum, wo aie wegen 
des komplizierten Baues dieser Ränme nicht 
ao guten AbfloB hat und daher leicht chronisch 
wird. Auch im Antrum kann die Mokoea 
nicht zva Norm zarttckgekehrt sein und ein 
Fortdauern der Eitemng, ein Chronischwerden 
dereelben veruraachen. Sehr häufig ist es 
anch. dafl vom Ostium t^panikum tubae, 
das oft von zelligen Hohlräumen umgeben ist, 
die ebenfolls schleimigen Eiter produzieren, das 
Sekret in die Paokenböhle flieSt, daaelbet das 
Epithel mazeriert nnd so eine Ansheilong 
des Mittelohres nicht zustande kommen läfit. 
Sind die Ossikula oder die knöchernen WKnde 
des Mittelohres an einer Stelle kariös geworden, 
oder besteht eine kleine Nekrose, so persistiert 
die Eitemng ebenfalls ond läfit gewöhnlich 
schon darch die Lage der Perforation erkennen, 
der Eiter herstammt. Aach för die Pro- 
gnose ist die Lage der Perforation von groSer 
Wichtigkeit, da die sog. randständigen Perfo- 
rationen, bei denen anch der Annulos tendi- 
neus oder Ringwnlst zerstört iat, die also bis 
an den Margo osseas reichen, dem Einwandern 
der Epidermis des Qebörgangs in die Mittel- 
ohrrftnme, also der Choleateatombildtmg, beie 
~ ihn bieten. 

DecAnnuluB fibrosus oder tendineas ist der 

festeateTeilder Pars tensa, welcher der Eiterung 

längsten widersteht, so dai er oft noch 



S63 



OTITIS MEDIA. 



2ä4 



vDrliaiiden ist, wo das ganze Trommelfell fahlt, 
Hihrend andrerseits aeine Zerstörnng fflr eine 
hartnSckjge und schwere Eiterung spricht. — 
Wird die chronische Mittelohreitening von der 
Tube her unterhalten, so eitzt die gewöhnlich 
nicht rsndatikndige ovale oder kreieronda Perfo- 
Tation im vorderen nnteren oder in beiden vorde- 
ren (joadianten; die Eiterang int meist achleimig 
and nicht I5tid. Besteht ein kariöser Herd am 
Fankenboden oder am Promo ntori am, ho nimmt 
die Perforation, ehenfalls nicht randstftndig, die 
beiden unteren Quadranten ein und hat gewöhn- 
lidi Herz- oder Nierenform, so zwar, daß das Ende 
ike Hammergriffes im Hilos der Niere liegt. Ist 
das AmboBfiteigbEigelgelenk oder der lange 
AmboBschenkel kariös, so sitzt die meist kreis- 
ronde, nicht randstSndige Perforation im bin- 
leren oberen Quadranten. Alle diese Ffille, 
be8onden aber der erste Fall, bieten natürlich 
keine Indikation zar Badikaloperation, sondern 
mSsaen konservativ behandelt werden, denn 
was hat es f&r einen Zweck, den Warzenfort- 
aati aufzumachen, wenn der Eiter von der Tobe 
herkommt'? Der Pankenboden, die mediale Le- 
bjrinthwand. da« AmboBsteigbügelgelenk sind 
ebenfalb sehr gut von der Perforation ans 
erreichbar, so dafi auch hier eine Totalanf- 
meiSeliuig fast immer überflössig ist. 

Sitit die Perforation im hinteren oberen Qua- 
dranten und ist sie randständig, so spricht dien 
in der Regel für eine vom Antmm her unter- 
hdtene Eiterung, wUirend eine Perforation der 
Membrana fiakzida, am oberen Pol, eine Eite- 
rung im Kappeliamn , mit oder ohne Karie« 
des Hammerbalses nnd -kopfes oder des Ham- 
menmboBgelenkes veirftt. In diesen beiden 
Killen, Antmm- and Kuppelranmeitemng, ist 
die Prognose mit großer Vorsicht zu stellen. 
Hier weiß man nicht sicher, ob man mit der 
konservativen Therapie znm Ziele kommen wird, 
and muB deshalb dem Patienten von vorn- 
herein sagen, daB. wenn nach einer heetimmten 
Zdt der Behandlung, z. B. nach 6 Wochen, die 
Menge und der Fötor des Liters nicht oacb- 
gelassen hat, eine Operation in Frage kommt. 
Je kleiner ferner die Perforation am oberen 
Pol ist, desto ungünstiger ist sie für die thera- 
peutischen MaBnahmen, je fQtider der Eiter ist 
and je reichlicher, desto sichererist anzonehmen. 
daB gröBere. schwer zugängliche kariöse Herde 
rariwoden sind. EnthSltderEiterKnocbengrieB, 
so beweist die«, daB keine bloBeSchleimhauteite- 
nmg, sondern sicher eine Knochenein Schmelzung 
<)esteht: auch st&rkere, vor allem rezidivierende 
Poljpenbildnng (a. , Ohrpol jpen") spricht dafür. 
Choleateatomnachweis trflbt zwar die Prognose 
sdir(s. „Cholesteatom "), ist aber keine absolute 
Indikation zur Badikaloperation , da ea doch 
oft genug gelingt, die Oesidiwnlstmasa» von 
der Perforation ans dauernd zu entfernen, 
and zwar mittelst stampfen Hftkchena. 



Die Diagnose der chronischen 0. m. ist 
gewöhnlich nicht schwer, doch wird sie öfters 
mit chronischem Ekzema meatos nnd anch mit 
Otomjkose verwechselt. Man lasse sich daher 
durch kein noch so f&tidee Sekret zur Dia- 
gnose der 0. m. chronika verleiten, wenn man 
keine Perforation nachgewiesen hat. Ferner 
bedenke man, daB bei Kindern auch akute 
Eiterungen sehr schnell fötid werden, und daB 
eine aknte 0. m. hei alter, frisch infizierter 
Trommel fei Iperforafion wegen der GröBe der 
letzteren noch keine chronische O. m. ist, daB 
aber andrerseits anch chronische Hittelobr- 
eiterungen akut esazerbieren können und dann 
znnBcbst wie akute Eiterungen zu behandeln 

Die Therapie der chronischen O. m. 
richtet sich, wie schon ges^, ganz nach der 
Quelle und Art der Eiterung, d. h. nach dem 
Sitz der Perforation. Kommt die Eiterung aus 
dem Nasenrachenraum, von der Tube her, so 
sind Adenoide, Tonaillenhypertrophien , hyper- 
trophische hintere Hnscbelenden etz. zu entfer- 
nen, kurz, die Nasenatmung ist frei zu machen 
und die eventuell noch restierende Hypersekretion 
der Tnbenschleimhaat darch AnaspQlangen der 
Tube mit warmer Borsfture- oder Kochsalz- 
bzw, Sodalösnng vom Katheter aus mit nach- 
folgender Lnftdusche zu bekämpfen. Die sezer-- 
nierenden Zellen um das Osttnm tympanikom 
tubae hemm kann man von der Perforation 
ans mit SO'/o Milchs&urelösung, mit 2% Aigen- 
tnmlÖsnng, mit Chromsftnre-, Trichloreasig- 
sSnre-, Formalin-, Alkoholsolntionen hetnptem 
and austrocknen, nnd zwar benntzt man dazu- 
entweder die mit Watte nmwickelten Tampon- 
trilger, die am vorderen Ende Schraubenwindon- 
gen oder Kanten haben, geknöpfte Hftkchen 
oder knieffirmig abgebogene, zq einer Kapillaren 
ausgezogene Qlaspipetten. Qenau so behandelt 
man die Eiterungen, die am Pankenboden 
oder der medialen Lahyrinthwand unterhalten 
werden, nur braucht man hier keine Tnben- 
Bp&lungen. sondern spritzt das Ohr vom 6ehOr- 
gang ans. Ist die Eiterung fÖtid (s. , Aussprit- 
zungen des Ohrs''), so wendet man dazu am 
hestenl°/g,FormalinlÖsung(4 Tropfen Formalin 
bei Erwachsenen, bei Kindern 2—3 Tropfen 
anf 1 Glas abgekochten wannen Wassers) an, 
von der man 2— 3mal täglich je 3 OnmmilAll- 
chen voll ins Ohr spritzen Iftfit. Ist die Sekre- 
tion mehr schleimig nnd granuliert die 
Pankensch leimhaut nar wenig, so ist statt 
Formalin Borsaurelösung (3°/d) ^om Spritzen 
anzuwenden. Granuliert dagegen die Panken- 
achleimbant stark, so ist auBer den Attssprit- 
znngen mit Formalinlösung noch eine Eintr&u- 
felnng von erwärmtem Alkohol-Glyzerin aa. 
(3mal taglich 1 Teelöffel v<^ ins Ohr zu trftufeln 
und 10—15 Minuten darin zu lassen) oder von 
l*/oKnpmm sulfurikum oder von reinem Alko- 



gle 



üää 



OTITJS MEDIA. - OTOMYKOf>E. 



:!dC 



hol iiMÜEwil Eoount du S«kret schkcht %a» 
den BeiMsas der medUlaa L&bjiinttnruid and 
dM PaokNtbodeBa beniu, so sind Lösangen 
von U,0, sehr iwMkm&Sig, die den Ktor 
henuHcliiniDeii nsd ^eichzaitig durch den 
SMWntoff in etato lULUUidi deunfiiieiuid 
wiiksB. Eise Polverbehukdluiig, abo «in Eiit- 
■Uab«n v(m Bontoro oder Natrium tatnibo^ 
rikmn ist nmr bei giaa grofieo TronmwlfeU- 
dflltkten nnd b«i garingar Sekretion istsaai, 
da klane Parforatiimen doreh da» Pnlver ver- 
legt wüidan, der Ab&nS also behindert, mitUB 
eine VerbaltuBg lu beftkrehten n&re. Bestallt 
eine Kariea in AnboOstctg^tBigalgeleiik oder am 
langea AiaboBeclMnkal, ao gaaügt genöknlicb 
SQch die Perforation als Zagang f&r die Uiervipea- 
tischen MafekahmeD. Man wird kleine Qnuni- 
latioDBD fttzea oder eotfemen and besonders 
mit 307Btger Milchsttaralösong gute Resultate 
erzielui. 

Die Therapie der Kuppdraom- nnd Än- 
troBsitemiig Uädet tob Tomherein ontec dem 
NachteiL, daiB sie soansegeB im Demklen tappt, 
denn hier k&onMi wir neist anao« Tätigkeit 
nietat mit dem Auge kontroUieren, da die enge 
(^Sniug am oberen Pol, beei«hnAgsw«iBe die 
knficbeme laterale Kuppelruua- nnd Antrom- 
wand keinen Einblick gestatten. Zwar bemühen 
wir ans ancb hier, durch Fortnahne aveatoell 
vorhandanw Orannlatiooen oder Übolesteatom- 
massan den Ahflofi des Erters u^ dm Einblick 
2a erUdcbtom, zwar hat man dnrch Extraktion 
von Hft"tpi'"- nnd AaboS, femar durch Ans- 
apttloBgen mit dwa HABTKAmscbfiu Fauken- 
odar AntTTHiiöbTchan (das ftbrigen« zaerst 
V. Tbox-mo angewendet hat) Heilnngen erzi(Jt, 
doch »cLeitcra wir hier am häufigsten mit 
nnaerea BeDthhnngen! lHa Meng* des Eiters 
besiehuBgswsiae der Fötor l&ßt nicht aach, 
Patient hat einseitige Kophchmerzan, wird 
zeitwcwe. beeondars beim Ansapiilen schwindlig, 
bekamnU eine Facialisparalrse oder Temperai- 
turatoigeroBgen, beziebongsweise einen druck- 
eB^ndlicJaen Wanesfertsata, und so sahen 
wir uns scbKaSli^ doelk gezwungen, unsere 
Znfloeht zur Kadikakfieratiofi oder TotaJanf- 
meifilnng (ki. .MastoidopervticBen'') in nrimen, 
die nun besonders dutn eher anraiea kann, 
wenn das Oehöi auf dem kraokan Ohr schon so 
wie so scUedit ist. OewöhnUch bleibt nAaili«h 
das Qehör nach der Radikalopwration schlecht 
imd wird nur dann besser, wann HindemisHa 
der ScbalUoleitung (Ohrpoinwn- äequaetar, 
choleateatomatöse Masaen) entfernt woiden. 

Hat man eine cbronisebe MitteltdueiteruBg 
dnrcb konMrraÜTa Therapie geheilt, so iü 
fast immer «iiM trockene Perforatien vor- 
handen. Ist di«Belba kl«n, so kann nan ver- 
sochen, sie durch An&tscn der Etndcr mit 
TricMoressigB&nre (Okunmfp), der Lapiuotide, 
oder dnrcb Anfriscbong mit einem Trommel- 



fsUBMeser inr Vemarbnng lu bringen, doch 
ist der Erfolg durchaus onakher. Ein trocken 
gewordenes Ohr h5rt ahrigens oft bedeutend 
acUecbter als vorber, «eil die Knöchelchen 
durch den Vemarbungspiozefi mehr fixiert 
werden. Uan kann dann da« kAnstUche 
Trommelfell oder die PnenmoaUMsage zur 
OebrGrverbeaserong benatzen. 

Von den Komplikationen der O. m. cbronika 
siebe die FolTpanblldnng anter „Ohrpolyp'. 
die CboUBteatombildnog unter „Qudestaatom''. 
Eine dritte Komplikation, dia Sklerose des 
Warzenforteatzes, sei hier kurz erwUint 
Die ZaUen des Waraenfortaatiee fUlen «ich 
n&mlicb dftar mit kon^kktun Knocben aus, 
der WaraenfortsatE ebnmisiart, der Knochen 
wird elfenbeinbart und das Antrom oft sehr 
verkleinert, bia znr QröBe eines Stecknadel- 
koffta, so daA die TotalauAneiSehing wegen 
der HArte des Knochans und der kichten Var- 
feblbarkeit dea kleinen Antrum wfar erscliwert 
ist. Aach kann der Eiter nicht mehr die Kor- 
tikaÜa durchbrechen und wird daher nach der 
mittleren beztehungs weise hintereB Sdi&del- 
gmbe abgelenkt, so daA die nnprOugliche 
Scbatunaßregel des Oiganiamui laicht ver- 
bfügnisToU werden kann. ÜBoeaiuin!. 

OtomykOte (Otitis externa parasi- 
tika s. aspergillina). Die 0. ist eine diffose 
Oeb&rgangsentattndang , «eiajUaSt darch die 
Ansiedlung vi» Schknma^ilzan, von denen 
venchiedane AspwgiUuB- nnd Uakorartan ao- 
wie ein Peniiillinm nndVertiiiUinm baschriebui 
sind. Ab hftnfigsten siedeln sich diese Schinunel- 
pilae bei Iwiten an, die in feucbteu BAumen 
leben , l B. neben einer schinunabgm Wand 
schkfen , odec schinmielige Uadikamonte, b«^ 
sonders Salben oder Öle, banutien. 

Die Fftd«» dar Scbimmelpilie, die das Uyiel 
bilden , dring« tief in die Efidermis des 6e- 
hOrgangs und das Irommeltells ein, raiaen sie 
seröaer Sekretion, veranlasncB dftdorch 
Jucken, dann SchoierMn und bewirken schliaft- 
licb eine oft handachubfingerfönnige AbstoAung 
der h&ntigen Oebörgangsaosklaidung. Ist ein« 
Tronmelfsllpwforation Tin-banden, so könne« 
die Filze in die Psnkenböhle, ja bia in dnn 
Warienfortaati vordringen; das Myzel kann 

dicht sein, daS ee awsiebt wie ein Pfn^f 

IS nassam Zeitungsp^war. 

Die Diagnose kann meist scbov makro- 
skopisch mit grofier Wahrscbeinlichksät gestallt 
werden da die Pilzsporen, die ab schwane, 
gelbliche oder rote Paukte (je nach der Pili- 
art) da* M;z«l und die Epithel {stxeu dnrchsetaan, 
etwaa nageaein Chacakteristiactasa haben. Dtf- 
feteatialdiagnoetiseh komnvt da* Eksam des 
Oehörgangs in Betracht, auch kann lenstzt* 
weifle PiÄzipitats^be durch Fieiwerdan von 
ksilber eine si-hwäizlicbe Schmien bilden. 



OTOMYKOHE. - OTOSK[.EROSE, 



■>M 



die eventnell ats Aspergillus nigur inifoniert- 
Entscbeidend ' f&r die Diagnose isl dann das 
Uikroskop. — Man bringt vnn den schmierigen 
Epithel- oder My;celmaBscn entweder direkt ein 
i^tückchen aaf den Objekttrtiger nnd unterancht 
in Cilj-zerin bei scharfer Vergrößemng oder 
zerzapft unter Znsatz von 8°', Kalilange. Man 
Riebt dann ein Geüecht von farblosen, dünn- 
wandigen, septierten Fikden (Hypben) nnd die 
ans ihnen entspringenden un verästelten Fmcht- 
thlfier, deren oberes kugelig oder keulenför- 
mig erweitertes Ende, die Blase (Gonidientrftger. 
Plazenta oder Bezoptaknlam) . dänne, meist 
nidi&r geetellte Ansiftufer treibt (Sterigmen), 
die sich za kleinen mndlichen Körpern, den 
Sporen oder Oonidien, ahschnilren. Rezeptakn- 
Inin, Sterigmata nnd Gonidien bilden znaam- 
man das Frucht k öpfchen , Kapitnlum, das je 
nach der Farbe der Gonidien schwarz, ^clb, 
braun odi^r rfitlich geßirbt ist. 

Therapie. Nach Entfernung der Myzel- 
und Epitheln) Bsson dnrch Ausspritzen mit Bor- 
skarelÖBiing oder durch Answiscben mit Tam- 
pontr&gem laBt man tiglich 2— Smal erwärmten 
Alkohol ahsointus, 2° „ Salizylspiritns oder 1 bis 
2*;,, Snblimatspiritos ins Ohr tränfein nnd 
lö Minnten darin behalten, wodurch gewöhnlich 
in 4 Tagen Heilang eintritt. Cm Rezidive zu 
verhindern, l&Bt man diese EingieBungen jedoch 
noch 10 weitere Tage fortsetzen. (iKiiMHKAüN. 

OtorrhÖe s. Ohrenflnfi. 

0tOlU6T0M. Unter der Bezeichnung 
, Sklerose der Mitteloh rsch leimhaut' oder 
.trockener, sklerosierender, chronischer Mittel- 
ohrkatarrh' faSte man frtther olle Prozesse 
Euiammen, welche das Bindegewebe der Pan- 
kenschleimhaat vermehrten, dadurch die Qe- 
lenke zwischen den Gehörknöchelchen versteif- 
ten and besonders za einer Fixation des Steig- 
bfigels im ovalen Fenster föhrten. Man warf 
also dreierlei Dinge zosammon: 1. Die Folge- 
zostSude von Entzflndnngen der Paukenhöhle, 
Residaen Ton Otitiden , die nicht selten in 
Verdickung bzw. nachfolgender Schromptung 
der Sclileimhaut mit Fixation der Ossikula 
bestanden : 

2. die Folgen des so häufigen chronischen 
TabenTerschtnsses, die ebenfalls in Hyperplasie 
und Versteifung der bindegewebigen Grund- 
lage der Pauken Schleimhaut, dnrch die se- 
kundäre Hyperämie derselben, bestehen, nnd 

3. die eigentliche Otosklerose, bei der 
keine Otitis vorausgegangen ist, kein chro- 
nischer TubenverschluB besteht, sondern die 
einen schleichenden ProzeS sni generis repräsen- 
tiert, dessen trauriger Schlnß die knöcherne 
Fixation des Stapes, Vertlnde rangen der Laby- 
rintlikapsel und Scbiidigung der Endorgane 
des X. kocliiearis und vestibnlaris ist. 



Nnr mit dieser letztgenannten Form, der 
wahren Otosklerose, wollen wir ans hier be- 
schllftigen. Bei ihr handelt es ^^icli ftiwrhaupt 
nicht um eine beb leimh ante rkranknng. sondern 
TJetmehr am eine primAre zirkumskripte Er- 
krankung der knöchernen Labyrinth kapsei, 
bei welcher es zu einer Wnchernng von neu- 
gebildetem Knochengewebe in den der Fenoatra 
ovalis nahegelegenen Teilen der rabyrinth- 
kapselkommt. Von hier proliferiert die Knochcn- 
wucherong, das normale Knochengewebe all- 
mählich verdrängend, gegen das ovale, selte- 
ner gi'gen das runde Fenster und fUhrt zur 
Ankylose des Kteighilgels, Sikbksxass, lUuEa- 
uANN und Katz beschrieben als den arsächlicbcn 
anatomischen Vorgang eine Spon|^osiernng der 
knöchernen Labyrinthkapset zugleich mit 
Wnchernng neugebildeten Knochengewelies, 
die berdweise auftritt, mit besonderer Vorliebe 
aber in der Gegend des ovalen Fensters. Durch 
die von dem schon makroskopisch einen locke- 
ren Ban zeigenden Knochen atisgeb enden 
oateophyti sehen Wucherungen wurde die Ni- 
sche zur Fenestra ovalis verengert, vor allem 
aber erschien das Lig.annnlaro entweder total 
verknöchert oder es zi^en darcli dasselbe 
KnochenbrDckcn zwischen Fensterrand und der 
verdickten Stapesplatte, welche beide fest mit- 
einander verbanden. 

Katz und Habkrhann halten die Knochen- 
erkrankung für sekund&r nnd glauben , daB 
sie stets von einer Schleimhautentzündnng in 
der Paukenhöhle induziert würde, was Po- 
UTZEB, SiBHEHMAii» uud ScMKiBE bestreiten. 

Die Ätiologie der O. ist noch recht dunkel, 
Erblichkeit spielt, wohl besonders infolge nn- 
gflnstigen Baaes der Nischen der Panken höhlen - 
fenster eine groBe Rolle, Uft werden intensive 
Erl^tangen bestimmt als erste Ursache an- 
gegeben. Auch das Puerperium sowie gewisse 
konstitutionelle Anlagen prädisponieren zur 0., 
so die rheumatisch -gichtische nnd die nenro- 
paralytische oder trophon eurotische. Auch Skro- 
fulöse und Lues kommen hier in Betracht. 
Die O, ist bei jugendlic'hen Personen viel sel- 
tener als im mittleren nnd höheren Lebens- 
alter, beschränkt sich oft lange Zeit auf ein 
Ohr, um erst spBter das andere zu befiillen, oder 
tritt gleich auf beiden Ohren auf, 

Symptome. Die 0, entwickelt sich meist 
schleichend nnd unbemerkt, so daß fh schon 
jahrelang bestehen kann, ehe der Patient bei 
einer zu&lligen Gelegenheit merkt, daB er auf 
einem Ohr sehr schlecht hört. Treten die fast 
nie ansbteibenden Geräusche (s, ^.Olir^jeransche") 
früh auf. so wirdanch das I.«iden früher erkannt, 
besonders wenn noch Schwindelan fÜ II f und 
Hyperaestliesia akustika dazukommen (s. ä.\ 
Die subjektiven Geräusche pflegen mit der 
Zeit zuzunehmen nnd werden dann oft störender i 
empfanden als die Schwerhörigkeit, mancbiMJ(Jlt 



OTOSKLEROSE. 



können sie auch für immer oder zeitweise 
nieder verschwinden. 

Die Schwerhörigkeit ist anch nicht in 
gleich. Schlechtes Wetter, Begcn und Wind, 
körperliche Ermtldong and geistige Abspannung, 
Oena£ von Alkohol, psjcbiscbe Anfregong atei' 
gern die Hulbörigkcit, dagegen pflegt Lftrm 
sie zu mindern! (ParakoaiH Willisii, a. d.). Oft 
besteht ein sehr UUtiges DrnckgefiUil, ein 
flthl von Veratopfteein im Ohr, die g 
KopfhHlfte tnt weh, ist schwer and eingenom- 
men. Objektiv findet maji gewöhnlich einen 
weiten, trockenen Oehörgang, dessen Zemmen- 
sekretion fast ganz versiegt ist, sowie ein 
völlig normales Trommelfell, das in prognostisch 
besonders ungünstigen F&llen einen rötlichen 
Schimmer (den sog. Kapferreflex) hinter dem 
Umbo, znweilen anch in ganzer Aoadebnnng 
zeigt, der von der durchacheinenden hyper- 
ämischen Promontorialwaiid herrührt, in der 
ja die Spongiosiernng vor sich geht; der Ka.- 
theterstrom gibt ein völlig normales Blase- 
getttoscli und erzeagt keine Hörvert)es3erang, 
eher eine Verachlcchtemng. 

Die Gehörprüfung mit Stimmgabeb) er- 
gibt eine starke Verkürzung der Luftleitnng 
fUr die tiefen Töne, während die hohen Töne, 
wenigatens in noch nicht vorgeschrittenen 
Fällen, noch gnt perzipiert werden. Erst wenn 
die Knochenerkranknng des Labyrinths die 
Endignngen des N. vestibniaris and kochlearis 
schiidigt, werden anch die hohen Töne suhlecht 
gehört. 

Die Diagnose aaf 0. ist zu stellen, wenn 
bei völlig normalem Trommelfellbefund (höch- 
stens der rote Reflex 1) and wegsamer Tube 
die GehörprQfung eine starke Herabsetzung 
der Hörweite für Flüstersprache, bei even- 
tuell vorhandenen subjektiven Geräuschen, 
und den oben skizzierten Stimmgabe Ibefond 
ergibt. Die Diagnose wird durch anamneatische 
Angaben über hereditäre Belastung, rheuma- 
tisch -g ich tische Diathese unterstützt. 

Verlauf und Prognose. Die 0, führt 
ausnahmslos zu sehr starker Schwerhörigkeit, 
seltener zn völliger Ertaubong. Die Abnalime 
des Gehörs erfolgt meist nicht kontinuierlich, 
vielmehr kommt es meist zu kürzeren oder 
längeren Pansen imFortschreitenderKrankheit 
Psychische Anf regangen, körperliche Anstren- 
gungen, Gravidität pflegen verschlimmernd zu 
wirken. Die Fälle mit durchscheinender Böte 
der Labyrinthwand pflegen nach Bkzold be- 
sonders progredient zu sein und anch öfter 
zu völliger Ertanbnng zu führen. Prognostisch 
relativ gUnstig ist es, wenn der Grad der 
Schwerliörigkeit Öfter wechselt, da unsere 
therapenti sehen Eingriffe dann mehr Aassicht 
auf Erfolg bieten. 

Therapie. Bei der Behandlung der 0. ver- 
t^esae man nie den Orondsatz: Nil nocerel Es 



gibt nämlich Fälle, wo durch Poln'i'^gni^'e 
direkt geschadet wird, u. zw. sind dies beeon- 
dera die Formen, die schleichend beginnwi 
and mit konstanten subjektiven Oehörsemp- 
Sndongen verbunden sind. Hier kann nach 
der Behandlung eine rapide Verschlimmerung 
eintreten. Ist also bei einer 0. die lokale The- 
rapie nacli mehrmaliger Anwendung vollkoiD- 
men nutzlos, so höre man auf, entlasse den 
Patienten mit einigen tröstenden Worten, daß 
vielleicht bald eine erfolgreiche Methode ge- 
funden werden würde, warne ihn aber auch 
gleichzeitig vor weiterem Kurieren und ganz 
besonders vor den in den Zeitungen angeprie- 
senen Londoner, Pariser und amerikanischen 
Seh wi ndelapparaten . 

Wie schon erwähnt, ist die Lnftdosche bei 
der 0. nutzlos, ja verschlimmert oft nur die 
Beschwerden. Von gutem Erfolge ist dagegen 
oft die Vibrationsmassage des Trommel- 
fella und LucAEa federnde Drucksonde. 
Die Vibrationamasaage oder Pneumomassage. 
zu der man auch den Rarcfectenr von Dkl- 
stANCHE benutzen kann, wird am zweckmäBig- 
sten mit der elektrisch betriebenen BaEiTUNu- 
schen Luftpumpe vorgenommen, u. zw. bei einer 
Habhöhe von 2—ä mm und bei einer all- 
mählich zu steigernden Geschwindigkeit von 
600-1200 Kolbenstoßen pro Miiiute. Jede 
Sitzung dauere 2—3 Minuten; wälirond der- 
selben betrachte man genaa das schwingende 
Trommelfell and stelle den Strom sofort ab, 
sowie eine stärkere Injektion des Hammec- 
griffes auftritt. Es kann sonst leicht zu Bln- 
tangen ins Trommelfell oder in die Pauken- 
schleimhaat mit starken subjektiven Geräuschen 
und gesteigerter Schwerhörigkeit kommen. 
Li'cAK empfiehlt daher, den SiECi.ixche Trich- 
ter, an dem der Schlauch der Luftpiunpe be- 
festigt ist, nicht luftdicht in den Meatas ein- 
zusetzen, oder ein kleines Loch als Sicherheits- 
ventil seitlich am Schlauche anzubringen. Die 
Wirkung der Pneamomassage ist oft frappant. 
Das dumpfe Gefühl, das Verstopftsein, ist oft 
nach der ersten Sitzung weg, ebenso die aab- 
jektiven Geräusche, leider meist nur för kurze 
Zeit. Auch eine anfängliche Oehörverbesserung 
verschwindet meistens schnell wieder, so daß 
man nach einiger Zeit nicht weiter kommt 
rmd am besten dann diese Behandlung ab- 

Man mache dann noch einen Versuch mit 
LucAEB federnder Drucksonde, die nach dem 
Prinzip des Eisenbahnpoffers gebaut ist nnd 
einen Druck bis zn 300^ auf den Prozeasns 
brevis gestattet. Ihre Handhabung, die auch 
in der geschicktesten Hand schmerzhaft ist, 
erfordert aber grofle Cbung von selten des 
Arztes und Selbstüberwindung von Seiten dse 
Patienten. Man setze die mit Äther befeuchtete 
oder in Eis gekühlte Sondenpelotte auf den 



OTOSKLEBOSE. — OVARIE. 



kaneo Fortsatz and drücke 10— 20mal gegen 
ktiteren, irodoich die QehörknöchelcheDkette 
hin- nnd herbewegt wird. Aach hier ist die 
VTirkang oft im Anf«ng Bebi gat, aber meiet ge- 
langt mao bftld wieder anf einen toten 
Punkt. ZweckmftBig kombiniert man die Drnck- 
tondenbehandlnng oiit der FneomomaGBaga, 
oder mit der ebenfalls von Lucak angegebenen 
hfdropneomatiachen Massage, bei der zwischen 
dem mit einer dünnen Oammimembno ver- 
Bchloasenen Zoführongsschlanch des Pneamo- 
massageapparataa and dem Trommelfell, ver- 
DÜttelst eines gt&sernen Einaatzatilckea , ein 
ink-ompTeesiblea Mediom, lanwarmea Wasser, 
eingeechaltet wird. 

Hat man die Freade, einen Fall wirklich zu 
bessern, so behandle man so lange, als die 
Besserang des QebÖra fortachreitet, zirka 6 bis 
SWochen, paasiere dann 1 Vierteljahr and kon- 
trolliere, ob die Besserong angehalten hat, denn 
ein solcher Patient mitOtosklerose mnB daaemd 
aberwacht werden, da sie leider immer wieder 
die Neignug hat, fortzosch reiten ; die f^elbst- 
behandlang dnrch den Patienten ist deswegen 
nicht ratsam, weil dieser sein Trommelfell nicht 
kontrollieren, also nicht rechtzeitig aofhSren 
mithin sich schaden kann; die mit der Näh- 
maschine oder mitHandschwnngrad betriebenen 
Hasaageapparate sind daher nicht za empfehlen. 

Von Medikamenten ist eventnell ein Versuch 
mit Phosphor zn machen, der ja anf das K no- 
chenwachstnm EinfluB hat. Man veror d ne 
Kapsnl. c. Ol. phosphori ä 0*0005, u.zw. in 
Originalpacknng zn 100Stttck(nach Habtuann), 
die 3 M. kosten. Man lasse anf&nn;lich 3, dann 
6 Kapseln pro die (.Hmal täglich 2 Kappeln) 
auf vollen Magen nehmen, u.zw. im ganzen 
300, eventnell noch mehr. Sie werden gut ver- 
tragen and veranlassen höchslena etwas unan- 
genehm riechendes AnfstoBen. 

Anch operativ hat man die 0. in Angriff 
genommen, doch mit völlig Ungewissem Erfolg. 
So hat man den Hammer nnd AmboB extra- 
hiert, sowie den Steigbügel nach Durchschnei- 
dung der Stapedi nsseline mobilisiert, oder 
nach Durchtrennang des Lig. annnlare sogar 
extrahiert, ohne Sehen vor einer möglichen 
Infektion des 'Labyrintlis mit nachfolgender 
Meningitis. Die Resultate sind indessen noch 
ganz onsicher. Als prognostisch gUnstig gelten 
hierbei die Fälle, hei denen das GehQr für hohe 
Töne noch leidlich erhalten ist. 

SchlieBlich sei noch erwähnt, daQ ein Aufent- 
halt im Hochgebirge, ebenso der Gebranch von 
Solbädern bisweilen, leider auch nur vorüber- 
gehend, Erleichterung schafft. Grosshamn. 

OrariallJftOn s. Ovarinm, Tn- 
moren des. 

Ovarle. O. ist als Symptom der Hysterie 
bekannt, andere Bezeichnnngen dafür sind: 



Ovariatgie, Ovarialhyperftsthesie. Die Bezeich' 
nung Ovarialgie trifft nicht den ganzen Sinn 
des Symptoms, da nicht nur ein SpontAnschmerz, 
sondern auch eine Drnckempfindlidikeit der 

Ovarialgegend besteht, ja sogar der Spontan- - 
schmen ganz fehlen kann. Wir sprechen ana- 
drOcklich davon, daß es sich nicht nur nm 
die Ovarialgegend handelt, da die 0. selbst 
gar nicht der Sitz der Schmerzhaftigkeit und; 
Beweis dafbr ist, daB das gleiche Symptom 
anch bei der gar nicht seltenen Hysterie des 
Mannes gefunden wird. Ferner ist ee bei den 
Untersacbnngen, die die 0. erweisen, oft gar 
nicht möglich, beim Druck auf die Banch- 
decken die 0. zn erreichen, schliefilich kommt 
es oft genng vor, dafi schon der leiseste Dmck 
anf die Haut derUnterbaachgegend als schmerz- 
haft bezeichnet wird, ohne daB die 0. über- 
haupt in Betracht kommen. In Betracht kommt 
fQr den Nachweis der 0. ledigUch eine Stelle 
der Unterbanchgegend zn beiden Seiten des 
Nabels nach anBen und unten von diesem ; diese 
Stelle kann neben der Drackschmerahaftigkeit 
eine nmschriebene Hyperästhesie oderHyperalge- 
sie,aberanch Anästhesie and Analgesie darbieten. 
Mau hOrt verschiedene Angaben bei der Unter- 
snchong, entweder beschränkt sich der Schmerz 
lediglich auf die zirkumskripte Stelle oder 
er verbreitet sich in weiterem Umkreise, zieht 
in den Bücken, die Beine, die Schultern, ver- 
bindet sich bei stärkerem Drack mit Globus, 
Angstgefühl, kann sogar bei geeigneter Beein- 
flussung Zorn Ansiösen von Krampfattacken 
mehr oder weniger ansgedehnter Art dienen. 
Untersncht man die O. selbst bimanoell, so 
findet man sie meist nicht druckempfindlich, 
wenn nicht an ihnen selbst Veräiidernngen be- 
stehen, und das ist diSerontialdiagnostisch 
wichtig. Denn da die 0. als hysterisches Sym- 
ptom lediglich eine zirkumskripte Hyperästhesie 
der Banchhant darstellt, bzw. den Sitz eines 
nenralgi formen Spontanschmerzea offenbart, ao 
muB eine festgestellte Schmerzhaftigkeit der 
0. bei gynäkologischer Untersuchung noch den 
Verdaclit eines entzündlichen Vorganges erregen. 
Die genaue Untersuchung ist bei 0. nicht zn ver- 
säumen, um Verwechslungen mit Oophoritis, 
Typhlitis und Perityphlitis, Tumoren zn ver- 
meiden. Zur Untersnchnng ist der Darm völlig 
zu entleeren. 

Therapie. AuBer der Allgemeinbehandlung 
der Hysterie kann bei starker Schmerzhaftigkeit 
anch lokale Therapie in Frage kommen, diese kann 
in Anwendung von schmerzstillenden Salben 
oder innerer Medikation zn gleichem Zweck 
bestehen, anch tialvaniaation, Behandlung mit 
faradischenPinselströmen, lokale Dampfd uschen 
können versucht werden. In verzweifelten Fällen, 
in denen man der Schmerzen nicht Herr wurde 
und auch nicht sicher war, ob nichteine wirkliche . 
Ovarialerkranknng vorlag, ist anch die Kastra-OJ^ 



263 



OVABIE. — OVABIUM, TUMOKEN DES. 



2Ü4 



tion ansgeführt norden, Hente geitchieht das 
wesentlicli sellenar als frßher. EbenBO ms es 
gelingt durch Dmck anf die O Krampfan- 
mie liervorznmfen, kann man aach bestehende 
Attacken dnrch Ovarialdnicli kapieren Selbst 
verständlich handelt es sich d ibei nm bag 
geGtiveinfluB, i i^atai 

OraTiam, Tumoreii des. Der pkan- 

KKNSTiELschen Eiateilnng folgend, welcher der- 
zeit die meisten Aatoreti sich anschließen, 
haben wir die Nenbildnngen des Eierstockes 
folgen demiafien tn gruppieren: 
/. Vom Keimfpilhel und Ovulani ausgehend: 
a) Epitheliale OeschwUlate (Kjatoma 
simplcx, Kystadenoma, Papilloma, Kar- 



1 Ovttln 



nsgebend (Dei 



6J V. 
Terat. 

II. Vom SIrnnia aiuigdiend (Fibrom, Myom, 
Sarkom, Endßtheliom, Angimn, Enchomlrom). 

"L Zysten. Wie bereits im Artikel ^Oopho- 
ritis'' dai^tan wurde, versteht man nnter 
Hjdrops folliknli Flüasigkeitsansammlmißen 
im Innern des OsAiFschen Follikels, welche 
meist klein bleibende, im Innern keine Epithel- 
bekleidong besitzende Hohirftnme darstellen; 
sie sind einfach als Beten tionszysten bei Aus- 
bleiben der Follikelberstnng aofznfassen. Eben- 
so kann nach Berstnng eines Follikels bob 
dem Korpns Inteom eine Zyste entstehen, die 
gleichfalls als Hetentionszyste sn erklären ist; 
sie ist gleichfalls innen epithellos, indem ja 
das Follikelepithel bekanntlich nach Berstnng 
des Follikels untergeht. Diese Korpns lutenm- 
Zysten können bedeutende OröGe erlangen, 
wobei der Eierstock lange erhalten bleibt und 
in der Wand der Zyste nachzuweisen ist. Bei 
weiterem Waclistum ist jedoch die Unter- 
scheid uug gegenüber echten Kystomen mit 
freiem Auge nicht möglich und die mikro- 
skopische Unterauchnng mufi das Felilen eines 
Bpithelbelagea im Lumen erweisen, damit die 
Herkunft von einem Korpns luteum gesichert 

Die echten Kystome des Ovarinm 
sind nicht als Ketentionszysten, sondern ab 
Neubildungen, als Adenome za betrachten. 
Der Ursprung derselben ist noch nicht klar. 
Pfanmikstigl ist der Ansicht, daß das Keim- 
epithel sich in pathologisches Flimmerepithel 
verwandelt, dieses senkt sich in die Tiefe, es 
bilden sich so durch Abschnürung Zysten, 
welche sich allmählich vergrößern. Walokteh 
versuchte die Herkunft der Kystome auf ver- 
sprengte Keiraepitlielreste zurückzuführen. 
Wahrscheinlich besteht indes Ruck lim ghauskns 
Ansicht zurecht, daS versprengte Urnieren- 
schlänclie im Ovarinui die Anlage der Kystome 
abgeben. Dafür spricht die cntwicklungsgc- 
scliicht liebe Beziehung des Eierstockes zur 



Umiere, sowie gewisse anatomische Eigenarten 
der Kystome. Daß die PFLfoEaschen SchlüDche 
irgendwelche Rolle bei der Kystom bildung 
spielen, wird heute kaum mehr angenommen. 

Die Kystome stellen (ieschwülste von ver- 
schiedener, oft enormer GröBe dar, deren 
Wand einige Millimeter bis zo 1 und 2cw 
dick ist und deren Inhalt atu einer Flüssig- 
keit besteht, deren Menge ganz außerordentlich 
groß sein kann. In der Kegel sind die Kystome 
multiloknl&r, die Flüssigkeit kolloid . Pseudo- 
mozin enthaltend; bei alten und sehr grollen 
Zysten ist der Inhalt dünnflüssig, mitunter 
brftnnlich oder blutig gefärbt, wenn HSmor- 
rhagien in die Zystenr&ume stattgefunden 
haben. Durch Bersten der ZwischenwSnde 
können mehrere Zystenräume konfluieren. Das 
Epithel ist einschichtig, zylindrisch. Dnrcb 
Vergrößerung der epithelialen Oberfläche im 
Innern der Kystome kommt es zu papil- 
lären Wucherungen und man spricht dann 
von einem Ky Stoma papilläre prolifemm. 
Hierbei kann der ganze Hohlraum der Zyste 
durch derartige Wucherungen erfüllt werden. 
Es kann ancli geschehen, dafi die Wnchemngen 
die Zystenwand durchbrechen und dann die 
Forni eines Oherflllchcnpapilloms nacbabmeiL 
Doch geht letzteres in der Regel Ton der 
Oberfläche des Eierstockes aus, indem das 
Keimepithel des Ovarium Papillen treibt, wie 
ich selbst an einem Prftparat nachgewiesen 
und bescJi rieben habe. 

Das OberflBchenpapillom des Eierstockes 
laßt jedenfalls die Elntstehung einer malignen 
Neubildung befDrcliten, wenn man es nicht 
bereits als Beginn einer solchen anfzufassen 
geneigt ist. Charakteristisch ist für das Ober- 
ffiichenpapillom der fast niemals fehlende 
Aazites. Derselbe ist auch sehr häufig beim Ky- 
stoma papilläre prolifertun zu beobachten, ins- 
besondere wenn die Papillen die Zystenwand 
durchbrochen haben. Doch kann man diese 
Form des Kystoms aoch nicht als maligne 
Neubildung bezeichnen, selbst wenn der Tu- 
mor — was oft der Fall ist — mit den Nach- 
baroi^nen verklebt ist. Aber ans dem Kystom 
kann jederzeit ein Karzinom werden. Die 
Epithelbekleidung der Papillen und der durch 
dieselben gebildeten drüsigen Einsenkongen 
wird mehrschichtig, das Wachstum schranken- 
los, die Wandungen werden allenthalben durch- 
brochen und der Tumor nimmt alle Charak- 
ter« des Krebses an. 

AnschlieDend ist des Psendomyxoma peri- 
tonei Elrwillinung zn tun, welches nach Pvan- 
HKNSTiKi. als Implantat ionserscheinung durcJi 
Berstnng glandulärer Kystome mit kolloidem 
Inhalt aufzufassen ist. Das Fsendomaüin ge- 
langt ins subperitoneale Stratum, es entstehen 
mannigfache Fseiidozybten , «reiche mit gal- 
lertigem liihalie versehen Vtt^v~ 



ifoogic 



26:* 



OVÄiUUM, TUMOREN DES. 



Das Kystom ist ein gestielter Tnmor, und 
iwar wird der Stiel gebildet durch das Liga- 
mentnm ovarii proprium, das Ligamentum 
tatum, die gespannte Ala vespertilionis , das 
Ligamentam infundibnlo-pelvikam und die 
meist geatreckte und verlängerte Tube. Ander- 
seits fehlt bei intraligamentärer Entwicklung 
der Zyste anfangs der Stiel gänzlich, der Tu- 
mor sitst der Seitenkante des Uterus dicht 
auf. Der Stiel kommt erst durch EUcvation 
der Zyste ans dem kleinen Becken zntafre. 

Wächst das Kystom , so können sich — 
intbeBondere bei intraligamentärem Sitze — 
die verGchiedenartigaten Komplikationen er- 
geben , welche die anatomiBclie Deutung des 
Stieles ungemein erschweren. Es treten Ver- 
wachsungen mit dem Net:^, dem Darm, der 
»orderen Banchwand, eventuell der lieber und 
der Milz ein. 

War das Ovarium mit der Tube verwachsen 
nnd bildet sich an der Verwachsungsstelie 
«ine Zyste, so tritt diese in untrennbare Be- 
ziehung zu der sich bildenden Hydrosalpini 
nnd man spricht nach Beratung der ursprüng- 
lich rorbandenen Zwischenwand von einer 
Tuboovarialzyste. 

Die Begleiterscheinojigen der Kystome rüh- 
ren ztuD größten Teil von den sich allmäh- 
lich einstellenden VerdrSngnngen der Nacbbar- 
o^ane lier. Daraus resnltiereu Kreuzsch merzen, 
Schweregefühl im Unterleibe, Harn- and Stnhl- 
beschwerden, nicht teilen in die Beine ans- 
Etrahlende Schmerzen. Die Bauchdecken wer- 
den ausgedehnt, ektatische Venen durchziehen 
die dünne Bauchhaut der abgemagerten Kran- 
ken. Atembeschwerden, Herzklopfen and die 
konsekutiven Erscheinungen des Aszites beim 
Papillom vervolLitiindigeD das Bild der schwe- 
ren UesnndheitsBtörnng. Sind beide Ovarien 
vollkommen in zystlsclie Neubildung aufge- 
gangen, so tritt natürlich Amenorrhoe mit 
ihren miSlicIien Nebenerscheinmigen ein. 

Von besonderer Bedeutung sind die Sym- 
ptome, welche eine Stieldrehung der Ge- 
Bcliwulst hervorzubringen vermag. Ist der 
Stiel lang, so kann die Drehnng, welche der 
Tumor beim Erheben der Patientin in die 
aufrechte Slellung gemacht hat und deren 
Tendenz bei linkseitigen Tumoren nach vorn 
und rechts, bei reell tseitigen Tumoren nach 
vorne nnd links gerichtet ist, beim Nieder- 
legen eventnell ausbleiben, zumal wenn der 
Tumor stark nach vorne äbergefallen ist nnd 
die )iinter und auf ihm liegenden Därme 
eine Kuckdrehung unmöglich machen. 

Ist durch die Stieldrehung, welche auch eine 
mehrmalige sein kann, keine vollkommene 
Unterbrechnng der Zirkulation gegeben, so 
kann der Tumor entweder bloB ödematOse 
Schwellung darbieten oder langsam unter 
gleichzeitiger Blutung ins Innere sich völlig 



abschnüren: seine weitere Ernährung wird als- 
dann durch znliliige Adhäsionen Iwsorgt nnd 
man findet einen eventuellen Zusammenhang 
der Zyste mit dem Peritoneum an ganz uner- 
warteter Stelle. Bei vollständiger Stieldrehung 
sind indes die Erscheinungen meist recht stür- 
mischer Natur. Begünstigt wird das Zustande- 
kommen derartiger kompletter Stieldrehungen 
durch Erschütterungen der Kranken, durch 
das Vorhandensein eines langen Zystenstieles, 
durch unzweckmUBiges Untersuchen etz. 

DieFoIgen hiervon sind plötz liehe» Absterben 
des Tumors. Erweichung der Zystenwand, oft 
Rnptur derselben. Das subjektive Befinden der 
Kranken wird hierbei mächtig alteriert. Heftige 
Schmerzen im Leibe, Meteorismns und Er- 
brechen, Fieber, wohl auch Kollaps sind ähn- 
lich wie bei einer inkarzerierten Hernie zu 
beobachten. Dabei nimmt die Geschwulst noch 
zu infolge der Blutungen ins Innere, sie fühlt 
sich prall gespannt an, ihre Berührung ist 
überaus schmerzhaft; es besteht die Gefahr 
einer septischen Peritonitis. 

Der Krank heitsverlauf der Zysten ist ein 
verschiedener in bezog auf die Entwicklungs- 
dauer. Nicht selten wachsen Ovarialkystome 
innerhalb weniger Monate zu bedeutendem 
Volumen an. Infolge der früher geschilderten 
Stömngen des Allgemeinbetindens . der zu- 
nehmenden Schwache gehen die Patientinnen, 
Bofeme keine Operation vorgenommen wird, 
nach Jahr und Tag zugrunde. Selbstverständ- 
lich ist anch die Gefahr einer malignen De- 
generation der Zyste stets drohend, und durch 
Metastasen kann dann der Tod beBchlcnnigt 
werden. Bei Ruptur einer Zyste kann, wenn 
der Inhalt aseptisch war, in günstigen, seltenen 
Fällen Resorption von seilen des Bauchfells 
eintreten. Das sind aber überaus rare Falle. 
Meist kommt es durch gleichzeitige Blutung 
zu schwerem Kollaps. Ist der Tumor vorher ver- 
eitert, so tritt hei Rnptur meist tödliche Peri- 
Diagnose. Bei der Feststellung eines Ky- 
stoms, insbesondere aber liehufs Erhebung 
seiner Qualitäten, seiner Beziehungen zu den 
Nachharorganen und seiner genauen Lokali- 
sierung ist es nach v. Winckei.s treölichen 
Vorschriften notwendig, der Reihe nach fol- 
gende Versuchsakte vorzunehmen : 

1. Ingiiektiott, 

2. Paljinlion. 

3. Mcnnwatiim. 

4. Perkiisnon. 

5. ÄvKktilUitioji. 

ti. Vaginale, himaniidle E.rploralion. 

Die bi manuelle Vaginal Untersuchung soll 
wiederholt und wenn möglich zuletzt in 
Narkose ansgefilhrt werden. 

Die Inspektion des Abdomens gibt Über die 
Größe der Zyste einigen AufschhiO. Mitunt 



"f)gle 



OVARIUM, TUMOEEN DES. 



rieht man schon mit freiem Ange ihre Kon- 
figantioD durch die B&nchdecken hervortreten, 
zamal bei VorhandenMin mehrerer Zysten er- 
kennt man zuweilen an tiefen Farchen die 
topographischen Beziehangen der einzelnen 
Kammern zueinander schon darch die 
flnflere Haut, — Es tritt insbesondere der 
Unterbaach stark hervor. Bei Aszites ist der Leib 
breit«r and niedriger, flacher. Bei Schwanger- 
schaft sieht man Figmentiemng der Linea alba, 
oft feine HSrchen, and merkt die bimfänoige 
Eonfigaration des DtemB, der gegen den Nabel 
hin vortritt. Aach sieht man mitunter schon 
mit freiem Ange die Eindsbewegangen durch 
die Banchdecken hindnrch. Bei starker Ans- 
dehnong der Zfste sieht man die Baucbbant 
verdünnt, bläuliche Venen schimmern durch. 
Striae gTavidamm, Schwangerschaftsstreifen, 
die bekannten gUnzenden , violetten Linien 
auf den Bauchdecken Schwangerer , ent- 
standen durch Dehnung des Korinm, können 
ebensowohl bei Qraiiditat als auch bei 
ZjBten zutage treten und sind nicht ent- 
scheidend. 

Die Palpation gestattet durchaus nicht immer 
eine genaue Abgrenzung des Kystoms, insbe- 
sondere ist dies bei fetten Franen nnmöglich. 
Bei schlaffen Banchdecken ist diese Bestimmong 
mitunter leicht durchführbar. Das von Ols- 
HAUsEN als charakteristisch angegebene Zeichen 
des Kolloid knarrens ist nicht eindeutig. Wenn 
man auf Fluktuation praft, so schUgt bei 
Aszites die Welle an der Gegenseite des Baaches 
lebhaft an, desgleichen bei schlaffen Zysten. 
Bei mehrkammerigen oder straff gespannten 
Zysten ist die FlnktnationEiprflfnng meist 

Die Uensuration (Messung mit dem Zenti- 
metermaB) hat keinen absolnten Wert für die 
Diagnose der Zysten, wohl aber einen rela- 
tiven, insofeme sie Verftndemngen der Zyste 
während der Beobachtnngszeit festznat^llen er- 
möglicht Anch kann man durch Nachweis 
einer Asymmetrie eventuell aber den Sitz der 
Zyste AnfschlnB gewinnen. 

Die FerknasionsergebnisBe sind von ganz be- 
sonderer Wichtigkeit. Es ist bekannt, daB bei 
Aszites die Höhe des l^eibes tympani tisch klingt, 
weil die Därme auf der Flüssigkeit schwimmen. 
Bei Ovarialkystomen klingt die Höhe des Ab- 
domens gedampft, die Flanken zeigen, wenn 
nicht gleichzeitig Aszites vorhanden ist, 
tympaniti sehen Perkussionsscball. Bei sehr 
starkem Aszites kann die Flüssigkeit auch die 
Därme Überlagern, das Mesenterinm ist trotz 
empoischwimmender Därme nicht genug lang, 
um bis znr Bancbhnppe bei Rückenlage empor- 
zureichen, und anf der Hohe des Abdomens 
kann Dämpfnng nachweisbar sein. Bei tiefem 
Eindrücken des Plessimeters gelingt es i 
hierbei immer, Darmton zu perkatieren. In 



Seitenlage zeigt bu Aszites die erhöhte Flanke 
tympanitjschen Schall, bei Zyste nicht 

Die Auskultation ergibt im Oegensatze lu 
Gravidität jenseits der Scbwsngerschaftsmitte 
Fehlen der Herztöne. Bei soliden Tumoren aber 
findet sich ein dem Plazentargeräusche ähn- 
ticbea GeftGgeräosch. Darmgnrren wird dia- 
gnostisch verwertet, um die Lokalisation des 
Tumors zum Darm zn ermitteln und aventaell 
Nierentumoren ansznschlieBen. 

Die bimanaelle Unteimchnng (ein oder zwd 
Finger der einen Hand liegen intravaginal, die 
andere Hand dr&ckt die Banchdecken den 
innerlich untersuchenden Fingern entgegen) 
hat znnächst die Lage des Uterus sowie 
die Position und Gestalt der Ovarien, be- 
ziehungsweise das Vorhandensein oder Fehlen 
eines oder beider Ovarien zu ermitteln. Darch 
die topographische Beziebong des Dtema zum 
Tumor lassen sich mancherlei Anhaltspunkte 
für die Beweglichkeit des Tumors und die 
Chancen der Ovariotomie gewinnen. Auch auf 
die Verschieblich keit des Tumors, anf Mit- 
bewegnng bei Bewegungen des angehakten 
Uteras ist zn achten. Bei der Palpation kann 
auch Beckenhochlagerang von Natzen sein, 
insbesondere aber bringt die Einleitung der 
Narkose mitunter volle Klarheit in vorher un- 
klaren Fällen. 

SchlieBlich kann noch eine weitere Dnter- 
snchnngsmethode herangezogen werden, näm- 
lich die Funktion und Aspiration mittelst 
PBAVAzscher Spritze. DaB hierbei Einhaitang 
strenger Asepsis die wichtigst« Vorbedingung 
ist, brancbt nicht erst betont zn werden. Die 
mikroskopische Untersnchnng sowie die 
chemische Analyse des gewonnenen Fluidom 
gestattet oft, eine exakte Differentialdiagnose 
zwischen Kystom und eiteriger Zyste, 
Dermoid, Aszites, Hydronephrose, Pyosalpinx, 
Echinokokkus and Ext ranterin gravid ität zu 
stellen. 

Kleine Kystome sind meist nnschwer zu 
diagnostizieren. Bei Tnmoren, welche ins kleine 
Becken eingekeilt sind, ist die Diagnose mit- 
unter bereits schwieriger. Erleichtern kann 
man sich die Elntscheidang durch Empor- 
Bchieben des Toraors, sofern dies möglich ist 
Man kann dann eventuell das 0. der gesunden 
Seite und auf der Seite der Zyste den Stiel nach- 
weisen. Schwierig, oft ganz unmöglich ist die 
Differentialdiagnose gegenüber einer die ganze 
Tnbe betreffenden Hydrosalpins. — Gestielte 
Fibrome fühlen sich meist härter an ab Zysten. 
Auch findet man da häufig GefäBgei^usche, 
was bei Zysten nicht der Fall ist Dennoch 
können Täuschungen vorkommen, insbesondere 
wenn ein Fibrom zentral erweicht ist 

Parametrane Exsudate erschweren eventuell 
die Differenzierung eines gleichzeitig vorhan- 
denen Kystomsungemein, ebenso perimetritisciie 



OVABIÜM, TUMOREN DES, 



270 



Exsodate. Die Dnteracheidnng einer Zyste von 
den Exsadaten seibat wird erleichtert darcb 
den Vorhalt der Anamnese, dnrch Mangel der 
nmachriebenen Form ond kngeliger Gestalt 
der Exsudate, Mangel der Floktoation, daridi 
Schmerzhaftigkeit und denDeknrsna morbi. Die 
Schwierigkeit der Diagnoatizienuig einer Zyste 
kaiin durch gleichzeitig voriiandane para- und 
perimetritiache Prozesse nngemein gesteigert 
werden, da ee hierbei mitunter ganz anmög- 
lieh ist, den Tamor abzagrenzen. 

Vor Verwechslang mit einer H&matukele 
schützt uns eine genane Erhebnng der Ana- 
mneBe, insbesondere die Sicheratellnng einer vor 
ausgegangenen SchwangcrHchaft , deren Er- 
echeinongen plötzlich unterbrochen wurden, 
eventuell unter den Symptomen einer eigenen 
Blntnsg, einer Ohnmacht, begleitet von mftfliger 
Blatnng nach aaBen ; bei H&matokele ist die 
Resistenz im Donglas zn fühlen. — 

Die Diagnose groGer Zysten atÖBt bei 
Befolgung des oben gedachten Dntersnchnnga- 
ganges selten anf unüberwindliche Schwierig- 
keiten, doch gibt ea Fülle, bei denen ans alle 
Methoden der Untersnchnng im Stiche lassen. 
Der AasschlnB von Phantomtomoren , welche 
anf KontraktioDsphSnomenen zirkamskripti 
Darmpartien beruhen, ist in Narkose leicht 
zn bewerkstelligen, Freier Aszites wird dnrch 
Palpation, Inspektion mid Perkassion ansge- 
scbloBsen. Neben den oben angeführten Tat- 
sachen ist jedoch hierbei nicht zn vergessen, 
daS bei stark erhobenem Oberkörper die 
ganze Gegend von der Symphyse bis 
Nabel bei Aszites leeren Perkaasionsschall 
ergeben kann. Aach kann das gaaerfttllte Ko- 
lon tympani tischen Schall ergeben. Sind die 
Darmschlingen verklebt, so kann bei Aszites 
die Höhe des Abdomens leeren Schall darbieten. 
Bei schlaJFen Zysten, insbesondere nach vor- 
hergegangener Punktion, ist die Unterscheidung 
gegenüber Aszites oft nngemein schwer. Man 
bat in solchen Fallen die Anamnese zn be- 
achten, daneben genaneatens die inneren Organe 
zn nntersuchen, welche erentnell AnfschluB 
darüber geben, ob ein Aszites dnrch Ver- 
änderungen des Herzens, der Leber, der Nieren, 
der Drüsen etz. ventnlaBt wird. 

Zur Bestimmung des Zusammenhanges des 
Tumors mit den Genitalien und den Nachbar- 
Di^nen untersuche man in Narkose, und 
zwar nicht bloB bimannell intravaginal , son- 
dern auch rektal. Bei der Vaginal untersnchnng 
achte man auch auf die Mitbewegung des 
Tumors, wenn man die Portio vaginalis uteri 
mittelst Kugelzange faßt und herabzieht, so- 
wie bei Erhebung des Tumors durch einen 
Assistenten. 

Tiefer Sitz der Zyste im kleinen Becken, 
nnd zwar hinter dem etevierten Uterus, spricht 
entweder für intraligamenläre Entwicklang 



oder frühzeitige Verlötnng der Zyate mit dem 
Beckeubauchfell. Jedenfalls iat ee behufs 
Stellung der Diagnose „Kystom' wichtig, den 
Zusammenhang dea Tumors mit dem Liga- 
mentum latnm, beziehungsweise mit dem Li- 
gamentum ovarii nachzuweisen, was freilich 
nicht immer gelingen wird. Jedenfalls ist anf 
die Beweglichkeit des Tumors sowie auf die 
Verechieblichkeit gegen den Uteras und den 
Mastdarm zu achten. 

Die Dnterscheidnng von Hydrops peritonei 
sakkatns, der insbesondere bei Tuberkulose 
des Bauchfelles nnd Karzinoma peritonei zu- 
stande kommt , seltener bei Peritonitjden, 
wird einerseits durch genane Aufnahme der 
Anamnese und KQcksicht auf die Dauer der 
Kraukhoitsent Wicklung, andrerseits durch die 
Untersuchung der ttbrigen Organe erleichtert. 
Durch BektaJ untersuch an g kann man bei 
Karzinom meist die Tumoren palpatorisch 
nachweisen. Die Perkassion ergibt bei Nieder- 
drücken des Plessimeters tympaniti sehen Schall, 
indem der unter Zysten liegende Darm durch- 
tönt. 

Gegen Verwechslung mit Hydronephrose 
schützt man sich am besten durch genane 
Perkussion, indem wohl meist der Darm, zn- 
mal wenn er durch eingetriebene Luft mOflig 
aufgebläht wird, vor dem Tumor zu liegen 
kommt. Auch wird sich meist durch bima- 
nuelle Untersuchung, insbesondere bei Becken- 
hochlagemng, feststellen lassen, daB der Tumor 
mit dem Uterus gar keinen Zusammenhang 
hat. Ausschlaggebend ist das Ergebnis der 
Zystoskopie und Oreterensondiernng, 

Auf den fehlenden Zusammenhuig des 
Tumora mit dem Utems achte man auch bei 
Echinokoklius, Hydatidenschwirrea ist für 
diese Erlirankung charakteristisch, ebenso die 
Ergebniese einer eventuellen Probepnnktion. 

Erweichte Utemsmyome aind manchmal 
sehr Ecliwer von Kj'stomen zn unterscheiden. 
Man achte jedenfalls auf die Innigkeit des 
Zusammenhanges dea Tumors mit dem Uterus. 
Daneben ist auf Blutungen zu inqnirieren, wei- 
tere auf Schmerzen und anamnestische Details 
beztkglich des Wachstums der Geschwulst. Nicht 
selten hört man über erweichten Myomen, 
deren Wand noch eine nennenswerte Dicke 
hat, GefaSgeräusche. 

Komplikationen erschweren nicht selten die 
Di^iiose erheblich. Dies ist in ganz beson- 
derem MaBe bei höheren Graden des Aszites 
der Fall, sowie bei gleichzeitiger Schwanger- 
schaft. 

Mit besonderer Aufmerksamkeit i^t zu achten 
anf Buptnr, Stieldrehang mit Blutung, sowie 
auf maligne Degeneration von Zj-aten. Die 
Ruptur der Zyste führt ShockeracUeinungon 
und eventoell raschen Exitus herbei. Die Er- 
scheinungen der Stieldrehung wurden ^reits i 

Cioogle 



271 



OVAIilUM, TUMOREN DES. 



21i 



oben lieschrielien. I^ind sie verbunden mit 
liorhgradigcr Anämie, so kann man auf 
gleiciizeitige Tilntung in die ^y^tv dia^nosti- 
iieTvn. Mali;.'ne Degenemtion der Zyste geht 
mit frühzeitiger Entwickliin;; eines starken 
Aszites einlier. FiUilt man darcb HiiQere Pal- 
pation oder durch bimanuelle rntersuchang 
derbe, feste, knotige Partien, so ist die Diagni 
gesichert. Die bedeutende Kachexie erleiclitert 
die Entscheidung. 

Die T h e r a !> i c der Eierstorkazysten ist 
derzeit nur mehr eine operative, da man 
duroh Znwurten riskiert, ein Karzinom in 
seiner Entwicklung vorankommen in lassen. 
Kleine Zysten, etwa bis zu HühnereigröBe, 
kann man recht wohl auf Taginalem Wege 
esstirpieren, gröBere Zysten werden auf abdo- 
minalem Wege entfernt. Nnr für radikal nicht 
mehr operable Tumoren und bei sehr alten 
Frauen ist die Punktion und Entleerang 
Zysten statthaft. Dieselbe kann mittelst Troi- 
karts sowoltl von der Scheide als auch 
den Baochdeoken her vorgenommen werd( 

Bei der Ovariotoroie macht man eine nicht 
allzn groQe Inzision, setzt in die Zystenwand 
eine kleine Öffnung mit dem Messer und läßt 
die Flüssigkeit in hohem Strahle abfiteBen; 
beim AbfluS des Zysten Inhaltes darf nichts in 
die Bauchböhle gelangen, auch wenn der In- 
halt nicht eitrig ist. Sodann entfernt man den 
Zystenaack, indem man nach Lösung even- 
tneller Adliäsionen den Stiel partienweise 
tigiert nnd dnrchtrennt. Bei bilateralen Ky- 
stomen und bei Verdacht auf maligne Degene- 
ration nimmt man den Fandns, eventuell das 
gan^e Korpus uteri mit. 

Bei plötzlicher Stieltoraion kann die rasch 
ausgeführte Ovariotomie geradezu lebenarettend 
wirken. Ist durch Ituptur der Zyste kolloide 
Flüssigkeit oder gar Eiter in die Bauchhöhle 
gelangt, so ist dieselbe, insbesondere der 
Donglas, sorgfältig anszatnpfen. Ausspülung 
der Peritonealhöhle ist hierbei nicht bloB w 
kangsloG, sondern auch gefthrlich. Besondc 
Vorsicht erheischt die Lösung von Adhäsionen 
am Netz und Darm. Defekte der Dannseroaa 
sind durcli L.tuBEBTaclie Suturen sorgtKlti 
za vereinigen. Ist kein eitriger oder sonst 
verdächtiger Zysteninhalt in die Bauchhöhle 
gelangt, so ist der vollkommene Verschluß 
der Bauchwnnde angezeigt; ansonsten kann 
man dnrch den unteren Wnndwinkel einen 
(iazcf^treifen bindurcbführen. 

2. Dermoide, Teratome. Die ersteren 
stellen rnnde Gescbwülste von ver.whiedencr 
Größe dar, welche ana Teilen des Eies, und 
zwar ans allen drei Keimblättern hervorge- 
gangen sind. Doch ist der Entstebungsmodus 
sowie die Bedingungen der Dornioidbildung 
noch vollkommen unbekannt, ."^iu stellen einen 
Sack von Kirsi-ben- bis MannsknpfgröUe dar, 



in welchem tlässi^es, im Freien starr »erdendem 
Fett, darin Knochen, Zähne. Haare, bautförmige 
Partien mit Drüsen und WolDiÄrchen , Him- 
aubetanz, Muskelfasern, Augenteile, Nerven, 
selbst Lungengewebe gefunden werden. Sie 
sind stets nnilokulär, manchmal doppelseitig. 

Die Teratome sind solide Tamoren , welche 
den Charakter einer Zyste nicht mehr auf- 
weisen und regellos die verschiedensten Körper- 
etemente enthalten. 8ie wachsen schnell und 
neigen auch zu maligner Ejitartung. während 
die Dermoide langsam wachsen und niemals 
maligner Degeneration anheimfallen. 

Die Dermoide sitzen breit anf nnd ver- 
wachsen leicht mit den Nachbarorganen. Der 
Tnoior kann sich auch unter Entfaltung der 
beiden Blätter des Ligamentum latuni gröQten- 
leila zwischen diesen ausbreiten, den Uterus 
seitlich verdrängen und der Länge nach aus- 
ziehen. Auch ins Mesenterium der Flcxur und 
unter jenes des Zok am kann der Tamor 
emporwachsen. Die intimen Verwachsungen 
mit den Kacbbarorganen erschweren oft die 
Erkenntnis der Topographie ungemein. 

Die Diagnose wird durch CTentuell tastbare 
knöcherne Gebilde im Innern der Zyste er- 
leichtert. Auch gelingt es mitunter, aber 
durchaus nicht immer, durch Fingardruck 
eine Delle im Tumor zu erzengen, die längere 
Zeit bestehen bleibt. DaB dies nicht immer 
gelingt, Iwruht darauf, daß das Fett bei Kör- 
pertemperatur flüssig ist. Doch kann der dichte 
Haarknäuel im Innern der Dermoidzyste even- 
tuell das Bestehenbleiben der Delle verursachen. 
Nicht selten ist es notwendig, sich genau an 
die Anamnese zu halten, um eine Extranterin- 
schwangerschaft ausschließen zu können. 

Die Therapie ist operativ. Im Hinblick 
auf die meist ausgedehnten Verwachsungen 
ist meist die abdominale Eistirpation der 
vaginalen vorzuziehen. 

3. Fibrome des Eierstockes. Hervor- 
gegangen aus dem bindegewebigen Stroms 
des Eierstockes, stellen diese OeschwQlsle rnnde 
oder unregelmäßig geformte Tumoren dar, 
deren Größe meist nicht bcdeatend, in seltenen 
Fällen aber geradezu exzessiv ist. Daa Fibrom 
stellt im Beginne entweder eine gleictimSßige 
Vergrößerung des Eierstockes dar, oder es 
bildet sich als zirkumskripte Exkreszenz an 
irgend einer Stelle der Ovarioloberfläche. Die 
Konsistenz der Bindegewebsgescb Wülste ist derb, 
die Tumoren sind, wenn sie größer geworden 
sind, gestielt, beweglich und wenn sie groß 
sind, von Aszites begleitet. Die Eierstofksfi- 
brome können verkalken, aber auch erweichen 
nnd zystische Entartung zeigen. Auch ist 
sarkomatöse und myxomatöse Degeneration 
nicht selten. 

Die Therapie ist wegen der Gefahr einer 
malignen Degeneration operativ.nm so mehr, als 



273 



OVAKIUM, TUHOltEN DEM. 



274 



es nur in sehr wenig Fällen möglich ist, 'darcli 
dir Diagnose eine sichere Entscheidung 
sehen Fibrom und beginnendem Sarkon 
milen. 
4. Karzinom des Eiaretookea. 

Elerstockekrcbs geht hervor entweder 
vom Keimepithel oder vom FoUikelepithel. 
Aach darch karainomatöse Degeneration 
slisch entarteter Ovarien kommt es nicht 
seilen zum Eierstockskreba, In den beiden 
ersten Fallen handelt es sich um Tnmoren 
von bedentender Härte and Ansdehnong bis 
iD KindekopfgTöBe, welche bedeDteode Schi 
iBn verarBSchen uid Terscbieblicb im Becken 
sitzen. Der zameist begleitende Aszites, her- 
röbrend von der Neufaildang selbst, teils von 
der FeritonealreiEong, erschwert die äußere 
P&lpation. Aber nach Ablassen des Aszites 
kann man Dicht selten die höckerigen, gr 
TQmoron, welche sehr hanflg beiderseits sitzen, 
konstatieren. Neben der vaginalen Unter- 
nicbimg ist auch die rektale Unteren clinng 
Ton hohem Wert für die Diagnose. Handelt 
es sich Dm maligne Entartnng zystischer Eier- 
atockstamoren, so findet man neben steinharten 
Partien auch finktnierende Stellen. 

Sekand&re Karzinome des Eierstocks bei 
Krebs des Uterus, der Blase, des Eektnm 
und Feritonetim sind ün hILufigee Torkomm- 

Charakteristisch fQr die Karzinome des Eier- 
stocks ist das Spfijlicherwerden nnd vollBtlln- 
dige Schwinden der Menstruation l>ei den oft 
noch recht jugendlichen Kranken. Die Schmerz- 
haftigkeit nnd der Aszites sowie diu b&ckerige 
Oberfläche der harten Tnmoren sichern die 
Diagnose. Die Therapie besteht in möglichst 
frühzeitiger Operation, wobei beide Ovarien 
zo entfernen sind. Doch ist die Prognose eine 
sehr tranrige. 

Der Krebs des Eileiters als Primfir- 
erkrankong kommt ungemein selten vor. Da- 
gegen ist die Tnbe sehr oft bei vorgeschrittenem 
Krebs des Utema, der Blase, des Mastdarms 
nnd Banchfells mitergriffen. 

Die Diagnose ist nur im Zusammenhalt 
mit dem primären Tumor zu stellen. 

Die Therapie, bestehend in möglichst früh- 
zeitiger EiCEtirpation , hat nicht viel zu er- 
hoffen. 

Hunde nnd breite Mutterbänder, d»s 
parannetrane und parakolpische Binde- 
gewebe können auch vom sekundär über- 
«ncbernden Karzinom ergriffen werden. Das 
ronde Matterband kann sogar primüre Kreba- 
knoten enthalten, welche aus versprengten 
^chlänclien des WoLPschen Körpers hervor- 
j;ehen. Von klinischer Bedeutung sind kar- 
zinomatöse Veränderungen der Mutterbänder, 
insbesondere aber der Parametrien dann, wenn 



es sich nm die Bestimmung der Uperabiütät 
eines Uteruskrebses handelt. Die (jrenze der 
Operabilität wurde bekanntlich in letzter Zeit 
dnrch die Vervollkommnung der Operations- 
mothoden wesuntlich verschoben und man ex- 
stirpiert heute auch bei weitliin und intensiv 
harzinomalös ergriffenen Parametrien den 
Utems mit seinen Adnexen. 

Die Prognose wird jedenfalls dnrch ein 
vom Krebs frei gebliebenes Farametrinm bei 
Vorhandensein eines Gebärmutterkrebses we- 
sentlich gebessert. 

Die Bestimmnng, ob ein Parametrium vom 
Krebs ei^riffen ist. geschieht am besten per 
rektnm. Das karzinomatös entartete Para- 
metrium ist steinhart, immobil und gibt dem 
Fingerdracke nicht nach, während ein chro- 
nisch entiündetes oder narbig verändertes 
Parametrium sich gegen die vordere Becken- 
wand verdrängen läBt. 

Nicht nur die Exatiniation des Ulems per 
laparotumiam , sondern auch die vaginale 
Methode mit Hilfe des ScHucHAROTschen Para- 
vaginalschnittes ermöglicht die vollkommene 
Entfernung des gesamten paravaginalen und 
parametranen Oewebes nebst den Sakronlerin- 
ligamenten. 

5. Sarkom des EierstookeB. Dasselbe 
t eine relativ seltene, am hanfigsten bei 

kleinen Mädchen nnd jugendlichen Frauen 
vorkommende Geschwulst; es handelt sich 
meist nm Rundzellensarkome , seltener um 
ipind eizellige. Häutig findet sich dabei Kom- 
bination mit Fibrom, Adenom , Mysom. Der 
Tumor kann erweichen, zjstisch degenerieren, 

n Hämorrhagicn durchsetzt werden. 

Die Sarkome sind sehr bösartige Geschwülste, 
führen rasch zu Verwachsungen mit den Nach- 
barorganen nnd stir Substitution deren Ge- 
webe ; die Sarkommassen durchsetzen das 
Banchfelt, die Darmwand, die Blase, den 
Knochen. 

Die Dia^inose ist sehr schwierig, die 

lierapio operativ, aber von ziemlich 
schlechter Prognose. 

6. Die Endotheliome des Eierstockes 
sind karzinomähnliche Tumoren mit deren 
klinischem Verhalten, Sie gehen hen'or ans 
den Endothel ien der LnnphgeföOe. 

7. I>ie Enohondrome des Eierstockes 

ind sehr selten vorkommende Geschwülste, 
ie meist in Kombination mit Fibrom oder 
Sarkom des Ovariiuns zu beobachten sind. 

8. Die Ovanalangiome kommen überaus 
selten vor. Den Oefißturaoren kommt insoterne 

Bedeutung zu, als sie zu schweren inneren 
Blutungen fuhren können, deren Ätiologie 
der Köliotomie nicht zu erkennen ist. 



Fr 



Coosle 



275 



OXALURIE. - OZAEMA. 



276 



OXMUrie wurde von eDgÜBchen Autoren 
(pBOTT, OoLDiHO, BiHD n. A.) imd von dem lUliener 
Cantan: ein Krankheitebild genannt, welches 
dnicb Anftreten zahlreicher OzalatkriHtaile im 
Harn und durch eine Reihe nervöser Symptome : 
allgemeine Schwache, leichte Ermüdharkeit, 
tiaarige Verstimmang (daher Bezeichnung der 
KalkoiBlatkristalleals Kristalle der Melancholie), 
ferner dnrrh Anftreteo vager rhenmatischer 
Schmerzen in Lenden- nnd Nierengegend, durch 
VerdannngeBtörungen gekennzeichnet sein soll. 
E^ ist wohl zweifellos, daG unter dem Namen 
der 0. vielfach Kran kh ei tszn stände bezeichnet 
werden, die bei genauerer Analyse der Symptome 
unter andere Kategorien rangieren mnBten, nnd 
es ist der Begriff der 0. »le Krankheit sni 
generia entweder ganz fallen zu lassen oder auf 
eine sehr kleine Qruppe von F&llen zu be- 
schränken. Dagegen kommt der Vermehrung 
der Oxalsäure im Harn eine diagnostische Be- 
deutung insofeme zu, als sie anf das Beetehen 
einer Stoffwechselstörung hinweist, welche mit 
einer Verminderung der Oxydationskraft des 
Organismns einhergeht. Von P. Meveh wnrde 
0. mit Diabetes mellitus in engen Zusammen- 
hang gebracht und als Vorlftufer desselben be- 
trachtet. Die quantitative Bestimmung derSänre 
ist mit grofien Schwierigkeiten verbonden nnd 
wurde in einwandfreier Weise bisher nicht 
allzn häufig durchgeführt. Die Menge des als 
Sediment ansfallenden Oxalsäuren Kalkes ist 
dem absoluten Worte nicht immer parallel, 
kaim aber doch in weiten Grenzen ah Maßstab 
dienen, da ein Oxalataediment erat dann anf- 
tritt, wenn mehr als 00016% Oxalsanre im 
Harn enthalten sind. Die Harne haben meist 
ein erhöhtes spezifisches Qewicht, sind etwas 
dunkler, enthalten Spuren EiweiB, reduzieren 
sehr intensiv FKHi.iNosche Lösung nnd lassen 
oft auch Spuren Azetons nachweisen. Im 
Sediment finden sich oft 40—100 und mehr 
Kristalle von oxaUaurem Kalk in jedem Ge- 
sichtsfeld. Katz. 

Oxymis vermiknlaris s. Darm- 

OzftOnft nennt man eine chronische Bnt- 
zandung der Nasenschleimbaut, bei welcher es 
zur Absonderung eines abundanlen, sehr 
rasch zu Borken vertrocknenden Sekretes 
kommt und ein übler Geruch der Sase ent- 
strömt. Bei längerer Dauer der Erkrankung 
kommt es dann zur Atrophie der Schleimhaut 
nnd seihst der Nascnmnscheln, nnd das lie- 
njchsvermögen wird abgeschwächt oder geht 
ganz verloren (inkomplette oder komplette An- 
osmie). 

Was die Ätiologie dieser Erkrankung be- 
trifft. 60 ist es trotz der vielfachen, nach dieser 



Richtung bin geleiteten Untersuchungen bisher 
nicht gelungen, eine auch nur balbwi^ halt- 
bare Erklärung fQr das Znst&ndekommen der- 
selben zu finden, and nur das eine ist dnnji 
genaue statistische Vergleichungen featgestellt, 
daß sie bei Frauen viel häufiger aogetroSen 
wird als beim männlichen Geschlecht«, ohne 
aber daraus irgend einen SchluB ziehen zn 
können. Zunächst nahm man an, das die Atro- 
phie das Primäre sei und daS die Patienten 
sich infolge der enormen Weite der Nasenhöhlen 
nicht gehörig schneuzen können , so dafl die 
Sekrete nicht heransbefördert werden nnd in 
Borken vertrocknen. Dem gt^en&ber stellt die 
Er&hrung, daQ es Atrophien der Nasenschleim- 
hant gibt, welchedarch andere Momente herror- 
gemfen werden, und bei denen ei niemals znr 
Bitdung von Borken und zur Entstehung das 
üblen Geruches kommt, trotzdem auch bei 
diesen die KaMnhöhlen sehr weit sind. — Dann 
meinte Yoltolini , daG die eitrigen Erkran- 
kungen der Nebenhöhlen der Nkse die Ursachen 
der E^cbeinnngen der 0. seien, weil bei den 
Eiterungen der Nebenhöhlen mitunter auch ein 
übler Geruch wahrgenommen wird. Aber ab- 
gesehen davon, dafi der Geruch des Eiters der 
Nebenhöhlen sich von dem Gerüche bei 0. 
wesentlich unterscheidet, findet man nicht bei 
jeder 0. auch eine eitrige Erkrankung irgend 
einer Nebenhöhle, und dann vermiBt man bei 
den Nebenil öhleneiterungen gewöhnlich die 
Borkenbildong und die Atrophie der Nasen- 
Bchleimhant. — Eine weitere Anschauung war 
die, daS die 0. durch dyskrasischc Prozesse, 
namentlich durch Skrofulöse und S)~phli3, 
bedingt werde; aber ancb diese Ansclianung 
ist nicht haltbar angesichts der Erfahrung, 
daß die 0. zumeist sonst ganz gesunde Indi- 
viduen beföUt nnd dafi die Skrofulöse und 
die Sfphilis nicht einmal ein besonders dispo- 
nierendes Moment für diese Erkrankung abgibt 
Es inuQ auch festgehalten werden, daS es falsch 
ist, die verschiedenen Gewebsveränderungen, 
welche die Lues in der Nase hervorruft und 
deren Gefolge ebenfells übler Geruch einher- 
geht, als 0. zu bezeichnen ; es sind dies ^e- 
'öhnlicli Ulzerationen der Schleimbaut cxler 
Knochenerkrankungen, welche zur Entstehung 

üblen Geruches Anlaß geben, und diese 
Krankheitsbilder sind doch wesentlich verschie- 
den von dem, was man sonst als 0. bezeichnet. 
— Weitere ErklBrungen für das Entatehen 
der 0. nehmen bakterielle Ursachen an. so 
glaubte Ahri. den als Bazillus mnkodue. 

K den Bazillus foetidus als Ursache 

der 0. ansprechen zu dürfen; bis jetzt ist 

jedoch noch nicht gelnngen, die äliologisi^he 

Bedentnng dieser Bakterien für die O. in 

zweifelloser Weise festzustellen. 

in den Symptomen ist in erster Linie 

flble Geruch zu erwähnen, dem die 



277 OZAl 

Knnkheit ihren Namen Terdankt nnd der bo 
intanfiT ist, daB er nicht bloB von den Erajikeu 
■dbat, sondern anch von anderen, zuweilen 
■chon Bof weitere EHatanien vahigenommen 
wird. Er iet von sftBlich-rMziger Qualität and 
unterscheidet sich erbeblich von dem Qemche, 
den k&rifiae nnd nekrotische FrozeeEe am Kno- 
chen enengen. Dabei klagen die Kranken 
infangB aber Verstopfang der Nase, zuweilen 
&ber Schmerzen in der Nase oder an der Nasen- 
vnizel, fiber Eingenommenheit des Kopfee, 
aber Cblichkeiten , EkelgefQhle, welche sich 
bia zam Erbrechen steigern können. Bei Iftn- 
gerer Daner der Erkrankung verlieren die 
Kranken das Qcmchs vermögen, sie empfinden 
dann den ftblen Qerach ihrer Nase nicht mehr, 
de bemerken aber, wie sich die Lente von 
ihnen znrßckzieheD, sie meiden infolgedessen 
den Verkehr mit anderen Menschen, sie worden 
verstimmt, melancholisch. In diesem Stadinm, 
wo die Atrophie tiereita vorgeBchritten ist, ist 
dieNase genügend durchgängig nnd die sclimerz- 
haften Empflndnngen im Gebiete des Trigeminns 
sind gesch wanden. ObjektiveiehtmonimNasen- 
innem groBe Massen grünlicher Borken, welche 
oft die ganze Nasenschleimhaut übcrkleiden 
nnd BO fest der Unterlage anhaften, daU man 
sie nur mit MQhe mit der Komzange entfernen 
kann nnd sie dann als röhrenförmige Änagtlsse 
der Kasenhöhle zutage fördert. Die t^chleimbaut 
ist dabei anfangs geschwellt, znmeist auch ge- 
ratet, mitnnter erodiert, leicht blatend; im 
atrophischen Stadium dagegen erscheint die 
Schleimhant dQnn, blau, and bei den höchst- 
gradigen Atrophien nur wie eine sehr dQjine 
Membran, unter welcher anch die Huscheln 
geschwunden eind, so daB das Naaeninnere 
eine gerlumige Höhle mit glatten Wandnngen 
darstellt, durch welche man bei guter Beleuch- 
tung die hintere Wand des retronasalen Baumes 
von vorne her sehr gut sehen kann. Der atro- 
phische ProzeB macht sich auch beim Stütz- 
gewebe der Nasenflügel geltend; die Nasenflägel 
sinken eiu, die Nasolabial&lte vertieft sich, 
die Nase wird gegen die Spitze zn niederer 
nnd breiter, nnd hierdurch wird die ganze 
Pbjsi<^omie derart verändert, daB man schon 
beim bloBen Anblicke eines derartigen Kranken 
mit groBer WahrBcheinlichkeit auf das Vor- 
handensein von 0. schließen kann. 

Die Kaclien schleim hant erscheint in den 
meisten FftUen von 0. mitergriffen, sie zeigt 
entweder die Verändernngen des chronisclien 
trockenen Katarrhes (Pharyngitis sikka) oder 
dieselben VerSudernngen wie die Nase selbst 
(.Owena pharTUgis). Ebenso kann der ProzeB 
auch tiefer hinunter in den Larynx und in die 
Trachea sich fortsetzen nnd die sogenannte 
Oiaena laryngis et tracheae hervorrufen. Man 
naht anch ans diesem Verhalten, dafi die 0. 
eine Erkrankung sni generis ist, daB sie somit 



ENA. 278 

mit keiner anderen Erkrankung verwechaelt 
werden kann nnd darf. 

Die Diagnose wird bei der Inspektion der 
Nase ans dam Nachweise der Borken und der 
Konstatiernng des gleichzeitig vorhandenen 
ttblen Qemches gemacht; eine Verwechelnng 
könnte nur dann stattfinden, wenn syphilitische 
Ulzerationen und Kn och enerk rank nngen in der 
Nase vorhanden sind, auf welclien sich Borken- 
anflagerungen vorfinden nnd bei deren Vor- 
handensein ebenfalls ein Ubier Gemch ans der 
Nase wahrgenommen wird. Wenn man aber 
das Kaseninnere von den anhaftenden Borken 
reinigt nnd hieraaf die Schiejmbant- oder die 
Knochenerkranknng zutage tritt, dann ist jeder 
Zweifel benommen, weil bei der 0, 'niemals 
Uliera beobachtet werden. — Vor der Ver- 
wechslung mit einer eitrigen Erkrankung einer 
oder mehrerer Nebenhöhlen der Nase wird 
eine sorgftltige Unterenchnng der Nebenhöhlen 
schätzen (s. ,Nebenhöhlenerkranknngen'). 

Ebenso werden anf anderer Basis, bei Kar- 
zinom , Lapns etz. entstandene Ulzerationen, 
die mit Borkenbildnng und üblem Oreruchq 
einhergeben, leicht von der eigentlichen 0. 
unterschieden werden können. Mit der einfachen 
atrophischen Rhinitis wird wohl die 0. kanm 
je verwechselt werden können, weil bei jener 
Bowolil die Borken als anch der Qble Qemch 
vermiBt werden. 

Nachdem die Ätiologie der 0. bisher noch nicht 
erforscht ist, somit das eigentliche Wesen der 
Erkrankung noch in Dnnkel gehüllt ist, kann 
anch die Therapie keine kausale sein, und 
so sieht man je nach den verschiedenartigen 
oben namhaft gemachten Anscbannngen anch 
die Therapie sich in verschiedenen Bahnen 
bewegen, ohne dafi es bisher gelangen w&re, 
eine sicher wirkende Behandlung ausfindig zu 
machen. Es wnrden Pinselnngen der Nasen- 
schleimhant mit allerlei Adetringentien , mit 
Jodglyzerin, mit antiseptischen Lösungen, es 
wurde die Auskratzung der erkrankten Schleim- 
haut mittelst scharfer Löffel oder deren Zer- 
störung mit Galvanokaustik versucht, jedoch 
ohne nennenswerten Erfolg. Auch die elek- 
trolytische Behandlung der erkrankten Schleim- 
hant sowie submnköse Paraffininjektionen, 
die zum Zwecke der Einengnng des übermäBig 
erweiterten Nasonlnmens empfohlen wnrden, 
vermochten keine Heilung, ja selbst nicht in 
allen Fallen eine Besserung herbeiznführan. 
^ Man ist somit auch heute noch immer auf die 
symptomatische Behandlung angewiesen, welche 
den Hauptzweck verfolgt, den üblen Geruch 
zn beseitigen, nm den Kranken die Möglichkeit 
zn bieten, ihrem Erwerbe naclizugehen, ihren 
sozialen Pflichten nachznkommen. 

Der üble Geruch haftet immeran den Borken, 
sobald diese somit entweder sich nicht bilden 
können oder , wenn sie bereits gebildet sind, 



279 OZA 

recht mach aus der Nase wieder entfernt wer- 
den, daon wird, trotzdem die Erkrankung in 
onvertnderter Form und Stärke fortbeetelit, 
kein Oeracb wahrgenommen werden. Dieser 
Zweck wird am besten erreicht einerseits durch 
flbasige Ausspülungen der Nase mit lauwarmen 
Eoclisaldöanngen (1 Kaffeelöffel Kochsalz für 
II Wasser), die man je nach der Intensität 
der Erkrankung J— 2— 3mal täglich vorneh- 
men läfit, andrerseits aber durch Einlegen von 
Wattewieken (etwa 4 — 5 cm lang und blcistift- 
dick) oder znsammengeroUter Oaze, welche man 
titglich zirka SSinnden lang in der Nasenhöhle 
liegen Isüt Die Watte- oder Gazeeinlage ruft 
als fremder Körper eine raschere nnd kopiö- 



sere Sekretion der Schleimhaat hervor und 
dadurch wird das Vortrocknen des Sekretes 
zu Borken verhindert. Das Bestreichen der 
Watte- oder Gaze wieken mit einer 10%igenEnro- 
phensalbe hat sich auch als sehr vorteilhaft 
erwiesen. Aufierdem ist hervorzuheben, dafi es 
sicbempfiehlt, nicht beide Nasenhftlften zugleich, 
sondern eine nach der anderen in dieser Weise 
zn tamponieren, damit die Naiienatmnng min- 
destens durcli eine Hälfte anfrecht erhalten 
bleibe. — Die Erkrankung ist eine äuBerst 
chronisch verlaufende, es muQ daher diese 
Behandlung unentwegt durch Monate, ja oft 
Jahre hindarch fortgesetzt werden. 

Roth. 



DigilizeflUyGoOgle 



Paohydemiialarynflscr^/ ü( dicii). 

Unter P. 1., ancb P. 1. diffusa (Vibchow) vor- 
steht man eine Trübung, Verdickung and 
Verhonmng des Epithels. (Die P. 1. lirknra- 
Ekripts oder verrnkosa ist nacli Virchow iden- 
liach mit dem Papillom.) Alle Momente, welche 
eine chroniBche Laryngitis erzeugen, können 
anch za einer Pachydermie fuhren, inebesOD- 
üere begOnstigt also auch Alkohol, Tabak 
und MiBbrancb der Stimme die Entstelinng 
der P, 1. Die dnrch Tnbarkolose oder Syphilis 
bedingten Formen nennt man aach akzes- 
sorisch oder symptomatisch im Gegen- 
satz znr einfach katarrhalischen, der primfi- 
reu oder idiopathischen Pachydermie. Bei 
der Pachydermie wird das Epithel Übereinan- 
der geschichtet, es rerhomt, die Papillarlinien 
werden vermehrt und die Papillen vergröBert. 
Dieser VerhomongsprozeB kann sich an allen 
jenen Stellen abspielen, an denen Plattenepi- 
thel vorhanden ist oder sich das Flimmer- 
fpithal in Plattenepithel umgewandelt hat, 
welcher Vorgang dann als Folge fortgesetzt 
cinirirkender Reize aufzufassen ist. 

Die Pachydermie hat ihren Sitz oft an der 
[nteraryt&noidscbleLmbaut, wo die Verdik- 
knngen in Form von weißlichen oder grauen 
glanzlosen Z&ckchen vorspringen , znweilen 
aach groGe Dimensionen annehmen njid dp 
QlottisBcblaB hindern. Bei der SprBdigkeit 
des verhornten Epithels kann es an dieser 
Stelle, wo die Schleimhaut sich bei jedem 
Phonations- und Schlingakt in Falten legen 
nnd dann wieder glitten mtiB, also auf me- 
chanischem Wege leicht zu lieferen, schmerz- 
haften Einrissen kommen; ce entsteht dann 
räi Bild, welches sich mit der von Si^nk bv- 
schriebenen Fissura laryngis deckt. Ein ty- 
piäcbea Bild bietet sich dar. wenn die Pachy- 
dermie auf den Proz. vokales ihren 
hat; es entstehen symmetrisch anf beiden 
^iten Verdickungen. Die Entstehung solcher 
Wfilste wurde auch klinisch beobachtet. Der 
mangelhafte lilottisschluB führt zn Heiiierkeil, 
doch bessert sich die Stimme allmahlicli im 



Laufe von Monaten , mitunter Jahren, Die 
Wulste schleifen sich nlimlich auf ihrer höch- 
sten Wölbung allmählich durch den Phona- 
tionsakt gegenseitig ab und bekommen mulden- 
förmige, samtartig aussehende Vertiefungen, 
in welcJje schÜeBlich die vorstehenden Rander 
der gegenöberliegenden Mulde bei der Pho- 
nation hineinpassen , so daB der GlottisschluB 
sich bessert (Fig. 21). Die Delle entwickelt 
sich also, wie jetzt zimieist angenommen wird, 
sekundär and in dem MaBe, als sich die 

Flg. ai. 



Protuberanzen abschleifen, wini die f>timm- 
störung allmählich geringer. 

Ob die schalenförmigen Gebilde nicht anch 
in der Weise entstehen können, daB die Srbleim- 
haut um die vertiefte Stelle herum, wo sie 
straffer filiert ist, zn wuchern beginnt, d. h. 
ob lücht auch ein« prirnftre Dellenbildung 
vorkommt, ist nicht mit Sicherheit bekannt, 
doch ist eine derartige Entwicklung bislier 
klinisch niclit verfolgt worden. 

Die Prognose der P. ]., soweit es sich um 
die einfach katarrhal i sc lic oder idiopathische 
Form handelt — und nur die«.' veniient eine i 

eigene BoBi'ii'bung — , ist eine ^ah: Ein t'berJOQIt 



PACHYDERMIA LARYNGIS. - PACHYMENMOITIS. 



2M 



gaog in K&czinom norde bieher nicht be- 
obachtet 

Die Diagnose der P. I. iet leicht, wenn 
roaji diese zonieiBt ajmmetriHcb an den Prox. 
vokaleB aoftretendeo, mit Mulden versehenen 
WUste sieht nnd eine Verwechainng mit anderen 
pTOEessen, inebMondeie auch mit tnberknlÖBen 
QeschwüMD ist nicht leicht möglich. 

Eine Bebmndlung der P. 1. hat Platz zu 
greifen, wenn Beschwerden voriianden sind, 
insbesondere wenn sich StimmBtörnngsn an- 
stellen. Man kann Teraachsweise innerlich Jod- 
kali in kleinen Dosen Terabreichen and Pin- 
selnngen mit UilchsSnre (60%) oder Salizfl- 
sfinre (10°/o) versnchen. Bleibt diese Bebandlnng 
erfolglos, so kann man die vorstehenden Wülste 
mittelst Oalv&nokanstik zerstören, oder beswr 
noch, sie mit der Doppelkllrette abtragen. 
Rfrmj. 

PaObyineilintitis =Gntzßndnng 
dar Dnra mater. Wir müsuen nnteiscbeiden : 
1. P. zerebralU. 2. P. «pinn/w. 

Zu 1. a) P. externa. Diese Entzttndongen 
schliefen sich immer an Erkrankungen 
der Scliftdelknochen an, sei es, da£ es sich nm 
Laes oder Taberkalose handelt, sei es, daB 
Tranmen vorhergegangen sind. Die Ohreiterun- 
(len, welche sich anf die Dura fortpflanzen, 
können za extiadaralen Abszet^en f Obren. 
Diese werden an anderer Stelle besprochen 
(HirnaliMeS). 

b} P. interna. P. haeraorrhagika interna, 
anch Hftmatom der Unra mater, 

-Sie kommt zostande entwedei* seknndar, 
nachdem entzündliche Anflagerangen mit reich- 
licher üeftfibildang sich entwickelt haben nnd 
nnn durch Kaptar dieser OelUBe Blotergässe 
entstehen, oder die Blutergüsse sind das PrimUre 
nnd die Anflagerungen stallen organisiertes 
Blntgerinnsel dar. Das Symptomcnbild der 1*. 
haemorrha^ka interna, welches als primSres 
Leiden Insbesondere anf dem Boden des Al- 
kohol ie mos und infolge van Schlldel Verletzungen 
entsteht, kann sehr wechselnd sein, je nach 
Lage nnd Umfang der Blntung; wo es durch 
die Symptome eined primären Leidens verdeckt 
wird, ist die Diagnose kanm intra ritam zu 
stellen; die Sektion deckt hie and da Befände 
von F. haemorrhagika atif, die im Leben kein 
deutliches Symptom gemacht hatten. In manchen 
Fftllen entsteht die P. haemorrhagika durch 
starkes Pressen und Drängen etwa unter der 
Qebnrt, aber anch bei Obstjpatio alvi. Wahrend 
die F. haemorrhagika interna, sobald sie aof 
tranmatischem Wege entsteht, ziemlich plötzlich 
einsetzt, ist die andersartig entstehende von 
mehr chronischem Verlauf, sie findet sich bei 
der progressiven Paralyse, Alkoholismos chro- 
nikus, Skurbut, perniziöser Anämie, Baiu.o wacher 
Krankheit, Morbna maknloäns, Nephritis, anch 
im Gefolge der epileptischen Anftllebeig» 



Epilepsie. Diese letzteren sind aber mehr den 

bei schweren <Jlobart«n auftretenden znxnzUilen. 

Bei chronischer ^twicklnng bemerkt man 

monatelang dauernde heftige Kopfschmaneo, 
zn denen sich ein apoplektischer Insult geeellt, 
meist mit tiefem Koma, das sich ßber Tage 
nnd Wochen erstrecken kann; an den Insult 
scblieBen sich oft einseitige Kr&mpfe nnd 
Zuckungen, die wechselnd sind; die Lahm ong 
kann eine doppelseitige oder einseitige 
sein ; bemerkenswert sind Anfregongszast&nde 
ranschartigen Charakters, ähnlich denen, die 
man bei Lues zerehri findet; solche kommen 
vor Eintritt des apoplektischen InsnlteB nnd 
anch nach demselben vor. In gewissem Sinne 
charakteristisch ist das Verhalten im Koma 
nach Eintritt der Apoplexie; die Uabeainnlicb- 
keit kann nahezu sdiwinden, am nach einiger 
Zeit einem neuen tiefen Sopor Platz zamachen, 
oder der Sopor hört aberhaupt nicht ganz auf nnd 
wechselt nnr nach dem Qrade der Tiefe. Manch- 
mal entwickeln sich die L&bmnngserscheinnngen 
erst allmählich während des Komas. Sehr 
häufige und heftige KonTulsiooen sprechen 
für P. haemorrhagika. Das Verhalten der Pu- 
pillen ist wachsebid, meist sind beide eng. 
andere Male nur die der Seite der Hämorrhagie 
entsprechende. Stauungspapille kommt vor. 
Fieber ist bei P. haemorrhagika häufiger als 
bei der Himliämorrbagie ; hyperpyretische 
Temperaturen sind ein böses Anzeichen. In 
leichten Fällen kommt es zn keinem Koma, 
meist aber sind heftige, dumpfe Kop&chmerxen 
von bestimmtem Sitz vorhanden. 

Differentialdiagnostisch soll noch hin- 
zugefügt werden, daS bei plötzlich ohne wesent- 
liche Vorboten einsetzender Erkrankung and 
besonders wenn man den Kranken erst im Koma 
sieht, nicht za sagen Ist, ob es sieb um P. 
baeroorrhagika oder um Haemorrhagia zerebri 
handelt. Tumoren des Gehirns lassen das Fieber 
vermissen nnd die Stanungspapille tritt regel- 
mäßiger nnd friUier auf. 

Von größerer praktischer Wichtigkeit sind 
die akut entstehenden tranmatischen HSma- 
tome der Dnra mater; sie entstehen durch Ue- 
waltein Wirkung auf den Schädel nnd es kommt 
entweder zu eitraduraler Hämatombildung, 
deren Blntinhalt aus der Arteria meningea 
media stammt, oder zu Haemorrhagia interna 
mit Zerreiflung von Piavenen. 

War die Oewalteinwirkung von schweren 
KommotionserscIieinnngeD gefolgt, so treten die 
Symptome der P. haemorrhagika noch nicht so 
hervor; es kommt anch vor, daB nach Bück - 
gang der speziell tranmatischen Symptome ein 
mehr weniger freies Intervall auftritt nnd 
dann erat die Symptome der P. akuta nea ein- 
setzen. Sie bestehen in Koma, das sich an ein 
Aufregungsstadinm anscblieSt, mit Verlang- 
samong des Pnlscs und Reiz- bzw. Aus&llser- 



PACHTMENlNams. 



Tom Orte der Hämatom bildung 
md deren Umfang sbbBngig sind. Ob das 
Himatom extra- oder intradoial eitzt, wird sieb 
kinin sicber entacbeiden lasaea; beobachtet 
«rrden JitCKROüacbe Krämpfe, ancb allgemeine 
lüAmpfe, Hemiple^e, Apbaaie, Die Entwicklang 
kann eine aUm&hlicbe sein, die mit der Aoi- 
breitong de« Blntergnssea znoimmt. 

Die Seite der Blntang ist im Koma oft 
icbwer xa bestinuneD, aie entspricht meist, aber 
nicht immer dem Orte der Gewalteinwirlinng; 
die I-Ahmnngiit kontralateral zn snchen, aber 
im Koma Ifcfit dieses Sjmptom im Stiche; 
manchmal siebt man eioe Abflacbong der 
Atmnng anf der Seite der Lftbmang und kann 
darana anf den Sitz des Herdes (kontralateral) 
schlieBen. 

Therapie. Die Behandlnngder aknten tran- 
matischen P. baemorrhi^ika, des Haematoma 
ttaomatikom kann nur eine operative sein; 



liehen Umfang annehmen, so daß das RQcken- 
matk nnd die Wnrzeln stark bedrAn^t werden. 
Wenn aai?h diese Erkrankung an allen Teilen 
dea Rückenmarks vorkommen kann, so he- 
Bchränktsie sich dochausonbekannten Gründen 
sehr oft anf den onteten Zervikalteil nnd kann 
ein charakleriatisches Krankbeitsbild schaffen: 
Ea lassen sich meist deutlich 2 Stadien des 
Leidens sondern, das erste, nenralgische zeigt 
heftige dauernde Schmerzen im Nacken, meist 
auf einer Seite mehr als auf der andern, die 
Nackenstarre ist mehr durch die Schmerzen 
bedingt; kann man diese ansschalton, so ist 
eine größere Beweglichkeit za erzielen. Femer 
ein dem tabiacben OOrtelgefObt ahnlicher Zn- 
stand, der aber höber oben lokalisiert ist. Die 
ausstrahlenden Schmerzen folgen im Arra der 
Bahn des Dlnaris and Medianas. Diese Nerven- 
gebiete sind es aacb, in denen sich im folgen- 
den zweiten Ktadiam die Zeichen der dege- 



PrcdigBrbud btl Pschjüii 



in^lli »rrikklii hjrpertrophlkk. (Nicfa CBABCOT.) 



die Zanahme der Drackaleigemngen , die 
Hrien. die Pols verlangsam nng, das Koma 
langen die Trepanation. Längeres Zuwarten, 
besonders wenn eher Progression als Rflrkgang 
der Erscheinangen vorhanden ist, ist vom Obel. 
Die Punktion nach dem NaissKaachen Ver- 
fahren kann versncht werden. Wo die Ope- 
ration abgelehnt wird oder ans anderen OrUn- 
den nicht ansffibrbar ist, kommt die Eisblase 
In Betracht, absolnte Rnhelage, Ableitung auf 
den Darm, Blutentziebnng im Nacken. Diexe 
letztgenannten Mittel kommen auch für die 
chronische, nicht traomatiache P. haemor- 
rliagika in Anwendung. Daneben aber Be- 
kbnpfang dea Grundleidens. Femhaltnng von 
Sch&dllchkeiten , Vermeidung unnötigen Pres- 
sen« und Dr&ngens. 

3. P. »pinalü. Hier liandelt es sich nicht 
um Blatongen; sondern um cbroniach enlzQnd- 
liche Zostände, die die Dura mater spinalis 
-- nicht allein — aller hauptsächlich betreffen. 
IHe Verdickung der Hftnte kann einen erheb- 



nerativen LUimong einstellen : da das Radialis- 
füebiet meist nicht erheblich leidet, kommt es 
im Verlauf zn jener charakteristischen Stellang 
der Hand, starker Dorsaltlexion der Hand, 
Streckung der Grand- and Bengung der End- 
phalangen. 

Im gleichen Gebiet bestehen Störungen des 
Qefilhls nnd trophische Störungen, Ekzeme, 
Pastelhildang. Schreitet das I^eiden weiter fort, 
90 kommt es za einem dritten Stadiam, Blasen- 
Ulimung, Lähmung der Beine mit spastischen 
Ersclieinungen. 

Differentialdiagnose. Wonnaucboft daa 
nntere Zervikalmark der Sitz der Erkanknng 
ist und danach die Diagnose bei charakte- 
ristischen Erschein an j!en nicht schwierig ist, 
so kommen doch aacb PiLlle mit anderem Sitz 
vor: oberes, mittleres Zervikalmark, Dorsal- 
mark; hier ist die Diagnose schivierig. Die Wir- 
belerkran kangen, z. B. die Karies, kann in fthn- 
lieber Weise mit Schmerzen nnd Nackensteifig- 
keit beginnen, doch ist hier die lokale Druck- 



.gle 



PACHYMENINGITIS. — PANABITIUM. 



schmeriliaftigkeit ausgesprochener nnd die Ver- 
steifung und Verbicgung der Halswirbels! nie 
tritt deutlich hervor; jedenfalls ist der Ver- 
lauf sehr bald ein anderer als der der P. ; 
schwerer ist die Abgrenzung von den Tamor«!! 
des Halsmarks und der Haute. Vielleicht ist 
bei diesen die Progression eine deutlichere 
und stetigere. Die Schmerzen sind bei der P, 
meist erheblicher als bei Tumoren. Mit Nenritis 
ist das Ijeiden kaum zn verwechseln. 

Therapie, Da Lnes wohl hautig im Spiele 
ist , kommen Jod und Quecksilber in An- 
wendung. Bei anderer Ätiologie sind ableitende 
Einreibungen und Pinselnngeu, Vcsikantien, 
Blutegel, bintige SchröpfkÜpfe angezeigt. Auch 
Schwitzkuren können mit all diesen Proze- 
duren verbanden werden. Oppbnbeih und 
Reh>k hatten Erfolge mit Anwendung des 
galvanischen Stromes. Flatav. 

Faget'i disease of the nippte. 

Das FAQRTsche Brustwarzen karzinom ist eine 
sehr seltene Affektion, welche zaerst im Jahre 
1874 von dem oben genannten Autor beschrie- 
ben wurde. E^ handelt sich um eine meist Ton 
der Brnfltwarze beginnende , sehr chronisch 
verlaufende, spitter in Karzinom übergehende 
Degeneration der Epidermis. Klinisch manife- 
stiert sich das Leiden zunächst nur in Gestalt 
hartnackig sich erneuernder, horniger Aufla- 
geningen oder Krusten an einer Brustwarze 
reep. in der Bildung eines erythematöseu, 
schuppenden psoriasisfthnlichen Fleckes am 
Warzenhof. In jahrelangem, sehr allm&hlichem 
Verlauf kommt es dann zur Entstehung einer 
ziemlich scharf abgegrenzten, erodierten, roten. 
nässenden, leicht körnigen oder mehr glatten 
FIftche, deren Band zuweilen ein wenig erhaben 
ist. Der Grund der erodierten Flftche bietet 
dem tastenden Finger hautig das Oeffibl einer 
ganz oberUch liehen karten p^ier&hnlichen 
Verh&rtnng (DAaiüR), die Brustwarze selbst ist 
eingezogen und rerschwindet schließlich 
ganz. Nach längerer oder kürzerer Dauer dieses 
Stadiums {2 — 10 Jahre) tauchen dann schUeQ- 
lich, meist ira Bereich der Brustwarze, kreb- 
sige Geschwüre auf, znweilen bilden sich auch 
Knoten in der Mamma selbst., allmählich treten 
Drusenschwellungen und Metastasen hinzu, die 
dann zum Tode führen. Die Krankheit beeilt 
meist Finnen, bei Männern ist sie sehr selten. 
Ausnahmsweise beginnt sie iiicht an der Brust- 
warze, sondern an anderen Körperteilen (Penis 
und Skrotum, Achselhöhle, Nabel, Bauchwand). 
Pathologisch-anatomisch handelt es sich um 
eine ganz eigentümliche, vielfach diskntierto 
VeHln<lerung der Zelten des Stratum muko»ani 
der Epidermis; die einzelnen Ketezellen ver- 
lieren nämlich infolge einer besonderen Art 
von <"idem ihre Epithelfatierung und ihren 
Stäche Ipanzer und wandeln eich za ödcniatö- 



sen Klümpchen nni. welche keine Verhornong 
mehr eingehen, der Ähstoßang anheimfallen 
und in den Schnppen und Krusten mikrosko- 
pisch nachgewiesen werden können. Man hat 
diese als ,corps ronda'' oder ,cellules dys- 
keratosiqnes" bezeichneten Zellen früher als 
pBoroepermien aufgefaßt nnd sie für den Er- 
reger der PiOK-rachen Krankheit gehalten, doch 
ist man heute von dieser Auffassung, die auch 
ihr Autor, Dahikr, langst aufgegeben hat. ^dz- 
lich znrtlckgekümmen. Ganz geklärt ist die Pa- 
thogenese des I,eidens jedoch auch heute noch 
nicht, vielleicht können wir mit Ziklkr anneh- 
men , daß die (»eschriebene Entartung der 
Epithelien gewissermaßen eine Vorstufe dar- 
stellt , die zur karzinomatösen Degeneration 
führen kann, aber, wie e. B. hei der Keratosis 
follikularts vegetans, wo die gleiche Entdiffe- 
renziernng der Zellen vorkommt, nicht zu 
führen braucht. Geschieht dieit. und zwar nach 
sehr wechselnder Zeit, doch, so greift die Ent- 
artung vom Oberflftchenepithel ans auf die 
epitheliale Auskleidung der Milchg&nge und 
Schweifidrtlsen über, die veränderten Zellen 
wachsen unaufhaltsam weiter und dringen 
direkt «der vom Innern der Drüsenansf Ohrungs- 
gange ins Bindegewebe ein (Karzinomhildungl. 
Die Progaoee der PAOErschen Krankheit 
ist wohl im allgemeinen nicht so schlecht, wie 
die der gewöhnlichen Mammakrebse, da die 
Wachstums- nnd Aasbreit ungstendenz nicht 
sehr intensiv ist. Trotzdem ist frühzeitige und 
möglichst ausgiebige chirurgische Behandlung 
in allen sicher als solche erkannten Fallen von 
PAOGTscher Krankheit indiziert (Mammaam- 
putetion). Inwieweit die in neuerer Zeit durch 
die Böntgenbestrahlong erzielten Erfolge von 
Dauer sind, wird erst die weitere Zakonft 
lehren können. Aluahubr. 

Panarltiam. unter P. verstehen wir 
jede akut entzündliche Erkrankung im Be- 
teiche der Finger, mag sie nur das Nagelbett 
(Paronychie), das Unterhautzellgevrebe IP. 
sabkntanenm),dieiSehuenscheide(P.tendineom) 
oder eine Phalange {P. osseum) betreffen. Die 
Diagnose des P. ergibt sich aas dem Vor- 
bandeuseiu der entzündlichen Röte, des 
Schmerzes, der Schwellung and der Funktiond- 
behindernng. Beim I'. snbkataneom, das meist 
am Endglied sitzt, entspricht die Schwellnng 
weder ^enan den Dimensionen einer Phalange 
noch der Ausdehnung einer Sehnenscheide. 
wodurch die Differentialdiagnoae der drei 
Hanptformen in typischen Fallen ermöglicht 
wird. Allerdings finden wir in praxi sehr haafi'.' 
Kombinationen der umschriebenen Formen 
lies P. 

Die einzig rationelle, der kausalen wie der 
syniptoniatischen Indikation gleichmäßig ent- 
sprecliendu Behandlung der akuten Entzun- 



PANARITIUM. — PANKREÄSERKBANKDNOEN. 



dang des letzten Fingeigliedea int die früh- 
zeitige InzisiOD, welche die Entleernng des 
Eiters ermöglicht oder doch vollatandige Ent- 
epannang und damit Äafhebong der befugen 
Schmerzen bewirkt nnd das Fortschreiten des 
infehrtiöaen ProzeeseB verhindert Es ist daher 
in jedem Falle von F. die Inzisioii an der 
Stelle dei deatlichsten Flnktnation nnd, wo 
letztere fehlt, an jenem Ponkte vorzunehmen, 
welcher anf Urach besondere schmerzhaft ist 
Hau sticht mit dem Spitzbistonri senkrecht in 
die Tiefe and verlängert, nachdem man einigen 
Tropfen Eitere den Answeg gebahnt, den 
Schnitt in der Ungsachse des Oliedee. Diese 
Incinonen sind ftaBertt schmerzhaß, daher 
Eokainan&sthesie nach OBEsar oder Narkose, 
am besten Ätherransch, oft notwendig, 
wenn man grOndlich voigehen will. Hieranf 
legt man einen angefenchteten Verband 
am besten mit eaaigaanrer Tonerde — 
der mindestens tAglicb za wechseln ist. Die 
Hand wird fOr einige Tage rahig gestellt 
(Schiene, Mitella). Weitere Behandlang am 
besten mit warmen BandbSdem ('/i°/m SabH- 
mat, 1% Waasersto&aperoxjd). Ist bereits eite- 
rige SehnenscheidenentzQndnng (a. d.) erfolgt, 
so ist aoBgiebige Sp&ltang, Drainage, Aoewa- 
■chaog, eventnell Belbst permanente Irrigation 
mit stärkeren antiseptischen Lösongen ('/gV* 
S^i^l' < 1*/m SnbUmatJÖaang etz.) bei verti- 
kaler Soapennon der anf der Boheschiene 
befestigten Extremität geboten. Nekrotisch ge- 
wordene Phalangen werden dorch einen seit- 
lich zwischen Beoge- nnd Strecksehnen ge- 
führten Schnitt (strahiert nnd der Finger anf 
Mner Schiene fixiert Die Behandlang der 
häufig das P. komplizierenden Lpnpbangioiüs, 
Lymphadenitis etz. s. d. SmmTELBt. 

Paukreajorkrajikimgen. Die ge- 
schätzte, verborgene Lage der Bancbspeicbel- 
drOae innerhalb des Abdomens erschwert die 
Diagnoee der P. ganz anfierordentlich. Denn 
einerseits ist dadurch Palpation der normalen, 
an richtiger Stelle liegenden Baachspeichel- 
dräse praktisch unmöglich , während die ver- 
lagerte, id est ptotische, vergröBerte oder in- 
dnriert« BauchspeichetdrOse zwar nicht allzn- 
telten palpabel wird, ohne jedoch dann immer 
mit Sicherheit identifiziert werden zn können. 
Andrerseits verleiht eben diese Lage inmitten 
anderer, häofig erkrankender Bauchorgane, die 
Ntbe des Magens, des Pjlorns, der OaUenblase 
nnd des Qnerkolons den vom Pankreas ans- 
gelöeten subjektiven Symptomen, speziell den 
pankreatiedien Schmerzen, etwas Unbestimmtes, 
Vieldeutiges, üncharakteristischeB. Trotzdem 
aber sind, insbesondere durch die klinische 
Forschnng der letzten Jahre, eine Reihe von 
Sfmptomen erschlossen worden, welche es er- 
lauben, wenigstens diejenigen P., welche zu 

I>U«u<iulKb-tb««F*atliiliM iMiikoD. m. 



einem vollkommenen Verluste der pan- 
kreatischen Funktionen geftihrt haben, 
diagnostisch zu erschlie&en , während f&r die 
leichteren Erkrankungen der Bauchspeichel- 
drttse bisher wenigstens der Weg zn ihrer Er- 
forschung angedeutet zn sein scheint. 

Die Pankreatitis, die entzündliche Er- 
krankung der Banchspeicheldrüse, scheint an 
sich nicht selten zn sein. Wenigstens fand 
Ekhb in 33% <iller von ihm operierten nicht 
nur Gallenblasen-, sondern auch Oallen- 
gangs-Kranken Mitbeteiligung der Baach- 
spei<^eldr11se, welche sich in den meisten Fällen 
dnrch Indnration deraelben, besonders in 
ihrem Kopfteil ansprftgt, also eine akute oder 
chronische, indnrative Pankreatitis 
darstellt, selten zu Pankreasnekrose oder 
PankreasabszeB führt. DaB diesen Erkran- 
kungen so selten klinische Symptome entspre- 
chen, liegt wohl in erster Linie an der anöer- 
ordentlich groBen Fähigkeit der Drüse, sslbet 
mit einem geringen Beet ihres sezemierenden 
Parenchyms ihre Oeaamtfonktion zn erftülen, 
nächstdem an der O^enwart der mehr in die 
Augen springenden cholangitischen bezie- 
hungsweise cholezystitischen (kf. d.) Er- 
krankung. Aber die Genese derartiger P. ist 
nm so plansibler. Denn ebenso wie anf den 
Duktus choledochns, so haben in diesen 
FUlen auf den DuktueWirsungianos ent- 
zßndliche Vorgänge der Darmwand durch die 
Papilla Vateri übergegriffen. 

Erst die Totalatrophie der Bauchspeichel- 
drüse macht sich dann mit einem Schlage 
dnrch eine schwere StotFnechselstörung be- 
merkbar, den Fankreasdiabetes (kf.d.), 
eine schwere, progredient« Form der Glyko- 
BOrie, in Kombination mit cbarakteristiscben 
Veränderungen des Stahles: enormer Fett- 
ansscbeidnng (insbesondere Nentralfett), 
makroskopisch erkennbaren Mnskelresten mit 
mikroskopisch erhaltenen Zellkernen, sowie ge- 
legentlicher Fftnlnis des Stahles. Speziell die 
aofischlieSlich an den pankreatischan Saft ge- 
knüpfte Fähigkeit des Verdannngstraktae, 
tierische Zellkerne zu vernichten, ergibt viel- 
leicht für die Zukunft eine branchbare Methode 
Erkennung ancb weniger hochgradiger 
pankreatischer Störungen (Ad. Scsudt), wäh- 
rend das Qlntoidkapselverfahren Siaus 
ebenfalls nur für extreme Fälle verwertbar igt. 

Pankreassteine, d.h. die immerhin selte- 
nen innerhalb des Duktus Wiraungianns lie- 
genden Konkrementbildnngen, mögen wohl ge- 
legentlich einmal der Dii^nose zugängig 
werden, wenn kolikartige Attacken den Ver- 
dacht eines Steinleidens erregt haben nnd da- 
lin akuter VerschluB des Dnktns Wirson- 
gianne plötzlich die oben geschilderten charak- 
teristischen Veränderongen der f^zes, jedoch 
ohne Diabetes, bervorraft OoOolc 

10 ^ o 



891 



PÄNKKEASERKRANKUNOEN. — PANNDS. 



Paukreaaabszesee werden wobl, nachdem 
Fieber und peritoneale Reizongssymptome zar 
Operation geführt haben, meist erst bei dieser, 
Pankreasnekroaen meist erst bei der Ab- 
dnktion richtig gedantet. 

Dia PankreaageBchwülate sind teils 
Karzinome, teils Sarkome. AnBer den oben 
geschilderten Symptomen gestörter pankrea- 
tischer Fnnktion können sie sich direkt pal- 
patorisch bemerkbar machen, sowie beim 
Sitz der Neubildung im Pankreaskopfe 
durch die KomprcBsion benachbarter Hohl- 
organe, insbesondere der Pfortader, aber 
aacb des Dnodennms und des Duktus 
choledochns. So können Aszites, Milz- 
schwellnng, Hämatemesis, Melaena, Stanang 
im Gebiete des Plexus haemorrhoidalis, Dige- 
stion sbe seh werden, Erscheinongen der Magen- 
ektasie, eventnell Ikterus in die Erscheinung 
treten. Tritt nun bei der Existenz eines Sym- 
ptom enkompleses, dar sich aus mehreren dieser 
Erschoinunfren zusammensetzt, klinisch erseits 
infolge des zeitweise wiederkehrenden Druckes 
auf den Plexus zoeliakuB noch eine sonst OQ- 
erklarliche tiefe Ohnmacht periodisch zatage, 
zn der sieb nebstbei Abgang von onverdaatem 
Fett mit dem Urin (Lipurie) oder mit den 
Stühlen (Steatorrhöe) hinzugesellt, und 
vermag man in der Tiefe der Krümmung, des 
Dnodenums einen Tumor zu tasten, ohne daB 
sonst gewichtigere Anhaltspunkte vorliegen, 
die eine autochthone Erkrankung der Leber, 
der Gallenblase oder des Magens zu erscIilieSen 
gestatten würden, so wird man klinischerseitB 
den gegründeten Verdacht ansEipreclien, dafi es 
sich um eine Neubildung im Pankreaakopfe 
handelt. Mangels eines palpatoriachen Befnndea 
könnte ein fortgesetzt in der oben beschrie- 
benen Weise charakteristischer Stuhl befand, 
verbunden mit fortschreitender Kachexie, den 
Verdacht einer Neubildnng im Pankreas erre- 
gen. Es wird alsdann besonders vor der Wir- 
belsSale, etwa ü Qaerfinger breit oberhalb der 
Nahelhorizontalen, anf eine die Linea alba fest 
senkrecht schneidende, also querliegende, diffuse 
Intumeszenz zu fahnden sein, deren Lage und 
Umlang weder anf den Magen, noch die Leber, 
die Lymphdrtlsen, den Darm oder das Omentum 
schließen lassen. Nicht selten empfHngt ein 
solcher, einmal palpatorisch sichergestellter 
Tumor deutliche Pulsation von seiten der 
Bauchaorta; in selteneren Fallen kann der 
Tumor die Aorta abdominalis kompri- 
mieren oder sekundär eine Eompresäion be- 
nachbarter Darmschlingen mit den Erschei- 
nungen des IleUB provozieren. Pankreaskarzi- 
nome kommen bald primär, bald sekundär 
vor, in welch letzterem Falle dieaellren von 
den benachbarten Organen per kontiguita- 
tem anf die BauchspeicbaldrUse selbst Über- 
greifen. 



Therapeutiach IkBt sich bei der mit den 
heutigen Mitteln einmal erkannten P. im Be- 
reiche der inneren Medizin wenig ton. Eine 
der eigenartigen Stoffwechsel Störung angepaßte 
Di&t wird schon wegen ihrer allzu engen Um- 
granzang kaum je imstande sein, den Erftfte- 
verfall anfznhalten. Medikamentös mag immer- 
bin ein Versuch mit Pankreon gemacht 
werden. Aach die Chimrgie erntet zur Zeit 
noch keine Lorbeeren anf dieeem Gebiete. 
Tumoren sind znr Zeit ihrer gröberen Mani- 
festation gewöhnlich schon zu ausgiebig mit 
der Nachbarschaft verlötet, um noch einer 
radikalen Exstirpation cng&ngig zu sein. Nur 
bei PankreasBteinen, gelegentlich wohl auch 
bei Abszessen mag der Eingriff wohl auch ein- 
mal erfolgreich sein. Für die Zukunft ist viel- 
leicht von einer Ausbildung der Oi^ntrans- 
plantationsmetlioden für die atrophischen Zu- 
stände dae Pankreas etwas zn erhoffen. 

OLCCKSiatHM. 

PmHUl ist das Produkt einer chronisch 
verlaufenden Keratitis superfiziaUa, namentlich 
jener, welche im Gefolge langvderiger Binde- 
hanterkrankungen {Konj. tiachomatosa and ek- 
zematosa) aufzutreten pflegt. Die Homhaot- 
oberfl&che ist nneben, feinhöckerig und getr&bt, 
in dem neugebildeten aulzigen Qewebe ver- 
laufen zahlreiche oberflächliche OefftSe. welche 
mit dem Band seh lingannetz in Verbindung 
stehen. Man nnteracheidet eine zartere Form 
des P. (F. tennia aive skrophulosoa) und einen 
1*. krassns hei Trachom, der gewöhnlich in 
der oberen Ilomhauthälfte zn wuchern tieginnt. 
Nebenden zwei genannten Bindehautaffektionen 
können anch permanent wirkende mechanische 
Reize, z. B. abnorme Stellung der Zilien, welche 
die Hornhaut scheuem, znr Fannosbildong 
führen. Subjektiv bewirkt P. mehr oder weni- 
ger bedeutende Seh Störungen, bei entzündlichen 
Reizerscheinungen, insbesondere bei Mitbeteili- 
gnng der Iris auch Lichtschea. 

Der Verlauf ist clironiBcli and sehr mannig- 
faltig; es kann znr vollständigen Rückbildung 
mit Hinterlassnng von mehr oder weniger 
dichten Homhanttrübnngen , znr bindegewe- 
bigen Degeneration des F., zn progressiver 
mächtiger Wucherung mit Erweichung and Ek- 
tasiamng des Ilomhaatgewebes, zn Oesdiwöre- 
bildung, selbst znr Perforation kommen. 

Therapie. P. skrophuloans. Sind Reis- 
erscheinungen vorhanden, so müssen erst diese 
bekAmpft werden. Wir applizieren Kokun- 
Snprarenin , waschen das Auge mit lauem 
Wasser oder irgend einer Teeabkochong (als 
Ilansmittel Milch oder Käsepappeltee sehr be- 
liebt) oder einer anti septischen Lösung mehr- 
mals des Tages aus , geben auch irgend eine 
Stimsalbe mit Opinm oder Belladonna nnd 
schützen das Auge vor äuBeren Schädlichkeiten. 
Alropin wird fast von allen Ärzten in diesen 



293 



PÄNMDS. - PANOPHTHALHITIS. 



EUlen eiDgetrtlDfelt, doch ist dies nicht not- 
wendig nnd nur dann angezeigt, wsnn die 
ReizeiBdieinnngen derartig sind, daG die Pa- 
pille Verengerong zeigt. Auch mit den Stim- 
ealben möge man nicht za freigebig aein; 
diese eTzeagen oft Ekzem oder geben den 
Kindern Gelegenheit, die Salben ins Ange : 
streichen. — Sind die entzündlichen Erschi 
nnngen verschiranden, so gebrauchen wir Kalo- 
mel and die PrBzipitatsalbe. Von besonderer 
Wirkling ist die Massage des Anges (s, ,Me- 
chaLnotberapie"), Dieselbe kann indirekt durch 
die Lider oder direkt aof der Kornea ausge- 
fUirt werden. Wir machen rasche Kreisbewe- 
gnngen oder lassen den Finger dot seitliche, 
Tertikaie oder diagonale Bewegongen vornehmen. 
Die Massage kann allein, ohne irgend ein Me- 
dikament, mit Vaseline, der bekannten gelben 
Salbe oder auch mit feinstem Borainrepnli 
^abt werden. Anfangs werden wir nnr knrze 
Zeit (wenige Seknnden), sp&ter länger, n. zw. 
1—2 Minnten massieren. Anch soll in der An- 
fangszeit nnr eine Sitznng in §4 Standen statt- 
finden; ist das Ange aber tolerant, so können 
anch zwei Sitzungen taglich stattfinden and 
kauD die Massage enei^scher Torgenomnien 
werden. Sind schwer aafhellbare Trübangen 
Torfaanden, so machen wir feachtwarme Cber- 
schlBge oder setzen die Kornea warmen Wasser. 
dimpfen dnrch einige Zeit ans nnd massiereD 
dann wieder. — P. trachomatoHus. Sind 
noch entzündliche Erscheinungen vorhanden, 
dasselbe Verfahren wie oben, Überschläge mit 
Kali hjpermanganik. 1:5—10.000, Femer Be- 
bandlang des Grandleidens, Toschierangen 
mit Lapislösnngen 1 — 3°/, nnd dem Kaprom- 
slifte. Manche tnschieren bei machtigem hart- 
nackigen P. diesen direkt mit dem Lapis porös 
oder mitigatos. Selbstredend maB nachher gat 
mit ChlomatrinmlÖBOng neotralisiert werden. 
Anch gegen diese Form des P. wird die Massage 
mit gelber oder Eaprozitrolsalbe mit Vorteil 
angewendet. Widersteht der P. dieser Medi- 
kation , so kann man vereachen , die GefUGe 
zn zerstören, indem man sie mit dem Messer 
oder dem Glflhdraht dorchschneidet oder indem 
man noch radikaler voigeht nnd einen 2 — 3mm 
breiten, dem Komealrande parallel lanfenden 
Bindehaatring aosschneidet (Peritomie). — In 
manchen FlÜlen von P. wird man dnrch eine 
Erweiterang der Lidspalta rasche Anfhellang 
erreichen. Selbstredend müssen immer etwaige 
Ursachen eines Bezidivs , wie Distichiasis, 
Baohigkeiten der Konjnnktiva etz. beseitigt 
weiden. Ist der P. besonders hartnäckig nnd 
widersteht er der üblichen rationellen nnd mit 
Geduld ausgeführten Behand long, dannschreitet 
man zn ganz energischen Mitteln, durch wel- 
che msD einen heftigen Entzündangsznstand 
der Konjunktiva and der Kornea dadurch her- 
Tornift, dafi man die Konjanktiva der Lider 



mit einem Infusnm seminnm Jeqnirity be- 
pinselt oder Jeqairitol Böuee eintrBafelt, the- 
rapeatische Prozedoren, welche am besten nnr 
in Heilanstalten, wo permanente Cberwachang 
za Gebote steht, vorgenommen werden. Über 
die weitere Behandlung s. ,KonjanktiTitiB* 
nnd .Keratitis". Kökiobteih-Tbicb. 

Panophtb&bnitit, die akate Vereite- 
rang eines Auges, wird bewirkt darcb Aas- 
breitang einer eitrigen Chorioiditis auf alle 
Teile des Bnlhas sowie auf seine Umgebung, 
das retrobulbäre Gewebe und die TEiiOKscbs 
Kapsel. Unter Fieber, Somnolenz, heftigen 
Schmeißen, Erbrechen nnd Lichta;hea kommt 
es zu beträchtlicher ödematöser Schwellung 
der geröteten Lider, zur Chemosis der Binde- 
haut, welche die Homhant .wallartig umgibt 
und oft ans der Lidapalte herrorquillt, und 
zur Absonderung eines schleimigeitrigea oder 
reineitrigen Sekretes. Der Bulbus ist protro- 
diert und unbeweglich. Die Kornea ist trübe, 
grau oder gelblich and schmilzt schlieClich 
eitrig ein, es besteht ein Hypopyon, die Iris 
ist verfärbt nnd durch zahlreiche hintere Sy- 
nechien angeheftet. Ans der Papille dringt ein 
gelbliclier Befiel, der die Ei tcran sammlang 
im Glaskörper manifestiert. Schlicfilich kommt 
es zum Durchhrucho durcli die eventuell be- 
reits perforierte Kornea oder an einer bereits 
vorgewölbten , verdünnten, gelblich durch- 
scheinenden Stelle des vorderen Skleralab- 
schnittes, wobei sich der eitrig eingeschmolzene 
Bolbusinhall ganz oder zum Teil entleert. 
Damit hat die Affektion in etwa 6—8 Tagen 
ihren Höhepunkt erreicht und es kommt fast 
momentan zu einem Nachlassen der bisher 
sehr bedeutenden subjektiven Beschwerden ; 
auch die Bekundaren Entzündungserscheinungen 
bilden sich rascb zarück, das Auge schrumpft 
allmBlilicb , gewöhnlich in 6—8 Wochen zn 
einem kleinen Stumpf („Pbthisisbulbi", s.d.). — 
P. führt nie zu einer sympathischen Affoktiou 
Die urfiftohliche Infektion erfolgt entweder, 
von anfien im AnschluB an Verletzungen, Ope- 
rationen, Homhantgeschwüre, ferner von innen 
als Metastase im Paerperlnm, bei Endokarditis, 
septischen und pf&mischen Prozessen, endlich 
fortgeleitet bei Orbitalphlegmone und Menin- 
gitis zerebrospinalis. 
Die Therapie kann nur in den Anfangs- 
idien einer ektogenen Ansteckung dnrch 
energische Galvanokaaterisation der Infektions- 
stelle, eventuell mit Parazentese nndAnsspölung 
der Vorderkammer, subkonjunktivale Injektio- 
mit Hydrarg. oxyzyanatnm zur Aufhaltung 
des Prozesses und Konserviening eines teilweise 
;htQch(igen Auges führen. In den meisten 
Fällen aber ist das Auge von vorneherein ver- 
loren und man muB sich darauf besciiränken, . 
die großen snbiektiven Beschwerden zn mildem >j|C 
10. ^^ 



PANOPHTHALMITIS. - PAEALYSIS AGITANS. 



296 



xmi den ProzeB nacb Tunliehkeit abznk5.rzen. 
Hienn dienen in erster Linie heiBe Überschlftge 
oder Katapla«men, welche die Schmenen lin- 
dem und die Abszediernng nnd damit den 
Dnichbmch beechleonigeo, letzteres kann anch 
doTch breite Inziaionen in die Sklen bewirkt 
werden. Fremdkörper sind anftUBachen nnd 
zn extrahieren. Gegen die Schmerzen : Mor- 
phininjektionen, 6—8 ßintegel an die Schläfe. 
Die Enakleation des Bolbna ist nur in den 
Anfangsatadien rfttlich nnd nicht anznemp- 
fehlen, wenn die P. einmal florid ist, da darch 
Fortleitnng der Infektion anf die Meningen 
der Tod herbeigeführt werden kann, da- 
gegen scheint die Elxenteratio bnlbi weniger 
gefUirlich. KObiostbui-Tkich. 

PUlOtitls. Ist das Labfrinth von einer 
aknten Fankenhöhlenentz&ndnng ans infiziert 
worden, so spricht man von einer P. Polit- 
ZBB nnterscheidet eine gennine nnd eine 
bei Infektionaknnkheiten auftretende Form. 
Die P, kommt vorwiegend bei Kindern vor, 
n. EW. besondera hftofig bei Scharlach diphtherie, 
seltener bei Variola, Morbillen, Typhns nnd 
Infinenza. Die gennine P. setzt meiat mit Fieber 
an, dem bald eklamptiache AnfUle nnd Be- 
wnBtloaigkeit folgen, bis nach einigen Standen 
oder Tagen das BewoBtsein wiederkehrt. Das 
Gehör iat dann fast atets total verloren, der 
Gang taumelnd. Bald nacb der Wiederkehr 
des BewnBtseins, selten schon vorher, stellt aich 
Obrenflofi ein, d. h. der im Uittelobr angesam- 
melte EUter hat das Trommelfell perforiert. 

Die Ptogaoae ist bei genniner P. nn- 
gttnstig. 

Die Therapie strebt die Resorption dee 
entzündlichen Exsndatea im Labyrinth dnrcb 
innerlichen Gebranch von Jodkali an, dnrcb 
Trink- and Badekuren im Jod bade Hall oder 
in anderen Jodbftdem aowie dnrcb sabkatane 
Injektionen von Pilokarpinnm mnriatikn m 
(3— ö Tropfen in 2"!^ Löanng). Ghos8m*iii.. 

PApvl. Unter F. verstehen wir alle eoliden, 
knötchenionnigen, rnndenoderkoniecben, hirse- 
kom- bis linaengroBen, blasaen oder roten bis 
brannroten, im ersten Falle ancb bisweilen 
von rotem Entz&ndnngahof umgebenen Hant- 
efBoreazenzen, die anf zirknmakripter aknt- 
oder chronisch- entzttndlicher Infiltration der 
Hant oder anf knötchenförmiger Schnppenan- 
sammlnng oder endlich anf zirkumskripter 
Sekretanaammlnng in Talgdrüsen bemben nnd 
das Snbatrat einer Reibe von Hantkrankheiten, 
Pmrigo, Liehen, Ekzem, Syphilis, Lnpns, Pso- 
riasia etz. bilden. Fimokii-Bbandwkineh. 

Paraknaif WUlifll. Man bezeichnet 

mit P. W. die znerst von Wili-ts beschriebene 
Erscheinang, daB manche Schwerhörige (be- 



sonders Sklerotikec) bei atArkerem Gerftosch 
oder Erscbüttemng des Körpers (in der Straßen- 
bahn, im Eieenbahnwagen, bei Orcbestermnsik, 
in einer klappernden MQble) besser hören als 
sonst, eine Erscheinang, die noch standenlang 
diese Ursachen ttberdanem kann. Ober die 
Ätiologie gehen die Meinungen sehr anseinander. 
TeOltocr nahm an, daB es sieb um eine Locke- 
rung in den Gelenken der Gdiörknöchelchen 
handle, die durch das Einw&rtadrQcken dee 
Trommelfells bei starken Geräoschen aufge- 
hoben werden; Bück glaaht, daB die Starr- 
heit des Lig. annalare atapedis oder der Mem- 
brana tympani seknndaria durch Ersch&ttemng 
des echolleitenden Apparates gemindert werde, 
wfthrend Löwiujbbho «na dnrch StöBe herror- 
gemfene gröBere Erregbarkeit des geschwächten 
Aknstikns ftir daa Wesentliche h&lt. 

Bdebkmkr aah die P. W. aufier bei Otoakleroee 
bei aknten und chronischen Mittelohrkatarrhen 
mit und ohne Exsadatbildung, bei eitrigen 
Otitiden , Zemmenpfröpfen und Myringitis, 
wie bei ausgesprochenen Labyrinthaffektionen 
nnd btllt aie daher fltr ein prognostisch relativ 
günstiges Zeichen. Gaosaiuitii. 

ParalyidB agltaiu (Schüttei-oder 

ZitterUbmang, Shaking palsy). Diese 
von Parkimbon (1817) zuerst beschriebene 
Krankbeit, die ala eine zerebrale Nenrose 
des späteren Lebensalters anfznfassen 
iat, ergreift fast ansschlieBlich Peraouen nach 
dem 45. Lebensjahre, am häufigsten nm das 
60. Lebensjahr herum; beide Geschlechter wer- 
den ziemlich gleichm&Big (M&nner etwas häu- 
figer) befallen. Von den eigentlichen Ursachen 
wissen wir nichts Bestimmtes; ab veranlassende 
Momente lassen aich voranfgegangene (aknte 
nnd chronische) schwächende Leiden, heftige 
GemttUeiscbütterungen , atmosphärische und 
traumatische Sch&dlichkeiten in zahlreichen 
Fallen nachweisen. Die Entwicklong erfolgt 
in der Begel ganz schleichend, fast anbemerkt; 
nur selten geht ein dorch Schmerzen , Par- 
ftsthesien, Schwftehegefllhl nsw. wenig charak- 
terisiertes Prodromal stadinm vorauf. Zuerst 
zeigt sich regelm&Big das Zittern, das meist 
an den H&nden, gewöhnlich an der rechten 
Hand, seinen An&ng nimmt; seltener wird 
die linke Hand querst ergriffen, noch seltener 
ist der Beginn anf beiden Seiten gleichzeitig. 
Selten ist ancb der Beginn an einer der un- 
teren Extremitftten ; gewöhnlich wird nach 
dem cnerat befallenen Arm ancb das ent- 
sprechende Bein, dann auch die andere Eör- 
perfaUfle von der Krankheit ergriffen. Oft 
bleibt das Zittern sehr lange atation&r, auf 
eine KörperhSlfte oder selbst anf nur eine, 
gewöhnlich die obere Eitremit&tbeschr&nkt (h e- 
miplegische nnd monoplegische Form), 
wfthrend es in anderen f^en schon früh 



PAKALYSIS AGITANS. 



mi doppeleütigen (paraplegischen) Form 
kommt. Vom Kopfe wnrde behauptet, d&fi er 
bai F. a. immer venchont bleibe (Chartot) and 
M ward« dieser Dmstajid sogar als ein wich- 
tige» diffeTeotiaJdiiigiioetiKhea Moment geltend 
gemacht; doch ist dies keineswegg allgemein 
richtig, ea gibt vielmehr FUle genug, in 
denen aach die KopfmDskalatnr «ekond&r und 
»ogar primftr an den Zitterbewegnngen teil- 
nimmt, nnd zwar sowohl die mimiacheo Qb- 
uchtsrnnakeln wie Bach die Kiefeimnskeln, 
und femer die den Kopf bengenden Nacken- 
ond Halamoskeln. Der Intensit&t nach sind 
die Zitterbewegnngen sehr verschieden, eteigem 
sich aber h&nfig bis zn hochgradigem Schüt- 
teln, das namentUch durch QemDtsbewegiingen, 
durch leichte AnstrengnngBn hervoi^rofen 
oder erheblich gesteigert wird, in der Kohe 
dag^en nacblftBt oder sogar verschwindet, 
»Dch durch bestimmte wiUkttrliche Bew^:Dn- 
gen nnd passive L^erongen der be&llenen 
QliedmaSen oft tempoHIr nnterdrttckt wird. 
Anch im Schlafe ist das Zittern meist (von 
einzelnen besonders schweren Fallen abgesehen) 
völlig verschwanden. Die rhythmischen 
Zitter- nnd ScbBttelbewegnngeD zeigen 
nicht selten einen ganz bestimmten Bewe- 
gangstypas (z. B. an den Hftnden rollende 
oder reibende Bewegungen des Danmens nnd 
der Dbrigen Finger gegeneinander, wie beim 
Bollen eines Bleistiftes, beim ZerkrSmmeln von 
Brot o. dgl.) and eine ziemlich gleichm&fiige 
Freqaenz (in der Begel nicht fiber 200—300 
in der Hinate), 

Mit dem Zittern ist gewöhnlich eine mehr 
oder minder erhebliche motorische Ab- 
scbwftchnng der befallenen E^tremit&ten 
verbanden, jedoch ist von einer eigentlichen 
,LS.hmang', woranf der Name der Krankheit 
iiindentet, dabei nicht die Rede; ebensowenig 
zeigen sich an der Mnsknlatnr Volamsänderon- 
gen oder Abnormit&ten dee elektrischen Ver- 
haltens. Von viel grSBerer symptomatischer Be- 
dentong sind die oft anfAlligen Maskelspan- 
nnngen nnd Rigiditäten, die darch ihr 
vorzagsweises Auftreten in ganz bestimmten 
Mnskeln nnd Mnskelgmppen, namentlich in den 
Flexoren, za eigentSmlichen, beinahe patho- 
gnomonischen Zwangsstellnngen und 
Zwangshaltnngen deiGliedmaCen, des 
Bnmpfes and Kopfes Veranlaesang geben. 
Man kann an diesen eine P.a. zuweilen schon aaf 
den ersten Bück erkennen; die Kranken zei^n 
einen eigentümlich starren, gepreßten oder ge- 
furchten Gesichtsaasdrack; sie gehen mit fast 
unbeweglich gegen die Brust herabgedrUcktem 
Kinn, mit geneigtem, nach vorwärts gebeugtem 
Oberkörper, mit gebengten oiid einander ge- 
niherten Knien, traten mit den großen Zehen 
nnd vorderen FuBteilen auf, mit kleinen. 
trippelnd«! Schritten, wobei die Arme oft anf 



den Leib oder auf die Lenden gestützt wer- 
den; in anderen EWen sind die Ellbogen vom 
Rumpfe abdaziert, Vorderarme nnd HKnde 
sind leicht flektiert, die HSnde in der sog. 
.SchreibsteUnng' , mit Beagnng der Finger 
in den Metakarpophalangealgelenken, Streckung 
in den flbrigen Oelfluken, AnnUierong de* 
Daumens gegen die flbrigen Finger. Zwar 
können diese Kranken die eigentOmlicbea 
Oliedstellungen wiUkOrlicb verfindem, fallen 
aber nach dem Aufhören des ver&ndemden 
Willensimpulses sofort wieder in diese durch 
Muskelsp&nnungen bedingten, deformierenden 
Körperstellongen zurück; such wird ihnen 
jede Abweichung von der angenommenen 
Oehrichtang, jede Bemmung und jede plötz- 
liche Stellnngsverftnderung sehr schwer, worin 
die zaweiten beobachteten Erscheinungen der 
Fropnlsion (das Vorw&rtsachießen mit Nei- 
gung zum VomObcrfallen), sowie die entspre- 
chende Retropulsion nnd die Lateropnl- 
sion bei retrognulen und bei seitlichen Be- 
wegongea ihre Ursache finden. 

Von anderen , ganz inkonstanten Begleit«r- 
scbetnnngen abgeeehen, gehören za den häufi- 
geren, wenn anch minder wichtigen Sympto- 
men noch gewisse eigentümliche Par&stbe- 
sien, wie die Muskelnnrahe, die sehr 
lustigen subjektiven Warmegefühle; 
fbmer die Kopfschmerzen und Oeffible von 
Eingenommensein, neben Schwindel, depri- 
mierter. Stimmung, Schlaflosigkeit, 
oft eine allm&hlich zunehmende g e i s t i ge 
Abschw&chung, mitnnter bis zu völ- 
ligem Stnmp&inn. VerblltnismUig seltene 
Komplikationen oder Zwischenfalle sind die 
als Vorläufer oder im Verlaufe des Leidens 
beobachteten kongestiven und apoplekti- 
formen Anfalle. Der Verlauf ist meist sehr 
langsam, durch viele Jahre hindurch; der 
Tod erfolgt durch interkurrente Krankheit«! 
(Pneofflonien) oder unter dem Bilde aUmfthl icher 
Erschöpfung. 

Für die IHfferentialdiagnoae kommen 
besonders die verschiedenen (essentiellen, to- 
xischen) Tremor formen und die dissemi- 
nierte Sklerose (multiple Herdsklerose) 
in Betracht; doch kann die Unterscheidong 
auch diesen Krankheitsznst&nden gegenüber 
nur in den An&ngsstadien ernstliche Schwierig- 
keit darbieten. Der alkoholische, satur- 
nine, merknrielle Tremor und verwandte 
toxische Zustande werden durch die entspre- 
chenden ätiologischen Verhältnisse, sowie durch 
die sonstigen eigentümlichen Krankheits- 
erscheinungen dee chronischen Alkoholismus, 
Satumismos, Merknrialismas usw. scharf ge- 
nug charakterisiert. Der senile Tremor, der 
dem höheren Greisenalter eigentümlich ist 
(bei Frauen häufiger), betrifft gerade vorzugs- 
weise den Kopf und das Kinn, also Teile, die q\q 



2SS 



PABÄLYSIS AGITANS. — PAKÄLYSIS PROGRESSIVA. 



bei der P. a. entweder gar nicht oder erat 
sekundär, nur ganz aoBnahmaweiBe prim&r 
befallen zu trerdeo pflegen ; aacb fehlen dem 
aenilen Tremor die der P. a. eigenen Mnakel- 
gpannimgen and dadoroh bedingten Deforma- 
tionen. Die multiple Herdsklerose (s. 
, Herdsklerose'') wird fkBt ansBchlieBiich 
yor dem 4 0. Lebensjahre beobachtet; sie 
beginnt meist mit motorischer Schwäche 
an den Dntereitrenii täten, wozu das 
Zittern erst sekandär hinzutritt; letzteres 
hat in der Begel den Charakter des sog. „In- 
ten tionaiitternB" im Gegensatz zn dem 
Zittern bei P. a. und ist httofig mit Nystag- 
mus, skandierenden Sprachatörnngen, 
Oberhaopt mit einem größeren oder kleineren 
Teile des somannigfoltigen zerebrospinaten &pa- 
ptomenkomplexee der Herdakleroae verbanden. 
Die Behandlaag kann leider nicht auf 
Heitang aaageben, aondem nai Mildernng der 
Beschwerden anstreben. Hierza haben aicb 
anfier der meist nicht zu entbehrenden inne- 
ren Anwendung sedierender and hypnotischer 
Mittel ganz besonders sabkntane Injektionen 
Ton Skopolaminom hjdrobromikiim ala schätz- 
bar erwiesen, die jedoch in aehr voraichtiger 
Weise tmter Kontrolle des Arztes voi^nom- 
men werden müsaen (Soiation 1:1000; Dosis 
0-1— 02— 0*8 in allrnfthlicher Steigerung). Als 
unsicherer Ersatz kann die snbkntane An- 
wendung Ton Atropin, oder der interne kom- 
binierte Oebranch von Atropin nnd Ergotin 
in Pillenfonn (Eitr. Sekalis komnt 3-0; Atrop. 
salf. 0-Ü2; pilnlae 30, davon täglich 2—3) die- 
nen. Oeregeltaa hygienisch-distetischea Verhal- 
ten, mABig temperierte Bäder nnd milde Sol- 
bsder, aach hydroelektrische Bäder wirken 
imterstHtzend. Über die neaerdings empfohle- 
nen organtherapeDtischen Präparate (Spennin, 
Nebenachilddr^nextrakt) fehlt es noch an 
aaareichender Erfahmng. EnLENBUBo. 

Paraly sisprogreHiTa(ais o e h i r n- 

erweichnng im Volksmonde bekannt, sonst 
bezeichnet aü paralytischer Blödsinn oder Irr- 
sinn, fortschreitende Himlähmnng, paralytische 
Geisteastörong, allgemeine Faralyao der Irren, 
Dementia paialytika, Perienkeph »litis chronika, 
Meningoenkephalitis chronika, Maladie de Bayle, 
frz. Paralysie g^^rale progressive, Folie para- 
lytiqne g^n^rale des ali^n^s, engl. Paresis oder 
General Paresis oder Paretic Dementia , ital. 
Paralisi progressiva , Demenza paralitica) ist 
eine meist auf luetischer Grundlage entstandene, 
chronische, allgemeine Emährungastörang, die 
in erster Linie aof einem kombinierten ent- 
zündlichen nnd primär degenerativen Prozesse 
im Nervenayatem beruht, vorzüglich dnrch das 
Zusammentreffen von vielföltigen L&bmangs- 
nnd Beizungseracheinnngen and eine eigen- 
artige geiatige Schwäche charakterisiert er- 



scheint nnd im Laufe einiger Jahre za tief- 
stem Blödsinn, za schwentem köi^ierlicheD Ver- 
faU and endlich zum Tode führt 

Historisches. Die erste Spar einer Keont- 
nia des Leidens findet sich bei Wirxicm in der 
anima bmtornm 1672, ein eingehenderer Hin- 
weis erst 1798 bei Haslui, der aber noch die 
Bedentung der motorischen Stdrangen verkennt 
EaQuiaoL erwähnt schon das Silbenstolpem 
(l'embarras de la parole). Erst Bavlr erkennt 
1822, daB psychische nnd motorische Symptom- 
komplese AoBerangen derselben Krankheit 
wären and Cilheu, lieferte 1826 die erste 
Monographie des Leidens. 

Die letzte feste Grundlage gab ihr Dgchu 
1851 nnd Fauiet 1863. 

Ätiologie. Nach ihrer Wichtigkeit geordnet 
läfit sich folgende Reihenfolge der UceacheD 
ao&tellen: 1. Syphilis; S. angeborene, wahr- 
schwnlich spezifische Veranlagniig zur Paralyse; 
3. erworbene Disposition durch verachiedene 
Sch&digangen (Alkohol, Trauma, Infektions- 
kran kli ei ten , Insolation and Wänneetrahlong 
des Kopfes, Überanatrengang asw.); 4. aoslö- 
sende Ursachen. 

Die Entstehung dee Leidens ist am so mehr 
zQ befürchten, je mehr der vorgenannten 
Faktoren and je wichtigere sich kom- 
binieren. Die Laes allein dUrfte Paralyse 
nicht auslösen können, obgleich sie die Haapt- 
arsacbe ist. Es mafi noch ein anderes Moment 
hinzukommen. 

Die Paralyse entwickelt sich am häufigsten 
zwischen dem 36. and 45. Leben^ahr, befällt 
hänfiger Männer als Franen (3'5:1), erscheint 
hänüger in den höheren als in den niederen 
Ständen (am häufigsten bei Offizieren, am sel- 
tensten bei Geistlichen) und ergreift mehr 
Ledige als Verheiratete. Infantile and juvenile 
Paralyse ist in den letzten Jahren immer häu- 
figer geworden. 

Verlauf. 1. Prodromalstadium. Greif- 
bare Symptome von selten des Nervensystems 
gehen sehr lange Zeit, sogar 10 Jahre, dem 
Beginn der psychischen Störung voraus, näm- 
lich Störungen an den Pupillen, Fehlen der 
Fatellaraehnenreflexe, lanzinierende Schmei^ 
zen, Sehnervenachwund. Zn den PapillenstA- 
rungen gehört aaf&lllige Elnge, erhebliche Un- 
gleichheit, reflektorische Pupillenstarte, d.h. 
Auableiben der Verengerung bei Lichteinfall — 
ein- oder beiderseitig — bei erhaltener Reak- 
tionauf Akkommodation und Konvergenz. Auch 
Augenmuakellähmang, Differenz der Gesichta- 
h&lften leiten das Krankheitsbild ein. Zuweilen 
gehen auch epileptjforme An^le voraus, wie 
Erblassen, Ohomachtsanwandlung, plötzliche« 
Seh windelgef Ulli , knrzet BewuStseiuBverlust 
oder leichte SchlaganßlUe, flüchtige Lähmung 
leichten Grades mit vorübergehender Beein- 
trächtigung der Sprache, Parästhesien. 



301 



PARALYSIS PROGRESSIVA. 



FrOhBfiiiptome sind aach arUknlatoriache 
SpnchstAnuigeD, Sebreibatömng, Kopfschmer- 
»n, Kopfdrock, hartnackige Schlaflosigkait, 
Tremor. 

Die paychiecben Verftodernngen sind 
in dem allerersten Anfajig oft sehr schwer, oft 
aberhaapt oichi von oearutheniBcheD za an- 
UiBcheiden. Der Kr&nke wird anfällig reiz- 
bar, TnotirloH deprimiert, klagt fiber Angst- 
iQEt&nde, wird weniger wideretandsfkhig g^en 
HitM ond Alkohol, iKQt in seiner intellek- 
tneUen Leistongafibigkeit n&ch tud verrät d&s 
besonders in dem NacbUB des GedftchtnisaeB 
ond der L'rteilskraft, ttlllt auch in ethischer 
nnd ästhetiscber Beziehung unangenehm anf. 
In letzterer Beziehnng int ea beaoiiderB be- 
merkenswert, daB Menschen von guter Erzie' 
bong die einfachsten Anstandaformen anBer 
acht lassen, im Verkehr mit Damen dcrcb 
Obszönitäten Uatig werden, in Haltnng nnd 
Kleidung salopp werden. 

Im weiteren Verlauf der Krankheit treten 
die psychischen Veiftnderangen immer stärker 
aof. Der Knnke vergiBt wichtige Dinge, 
rechnet sich oft, verirrt sich in bekannten 
Stadtvierteln, Mt in seinen Schnftst&cken 
Worte aas, schläft zu migewohnten Tage 
itnuden ein, verletzt anerzogene Sabordin 
tionspflichten. Je mehr sein FSichtgefühl, seil 
monlische Anecbannng verloren gebt, am 
HifKUiger wird sein Handeln. Er vemachläa- 
sigt seinen Bemf, treibt sich rhcksichtsloe 
nmher, begeht geschlechtliche und Trinkexzei 
und konamt oft genng mit dem Strafgesetz 
Konflikt. Immer aofftUiger wird jetzt die 
Sprachstörnng. Von dem leichten HlUitieren, 
d. h. dem Hängenbleiben an dem Anfangs- 
konsonanten der Worte und Silben, vom leich- 
ten Konsonanten versetzen und Tremolieren der 
Vokale bis zu ansgesprochenem Silbenstolpem 
nnd Silbenschleifen finden sich alle Über^nge. 

2. Höheatadinm. Dies kann ein Exalta- 
tionsetadiam sein. Unmotivierte Heiterkeit, 
Ideenflncbt nnd Bewegnngsdrang stellen sich 
eb. OröBenideen Bcbwacbsinnigater Art treten 
anf. Der Kranke macht onainnige Einkftofe, 
glaubt Millionen zn besitzen, von denen er 
nadi Gntdbnken anderen mitteilt, macht weite 
Reisen nnd ßkngt schUeSlicb za toben an 
schreit, singt, zertrümmert alles. Allmählich 
klingt das Erregungsstadinm ab nnd geh 
das Stadium einfachen Blödsinns Ober. 

In anderen Fällen tritt statt des Exaltations- 
sbtdlnmsein Depressionsznstand ein. Trau- 
rige Verstimmung mit Angstgeftihl beherrscht 
du Bild, schwachsinnige hypochondrische 
Wahnideen gesellen sich dazu. Selbatmordver- 
■nche sind hier zu fürchten. Endlich beginnt 
der terminale Bl&dsinn. 

Mitunter wechselt Depressions- nnd Exalta- 
tionsphaae mehrmals. Die Erscheinungsweise 



der Paralyse scheint im Laafe der Jahrzehnte 
sich wesentlich geändert zu haben, denn nach 
neuester Featstellnng tritt sie, in rein demen- 
ter Form, jetzt mehr als doppelt so oft auf 
wie die agitierte und typische Form. Diese 
Beobachtung trüTt jetzt auch bei beiden Ote- 
schlecbtem zu, aach treten erhebliche Remis- 
sionen viel häufiger anf. 

3. ScblaBstadiam. Immer mehr klingt 
die Erregung ab nnd ein fortschreitender 
Schwachsinn beherrscht das Erankheitsbild 
Dieses Stadium kann sich auch an die Prodro- 
materscheinnng direkt anschliefien. Der geistige 
Verfall erreicht allmählich solchen Orad, daB 
der Kranke ganz unorientiert wird, niemanden 
mehr erkennt, nicht die einfachste Denkope- 
ration mehr fertig bringt, mitunter sinnlose 
Gegenstände sammelt, bald ruhelos umherläuft, 
bald apathisch daliegt, endlich zu jeder Bewe- 
gung nnfthig wird. Die Sprache wird immer 
undeutlicher, die Schrift immer mangelhafter. 
Motorische Ansfallaerscheinnngen treten «n. 
Eine OesichtahäUte, ein Arm, ein Bein oder 
auch eine ganze Körperhälfte werden vorüber- 
gehend gelähmt. Deknbitaa tritt, trotz so^- 
samster Pflege, auffällig rasch auf und breitet 
sich rasch aus. Die Drinentleerong wird immer 
mehr gestört. Blutergüsse am Ohr, an der 
Nase, auf Verletzungen beruhend, finden sich 

Der Ernährungszustand nimmt in den 
Zeiten der Erregnng rasch ab, hebt sich oft 
gegen dos Endstadinm wieder. 

In allen Formen der Faialyae treten An- 
fälle anf in Form von BewnBtseinastorung 
mit schweren Bindenaymptomen, die minnten- 
und etundenlang anhalten und zum Tode 
fühlen können. Der Kranke ist zumeist be- 
vmBtlos, das Schlucken gestört, die Sprache 
lallend oder aufgehoben, die Temperatur oft 
stark erhöbt, der Pols beschleunigt, Kot und 
Urin gehen ab. Tritt der Anfall apoplekti- 
form auf, so hinterläBt er halbseitige Läh- 
mung oder Paresen. Im Gegensatz zu den 
durch Herzerkiankung bedingten Apoplexien 
fehlt ein schwerer Insult fast völlig. Die LAh- 
mnng entwickelt sich vielmehr allmählich 
innerhalb einiger Stunden. Hebt man die Glie- 
der der gelähmten Seite in die Höhe und läBt 
sie dann loa, so fallen sie schlaffherab, während 
die Glieder auf der geannden Seite einen dent- 
lichen Widerstand bei den gleichen Versuchen 
leisten, ja mitunter tonisch gespannt sind oder 
auch antomatische Bewegungen wie Scheuem, 
Kratzen, Greifen vollführen. Bei vollständiger Be- 
wnfitlosigkeit besteht selbstverständlich Schlaff- 
heit der Glieder anf beiden Körperhälften. 

Sprach- oder Sehstörong kann gleichzeitig 
auftreten, auch klonische und tonische Krämpfe. 
Häufig sind die Anfölle epileptiform, der Kranke 
stürzt unter Krämpfen nieder nnd Ilalbseiten- njl^ 



303 



PARALYSIS PR00BESS17A. 



304 



l&hmnngen können dar&iiB verbleiben, Zameist 
beginnt eine Mnskelgmppe klonisch za zacken 
and diese Znckong wandert, genan entsprechend 
den) jACEsoNBchen Typna, ui die anderen 
Mnskelgrappen derselben KOrperhftlfte fort, 
oft greift sie anch auf die andere Kßrper- 
hftlfte über. Angen und Eopf sind meist der 
krampfeuden Seite lagewendet (konjugierte 
Deviation). 

Rein treten die apoplektifonnen and epilepti- 
formen AnßUe selten aaf, Eameiet kombinieren 
sie Bich in wechselnder Reibenfolge von Krampf 
and Lähmong. 

So bedrohlich ein solcher Anfall erst^eint, 
Bo auffallend rasch können eftmtliche Erachei- 
nangen Bchwinden, seihet sporloa. Nor wenn 
die AnfUle fast <jine Dnterbrechnng folgen, 
also ein epilepti former Statos eintritt, 
kann der Tod erfolgen, meist darch interkur- 
rente Pnenmonie, Flearitis etc. Derartige inter- 
kurrente Krankheiten sind es aach, ndche 
zumeist das Ende des Paralytikers bedingen, 
in anderen Fallen ist es die durch Dekubitns 
bedingte Sepsis oder eine Phlegmone, Pneumonie, 
endlich Marasmoa and Herzsobwäcbe. 

Remissionen. In allen Stadien der Krank- 
heit können Bemissionen eintreten und Wochen, 
Monate, selbst Jahre dauern, ja Qenesnng vor- 
tfloscben. Die Besaerong kann soweit gehen, 
daB die Patienten wieder ihren Beruf anfnehmen 
and mehr oder weniger gnt eine Zeitlang 
ansftllen können. Oft sind kaum noch Krank- 
heitsspuren auffindbar. In solchem laziden 
Intervall haben Kranke sogar Examina bestan- 
den, geheiratet usw. I^^r den exakten Beob- 
achter bleiben aber ZUge von geistiger Schw&che, 
gröGere Bestimmbarkeit, Reizbarkeit bestehen. 
Selbst die motorischen Erscheinungen pflegen 
zn schwinden and sogar die Lichtreaktion der 
Pupillen besaert sich. Krankheitseinsicht für 
die überatandene Zeit stellt sich ein, zameist 
aber nicht für die Gegenwart. Die Neaerkran- 
knng Icann sich nnt«r dem Bild wiedereinsetzen- 
den, fortschreitendenBlödsinns vollziehen, kann 
aber in ein neues Depressions- und Exaltations- 
stadium Obergehen. Eine Remission kann sich 
bei demselben Kranken wiederholen. Oft setzt 
sie dann ein, wenn der Kranke an einer inter- 
kurrenten eitrigen Erkrankung leidet 

Die juvenile nud infantile Paralyse. 
Zweifellos hat sich die Altersgrenze für das 
Auftreten immer mehr verschoben. Ob das 
hSnfigere Auftreten im jugendlichen , ja im 
Kindesalter mit hereditärer oder frühzeitig 
akqoirierter Lues zusammenhängt, sei dahin- 
gestellt, tatsSchlicb ist Paralyse schon mit ä and 
8 Jahren beobachtet, am häufigsten zwischen 
14 nnd 16 Jahren, h&ufig sind die Kinder schon 
vorher geistig minderwertig. Zu Beginn des 
Leidens macht sich die Abnahme des Anffas- 
Bungsvermögens, des Ged&chtnisses nnd der 



AfTekterregbarkeit geltend. Allm&hlich geht 
diese Erscheinong in schwere Demenz über. 
Verlaut. Im Mittel dauert die Krankheit 
bei Mannem 3—5, bei Fraaen 6— G Jahre, sie 
dauert am so langer, wenn erbliche Belaatong 
schwer ins Gewicht fällt, je Biter der Patient 
bei der Elrkiankang ist und wenn geistige 
Ersch6pfong und Kopftraoma auslösend mit- 
wirken. Als ominös gilt frühzeitiges Aoftreten 
von Störung der Schrift nnd Sprache, sowie 
paralytischer Insulten. Der letale Ausgang er- 
folgt entweder im aaBeraten Marasmus oder 
durch Sepsis,daich apoplektische oder epi- 
leptiforme AnfUle, Pneumonie, durch Selbsit- 

KSrperlich finden sich die gleichen Erschei- 
nungen wie bei der Paralyse der E^scbsenen. 

Die vielgestaltigen Verlaofs formen rubriziert 
neuerdings OeEBSTaiinta folgendermaSen : 1. die 
demente Form , 2. die manische (agitierte) 
Form, 3. die klaBsiscbe (expansiTe) Foim, 
4. die depressive Form, 5. die aazendierende 
(Taboparalyse) nnd die deszendierende Form, 
6. die zirkuläre (alternative) Form, 7, die aty- 
pischen Paralysen, 6. die akute, galoppierende 
Paralyse. 

Pathologiaobe Anatoiaie. Der Schädel 
ist entweder ohne Besonderheit oder verdickt, 
seltener verdDnnt. Am bedentungsvollsten ist 
die Atrophie des Gehirns, Kenntnis durch 
Verschmidemng der Windungen nnd Verbrei- 
terung der Sulzi , auch durch Abnahme des 
Qesamtgehimgewichts. Die Hirnhäute siad 
viel&ch mit Schädel und Hirn verwachsen. 
Pachymeningitisbaemorrhagika interna, manch- 
mal auch externa häufig, manchmal findet sich 
Hämatom der Dura, Schwartenhildong. Die 
wichen Himhänte sind weißlich getrübt and 
verdickt In Binde und Mark finden sich öftere 
Erweich nngsherde nnd Blutungen. Das Ven- 
trikel-Ependym ist entzündlich granuliert. 
Mikroskopisch findet man die markhaltigeo, 
radiären nnd tangentialen Fasern frühzeitig 
geschwanden, die raihenweise Anordnung der 
Ganglienzellen verwischt, die GeABe verändert. 
Der Optikas kann degeneriert sein. 

Diagnose. So leicht Paralyse im Höh«- 
stadium erkennbar werden kann, so schwer ist 
ihre Feststellung im ("rühbeginn, da kein ein- 
ziges ganz sicherespathognomonischea Symptom 
existiert, welches die Paralyse von ihr anbe- 
stehenden Krankheitsprozeesen im Frübb^jiut 
abgrenzen läBt. Zu bedenken bleibt immer, 
daG auch heute noch Fälle übrig bleiben, di« 
erst durch die Situation ihre Klärung finden. 
Ans diesem Grunde and vor allem wegen der 
ominösen Bedentung der Diagnose „Pai^yse' 
ist es angebracht, zn Anfang vorsichtig im Be- 
urteilen zu sein. Auf der anderen Seite ist 
eine möglichst frühzeitige sichere Entscheidung 
nm so wünschenswerter, als gerade dadurch 



PARALYSIS PROGRESSIVA. 



ao6 



dem Patienten Nntien gebracht and er in wy 
zialer Beziehimg gescbBtlt werden kann. Als be- 
sonder« bedentnngsTDll erscheinen tiefgebende 
Ch&rakterTei&nderang, snfttUige ethische nnd 
Uthetiscbe VecstöBe g^en die Etikette, gegen 
gute Sitte nnd Wohlanst&ndigkeit, fetner 
die Tatsache, daG diese Persönlichkeifsverftn- 
demngen dent Kranken nicht benoBt werden. 
Dazn kommen intellektnelle Anafkllaerscheinan- 
gen , wie Gedftchtnis- nnd Urteilsschwbche, 
VeTwechstnng der Personen nnd Situatio- 
nen , Vergessen wichtigster Bemfspflichten, 
Anomalien der Qemfltserregbarkeit, femer 
Sprachstfinug, Silbenstoipem , Schreibfehler 
wie Ansiassen von Bachstaben und Silben, 
Differenzen der Gesichtabblften, fibriUikre 
Zacknngen .und endlich — nnd iwar ab die 
schwerwiegendste Erscheinnng — Pnpillen- 
itömiig, sei es in Form an^lliger Papillen- 
ange, Papillrainngleichheit oder Ttttgheit der 
Pnpillenreaktion. Das Verhalten der Patellar- 
reflexe kann gleichfalls Wert haben. 

DlfferentlaldiagnottiBeb kommt eine 
grofe Anzahl ftbniicher Erankheitsbilder in 
Frage, sowohl diffnse tmd herdarUge Hini- 
krankbeiten, wie Menrosen and Intoxikationen, 
1. yeurMthtnie. Ihr Begimi fihnelt lange 
Zeit der b^innenden Paral; se. Große Vorsicht 
ist deshalb im Urteil geboten schon wegen 
der durchaus veischiedenen Prt^nose nnd der 
damit Terhnndenen verhängnisvollen Wirknng 
anf den Kranken nnd seine ümgebnng, doch 
anch wegen des ftntlichen Renommees. Abspan- 
nong, Ermüdbarkeit, SchlafstOrnng, Schwindel, 
Kopfschmerz, Migrlne, Stottern, Beflexsteige- 
nu^. Paiftstheaien kommen bei beiden Krank- 
heiten vor. Verdächtig werden die Erscheinnn- 
gen aber immer, nenn ea sich um H&nner anf 
der Höhe de« Lebens zwischen dem 30. nnd 
ÖO. Jahre, handelt, die syphilitisch infiziert 
waren. Leider stöBt not die Featstellnng trOh- 
heiBT Syphilis aaf groBe Schwierigkeiten. Sel- 
ten gesteht sie der Kranke dem Arzt Da hent- 
zat^e die Popnlarisiernng medizinischer Kennt- 
nisse Halbwissen aber die eventnellen Folgen 
der Syphilis in breiten Kreisen zttchtet, scheuen 
diese Kranken vor einem derartigen Bekennt- 
nis znrtlck, in nnbesümmter Angst vor dem 
zn erwartenden Urteil. Hänfiget verschweigen 
sie die frtlhere Laes aas anderen Grttnden 
oder wissen es selbst nicht, daS sie infiziert 
waren. Was aber der Arzt objektiv znr Anf- 
bellong derartiger Antezedentien ton kann, ist 
recht wenig, teils weil die Zeichen (glatter 
Znngengmnd, Chkomennarbe, Penisnarben, Drü- 
senschweUnng etz.) seht wenig anageeprochen 
■ein k&nnen, teils anch weil diese Zeichen sehr 
vieldeutig aind. Der Nachweis von Syphilis- 
wirknng anf Frau nnd Kind ist gleichfalla 
sehr erschwert Immerhin sind Aborte der 
Efaefran, Kinderiosigkeit oder hereditäre Lnes 



der Kinder bedeatangaachwet. Doch selbst 
wenn die Lnes zweifelsfrei feststeht, 
gestattet aie znntchat bei Torhanden- 
aein der oben erwftbnten Beschwerden 
nar den SchlnB anf grOfiere Wahr- 
acbeinlichkeit von Paralyse. 

Eine wertvolle Stütze bietet die Art der 
Entwicklang. Für Paralyse spricht die all- 
mähliche, schleichend sich entwickelnde Ab- 
nahme der inlellektaellen LeiatnngsfiLhigkeit, 
nnd zwar iat dann die Denkhemmnng mit 
dem Defekt der ftsthetiscben nnd ethischen Ge- 
fOblsti^ne verkntkpft Letzterer Defekt fehlt 
bei der Nearasthenie und der intellektnelle Za- 
eammenbrach erfolgt plötzlich. Die wichtigsten 
Unterscheidongsmerkmale bieten sich in den 
Störongen der Pnpillen, der Sprache, der 
Schrift, der Reflexe. Ungleiche oder erweiterte 
Papillen sind nicht cbarakteristisch , alleihfich- 
stens snspekt, wohl aber sprechen fttr Para- 
lyse PnpiUenstarre anf Lichteinfall nnd znm 
mindesten Trftgheit der Pnpillenteaktion. Ubet^ 
grofie Pnpillenenge kann patbognoatiacb sein. 
Inwieweit Himsyphilis oder Himtnmor an»- 
znschliefien sind, bei welcher die gleichen 
PapillenBnderongen sich finden können, werden 
wir später sehen. 

Spiacbstöning infolge von Silbenstolpem, 
Hängenbleiben an Bachataben (Hftsitieren), voll- 
ständige zeitweilige Anfhebnng des Sprech- 
vermögens nach Schwindelanfallen aind f&r 
Paralyse sehr beweiskräftig. Nicht minder Ans- 
lassen von Bnchstaben, Worten, Verwechseln 
derselben, fehlerhafte Orthographie, wenn der 
Kranke sie gar nicht bemerkt und nicht 
korrigiert Fehlen die Patellarrefleie beidetseita 
oder einseitig, ao spricht das zonächst ftkr 
Tabes nnd Paralyse. Steigerang der Patellar- 
reflexe findet sich bei Neorasthenie nnd Pan- 
lyae. Differenz der Gesichtshälften, Uypogloa- 
snaparese sind, wenn erworben, snspekt fOr 
Paralyse. Hartnäckige, von änBeren Umständen 
ganz nnabbängige Schlaflosigkeit (Agrypnie), 
andrerseits anffllliges Einschlafen zn nnge- 
wöhnlicher Zeit and in aaffallender Sitaation 
oder gar Schlafsacht machen Paralyse snspekt 
EndUch kann die Spinalponktion durch Er- 
hÖhong des Dmcks, ansgeeprochene Lympho- 
zytose and den Nachweis syphilitischer Anti- 
atoSe wichtige Unterscheid angsmerkmale fttr 
Paralyse liefern. 

2. Unterscheidung von Manie. Der Manie 
kann die Paralyse im Exaltationsstadiam durch 
die gehobene Stimmung, Beschäftignnga- and 
Rededrang aowie Ideeaflacht ähneln. Da in 
diesem Stadium die Sprachstömng des Para- 
lytikers zaröcktreten kann, da die Unter- 
SQchang anf körperiiche Zeichen erschwert 
ist, da endlich deren Fehlen keinen Gegenbe- 
weis liefert, wird man die paychiachen Sytn- 
ptome seibat differentialdiagnostisch verwerten 



307 



PARALYSJS PROGRESSIVA. 



308 



mOBsen. Nur der Inhalt der Orö&enideen kann 
hier mafigsbend sein. Beim Uaniakns haben 
sie einen geistreichen Anstrich and werden 
geschickt verteidigt; beim Paralytiker sind sie 
maSloa, widersprachsvoll, schwachsinnig, fort- 
nfihrend wechselnd, ^ppisch. 

3. Unterscheidung von Melancholie. Nnr im 
Depressionestedinm knnn die Paralyse der 
Melancholie fthneln. ÄngstafFekte sind beiden 
gemeinsam. Unterscheiden IftGt sie aber die 
körperlicbe Unteranchnng nnd die Art der 
hypochondrischen WahnToratellang. Beim Para- 
lytiker ist sie maßlos, oft widersinnig, beson- 
ders hänfig negierend. Die Kranken n^eren 
die Existenz der ganzen Welt, ihre eigene 
Existenz, behaapten gest«rt>en zn sein, ihre 
Angehörigen als wandernde Leichen zn sehen, 
glaaben, lebenswichtige Organe eingebllSt zn 
haben, gkohen oft „gar nicht mehr zn sein". 

Die Affekte sind meist wenig entwickelt, 
werden kindisch ge&nOert, dordi kindischeB 
Schreien nnd Jammern. Trotzdem können die 
depressiven Paralytiker wie die Melancholiker 
i^ptnsartig SnizJdTersnche machen. Ein HypO' 
chonder ist immer paralysererdftchtig, wenn 
sein Leiden zwischen 85 und 45 Jahren sich 
entwickelt. 

Von der InvolutionsmelaDcholie , besonders 
der weiblichen, ist die beginnende Paralyse 
oft ungemein schwer zn onterscheiden , wenn 
es sich um eine demente oder depressive 
Paralyse bandelt. Letztere beginnt vielfach 
noch allmählicher, verr&t frßber GedBchtnis- 
mangel, schlechte Orientiemng, zeigt echw&che- 
ren Affekt, znaammenhanglose AnBerongen nnd 
nn verstand ige Handinngen. 

4. UnlerscheidungvonaUcoholischen Störungen. 
In der deliriösen Form Icann die Paralyse 
dem Delirium tremens auffallend Uineln, nnr 
fehlt der Paralyse der den Alkoholdelinuiten 
eigentümliche Ilnmor nnd die Besonnenheit, 
gewöhnlich anch der Tremor. Der Nachweis 
des AlkohoImiSbranchs bietet kein entschei- 
dendes Moment, da dieser anch bei Paralyse 
vorliegen kann, oft erst seit Beginn der psy- 
chischen Ahnormitftt 

Der chronische Alkoholismos kann das 
Bild der Paralyse derart vortfcnschen, daS man 
von einer alkoholischen Fsendoparalyse 
oder alkoholischen Paralyse spricht Immer ist 
zn bedenken, daß ein S&nfer Paralytiker wer- 
den, ein Paralytiker zn B^nn seines Leidens 
Trinker werden kann. Die Hanptschwierigkeit 
der Unterscheidong liegt darin, daß bei einem 
Potator geistige Degeneration , Gedächtnis- 
schwäche, sittliche Entartung, Sprachstörung, 
nenrasthenische nnd spinale Störungen etz. 
vorkommen können, die an Paralyse erinnern. 
Wichtig ist hier, dag die Paralyse im allge- 
meinen progressiv, der Alkoholismns Defekt, 
Heilung nnd Stillstände zuläßt. Anßerdem be- 



weist das Bestehen der Paralyse die Pupillen- 
starre und die charakteristische Sprachstörung. 
6. Unlertcheidung von Paranoia. Schon die 
dnrchana andersartige Wabnbildnng mit Fehlen 
von Sciiwachtinn nnd der dauernde Mangel 
der körperlichen Symptome des Paralytikers 
föhren hier zur sicheren Unterscheidung. Wenn 
auch Verfolgongs- nnd Qrößenideen beiden 
Krankheiten gemeinsam sind, so unterscheiden 
sie sich doch duicbans. Die Wahnvorstellnngen 
dar cbroniechen einfachen Paranoia sind aas- 
gezeichnet durch ihren logischen Zoeammen- 
hang, durch ihre VerkntLpfang zu einem Wahn- 
System, durch ihre teilweise scharfsinnige 
Scheinbegrtindnng , dsigegen sind die Verfol- 
gnngs- und GröSenideen des Paralytikers durch 
ihre Ungeheuerlichkeit, ihre inneren Wider- 
sprüche, ihre Zueammenhangloeigkeit und den 
Mangel jeder anch nni scheinbaren B^rOn- 
dung als schwachsinnig chaTakterisiert. Hier 
können von den körperlichen Symptomen der 
Paralyse diejenigen unterrtätzend helfen, welche 
nicht gleichzeitig fOr Tabes beweisend sind, 
da Tabes nattlrUch auch zur Paranoia sich 
hin zugesellen kann. Das sind hftsitierende 
Sprache, Lähmung der Extremitäten oder des 
Fazialis oder Intelligenzdefekte. Sie mQseen 
anch mitnnterscheiden helfen bei der balln- 
zinatorischen Paranoia und mOssen hier er- 
gänzt werden durch die Intelligenzprtkfnng. 
Ist letztere schwer oder gar nicht ansfAhrbar, 
wie bei Inkohärenz oder Stnpoc, eo maß die 
körperliche Untersuchung und die Anamnese 
allein Aufschluß geben. 

6. ünleneheidung von Dtmeniia pradoKe, 
Dementia »enÜis wid sektmäärer Demenz. Bei 
ersterer, namentlich wenn sie erst in den 
30er Jahren auftritt, kann der psychische De- 
fekt in gleicher Weise wie bei der Paralyse 
erscheinen , es fehlen ihr aber die körperliche 
Störung der letzteren and es kennzeichnet sie 
der Negativismus, Tic und Manieren. 

Der Altereblödsinn dfirfte schon wegen der 
Altersstnfe, auf der er erscheint, kanm zn Ver- 
wechslungen Anlaß geben. Er entbehrt anch die 
typischen körperlichen Symptome der Paralyse 
und zeigt eine noch tiefere Oed&chtnisstörnng. 

Vor Verwechslungen der aekundäten Demenz 
mit Paralyse schätzt die Anamnese und der 
Nachweis der typischen körperlichen Zeichen 
der Paralyse. 

7. VnterBcheidimg von der posUrauntaiitehen 
Dement. Nach Kopftranma kommt zuweilen 
eine psendoparalytische Dement vor. Der Intel- 
ligenzdefekt ist fast genaa derselbe, bleibt je- 
doch, wenn et einen gewissen Grad erreicht 
bat, stationär. Die Lätunungserecheinangen 
sind weniger ausgeeprocben und vor allem sym- 
metrische. Täuschen können aber die durch 
das Oebimtranma selbst bedingten AiufoJU- 
erscheinungen. (^~ O O Q I C 



PARALYSIS PEOGRESSIVA. 



SlO 



6. Uniergeheidung tum Sim»t/phüis. Wenn 
aach die Paralyse eine poetoyphilitiHche Er- 
kiankang ist and darin mit der Eimijphilie 
fibereinHtimmt, unterscheidet sie aich doch da- 
durch, daB die Faraljae eine difiiise Himrin- 
dcn«rkr«nkang, die HirnByphilis eine nmechrie' 
broe (einfache oder rielfacbe) Erkrankung dee 
ZentralDervensyetema in Form von Qommi- 
knoten oder gmnmöeen Infiltraten etz. dar- 
rtallt Dia Ähnlichkeit der Symptome trota 
der Yertchiedenartigkeit der Lokalisation er- 
klärt eich daraus, daß syphilitische Herder- 
ktanknng, mmal wenn sie mnltipel auftritt, 
Fernwirkongen auf die ganze Hirnrinde aoa- 
Sbt and damit eine allgemeine, diffiue Him- 
rindenerkranknng vort&nscbt. Ali Hanptnnter- 
uheidongsmerkmale der Himlnes gelten das 
Ausbleiben der allgemeinen Lshmnngserachei- 
nnngen bei frühzeitigem und viel hartnäckige- 
rem Auftreten von Herde rech ein angen; fehlende 
oder viel geringer ausgebildete Störung der 
Sprache und Schrift; geringfügige Gedicht- 
nii- und MerkstÖrong; erhaltene Schmerz- 
empfindlichkeit; sehr h&nfige GehörstAuschnng ; 
■ehr protrahierter, manchmal allerdings rapider 
Verlauf, in letzterem Falle durch h&nfige epi- 
leptische Anfille charakterisiert, denen oft 
deUntnte Zustände mit Sinnest&nschnngen auf 
verschiedenen Gebieten folgen; fast völliges 
Fehlen von Euphorie; gfinstiger Erfolg einer 
antiluetiHchen Behandlung, die bei Paralyse 
versagt oder höchstens Remissionen erzongt 
Erschwert wird znneilen die Dnterscheidnng 
dadurch, daß Paralyse und Himsyphilis von 
Anfang an gleichzeitig bestehen, oder erstere 
sich an letztere anschlieSt. 

Wissenanert ist endlich die Kenntnis eigen- 
tümlicber Zustände von BewuBtseinsHtörong bei 
Himlnes, und zwar Somnolenz bis Koma, be- 
aonders aber von ranscbartiger Verwirrtheit, 
die teils im AnschloB an psychische Insulte 
(fnribunde Manie, halluzinatorische Delirien 
schreckhaften Inhalts mit heftiger Angit) oder 
an BOniatische (apoplektiforme und epileptische 
AnAUe), teils auch ab freistehende vorkommen 
und Tage bis Wochen anhalten. Aus diesen 
^isoden ist der Kranke momentan erweckhar 
nnd kommt noch, einem schlaftrunkenen Oe- 
(onden gleichend, vorübergehend za sich. 

Im Zweifelf&lle ist daran zu denken , daB 
der ayphilitiBche Blödsinn sich auffallend rasch 
entwickelt, neben der allgemeinen geistigen 
Schwäche bemerkenswerte Partibilität der 
geistigen Defekte zeigt, wie Witz neben Boi^ 
nierttaeit, Bescheidenheit neben Prahlerei nsw. 
and in diesen p«rtiellan Ausfallserscheinungen 
rasch wechselt Auch der rasche Wechsel der 
Herde rscheinungen im Gebiet des Oknlomoto- 
rina, Abdnzens, ihr extensiv nnd intensiv auf- 
bllendea Schwanken, der regellose Wecfasel 
der Sjmptomteihen, bunte und ungewöhnliche 



Kombination der Symptome kann im Zweifels- 
falle fBr Lues sprechen. 

9. Unkrechetdwtgwm Hirntumor. ZarZeitder 
anftnglichen AUgemeinerscheinnngen kann die 
Unterscheidung schwer werden, doch schon hier 
spricht ein heftiger, mit Erbrechen und Puls- 
verlangsamung einhergehender Kopf schmerz, 
der durch B^lopfen des Schädels gesteigert 
wird, für Tumor. Staunngspapille allein macht 
ihn fast sicher, da diese bei Paralyse nur sich 
findet, wenn eine den Gebirndmck steigernde 
Komplikation, eine Pachymeningitis mit Häma- 
tombildung vorliegt Dann ist die Staanogs- 
papille in der Regel nur einseitig. Pupillen- 
starre kann beim Gehirntumor verachiedenster 
Lokalisation vorkommen, doch sind die Pupil- 
len dann wohl niemals gleichseitig verengt, 
wie bei Paralyse. Durchaus verschieden ist 
BchlieBlich beim Hirntumor die StAmng der 
Psyche, Der Patient ist zu Beginn des Leidens 
weinerlich, reizbar, gedrückt, nicht indifferent, 
sondern gar euphorisch, femer anf intellek- 
tnellera Gebiet nur gehemmt nnd bei NachtaB 
des Himdmcks klar. Stimhimerkranknng, vor 
allem sehr umfangreiche GeachwOlste, können 
wohl paralyaeähnUche Bilder erzeugen, doch 
mUGte der Augenspiegel die DifTerentialdiagnoae 
stellen lassen. 

10. Vnlerscheidung von Faehymeningitis in- 
terna haemorrhaffika. Diese kann zuweilen 
Schwierigkeiten bereiten, weil die Pachymenin- 
gitis wohl die Symptome jeder raumbeengen- 
den Erkrankung im Scbädelinnem, wie hart* 
nackige Kopfschmerzen, Erbrechen, Schwin- 
del, Ausfallserscheinungen hervorruft, Sym- 
ptome, die bei dem bBnfigen Auftreten der 
Pachymeningitis bei Paralyse sich mit deren 
Symptomen kombinieren. Zu berücksichtigen 
bleibt auch stets, daB auch unkomplizierte 
Pachymeningitis Euphorie, Gröfienideen, epi- 
leptiforme AnHlle, Remissionen usw. bedingen 

11. Untertdieidung von multipler Sklerose. 
Mit dieser Erkrankung ist eine Verwechslung 
wohl möglich, doch zu vermeiden, wenn man 
stets bedenkt, daS diese Erkrankung in einem 
Lebensalter beginnt, in welchem Paralyse sel- 
ten vorkommt, daB sie nichts mit Lues zu 
tun hat, daß intellektuelle AuffUligkeiten erst 
BjAt nnd nur als mäBiger Schwachsinn er- 
scheinen, die reflektorische Popitlenstarre meist 
fehlt, während der Sehnerv in Form von tem- 
poraler Abblaasung oft mitbeteiligt ist, daß 
endlich die Bewegungsstörungen dnrchans ver- 
schieden von den bei Paralyse möglichen sind. 

Die Haupterschwemng kann unter Umständen 
dadurch gegeben sein, daB multiple Sklerose 
und Paralyse znsammen vorkommen können. 

12. UtUerecheiduiig wm Enkephaiopaihia sa- 
tumina. Da bei der chronischen Bleivergiftung 
Spracbstömng , aphasieche uud koordinato- 



gle 



311 



PARÄLTSIS PROGRESSIVA. — PARAMETRHIS. 



312 



rische, schon im AnfiiDg aich findet, ist eine 
Yerwechslnng möglieb. Immerhin wird die ab- 
weichende Ätiologie, die erdfarbige Oeejchts- 
hant (t«int terreoi), die graue Färbung dee 
Zahnfleiechea , der sehr plötzliche Krankbeits- 
bflginn, der rasche Verlauf, die eigentfim- 
liche Störung der Intslligens in Form geisti- 
ger Hemmnng, schreckhafter OeBichtshalliui- 
uationen, Verfolgonga- <md Vergiftongsdelirien 
die Erkrankung von Paralyse onteracheiden 
lasaen. 

IS. Unienchädung von der arteriotkUroti- 
«chai Faeudoparaiyae. Letztere reri&oft onter 
plötzlich eintretenden Remissionen. StÖrangen 
der Fnpillenreaktion fehlen. Die Sprache wird 
langsam, schwerfällig, die Anffassang nnd der 
Oedankenablanf, die Reprodoktionstiltigkeit er- 
Bchvrert, das Verhalten apathisch, die Krank- 
lieitseineicbt anfällig lang erhalten. Die Aas- 
fsUseracheinnngen sind stabil. 

14. Vnttmekädung dei paralytüehen Anfall» 
vom apopMäisehen. Ein apoplektischer Insnlt 
ist bei MSjinera im mittleren Lebensalter 
immer anspekt, eine anamneatische Erfor- 
schnng der VoTgeschichte, speziell eines et- 
waigen inteUektnellen oder ethischen Defekts 
indiziert. Placzbb. 

FarametritU. Unter P. im weiteren 
Sinne versteht man jede Entzündnng im 
Bereiche des Beckenbindegewebes (Snbsero- 
sinm), im engeren Sinne die EntzQndnng des 
die Oeb&rmntter amgebenden Bindegewebs- 
lageis. Doch bildet das eigentliche Farametrinm 
mitdem Faraz^stiom, Parakolpinm, Paraprok- 
liam ein organisches Oanze, so daB entzflnd- 
Uche Prozesse des eigentlichen Farametrinm 
sich nngemein fa&nfig den benachbarten Binde- 
gewebslagem mitteilen. Das Snbserosiiun 
pelvinnm setzt sich nun aber anch nach anBen 
in das extrapelTine Bindegewebe fort, nnd 
zwar nach vom oben in das Bindegewebe 
des Eavnm praeperitone&le Retzii, längs der 
Gef&Bzflge dnrch das Foramen obtnratnm, 
durch das Foramen snpra- und infrapiriforme, 
in das retroperitoneale, rechts in das retrozökale 
und links retrokolische Bindegewebe, längs des 
Lig. teres zum Bindegewebs! ager des Boobos- 
schen Ranmes, insbesondere zur Gegend des 
inneren Leisten ringes nndnachdemO berschenkel 
hin. So erklären sich die mannigfachen Wege, 
auf welchen ein AbszeB des Beckenbindegewebes 
BchlieBIicb anBen zutage treten kann. 

Jede P, ezsudatJTS ist infektiösen Urspmnges, 
Als Entzbndnngseireger kommen im wesent- 
lichen in Betracht die Erreger der Wnnd- 
sepsis und des Gonokokkus; doch können anch 
andere Keime zu einer F. führen, so beobachtete 
ich F. exsudativa bei Inflaenza. Anch der 
Strahlenpilz (Aktinomyzes) kann eine eitrige 
BeckenbindegewebsentzUndung machen. Die 



septische Entzündung ist die hftnfigste, weil 
septische Keime leichter als Gonokokken darch 
die Lymphbahnen in das Beckenbindegewebe 
gelangen. Anch kann bei Geburten und opera- 
tiven Eingriffen das parazervikale Bindegewebe 
unmittelbar verwundet nnd septisch infisiert 
werden. Eine E^ratyphlitis kann sich ins 
Beckenbindegewebe ausbreiten, wie umge- 
kehrt eine P. exsudativa das retrozökale 
Bindegewebe infiltrieren kann. 

Intrauterine kleinere Eingriffe, die ohne 
strenge Asepsis gemacht werden, führen sehr 
leicht zu einer P. exsudativa. Bei der septischen 
Infektion ist das parametritische Exsudat zu 
begrUflen, insofern es einen natürlichen Schntz- 
wali bildet, der dem raschen Vordringen der 
septischen Keime vorerst Halt gebietet Doch 
kann die septische Phlegmone dee Becken- 
bind^ewebes ein sich aber Monate, ja aber 
1 Jahr hinziehendes Krankenlager bedingen. 

Kommt es znr Vereiterung des Exsudates, 
so kann der Eiter in die Harnblase oder in 
den Mastdarm oder in beide Organe gleich- 
zeitig durchbrechen. Damit ist in der R^el 
die natürliche Heilung angebahnt, im letzteren 
Falle kann es aber auch zu einer folgenschweren 
Darm-Hamblasenfistel kommen. Safi das in Ver- 
eiterung Übergegangene Elxsudat vom an der 
vorderen seitlichen Bauchwand, so kann der 
spontane Durchbruch nach auBen oberhalb des 
PoupABTBchen Bandes erfolgen. Der parsme- 
tritische Eliter kann sich anch senken nnd 
an der Innenfl&cbe des Oberachenkels oder 
neben der Scheide in der groBen Schamlippe 
zutage treten. Der spontane Durchbruch in 
die Scheide ist selten. Anch durch das Fo[amen 
ischiadikum kann der Eliter unter die Olateal- 
mnskulatnr, diese vorwölbend, gelangen. Ea 
kann das pararaetrische Exsudat den Harn- 
leiter komprimieren und astendierend dem 
Spermatikalgef&Bbandel folgend eine parane- 
phritisehe EntzAndung zeitigen. Sehr häufig 
sind der Musk. psoas und der Muskul. iliakus 
in den EJitzOndnngsherd eingeschlossen, das 
Bein der betreffenden Seile kommt dann in Kon- 
trakturstellnng, es wird gleichzeitig nach innen 
rotiert nnd adduziert. Die Streckung des Beinea 
macht Schmerzen, die Kranke kann das Bein 
nicht hochheben oder nur sehr mühsam in der 
Weise, daB ue zuerst mit der Hand den 
Unterschenkel von der Bettunterlage abhebt 
nnd dann das flektiert gehaltene Bein etwas 
im ganzen hebt. 

Der häufigste Sitz des parametritischen Ex- 
sudates ist im eigentlichen Parametrium nnd 
im Lig. lat., bei der F. posterior sind die Ligg. 
sakro- uteri na einseitig oder beide infiltriert 
und sehr druckempfindlich. Das seitlich neben 
dem Uterus bzw. EoUum sitzende parametnuie 
Exsudat verdrängt besonders bei intraligamen- 
t&iem Sitz den Utema nach der entgegenge- 



PARÄMETBITIS. 



314 



setzten Seite, mit fortschreitender Resoiptio 



folgt der nteniB dem sich retrahierendeD 
Narbengenebfl, ao d&B er nach Jahren in der 
kranken Seite lateroponiert gefunden wird 
mit erschwerter Beweglichkeit nach der ge- 
sunden Seite. 

Das parametritiBche Exsudat ist ganz im 
Beginn weich, wird allmählich fortschreitend 
hirter und kann achlieBUcb harte Konsistens 
bis iDr Knorpelh&rte annehmen. Das para- 
metritische Exsndat bildet eine gewöhnlich 
sdtlich dem Dtems breit anliegende, nach 
unten flache Cleschwalat, die wenig beweglieh 
oder gar unbeweglich ist nnd aa die kndcheme 
Beckenwand breit herangeht. 

DieretroaterinenBindegewebsexBndate Beizen 
neb spomartig ins Septnm rekto-vaginale 
fort. Das peritonitische Ezsndat iat nach unten 
konvex and von der knöchernen aeitlichen 
Beckenwand deotlich abzngrenien; es bildet 
sieh gewöhnlich znerst im DoDOL.ABBchen Ranme, 
dessen Peritonealtascbe nach onten Bcheiden- 
wartB starti forgeatQlpt wird, wahrend der 
Utems Symphysen Wirts Terdrängt wird. Das 
Sebeideagewölbe bleibt beim peritonitiscben 
Exsudat dort, wo es dem Exsudat anliegt, 
Ober ihm frei verschieblich, das ist nicht der 
Fall beim paiametritischen Exsudat Das peri- 
tonitiscbe Ezsndat ist weit empfindlicher und 
vemraacht weit gröBere Schmerzen als das 
panunetritische , jedoch ist bei letzterem sehr 
htofig auch die Feritonealdecke an der Ent- 
iQndong beteiligt und dann ist anch beBonders 
im Beginn das parametritische Exsudat 
schmerzhaft, Aach können sich ja peri- 
uid parametritische Ezsadate kombinieren, so 
kann neben Donglaseisudat eine P. posterior 
bestehen. Ein pnerperales intraligament&res 
Exsudat behindert den Bückbild nngavorgang 
de« Uterus und hftlt ihn über dem Becken in 
der Bauchhöhle zurück, so daB nach Monaten 
der Fundus fast in Nabelh^e stehen kann. 
PatametriÜsche oder richtiger paraproktiüsche 
Exsudate treten in innige feste Beziehung 
nun Hastdarm, so daB letzterer ringfSrmig 
verengt und seine Schleioihaat an der Be- 
rahmn^fläche nn verschieblich werden kann. 
Intraperitoneale Exsndate verdi&ngen nnr den 
Mastdarm. 

Das parametritische Exsudat kann an der 
vorderen und hinteren Korpaswand nni so 
weit hinanfreicben, als das lockere Bauchfell 
abhebbar ist; der oberste Abschnitt mit Fundus 
llBt sich infolgedessen von dem Elxsndat pal- 
patoriscfa isolieren; das braucht nicht der Fall 
zn sein beim peritonitischen ErgoB. 

Ein prim&r paratyphlitischee, also auf Ent- 
zündung des Proz. vermiformis bemhendeB Ex- 
sudat aitzt höher auf der Darmbeinschaafel, 
ist flacher und tritt nicbt in so innige Be- 
rObning mit den seitlichen Partien des Kollnm 



und Uterus wie das parametritisclie Exsudat, 
wenigstens im akuten Stadinm. Auch kann 
die Anamnese hierbei diCTerentialdiagnostiBehe 
Bedeutung haben, weil das parametritische Ex- 
sudat immer aof Infektion bembt nnd eine . 
Oelegenheitsursach e sich feststellen lassen d ürfte. 

Earzinomatäae Infiltrate des Beckenbinde- 
gewebes, wie sie ans primKren Uterus- nnd 
Scheidenkrebsen, Eierstocks-, aber anch 
Mastdarm- and Blasenkrehsen resultieren 
können, sind schon h&nfig mit harten ent- 
zündlichen Infiltraten verwechselt worden. Ich 
sah einen Fall von primArem Blasenkrebs, der 
ganz symptomloB sich entwickelt and ein 
kaizinomatöses Infiltrat im Lig. lat. gezeitigt 
hatte, das als selbst&ndige Oeschwalst impo- 
nierte. Auch in solchen F&llen moB neben der 
genaaeaten Untersuchong aller in Betracht 
kommenden Organe die Anamnese berücksichtigt 
werden. Auch kann neben einem Uteruskrebs ein 
entzündliches Infiltrat desBeckenbindegewebes 
besteben, aber auch hierbei kann die Ana- 
mnese Anhaltspunkte geben zur Klarstellang. 
Entztlndliche Adnexerkiankung ist froher viel- 
fach mit P. verwechselt worden. Der geübte 
Untersucber dürfte heate in der Lage sein, 
diesen Irrtnm zu vermeiden. Die wurstförmigen 
oder retortenförmigen entzündlichen Elileiter- 
geschwülste lassen sich palpatoriscb bis zur 
Insertion seitlich am Fundns verfolgen, an 
ihrer oberen, abgerundeten, eigenartigen Kon- 
tor, selbst inmitten von Exsudatmassen heraoB- 
palpieren, der Finger kann in nicht kompli- 
zierten Fallen vom seitlichen Scbeidenge- 
wölbe ans zwischen Uteroskante und Eileiter- 
geechwnlst nach oben vordringen, was bei para- 
metritischen bzw. intraligamentSren Exsudaten 
niemals möglich ist. 

Exsudate bei intranterinem Abort können mit 
Elxtranterinschwangerscbaft verwechselt wer- 
den. In diesen Fallen besteht immer Fieber, was 
hei Extrauteringravidität zn den Ausnahmen 
zählt Fieber ist ein gewichtiges düferential- 
diagnostisches Moment hei der Entscheidung, ob 
Exsudat oder BlnteignB, Blutung in das Becken- 
bindegewebeoder in die Beckenbaachhöhle be- 
dingt an sich kein Fieber, ein Exsudat beginnt 
anter mehr oder minder remittierenden 
Fiebereracheinungen . 

Therapie. Von grofier Bedeutung ist die 
Verhütung der P. exsudativa. Sie deckt sich 
mit der Beobachtung strenger Asepsis nnd 
Antisepsis sowie der vorsichtigen Indikations- 
stellang bei allen unseren diagnostischen and 
therapeutischen Eingriffen. 

Die akute P. exsudativa erfordert absolute 
Bettruhe and Eisblase bzw. kalte Umschtege 
auf den Unterleih, Gegen die Schmerzen gebe 
man Opiumsnppositorien h0'05. ManbUtesich, 
die Kranke zu früli aufstehen zu lassen, weil 
sonst ein ßückfall auftreten kann. ^^^^T^qIc 



315 



PARAMETRITIS. 



316 



exsadative Frozefi zun StiUstand gekommen, 
so kann man allmählich eot reaorbieranden 
BehaJidlang ttbergehen ih Form von PrieBnitz' 
nmachl&gen nncl TDreicbtigen lanwannen Mast- 
darmspülnngen. Mit ScheidenepOlongen warte 
man lieber noch, weil sie einen örtlichen Beiz 
abgeben können. Man lagere gleichzeitig das 
Becken durch ein Keilkiasen hoch hehnfs Er- 
leichtemng der Zirkulation. 

Ist daa Fieber gewichen, die Resorption des 
Exandate» angeregt, so können am Bett 
lauwarme Sitzbftder Ton 35° C und 20 Minuten 
Daner veranchtweise verordnet werden. Die 
örtliche Verwendm^ der Hitze darf erat dann 
Platz greifen, wenn man annehmen kann, daß 
die Entzändongskeime eelbat im Exandat zn- 



grande gegangen Bind, weil sonst eine eitrige 
Einachmelznng des E^ndatea folgen kann. 
Unser Bestreben mnB znnachst immer sein, 
die Äbazediemng zu verhüten. 

Sind aber die entzOndbchen Beizerscheinnn- 
gen ganz and gar vorüber, ist das Exsudat 
hftrter nnd nnempflndlich geworden, so kann 
man durch lokale Wärme und Hitze die Auf- 
saugung zu fordern Buchen. Man verwende 
Moor- und FangoumschlBge, Kataplasmen, Ther- 
mophorkompressen, heiBe Sandbiider, Schwitz- 
bäder, heiße Scheid enapölnngen von 47— 50°C 
(4—61 tÄglich), HeiBlnftapparate. Von Bade- 
karen kommen in Betracht die Moorbäder in 
Franzenabad, Marienbad, Elster und ähnlichen 
Orten, die Solquellen in Keichenhall, Hall, 
Kolberg, Kosen, Kissingen usw., die jod- nnd 
bromhaltigen Quellen in Kreuznach, Münster 



a. St, Tölz. Man kann auch die Örtliche vaginale 
Belastung des torjüden chronischen EzBndatea 
mittelst des QnecksilberkolpenrTnters oder den 
QnecksilberloJFtkolpenrynter (Fikbub) versnclu- 
weise anwenden. Vor allem aber ist die manuelle 
Bebandlnng der Ezsndatresle von gater Wir- 
kung, wenn jede entzündliche Reizwirknng 
fehlt. Jeden 2. Tag masaiere man schonend 
mit der äuSeren Hand unter Vorschiebnng der 
Bauchwand über dem Exsudat, w&hrend die 
inneren Finger von der Scheide ans einen 
Gegendruck leisten. Regelm&Sige Messungen der 
KörperperwSrme sind dabei erforderlich, die 
geringste Steigerang Ober die Norm sowie 
Schmerzempfindong infolge der manuellen Be- 
handlung verlangen deren sofortige Unterbre- 
chmig. Sonst kombiniere 
man zweckmäßig die mann- 
elle Behandlang mit der 
hfdrotherapeatiBcben. Han- 
delt es sich tun die letzten 
Beste, um narbige Schwielen 
in den Parametrien, so emp- 
fiehlt sich wie bei der weiter 
unten beschriebenen genui- 
nen F. atmphikans die Zng- 
bzw. Dehnungamassage. Ist 
beispielsweise infolge ain- 
seitiger schrumpfender P. 
das Kollum nach dner Seite 
gezogen, so gehen die inne- 
ren Finger in das tietref- 
fende seitliche Scheidenge- 
wölbe ein , während die 
äoBere Hand von den Bauch- 
decken ans das Korpus um- 
faßt und so kombiniert den 
DteruB bis zehnmal in einer 
Sitzung je nach der Empfind- 
lichkeit der Kranken nach 
der nicht fixierten Seite zieht 
(vgl. Fig. S3 nach Zieokii- 

Handeltes aich am eine chronische P, posterior, 
gehört also der Prozeß dem retrozervikalen 
Bindegewebe bzw. dem Lig. sakro-aterinum an, 
so wird sich die Richtung der Debnnngsbehand- 
lung, indem man Kollum und Korpus von hinten 
umgreift, sympbjsenw&rts bewegen mtkaaen: der 
Uterus wird methodisch nach vom gezogen. 
Nicht selten findet sich infolge stärkerer einsei- 
tiger Schrumpfung im Lig. aakro-nterinnm nnd 
dem Lig. kardinale das Korpus uteri nach der 
der Pixatiokolli entgegengesetzten Seite gelagert 
(Retropositio et Laterofiiatio kolli et Latero- 
versio korporia uteri); hier ist das Korpus nach 
der seiner Neignng entg^iengesetzten Seita lu 
bewegen, also nicht kongruent mit demKollum. 
Auch die elektrische Behandlong der P. exsu- 
dativa chronika wird empfohlen, und zwar 
mittelst dea galvanischen, &radiachen, di^- 



317 



PARAMETRITIS. - PABANOIA. 



pbaeigen Stromes and mittelst Strömen 
hoher Spannung nach d'Aisohvai» Doch möchte 
ich den anderen Heilfaktomn eine gröfiere Wir- 
kung zuschreiben ala der elektriachen Behand- 
lung. 

üanz anders gestaltet sich die Tlierapie, 
wenn das Eisadat eitrig eingeschmolzen ist, 
mt es also mit dnem AbaieG za ton haben. 
LaBt trotz absolnter Bettmlie, PaiEssinTEschen 
DmschlKgen da« Fieber nicht nach, dickt eich 
der Eiter nicht ein, so kommt nnr die mög- 
lichst sofortige Erö^ang nnd Entleerang des 
Abszesses in Frage. Hat der Eiter sich mehr 
nach Tom gegen die Banchdecken entwickelt, 
bandelt es sich nm einen AbszeB, der die 
Hnsknli psoas nnd iliakns tangiert, also am 
Darmbeinteller aufliegt (Dt'PUTTRENscher Ab- 
Ezefi), so inzidiert ni&n am besten oberhalb nnd 
parallel znm mittleren Abschnitt des Lig. Pon- 
parti, wie znr Unterbindong der Vaaa iliaka 
das Banchfell abschiebend, nachdem alle 
Unskeln (M. obliqn. ext. int., transversns) nnd 
die Faszia transyersa schichtweiB dnrchtrennt 
sind. Der Eiterherd ist gewöhnlich von derben 
Schwarten nmgeben. Geht der AbszeB hoch 



nf de 



nd de: 



Dai 



hinten hei 



anf, 
1 obei 



das Peritnneom abznachieben and am knö- 
chernen Becken entlang nach der Scheide 
darch zu dniinieren, Ist der AbszeB entleert, 
%o wird nach oben mittelst Oaze oder eines 
Drainrohrs drainiert, evenlnetl noch eine O^en- 
öflhnng nach der Scheide angelegt. 

Bei intraligamentfirem Sitz des Eiterherdes 
empfiehlt sich die von mir 1894 angegebene 
Methode der EröSinng vom seitlichen Schei- 
dengewölbe ans. 

Man umschneidet seitlich nnd vom die Portio 
vaginal., schiebt die Scheide vom Kollnm mit 
dem Finger stampf ab, ebenso die Harnblase 
nnd unterbindet die Vasa uterina doppelt, 
schneidet zwischen den Ligaturen das Lig. kar- 
dinaledarch, derSchnitt wird nach oben verlän- 
gert, so daß im unteren Drittel das Lig. latom von 
der Uteroskante losgetrennt ist. Damit ist ein 
breiter Zugang in das Lig. latnm geschafien, 
welcher die stumpfe Eröffnung, gründliche Ent- 
leerung nnd ausgiebige Drainage des Eiterherdes 
ermöglicht. Handelt es sich nm mehrere höher 
gelegene Abszesse, so lassen sich nach Ent- 
leerung des tiefer gelegenen die Scheidewände 
in den höheren mit dem Finger darchbohren 
nnd so amtliche Eitedierde durch die gesetzte 
Öffnung entleeren. lUan ist anch sicher, daß 
Hch die Öffnung im seitlichen Scheidengewölbe 
nicht vorzeitig schlieBt, weil die masknlöse 
seitliche Flftche des Kollnm nnr sehr geringe 
Tendenz znr Temarbnng hat. 

iMgt der AbszeB dem hinteren Scheidenge- 
wölbe nfther, so kann man besser von hier aus 



inzidieren nnd stampf — eventnell nnter Zn- 
hilfenahme eines Probetroikarts — znm Eiter- 
herd vordringen. 

Neben dieser eisadatiren P. gibt es anch 
eine genuine schmmpfende , von W. A. Fbkcnd 
als idiopathische F. atrophikans bezeichnete 
Form der Bindegewebserkranknng. Langdao- 
ernde Katarrhe des QetArmatterhalses können 
schon bei Virgines eine fortschreitende Verdich- 
tung nnd Schrumpfung im Bereiche des an- 
grenzenden horizontalen Bindegewebslagers nnd 
eines oder beider Lig. sakro-uterin. zeitigen. 
Noch häufiger sind KoUumrisse mit Eröffnung 
des Bindegewebes die Ursache. Auch kann die 
exsudative Entzflndung narh Aufsaugung des 
Exsudates in die scbrnmpfende Form schlieGlich 
äbei^hen, in diesem Falle lassen sich dann 
noch im Bereiche des zugehörigen Lig. lat. 
Schmmpfungs- und Verdichtungsprozesse nach- 
weisen. Die P. atrophikans bewirkt anfangs 
StaunngdesUteraadnrchDmckaaf die Venen; 
infolge fortspiireiteiider Degeneration des Qan- 
glionplexns, welcher nnter der Krenzongsstelle 
des Ureters mit der Vas. uterin. neben dem 
Kollom im horizontalen Farametrium liegt, 
kann es aber später zur Atropbia uteri kommen. 
Aber nicht bloB örtliche trophische Störungen, 
sondern auch reflektorisch ausgelöste spinale, 
sympathische und zerebrale Erscheinungen 
können die Folge sein. Dait Krankheitsbild 
schwerer Neurasthenie kann in einer P. atro- 
phikans seine Ursache haben. Das Kollnm uteri 
ist nach der erkrankten Seite fixiert, der normal 
bewegliche Korpus weicht nach der entgegen- 
gesetzten Seite aus, der Uterus liegt schrftg, 
der ftnflere Muttermund sieht nach der erkrank- 
ton Seite. Nicht selten ist das der Onnd fKr 
Sterilität. Ist das Lig. lat. mit beteiligt und 
der Prozeß wie gewöhnlich einseitig, so ist der 
Uteras lateroponiert. Ist einLig.sakro-uterin.in 
Mitleidenschaft gezogen, so ist die zugehörige 
Kante des Kollnm nach hinten zurückgehalten, 
der ftuBere Muttermund steht »chrftg; sind beide 
Lig. sakro-uterin. geschrumpft, so ist das 
Kollnm in toto dem Kreuzbein genfthert und 
in seiner Beweglichkeit nach vorne beschränkt. 

Die oben angegebene manneile Dehnongs- 
behandlnng erzielt die besten Erfolge. 

ÜOTTSCOALK. 

Paranoia. AIs P. (Danebendenken) oder 
Verrücktheit wurde und wird eine funktionelle 

Geisteskrankheit bezeichnet, bei welcher Wahn- 
vorstellungen und Hallazinationen die hervor- 
stechendsten Krankheitszeichen bilden. Mag 
anch das so definierte Krankbeitsbild als 
Hauptgegenstand psychiatrischer Kontroverse 
in seinem Ausdehn ung8i)ereich noch vielfach 
schwanken, je nach der psych iatriscben Schule 
mehr weniger eingeengt werden, für nnsem 
gegen würl igen, rein praktischen Zweck bleibt 

' 1 der Hauptsache bestehen, wonach Wahn iqIp 



319 PARA 

voietellongen das hervorBtechendste, wenn auch 
nicht das einzige Krankheitazeicben bilden. Bei 
dieser Krank heitsform , der P. aimplei chrO' 
nika, entwickeln sich dieae Wabnvorstellnngen 
sehr langsam zu einem bleibenden nnerschät- 
terlichen Wahns^fetem, nfthrend Denken, Wollen 
imd Handeln relativ klar nnd geordnet blei- 
ben. Ans kleinstem, kanm merklichen An&ng 
heraus entwickeln sich die Wahnideen. Zn- 
nächst wird der Kranke nnzafrieden, miB- 
tnoisch gegen die Dmgebnng, glanbt sich sn- 
rückgesetzt, beginnt in harmlosen Bemerkon- 
gen , in zn&lligen Oebif den , anfgeCangenen 
Blicken, Beleidigung tmd Feindseligkeit zn 
wittern. Was er sieht and h&rt, bringt er in 
Eigenbeziehung. In der Zeitnng findet er An- 
spielang anf dje eigene Person. Mit Hypnose, 
Röntgenstrahlen, drahtloser Telegra^ie sacht 
man seine Qedanken in erraten, dringt damit 
dnrch die Wände seiner Wohnnng, zwingt ihn, 
sich eine Schntzkappe g«%en die Verfolger in 
konatmieren. Man schwftcht ihn andauernd ge- 
schlechtlich. Diesem gegen ibn arbeitenden 
Komplott gehören alle möglichen Personen an 
oder ganze Verbände, wie Freinianrer, Sozia- 
listen, welche, durch furchtbare Eide verbun- 
den, gegen ihn arbeiten. 

Ganz besonders verhängnisvoll wird der 
Wahn der ehelichen Untreue (von KalPKLn 
wird ein gprtLaeniler BeeintrAchtignngswaJin* 
beschrieben, bei welchem die Beeinträchti- 
gnngs-, insbesondere Eifersnchtsidee im Invo- 
lutionsalter oder etwas später auftritt). Kommt 
er auch vornehmlich bei Alkoholisten vor, so 
wird er doch auch beim Pacanoiker zuweilen 
zn einem onkorrigierbaren Bestandteile des 
Denkprozesses, an dem jeder noch so markante 
Gegenbeweis machtlos abprallt. Der Kranke 
bleibt von der Tatsächlichkeit seiner Wahrneh- 
mung fiberzengt nnd martert seine Fran anf 
jede erdenkliche Weise. In einem jüngst von mir 
beobachteten Falle wiederholten sich täglich 
die gleichen Vorwürfe, wurden die nSchsten 
Angehörigen des Ebebmches beschuldigt, nnd 
ebenso oft mufite die Ehefrau, eine ebrwttrdige 
Matrone, Bnäe tun, Besserung versprechen, ohne 
mehr zu erreichen, als einen vorübergehenden 
NachlaB der Ideenstärke. 

Aus solchen Verfolgnngsideen, aus dem Be- 
obachtungs- und Beeintiftchtigongswahn ent- 
wickelt sich aUmählich das Gefühl der Selbst- 
überschätzung, der QröBenwahn. Nur ganz 
hervorragende, besonders veranlagte Menschen 
können ja soviel Interesse wecken, zn solcher 
Anfeindung Anlafi geben. So wird der Kranke 
allmählich der Abkömmling aus FUiatenge- 
schlecht, der grofle Erfinder, Dichter, Denker. 
Spielend löst er die rätselvollsten Probleme. 
Im Wesen und der Körperhaltung verrät er 
seine hervorragende Stellung. Aus den Blicken 
und Worten der Umgebung liest er die An- 



erkennung seiner Überzeugung. Manchmal ent- 
deckt er Liebesbezengnngen, die hochgestellte 
Personen des andern Oeechlechts ihm entgegen- 
bringen. Eine 70jährige Dame meiner Klientel 
unterhielt ständig einen Briefwechsel mit 
unserm Kaiser, war felsenfest davon überzeugt, 
daß er in sie verliebt wäre, daS er die Moa- 
biter Begimenter nur ihretwegen ihre Wohnnag 
passieren liefie. In ihrem schönsten Seidenkleid 
erwartete sie täglich sein Kommen nnd folgte 
mir ohne Bedenken, als ich ihr den angeb- 
lichen Auftrag Sr. Mi^jest&t brachte, ins Schlofi 
zu kommen. Ale die Irrenanstalt, das ver- 
meintliche ScbloB, sie aufnahm, war sie nur 
momentan ärgerlich. In ihrer Idee, daS der 
Kaiser sie dann dort besuchen würde, blieb 
sie unerschtlttert. 

Solch „erotische VerrBcktheit'' wird lange 
fortgesponnen, durch die vencbieHensten, wahn- 
haften Auslegungen der Ereignisse, der Beden, 
der — natüilicb geheimniavoUen — Zeitungs- 
annoncen genährt. 

Zuweilen betreffen die Verfolgnngsvorstel- 
Inngen vornehmlich das seinelle Gebiet, tauchen 
wahnbafte Darstellnagen von Vergewaltigung, 
angeblicher Schwangerschaft auf, ja fuhren 
sogar zu Bezichtigungen bestimmter Personen 
(hysterische Varietät). 

Die Beaktionsweise anf die mannigfachea 
Wahnideen ist sehr verschieden. Manche Kranke 
verraten sich in keiner Weise, verbergen sie 
vollbewofit (dissimulieren); andere schlieBen 
sich anf Grund ihrer Verfolgnngsideen von der 
AuSenwelt ab, verrammeln Fenster und Türen, 
kochen aus Furcht vor Vergiftung ihr Essen 
selbst, denunzieren ihre vermeintlichen Verfol- 
ger bei der PoUzei, der Staatsanwaltschaft, be- 
drohen zuzeiten ihre Verfolger mit der Waffe. 
Ihre GröBenideen verbergen sie zuweilen lange 
Zeit, verraten sie andere Male schon durch 
die Pose, Sprechweise, Kleidung. 

Sinnest&nschnngen tauchen t>ei dieser Para- 
noiaibrm selten anf^ etwas häufiger Blusionen. 
Namentlich Gebörstänschnngen beechäftigeD 
den Kranken. Ein einzelnes Wort, ein selt- 
samer Satz, ein geheimnisvoller Befehl, am 
Tage oder in der Nacht vernommen, dienen 
zur wahnhaften Ausgestaltung nnd Fixierung 
des Wahnsystems. 

Selbstverständlich verändert das dnrch die 
Wahnideen einseitig verschobene Geistesleben 
des Kranken nicht blofi sein Urteil über die 
eigene Person nnd deren Beziehung zur Außen- 
welt, es fälscht auch das aufgespeichert« Oe- 
dächtnismaterial. Im Sinne „retrospektiver 
Umdeutung und Erinnerungsentstellnng' wer- 
den weit zurückliegende harmlose Begeben- 
heiten wahuhaft umgestaltet. Alle möglichen 
Einzelheiten der Vergangenheit werden jetzt 
erst verstanden. ÄuBernngen der Eltern, dei«n 
Stand, Kinderspiele, Schnlerlebnisae, alle diese 



321 pa: 

Tatsachen werden im Sinne des Wahnsyetoi 
interpretiert, nnd swar ankorrigierbar darch 
jeden Gegenbeweis. In dieser Unkorrigierbar - 
keit ist eine der Merkmale gegeben, eine Idee 
als Wahnidee za beKeichoen; die weiteren 
Merkmale sind ihre objektive Unrichtigkeit 
and ihr Widersprach zur ftUgemeinen Er- 
bhrang. 

P. halluiinatoria chronika. Im Oe- 
gensatz ZD der eben geschilderten Krankheits- 
forai entwickeln sich hier allmählich Sinnea- 
taDBchDngen. An^nglich nur lIloBionen, d. h. 
Umdeotongen von Eindrücken, werden sie all- 
in&hlich Halluzinationen, d. h. Sinneatänschon- 
tien ohne iaBeres Objekt. In allen Sinnesge- 
bieten können sie erscheinen, doch Überwiegen 
die CiebÖrstSoBchnngeD. Die Wahnideen können 
sowohl primftr als anch darch HallnzinatiDnen 
bedingt entstehen, sich äach za einem Wahn- 
System entwickeln. Die intelligenE bleibt bis 
zam TcMJe anverftndert Die Handlung wird 
von der Zahl and dem Inhalt der i^innes- 
(Soschmig bestimmt Körperliche Begleits^- 
ptome sind sehr selten. Die Krankheit ist nn- 
heilbar, kürzt aber die Lebensdauer im allge- 
meinen nicht ab. Die Hallozinationen können 
an Zahl und Starke nachlasGen. 

Verschiedentlich wird noch eine aknte P. 
nnterecfaieden, and zwar eine hallozinatc 
»che and eine einfache Form (simples). Ge- 
genwärtig scheint die Lehrmeinung das Tber- 
gewicht zn bekommen, daB hieronter Krank- 
heitsbilder rabriziert werden, die gani 
dem Formen zagehören wie der Amentia. dem 
Alkobolwahnsinn , der Dementia praekox etz. 
Ob die akote P. aber in Zoknnft aufgegeben 
werden könnte, weil, wie Khäpklis sagt, ,sie 
weder eine eigenartige Ursache, noch 
besonderen Verlauf and Ausdehnung, noch 
Hmstige Krankheitskennzeichen aufweist, die 
imstande wSren, de von andern Zustandsbil- 
dem irgendwie abzutrennen", bleibt abzuwar- 
ten. Ich pflichte KaiFKLiN aber bei, wenn er 
den Namen der P. von dieser Krankbeilsform 
verbannt wissen möchte, weil dadurch wesent- 
liche Merkmale der allgemein anerkannten 
Form dieser Krankheit, die grondsKtztiche 
Dnheilbarkeit. das dauernde Fortbestehen der 
auftretenden Wahnbildung vollkommen ver- 
wiacbt vrOrden. Immerhin halte ich es in Be- 
raeksicbtignng des praktischen Zwecks dieses 
Handbuchs für angebracht, diese Krankheits- 
farm nach ihrer bisherigen Auffassung kurz 
EU skizzieren: 

a) P. hallnzinatoria akuta. Das Hanpt- 
ipnptom sind SinnestSnschungen. Alle andern 
äjmptome, auch die Wahnideen sind sekundär. 
Die SinnestAnschnngen sind teils illnsionBre 
Umdentung von Wahrnehmungen, teils Halln- 
nnatioDen. Der Kranke sieht Menschenköpfe, 
Tiere, ganze Landschaften, hört Drohungen, 



irrftptnljfchfls Lttxlkon 



III. 



schmeckt and riecht ekelhafte Dinge, verspürt 
seltsame Sensationen. Infolge so gehäofter fal- 
scher SinnesUbermittlnng leidet die Orien- 
tierang, wird auch die Ideenassoziation gestört 
und beschleunigt und herabgesetzt, und der 
Kranke kann dann verwirrt erscheinen. Da 
der Kranke von der Bichtigkeit seiner Sinnes- 
Wahrnehmung ttberzeugt ist, fehlt ihm das 
EranlcheitsbewuBtsein , und zahlreiche Wahn- 
vorstellnngeu entstehen. Je nach dem Inhalt 
der Halluzinationen gestaltet sich das Handeln 
des Kranken. Es kann so stark gehemmt werden, 
daB die Kranken lange Zeit fast regnngslos 
liegen, auf keine Frage antworten, jeder pas- 
siven Bewegung widerstreben, Kot und Urin 
unter eich gehen lassen, spontan keine Nahrung 
zn sich nehmen (hallnzinatoriscber Psendo- 
stupor). Aach eigeoartige Stellungen nimmt der 
Kranke an und voUfithrt stereotype Bewegungen. 

Wirken die Halluzinationen erregend, so 
kommt es zu schwerer Agitation. Der Kranke 
schreit, singt, pfeift, zerstört, schimpft. 

b) P. simplcK aknta. Hier treten Wahn- 
vorstellungen primftr und massenhaft anf. 
ohne sich zu fixieren. SinnestAuschnngen kom- 
men nicht in Betracht, Die Urientierong geht 
voUst&ndig verloren. Die Handlangen entspre- 
chen den Wahnvorstellungen, können zu Tob- 
sncht und OewalttAtigkeit gegen die Umgebung 
fähren. 

Ätiologie. Die wichtigste Ursache ist die 
erbliche Belastung. Alle andern Momente wie 
chronische Oemütserregnng , geistige Über- 
arbeitung, Alkoholismns , Hysterie sind nur 
HilfsursHchen. Für die akute hallazinatorische 
Form ist ErGchöpfung nach Wochenbetten, 
lang dauernden Krankheiten, fieberhaften Er- 
krank nngen von Wichtigkeit. 

Di8erentialdiagnoBe. Die Erkennung der 
chronischen Form bat keine bemerkenswerten 
Schwierigkeiten, wenn man die langsame Ent- 
wicklung, die eigenartige Wahnbildnng, die 
relative Ordnung des Oesamtintellekts beachtet 
bzw. die allmählich entstehenden Hallnzina- 
tiDnen. 

Ob man die Krank lieits form mit akat enlh 
itehenden Sinnest&Dschangen oder Wahnideen 
unter die P. rabriziereo oder der Dementia 
praekoi zuweisen wird, speziell wenn Negati- 
us, Stupor, Stereotypie, Manieriertheit, Be- 
fehlsantomatie oderlmpulsivitAt besteht, dürfte 
allein von der persönlichen Stellung des Psych- 
iatera and der modernen Umwandlang psych- 
iatrischer lirnnd begriffe abhftngen. 

Von der progressiven Paralyse nnterscheiden 

sich die paranoischen Erkranknngs formen durch 

Fehlen körperlicher Symptome und durch 

Intaktheit der Intelligenz, bzw. deren se- 

k and Are Ver&nderung. 

Der Verfolgungswahn der Melancholie onter- 
Bcheidet sich dadurch, daB der Melancholiker )o|o 
11 o 



PAKANOIA. - PARAPHIMOSIS. 



retrospektiv nach einer Schuld sncht und sich 
Belbst anklagt. 

Besonders wichtig ist aber die Feetstellnng, 
ob das MiBtranen, der Hochmat, die Qnemlier- 
sdcht gerechtfertigt ist, die „wahnbaften' 
AaGerangen auch nirklich Wahnideen sind, 
ob Bie nicht der Wahrheit entsprechen. Zn 
beachten ist anch, daB selbst wenn die Be- 
Bchnldigiuigen wahr aind, die AnkUkger Qnem- 
lanten sein kQnnen, indem sie die vorgebrachte 
Anschnldignng wahnhaft weiter verarbeiten. 

Im flbrigen bleibt das Oed&chtnis bis ins 
sfAte Alter leistungsfähig. 

Ähnlich wie das Urteil wird auch das Qe- 
fUhUleben insoweit verachobeii, als die das 
SelbstbewnBtaein begleitenden GefQhlstßne ent- 
sprechend der wahnhaft veränderten Auffas- 
sung von der eigenen Persönlichkeit TerAndert 
werden. 

Krankheitaein sieht fehlt vollständig. All- 
mählich werden anch die Anstalts&rzte, wenn 
sie die Wfinsche des Kranken nicht erfüllen, 
in das Verfolgnngsayatem einbezogen. 

Erat nach vielen Jahren , oft Jahraehnteo, 
versiegt die wahnbildende Kraft des Kranken. 
Fortan bleiben die Wahnideen fixiert, verlieren 
aber allmählich an Gefühlsbetonnng. Der lange 
vergebliche Kampf ermüdet den Kranken. Er 
wird glei eil gültiger. Die Energie znin Handeln 
erlischt. Wohl gibt der Kranke keine Wahn- 
idee frei, doch immer seltener äoBert er sie, 
immer weniger wird er durch sie in seineiii 
Handeln beeinfloßt. Da andrerseits infolge der 
langjährigen ansschlieBlichen Konzentration des 
Denkens auch die Wahnvorstellungen, die nor- 
malen früheren Interessen gleichfalls erstorben 
sind, so ist das QefQhlsleben des Kranken in 
höchstem Mafie reduziert. Er lebt nor noch 
mechanisch in seinem Wahnsystem fort. Zu 
einem Intelligenzdefekt kommt ea dabei nicht. 
Die Interesselosigkeit des Kranken tänscbt eine 
solche nur vor. 

Der AbschlnS kann ausbleiben und der 
Kranke bis zum Tode unverändert bleiben. 
Zuweilen können anch die GröBenideen ana- 
Weiben. oder gar den Verfolgnngaideen vor- 
ausgehen, oder endlich gleichzeitig auftreten. 

Besonders besprochen werden mnB eine 
Abart der geschilderten Paranoiaform , der 

In seinem ersten Anfange geht er von einer 
wirklichen oder vermeintlichen rechtlichen Be- 
nachteilignng ans, einer wirklichen oder ver- 
meintlichen ungerechten Vernrteilong. Diese 
Tatsache beherrscht seitdem das ganze Denken 
dea Kranken , drängt, alle anderen Gedanken 
□nd Intereesen in den Hintergrund , läßt an- 
danemd anf Mittel und Wege zur Erlangung 
des Rechts sinnen. Werden die Ansprüche ab^ 
gelehnt oder wird der Kranke gar von neuem 
verurteilt, so dient das nicht etwa nur Beru- 



higung. Im Gegenteil weckt das nur die neue 
Vorstellung, daÄ diese Richter bestochen wären, 
endlich daB alle Behörden gegen ihn komplot- 
tiertan, die ihm sein Hecht verweigerten. Diese 
Ansicht behält der Kranke anch nicht für 
sich, sondern spricht sie in zahllosen, immer 
voluminöser werdenden Beschwerden ans. Dm 
zu seinem vermeintlichen Rächt zn geUng«), 
studiert er die Gesetzesbestimmungen , be- 
herrscht sie KhlieBlich mnemotechnisch oft in 
verblflfTender Genauigkeit, zitiert sie in Cber- 
fttUe an allen möglichen Stelloi nnd führt so 
den Kampf, nicht nur mit schein logischer Be- 
weisfühnuig, sondern auch mit einer juristi- 
schen Schärfe, daB deren Haltlosigkeit oder 
Widersinn oft nur sehr schwer anfechtbar irt. 
Zuweilen weckt anch dieser stete Kampf nms 
Recht die GröBenidee, entspringend aoe der 
Überzeugung, nnverstanden zn sein und zn 
bleiben und deshalb zu Höherem bemfon zu 
sein. Placzek. 



PaxftiphlmiMiB. Ist bei ei 
die zn enge Vorhaut hinter die Olans zurück- 
gezogen worden und kann sie nicht mehr nadi 
vorne gebracht werden, so entsteht eine Para- 
p b i m o s e. Der enge Vorhautring schnürt die 
Eichel ringförmig ab. Durch die durch diese 
Konstriktion entstehenden Zirkulation astörnn- 
gen kommt es zn ödem der Eichel nnd der 
inneren Schleimhautlamelle, welche letztere die 
Eichel in mehr oder weniger breiten Wttlsten 
wallartig umgibt Bleibt dieser Zustand be- 
stehen, so entsteht Ejitzündung und Gangrän. 

Ist die Vorhaut entzündet oder Sitz von 
Ulzerationen, so kann anch trotz normaler 
Weite des Präputialringes eine Paraphimoee 
entstehen, indem sich die infiltrierte nnd rigide 
Vorhaut, nachdem sie einmal zuriIckgezogeD 
ist, nicht mehr rednzieren l&Bt. 

Therapie. In jedem Falle von Paraphimoee 
muB die sofortige Reposition versucht werdMi. 
Man faBt die Vorhaut zn beiden Seiten der 
Glans mit Zeige- nnd Mittelfinger beider 
Hände, indem man die Nägel der Zeigefinger 
unmittelbar hinter dem einschnürenden Ringe 
einsetzt, und zieht das Präputium nach vorne, 
während die Daumen die Eichel seitlich kom- 
primieren und sie nach rückwärts durt^ den 
Präputialring schieben. Oder man nimmt den 
Penis in die linke Faust, so daB er hinter d«n 
einklemmenden Wulst vom Zeigefinger und 
Daumen ringförmig nmfaBt wird, nnd sncht 
durch die drei ersten Finger der rechten Hand 
die Eichel durch diesen Ring bindnrchsn- 
driicken. itlan kann die Reposition dnrch 
eine Einwicklnng des ganzen Gliedes mit 
einer elastischen Binde oder durch kompri- 
mierende Massage der Vorhaut vorbereiten- 
Ist die Reposition gelungen, so empfiehlt es 
sich, gleich die Operation der Phimose anzu- 



32ö 



PÄBAPHIMOSIS. — P4EAPLE0IE. 



ecblieBen. Gelingt die Reposition nicht, lO 
maß die Inztaion dm einachn&renden Ringes 
Torgenommen warden. Han schneidet in der 
Mittellinie direkt in den ödematSsen Wnlrt 
des inneren Bl&tte« ein, hiM mm »n den kon- 
stringierenden Ring kommt, schiebt dann eine 
Hohlsonde anter diesen and sp&ltet ihn mit 
der Schere, Nach erfolgter Reposition kann 
sofort die Operation der Phimose TOrgenommen 
werden. Wossidlo. 

PATftpl6^6 (nopa nnd 1^^1171) bedeatet 
beiderseitige Lfthmnng, ood zwar wird die 
Bezeichnang von der Lähmong beider Beine 
gebraarht. Handelt es sich nm anvollkom- 
mene LShranng, bzw. nm Schwache beider 
Beine, so spricht man von Paraporeee. Man 
unterscheidet a) oi^aniache P. , bj fnnktioneUe 
(hjBterische) P.; anter a^ 1. schlaffe LUiinang, 
2. spastische Lfchmang beider Beine. 

Uns interessiert zonftchst die organische P. 
nnd wir beschreiben die Symptome der spi- 
nalen Erkrankong. I>ie P. stellt in der Begel 
das Symptom einer Erkrankung dar; lediglich 
die sogenannte spastische Sfänalparalyse in 
ihrer reineuFormzeigtweiter kein Symptom als 
die spastische L&hmnng beider Beine. Die spasti- 
sche L&hmnng Endet ihren Audrnck in der 
mehr oder weniger hochgradigen motorischen 
Schw&ch« mit lebhafter Steigemng der Sehnen- 
phänomene, daza gesellt sich meist FnBklontu, 
PatellarklonoB nnd das BABnsusche Zeichen. 
Die P. setzt eine Erkrankang des RQckenmar- 
keH Torans — abgesehen »on den sehr sel- 
tenen Källen, in welchen sie dnrch eine zere- 
brale Erkrankung, einen Ttimor oder Herd, der 
so li^. daB er das Beinzentrom beider Hemi- 
sphitren schadigt, herrorgeb rächt wird. 

Liegt die Störang im Dorsalmark, so ist 
das Verhalten verschieden, je nach dem Sitze 
und der Art der Erkrankong. Je höher die 
Ktörong ihren Sitz bat, desto mehr Teile des 
Körpers nehmen aoBer den Beinen an der 
Lahninng teil. Ist das Zervikalmark ergriffen, 
so sind natürlich die oberen Extremitäten mit- 
l>eteiligt. Bei einer totalen Leitnngsnnter- 
brechang oberhalb des Lendenmarks kommt es 
zn einer völligen Ubmnng beider Beine mit 
Anästhesie. Die Reflexe sind bei völliger Darch- 
trennnng oft erhalten, ja sogar gesteigert, sie 
fehlen aber anch, nnd die Lähmang ist eine 
schlaffe im Anfang infolge der Shockwirknng 
oder späterhin, wenn Ernfthrongsatörongen in 
der Partie nnteriialb der L&sion bis znm Lendea- 
mark vorgeschritten sind. Bei LBsionen, die 
nicht zn völliger Leitnngsnnterbrechnng 
führen, ist die AntisÜieeie nicht so vollkommen; 
i«t der ProzeB aaf einer Seite mehr ansge- 
spnichen, so macht der BsowM-StttUABDsche Sym- 
ptomenkomplex (s. d.) sich mehr oder weniger 
aoi^eaprochen bemerkbar. Die Reflexe sind dann 



fast immer erhöbt nnd die Zeichen der Spasmen 
treten dentlich hervor.') Dos Verbalt«i der 
Oefnhlsatörnng gibt einen Anhalt fOr die 
Höbenbestimmong der Lftsion. Das SiirFERsdie 
Schema gibt die bisher sicher festgestellten 
Ergebnisse. 

Mit den genannten E^recheinnngen verbindet 
sich LAhmong der Sphinkteren: Blasen-, Maat- 
darmetörangen. Liegt die Lttsion im Lenden- 
mark and betrifft sie aach die Kerne in den 
Vorderhömem, so gesellen sich degenerativ- 
atrophische Uoskelprozesse hlnzn. Das gleiche 
kann bei komprimierenden Prozessen der 
Fall sein, wenn die vorderen Wnrzeln be- 
drängt werden; die Beteilignng der Wnrzeln 
lafiert sich in ausstrahlenden Schmerien 
(Qflrtelschmerz). Besonders sind es die Tn- 
moren, die Wirbelkaries, die tranmatiscben 
Proxeaae, die dei^leichen hervorbringen. Schtafie 
Lhhmnng mit degenerativer Atrophie bringt 
die Poliomyelitis anterior akala zustande 
(vgl. das betreffende Kapitel). Die myelitischen 
Prozesse and die Sklerosis mnltiplex schaffen 
P., bei ersterer meist mit atArkerer Sphinkteren- 
lUunang. 

Manchmal ist es schwierig, festzostellen, oh 
Prozesse der Kauda eqaina oder des Lenden- 
marks die P. machen. Jedenfalls kann bei 
einem Sitz der Störang in der Ntthe des 
zweiten Lendenwirbels der gesamte Komplex 
der Kaada ergri^n sein and eine atrophische 
L&hmnng beider Beine mit Anftsthesie, Blasen-, 
Mastdarm-, SexoallSJimang machen. 

Bei der Diagnose ist vor allem festzostellen 
der Sitz der Erkrankong, Die Kriterien sind 
im vorstehenden gröfitenteils gegeben. Dia 
zerebralen P. sind sehr selten ; sie werden sich 
nnter Reizerscheinongen nnd Zeichen der zere- 
bralen Affektion, Kopfschmerz, Aogenhintar- 
grandverlndernngen entwickeln. 

Findet man nor die Zeichen der spastischen 
LtLhmnng der Beine, so ist entweder an die 
epaatiscbe Spinalparalyse zn denken oder an 
ein l«iden, das zn Anfang nar dieses Symptom 
macht nnd später sich weiter entwickelt. Da- 
hin gehört die multiple Sklerose, die Lnes spi- 
nalis, die amyotrophiscbe Lateralsklerose. 

Die Myelitis, die traumatischen LSsionen des 
Rückenmarks bieten der Diagnose keine 
Schwierigkeit Erstere setzt bftnfig mit einem 
Schlage ein, Fieber pflegt vorhanden za sein, 
gewöhnlich ist eine fieberhafte Allgemein-(In- 

') Zn den spastischen Zeichen gehören: FoB- 
klonue, Patellarklonns, BABmsaischea Zeichen 
(Dorsalflexion der groflen Zehe bei Sohlenreiz), 
Opmuibdiis Phänomen (Dorsalflexion des FuAes 
bei Streichen der InnenflBdie des Unterschen- 
kels); manchmal anch das MBNDitL-BiHjuTEBBw- 
eche Zeichen (Plantarflexion der Zehen hei Be- 1 
klopfen des Dorsam pedisj, 'o 

11» 



PÄRAPLEOIE. — PAHATYPHLITIS. 



fektionB-)krankheit vorherj^egaDgen ; bei den 
tranmatiechen Lftaionen ist die Featstellnng der 
Niveandiagnose fftr die operative Therapi 
Wichtigkeit 

Die iwariti seilen Erkrankungen können das 
Bild der P. machen , doch sind sie nach Ver- 
lauf nnd Entwickliuig schwerlich mit der 
spinalen P. za verwechseln. 

Bezüglich der Diagnose der Poliomyelitis ist 
das beireffende Kapitel nachEnlesen. 

FOr die Entscbeidnng. ob eine Erkrankung 
der Kanda eqoina oder des Lendenmarkes 
die P. rerarBacbt, mprke man folgendes: 
die OefOhlsstörong sehr deutlich and ist 
eine partielle, ao ist Erkranknng des 
Eonns wahrscheinlicher. Heftige Schmaraen 
lange vor Eintritt der Lfthmung deuten auf 
Kandaerkranknng , ebenso wenn die Erachei- 
nnngen wenig aymmetrisch entwickelt sind. 

Therapie. Sie Helltet sich nach dem 
Gmndleiden und es mafi aaf die betreffen- 
den Kapitel verwiesen werden, Ist die P. das her- 
vorstechendste ISymptom, so kommt Massage, 
Anwendung des galvanischen Stromes und be- 
sondere Bewegungen im warmen Bade in An- 
wendnng. Bäderkuren in Baden-Baden, Wies- 
baden, Aaehen, Oeynhausen sind nicht ohne 
Nutzen. Flat*u. 

Paroiyphllitiiohe Erkranknn- 

^An. Der Ausdruck p. E, stammt von Fouh- 
NiEK (Paria), Als p. E. werden solche bezeichnet, 
bei welchen der anatomische Nachweis ihres 
Zusammenhanges mit Sypbilia bisher nicht 
erbracht werden konnte and die dennoch in 
einer vorhergegangenen Sfpbilisinfektion ihre 
Drsache haben. Man zählt zd ihnen die Tabes, 
die progressive Paraljae, manche Fälle 
von Arteriosklerose etz. 

FraOEB- BaAMDWEniER. 
Paratyphlitll, die Entzündung des 
retro peritonealen, immittelbar hinter dem Ty- 
phlon gelegenen Bindegewebes, wurde frtlher 
gern der Perityphlitis theoretisch gegen- 
ftbergestellt, welche ala die Entzündung des das 
Typhlon bedeckenden Peritoneums definiert 
wurde. Die Abgrenzung ist praktiach schon 
deshalb vollkommen bedeutungslos, weil die 
mit den beiden Stichworten bezeichneten Er- 
krankungen gewöhnlich kombiniert vorkommen. 
Noi^ hinfillliger aber sind dieae theoretischen 
Begriffe geworden , seitdem die Erkenntnis, 
daS das Typhlon oder Zökum an sich nicht 
der Siti des zngrmide li^enden Leidens ist, 
vielmehr dessen sogenannter Wurmfortsatz, 
Appendix vermikularis oder Prozessua 
vermiformis, Gemeingut breiterer ärztlicher 
Kreise geworden ist. Seitdem dadurch der 
ärztliche Praktiker, im Bewußtsein seiner ge- 
rade hier besonders grofien Verantwortlichkeit, 
es gelernt hat, bereits die Appendizitis 



(kf. d,) zu diagnostizieren und richtig zu be- 
werten, sind die P. nnd die Perityphlitli 
vom Niveau selbat&ndiger Krankheitsbilder 
hinunter gesunken und dafür zu gleicbermaüen 
gefürchteten, fast immer kombinierten Kom- 
plikationen der Appendizitis geworden. 

Da indessen trotz aller Sittlicher Schulung 
diese Krankheitabi Ider schon deshalb immer 
noch vorkommen nnd in alle Ewigkeit vor- 
kommen werden, weil ein Teil der Appendi- 
zitisfälle larviert oder gar ganz symptomloa 
iM^nnt, ein anderer in st&rmischer Bclinellig- 
keit seine ersten Stadien durchläuft ~ alles 
mit dem Effekt, dafl die koordinierte ärztliche 
Beobachtung erst einsetzt, nachdem die Ent- 
zündung des Wurmfortsatzes dessen Wandung 
bereits durchsetzt und das retrozökale Binde- 
gewebe bzw. den peritonealen Überzug e^rif- 
fen hat, so rechtfertigt sich wohl an dieser 
Stelle, unbeschadet des Artikels „Appendizi- 
(kf. d.), eine kurze zusammenfassende 
Darstallnng der para- und per ityphli tischen 
Komplikationen dieser Krankheit Zwei Wege 
führen den eitrigen FrozeS aus dem echlauch- 
artigen Kavum des Wnrmfbrisatzea auf die 
benachbarten Organe. Der eine besteht in ent- 
zündlicher Infiltration d^ Hesenteriolam, 
kombiniert mit septischer Thrombose der kiel- 
en desselben. Von hier ans treten 
Senkungsabszesse ins retrozökale Gewebe, In- 
fektion der Ljmph- nnd Btntbahn nnd so 
Verechleppnng oft in ganz entfernte Oi^ane 
Der andere Weg führt geradezu durch 
die immerhin dünne Wand des Wunnfort- 
satzes hindurch, zu dessen serösem Cbertnge. 
Ihn infiziert das ursprünglich zugrunde liegende 
kleine Schlei mhautnlkus per kontigultatem, 
sobald es eine gewisse Tiefe erreicht hat, oft 
aber viel unmittelbarer, indem durch den 
QrondprozeB kleinere oder gröSere Partien der 
Wand gangränös werden. Hier resultiert also 
unmittelbar Beteiligung des benachbarten Peri- 
toneums, id est peritoneale bzw. peri typhi itisrJte 
Prozesse. Die Stadien von dem zirknmskrip- 
itypblitischen AbszeB bis zur 
diffusen Peritonitis sind im wesentlichen 
Beaultat der größeren oder geringeren Reak- 
tion des Bauchfelles im Sinne abkapselnder, 
fibröser Prozesse. Besteht somit allerdings zwi- 
schen dem Zustandekommen der Para- und 
Perityphlitis ein prinzipieller Unterschied , so 
dürften doch die auflerordentlich zahlreichen 
Qrenzfillle und Kombinationen nicht aufier acht 
gelassen werden. Denn einmal kann der pene- 
trierende ulzerative Prozeß der Wnrmfortsatz- 
wandung gerade ins Heaenteriolum perforieren, 
andrerseits können auch thrombosiereude, in- 
filtrierende Mesenteriolitiden sehr schnell dessen 
serösen Überzog infizieren. 

Was nun die Symptomatologie der Para- 
und Perityphlitis anbelangt, so liegen ihr 



PARATYPHUTIS. - PARAZENTESE. 



330 



znnäohKt die Eracheinnngen der Appendi 
tis (kf. t\.) zQgrunde. Zu ihnen aber geiiellt 
sich bIg L'liarnkleriBtikiim der palpable Tu- 
mor in der Zökalgegend. Je nachdem der- 
selbe Tetroperltoneal, also paratjphli- 
tiscli. oder intraperitoneal, also peii' 
lyphlitiach liegt, treten die ElTScheinnngen 
der Peritonealreizung bzw. PeTitoniti8(kf.d.) 
weniger oder mehr in den Vordergrand, 

Die Komplikationen der in Rede stshen- 
den Erkrankangafortnen machen in ihrer Fülla 
und Unberechenbarkeit das Bild der appen- 
diiitischen Erkrankungen ao äberaus wechsel- 
voUnnd atypisch. Aber trotz des großen Fomen- 
reichtnms lassen sich psra- und perityphliti- 
Brbe Komplikationen aas ihrer oben gegebenen 
Geneae konsequent herbeileitan. Die enteren 
doppelten Charakters: einmal interstitielle, im 
Bindegewebe sich abspielende Prozesse, Sen- 
knnpiabszeese nnd Eitemngen, welche Iftnge 
der Kaszien wandern und gelegentlich nach 
anfien oder in benachbarte Oi^aoe perforieren 
können. Psoasabszesse, par&renale nnd snb- 
phrenische Abszesse, Perforationen in den 
Harnleiter, die Blase oder gar dnrch das 
Zwerchfell in die Pleurahöhle sind die häofig- 
iten FolgezostHnde, wlihrend gelegentlich para- 
typblitieche Senkungen an allen möglichen 
KörperTeg;ionen zatage treten können, anch 
nachdem der Omndprozeß Iftngst ansgebeilt 
ist. Noch umherschweifender ist die zweite 
Kategorie paratyphlitj scher FolgezosHnde: sep- 
tische Thromben werden ans den infizierten 
Venen des Mesenteriolnms tosgerissen , in die 
Blntbahn gescble ädert nnd bewirken Langen- 
embolien, aber aach durch retrograde 
Embolie, Leherabazesse usw. Demgegen- 
Bber achreitet die Perityphlitis auf dem 
geraden Wege der Infektion benachbarter 
Perilonealgebiete vor. Je nach dem Überwiegen 
der adhäsiven Prozeese einerseita, der ein- 
schmelzenden oder perforativen andrerseits, 
bleibt sie entweder streng lokalisiert als 
lleozökaUbazeB, oder sie wandert, immer noch 
gnt abgegrenzt, ihrer Schwere oder anderen 
Motiven folgend, nach anderen Regionen der Pe- 
ritonealhöhle, z.B. vornehmlich in den Douglas, 
oder endlich sie wird zar diffusen Peritonitis, 
t«i en iinn. daB eine primäre Perforation von 
Anfang an Eliter und Infektionskeime durch 
die ganze Bauchhöhle schlendert, aei es, daS 
einschmelzende Eiterung die umgrenzenden 
Adb&siiinEWfilte weiter and weiter vor aicli her 
treibt. Auch das perit^iblitiacbe Krankheits- 
hild kann durch perforative Prozesae mannig- 
hchster Art, Kowohl nach auBen, wie in Nach- 
haroi^ne, z. B. Dann, Vagina osw., verhangnis- 
ToU, aber auch günstig bis zur Selbstheiinng. 
bteinfinfit werden. SchUeBlicb können hier 
noch Darmabknickangen, Pfortaderthrombosen 
und Pjelophlebitiden das Bild komplizieren 



Die Therapie steht aelbatve rata nd lieb anter 
dem Zeichen des chirurgiachen Eingriffes. In 
erater Linie ist zurzeit meist schon die Ap- 
pendizitis Objekt desselben, während der 
sich bildende Zökaltumor im Gegenteil mehr 
nnd mehr als ein Noli me tangere gilt, bis 
nach dem vierten Krankbeitstage wieder sta- 
bilere Verhältnisse eingetreten sind. Art nnd 
Umfang des Eingriffes passen sich den gege- 
benen Verhältnissen an, Allgemeingbltige Re- 
geln lassen sich dafür nicht aufstellen. I'ber- 
raschend sind gel^entlich Fälle von Selbst- 
heilung auch schwerst einsetzender Krankheits- 
bilder. OlCikshann. 

Paranrethrale OiLnge, Gonor- 
rhoe der paratirethralen Gänge. Inner- 
halb der Labien des Orifizium extemom nre- 
thrae, im Sulkus koronarias, am Rande dea 
Präputium, neben der Raphe penia, finden 
sich häufig angeborene, blinde Einat&lpnngen 
der äuBeren Hant, die entweder nur korze 
Taschen bilden oder feine, meist blind endigende 
Gänge von variabler Länge sind. Narinaelteneren 
Fällen kommunizieren diese p. Q. mit der 
Harnröhre. Mitunter wird das Orifizium exter- 
nnm urelhrae durch ein kleines Bändchen 
in zwei Abschnitte geteilt. Es entsteht dann 
oberhalb der Hamröhrenöffnnng eine kleine 
Taache oder anch ein feiner Kanal mit kleiner 
rundlicher <tffnung. Ein anderes Mai befinden 
sich kleine Grflbcben oder Blindgänge auf der 
oberen oder unteren Lippe des Orifizium, oder 
anch seitlich davon. Die an der unteren Kom- 
missur sich öffnenden Qänge enden häufig in 
der Mitte des Frenulum, oder gehen von einer 
anter diesem gelegenen Tasche ans. Selten 
In akzeaaorisclier, parallel der Urethra an 
der Dorsalaeite dea Penis verlanfender Gang. Bei 
Hn>ospadie findet man häufig entweder eine 
oberhalb der Harnröhren mttndnng gelegene 
Einstülpung der Eichel haut oder sowohl oben 
als seitlich von dem Orifizinm sich öffnende 
kleine Uänge. 

Die p. G. infizieren sich leicht mit Gono- 
kokken und bilden für diese Schlupfwinkel, 
ans denen leicht eine Reinfektion der Harn- 
röhre stattfindet. Übt man anch anfdieOlana 
einen seitlichen Druck aus, so entleert sich 
aus den feinen Öffnungen gonokokkenhaltiger 
Eiter. 

Therapeut! ach desinfiziert man die Gänge 
dnrch Ausspülen mit antiseptischen liöaungen, 
oder man bringt sie zur Verödung dnrch 
Galvanokaustik, Elektrolyse oder durch Spaltung 
'er Gänge. Wossiin.o. 

FaraBUlte»« des Trommelfells. Im 

H. Jahrhundert znrHeilnng der Schwerhörig- 
keit empfohlen, dann wcfien vielfacher Mißer- 
folge gänzlich verlassen, kam die F. in den |Q|c 



PAEAZENTESE. ~ PAROTITIS. 



sechziger Jahren des 19. JahThniiderts durch 
ScowuiTZE wieder za Ehten, der fOr sie ganz 
bestimmte Indikationen anfstellte. Er h&lt den 
TrommellellBchDitt indiziert zur Entlee rang 
musigen «eröeen oder zähachleimigen Exsudats 
in der Pankenhöhle nnd zur Beseitigung der 
Qebhren einer Eitenetention im Hittelohr bei 
aknten Entzündungen. Natürlich braacht nicht 
jede OtiÜB media akntaparazentesiertzn werden 
sobald aber der Schmerz so stark ist, daß ei 
die Nachtruhe raubt, oder wenn Fieber besteht 
and das Trommelfell sich gerötet, geschwollen 
and vorgewölbt erweist, zögere man nicht 
mit dem kleinen EingriS, da man nnr die 
Qualen des Patienten vermehrt, wenn man auf 
den Spontandnrchbruch wartet, Ja sogar sein 
Leben geßkhrden kann, da statt eines verdickten 
Trommelfells eher die Membrana tjmpani 
sekundaria nachgeben nnd so eine Infektion 
des Labyrinths erfolgen kann. 

Tecbnü. Die F. wird zweckmILBig mit 
einer ganz ans Metall gefertigten, stmnpfwinklig 
oder bajonettfÖnnig abgebogenen Lanzennadel 
mit rautenförmiger doppeltach neiden der Spitze, 
seltener mit dem galvanokaustiachen Kuppel- 
brenner gemacht. Die Nadel sowie der Ohr- 
tlichter sind zn desinfizieren, eine Desinfektion 
des Gehörganges ist, weil anmöglich, ftberflbssig. 
Bei sehr ängstlichen Leuten nnd ungebärdigen 
Kindern benutze man Bromüthylnarkoae oder 
den ersten Ätherransch; die lokale Applikation 
von Kokain oder anderen Mitteln ist swecklos. 
Ein Oefibter wird durch Schnelligkeit den 
Sehmerz bedeutend abkürzen. Der Kopf des Pa- 
tienten muß gnt fixiert, das Licht gat sein. Der 
Schnitt, denn ein solcher soll es sein und kein 
Stich, wird am besten im hinteren unteren Qua- 
dranten Bngel^;t, u. zw. von hinten oben nach 
onten vom; ist die Vorwölbnng an einer Stelle 
aber beeonders groS, so ziehe man dieselba 
mit in den Bereich des Schnittes oder spalte 
sie extra. Beim Schneiden mofl man die Neigung 
des Trommelfells nach vom nnd medial berück- 
sichtigen und mit der Nadel etwas tiefer ein- 
sinken, da man sonst aas der Trommelfellebene 
wieder herauskommt. Anftnger halten oft 
schon die gerötete hintere Gehörgangswand 
fDr eotzCjidete Myrinx und stechen deshalb 
den Meatus an; in dnbio ist daher der Schnitt 
etwas mehr nach vom zu l^n, anch ist immer 
leicht nnd aus dem Handgelenk zu schneiden. 
denn bei grobem Zostoflen kann die Spitze der 
Nadel am Promontorinm anstoBen, abbrechen 
nnd eine Fremdk&rpereiterung vemraachen, 
J« frischer die Otitis, desto mehr Blnt nnd 
desto weniger Eiter ergibt die P., w&hrend 
bei älteren EntzOndongen der Eiter, gleichsam 
als steche man einen AbzeB an, die ganze 
Nadel entlang spritzen kann. Diese letzteren 
Bind anch die Fälle, wo etwaiges Fieber so- 
fort sinkt, wHhrend es nach einer Frähpara- 



zentese stets nur allmUllich zor Norm zu- 
rltckkehrL 

Nach Tollendung des kleinen Eingriffs wird 
das betreffende Ohr mit steriler Oaze locker 
tamponiert und ein OkklasivTerband angelegt. 
Die Gaze ist von Zelt zn Zeit (alle halbe Stande) 
zu wechseln. 

Gefahren der Parazentese; In den sel- 
tenen Fallen, wo der Bulbus venae jugalam 
am Paukenboden und an der medialen Paoken- 
wand, also hinter dem hinteren unteren Qua- 
dranten des Trommelfells liegt, kann derselbe 
verletzt werden nnd eine profiise venöse Bln- 
tang die Folge sein. Auf feste Tamponade 
steht zwar meist letztere, doch kann Eiter 
durch die Bnlbuswnnde in die Zirkulation ge- 
langen und eine letale Pyämie verursachen. 

Das Abbrechen der Nadelspitze wnrde schon 
erwfthnt. H^t erfolgt nichts danach, in selte- 
neren Fftllen resnltiert eine Fremdkörpareite- 
nmg. Bei P. zur Entleerung von Exsudat 
muB man natOrlich mit der Asepsis besonders 
peinlich sein, da sonst leicht eine Infektion 
der Paukenhöhle mit nachfolgender Mittelohr- 
eiterung eintreten kann. 

Oft verkleinert sich die ParazenteseÖffnang 
so schnell, doB man gezwungen ist, mehrmala, 
oftinzweitfigigenlntervallenznparazentesierea. 
Man macht dann zweckmäBig einen Lappen- 
oder V-Sclii"tt, event nimmt man zur Ga]%-a- 
nokaostik seine Zuäncht, muS aber dann be- 
sonders darauf achten, dafi man den FeaEtem 
mit dem Ki^pelbrenner nicht zu nahe kommt. 
Ohosbuanb. 

Parotltil (EnUUndnng der Ohrs peichel- 
drfise). Die Diagnose der P. sttttzt sich aof 
die Lokalerscheinungen: Schwellang in der 
Gegend der Ohrspeichetdrtkse , Behlnderang 
der Mundöffiiung, Schmerz nnd Dmckempfind- 
lichkeit in der Gegend der Schwellung. Spei- 
chelflaG. Dazu kommt zumeist Fieber. Kopf- 
schmerz, mitunter Delirien, Konvulsionen etz. 
In den relativ selteneren Fallen abszedierender 
P. rötet sich die Haut über der Oescbwalst, 
die umgebende Haut wird ödematäs. spat erst 
wird Fluktuation nachweisbar. Die P. kommt 
oft epidemisch vor; eine h&nflge SomplikatioD 
der P. ist die Orchitis. . 

Therapie der P. 

L P. epidemika (Mumps). Prophylak- 
tisch ist bei dem darcb vielfache Erfahmng er- 
härteten Dmstande, daB die Erkrankung von 
einem Individuum auf das andere übertr&gen 
werden kann, eine entsprechende Isolierung des 
erkrankten Kindes geboten. Die Therapie 
der P. beschenkt sich zumeist auf Regalierqag 
der Diftt, Desinfektion der Mundhöhle mittelst 
einer Lösung von permangansaarem Kali. Sorge 
fOr ansgiehige Stuhlentleerung. Bei heftigerem 
Fieber wird Chinin, Antipjrin, Pbenazetin etz. 
gereicht, Kollapserscheinungen indizieren Ana- 



33S 



PAROTITIS. - PASSIVE BEWEOUNOEN, 



laptik*. Lokal genügt Bedeckung mit Watte, 
ein TbennophommBchlag a. dgl. Zeigt die Ge- 
•ehwnjst die Erecheianiig der Sopponitioi 
i>t frflhzeitig and ansgiebig m inEidieien 
(Achtnng anf den Verlaaf des Nervoe fazialis 
und Duktus StenonianoB!). f^r DU gehinderten 
Abflofi des Eitere ta soi^n nnd fencht 
TerbJDden. Bei P. hypertrophika, chroiÜBcher 
Terdicknog der Drflse, kann innerliche tmd 
infiere Anwendung von Jodprftparaten , Anf- 
lagang von Qneckailberudbe nebst Massage 
veisncht werden. In den seltenen hartnftckigei 
F&Uen wird erst die partielle Exstirpation der 
DrOse znm Ziele führen. 

Bp. Jod. pur 0-3 

Ung. Hydr. ein 5-0 

Lanolin 2O0 

Vasetin 10-0 

S. Salbe. 

Kp. Jod. pur 03 

Kala jodat 3-0 

Glyaerin 3I>0 

S. Zur Einreibung. 
Die bei jngendlichen Individoen die P. 
weilen komplizierende Orchitis wird durch 
Bettmhe, Hochla^mng des Skrotum , B^ 
deckong desselben mit Watte, Dng. hydrarg. 
oder einer BaUadonnasalbe Iwk&mpft. 

If. P. metaetatUia, welche sich von dar 
idiopatluBCben, epidemiechen Form durch die 
HaUgnit&t des Verlaufes unterscheidet, bedingt 
schon als eine zahlreiche Infektionskrankheiten 
(Typhns, Scharlach, Pocken, Masern, Diph- 
therie, Dysenterie, Meningitis zerebrospinalis, 
Pnetpetalfieber etz.) komplizierende Erkran- 
kung rasches Eingreifen des Arztes. Da die 
Vereiterung der Drttse fast ansnahmslos der 
Ausgang dieser Form ist, suche man die Snp- 
pnration nicht durch Antiphlc^ote zu verzö- 
gern, sondern beschleunige sie durch Kata- 
plaamen, inzidiere ausgiebig, sobald die ge- 
ringste Flnktoatiün nachweisbar ist, nnd ver- 
ehre in der oben angedeuteten Weise, Eine 
atugiebige Inzision wird selbst bei Fehlen 
der FInktnation durch Entspannung wohltätig 
wirken nnd den ProzeB abkürzen. Daneben 
ist ein roborierendes Verfahren geboten. 

äcUXrTZLUl. 

Famlia s. Zahnfleischerkranknn- 
gen. 

Panive Beweg^nngen. Wenn ein 

oder mehrere Gelenke im Rahmen ihrer phy- 
dologiachen EiknrsionsfUiigkeit darch eine 
fremde (äußere) Kraft methodisch bewegt 
«erden, entsteht Im Sinne der Mcchsno- 
therapie eine passive Bewegnnft. Mit dieser 
Definition schalte ich, gleich den anderen nicht 
schwedischen Autoren, die Massage von dem 
Begriffe der p. B. ans. 



Die bewegende Kraft geht bei P. B. vom 
Arzte (dem ,Gymnasteu' oder „Bewegongs- 
gebei') oder von entsprechend konstruierten 
he ilgymnasti sehen Apparaten ans. 

Formen, Auswahl, Zahl, Intensität, Tem- 
po, Rhythmus, Iri>kalisation der p. B. sind we- 
sentlich beeinfloBt von den therapeutischen 
Zielen, die ihrer Applikation jeweilig zagrunde 
liegen. In genereller Zosammenfassong sind 
diese Ziele zweifache; je nachdem eine lokal- 
mechanische oder eine zirkolatorisch-dift te- 
tische Wirkung beabsichtigt ist. Danach zer- 
fallen die Indikationen der p. B. in eine 
mechanische Gruppe, welche eine Keihe 
mit Störungen des lokomotori sehen Apparat«« 
oder ^ pr&ziser ausgedrückt — mit Ein- 
schränkungen der Gelen kbewe^lichkeit 
einheigehender Krankheitsprozesse ~ ikber- 
ffiegend cbirui^ischer Natur — in sich faBt, 
and eine zirknlatoriech-difttetische, 
welche sich zwanglos aus dem Werte der 
p. B. als Mittel zur allgemeinen nnd lokalen 
Zirkalationsbeschlennigung ableiten 
ULSt 

Für das Vorgehen bei sämtlichen . der 
ersterwähnten Kategorie zugehörigen Krank- 
heitsformen (chronische adhäsive Gelenkent- 
zündungen, Exsudate, Pse ndoanky losen , Ver- 
kürzungen , Verwachsungen der Muskeln, 
Sehnen, Sehnenscheiden and Faszien; Inaktivi- 
tätsatrophien und Lähmungen, lokomotorische 
Störungen nervösen Ursprungs) muB die von 
den Schweden voll entwickelte Technik der 
diätetisch-zirkulBtori sehen Gruppe vorbildlich 
sein; sie faBt die typischen Formen der 
p. B. in sich. Einmal dem Arzte geläulig, 
werden die etwa notwendigen Einschränkungen, 
Modifikationen und Besonderheiten , welche 
dnrch die verringerte Ex karsiunsb reite oder 
pathologisch veränderte Funktion des loko- 
motorischen Apparates und ihre jeweiligen 
Ursachen bedingt sind, ohneweiters begriffen. 

In Linus gymnastischem System nehmen 
die p. B. einen breiten Kaum ein, wobei man 

iptsächlich ihren zirkalatorisch-diftletischen 
Wert berücksichtigt. Sie bilden darum einen 
mehr weniger beträchtlichen Einschlag in 
jedem heilgymnastischen Rezepte, Hierdurch 
wird es mö^^lich, willkommene Ruhepausen 
zwischen die einzelnen aktiven (Widerslands-) 
Bewegungen einzuschalten, welchen aber trotz 
Untätigkeit der Patienten im physiologisohen 
Sinne ein gewisser Arbeitswert zuer- 
kannt werden mTiß. Wo eine energischere 
Moskel arbeit kontraindiziert, wie bei hinfälligen 
anämischen nnd herzkranken Individuen, oder 
line spontane Betätigung der Muskulatur 
öglich, wie bei Gelälimten , da bilden die 
p. B. unter Umständen die alleinigen 
Konstitnentien eines hei Igymnast lachen 
Rezeptes, freilich mit Massagcnmnipulatiunen 



835 



PASSIVE BEWEGUNGEN. 



alternierend, die ja im Sinne der orthodoxen 
Schule za den p. B. gehören. 

FDr die in Rede stehende Bewegangurt ist 
es allgemein geltende Regel, gie in einer 
qoemen ,,Aasgang8Btellang'' anzuordnen 
(s. ^WiderBtandebewegnngen"). 

Der von den p. B. gegebenen Begriffsbe- 
Etimmnng nach ist also die Vorachrift im 
allgemeinen b^ründet, daß dieselben nnr in 
solcher Form nnd Richtung geObt werden 
können, wie nie der Mensch bei intaktem Be- 
wegangsmechanismas selber anszofiUiren ver- 
mag. Hineichtlich des Umfanges der Bewegung 
wird jedoch von der Norm manchmal in 
minimalem Grade abgegangen. Wo möglich, 
erfahren nämlicb Gelenke und Mnakeln eine 
BtSrkere Streckung (Hyperestension) und 
Spannung, als dies im Wege aktiver Betäti- 
gung in geschehen ptl^t, nnd zwar zumeist in 
der Richtang der JJLngBachse des betreffenden 
Körperteiles. Wir befolgen diese technische 
Anordnung der Schweden bei Ansffihmng 
p. B. , wo ea nnr immer angeht, sehr gerne, 
weil mit Hilfe der Ü berat recknng und Spannung 
Ansangnng in den Venen, also BeBchleanigung 
des Blntumlanfes bewirkt und auch für die 
Mnskeln ein Nutritionsreiz gesetzt wird. 

Handelt es sich nm schmerzhafte Oelenk- 
erkranknngen , so ist während der Ausübung 
der p. B. die Diatnktion der üelenkflftchen 
voneinander schon der Schmerzen wegen ge- 
boten. Hingegen werden die Gelen kJBachen 
aneinander gedrückt nnd gerieben, wenn an 
ihnen Rauhigkeiten vorhanden sind , die ge- 
wissermaGen abgeschliffen werden sollen — 
indes nur in Fällen , wo Entzthndungser- 
scheinungeo fehlen und die Gelenke nicht 
allxn empfindlich sind. 

Die bequeme AnsgaDgSBtellnng, welche 
oben berührt norden, halte ich jedenfalls ffir 
ein wichtiges Posttdat bei Ausübung der p. B. 
Es werden im Liegen oder Sitzen wie überbanpt 
bei möglichst ausgebreiteter Unter- 
stützung des Körpers nicht allein Spannungen 
gTofier Mnskelgebiete vermieden, wie sie in 
Form von XqailibriernngB- nnd Fixationsarbeit 
die Mnskeltätigkeit begleiten, und hierdurch 
in weiterer Folge die Disposition für Ent- 
spannung der passiv zu bewegenden 
Teile geschaffen, sondern auch die ange- 
strebte Lokalwirknng auf Iwgrenzte Strom- 
gebiete — Ab- oder Zuleitung des Lymph- 
reap. Blutslromes — mit mehr Sicherheit er- 
reicht. Wo es also angängig ist. soll die 
p. B. in liegender, halbliegender oder bequem 
sitzender Position ausgeführt werden. Sind ein- 
zelne Gelenke zd mobilisieren, so müssen zur 
Vermeidung von Mitbewegungen anderer Ge- 
lenke diese letzteren entsprechend fixiert werden 
(z. B. Fixation des Schnlterblattes bei Mobili- 
sierung des Schnltergelenkes). 



1 darauf zu sehen, daA 



Des ferneren bat e 
anch die Atmung eine angemeeeen ver- 
tiefte sei. Es ist nicht notwendig, dafi die 
respiratoriachen Phasen so ausgenutzt werden 
wie bei einer spirometrischen Prüfung; es ge- 
nügt, wenn das Volum der Atmungsluft annl- 
hemd daa Zv«u- bis Dreifache (1000- 1500 «■•) 
des Luftwechsels bei typischer, oberfiSchlieber 
Respiration betragt. — Die Zahl der p. B. mit 
derjenigen der Atmungen in Kongruenz zn 
bringen, ist im allgemeinen unnötig. Eine Aus- 
nahme hiervon machen nnr die passiven At- 
mungsübongen, wie z.B. die Schnlterhe- 
bnng (Lüftung der Lungenspitzen); passive 
Brustspaunong, Schul terhebung unter ROcken- 
druck (Zanderapp. E6, Herzapp. 1 1 ), welche 
alle den Brustkorb in seinem Volum dir^t 
beeinflussen. 

Für das relative ZeitmaB (Tempo, Rhythmus) 
nnd die absolute Zahl der Bewegungen wäre 
die Regel zu formulieren, daG beide abhängig 
seien zunächst von der L&nge des bewegten 
Körperteiles (anch von derWeglänge, welche 
mit ihm zurückgelegt wird). 

E^ folgt hieraus, daB pheripher situierle 
Körperteile rascher bewegt werden dürfen. 
als mehr zentralwärts gelegene. Wir machen 
70— 90 RoUungen des Handgelenkes (Hand- 
roUung) per Minnte, in derselben Zeit jedoch 
nnr 3ö— 45 Kreisungen des Armes im Schul- 
tergelenke (Armrollung). Dasselbe Verhältnis 
besieht zwischen dem Gewicht der bew^eo 
Körpennasse und dem ZeitmaB der p. B. Je 
schwerer der Körperteil, desto lang- 
samer soll er bewegt werden. Paasive 
KumpfroUnng z. B. werden wir instinktiv lang- 
samer ausführen als das passive Armkreisen 
(bei gestrecktem Ellbogengelenk), selbst wenn 
die zurückgelegte Wegl&nge der Einzelbewegong 
(gemessen an der Basis des Kegelmantds. 
welchen beide Bewegungen darstellen) bei letz- 
terem gröfler wäre. 

Bewegung groBer Körpermassen vermag ans- 
gedehntere GeftBgebiete, vor allem aber die 
Herztätigkeit zu beeinflussen und kann dem- 
nach plötzliche Blntdrucksch wankungen tut 
Folge haben, welche namentlich bei Erkran- 
kungen des zirkn lato ri sehen Apparates sehr 
zu berücksichtigen sind. Dasselbe ist zu gewär- 
tigen, wenn die Zahl der in der Einzelsitzong 
gcKcbenen Bewegungen zu hoch g^riffen ist. 
Darum mufi anch die Feststellung der An- 
zahl der Eiuzelttbungen notwendigerweise be- 
eintloQt sein von der OröBe des jeweiligen 
Arbeitspensnms (Gymnastik-Rezept), das in 
einer Sitzung absolviert zn werden hat. Hierbei 
das individuell Entsprechende za treffen, ist 
Sache ärztlicher Umsicht 

UewiB wird die biologische Bedeutung des 
Körperteiles, wie auch die ihm eigentümliche 
natürliche Empfindlichkeit von EinllnB auf den 



337 



PASSIVE BEWEGUNGEN. — PEDIKULOSIS. 



ModoB prozedendi sein. Mau wird z. B. eine 
Kopfrollang weder so nach noch bo lange 
applizieren wollen wie eine Schenkel roUong. 
Vom techniachen Standpankte ist es wAn- 
Kbenswert, da£ der Arzt die pEtssiv m bewe- 
genden Teile möglichst leicht ond zart anfMee 
nnd nnr allra&hlich die Erreichnng des ent- 
sprechenden Tempos anstrebe, sonst reagiert 
der Patient mit Mnskelspannangeii, welclie der 
Glitte, Randnng and dem Rhythmos der Be- 
wegungen abtrftglich sind, überdies den B&- 
wegangsgeber and den Patienten in gleicher 
Weise ermQden mUssen. Ue 

FankenliShleiunitKttiidiuif and 

-kataxrhs. Otitis media. 



PaVOr noktamai (night terror) 
ist der Ansdmck für daa Auftreten von n&chtli' 
chenAngstanfikllen, „nSchtlichsmAafgchrscken' 
tiei Kindern, meist in den Jahren vor nnd 
nach der 2. Dentition. Nach mehreren Standen 
meist rahigen Schlafes Aufrichten oder Auf- 
springen im Bett unter lebhafter Angst, die 
dnrch Worte. Geschrei, OebILrden znm Aos- 
dnick kommt nnd dnrch TrSnme, Phantaaie- 
(Ontellungen veranlagt wird, wie 
angstvollen Bafen imd Bitten dea Kindes (es 
von dem schwarzen Mann, dem Hände 
freien n. ä,) hervorgeht. Der Anfall ereignet 
■ich in einem halbwachen Zostande nnd geht 
bei völligem Erwachen, nach Hellwerden des 
Zimmers, Zusprach durch die Eltern usw. 
toröber. Meist schlafen die Rinder sofort wieder 
■in nnd haben am Morgen keine EMnnerang 
mehr an das Qeechehene. Selten wiederholen 
sich die Anftlle ein- oder gar zweimal in einer 
Nacht. Die Intensität und H&ufigkeit der An- 
Alle schwankt in weitesten Grenzen; zaweilen 
kommen analoge Angstznstftnde auch im Schlaf 
am Tage vor. 

Mit Epilepsie hat P. n. nichts zn tun, da- 
gegen kann er ein frOlier Ausdruck psycho- 
pathiacher Belastung sein und findet sich über- 
haupt gern bei nervösen Kindern jeder Gattung 
— bei Nenropathikem ao gat wie bei t'ber- 
«rreglen (durch geistige CberBpannmig, Lesen, 
Hören von Schauergeschichten usw.), zuweilen 
wohl im Znsammenhang mit Masturbation. 
So kann der F. n. in seltenen Fftllen mit 
Khwerer zu bewertenden Angstanftllen fthn- 
lii:ber Art am Tage, die stets anf dem Boden 
tieferer nervöeer Schädigung entstehen, sich 
vereinen. Gerne werden Antointoxikationen 
durch Verdauungsstörungen, Helminthiasis usf. 
als Ursachen angeschuldigt: wirklich eine ätio- 
logische Rolle zn spielen scheinen Schwellungs- 
zustande in den Schleimh&uten der oberen 
fiespirationswege, vor allem adenoide Vegeta- 
tionen, die zn erschwerter Atmung, Kohlen- 
siorcäberladung des Blutes , Albdruck u. dgl. 



fahren können. Zaweilen findet sich F. n. mit 
anderen neurasthenischen Scblafstörongen wie 
erschwertem Einschlafen n. a. m. znaammen. 

Die Therapie hat derartige Grundlagen 
zu eruieren und zu beeeitigen. Weiterhin sorge 
sie ftlr Femhaltong aller Schädlichkeiten 
(keine erregende Jjektttre am Abend, milde 
Kost , nicht zu reichliche Mahlzeiten , be- 
sonders niciit zu spat abends a. dgl.), die das 
Nervensystem erregen können. Im übrigen ist 
die Behandlnng dieselbe wie bei allen nervösen 
ErregungszustAnden im Kindesalter-, obenan 
steht DiUetik, milde Hydrotherapie, eventuell 
ist man genötigt, Baldrian oder kleine Dosen 
Brom (O'ö— 10) des Abends zu geben. 

Oswald Mevq. 

PedlknlolU. l. FedikvU kapilig, Kopf- 
läu»e. MSnncben 1— lömm, Weibchen 2mm 
lang. Die Eier werden an den Haaren oft zu 
mehreren mittelst einer Cbitinscheide befestigt, 
die Fortpflanzung erfolgt sehr rasch. Infolgo 
der Ansiedlang der P. auf der Kopfiiaat ent- 
steht bald sehr heftiges Jucken an den be- 
fallenen Teilen, welches zar Entstehung Ton 
Ekzemen, Impetigo and Pjodermien sowie ae- 
knndtlren Diileenschwellungen der Submazil- 
lar-, Okzipital- and NachaldrOaen Veranlassung 
gibt Besteht das Leiden nehr hwge, so kann, 
besonders bei Frauen mit langen Haaren, durch 
die fortwahrende Exsudation nnd Krueten- 
bildung anf der Kopfhant ein danerndes Vei^ 
backen der Haare zustande kommen (Weichsel- 
zopf), an dessen Vorbandensein bekanntlich 
früher abergläubische Vorstellungen geknöpft 
wurden und dessen Entfernung auch hente 
noch bei manchen Landbewohnern auf Schwie- 
rigkeilen stöBt. Die Diagnose der Kopflftoae 
ist nicht schwer, wenn man es sich zur R^el 
macht, bei jeder auf Kopf, Gesicht nnd die 
angrenzenden Teile, besonders den Nacken, be- 
schrankten Krusten- and E^kzembildnng, femer 
bei Impetigo- und Furunkelbildung daselbst 
und bei Drüsenschwellongen unbekannter Her- 
kunft in der Nähe des Gesichtes immer an 
Kopfläuse zu denken. Sie sind namentlich bei 
Kindern der unteren Stände ganz auBeiordent- 
lich, insbesondere in den Östlichen Provinzen, 
verbreitet , kommen aber auch in besseren 
Kreisen durch Ansteckung in der Schule, 
durch zufallige Berührungen mit erkrankten 
Individuen (Dienstmädchen, Ammen etz.) vor. 
Man wird gerade in solchen fallen, die ja ans 
leicht begreiflichen Gritnden frühzeitig zum 
Arzte kommen and bei denen die klinischen 
Erscheinangen nicht immer sehr ansgesprochen 
sind, doch wobi immer bei eigens darauf ge- 
richteter Aufmerksamkeit an den Haaren des 
Hinterkopfes oder der Schläfen die cha- 
rakteristischen Ni8se(Eier)finden.Siennterschei- 
den sich leicht von etwa den Haaren anhaftenden 
Schuppen, Krusten etz. dnrch ihre regelmfiBige 



339 



PEDIKULOSIS. 



aw 



Oeitalt und die feste Verbindung mit dem 
Haarscb&ft, so dafi sie achwer abstreifbar 
sind. Im ZneifeUfalle genfigt ja die mikrosko- 
pische Betrachtang — der betreffende Haar- 
abschnitt wird nebst dem angehefteten Ei in 
KOH eingelegt — , um schon bei schwacher 
TergröBemng sich selbst und — l&st not leaat 
— nnglftnbige Eltern von dem Vorhandeneein 
der Lftose zn überzeugen. Manche hartnäckigen, 
skrofulösen Ekzeme bei Kindern können auf 
diese Weise der schnellen Heilung angefahrt 
werden. Die Behandlung besteht am zweck- 
m&BigBten in der Applikation von Azetnm 
Sabadillae. Ein groBee StUck Verbandgaze wird, 
mit letzterem getränkt, am den Kopf gelegt, 
darüber ein ebenso großes, gut deckendes 
und gut abschlieBendes StUck Billrothbattiet 
gebreitet, das Ganze wird mit Binden fixiert 
(Vorucht, daß der Essig nicht in die Augen 
fliflGtl). Diese Kappe bleibt 24 Stunden liegen 
und wird dann erneuert. Nach 2— 3mcü 24 Stan- 
den sind gewöhnlich die Tiere und ihre Brat 
abgetötet und die etwa vorhandenen sekundären 
Exzeme etz. heilen dann unter indifferenter 
Behandlung meist auffallend schnell ab. Bei 
sehr hochgradiger P. (beginnender Weichsel- 
Eopf) wird man nattirlich nicht umhin können, 
vor Beginn der Kar einen Teil der Haare ganz 
abzuschneiden, im allgemeinen jedoch be- 
sehr&nke man eich damit bei Kindern mög- 
lichst auf den Hinterkopf, bei erwachsenen 
Frauen wird man ans leicht b^reiflichen OrDn- 
den, wenn ii^nd möglich, auf das Abschneiden 
der Haare Aberhaupt zu verzichten suchen. 

Die Entfernung der Übrig bleibenden Nisse 
ist sehr schwierig, man kann durch hlofige 
Waschungen mit l'/oiger E^gsanre und E&m- 
men mit einem feinen Stanbkamm ihre Elimi- 
nation nur sehr ailmghlich erreichen. 

2. Die KläderUwar. sind etwas länger (2 bis 
4inffi) and seh m&l er als die eben besprochenen 
P. kapitis. Sie sitzen ausachlieG lieh in den 
Kleidern und gehen nur zum Zwecke der 
Nahrangsanfnahme auf die Haut. Hier er- 
zei^n sie, wahrscheinlich infolge ihres Bisses, 
ein sehr hochgradiges Juckgefähl , das die 
Patienten zu intensivem Kratzen treibt und 
zur Entetehnng von langen streifenförmigen 
Exkoriationen sowie tu allerlei sekundären, 
durch den kratzenden Finger liervorgerufenen 
Läsionen (Pyodermien, Furunkel, Ekzenie) Ver- 
anlassung gibt. Da diese Affektionen oft zur 
Narbenbildnng ftlhren, andrerseits bei längerer 
Dauer der durch die Kleiderläuse erzeugten 
Krataeffekte and ihrer stetigen Emenerung 
die Blntextravasate in der Haut respektive die 
nach ihrer Kesorption zurück bleilien den Pig- 
mentiemngen fortwährend zunehmen (Mclano- 
dermia ex pedikulia), so bietet die Haut solcher 
oft von Kleiderläusen heimgesuchten Kranken 
(Landstreicher etz.) ein recht eigenartiges Bild 



und hei zufälligem Fehlen frischer Kratz- 
effekte kann wohl eine Verwechslung des Krank- 
heitabildes mit M. Addisonü vorflhei^ehend in 
Fra^ kommen. Die Diagnose der F. grOndet 
sich aaf die charakteristische Lokaliaation der 
EratzeSekte. Letztere sind am zahlreichsten 
da, wo die Kleider dem Körper dicht anliegen, 
d. h. oben an der Schalter und in der Intei^ 
skapcdai^gend sowie am Kreuzbein, w&lircnd 
der dazwischen liegende Teil des Kückens, dem 
die Kleider nicht so fest sich anschmiegen, 
fiist völlig frei von Kratzeffekten zu sein pflegt. 
Man kann daher, auch wenn die Patienten 
kurz vor der ärztlichen Konsultation die 
Kleider gewechselt haben und die F. selbst 
daher dem direkten Nachweis entgehen. aUein 
ans der eigenartigen Verteilung der Exkoria- 
tionen oft die wichtige Diagnose stellen. Beim 
Nachsuchen in den Kleidern selbst ist darauf 
zu achten, daG die I.£UBe sid) in den Falten 
(Hemdbesatz, Unterfntter etz.) verkriechen and 
daG oft wenige Läuse sehr hochgradige Ver- 
änderungen bei empfindlichen Individuen her- 
vorrufen können. Die Behandlung ist sehr 
einfach: Die Kleider werden in einen Desinfek- 
tionsapparat gebracht, wie er ja heute in allen 
Krankenhäusern, in Desinfektionsanstalten etz. 
dem Publikum zur Verfügung steht; die sekun- 
dären Iiäsionen heilen dann unter entsprechen- 
der Therapie sehr rasch ab. 

3. PWAiri«» inguinaii» (die Fihlauat. Sie 
sind kleiner als die eben besprochenen beiden 
Arten (etwa 1 mm lang). Sie sitzen hauptsäch- 
lich an den Schamhaaren, können aber auch 
auf die Achselbaare sowie, besonders bei stark 
behaarten Individuen, auf die Ober- und Un- 
terschenkel übergeben. Ihr Vorkommen an 
den Augenbrauneu und Augenwimpern dijrfte 
extrem selten sein. Auf ihrer Wanderung von 
der Begio pabis nach der Achselhöhle lasaen 
die Filzläuse auf der Bauch- und Brusthaat 
mancher Individuen ganz charakteristische, 
etwa linsengroBe blaue Flecke , sogenannte 
„Taches bleues", „Makulae zaeraleae- ziiräck, 
welche, wie die experimentellen Untersucliangen 
ei^eben haben, durch Deponierung eines von 
den Morpiouen abgesonderten Saftes in die 
Haut bedingt werden. Diese Flecke können 
durch einige Zeit fortbestehen und die Gegen- 
wart der Filzläuse um ä — 14 Tage überdauern. 
Die klinischen Erscheinungen, die die letzteren 
hervorrufen, bestehen in mehr oder minder 
heftigem Jucken, besonders in der Gegend der 
Schambaare, doch auch an den übrigen von 
den Filzläusen invadierten Teilen: in manchen 
Fällen treten, wahrscheinlich durch das Kratzen 
bedingt, Follikulitiden und intrakranielle Elrnp- 
tionen auf. ^hr anfallend ist. daß manche 
Individuen, obwohl sie mit Morpiouen liesSt 
sind, gar kein oder doch fast gar kein Jucken 
verspüren. Bei der Behandlung der FilzUnae 



341 



PEDIKULOSIS. — PELLAGRA. 



wt die von alters her gebraacht« offizineile 
gnoe Sftlbe in nenerer Zeit etwas in MiBkre- 
dit gekomnien, weil man retatiT Unflg nach 
ihrer Applikation Dennatitiden «ntstehen sah, 
welche man, ob mit fiechl oder Unrecht bleibe 
dahingestellt, auf die Verwendung ranzigen 
Fettes bei ihrer HerBtellnng zorhcü führen zu 
Mdlan glaubte. Vielleicht sind diese Entzün- 
dungen anch als QaeckailberdermatitddeD aaf- 
nibssen. Will man also anf die graue Salbe 
■nd ihre neneren Ersatzmittel (Hg-Besorhin, 
Hg-Vasenol etz.) verzichten , so verwende 
man zweckm&Bigerweise itie 10° „ige weiBe 
PiftzipitatBalbe, die man 2— 3mal an den ent- 
qirechenden anfdnander folgenden Abenden 
Mif die erkrankte H&utstelle auftragen nnd 
dann noch zni Sichemng des Erfolges 1 bis 
i Tage daiani bleiben IftBt. Dann fblgt ein 
Seifenbad. Praktisch wichtig ist, daB man sich 
im Einzelfalle Über die Verbreitung der Filz- 
Itnse am Körper (ob aach die Achselhaare, 
Guter- oder Oberschenkel etz. befallen sind) 
klar wird, da man, wenn nicht alle Tiere resp. 
deren Eier (Nisse) abgetötet werden, sich aaf 
Rezidive gefeBt machen mnB. Andrerseits hüte 
man sich, zn groBe Partien des Körpers anf 
ünmal mit den genannten Qaecksilberprttpa- 
raten einreiben za lassen, da sich bei besonders 
disponierten Individuen leicht Vergiftungs- 
encheinnngen (Salivation, Dermatitiden etz.) 
einstellen können. 

PellOlil S. WSRLHOJ 



Pellagra. (Psychoneurosis maidika.) Die 
F. ist eine in Italien, Rnmänien, Spanien, SUd- 
tirol nnd JVsterreichisch-Frianl endemische Er- 
krankung, die zn djstropbischen Störungen im 
Gebiete des Sympathikus nnd des zentralen 
Nervensystems fhhrt. Nkussbr, der sich um die 
Erforschung der F. die gröflten Verdienste er- 
worben hat. unterscheidet nenn Typen von 
Krankheitsbildem, welche diese AfTektion pro- 
duzieren kann: 1. Funktionelle Geisteskrank- 
heit; 2. Amyotrophische Lateralskleroae ; 3. Te- 
tanie: 4. Meningitis; 5. Dysenterie; 6. Par- 
oichymatöse Organdegenerationen; 7. M. Addi- 
■ODÜ; 8. Dermatose; 9. P. sine F., bei der 
tfmtUche Symptome mit Ausnahme jener di 
Haut vorhanden sein können. Ätiologisch kommt 
für die P. verdorbener Mais in Betracht. 
Jahren schlechter Maisernte hftafen sich die 
ErkranknngsfUte in erschreckender Zahl. Aller- 
dings acheinen auch klimatische Faktoren, 
feiner Inanition. onzareicbende Körperpflege, 
nngesunde Wohn ongs Verhältnisse etz. prädispo- 
nierende Momente der Erkrankung zn sein. 

Die Krankheit beginnt in der Regel im Frhh- 
jahre mit den Erscheinungen allgemeiner Fro- 
■tration. Alsbald wird die Haut düfus oder an 
niDBchriebenen Stellen gerötet, ranh und riaaig, 



so daB das Korinm bloBli^. Nunmehr treten 
dieErscheinnngen von Seiten deslntestinaltraktes 
immer mehr in den Vordergrund und an diese 
schliefen sich dann — verbanden mit mehr 
oder weniger ausgesprochener Kachexie — die 
Stöningen des Nervensystems an. Die psychi- 
schen Störungen gehen am hftnfigsten unter 
dem Bilde der Melancholie, mit Abnahme der 
geistigen Kraft einher. — Zn den spinalen 
Symptomen der P. in froheren Stadien der 
Erkrankung gehören spastisch-paretisuhe Er- 
scheinungen der onteren Extremitäten und 
Parftsthesien ; in den späteren Stadien sind 
SensibilitStaatörungen, vor allem Herabsetzung 
der Schmerzempfind ung, h&nfig. Atrophien sind 
selten, die Patellarreflexe zumeist lebhafter, sel- 
tener herabgesetzt. Die Pupillarreaktion ist 
stets normal, der Mdskeiainn erhalten. Nicht 
allzn selten wird die Krankheit von epilepti- 
formen Antillen eingeleitet. — Es ist für die 
P. charakteristisch, daB ihre Erscheinungen 
während der kälteren Jahreszeit nachznlaasen 
pflegen, um im näciiaten Frühjahre mit erhöhter 
Intensität wiederzukehren. — Lähmungen. Atro- 
phien , Sensibilitfltsstörnngen und psychische 
AiteratiDnen können schlieBlich jahrelang 
persistieren und unter zunehmender Kachexie 
zum Tode führen. Die AfTektion führt, wofeme 
nicht schon ganz am Anhnge ein völliger 
Wechsel der änBeren Verhältnisse des Kranken 
eintritt, unaufhaltsam den letalen Ausgang 

Prophylaüiaeh ist durch Überwachung 

der Maisernte, gute Dörranlagen, zureichende 
Konservierung dafür Sorge zn trajjen, daB 
nur gesunder Mais r.ur Nahrung zugelassen 
wird. Verbesserung des sozialen Wohlstandes, 
Hebung der hygienischen Verhältnisse nnd Ver- 
Boi^ung mit gutem l'rinkwasser sind die 
»richtigsten Waffen gegen die Gefahren derP. 
In Gegenden, wo der Mais langsam reift, soll 
der Anbau der rasch reifenden Sorten — wie 
„Zea Mais praekox* — untersagt werden 

(TüCZBtt). 

Die Behandlung der Krankheit hat sich 
zunächst den Darmsympt^men zuzuwenden. 

Anfangs werden Abführmittel — am besten 
Kalomel — , spater Styptika, Opium, Wismut, 
Tannin n. dgl. gereicht, — Von gutem Erfolge 
soll eine längere Zeit fortgesetzte Arsenbehand- 
Inng sein (Solnt. Fowleii in steigenden und 
wieder abnehmenden Gaben [Lohbbuso]). Gegen 
die Anämie der Pellagrösen werden Eisen nnd 
Stomachlka empfohlen. Nervöse, vor allem 
Himsymptome, machen oftmals die Unter- 
bringung der Erkrankten in Irrenhäusern 
oder ihre ständige Überwachung durch Ärzte 
nnd geeignete Ptlegepersonen notwendig . Be- 
dingungen, die in den neuerdings inanga- 
rierten PellagrahBusem segensreich znr Geltan;; 
kommen. Gute Ernährung nnd Verpflegung ,,-i|,. 



Uä 



PELLAOBA. — PEMPHIGUS. 



344 



vermögen JB ttrhon allein zur BekiUnpfnng der 
Krankheitsfolgen ^iel beizatragen. — Die 
Bchnersten ErBcbeinnngen der Krankheit, der 
,pellagröee Typhaa' , die pellagröae Kachexie 
and die pellagrösen Ij&bmangen sind nach den 
Regeln zu behandeln, welche ihre speziellen 
t^rmptome erfordern. Bbaun. 

PemphlgnB (Blaeensoaschlag). Der F. 
ist eine bis Eum heatigen Tage in ätiologischer 
Hinsicht gfinglich ongeklSrte AfFektion, die 
zumeist Peisooen des mittleren Lebenstdters, 
seltener Kinder befallt und sich vor allem 
dadurch aaszeichnat,da£ die Ei nzeUfflores- 
zenz (die Blase) einen aknten Verlauf 
nimmt, während das Leiden insofeme als 
eminent chronisches zu bezeichnen ist, 
als die aknt verlaafenden Einzel effloreszenzen 
in wiederholten, langandanemden Nacbscbüben 
auftreten. 

Wir werden dann die Diagnose „P." machen, 
wenn aaf ganz gesander oder doch nnr 
unmittelbar vorher geröteter Basis 
sichBlasen entwickeln, die nichtonr 
einige wenige Tage, sondern dnrch 
Wochen, ja Monate hintereinander auf- 



r odei 



nfde 



vorher entweder unveränderten oder 
mit erythematöser Uöte bedeckten 
Haat. Die Blasen variieren bei verschiedenen 
Fallen wesentlich an GröQe, indem sie die Di- 
mensionen einer Erbse besitzen oder aaf einer 
bis flach band großen Basis rohen können. Sie 
sind meist prall gespannt, daher ihre Ober- 
fläche glünzt; ihr Kontentnm ist anfiings ein 
klares und wird erst im Verlaufe von einigen 
Tagen dnrch Beimengung von Eiterzellen 
milch ig-trhbe. endlich gelb. Im allgemeinen 
ist der Charakter der Krankheit als ein desto 
günstigerer anzusehen , je größer die Blasen, 
je straffer ihre Decken geHpannt sind und je 
klarer ihr Inhalt ist. 

Die Lokalisation der Blasen an der Ober- 
fläche ist eine in vielen Fällen sehr verschie- 
dene : manchmal kommen sie zerstreut in ge- 
ringeren oder gröfleren Abständen voneinan- 
der, am Stamme und an den Elxtremitäten 
sowie im Gesichte vor; in anderen Fällen da- 
gegen schreiten sie langsam, von einer Partie 
der Haut ausgehend, weiter, so daB eine gewisse 
Ordnung nnd KegelmSBigkeit in der Art der 
Eruption eingehalten wird; in sehr seltenen 
Fällen endlich wird nnr ein Teil der allge- 
meinen Decke mit Blasen oder Bläschen über- 
zogen, während die Übrige Haut von den 
EfTloreszenzen befreit bleibt. 

Auch bezüglich der Zahl der Blasen oder 
Bläschen obwalten wesentliclie Verschieden- 



heiten, denn während sie manchmal dicht ge- 
drängt stehen, ja sich stellenweise, tangieren 
und ZOT Konflnenz gelangen können, entwickeln 
sich zu anderen Malen nur einzelne wenige 

Die Zeitdauer, während der die Blasen 
gewöhnlich ununterbrochen zur Entwicklung 
kommen, ist nicht in allen Fällen die gleidie. 
Es kommt vor, daB, nachdem drei bis vier 
Wochen das E^xanthem sich hber die Haut 
verbreitet hatte, plötzlich ein Stillstand eintritt 
and sich während einiger Zeit keine Blasen 
zeigen. In anderen Fällen erfolgen diese Dntet- 
brechnngen erst nach einer weit s^Ateren Peri- 
ode, so dafi mehrere Monate hindurch die 
Haat nicht frei von Blasen ist Wie immer 
aber auch der Verlauf der Krankheit in die«er 
Richtung sei, so ist doch mit der aUei^röfiten 
Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daB das Cbel 
einige Zeit nach der besprochenen Remisaion 
wieder auftrete, daB in ganz ähnlicher Weise 
wie das erste Mal Blasen zur Entwicklung 
kommen, und daB dieses Auftreten und Schwin- 
den der Eruption sich durch lange Zeit, aatu 
Umständen viele Jahre hindurch, wieder- 

Eine der wichtigsten Eigenschaften der Form 
des Blasenausschlages bildet der baldige 
Wiedorersatz der verloren gegangenen 
Epidermis. Man beobachtet, dafl kurze Zeit, 
nachdem die Blasendecke entfernt und das 
Kontentnm aasgelaufen ist, sich sowohl vom 
Rande her als auch von der Basis, von den 
zurückgebliebenen Epithelresten neue Oberhaut 
entwickelt, welche bald die Spuren der früher 
bestandenen Läsion verwischt. 

Der Ausgang dieser Pemphigasspeziea ist 
zweifach: entweder boren die Aasbrüche, nach- 
dem sie mehr oder minder lange Zeit gewährt 
haben, vollkommen aaf. es entwickelt sich 
wieder gesunde Epidermis, welche endlich an der 
Unterlage haften bleibt und nicht mehr eleviert 
wird, also Ausgang in Genesung; — oder aber 
es tritt letaler Ausgang ein. Dieser kann er- 
folgen entweder durch den hochgradigen Ssfte- 
verlust bei stark eutwicketten und rasch auf- 
einanderfolgenden Ausbrüchen oder wenn 
der P. seinen Charakter ändert and aus 
n gutartigen ein bösartiger wird <P. ma- 
lignas). 

Die hegleitenden Erscheinungen va- 

ieren den Verse hiedenheiten der Anehrfiche 
gemSB, Fieberhafte Erscheinungen gehönn 
nicht zur Regel, fehlen oft, komplizieren aber 
stets das Leiden in ungünstigem Sinne, wenn 
vorhanden sind. Symptome der Erkrankung 
lerer Organe fehlen gewöhnlich vollkommen; 
hie nnd da werden Diarrhöen beobachtet 
Die Mitleidenschaft der Schleimhäute ist in 
:n Fällen eine seltene; wenn sie aber auf- 
tritt, so pflegt sie denselben chronischen und 



345 



346 



rezidivierenden Verlauf darchzmnachen wie 
die Ernptionen an der Haut. 

In fast allen Fällen stellt eich, beeondera im 
Beginne der Erkrankung nnd bei nenen Nach- 
•chüben, Schlaflogigkeit ein; rie ist ein so 
konstaatea Symptom, dafi man am ihr fast 
mit Sicherheit anf neue Änsbrfiche der Krank- 
bcit rechnen kann. Der Appetit ist im Be- 
ginne meist vermindert, BjAtar hftnfig vermehrt 
— ein gntes PrognOBtikon. 

Sabjektiv empfindet der Patient an der 
Hant meist nar die Iftstigen Sensationen, 
welche aach bei anderen mit Blasenbildnng 
onhei^ehenden Erkrankungen der Haut vor- 
nüiommen pflegen. Eine seltenere Komplikation 
TNi Seite der senmtiven Sphäre bildet heftiges 
Jnckeu (P. pmriginosns), wodnrch der Kranke 
mm Kratzen veranlaBt wird, nnd, nachdem 
die Oberhaut ohnedies schon durch die Blasen- 
bildang abgehoben worden ist, tiefere Ver- 
letinngen des PapiUarknrpers hervorrnft 

0. F. malignns (F. akntus, vegetans, 
dipbtheritiknB, gangraenosas). Diese Form des 
P. onterscheidet sich keineswegs dnrch die 
Emption anders anssehender Blasen 
soeben beschriebenen, sondern nnr durch 
inderen Verlaaf, begleitende Erscheinungen 
nnd Ausgang. 

Die Blasen sind in diesen Fällen gleichfalls 
TOn verschiedener QröBe nnd verschieden« 
Standorte, manchmal nicht so prall gefällt 
nnd gUnzend, mehr matsch , ihre OberfiAche 
bitig. Die Eruption ist keineswegs immer eine 
•ehr rasche, weite Strecken okkupierende, 
londem hftlt sich im Gegenteil im Umfange 
■n beschr&nkte Partien: im sp&teren Stadinnt 
freilich schreitet sie, gleichsam das Versäumte 
nachholend, mit grofler ElapiditAt vor, indem 
lie nicht nor die den ersten Effloreszensen 
nabegelegenen Stellen e^reift, sondern anch 
in entfernteren Partien nene Blasen zur Ent- 
wicklang bringt, so daß im Verlanfe weniger 
Tage weite Strecken der Epidermis beraubt 
tncbeinen. 

Der weitere Verlauf entscheidet nun Über 
dsn küneren oder längeren Bestand der Krauk- 
bät, de fakto über den rascher oder spSter 
eintretenden letalen Ausgang. Man sieht nftm- 
Üch, daS in der Hehrzahl der Fälle die 
einmal gehobene Epidermis nicht wie- 
der ersetzt wird, sondern daB sich 
dort bleibend eine LOcke entwickelt. 
Da die Exsndation ununterbrochen anhält, 
nSisen die Stellen fortan weiter nnd werden 
nach und nach mit mächtigen Borken bedeckt, 
unter denen sich, wenn dazu Überhaupt Zeit 
^lassen wird, papilläre Wucherungen ent- 
wickeln können (P. vegetans Neümans). 

In seltenen Fällen bedecken sich die wun- 
den Stellen mit einer sehr dünnen, keineswegs 
der Korm entsprechenden Epidermieschichte, 



welche anch die wnchemden Stellen zu über- 
ziehen vermag, ja der ganze Prozeß kann 
einen scheinbaten Stillstand vortSnschen. We- 
nige Wochen später aber beginnt die Eruption 
von neuem, um gewöhnlich ununterbrochen 
bis zum Tode zu wahren. 

Der F, vegetans bevorzugt gewisse Hant- 
stellen. Es sind dies besonders die an Körper- 
ÖShungen angrenzenden Partien (Genital-, 
Analregion, Mundhöhle und Tippen) und die 
Gelenkbengen. 

Zu auderen Malen findet man die Basis 
dar Blas«! mit einem weiBgelblichen Belage 
(P. diphtheriÜkDs) oder einem grflnbrännlichen 
Schorife (P. gangraenosns) bedeckt. Diese ne- 
krotischen Schorfe lOeen sich schwer, schreiten 
manchmal in der Umgebang weiter und kön- 
nen dann zu ausgedehnten und tiefgreifenden 
Zerstörungen flthren. 

Bei den meisten Fällen werden auch die 
Schleimhäute der Mund- und Racben- 
höble sowie des Ösophagus und weiter 
Strecken des Respirationstraktes in Mit- 
leidenschaft gezogen. Man sieht dabei das 
Epithel der Mukosa oris et pharyngis fehlen, 
die ganze Schleimhaut ist wund nnd leicht 
blutend; beim Husten werden Schleimhant- 
fetzen und Blnt zutage gefördert; die Nah- 
mngseinnahme wird wegen Schmerzhaftigkeit 
der Speiseröhi« erschwert nnd verweigert. 

Dnter den begleitenden Erscheinungen ist 

<i allem hochgradiges Fieber zu er- 
wähnen. Temperaturen zwischen 40 nnd 41° 
werden erreiidit, der Puls ist fliegend, mit 
Zunahme der Krankheit an Kraft abnehniend. 
Dieses Fieber tritt keineswegs im Beginne des 
Ausschlages auf oder geht der Eruption voran, 
sondern es tritt stets erst in voi^eschritteneren 
Stadien anf nnd nimmt mit der Verbreitung 
der Erscheinungen an der Haut an Intensität zu. 

Von den Qualen, durch welche diese armen 
Patienten gefoltert werden, kann sich nur der- 
jenige einen BegrifT machen, der mehrfach soldie 
Ausbrüche zu beobachten Gelegenheit hatte. An 
der ganzen Oberfläche sind sie mit matschen 
Blasen oder eiternden wunden Stellen bedeckt, 
deren in großer Menge entquellende Exsudat- 
u Borken eintrocknen oder die an- 
haftenden Wäschestücke znm Verkleben brin- 
gen, deren Lösnng von den Wunden Schmerz 
Blutnng veranlaBt; der widrige Geruch, 
der sich durch die rasche faulige Zersetzung 
der esandierten Flüssigkeit entwickelt, die 
Angst vor jeder Bertthrung zum Behufe der 
Reinigung, nnr manchmal noch überboten 
durch den Ekel, den der Gestank hervorruft; 
die Schmerzen, welche bei jedweder Nahrungs- 
znfubr im Munde, Rachen und der Speiseröhre 
empfanden werden, die nicht minder heftig 
sind bei Bewegungen der Zunge nnd Lippen 
behnfa des Sprechens, die hohe Fieberhitze 



347 PEMPI 

die durch kein küblendee Getrink gemildert 
werden kann, nnd dabei das bia in die letzten 
Lebengstnoden Tollkommen freie Sensor! um 
der Kranken — dies ist das entsetzlicbe BUd 
der b^ammemswerten Individuen, welche ron 
dieser Bchrecklichsten Form de« F. heimgesacht 
werden. 

Wie wir schon eingangs bemerkten, genttgt 
es znr Festdtellnng der Diagnose des F. nicht, 
einzelne wenige Blasen vorzufinden, sondern 
es müssen deren dnrch längere Zeit eine gröSere 
Menge auftreten. Wir werden daher manches 
Mal gezwungen sein, unseTe Diagnose fOr einige 
Zeit in suspenso zu lassen, n. zw. in jenen fallen, 
wo nns das Exanthem sofort nach seinem De- 
büt znr Beobachtung kam , und werden erst 
durch das Anftreten neuer Blasen zur Er- 
kenntnis der Affektion gelangen kJSnnen. Ein 
völlig entwickelter F. aber iat gewiB immer 
mit lieichügkeit za diagnostizieren, da die 
auBschlieBlichs Produktion von Blasen ihn we- 
sentlich von allen übrigen Dermatosen scheidet. 
Auch bezüglich der anderen mit biaBigen Ef- 
floreszenzen einhergehenden Erkrankungen be- 
stehen hetrftchtUche Unterschiede. Der Herpes 
Iris hat im Gegensätze znm P. eine beschränkte 
Lokalisation; die Effloreszenzen entwickeln 
sich durch peripherische Ausbreitung — ein 
beim P. seltenes Vorkommen. Die BUschen 
des Zoster wieder sind in bestimmten und 
bekannten Linien aneinandergereiht, in Qmp- 
pen gestellt — Linien nnd Gmppen, die beim 
P. nie vorkoramen. 

Der P. malignus wird im Anfange seiner 
Elntwicklnng beträchtliche Ähnlichkeit mit 
einem zirkumskripten Ekzem anfweisen, be- 
sonders wenn die kranke Stelle mit einer 
Borke bedeckt ist; hier kann nns gewöhnlich 
die Aussage des Patienten helfen , welcher 
uns angeben wird , daß die Borke sich nicht 
aus einer Anzahl minimaler, nahe aneinander 
stehender Bläschen, sondern ans einigen we- 
nigen gröBeren Blasen entwickelt hat; bei 
weiterer Beobachtung werden wir solche Blasen 
linden und daraus den P. erkennen. Zur Spe- 
zialisierong der letal endigenden F&lle gehört 
freilich stete eine längere Beobachtung, da sie 
sich ja durch ein Moment von dem günstig 
verlaufenden unterscheiden, daaerst in späteren 
Stadien znm Ausdruck kommt, nämlich das 
Verheilen oderNichtverbeilen der epidermidalen 
Substanz Verl nste . 

Von diesen Formen von Blasenkrankheiten, 
bei denen sich primär nur groBe oder kleine 
Blasen, aber keine anderen EfBoreszenzen ent- 
wickeln, bei denen häufig im Beginne gar 
keine Entzündungserscheinnngen vorhanden 
sind, sondern wo die Blasen ohne primären 
roten Rand auf der ganz gesund aussehenden 
Hant aufsitzen , bei welchen sich sekundär 
aber auch sehr schwere Symptome einstellen 



348 

diesen eben geschilderten Formen 
BiKii eine Krankheit, bei der es 
Stadien zu grofien AbnlichkeiteD 
mit P. kommen kann, bei der aber der ganie 
Symptomenkomplei von dem des P. we- 
sentlich abweicht, und nennt sie Dermatitis 
herpetiformis polymorpha (s. d.). 

III. Als dritte Form von blasigen Eruptionen 
an der Haut ist der P, foUazeiis (Cazehave), 
Akantholysis bullosa akquisita (Ausittz) zd er- 
wähnen. 

Auf vollkommen normaler Haut entwickeln 
sieb erst kleine, erbsen- bis bohnengroBe BU*- 
chen nnd Blasen, welche keine glatte, glänzende 
Oberfläche besitzen, sondern matsch und mn- 
zelig sind, deren Kontentnm meist ein klares 
ist. Gewöhnlich treten diese Effloreszenzen 
an verschiedenen SteUen in gröBerer Anzahl 
auf, ohne daB vorher sich irgend eine Böte 
oder Schwellung bemerkbar gemacht b&tte. 
Nachdem diese prim&ren, isolierten EfBores- 
zenzen einige Zeit bestanden haben, sieht man, 
daB sich nm dieselben bald neue Bläschen 
entwickeln, welche entweder sofort mit der 
alten Blase, die zu dieser Zeit gewöbolich 
schon etwas eingesunken ist, kommunizieTen, 
oder aber dnrch geringe, dazwischen liegende 
gesunde Hantstelten getrennt sind; auch in 
diesen Fällen wird man schon eine Konfluenz 
der Mntterblase mit ihren Tocbterblasen wahr- 
nehmen. Indem nun von allen primär ent- 
standenen Vesikeln aus der ProzeB in deraelben 
Art kontinuierlich fortschreitet, werden nach 
nnd nach immer weitere Strecken der Er- 
krankung unterliegen nnd das Exanthem wird 
endlich universell werden. Dabei beobachtet 
man, daB im weiteren Verlaufe die abgehobeae 
Epidermis wohl bald wieder ersetzt wird, daB 
aber auch dieses neue Lager zur Bedeckung 
verwendet wird. 

Indem nun die alte, abgestoBene Epidermis 
auf der nrsprOnglichen Stelle znrückbleibt 
nnd von onten immer neue OberttautlagMi 
als Blasendecken emporgehoben werden, häuft 
sie sich immer mehr an und bildet eine blätterige 
Masse, wegen der eben Cazenavb das EpithetoD 
foIiazeuB wählte. Diese AnfUgerungen er- 
reichen mit der Zeit eine ziemliche Dicke. Sie 
bestehen nicht nur ans Epidermis, sondern 

Flflssigkeit herrührenden Borken. Der Verlauf 
der ganzen Erkrankung ist in manchen Fäulen 
ein so rapider, daB die davon befallenen In- 
dividuen wenige Wochen oder Monate nach 
dem Auftreten der Blasen bst ganz mit deo 
erwähnten , fest anhaftenden Schuppenlagna 
Überzogen sind. Zu dieser Zeit sieht num auch 
dann nie mehr eine eigentliche Blase auftietm, 
da die von unten sicli regenerierende Epidermis 
an der Basis nicht haftet, um zu einer Blas« 
verwendet werden zu können. Dagegen kann 



349 PEMP; 

insn »ehr oft zwischen den Schappenlagem 
eisodierte FlUuigkeit an die Oberflä^e treten 
when. Dieaee Bild kann durch lange Zeit, 
Jahre hindnrch sUiU dasselbe bleiben-, es ist 
so rharftkteristisch fbr den P. foliazeiu, daB, 
■BDD man es ein einziges Mal gesehen hat, 
man jeden nächsten F&ll sofort daran erkennen 
wird, ohne nach einer blasigen Effloreszenz zn 
«neben. 

Ini Beginne des Frozesseti Cehlen alle fieber- 
haften b^leitenden Erscheinungen; solche 
treten erst dann anf, wenn hei langem Be- 
stände weile Strecken der Epidermis beraabt 
■Orden. Anfänglich ftkhlt sich aacb der Patient, 
wenn er nicht schon von frtlher her darch 
ein Leiden geplagt war, vollkommen wobl, 
kann seiner Beschftftignng nachgehen und klagt 
aber keinerlei Schmerzen. Erst zu der Zeit, 
wenn die Blasenhildong weitere Fortschritte 
gemacht hat, stellen sich allgemeine Abge- 
Khlagenhüt, Appetitlosigkeit, Mangel an Schlaf 
ond Ähnliche Symptome ein. Durch den dicken, 
liemlich fest anhaftenden Schnppenpanzer 
wird der Patient in seinen Bewegungen ge- 
bindert, da ihm jedwede Aktion Einrisse mid 
infolgedessen schmerzhafte Empfindungen her- 

Bleibt die Krankheit eich Tollkoromen selbst 
Aberlassen, so Ändert sich anch das Bild in 
keiner Weise, es wlre denn, daß die Schnppen- 
Itger sich noch mtchtiger anh&afen. Bei ge- 
eigneter Behandlung aber sieht man oft die 
Epidermis wenigstens teilweise zur Norm zn- 
r&ckkehren; da aber der Prozeß selbst den- 
noch nicht stillBteht, sondern sich immer und 
immer wieder blasige EfSoreszenzen zeigen, 
so wird man s[Ater diese Blasen, die schon 
lange nicht znr Beobachtmg gelangen konnten, 
nenerdings sehen. Hie nnd da geschieht es, 
daß für einige Zeit der ProzeS einen gewissen 
titillstand macht, indem die regenerierte Epi- 
dermie nicht blasig empoi^hoben wird ; jedoch 
in allen F&llen konnte man bis jetzt beobachten, 
daß einige Zeit danach die Blasen, wie vor 
ond ehe, wieder auftraten nnd daß dieser 
Wechsel in den Erscbeinmtgen kontinnierlich 
blieb , bis der Patient nnter den Symptoi 
eines allgemeinen, hochgradigen Marasmos 
•einem Leiden erlag. 

Die Diagnose dieser Krankheit ist dem 
tiesagten znfolge nicht mit Schwierigkeit zn 
stellen, wenn man entweder die in der Peri- 
pherie sich weiter entwickelnden Blasen oder 
das die ganze Haat bedeckende Schnppenlagei 
vor sich hat; so gleichm&Big entwickeln sich 
bei gar keiner anderen Krankheit die epid< 
maien Aoflagemngen. Im Anfange der Er- 
krankong ist es manchmal schwer, die akan- 
thol)li sehen Bläschen von anderen Bläschen 
in nnterscheiden, besonders wenn bei letzteren 
die periphere Röte nicht wesentlich entwickelt 



ist In solchen zweifelhaften Fllllen mnS man 
einige 2^it zawarten, nm die Weiterentwicklung 
des krankhaften Vorganges beobachten zu 
können , worauf man zweifellos jenen Sym- 
ptomen begegnen wird, welche eine Feststellung 
der Diagnose ermöglichen. Anf dieee Weise 
~ es ermöglicht, den P. von anderen Blasen- 
erkranknngen , besonders von typisch lokali- 
siertem Brythema multiforme oder von 
einem toxischen bnllösen Erythem zu 
nnterscheiden. 

Der sogenannte FemphlgaBneonatOrtUIl, 
bM dem ea znr Bildung waaserklarer, rasch 
verbeilender Bläschen aaf der allgemeinen Decke 
nnd oft anch nnr an H&nden und Füßen kommt, 
dürfte als eine Staphylokok kenin fektion auf- 
zufassen sein, die eine durchaus günstige Pro- 
gnose gibt. Er unterscheidet sich vom soge- 
nannten Pemphigus syphilitikns (s. beim 
Kapitel ,Heredit&re Syphilis") durch den Mangel 
eines brannroten Infiltrates an der Blasenbasis 
und durch die Abwesenheit anderer Symptome 
hereditftrer Lues. 

Die Therapie, ansschlieSlich symptoma- 
tisch, ist wenig erfreulich. In F&llen, wo nur 
wenige, kleine Blasen vorhanden sind, nntsr- 
stDtzen wir deren Eintrocknung durch inert« 
Streupulver: 

Rp. Amyli oryeae 

Talei venet aa, 500 

Rp. Aisid. salisylis 1-5 

Amyli oryaae 1500 

Putr. rad. Ireos fior. . . 13 
Rp. Oxydi ainai 

Zerussae aa. IS 

Talti venet JOOO 

Rp. Amyli oryeae 5&0 

Pulv. alum. plum. . . . lOO 
SuOEiuKRa empfiehlt Einpnderungen mit Sil- 
beroleat, welches das Eiweiß koaguliert und 
eine schlitzende Decke bildet. 
LaisTiKov empfiehlt 
Rp. Kali chlorüti 30 

Kali kypermang, .... 10 

Bali atbi, 

Krelae albae . . . . aa. 50-0 

S. Puder. 
OröBere Blasen werden, um deren Aufreißen zu 
verhindern, an der Basis seitlich aufgestochen, 
ihres Inhaltes entleert nnd darüber wird 
reichlich eingestreut. Eventuell kann über das 
Streupulver ein trockener Watteverl>and appli- 
ziert werden. Sind die Blasendecken abgehoben, 
die erodierte Hant entblößt, dann empfehlen 
sich Salben, Pasten. Oelatineverband. 
Rp. .Aziäi boris laO 

Lanolin ■ . -ft/O 

Bp. Plumb.karbon ^'K-^ 

Ung. emoU ■^O'öCiOOQIc 



351 



PEMPHIGUS. - PENIS. 



35ä 



Bp. Zinsi oxydat 50 

Bemoes 1-0 

Axung. Porxi 3O'0 

Bp. Jodoform, p 3-0 

Vaselin 30Q 

ßp. Azid. saliefl 5-Ö 

Gelatin. alb 50-0 

Äq. dest 100-0 

S. Jm Wasserbaäe gesehmolsen , mit 

Pinsel aufaustreieken. 

Sind gröBere SnbatanzverloBte Dach Blasen 

?orfaanden, dann wirkt oft eine Sblbe, die 

Schwefel enthält, dem eine keratopUatiacbt 

Wirkung zugeschrieben nird, gftnatig ein: 

Bp. Flor. Zittti, 

Flor, sulfnris . . . aa. 100 

Vaselini lOOO 

MDS. Salbe. 

Bei ausgebreiteten Ernptionen, besonders 
an den Extremitäten, SatizylBei&npflaatei 
band, der mehrere Tage liegen bleibt. 

Rp. Anid. satieyl 5-0—100 

Empl. sapon. liguefaki. . tOOO 

darflber Wattaverband oder Trikots. Bei akut 
entzündlichen E^acheinoogen, Schwellung and 
Rötung der Haut, Lymphangioitis, kalte Um- 
achUkge, Leitkhs Apparat, Einbailungen in 
nasse Leintücher, Hübbas Wasserbett, das fbr 
alle Fälle von schwerem, besonders von P. 
foliazeoG, den Patienten eine wesentliche Er- 
leichterung bietet, Fieberbewegnngen mäBigt, 
Schlaf und EBlast wiederkehren laBt. — 
Bei P. pruriginoeaB protrahierte TeerbBder, 
d. h. Eintaerung des ganzen Körpers oder 
der erkrankten Partien mit Ol. mszi, darauf 
warmes Bad. Die interne Behandlung ist zu- 
nächst auf möglichste Roborierung (Eisen, 
Arsen, Gebirgsluft, hydriatische Knren) bedacht, 
Bonst ist dieselbe symptomatisch, insbesondere 
gegen interkurrentes Fieber, Schlaflosigkeit, 
Schmerzen gerichtet. ~ Die sich bei Kindern 
bald nach der Gebart einstellende Pemphigtu- 
eruption an Handtellern and Fußsohlen, der 
P. neonatornm, ist gutartig und heilt nach 
Anstechen der Blasen vom Rande her and 
Applikation von inerten Streupulvern rasch. 

FlN<iKU-BBAHI>WBIH£a. 

Penis, Yerletsoi^eii und Neabll- 

dungen. Verwandungen des P. darch 
Stich-, Schnitt- und SchoBwnn den sind 
relativ selten. H&nfiger sind BiS- and 
Qnetschwunden. Die häutigste Verletiang 
ist das Einreifien des Frenulnms beim Koitus. 
Ausgedehntere Riß- und Quetschwunden ent- 
stehen besonders durch Unglücksfalle bei 
Maschinen, durch Verschattung und fbec- 
fahrenwerden. Hierher gehört auch die Ab- 
reiBong der Haut des P. und zuweilen auch 
des Skrotums, die sog. Schindung der 



Genitalien. Selten ist die Lnxatio penis, 
d. h. die ZeireiQnng des Vorhautansatzee an 
der Eichel mit subkutaner Verlagerang des 
Penisschaftes in das Unterhantzellgewebe der 
Banchhant oder des Skrotnme. 

Die Behandlung der Wunden des F. geschieht 
nach allgemeinea chirurgischen Regeln. Bei 
ausgedehnten Hautdefekten (z. B. bei der 
Schindung) sind plastische Operationen not- 
wendig. 

Subkutane Zerreißungen der Sel.well- 
körper, die sog. Penisfraktar, entsteht 
durch Stoß, Knickung, Torsion des erigiorten 
P. Heftige Schmerzen, Schwellung, Verlast 
des Erektionsvermögens , eventuell bei Mitbe- 
teiligung der Harnröhre ausgedehnte Ent- 
zündungen, Urininfiltrotion sind die Folgen. 
Die Behandlung besteht in Hochlagemng des 
P,, Eis, Hassage, Kompression, Pnnktion oder 
Inzision, 

Häufiger kommen Einschnflrungen des 
F. durch Fremdkörper , durch Ligataren 
(Bindfaden, Bänder etz.) oder durch ring- tuid 
röhrenförmige feste Körper aller Art vor. Sie 
haben Inkarzeration deaP. mit allen typischen 
Erscheinungen zur Folge. Die Behandlung be- 
steht in Entfernung des Fremdkörpers. 

Neubildungen ddsP. Am bäoligsten sind 
die spitzen Kondylome, feine papilUir« 
Eikreszenzen an der Eichet und Vorliant. 
Durch Konfluieren der einzelnen spitzen Kon- 
dylome können breitere , blunenkohlähalirhe 
Oewächse entstehen. Sie werden am besten 
mit der Schere abgetragen und der Urnnd 
zur Stillung der Blutung sowie zur Vermeidang 
von Rezidiven galvanokaustisch verschorft. 
Aufstreuen von Resorxin bringt sie ebenfalla 
unter eitrigem Zerfall zum Schwinden. 

Das Karzinom des P. kommt vorwiegend 
) höheren Alter vor. mitunter auch schon 
li 30— 40jährigen Patienten. Ätiologisch 
ist die angeborene Phimose von Bedeutung. 
Meist handelt es sich um Plattenepitlielkrebs, 
von der Haut ausgeht, seltener um Kr«bs 
der HantdrQsen. Das Feniskarzinom beginnt 
gewöhnlich alseine warzige Hanterhebong und 

igt erst spat einen ulzerösen Zerfall, seltener 
b^innt es mit einer Ulzeration. Seltener konamt 
der Markschwamm vor. Die Korpora kaTernosa. 
penis werden erst ziemlich sptlt ergriffen ; sind 
aber durchbrochen , so breitet sich die 
Neubildung ungemein rasch aus. 

Relativ häufig und frühzeitig werden die 
Lymphdrfisen infiziert, zuerst gewöhnlich die 
oberflächlichen Leistendrüsen, zuweilen aber er- 
kranken als erste auch die retroperineaien 
Drüsen. Metastasen auf dem Blutwege sind 
selten beobachtet. 

Die Beschwerden sind anfangs meist gering, 
die Patienten versptlren Jucken an der Cilans 
und bei Phimose etwas stärkere Sekretion, nur 



3&3 



PENIS. — PERICHONDRITIS LARTNGEA. 



354 



»osnahniBweiBe Bind vonBcginn an Schmerzen 
in der Gluis TOrhanden. Die Patienten komnaen 
deehalb meist erst relativ gp&t znr Bebandlnng. 
Die Behandlung besteht in entsprechender 
EuiBion resp. in Amputation des P. nnd 
Borgnitiger AoBspttlnng der Drflaan. 

Selten sind Sarkome des P. Von gntar- 
tigen Nenbildangen kommen vereinzelt Li- 
pome, Zysten der Penishant, Atherome 
Enchondromennd Knochen geechwftlete 
Tor. W0881DLU. 

Periohondritl« laryngea (j6^i 

Knorpel). Die P. I. tritt zorneiEt eeknnd&r im 
Gefolge von Taberknlo«e,8yphilisnnd Karzinom, 
ferner bei Typhus, Variola, Erysipel nnd InflU' 
en» (Staphylo- and Streptokokken) auf; in 
Kltenen Fillen kommt sie aber anch als pri- 
m&re P. infolge von ErkBltang, Rhenmatismns, 
Traoma nnd t'beranatrengong der Stimme 

In der Begel leitet sich der ProzeA von 
Weichteilen in die Tiefe fort, in selteneren 
mien geht er jedoch anch vom Perichondriam 
Dod selbst vom Knorpel ans. Zumeist kommt e 
nnler intensiven Entztkndnngserscheinungen zi 
Eitenmg, Loewfthlong des Perichondrinma mi 
partieller oder totaler AnsstoSnng des EnorpeU 
wihrend Tille, in denen die P. ohne eitrige 
Enndat, hingegen mit bedeutender Verdickung 
des Perichondrinms einhergeht, in den seltenen 
Befunden gehören. Am h&n£gsten erkranken 
die Arytflnoidknorpel and in weiterer Reihen- 
folge der Ringknorpel, die Epiglottis and die 
Kartilago thyreoidea; nicht selten werden jedoch 
Dunentlich bei den sekundären Formen nnd 
in vereinzelten Fällen anch bei der primären 
P. mehrere Knorpel nacheinander befallen. 

Die subjektiven Beschwerden der P. 
bestehen in stechenden , oft nach den Ohren 
ausstrahle nden Schmerzen namentlich heim 
Sprechen nnd bei Druck von außen an der 
dem entzündeten Knorpel entsprechenden Stelle, 
nnd in Schlingbeschwerden, insbesondere 
bei P. des Ringknorpels nnd der Arytänoid- 
knorprl. Zn den weiteren Erscheinungen ge- 
hören Verfinderungen der Stimme, indem 
die Schwellnng häufig schon mechanisch die 
gegeoBeitige Ann&hernng der ArytAnoidknorpel 
und der Stimmbänder hindert oder indem die 
hierbei in Betracht kommenden Muskeln, welche 
verhindert und infiltriert sind, die nötige 
Kraft nicht entfalten können; hftufig kommt 
M aber auch dadurch za Stimmstörungen, 
daB das von der Entzftndang befallene Krikoary- 
ttnoidgelenk fixiert wird oder dadurch, dafi 
nieh at^laufenem Prozesse eine Anchylose 
rarOckbleibt, und schließlich fObren auch die 
Nebenerscheinungen, mit denen sich die P. verge- 
»elUchaftet, namentlich QescbwUre an den 
Stinmibändern , sehr oft zn Heiserkeit und 
ToUtt&ndiger Aphonie. Zu den häufigen Er- 



scheinungen gehört die Dyspnoe, die infolge 
von entzündlicher Schwellung und kolUteralem 
Odem , namentlich wenn sich der Abszeß zur 
Eröffnung anschickt, derart zunehmen kajin, 
daß SufFokationsgefahr nnd Tod durch Erstik- 
kung eintreten kann. 

Der Verlauf ist oft ein protrahierter; der 
Prozeß kann viele Monate hindurch bestehen; 
doch stellen sich im Verlaufe auch akute Er- 
scheinungen nnd mehr&che E^azerbationen ein. 
In jenen Fallen, welche verhältnismäßig günstig 
verlaufen, nämlich hei der idiopathischen und 
syphilitischen F., kann es unter Ansstoßung 
des Knorpels zn narbigen Retraktionen, zu 
Form- und Lageveränderrmgen der Knorpel 
und Anchylose im Krikoarytänoidgdenk mit 
ihren Folgezuständen kommen. Zumeist vei läuft 
jedoch die P. letal, indem die Orundkrankheit, 
durch welche die F. bedingt wird, den töd- 
lichen Ausgang herheiftthrt oder indem durch 
die starke Schwellung Suffokation erfolgt; zu- 
weilen kommt es zn letalem Ausgange infolge 
von Eitersenknng ins Mediastinum, mitunter 
ft.llt das KehlkopfgerOste zusammen , wenn 
nekrotische Knorpel ausgestoßen werden, und 
nicht selten kommt es auch durch konsekutivs 
narbige Verengerung zn Snffokation, 

Bei der äußeren Untersnchung sieht 
man in jenen Fällen, in denen die äußeren 
Partien des Schild- und Ringknorpels erkraukt 
sind, am Halse eine Anschwellung auf einer 
oder aaf beiden Seiten; die Konturen sind 
ischt, der Vorderhals bekommt eine mehr 
oder weniger gleichmäßige Rundung nnd an 
' Stelle, an der sich der Durchbmch vor- 
bereitet, entsteht anter ödematöser Schwellung 
in der tjmgebnng eine umschriebene Vorwöl- 
bung. Ist es znm Durebbruch nach anßen ge- 
kommen, so entetehen Fistelgftnge, durch die 
mit der Sonde in die Abszeßhöhle gelan- 
und den nekrotischen Knorpel tasten 

Das laryngoskopische Bild wechselt je 
nach dem Knorpel, der von der Perichondritis 
befallen wurde. Bei der P. arytaenoidea ist 
der Wulst des Oießbeckenknorpels bedeutend 

'größert, er erscheint birnförmig und nn- 
beweglich; der SAMTouNische Knorpel steht 
höher ak auf der anderen Seite; die Umgebung, 
namentlich die aryepiglottischen Falten und 
die Taschen bänder, sowie die Regio suhglottika 
sind ebenfalls bedeutend geschwellt, gerötet 

id oft ödemat^s; das Stimmband befindet 
sich einmal mehr in der Adduktiona-, ein an- 
deres Mal mehr in der Abduktionsstellung und 
steht anbeweglich fest; und schickt sich der 
Abszeß znm Durchbmch an, so entsteht ein 
nachgiebiger gelblicher Fleck zumeist in der 
Nähe des Prozessus vokalis, seltener an der 
Kuppe des ArytAnoidknorpels; der nekrotische 
Knorpel ist an der mit fetzigen Bftndem Ter- 
12 



PERICHONDRITIS LARTNGEÄ. - PERIKARDITIS. 



3Ö6 



sehenen DnrchbmchBBt«ile zaweilen gnt so 
Beben, aber auch nach Eliminiemsg desBelben 
sinkt die GeschnnlBt wegen der Btarren Infil- 
tratioD der Weichteile nicht immer Etuammen, 
nnd nur dann, wenn ea znr AoBhailong kommt, 
entsteht eine mrbige Betrektion nnd eine 
bleibende Formverftndernng dea ÄtTtftnoid- 
wolstM. 

Bei der F. krikoidea wird hauptsächlich 
die Platte des Ringknorpeb befallen, seltener 
die ttbrigen Partien. An den hinteren Enden der 
wahren und falschen Stimmbänder and im 
subglottischen Banme entsteht eine bedeatende 
Schwellung, die daa Rehlkopflomen verengert 
nnd zn Soffokation ftthrenkann; die Scbleim- 
bant erscheint beträchtlich gerötet, oft ödema- 
tÖB durchscheinend, nnd die Bewegung der 
Stimmb&nderist teils wegen der starken Schwel- 
lung, teils weil das Krikosrftäooidgelenk an 
der Entzündung beteiligt ist, aufgehoben. Wird 
der M. krikoarTtaenoideus postikus vom Riog- 
knorpel abgelöst und anfier Tätigkeit gesetzt, 
so steht das Stimmband nngefähr in der 
Mittellinie, so daB die Stenose no<^ mehr ge- 
steigert wird. Der Darchbmch geschieht zu- 
meist am FrozessQs vokalis, zuweilen in den 
Sinns pyriformis, manches Mal auch nach anfien 
am Halse. In der Regel kommt es dabei zu 
letalem Ausgange; heilt der FrozeB aus, so 
bleibt Anchylose im Krikoarytänoidgelenk und 
narbige Stenose des Kehlkopfes zurflck. 

Ebenso stehen die objektiven Erscheinnngen 
der F. epiglottika hauptsächlich in einer 
hochgradigen Schwellung des ganzen Knorpels 
oder nur eines Teiles desselben und seiner 
nächsten Umgebung, Ist es znm Dnrchbrnch 
gekommen, ao ragt der freigelegte Knorpel oft 
beträchtlich ftber das Nivean der zerfallenen 
Weich teile hervor. 

Bei der F. tbyreoidea können entweder 
beide Schild knorpelplatten oder nur eine der- 
selben und einmal die innere, ein anderes Mal 
die änBere Fläche derselben nnd ein drittes Mal 
beide zugleich ergrifien werden. Ist die innere 
Fläche erkrankt, so sieht man, namentlich an 
den Taschenbändem und der vorderen Kehl- 
kopfwand, haaptsächlich unterhalb der Stimm- 
bänder eine starke Scbwellong nach innen in 
das Kehl köpf lumeu hineinragen and zumeist 
findet der Durclibrach im vorderen Winkel 
statt. Durch Erkrankung der BnBeren Schild- 
knorpelflächen kommt es zn den oben en^hn- 
ten, von auGen sichtbaren Erscheinungen. 

Die Diagnose der P. ist im Be^nne oft 
schwierig ; mit groBer Wahrscheinlichkeit 
kann sie beim Vorhandensein einer starken 
Schwellung und Schmerzhaftigkelt, namentlich 
bei Druck von aufien, mit voller Sicherheit 
jedoch nur bei Durchbrach nnd Nachweis von 
entblöGtem oder ansgeatoBenem Knorpel dia- 
gnostiziert werden. 



Eine Verwechslung mit Rhinosklerom 
oder tuberknlösen Infiltraten ist wegen 
des hohen Ondes der entzfindlichen Schwellung, 
des peripheren Odems nnd der Schmerzbaftig- 
keit nicht leicht möglich; vom Karzinom, 
daa übrigens an und für eich auch F. ver- 
anlassen kann, unterscheidet sie sich nuneist 
schon durch die gleichmäSige glatte Oberfläche 
und von dem submnkösen AbszeB durch 
den langsameren Verlauf; and auch in weniger 
Basgesprochenen Fällen wird stets der klinische 
Verlauf AnfschlnB geben. 

GroBe Schwierigkeiten bereitet zuweilen die 
Feststellung des fttiolc^ischen Momentes der 
F. , und in den meisten Fällen wird man die 
sekundäre Natar der F. ans den Nebenom- 
ständen, den im Kehlkopfe sonst noch vor- 
handenen Veränderungen — die bei der sekun- 
dären F. durch die bedeutende Schwellung 
allerdings häufig verdeckt werden — sowie 
auch namentlich ans dem Befände der Lungen, 
des Kehlkopfes und des Rachens etz. mit Sicher- 
heit erschließen können. 

Die BebandJnng hat vor allem das Grund- 
leiden der F., die ja zumeist eine sekundäre 
ist, zn beritcksichtigen, insbesondere wird bei 
Syphilis eine enei^iscbe allgemeine Behandlung 
eingeleitet werden. 

Gegen die P. selbst kommt symptomatisch 
vorerst mögticbsle Rnbigstellnng desKehlkopfes 
in Betracht Gegen Schmerzen wird Kalte an- 
gewendet, Eisumachläge, Eiepillen inneriidi, 
kalte Getränke und dickflOssige Nahrung. Kui 
reibnngen mit Ung. hjdraig. anBen können 
versucht werden. Inhalationen and Pinselnngen 
mit (10—20%) Kokain werden vor den Mahl- 
zeiten vorgenommen; bä Substanzverlosten 
Einblasungen von Ortboform. Vorhandener Hu- 
stenreiz wird durch Opiate gestillt. 

Droht SafFokation, so wird skarifiziert. Ab- 
ezesae werden inzidiert nnd mit der Tracheo- 
tomie soll nicht za lange gezögert werden. 
Bei P. externa wird von aofien inzidiert und 
der nekrotische Knorpel entfernt 

Bleiben Stenosen znrOck, so werden die fQr 
diese geeigneten MaBregeln ergriffen nnd die 
entsprechende, oft sehr langwierige Behandlung 
derselben eingeleitet. Rimi. 

P«rlkltrditla,EntzandangdeBHerz- 
beutels, kommt vor als sekundäre ASektion 
bei zahlreichen Infektionskrankheiten, beson- 
ders bei Gelenkrheumatismus, in selteneren 
Fällen primär, d. h. als hauptsächliche Loka- 
lieation einer Infektion mit unbekannter Ein- 
trittspforte. Durch t'beigreifen des Erkran- 
kangsprozesses von der benachbarten Fleun 
her, von Mediastinum nnd Zwerchfell erklären 
sich manche tnberkalöse, pneumonische nnd 
eitrige Feriknrditiden. Als toxische wird die 



357 



PERIKARDITIS. 



866 



nidit selteD bei Nephritis auftretende Perikar- 
ditis gcdeatet. 

Die Entzdniliiiig des HenbentelB geht in 
der Regel mit tnehrweniger deutlicher Affektion 
de« UyoksrdB einher, nicht selten ist auch das 
Endokard ergriffen, so dafi es sich tataftrhiich 
oft Dm eine Karditis handelt, der nnr das in 
den Vordei^mudtreten der Erschein nngen von 
•eiten des Henbentels den Namen P. gibt. — 
Die F. ist oft mit PlenritiB kombiniert, be- 
Mnden wenn OetenkrhenmatiamDe, Nephritis 
oder Tnberknlose ihre Ursache sind. 

Die P. wird nach der Art ihres Eintritts ond 
Terianfs in aknte nnd chronische, nach 
der Natnr des entiflndlichen Eiisndatea in 
t rocken e nnd exsn da tire, letztere wieder in 
lerofibrinCse — dies die bAofigste Form — , in 
himorrhagische, eitrige und jaocbige P. geteilt. 

Sytaptomatologie. Die exsudative F. 
iHginnt plötzlich oder schleichend, ist meist 
fieberhaft nnd gewöhnlich von schmerzhaften 
Empfindongen in der Herzgegend, die zoweilen 
ödematös . etwas vorgewölbt ist , hegleitet. 
Höhere Grade der Erkrankang gehen mit 
Dyspnoe nnd Zyanose, wie allen anderen Er- 
scheinan gen schwerer Herzkrankheit einher. Die 
beiden wichtigsten objektiven Symptome sind 
VergröBernng and Ver&ndernng der 
Herzdftmpfnngsfignr nnd perikardiale 
Reibegerftusche. Die OröBe der Herzdamp- 
fnng k«nn bei übervriegend trockener Ent- 
zOndiing normal sein. Eisadate sammeln sich 
Tomehmlich zn beiden Seiten des Herzens an 
— femer hinter dem Herzen, in sehr geringem 
HaSe dagegen vor dem Herzen; deshalb kann 
anch sehr wohl ein ReibegerAnsch anf dt 
Herren besteben bleiben trotz Ansamminng 
wlbst eines groBen Exsudates — dadorch 
wichst die absolnte Herzd&mpfnng, deren 
Intensität besonders an^sprochen ist , nach 
beiden Seiten. Die HeradBmpfnngafignr 
onten besonders breit, sie verschmälert eich 
nach oben nnd gewinnt die Form eines Drei- 
eckes mit nach oben gerichteter abgestumpfter 
Spitze. Anfßlllig ist oft der Gegensatz zwischen 
der groBen nnd intensiven Dikmpfang and 
dem geringen oder fehlenden SpitienstoB; es 
kann aber auch, weil, wie bereits erwBhnt, 
vor dem Herzen sich wenig oder kein Exsadat 
ansammelt, der SpitzenstoB deutlich sein, doch 
Teicbt dann die DB.mpfnng nach links Ober den 
SpitzenstoB hin ans. Die Verbreiterung der 
Dämpfung nach rechts führt znr AnsfOlInng 
und Abrondnng des Herzleberwinkels. Die 
benachbartem Lnngenpartien bei groBem peri- 
karditischen Enndat geben infolge von Kom- 
prenion tympanitischen Ferknssionsscball. 

Die Herztöne, die gewöhnlich schwach sind, 
weiden hftnfig infolge der Aneinanderlagemng 
der beiden entztlndeten Herzheutelblatter 
Reibeger&UBchen hegleitet Prädilektions- 



stelle derselben ist die Gegend der groBen 
OeHlBe. Bisweilen werden die perikardialen Oe- 
rftntche als reibend gefühlt — im Gegensatz 
zu dem schwirrenden Charakter der fithlharen 
en dokardialen OerSnscbe, — hanfiger ist ihr 
perikardialer Charakter ans den folgenden 
ansknltatorischen Eigenschaften zn diagnosti- 
zieren: Sie werden ab ranh — achabend, 
anstreifend, kratzend — nnd dem Obre nahe 
gehört (endokardiale Geränsche sind blasend, 
hanchend, meist weicher, dem Ohre femer); 
ihr Bbyihmas ist in bezng anf die Phase der 
Herzaktion kein so bestimmter, wie der endo- 
kardialer Oerftnsche, vielmehr an verschiedenen 
Stellen des Herzens verschieden, an derselben 
Stelle innerhalb korzer Zeit wechselnd, nn- 
regelmSBig in die Heraaktion sich einschiebend, 
oft dreiteilig (Lokomotiv- Rhythmus, 
namentlich anf dem Stemuni oft hörbar). 
Perikardiale Uer&usche werden femer beim 
Wechsel der KSrperlage leicht verändert — 
sie werden in der Röckenlage abgeschwächt, 
im Sitzen oder bei linker Seitenlage verstärkt, 
eventuell anch in ihrem Rhythmus veilndert 
— sie werden durch kräftige Inspiration ver- 
stärkt, ebenso durch Druck mit dem Stethoekop 
in ihrer Lantheit gesteigert. — Beibegerftnscba 
finden sich bei trockener F. nnd bei geringem 
Exsudat, können aber auch bei gröfieren Herz- 
bentelergüsBon noch bestehen bleiben. 

Der Verianf derP. kann symptomlos sein; 
iu anderen schweren Fällen führt er zu den 
ernstesten Kreislanfsstömngen und zum Tode. 
Akute P, ohne Exsudat oder mit geringem 
Erguß kann sich in kurzer Zeit zurUckhilden. 
Andere F^lle nehmen einen chronischen Ver- 
lauf, ähnlich dem chronischer Endo- und 
Myokarditis; der Ausgang ist dann stets un- 
gewiB, häufiger ist er ein ungünstiger. Der 
chronische Terlan^ nicht selten wohl auch die 
akut abgelaufene P. , führt znr Bildung von 
perikardialen Verwachsungen . Die reine Obli- 
teration der Herzbentelblätter scheint die 
Tätigkeit desHenens nicht zu beeinträchtigen 
und bleibt gewöhnlich symptomlos. Bei über- 
greifen der Entzündung anf das Mediastinum 
nnd die retrosternale Partie des Brustranmes 
jedoch , bzw. bei gleichzeitigem Bestehen von 
Entzttndung an diesen Stellen (Mediastino- 
Perikarditis) treten durch Adhäsion des 
Herzens an die Brnstwand ernstere Kreistanf- 
störungen ein. Symptome solcher perikardialer 
Verwachsungen (Konkretio perikardii) sind 
das i nspiratorische Kleinerwerden des Pulses 
(Puls, paradoxns), sowie mehr weniger ausge- 
dehnte systolische Einziehungen der Herzge- 
gend, insonderheit der Herzspitze. 

Die Prognoae ist stets zweifelhaft, oft 
ungünstig; bestimmend fSr dieselbe ist die 
Ausdehnung des Prozesses, in erster .Linie i 

aber das Verbalten des Herzmuskels. ViOOQIC 
12» 



PERIKARDITIS. — PERIMETRITIS UND PELVEOPERITONITIS. 



Die Behandlung besteht in absolater 
Buhe, kahlen Umechlikgen oder Eisblase aaf 
das Herz, sowie der ÄllgemeiDbehandlimg, die 
durch die infektiöse Grnndkrankheit ond das 
Herzleiden an sich bedingt sind. Sammelt sich 
ein Exsudat an, so ist die Anregung der 
Dinrese darcli Dinretika zn Tersnchen, beim 
Wachsen des Ergusses die Entleerong desselben 
durch Punktion in Frage zn ziehen. Die 
Punktion, der stets die Probepanktion voran- 
iQgehen bat, kann an verschiedener Stelle 
stattfinden ; am geeignetsten erscheint der Ein- 
stich an der linken Seite der HerzdSmpfnng, 
im 5. Interkostal ranm dicht anfierbalb der 
Hammillarlinie (Cubscbhann); der dfinne Troi- 
kart wird etwas schrSg nach einwftrts ge- 
führt. Bei eitrigem ErgnB ist die Operation 
durch Schnitt erforderlich. Bei Dm&ngreicben 
Terwachsongen ist in den letzten Jahren mehr- 
fach mit groBem Erfolge die Resektion der ent- 
eprecbenden Teile der Bruatwand »orgenommen 
worden (Bbapuhs Kardiolysis). Die Hera- 
schwache wird dnrcb Digitalis, Kampfer etz. 
wie bei anderen Herzkrankheiten (s. d.) be- 
lUmpft. K. 

PertmetrltU und Pelveoperi- 

tonitil. Wir unterHcheiden die akate P. 
and P. von den chronischen Formen. Die 
letzteren können allerdings aas den akaten 
hervorgehen , sich aber aach schleichend 
entwickeln, insoweit es sich nm die örtlich 
beschränkten Formen der chronischen Pelveo- 
peritonitis handelt. Die aknten Entzttndnngs- 
formen des Beckenbanch felis beroben anf In- 
fektion meist septischer oder gonorrhoischer Art. 
Daneben kommen das Bakt koli und Sapro- 
pbyten in Frage. Wahrscheinlich können anch 
chemisch-tosisch , wie infolge Platzeni 
Ovariaizyste, adhäsive Bauch feilentzOndongen 
zustande kommen. Die durch Oonokokken 
hervOTgemfene Baachfellentzändong ist in der 
Regel eine lokalisierte; allgemeine Baachfell- 
entztkndnngen dtlrften kanm durch den Tripper- 
erreger bevrirkt werden. Mögen aach stürmi- 
sche Krankheitserscbeinangen im Beginne eine 
allgemeine Baachfellentztindnng vortänschen, 
der gutartige weitere Verlauf, da^ prompte 
Abklingen der Symptome in der 2. Woche 
erlanben allemal den Räckschlnfi anf eine 
amschriebenePeIvBoperitonitisgonorrhoilia. An- 
dere ist es mit den Erregem der Wnndsepeis, 
die beim Puerperalfieber, nach kriminellen 
Aborten und nach Operationen ganz rapide 
eine allgemeine Bandifellentzündang, im Fuec- 
perinm meist anf dem Wege einer septischen 
Perimetritis bewirken können. Fieber kann 
bei der septischen Peritonitis hoch eein oder 
anch fehlen, dagegen ist der Pols atcta sehr be- 
schlennigt and wird fortschreitend kleiner. Der 
Leib ist anfgetrieben and druckempfindlich. 



Blähungen gehen nicht ab. Würgen, Aufstoßen 
und Erbrechen, Leibschmeraen, nnertrSglicbej 
DurstgeCtthl qn&len die Kranke, welche oft 
schon in wenigen Tagen unter zuuehraender 
Herzschwäche und Atemnot, nicht selten bei 
freiem BewuBtsein stirbt. In der Bauchhöhle 
findet sich ein träber, schmieriger Ergufi, 
die Därme sind maximal gebläht, stark 
injiziert, ihre Serosa trObe, fibrinös oder eitrig 
belegt. 

Viel häufiger sind die lokalisierten Beckea- 
bauchfeilentztkndnngen entsprechend der Häu- 
figkeit der gonorrhoischen Adnexerkrankongen. 
der Tnbe anssickernde Eiter ruft eine 
örtliche reaktive Entzündung mit sekundärer 
Verwachsung der anliegenden Organe hervor. 
Entsprechend sitzt hier der peritonitische Ent- 
zündungsherd mehr seitlich im kleinen Becken 
peritnbo-ovariell, oft findet sich der Eiterherd 
zwischen den Adnexen und den adhärentee 
Darmschlingenoder dem adbftrenten Peritoneum 
parietale als sogenannter abgekapselter, freier 
Abazefi. Die aaf septischer Infektion benilien- 
den Eiterherde im kleinen Becken sitzen gerne 
in der DotioLAsscben Tasche, wölben dieee 
gegen die Scheidenlichtong vor, verdrängen 
den Uterus in tot« nach vom. Die Exkavatio 
vesiko-uterioa ist seltener Sitz des Eiterherdes : 
solches sah ich bei ursächlicher EntzOndong 
des Wurmfortsatzes. Der fühlbare Tnmor geht 
in solchen Fällen breit an den Uteraskörper 
heran and kann ein Myom vortänschen. 

Immer hat die Nstnr das Bestreben, dorch 
Verklebung der Darmschlingen mit dem Ent- 
zündungsherd diesen zn überdachen, nm so 
die übrige Banchhöhle gegen die entzikndliche 
Invasion zn schützen. Der Arzt muB, eolasge 
die Entzflndnng akat oder sabakut ist, immer 
daran denken, dsQ er durch eine brüske kom- 
binierte Untersachung dieses Schutzdach spren- 
gen and damit einer allgemeinen Peritonitis 
Votschnb leisten kann, Dnrcb die Verklebnng 
der Därme im Bereiche des EntzOndangsherdes 
rd die GröBe des peritonitischen Exsudates 
oder Abszesses stets überschätzt. Es kann der 
freie entzQndliche ErgnB allmählich aofgeeaogt 
werden nnd ein druckempfindlicher randlicher 
Tumor seitlich and hinter dem Uterus zurück- 
bleiben , der leicht einen Ovarialtomor vor- 
tänschen kann. Man ist überrascht, bei der 
Ijaparotomic keine eigentliche OeschvrolBt zo 
finden, sondern der Tamor schrumpft mit der 
Lösung des adbärenten Darmschlingenkonvoints 
fortschreitend zusammen, so daS von ihm ent- 
weder nichts oder höchstens als entfernbarer 
zentraler Entzündungsherd die entzündlich er- 
krankten and verdickten Adnexe (Pyosalpini) 
inmitten derber Schwielen Übrig bleiben. 

Das entzündliche Exsudat kann sekundär 
vom Darm aus mit Fänlniakeimen bzw. mit 
Bakt. koli infiziert werden und verjaDchan. 



3G1 



PERlUETRITrS UND PELVEOPERITONITIS. 



Erfolg Darchbrach eines Kotabszesses in die 
freie Baachhöhle, «o ist die sofortige Lapuo- 
tomie mit ansgiebigster Drainage nnd offener 
Wandbebandlnng angezeigt. Jeder intraabdo- 
ninale, dorcii natArliches Heilnngebestreben mb- 
geluipeelte Abszefi liann bei körperlichen An- 
Btrengnngen, Traumen, onTorBichtigem Drücken 
bei der Cnteranclinng in die freie Baachböhle 
dorcbbrecben und die prognOBtiscti so rnigOn- 
itige eitrige Perforationsperitunitia zur Folge 

Spontan können pelveoperitonitiBcbe Eitei- 
berde in die Harnblase oder in den Mastdarm 
dorchbrecben, es kann damit Heilnng eintreten; 
seltener ist der Darchbrach in die Scheide 
oder durch das Foran. ischiadihnm msj. unter 
die OlntBtJmnBkiüatDr. Das letztere sowie bei 
großen Abszessen den Dnrcbbrnch am Nabel 
sah ich nur bei septischen puerperalen Pto- 

Wird ein Exsudat im Eav. Donglasii aU- 
mühllch aa^csangt, so bleibt gewöhnlich eine 
Mchenbafi« Verlötung der DoiraLiBschen Ta- 
sche und damit eine iUlcbenbafte Verklebung 
der hinteren (leb&rmatteraand mit dem Mast- 
darm zurGck. Es ist das ein natttrlicher Hei- 
langsvoi^ang, der zwar noch jahrelang Be- 
schwerden snslösen kann, aber nnler resor- 
bierenden Raren za einem gewissen ßobezDstand 
kommen kann , in welchem die Beschwerden 
nach nnd nach abklingen nnd dann keinerlei 
operatives Einschreiten zu erfordern brancheo. 
PelveoperitonitiB septika kann antizipierte 
Klimax bewirken durch ZerstSmng des Ora- 
rialparenchyms. 

Die Prophylaxe hat bei der Beckenbanch- 
fellentzfindmig grofie Bedeutung: Verhüttung 
der septischen Infektion, strenge Indikations- 
stellung bei jeglichem intrauterinen Eingriff, 
richtige Behandlung der gonorrhoischen In- 
fektion, die Schonung des Bauchfells bei La- 
parotomien kommen hierbei in Betracht. 

Jede aknte Peritonitis bzw. Pelveoperitonitis 
i>l als eine ernste Erkrankung anzoaehen, die 
abeolat rabigee Verhalten im Bett erfordert. 
Eine Eisblase wird anf den Leib gelegt, falls 
ria nicht vertr^en wird , müssen kalte Dm- 
schl&ge gemacht werden. Buhigsteilung des 
Darmes durch Opiom ist im allgemeinen 
iweckm&Sig. Bestehen toxische Diarrhöen, so 
bekämpfe man sie nicht, da sie zar Entgif- 
tnng dee infizierten Organismus beitra^'en. 
Subkutane 0-9%ige KochsalzinfuBion von 37°C 
in groSen Dosen regt die Diärese an , wirkt 
durststillend. Die Heilang der akuten Perito- 
nitis erfo^ durch Abkapselung mittelst Darm- 
Khlingen gegen die gesunden Baach buhlen ab- 
schnitte. Dieser Ahschlofl muä sich bereits 
nnigermaBen konsolidiert haben , ehe man 
daran denken darf, örtlich za behandeln. Man 
nnterlasse im akaten Stadinm auch jede Sciiei- 



denspQlung. Auch mit Bädern mnfi man voi^ 
sichtig sein , namentlich können Sitzbader 
wegen der znsam menge kauerten Körperstel- 
lung schaden. Erst wenn das akute Stadium 
abgelanfen ist, sind PrieSnitznmscblUge und 
Vollbilder mit Znsatz von Sole oder Staßfurtec 
Sali erlaubt Großer Nachdruck ist auf zweck- 
entsprechende Ernährung der Kranken zu 
legen. 

Stets wird man ancb die Ätiologie zu be- 
rücksichtigen haben. Septische Falle sind be- 
sonders ernst zu nehmen. Ea mtlasen Monat« 
vergangen and jedes Beizsymptom verschwun- 
den sein , wenn man hier behnfs Resorption 
des Exsudates physikalisch örtlich bebandeln 
will. 

Ist es zur AbszeSbildung gekommen and 
der Eiterherd von der Scheide ans zng&nglich, 
so entleere man ihn and drainiere auf vagi- 
nalem Wege. Außer dem Tastgefühl (Flaktua- 
tion) ist die stark remittierende Temperatur- 
kurve für die Feststellung, ob Eiter vortianden 
ist, wichtig. Vermehrte Lenkozytose ist kein 
absolnt sicherer Anhaltspunkt, neben den ge- 
nannten Symptomen aber ein die Diagnose auf 
Eiterung unterstützendes Moment. 

Leider kann man nicht immer dem Eit«r 
auf vaginalem W^e beikommen, auch 
kann dabei anter Umstanden der adhUrente 
Darm l&diert werden und eine Darmfistel re- 
sultieren. Man kann deshalb gezwungen sein, 
die geAhrlicbere Laparotomie zur Klarlegung 
ded Eiterherdes wftblen za müssen. Der Ope- 
rateur inaG die Umgebung Borgf%ltig abdecken, 
am den Darm und die freie Bauchhöhle zu 
schützen , bevor er den Eiterherd bloßlegt. 
Natürlich wird in solchen Fallen, wo der be- 
gründete Verdacht oder der Beweis vorliegt, 
daß der Eiter noch Infektionskeime enthalt, 
der intJzierte Raum von der übrigen Bauch- 
höhle nach der Entleerang des Eiters ansge- 
schaltet und durch den unteren Baachwand- 
winkel drainiert werden müssen. Zu dieser 
Aasschaltnng des infizierten Herdes laßt sich 
das Mesenterium des S romanum gut ver- 

Darmfisteln, welche mit intraperitonealen 
Abszessen in Verbindung stehen, bekunden sich ■ 
oft erat nach der Entleerung des Eitorherdes 
von der Scheide aus dnrch Kotaustritt in die 
Scheide. Hohe lauwarme WassereinUafe in den 
Darm begünstigen die Spontanheilung solcher 
Fisteln. Allenfalls kann man die Scheiden- 
hstelränder noch mit dem elektrischen Bren- 
ner kauterisieren. GröSere Scheidendarmfisteln 
werden unter Umständen die Xiaparotomie, 
Lösung des adhttrenten Darmes, dessen An- 
friechung und Naht, eventuell Resektion erfor- 
dern. Jedoch HoU man hier vorher vorübergehend 
einen Anus praeternaturalis anlegen. Selbst in . 

harten, scheinbar unempfindlichen Exjudaten ^JIC 



363 



PERIMETRITIS UND PELVEOPERITONITIS. - PERIOSTITIS. 



3U 



kann im Innern noch ein kleiner Eiterherd 
Torltandea sein, ohne klinische Symptome zu 
machen; massiert man ein solches Exsudat, 
so kann sofort eine emente Exazerbstion peri- 
tonitischer Eracheinongen auftreten. Deshalb 
soll man Eesiduen einer Pelveoperitonitis erst 
nach Jahren mannell behandeln, wo Adhäsionen, 
Psendomeuibranen, indolente Schwarteiibildnn- 
gsD die Genitalorgane umgeben nnd merkliche 
Beschwerden aaslösea. Jeder Eiterherd maß mit 
Sicherheit aosgeschlossen werden können. 

Solchealten peritonitischen Adhäsionen werden 
dnrch protrahierte beiße Scheidenspül od gen nnd 
warme Mastdarmspülnngen blntre icher nnd 
brüchiger; das kommt den manaellen Lösongs- 
Tersnchen zngate. Jedoch möchte ich die ma- 
nnelle Behandlung derartiger peritonitischer 
Überbleibsel für den Oyiiäkologen vom Fach 
reserviert wissen. Man muB bei der manuellen 
Behandlang breite fl&chenhafte Darmverwach- 
snngen aosschlieSen können, die adh&rente 
Darmwand ist in solchen Fftllen anch infiltriert 
nnd morsch, ao dafi forcierte IiÖsongsversnche 
den Darm in lebensbedrohlicher Weise ver- 
letzen könnten. 

Die Aufsaugung alter perimetritigcber Exsu- 
date wird durch Badekuren (Moor- und Sol- 
bäder) wesentlich gefördert Es kommen in 
Betracht: Franzensbad , Eistet , Harienbad, 
Kreuznach, Mtlnstar a. St., Nauheim, TSIz, Hall, 
SalzBchlirf, Kolberg, Harzhurg, Mühlhaasen, 
Pyrmont, Kosen u.a, B&der bis zn einer halben 
Stunde, ja sogar bis zu einer Stunde sind zi 
gehranchien, wenn sie vertragen werden. Je' 
doch ist es Sache des beaafsichtigenden Bad e - 
antes. zu individualisieren nnd anfmerksam 
die Wirkung solch protrahierter Bader 
prüfen. 

Eine elektrische Behandlung kommt bei der 
Pelveoperitonitis kanm in Frage. Dagegen ist 
groSer Nachdruck auf die Ejn&hmng solcht 
chronisch Kranken zn legen. Besonders nützlich 
kann sich bei den durc